Im Oberlichtsaal der Königlichen Akademie der bildenden Künste in
München waren an den Wänden die Arbeiten der jungen Maler aufgehängt,
die sich der Aufnahmeprüfung unterzogen hatten. Kein Mensch war im Saal;
nur die Prüfungsarbeit, ein flachgequetschter Negerkopf mit grellem
Augenweiß, grinste in ein paar hundert Exemplaren in die Leere.
Der alte Pedell mit grauem Petrusbart öffnete die Flügeltüren und ließ
die Prüfungskandidaten eintreten, eine Schar Jünglinge, meist in kurzen
Sammethosen und mit langen Haaren. Sie sollten selbst sehen, ob sie
aufgenommen waren. Ein Kreis auf der Arbeit bedeutete -- Prüfung
bestanden, ein Kreuz -- durchgefallen.
Ein junger Maler mit scharfem Kardinalgesicht lief allen voran bis in
die Saalmitte. Sein Blick irrte suchend herum, wobei sein Körper hin und
her zuckte, wie wenn er einen scharfen Kampf mit einem gefährlichen
Gegner zu bestehen hätte. Plötzlich stürzte er zu seinem Negerkopf.
Die andern quollen, zusammengedrängt, ängstlich durch die Tür und
strahlten auseinander. Keiner konnte seine Arbeit gleich finden, weil
auf den ersten Anblick hin die still grinsenden Negerköpfe voneinander
nicht zu unterscheiden waren.
Verklärte Gesichter. Freudige Ausrufe. Augen, die fassungslos, empört
oder traurig auf die Kreuze blickten.
Oldshatterhand, der am Türpfosten stehen geblieben war, ging jetzt, mit
gleichgültigem Gesicht, an den Arbeiten entlang, sagte zu jemand: »Diese
Arbeit ist sehr gut, sehr gut«, blickte sich gelangweilt um, ob ihn
niemand beobachte. Plötzlich schnellte er vorwärts und stand verzaubert
vor seinem Negerkopf, lachte einem Engländer mit eckigem Schädel ins
Gesicht und deutete auf den Kreis, der seinen Neger zierte.
Oldshatterhand war in die Königliche Akademie der bildenden Künste
aufgenommen worden.
Glücklich eilte er nach Hause, stieß seine Kammertür auf und prallte
zurück, denn er hatte vergessen, wie kompliziert der Eintritt in die
Kammer war. Die durch die Möbel verstellte Kammertür war nur zu einem
schmalen Spalt zu öffnen. Vorsichtig versuchte er es noch einmal,
zwängte sich durch, wobei er aufs Bett steigen mußte, schlängelte sich,
wieder vom Bett heruntersteigend, um die Türkante herum und konnte die
Tür jetzt schließen, sich aufs Bett setzen und saß damit zugleich auch
vor dem Tisch. Darauf lag ein Brief von der Mutter. Die Mutter schrieb
-- Lenchen Leisegang habe ein Verhältnis angefangen mit einem
Artillerie-Sergeanten. »So?« sagte Oldshatterhand, »so?« und sein
Gaumen wurde trocken. »Artillerie-Sergeant? . . . Für einen
Artillerie-Sergeanten ist sie doch viel zu zierlich!« Seine Augen lasen
weiter. Der berühmte Maler Franz Lenbach sei ja jetzt gestorben, schrieb
die Mutter. Sie glaube fest, daß er, Oldshatterhand, an des Verstorbenen
Stelle treten werde. Der Herr Lenbach sei auch nur als Maurerlehrling zu
Fuß in München eingewandert und sei doch der größte Maler geworden.
Im Hofe heulte der Herbstwind, knallte einen Fensterflügel auf und warf
ein Mädchenlachen in Oldshatterhands Kammer, welcher mit Kraft und Trotz
Lenchen Leisegang hinter sich schob und der glänzenden Zukunft nachsann,
die seine Mutter ihm prophezeit hatte. Dazu verzehrte er ein Stückchen
Limburger Käse.
Der Wind heulte in die Höhe, zerriß das Mädchenlachen und die
Phonographentöne, die sich jedoch hartnäckig gegen den Wind behaupteten,
der jäh abbrach, aus dem Hofloch entfloh und, sich selber nachjagend,
pfeifend in der Ferne verklang.
Oldshatterhand stieg aufs Bett, klinkte die Tür auf, zwängte sich durch
und hinaus. Und ging in die Schackgalerie.
Die Bilder von Schwind, Feuerbach, Böcklin gefielen ihm zwar sehr gut,
aber er hatte doch noch ganz anderes erwartet. Vor der Venus von
Giorgione, einer Kopie von Lenbach, blieb er lange stehen und freute
sich, daß er hier als Erwachsener sein und eine nackte Frau ansehen
durfte, ohne daß dies ihm jemand verwehren konnte. Er sah nur die
schöne, nackte Frau, den Busen, den runden Leib. Und mußte den Blick
senken, weil er an Stelle der Venus unversehens die Rötlichblonde sah,
die in der Fischergasse nackt vor ihm auf der Ottomane gelegen war.
Traumhaft wechselte diese Erscheinung mit dem Mädchen aus dem Spessart.
Und unter flutendem Wohlgefühl am ganzen Körper flossen ihm die drei
Frauen in eine zusammen.
Geflüster war um ihn her. Ein Maler mit doppelsohligen Schuhen machte
manchmal ein paar Schritte. Das knallte wie in einem Kellergewölbe.
»Lenbätsch«, sagte im Vorbeigehen ein Engländer zu seiner Begleiterin.
Eine Malerin mit Sandalen ging sehr schnell von Bild zu Bild; ihre
Brüste schwankten im korsettlosen Kleid. Vor jedem Bild hob sie die Hand
zu den Augen, nickte oder schüttelte den Kopf und ging weiter.
Ihre heißen Augen mit Wimpern, die bis über die schwarzen,
zusammengewachsenen Brauen in die Höhe schlugen, bildeten einen
sinnlichen Kontrast zu ihrem sanften Madonnengesicht und dem sehr
kleinen Mund, rund und rot wie eine Kirsche.
Vor Oldshatterhand blieb sie stehen. Er blickte sie geistesabwesend an,
weil er den Zwiespalt noch nicht gelöst hatte, den sein Kunstgewissen
ihm verursachte: ob seine sinnlichen Gefühle vor der Venus von Giorgione
berechtigt seien oder gemein.
»Ja, das ist schön«, sagte die Malerin und sah ihm tief in die Augen. Er
nickte eifrig. Ohne Übergang begann sie zu erzählen: von ihrem freien
Leben, von Christus und Nietzsche, als den einzigen Menschen. Denen
fühle sie sich verwandt, sie müsse auch leiden für die Menschheit.
Sprach weiter von ihrer Familie und schloß damit, daß ihre Mutter ein
kleines, dummes, bürgerliches Mädchen sei und ihr Vater ein
charakterloser Schwächling. »Kommen Sie mit in mein Atelier. _Sie_
verstehen mich. Das fühle ich. In Ihnen habe ich einen Menschen
gefunden! Einen Menschen!« Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn
hinaus.
