Alle Räuber waren zu Ehren des heimgekehrten Oldshatterhand in der
Dachkammer des bleichen Kapitäns versammelt.
Winnetou fehlte.
Die, welche den Rauchklub gegründet hatten, mußten ihre Pfeifen vor das
Fenster legen, denn der bleiche Kapitän sagte: »Rauch ist Gift . . . für
einen Athleten.«
Die Räuber saßen auf dem Bett. In der Ecke lehnte elegant
Oldshatterhand. »Wie werde ich Athlet« lag aufgeschlagen auf dem Tisch.
»Hast feine Mädli kenne gelernt, überall wo du warst«, fragte der fahle
Schreiber.
Oldshatterhand wippte sich los von der Wand. »In Frankfurt . . . Da
gibt's eine Gasse. Die Rosengasse. Die ist so eng, daß man nebeneinander
gar nicht durchgehen kann. Die Häuser sind ganz grau . . . und dunkel
und unheimlich . . . Aber vor den Haustüren, so auf den Stufen, sitzen
Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen . . . seht, so sitzen sie, in
rosaseidenen, in violetten Hängekleidern und manche in ganz roter Seide
. . . Und wenn du durch die Gasse gehst, sehen sie dich an, lächeln sie
dich an, rufen sie dich . . . und so halt.«
»Bist neigange mit so'n Mädle?«
»Hi! hihiha!«
»Dann is aus mit der Kraft«, sagte still der bleiche Kapitän. »Das kann
man an dir merk.«
»Ich mach ja gar nix mit Mädli.«
»Wie . . . du's machst, is ganz gleich. Wenn du überhaupt nur an sowas
denkst, is dei Kraft scho beim Teufl.« Der bleiche Kapitän griff dem
Schreiber an den Oberarm. »Zieh mal dei Röckle aus.« Schob dem Schreiber
noch den Hemdärmel zur Schulter, befühlte das dünne Ärmchen und ließ es
verächtlich sinken. »Oh, macht nur so weiter.«
»Gestern hab ich 'n Hecht gefange«, sagte Falkenauge. »Von anderthalb
Pfund.«
»Kriegst vielleicht davo Kraft?«
»He?«
»Kraft! sag ich. Kraft is die Hauptsach auf der Welt! Jetzt will ich
euch amal was zeig. Schaut amal alle zum Fenster naus.«
»So, jetzt.«
Einem weißen Riesenfrosch gleich, hockte der bleiche Kapitän nackt über
seine Scheibenhantel zusammengekauert. Die Räuber hörten, wie er den
Brustkasten voll Luft sog. Da schnellte der Körper in die Strecke: die
zentnerschwere Hantel berührte die Kammerdecke. Der Kopf lag tief im
Nacken. Eine Jünglingsstatue aus Silber, stand reglos der bleiche
Kapitän, vom kalten Mondlicht getroffen. Das handgroße, zinnoberrote
Tüchlein war vorgebunden.
Die Hantel knallte auf den Fußboden zurück. Ein dumpfes Krachen tönte
von unten herauf: die Decke der Wirtsstube war auf die Köpfe der Gäste
gefallen.
Die Räuber umringten ihren Hauptmann und befühlten staunend seinen
Körper. Der war hart wie Elfenbein.
Das Kreischen der Witwe Benommen näherte sich; sie riß die Tür auf und
prallte zurück vor ihrem nackten Sohn. Mürrisch stülpte er seine
Unterlippe hin. Die Tür knallte ins Schloß.
Der bleiche Kapitän rückte das zinnoberrote Tüchlein, das sich
verschoben hatte, wieder in die Mitte und sagte hochdeutsch: »Jetzt
mache ich euch einen Vorschlag. Wir gründen einen Athletenklub . . . auf
intelligenter Basis.«
»Was ist das? Basis?«
». . . Basis ist schon richtig«, sagte der bleiche Kapitän und legte die
Faust auf »Wie werde ich Athlet«. »Den Namen hab ich schon. Wir nennen
uns >Klub für intelligente Leibeszucht<. Jeden Abend kommen wir in
meiner Kammer zusammen und stemmen . . . natürlich nackt. Das ist von
wegen der Transpiration . . . Und das eine möcht ich euch noch sag:
hütet euch vor den Weibern und . . . vor dem andern, nun ja, ihr wißt
schon, was ich mein'.«
»Aber ich hab ja Singprobe abends«, rief die Rote Wolke.