Das Atelier war groß. Kastanien lagen am Boden umher. Kastanienketten
hingen an den Wänden, die mit Rupfen bespannt waren. Eine mit Rupfen
überzogene Seifenkiste gab eine Kommode ab. Auch die Ottomane, das
einzige Möbelstück, war mit Rupfen überzogen. Oldshatterhand setzte sich
darauf. Ohne erkennbaren Grund lachte die Malerin, voll und tief aus der
Brust heraus.
Sie bog und wand sich vor Lachen, zog dabei ihr Rupfenkleid über den
Kopf und stand vor Oldshatterhand in einem semmelgelben, blaugeblumten
Überwurf aus dünner Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.
Oldshatterhand sah zu ihr hin, wußte nicht, warum sie lachte, und fragte
ratlos: »Tragen Sie kein Hemd?«
Unvermittelt wurde sie tiefernst, trat dicht vor den sitzenden
Oldshatterhand, schlug den Überwurf vorne auseinander und drückte
Oldshatterhands Kopf an ihren bloßen Leib.
Automatisch legte er die Arme um ihren nackten Rücken herum, atmete, und
sein Mund küßte. Plötzlich sah er die alte Brücke von Würzburg mit den
zwölf Heiligen, drückte den Mädchenleib weg von sich, starrte auf
Würzburg und glaubte den Geruch der Felsengasse zu riechen, empfand
Ekelgefühl und stand auf.
In rätselhafter, tiefer Traurigkeit blickte das Mädchen ihn an und hielt
den Überwurf vorne zusammen.
Oldshatterhand war zur Tür geflüchtet. »Ich muß nach Hause. Meine Wirtin
und ich wollen zusammen die Möbel umstellen in meiner Kammer, weil's ein
wenig eng da ist.«
Da ging eine sonderbare Veränderung mit dem Mädchen vor; es war, als ob
ein nackter Mensch vom heißen Sommer plötzlich in den Winter träte und
angespannt und aufgereckt den Temperaturwechsel ertrüge. Sie trat zur
Wand, hing sich eine Kastanienkette um den Hals und sagte, scharf
pausierend: »Ich! . . . Christus! . . . Hölderlin! . . . und Nietzsche
. . . Uns trifft die unsichtbare Faust der Welt . . . immerdar.«
Grauen erfüllte Oldshatterhand; erschüttert sah er das Mädchen an.
Da lachte sie wieder das gesund klingende Lachen, daß ihr kräftiger
Körper unter der Seide zuckte; und Oldshatterhand lächelte, lachte,
lachte laut, in großer Befreiung, wie damals auf der Spessarthöhe. Und
plötzlich erinnerte er sich einer Szene aus seiner Jugend -- sah sich
und andere Kinder im Kreise auf dem Schloßbergrasen sitzen und um die
Wette krachende Äpfel essen.
Während der folgenden Tage dachte Oldshatterhand immer wieder an das
Mädchen im Spessart, sah sie zum Waldsee gehen; aber sie hatte nicht das
Kleid aus Rohleinwand an, das Franziskus Grünwiesler mit blauen
Herbstzeitlosen hatte bemalen wollen, sondern einen blaugeblumten
Überwurf aus semmelgelber Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.
In der Nacht träumte er: das Spessartmädchen stand mitten auf dem
Waldsee; der Mond sank vom Himmel herunter und lag auf ihrem Scheitel.
Sie hielt den Überwurf vorne auseinander und sank langsam und senkrecht
ins Wasser, immer tiefer, bis nur noch der Überwurf auf dem See lag. Die
Mondscheibe schwebte wieder in die Höhe.
Am Morgen ging er sofort zur Malerin, klopfte vergebens an ihre Tür und
fragte beim Weggehen die Portiersfrau, die den Hausflur kehrte, nach dem
Mädchen. Die Frau sah auf: Die sei doch gestern ins Irrenhaus gebracht
worden. Und kehrte weiter. Oldshatterhand blieb stehen, sah ihr zu und
dachte angestrengt die Szene im Atelier zurück. »Daran bin ich nicht
schuld . . . Das kann doch nicht sein«, sagte er für sich. Und die Frau
meinte, die Schuhe könne Oldshatterhand schon abputzen, bevor er ein
Haus beträte.
Langsam ging er fort. »Ich muß die Möbel ja wirklich umstellen. Das Bett
wird sonst schmutzig . . . Ich hab sie nicht angelogen.« Er blieb
stehen. »Sonst wär ich doch nicht wiedergekommen.«
Als er nach Hause kam, stellte er mit Hilfe seiner Wirtin die Möbel um,
so daß er beim Eintritt in die Kammer nur unterm Tisch durchkriechen
mußte. Das Bett stand jetzt am Fenster, was wieder den Nachteil hatte,
daß Oldshatterhand nachts fror, denn der Winter war plötzlich gekommen,
und das Fenster schloß schlecht. Die Kammer mit Frühstück kostete
wöchentlich eine Mark fünfzig Pfennig.
Bald waren die Wände der Kammer mit Studienköpfen Oldshatterhands
tapeziert. Sonst stand nur das Bett und der Tisch darin, auf dem, neben
der alten, großen Pistole aus dem »Zimmer«, ein Totenschädel stand, der
ungeheuer zu lachen schien, weil ihm die vorderen Zähne fehlten. Auch
von allen Wänden herunter lachte der oft abgezeichnete Schädel, so daß,
wenn Oldshatterhand in hellen Nächten erwachte, die Kammer von lautlosem
Gelächter erfüllt war.
Kartoffelklöße, zwanzig Stück auf einmal, sandte die Frau Vierkant
regelmäßig ihrem Sohn. Die brauchte er nur in kochendes Wasser zu legen
und konnte sich noch einen Mitesser einladen, denn ein Kloß war so groß
wie ein Säuglingskopf. Die Schwester legte manchmal einen Taler bei.
Aber von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener und
von jenem Bildverkauf in Würzburg erspart hatte, waren ihm doch nur noch
vierzig Mark geblieben. Und seine Wangen waren in den fünf Münchener
Monaten schmal geworden. Er war jedoch überzeugt, daß er bei großer
Sparsamkeit fertig studieren könne mit dem Gelde, und hatte, aus Angst,
etwas hergeben zu müssen, auch seiner Mutter nichts davon gesagt.
Da eine junge Studentin, die zum Kloßessen gekommen war, sich beim
Unterm-Tisch-Durchkrabbeln eine Beule an die Stirn gestoßen hatte, und
er den Besuch dieser Dame noch öfter erwarten konnte, nahm er das zum
Anlaß, die zu teure Wohnung zu kündigen, um sich eine billigere und
vielleicht etwas komfortablere zu mieten.
Die zwei Goldstücke in seinem Zugbeutel wollte er nicht wechseln lassen.