»Kriegst amend davo Kraft?«
»Kraft . . . Nein. Überhaupt, was soll das heißen: >Nach der Heimat
möcht ich wieder<. Wenn ich mir's genau überleg . . . ich war ja noch
gar nie aus Würzburg draußen.«
»Gott, die mache sich ja lächerlich mit ihrem blödsinnigen Geplärr. Aber
wenn ich Muskel hab, da weiß ich doch, was ich hab«, sagte der bleiche
Kapitän und griff zum Zentimeter, nahm die Maße von den Brustkästen und
den Arm- und Schenkelmuskeln der begeisterten Räuber, die sich hastig
entkleideten, und registrierte alles genau in sein Büchlein.
Der »Klub für intelligente Leibeszucht« war gegründet.
»Jetzt trinken wir ein paar Glas Bier unten bei dein Bruder.«
Verächtlich lächelnd blickte der bleiche Kapitän den Schreiber an. »Wenn
du ein Athlet werden willst, darfst du keinen Alkohol trinken. Höchstens
manchmal, aber nur einen Schluck. Rohes Hackfleisch mit Ei, oder
Beefsteak mußt freß, soviel du kannst.«
Die Räuber gingen hinunter in die Wirtsstube und saßen wieder auf dem
alten Lederkanapee am runden Tisch neben der Schenke. Jeder hatte einen
Teller rohes Fleisch, mit Ei vermengt, vor sich.
Verstimmt blickte Benommen der Wirt nach den Milchgläsern auf dem
Athletentisch.
Die schöne Kellnerin war immer noch da. Ihr Leib trat stark vor. Voller
Freude sah sie auf die wiedervereinigten Räuber.
Das Gepolter in der Kegelbahn endete plötzlich. Ein schwarzhaariger
Bursche schlich mit nach innen gerichteten Fußspitzen lautlos durch die
Wirtsstube. Sein abgemagertes Gesicht war fleckig und ockergelb, und
seine dunklen Augen glühten fiebrig. Erst kürzlich war er aus Hamburg,
dem Ziel aller Würzburger Knaben, krank zurückgekehrt. Er setzte sich
ans Fenster zu einem helläugigen, blonden Jüngling.
Der Kranke begleitete mit der Gitarre und sang die zweite Stimme, kaum
hörbar und hohl aus dem Halse heraus, der andere die erste Stimme, rein
und voller Hingabe. Es wurde ganz still in der Stube.
»Auf, Matrosen ohe!« sangen die beiden.
»Auf die wogende See.«
»Oo . . . heee!« sang der Zurückgekehrte dunkel und düster . . .
»Schwarze Gedanken sie wanken und fliehn,
Geschwind, wie der Sturm und Wind.«
* * * * *
An einem schönen Sommernachmittag stieg Oldshatterhand mit seiner
Schwester und deren Freundin, Lenchen Leisegang, die vielen hundert
Staffeln hinauf zum Würzburger »Käppele«, an der Leidensgeschichte
Christi vorbei, welche, von der Gefangennahme bis zur Kreuzigung, in
vierzehn Stationen plastisch dargestellt, Sinnbild und Ausklang der
frommen, gotischen Stadt Würzburg im Tale ist.
Bürger, Bauern aus der Umgegend, alte Weiber, Rosenkränze in die dürren
Hände verschlungen, knieten auf den Stufen und bewegten die Lippen im
Gebet. Viele Kranke waren darunter, Katarrhalische, Schwindsüchtige,
welche Gesundheit erbeteten. Und kleine Kinder, die den Herrgott um
Vergebung ihrer Sünden baten.