Da ihm aber die Schwester wieder einen Taler in Aussicht gestellt hatte,
rief er die Wirtin und sagte: »Ich ziehe aus. Bezahlen kann ich Sie erst
am Montag. Aber ich lasse Ihnen alle meine Studien zum Pfand.« Er zeigte
im Kreise herum und blickte die Frau voller Staunen an, weil sie
wegwerfend sagte: »Entweder Sie bezahlen, oder Ihr Köfferchen bleibt
hier. Auf die Bilder pfeif ich. Die sind keine fünf Pfennig wert.«
Da blieb er wohnen, söhnte sich auch wieder aus mit der Wirtin, die ja
doch nichts verstand. Und auch die junge Studentin ließ sich durch den
komplizierten Eintritt in die Kammer nicht abschrecken, wiederzukommen.
* * * * *
Oldshatterhand stand wieder vor dem kleinen Künstlercafé und sah gierig
hinein. Alles darinnen schien ihm wunderschön zu sein. Die Polsterbänke
waren mit rotem Sammet überzogen, die Messinglüster funkelten.
Am Fenster saßen zwei alte Künstler leblos einander gegenüber und
starrten auf das Schachbrett. Neben den beiden stand der kleine
Zeichenlehrer, auf dem Kopfe die hohe Pelzmütze, die dem Kellner, der
mit der Kognakflasche steif gebeugt vor ihm stand, nur bis zur Uhrkette
reichte. Der Zeichenlehrer trank Kognak aus einem Wasserglas. Sein
Pelzmantel ließ nur die Schuhspitzen sehen. Oldshatterhand hörte das
hohle Lachen des Zeichenlehrers: »Ho! ho! ho!«, der das leere Wasserglas
aufs neue zum Kellner emporhielt.
Oldshatterhand staunte die jungen Künstler an, die kühn in das Café
eintraten, und erschrak, weil er einen Augenblick lang daran gedacht
hatte, es auch zu wagen, in das Café zu gehen, wo die berühmten Leute
sitzen. Er befürchtete, daß vielleicht der Besitzer auf ihn zutreten und
sagen würde: bitte, was wollen denn Sie hier; oder den Kellnern winken
würde, um ihn unauffällig wieder hinausführen zu lassen.
Traurig ging er langsam weiter. Große Schneeflocken fielen und wurden
sofort vom Straßenschmutz gefressen.
Vor dem Fenster des zweiten Raumes blieb er wieder stehen. Mitten aus
dem Gästegewühl heraus fühlte er die Augen eines Mannes mit scharfem
Gesicht auf sich gerichtet und empfand Erinnerungsqual, wie wenn ihm ein
Wort entfallen wäre. Da nickte ihm der Mann zu, und Oldshatterhand hatte
wieder das Gefühl, als berühre ihn ein Gespenst: er erkannte den
rätselhaften Fremden, der auf der Höhe von Würzburg zu ihm gesagt hatte
-- ich denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen muß,
noch bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere zur Frucht
reifen darf. Den Fremden, auf dessen unbegreiflichen Einfluß hin er
plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen gewollt hatte.
Willenlos, wie wenn sein Wille in dem Fremden, der im Café saß,
verkörpert wäre, trat Oldshatterhand ein. Und die Wirkung auf ihn war so
beängstigend und grausig, daß er in der Mitte, neben dem stellenweise
glühenden Ofen, stehen blieb. Als wäre, von einem verborgenen
elektrischen Kraftzentrum aus, ein Leitungsdraht an jeden einzelnen Gast
angeschlossen, zuckten die phantastisch gekleideten Menschen abgehackt
und heftig, fuhren von den Polsterbänken aus den halb liegenden
Stellungen empor, warfen die Arme in die Höhe, die Köpfe in den Nacken
und wieder vor, spreizten die Finger und stießen dazu, wie hundert
verschiedenartige Tiere durcheinanderschreiend, krächzende, zischende,
fremdsprachige Laute aus, die Oldshatterhand nicht verstand, fanden
dazwischen Zeit, blitzschnell die Zigarette in den Mund zu stecken, um
sofort wieder weiter zu schreien, die Arme seitwärts, zu Boden, zur
Decke zu stoßen. Andere neben ihnen saßen, die Köpfe aufgestützt, reglos
und blickten düster vor sich hin.
Der dürftig gekleidete Oldshatterhand trat auf den Fremden zu, der einer
blonden Dame zum Abschied die Hand küßte.
»Michael Vierkant«, stellte der Fremde vor. Oldshatterhand schlug die
Augen fragend auf zu der schönen Dame, weil sie auch ihm die Hand zum
Kusse reichte.
»Und Sie wissen ja selbst«, beendete die Dame das Gespräch, »daß es
gefährlich ist, sein Leben lang konsequent in einer Linie zu gehen. Denn
nebenher und kreuz und quer laufen Millionen Wege des Lebens, und an
manchen Überschneidungen lauern für den Immerkonsequenten der Irrsinn
und der Untergang. Aber leben Sie wohl, bis dahin«, schloß sie scherzend
und ging.
Oldshatterhand setzte sich und sah umher.
Am Nebentische schüttete ein Maler ein Tellerchen voll
Preiselbeerkompott in sein Glas Milch, rührte das Ganze um und hielt es
gegen das Licht. Es glich in der Farbe genau seiner mit unzähligen
violetten Äderchen besetzten, käsigen Gesichtshaut. Er goß die
Preiselbeermilch in den Magen.
»Was meinte die Dame mit den Millionen Wegen des Lebens?« fragte
Oldshatterhand den Fremden, der ihn gerührt ansah, wie man eine
Jugendphotographie von sich betrachtet.
»Die Dame meint, man müsse Kompromisse machen im Leben, sonst komme man
unter die Räder.«
Oldshatterhand errötete heftig und schnell und fühlte sich gedemütigt,
weil er nicht wußte, was das Wort Kompromiß bedeutet. Danach zu fragen,
brachte er nicht über sich.
»Ein Schuster hat im vornehmsten Viertel sein Geschäft«, erklärte der
Fremde; »die Herrschaften, die feinen Damen, die da wohnen, wollen nur
elegante, ganz leichte Schuhe. Aber der Schuster sagt ihnen immer
wieder: ich mache nur feste Stiefel mit Doppelsohlen, nur die halten
etwas aus, -- bleibt konsequent und macht lieber bankerott, als leichte
Schuhe.«
»Ah da!« rief Oldshatterhand und sprach mit den Händen mit. »Mechaniker
Tritt arbeitet ein Vierteljahr lang an einem seiner elektrischen
Türschlösser, auf die er stolz ist. Der Bezahlung nach müßte er so ein
Schloß aber in einer Woche fertig haben.«
»Und macht natürlich bankerott. Ja, daß man das nicht solle, meinte die
Dame.«
»Ja . . . aber der Herr Tritt heiratet ja dann immer wieder eine Frau
mit Geld.«
»Und macht seine elektrischen Türschlösser weiter!«
»Ja.«
»Das ist ein Lebenskünstler.«
»Der Herr Tritt ist aber gar kein . . . Lebenskünstler, sondern ein
hundsgemeiner Lump.«
»So ein ganz klein bißchen gemein ist jeder Lebenskünstler. Und wer
keiner ist, wird an sein Kreuz genagelt. . . . Es gibt unendlich viele,
verschiedenartige Kreuze, und an allen hängen Menschen daran.«
Da erbleichte Oldshatterhand bis in die Lippen; zurückweichend sah er
den Fremden an, denn er glaubte, sich selbst lachen zu hören. Der Fremde
hatte das irrsinnige Lachen Oldshatterhands gelacht. Und ganz nahe
hergebeugt, mit dem langen Zeigefinger deutend, flüsterte er jetzt:
»Aber es gibt ein Kreuz in grauer, teuflischer Einsamkeit. An diesem
furchtbaren Kreuz hängt _der_ krummgenagelte Mensch, der nicht mehr
rachsüchtig sein, sich nicht mehr wehren kann und will, weil er weiß,
daß alle, die ihm Böses antun, daß auch der brutalste Mörder nur ein
armer Mensch und ohne Schuld ist. Weil man ja auch ihn so lange
gepeinigt, gedemütigt, geschlagen hat, bis er ein bösartiges,
gefährliches Tier wurde . . . Der Mensch, der das weiß und danach
handelt, der hängt an dem schaurigsten Kreuz, auf dem schaurigsten,
einsamsten Gipfel. Denn ihn quälen alle, weil sie fühlen, daß er nicht
zurückschlägt.«
»Das ist Jesus Christus«, sagte Oldshatterhand ganz langsam.
»Höre einmal, du.« Der Fremde faßte Oldshatterhand an die Schulter;
seine Stirne wurde tiefrot und sprang vor. »Es gibt viele Christusse.«
». . . Nur einen hat's gegeben.«
»Nein, nein! Immer leben Christusse, aber man kennt sie nicht. Will sie
nicht kennen!« Die Stirne des Fremden wurde sichtbar weiß; er richtete
sich auf. »Ober, sehen Sie nach, ob der Brief jetzt gekommen ist.« Der
Kellner eckte von Tisch zu Tisch.
»Laaaa«, sang ein Gast laut und langgezogen und breitete dabei langsam
die Arme aus. »G-Dur, verstehen Sie«, schloß er brüllend.
Der zuckerkranke Wirt saß reglos an seinem Platz neben dem Büfett. Nur
manchmal gab er dem Ober mit dem Augenlid ein Zeichen. So saß er seit
dreißig Jahren. Sein Gesicht war aus Wachs, und die schwarze Haut unter
seinen Augen sank faltenbildend übereinander.
Gäste wechselten die Plätze und besuchten sich. Ein Trupp neuer Gäste
schob sich durchs Lokal.
Hälse reckten sich, alle nach einer Ecke hin, Adamsäpfel stachen hervor;
fächerartig schob sich eine Anzahl Gäste auf einen langen Italiener zu,
der eine Zeichnung hochhielt.
Auch der Wirt wandte langsam wie eine Jahresuhr den Kopf und sah wieder
vor sich hin.
»Ich kannte zwei Maler.« Der Fremde saß bequem zurückgelehnt. »Beide
waren ganz arm, sehr begabt und ungeheuer kunstbegeistert . . . Der eine
hat sich in Paris erschossen . . . Der andere malt jetzt Postkarten in
Berlin -- Schweinchen, die ein Auto lenken, und Feldhasen mit
Stulpenstiefeln, Säbel und Helm, die vor einem Postenhäuschen stehen und
das Gewehr präsentieren vor einem loyal dankenden Feldhasen in
Generalsuniform . . . Dieser Maler lebt zufrieden, es geht ihm gut, denn
er verdient mit seinen Postkarten genug Geld . . . Ganz selten wird ein
Mensch geboren, der sein Leben lang nie einen Kompromiß schließt.«
»Ich werde niemals Schweinchen malen, die ein Auto lenken.«
»Nein, Sie nicht«, sagte der Fremde im selben Tonfall, in dem er damals
auf der Höhe von Würzburg gesagt hatte: nein, Sie sind nicht schwach.
»Da erschieße ich mich lieber auch.« Oldshatterhand warf den Kopf in den
Nacken. »Das glauben Sie nicht? . . . Da kennen Sie mich nicht«, schloß
er geringschätzig.
»Doch, ich kenne . . . mich.«
». . . Und dann, überhaupt, ich räche mich.« Oldshatterhands
zusammengepreßte Lippen wurden ein Strich. »Der Lehrer Mager hat mich
einmal ins Gesicht geschlagen mit dem Rohrstock, immerzu, bis ich am
Boden lag. Weil ich meinen Schulfreund nicht auf dem Stuhl festgehalten
habe. Bis ich am Boden lag. Wenn er jetzt da wäre, der Lehrer . . . hier
an dem Tisch wenn er säße.«
». . . Vielleicht ist der Lehrer so, lebt so, geht so in dieser Stadt
herum, weil es die Atmosphäre der Stadt anders nicht zuläßt . . . Der
Katholizismus, die Klöster, Mönche und Priester, die engen Kurven der
Gassen mit den feuchten Schatten, die gotischen Kirchen, die hohen,
grauen Mauern, aus denen unvermittelt gotische Fratzenbildwerke
springen, all dies zusammen wirkt auf den Menschen von Jugend an . . .
So eine Stadt bringt Böse hervor, die schon als siebenjährige Kinder
Sünden beichten mußten, Verblödete, religiös Irrsinnige, Ehrgeizige,
bucklig Geborene, heimliche Mörder, Krüppel, Asketen, Kinderschänder
. . . auch Künstler. Und Menschen wie den Lehrer Mager . . . Daß der
Herr Mager von Ihnen verlangt, Sie sollen Ihren Freund zur Züchtigung
auf dem Stuhl festhalten, ist, wie Sie sagen, gemein.«
»>Gemein< habe ich nicht gesagt.«
»Nun gut, aber es ist so . . . Und doch haben vielleicht nur die Stadt,
die Mitmenschen, die Bestimmungen der Schulbehörde den Herrn Mager zu so
einem harten Lumpen gemacht, zu einer Strafmaschine. Er rächt sich
dafür, daß ihm das Leben die Seele verkrampft und verdunkelt hat, an
seinen Schülern . . . Er selbst ist ausgeliefert, hilflos und ganz
unschuldig.«
»Glauben Sie?« fragte Oldshatterhand tief betroffen.
»Halt!« brüllte da der Fremde entsetzt. »Nein nein nein! Rächen Sie
sich! Wehren Sie sich! Prügeln Sie! Mit dem Rohrstock ins Gesicht! Bis
er am Boden liegt!« Der Fremde beobachtete Oldshatterhand angstvoll und
scharf, und als er sah, daß dessen Mund wieder hart wurde, schloß er, er
lachte sogar, und es klang überzeugend: »Das braucht Sie gar nicht zu
kümmern, was ich da vom Leben und von der Stadt gesagt habe . . . Das
habe ich nur so gesagt. Ein Gespräch. Man muß sich natürlich wehren, den
Herrn Mager beim Rockknopf nehmen und sagen: Herr Mager, Sie sind ein
Lump! Ein Lump sind Sie!« Der Fremde sah Oldshatterhand fest an und
lange, und als Oldshatterhand endlich nickte, nickte der Fremde auch.