Früh um drei Uhr hatten sie das erste Vaterunser auf der untersten Stufe
gebetet, waren knieend auf die zweite Stufe geklettert, auch diese
abbetend, und weiter, Stufe für Stufe, bis zur ersten Station, wo drei
Vaterunser gebetet werden mußten. Immer auf den Knien rutschend, beteten
sie Stufe um Stufe, Station nach Station hinter sich, bis gegen Abend
das ersehnte Ziel, der Gipfel, wo Christus am hohen Kreuze hängt,
endlich erreicht war und sie ohnmachtnahe am Kreuzesfuß zusammensanken.
Jedoch die frommen Mönche waren barmherzige Samariter, hatten eine
Hausapotheke und halfen den Büßern wieder auf die Beine, damit sie dem
Hochamt in der kleinen Kuppelkirche doch noch beiwohnen konnten. Und man
sah nur verklärte Gesichter, denn die Büßer wußten, daß für den langen,
bitterschweren Betgang auf den Knien durch Staub und Hitze der liebe
Gott im Himmel ihre Bitte um Hilfe erfüllen werde.
Die beiden Geschwister und das Mädchen stiegen an den betenden Gläubigen
vorbei, bis zum Marienfuß. Das Mädchen probierte ihren Fuß in die
Höhlung, von der es hieß, daß die heilige Maria hier einen Augenblick
gerastet habe, worauf ihr Fuß in den harten Stein wie in Butter
eingesunken sei.
Die Schwester wies auf ein knieendes, uraltes Bauernweiblein, das sich
vorsichtig umsah und, eine Stufe unterschlagend, gleich auf die nächste
Stufe rutschte.
Die drei verhielten sich reglos und beobachteten, daß die Bäuerin den
Vaterunserdiebstahl vor der siebenten Station -- ein nackter, muskulöser
Landsknecht mit Speer und Schamtuch preßt dem verschimpfierten Jesus die
Dornenkrone aufs Haupt -- unter größter Vorsicht wieder beging.
Lenchen Leisegang lächelte Oldshatterhand zu. Sie war vögelchenzart,
aschblond und hatte ihr schönes, hellgelbes Sonntagskleid an.
>Ich möchte einmal ganz allein mit ihr auf einer Bank im Abendgarten
sitzen<, dachte Oldshatterhand.
Unter Glockenläuten kamen sie auf dem »Käppele« an. Rund um die Kirche
herum klebten die Verkaufsbuden, wo Kerzen zu haben waren, nicht dicker
und länger als ein Kinderfinger, bis zu Kerzen, so dick wie ein
Männerschenkel und zwei Meter hoch. Diese waren mit blutenden
Muttergottesherzen aus Papier geschmückt. Wer Geld genug hatte, konnte
eine solche Prächtige erhandeln und sie der Kirche opfern.
Es gab alle Sorten Rosenkränze, Limonade, Spieldosen,
Weihrauchpyramidchen, Wachsstöcke, Nürnberger Lebkuchen, Christusse,
Amulette, heilige Josephsringe aus Zinn für zehn Pfennige. Auch ein
Schnäpschen war zu haben.
Ein Knabe deutete hinunter ins blaue Tal, durch das der sonnengoldene
Main zog. Langbärtige Mönche mit klappenden Sandalen schritten durch die
verstaubte Menge.
Aus der gedrängt vollen Kirche tönte das silberne Klingeln der
Ministranten. Alle Menschen fielen auf die Knie; das Gebetsgemurmel
erklang.
Die Kerzenweiber schlugen das Kreuz mit der einen Hand, mit der linken
nahmen sie den Kaufpreis entgegen und stritten sich verzweifelt mit den
Bauern herum, welche die billigen Kerzen nicht kaufen wollten, für die
teueren, dafür aber wahrscheinlich auch mehr Gottessegen eintragenden
prächtigen Riesenkerzen nur den halben Preis boten, stundenlang
feilschten, um sie dann befriedigt der heiligen Mutter darzubringen.
Die zwei Mädchen und Oldshatterhand standen vor einer Bude, wo an
Schnüren kleine Arme hingen, Beine, Herzen, Ohren, Hände -- aus Wachs,
die man kaufen und seinem Schutzheiligen opfern mußte, damit das kranke
Bein, das Ohr, das Herz gesund werde.