»Die furchtbare Tragik des modernen Menschen . . . ist das möblierte
Zimmer!« rief ein junger Herr, der allein Billard spielte, hartstimmig
einem anderen zu. Er trug eine Lodenpelerine, nur mit dem obersten Knopf
gehalten und über die Schultern zurückgeschlagen, so daß sie ihm lang
und schmal am Rücken hinunterhing, wie ein Prinzenmantel. Oldshatterhand
sah ihm schon eine Weile interessiert zu und fragte endlich, warum der
Herr seine Pelerine nicht abnehme beim Spiel.
»So spielt er schon vier Monate lang, täglich, den ganzen Winter. Er hat
ein Loch in der Hose.«
»Ein Loch? . . . Wissen Sie, ich werde dem Herrn Mager doch lieber
. . . nur aus dem Wege gehen, wenn ich ihn wieder einmal sehe auf der
alten Brücke.«
»Sooo?« fragte der Fremde und sah erbleichend und starr auf
Oldshatterhand, wie auf sein Schicksal.
»Ja, da steht er immer und sieht auf das beleuchtete Ziffernblatt.«
* * * * *
Im Café hatte Oldshatterhand mit einem neuartigen Genuß und
unterdrücktem Staunen den Gedanken des Fremden ganz leicht folgen
können; jetzt, da er durch das Schneewasser nach Hause watete, verstand
er nichts mehr von dem, was der Fremde gesagt hatte. So sehr er sich
anstrengte, ohne Partner konnte er nicht denken. Das kam ihm sonderbar
und unbegreiflich vor. Die ganze Atmosphäre des Cafés lastete
unerträglich schwer auf ihm, wie früher eine Hausaufgabe komplizierter
Rechnungen, von denen er von vornherein gewußt hatte, daß er sie nicht
lösen könne, und die er nach einer Angstnacht am andern Morgen ungelöst
dem Herrn Mager in der Schule vorlegen mußte, um dafür Hohn und Hiebe zu
bekommen. Aber trotz der unausbleiblichen Demütigungen, denen er seiner
Unbildung wegen sich ausgesetzt fühlte, wußte er, daß er das Café wieder
aufsuchen müsse, so gewiß wie die Nacht dem Tage folgt. Mit seinen
Nerven hatte er das Unbekannte gefühlt, das ihn, den Unwissenden,
trennte von den Menschen, die in diesem Café verkehrten. Als könne er
das Unbekannte mit einer körperlichen Kraftanstrengung überwältigen,
wollte er sofort zurückgehen und sich mit Brust und Fäusten dagegen
stemmen. Da nistete sich ihm unversehens der Zweifel an seiner Fähigkeit
ins Gehirn. -- Ich bin dumm. Ich bin nichts. Der Lehrer Mager hat mich
in der Schule monatelang gar nicht aufgerufen, hat zu der ganzen Klasse
gesagt: von mir komme doch nichts. Der Mechaniker Tritt hat mich
geprügelt. Der Vater hat mich täglich geprügelt. Der Schreiber hat über
mich gelacht. Der bleiche Kapitän hat zehnmal mehr Charakter als ich.
Immer waren alle kräftiger und geachteter als ich. Immer und überall war
ich hintendran. Wie habe ich nur denken können, daß aus so einem
schwächlichen, verachteten, verprügelten, durch und durch lächerlichen
Kerl ein Künstler werden könne.
Ein Schlucken zerrte in seiner Kehle. Aber seine Augen blieben trocken.
Vor einem Schaufenster, hinter dem Ölgemälde hingen, blieb er stehen,
sah gedankenlos auf das große Bild in der Mitte, das eine Kreuzabnahme
darstellte, wurde interessierter, beugte sich vor und packte plötzlich
den Herrn neben sich am Ärmel. »Das linke Bein ist viel zu lang. Sehen
Sie? Sehr verzeichnet.« Auf das betaute Fenster zeichnete er mit dem
Finger -- Schenkel, Knie und Wade. »So muß das sein! So!«
»Sie sind Maler. Sie müssen das wissen. Jetzt sehe ich den Fehler auch.«
»Nicht wahr!« Vorsichtig reckte Oldshatterhand sich auf, um zu
kontrollieren, ob er größer sei als der Herr.
Der Herr war kleiner.
Erleichtert schritt Oldshatterhand weiter, sah einer vornehmen Dame ins
Gesicht und zog tief den Hut. Seine Augen glänzten. Er kannte die Dame
gar nicht.
Sofort wollte er das Bild für die Preisaufgabe der Akademie beginnen.
»Märchen« war als Thema gegeben. Die mannshohe Leinwand stand schon in
der Kammer.
Er trat ein und prallte zurück: auf dem Bett saß ein Soldat, in
Luftschifferuniform, und sah auf die Frauenakte an den Wänden.
»Aber also und, also, das hast alles du gemalt?«
»Alles ich . . . Und du? du bist Soldat?«
»Ja also und, ich hab mich freiwillig zum Luftschifferbataillon
gemeldet«, sagte der König der Luft. »Hab aber immer noch keinen Ballon
zu sehen bekommen. Also was sagst du dazu? Und in diesen vier Wochen ham
sie mich überhaupt noch gar nit aus der Kasern herausgelassen . . . Also
weißt du, die vom zweiten Jahrgang sagen, mit hinauffliegen, das gibt's
überhaupt nit. Höchstens einen Strick dürfe man halten, von einem
lumpigen Fesselballon, so groß wie ein Waschkessel. Also so eine
Saubande. Wegen so einem Blödsinn hab ich mich nit freiwillig dazu
gemeldet . . . Aber also und, jetzt muß ich gleich gehen, zurück in die
Kasern. Sonst krieg ich Arrest.« Er kroch unterm Tisch durch. »Am
Sonntag über acht Tag hab ich Ausgang. Falkenauge, der bleiche Kapitän,
der Schreiber und alle anderen lassen dich grüßen. Und übernächsten
Sonntag kommen sie alle nach München, weil der bleiche Kapitän ein
Preisstemmen mitmacht in Nürnberg. Und also dann kommen sie auch nach
München und besuchen dich. Und also auch mich.« Der König der Luft
deutete auf einen Mädchenakt. »Lassen die sich so ohne Kleider anguck?«
»Ja.«
»Also da verreckst! . . . So ein Bild möcht ich auch hab.«
Oldshatterhand gab ihm die Zeichnung.
». . . Also ganz nackt. Ja aber also und, jetzt muß ich schleunigst
gehn. Also grüß Gott. Am Sonntag. Sie kommen alle zu dir her. Und also
ich komm auch daher.«
»Nun, und wenn der Mann vor dem Kunstladen größer gewesen wäre als ich?
Es ist doch ganz gleich, ob ein Mensch einen Meter und siebzig oder
einen Meter und sechzig groß ist. Auf diese Größe kommts doch gar nicht
an . . . Wie einem doch alles Schwere aus der Kindheit nachläuft!
Vielleicht das ganze Leben lang. Und man bekommts nicht los. Mancher
bekommts nie los.«
Auf dem Tisch lag ein Brief von Franziskus Grünwiesler. Grünwiesler
klagte, daß er in dem kleinen Pfaffennest, in Lohr am Main, hocken
müsse, bei seiner Tante, weil die ihm zwar Essen und Wohnung gebe, aber
kein Geld mehr. Obwohl er doch so dringend wie irgendeiner nach München
gehöre, um Akt zu zeichnen und die alten Meister in den Galerien zu
studieren. Gerade jetzt, da er eine große Komposition begonnen habe, die
er ohne Modell, das in dem Nest ohne Revolution nicht zu haben sei,
nicht beendigen könne. So komme er nicht vorwärts. Er sei ganz
verzweifelt. Die Tante befinde sich mit Haut und Haaren in den Klauen
der Pfaffen. Den ganzen Tag über hocke einer bei ihr, wenn sie nicht
ihrerseits bei den Pfaffen oder in der Kirche sei. Er träume von
Tonsuren und von Kutten, die durch der Tante Garten schlichen. Sie habe
ihr Vermögen dem Kloster vermacht. Er, Grünwiesler, solle nur
sechstausend Mark in Obligationen bekommen, nach dem Tode der Tante.
Aber dann nütze ihm das Geld auch nichts mehr.
Grünwiesler schien den Brief nicht gleich abgesandt zu haben, denn der
Brief hatte einen mit Bleistift geschriebenen Nachsatz. »-- Ich habe die
für mich bestimmten sechstausend Mark in Obligationen, die in der Truhe
der Tante lagen, an mich genommen. Lebe in schrecklicher Angst, denn ich
bin überzeugt, meine Tante zeigt mich an, wenn sie entdeckt was ich
getan habe. Ich bitte dich, bitte dich dringend, gib mir einen Rat. Was
soll ich tun? Sende mir deine Photographie, ich will das Gesicht eines
Freundes sehen. Dein lebenslänglicher Freund, Franziskus Grünwiesler.
Sende mir diesen Brief umgehend zurück.« Dieser Satz war auch mit
Bleistift geschrieben und dreimal unterstrichen.
Grünwiesler hatte mit Oldshatterhand sein Geld geteilt, hatte ihm
gezeigt, daß blau und gelb grün gibt, ihm mit unendlicher Geduld die
technischen Schwierigkeiten überwinden helfen und es Oldshatterhand
ermöglicht, aus den alten Verhältnissen herauszukommen, so daß er
vorwärts kommen konnte, wenn ihm die Ausdauer nicht fehlte.
Durch die Erlebnisse dieses Tages und durch Grünwieslers Brief sehr
erregt, schrieb Oldshatterhand einen langen, wirren Brief voller Hingabe
und Begeisterung und schloß: »Stelle dich vor deine Tante hin, mit dem
Revolver in der Hand. Gestehe ihr alles und sage: Wenn du mich anzeigst,
erschieße ich mich vor deinen Augen.«
Er trug den Brief sofort zur Post.
Mit dem Gefühl, sein Körper strebe, wachse, eilte er in seine Kammer
zurück und begann das Bild für die Preisaufgabe. Der Entwurf wurde eine
düstere, dunkle Gasse, mit unwirklicher Helligkeit darin.
Der Brief Grünwieslers lag noch auf dem Tisch. Oldshatterhand hatte
vergessen, ihn zurückzusenden.
* * * * *
Oldshatterhand stand auf dem Perron des Münchener Hauptbahnhofs und
blickte hinaus in die blaue Helle, wo wie ein schwarzer Wurm der
Nürnberger Zug gekrochen kam, in dem die Räuber saßen.
Die Freundin Oldshatterhands, in einem unter der Brust gefaßten weißen
Pikeekleid, lachte verwundert, weil die Erregung Oldshatterhands sich
auch ihr mitteilte. Sie hatte japanische Augen, einen kopfgroßen
Rosenstrauß vor der Brust und hieß Sofie Meinhalt.
Die schwitzende Lokomotive stand. Der Dampf zischte aus. »Tyrannei! Acht
. . . Stunden . . . Tag . . . Die Ruh, die Republik!« endete der Gesang
der Räuber.
»Hohaho!« rief der Schreiber aus dem Coupéfenster, und der bleiche
Kapitän streckte seinen silbernen Preisbecher heraus. »Den
siebenunddreißigsten Preis hab ich!« Die Fremden lächelten.
Mit Ränzchen bepackt, sprangen sie auf den Perron, und wurden ganz
still, als ihnen die schöne Freundin Oldshatterhands die Hand reichte.
Auch die Räuber hatten zwei Mädchen mitgebracht: die Liebste des
Schreibers, und Käthchen Schlauch, die Braut des bleichen Kapitäns. Ihr
Hut war flach wie ein Korbdeckel und mit künstlichen Tannenzapfen
geschmückt. Die Liebste des Schreibers trug ihre braunen Zöpfe dreimal
um den Kopf herumgelegt. Ihre Augen standen etwas vor.
»Donnerwetter! Das ist ein Bahnhof.« Falkenauge sah empor zur
Eisenkonstruktion. Alle standen und staunten empor.
Auf dem Bahnhofsplatz nickten die beiden Mädchen einander zu, und jede
zog einen zerknüllten Schleier hervor.
»Und wenn's jemand in Würzburg erfährt, daß ihr diese Fetzen getragen
habt, dann ist der Teufel los, und die ganze Stadt sieht euch über die
Nase an«, schimpfte der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach
außen.
»Da geh mal her, Käthl«, rief der Schreiber und band dem
grimassenschneidenden Fräulein Schlauch den Schleier fest am
Tannenzapfenhut. »So, Käthl, jetzt bist du eine feine Dame.«
»Die wollen ins Hofbräuhaus«, schmollte des Schreibers Liebste, »ich
will aber erst ins Kaufhaus. Und Hutgeschäfte will ich sehen, alle
Hutgeschäfte.« Und mit einem Blick von unten herauf zu Sofie Meinhalt
schloß sie: »Ich bin doch Modistin.«
Sie standen noch immer auf dem Platz. »Wo ist denn die große
Hofbäckerei? Mein Vater hat gesagt, die müßte ich ansehen.«
»Das is jetzt Nebensache«, sagte der bleiche Kapitän zu seiner Braut.
»Aber daß hier die Leute genau so herumlaufen wie in Würzburg, das
wundert mich. Ich hab gemeint, hier in München hätten sie alle
Volkstrachten an . . . so Gebirglerstrachten. Seht einmal die, die hat
einen alten Kartoffelsack an.« Die Malerin in Sandalen und
Rupfenreformkleid ging, Brust voran, mit Männerschritten weiter. Ihr
langer, giftgrüner Schleier flatterte hinterher. Die Mädchen kicherten.
Alle sahen ihr nach.
»Hoppla!« Im letzten Augenblick hatte der strahlende Oldshatterhand die
Rote Wolke vor dem Auto zurückgerissen.
Die Mädchen durften vorankriechen, hinein in die Kammer Oldshatterhands.
An der Wand hingen zwei lebensgroße Akte, ein Männer- und ein Frauenakt.
Die Mädchen sahen zum Fenster hinaus, in die Ecken, zu Boden, von unten
herauf auf die Räuber, die verlegen nach der nackten Frau schielten.
»Liesl, bist du auch so schön wie die«, sagte der Schreiber in die
Stille. Die Modistin wandte sich zornig um und kroch aufheulend zur Tür
hinaus. Sofie Meinhalt ging ihr sofort nach, und gleich darauf drückte
sich auch Fräulein Schlauch zur Tür hinaus.
»Warum hältst du aber auch dei Maul nit. Du weißt doch, wie Mädli sind.«
»Hohaho!« Der Schreiber war verlegen.
Des bleichen Kapitäns Lippen rollten wieder freundlich nach innen. »Aber
das hätt ich in meinem ganzen Leben nit geglaubt, daß du solche Sachen
malen kannst.«
Falkenauge besah sich ganz nahe das Bein der Frau.
»Mit Kohle gezeichnet, was?« fragte die Rote Wolke. »Hast du's fixiert?«
»Ja.«
»Das hab ich mir gedacht.«
Die Räuber standen still um den Frauenakt herum. Sofie Meinhalt trat
ein. »Ihr müßt jetzt hinausgehen. Die Mädchen wollen sich waschen.« Die
Modistin wischte sich lächelnd die Tränen von den Augen.
Die Räuber gingen den Gang vor bis zum Fenster und saßen auf den
Treppenstufen beisammen wie im Festungsgraben.
»Warum ist denn die Kriechende Schlange nicht mitgekommen?« fragte
Oldshatterhand.
»Die Kriechende Schlange? . . . Mein Lieber, mit dem kannst nimmer
verkehr. Was glaubst denn! Der steht am Vierröhrenbrunnen. Weißt . . .
ein Vierröhrenbrunnensteher.«
»Ooooh!« sagte Oldshatterhand betroffen. Er redete den ganzen Tag fast
nichts mehr.
Von unten stürmte jemand herauf, stieß die Kammertür auf und prallte
zurück vor den durchdringenden Mädchenschreien. »Also und hoppla!
. . . Also so eine Dummheit!« Der König der Luft ging nach vorne und
begrüßte die Räuber. Sein Kopf schoß vor. Die tiefe Falte war da. »Also
wie lang brauchen denn die Schneegäns noch. Bis zwölf Uhr hab ich nur
Ausgang. Also da verreckst . . . waschen! am hellen Tag. Was sagt ihr
dazu?«
Auf der Straße ging Sofie Meinhalt voraus, Arm in Arm mit den Mädchen.
Nach dem Essen wollten die Räuber Kaffee trinken.
Oldshatterhand führte sie in das kleine Künstlercafé. Fräulein Schlauch
hatte ihren Schleier wieder vorgebunden.
Beim Eintritt zuckte der König der Luft vor einem eiligst abwinkenden
Infanterieleutnant zusammen und marschierte stramm an ihm vorbei, die
genagelten Kanonenstiefel auf das Linoleum knallend. Die Gäste fuhren
erschrocken auf.
Wie in eine Schaubude schoben sich die Räuber im Trupp in das Café,
saßen still zusammengedrängt beim Fenster und blickten eine Weile
betroffen auf die sonderbaren Gestalten. Da mußte Sofie Meinhalt
lächeln, worauf alle Räuber in ein brüllendes Gelächter ausbrachen, daß
die Gäste fragend und entsetzt in die Höhe schnellten, während der König
der Luft die Räuber drohend anfunkelte und, das Kinn zur Tischplatte
geduckt, zum Offizier hinwies, der jedoch ruhig in seiner Zeitung
weiterlas.
Der einsame Billardspieler, mit der Lodenpelerine lang und schmal am
Rücken, sandte kalte Blicke zum Räubertisch.
Die Modistin sah mit runden Augen auf eine junge Malerin, die nebenan
auf der Polsterbank halb lag und durch die Nase rauchte.
Wortlos reichte Fräulein Schlauch eine zierliche Münchener Semmel dem
bleichen Kapitän, der staunend den Kopf schüttelte und sie verächtlich
wieder zurücklegte ins Körbchen. »Davon verzehr ich dreißig Stück und
weiß dann noch nit amal, ob ich nur geträumt hab.«
Der Fremde trat ein, begrüßte Oldshatterhand, der seine Freunde
vorstellte; zuerst die Mädchen, die aufstanden. Der Fremde setzte sich
an den Tisch dazu.
Sprachlos geworden blickten die Räuber auf ein weißblondes Mädchen in
einem Kamelhaarsweater, barfüßig in Sandalen, das auf die Malerin zukam,
gefolgt von einem zwei Meter langen, ungeheuer dünnen Jüngling in einem
Mantel aus braunem Kanapeestoff. Der Mantel fiel ihm bis zu den Füßen
und war vorne mit einer Sicherheitsnadel zugesteckt. Der Lange hielt die
schmalen Schultern so hoch gezogen, daß sie im langen Lockenhaar
verschwanden, und trug eine große Rundgläserbrille mit Kautschuk gefaßt.
Neben dem König der Luft fiel er apathisch auf die Polsterbank.
»Liebe beschmutzt nie! Ich kann meinen Körper geben, wem ich will«, rief
erregt das weißblonde Mädchen. »Mein Vater ist ein Trottel!«
Die Räuber stupsten einander. Des Schreibers Gesicht lief blaurot an.
Seine Augen glotzten vor Anstrengung. Er hielt die Faust auf den Mund
gepreßt, pfutzte. Und lachte endlich krachend los.
Der Pelerinenherr warf einen kurzen Blick auf den Schreiber, sah erst
interessiert dem Totlaufen der Billardkugel zu, und richtete sich streng
auf. »Bitte sehr! Sie sind hier nicht in einer Menagerie!«
Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen.
»Also und, wart bis der Leutnant fort is.«
»Ich weiß ja nit, wie Sie darüber denken«, wandte sich der bleiche
Kapitän an den Fremden, »aber wenn das Knochengerüst dort schreit:
Menagerie! -- da sagen Sie einmal selbst, ob ich diesem Gespenst nit das
Kreuz einschlagen soll. Überhaupt, wenn bei uns a Mädle sagt: >mein
Vater ist ein Trottel<, kriegt sie eine Maulschelle.«
Der Pelerinenherr nahm den Billardstock quer vor den Leib und wandte
sich seinen Freunden zu: »Wissen Sie, daß es in Süddeutschland gärt? Im
Westen. Der Osten rührt sich. Das Rheinland . . . Eine geheime
Verbindung. Keiner weiß von der Existenz des anderen. Aber fluidisch
kennen sie sich alle. Ich habe die imponderablen Fäden in der Hand!
Ich!«
Die Blonde machte mit den Händen hastige Klaviergriffe; ihre Augen
öffneten sich starr. »Ich denke in Oktaven -- ganz schnell! ganz
schnell! bis zurück, da ich ein Kind war . . . Jetzt sehe ich meine
Mutter durch den Sommergarten gehen«, flüsterte sie, »und mein weißes
Kleidchen von der Wäscheleine nehmen . . . Da war ich drei Jahre alt.«
Sie wachte auf. Der Lange strich ihr beruhigend-zärtlich über die Hände.
Der Leutnant verließ das Café.
»Also und, aber jetzt geben wir dem ein wenig Menagerie.«
Da bot der Fremde dem König der Luft eine Zigarre an. »Sind Sie schon
oft mit hinaufgeflogen?«
»Hn? . . . Also und, das hab ich auch geglaubt.« Er stand auf, streckte
das Bein wagerecht aus und begann den Kanonenstiefel zu kreisen. »Also
seit fünf Wochen Fußdrehen . . . Oder Ausschwärmen. Man rennt, was man
kann, bis der Unteroffizier schreit . . . Halt! Dann steht man und gafft
die Kasernenhofmauern an . . . Oder Kopfrollen.« Der König der Luft
rollte den Kopf. Die Zähne mahlten. Die tiefe Falte war da.
»Also und, aber das Essen ist ausgezeichnet. Sooo ein Trumm Fleisch. Und
Kartoffeln, soviel man will . . . Alles was recht ist . . . Aber also
und, was machen wir denn jetzt mit dem da, von wegen der Menagerie?«
Alle blickten auf den Billardspieler.
»Wenn wir noch rechtzeitig in den Zirkus kommen wollen, müssen wir aber
sofort gehen«, sagte der Fremde und stand auf.
Nach der Zirkusvorstellung wurden Fräulein Schlauch und die Liebste des
Schreibers in ein Hotel gebracht. Die Räuber verabschiedeten sich vor
der Tür: sie schliefen in einem anderen Hotel.
Am folgenden Morgen kam der bleiche Kapitän, kurz bevor der Zug nach
Würzburg abging, allein zu Oldshatterhand. Er war verlegen. »Weißt du
denn eigentlich, daß ich der siebzehnte Meisterschaftsathlet von
Unterfranken bin?«
»Wie meinst du das? Siebzehnter?«
»Nun, ich bin eben der siebzehnstärkste Mann von Unterfranken und
Aschaffenburg.« Er entkleidete sich.
Oldshatterhand betrachtete als Maler den bleichen Kapitän. Die Beine
waren ein wenig zu lang, ein wenig zu dünn, und ein wenig O-geformt, und
schienen den kolossalen Oberkörper, weiß und hart wie Elfenbein, kaum
tragen zu können.
Mit dem Gefühl, er sei in diesem Augenblick nicht mehr Oldshatterhand --
sondern der Fremde, sagte Oldshatterhand bestimmt und mit einem
neuartigen Lächeln im Gesicht: »Du mußt der erststärkste Mann von
Unterfranken werden«, und empfand erschauernd die Distanz zwischen dem
nackten Jüngling und sich.
Nach einigen Wochen kam ein begeisterter Brief aus Würzburg. Der bleiche
Kapitän war der fünfzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken und
Aschaffenburg geworden.
Die Rote Wolke war nicht mit den Räubern in die Heimatstadt
zurückgereist. Aufgeregt stand er bei Oldshatterhand in der Kammer und
rezitierte den Faustmonolog. Denn noch am selbigen Tage wollte er zu
Konrad Drauer gehen und ihm vorsprechen.
Die Rote Wolke stapfte durch den verschneiten Englischen Garten. Seine
Lippen bewegten sich. Er blieb stehen, rezitierte laut und agierte mit
den Armen. Freude und Entschlossenheit erfüllte ihn, da er seine
Jugendjahre so gut zum Lernen der klassischen Dramen benutzt hatte.
»Der Herr Hofschauspieler ist jetzt nicht zu sprechen.«
»Ich habe schon an ihn geschrieben! Sagen Sie nur, Theobald Kletterer
ist da.«
»Aber Sie haben doch die Equipage vom Herrn Hofschauspieler vor dem
Hause stehen sehen. Er kann jetzt keinen Besuch empfangen. Hat keine
Zeit.«
»Soooo . . . Hofschauspieler ist der große Künstler . . . Ich bin extra
von Würzburg mit hierhergefahren. Es ist eine Entscheidung fürs ganze
Leben.« Er hob die Arme.
Der Diener lächelte, kam gleich wieder zurück und ließ die Rote Wolke
eintreten.
»Herr Hofschauspieler, mein Name ist Theobald Kletterer. Theobald
Kletterer aus Würzburg.«
»Ja, und?« Konrad Drauer stand in den Frack eingezwängt, hob die
Augenbrauen und sah auf die Uhr.
»Die Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Sie gottbegnadeter
Künstler dürfen ihr dienen. Der göttlichsten Muse . . .«
»Sie sind Gärtner? Nicht wahr?«
»Ja . . . Ich will Ihnen den Faustmonolog vorsprechen, Herr
Hofschauspieler. Sie sollen mir sagen, ob man es besser machen kann als
ich.« Hingegeben stieß er die Arme nach rückwärts und begann.
»Halt! Sind Sie aus Bamberg? Dort war ich auch einmal . . . vor
fünfunddreißig Jahren. Sie sprechen genau so wie der Bürgermeister von
Bamberg.«
Die Rote Wolke ließ die Arme sinken. »Ich bin aus Würzburg.« Und begann
von neuem.
Konrad Drauer schnitt die Spitze einer schwarzen Zigarre ab und faßte
die Rote Wolke am Rockknopf. »Sie sind zu klein für die Bühne. Viel zu
klein.«
Der Mund stand offen, rund und schwarz.
»Aber Sie sind Gärtner. Wieviel verdienen Sie denn als Gärtner?«
»Meine Tante hat eine Gärtnerei und ein kleines Häuschen, das ich einmal
erben soll.«
»Erben Sie! Erben Sie, mein Lieber! Glauben Sie mir, das ist
ausgezeichnet . . . Sie sind Gärtner. Bleiben Sie Gärtner. Sie haben Ihr
Auskommen. Hunderte Schauspieler, Tausende! hungern, verkommen. Es ist
ein Elend . . . Aber jetzt muß ich gehen. Ich bin zum Dejeuner
eingeladen. Grüß Sie Gott, Herr Kletterer. Keine Zeit mehr. Grüß Gott.«
Die Rote Wolke wanderte zurück durch den Schnee, zog die Uhr. Und begann
zu rennen. In zwanzig Minuten ging ein Zug ab nach Würzburg. Es regnete
stärker, mit Frühjahrshagel vermischt.
Er rannte durch die Regenseen der Kauffingerstraße, daß der
Schneeschmutz spritzte, und konnte gerade noch ins Coupé steigen, worauf
der Zug sich in Bewegung setzte. Und die Rote Wolke wußte nicht, ob der
salzige Geschmack auf der Zunge vom Regen, vom Schweiß oder von Tränen
kam.