»Soll ich mir ein Wachsärmchen kaufen?« fragte die Schwester. Sie hatte
einen vom Knochenfraß steif gebliebenen Arm. »Es könnte ja nix schad.
Vielleicht hilft's.«
»Ich glaub nit, daß es was hilft«, meinte Oldshatterhand.
Da trat die Menge, »Gelobt sei Jesus Christus« murmelnd, zur Seite:
neben einem hohen Mönch kam Winnetou geschritten in der weißen
Ministrantenstola, das qualmende Weihrauchfaß schwingend.
Erfreut wollte Oldshatterhand ihn anrufen, und schwieg betroffen, denn
Winnetou senkte den Kopf und ging vorüber.
Die Mönche auf dem Käppele hatten einen Bernhardinerhund. Der lief jeden
Tag ohne Begleiter die vielen hundert Stufen hinunter und noch eine
halbe Stunde weit durchs Maintal zum Weinwirt und Bäckermeister
Schlauch, der erst kürzlich eine Mutter Gottes aus Gips gestiftet hatte,
und holte einen Sack voll Morgensemmeln für die Mönche. Man erzählte
sich, der Hund habe schon sieben Menschen das Leben gerettet. Es war ein
großes, schönes Tier, dem ein Auge fehlte.
Der Wunsch, Wärter und Pfleger dieses von den Mönchen geliebten und
verehrten Tieres zu werden, war nur der äußerliche Anlaß für Winnetou
gewesen, sich den Mönchen zu nähern, nachdem die unverhoffte Güte der
Mutter in ihrer Sterbestunde ihn gottesfürchtig gemacht hatte. Von der
Mystik des Klosters angezogen und gefesselt, hatte er späterhin auch
manche Nacht bei den stillen Mönchen verbracht. Oft durfte er jetzt
schon den kränkelnden Bruder Anastasius vertreten, in der kühlen Zelle
hinter dem Barmherzigkeitsfenster sitzen und den armen Kindern aus der
Stadt das durch ein Vaterunser erbetete Stück Klosteranisbrot reichen.
Die Kinder kannten ihn schon, denn Winnetou schnitt tief in den Brotlaib
hinein. Auch machte er sich nichts wissen, wenn sie am selben Tage zwei-
oder gar dreimal kamen. Und war ein Lutherischer unter den Bittenden,
der das katholische Vaterunser nur so ein bißchen mitbrummen konnte,
dann ließ er auch das gelten.
Winnetous dunkle Augen im edlen Jünglingsgesicht waren von tiefer Bräune
umschattet. Auf der Oberlippe hatte er vereinzeltstehende, lange,
schwarze Haare. Seit einiger Zeit lebte er ganz bei den Mönchen. Einen
Beruf hatte er nicht.
Die drei verließen den Kirchplatz und schritten durch einen Hohlweg, an
Weinbergen vorbei.
Die Schwester hatte sich doch ein Wachsärmchen gekauft und es am
Opferaltar aufgehängt. Vielleicht würde sich die Wunde an ihrem steifen
Arm wenigstens schließen, meinte sie.
Die Wunde war wieder aufgebrochen vor einigen Jahren, als Herr Mager,
der damals Lehrer der Mädchenklasse gewesen war, der Schwester mit dem
Rohrstock sechs heftige Schläge auf die Hand gegeben hatte, obwohl er
von dem kranken Arm unterrichtet gewesen war.
Man hatte ihm daraufhin die Mädchenklasse genommen und seinem nie
ruhenden Rohrstock die Knabenklasse ausgeliefert. Aber die Wunde am Arm
der Schwester war seither offen geblieben, obgleich die Frau Vierkant
auf den Rat einer weisen Alten hin, ein Knochenstückchen, das bei der
nötig gewordenen Operation aus dem Ellbogengelenk herausgeschnitten
werden mußte, einem Straßenhund zu fressen gegeben hatte.
»Wird der Hund nur krank von dem Knochen, dann schließt sich wenigstens
die Wunde«, hatte die weise Frau gesagt; »stirbt er aber an dem Knochen,
dann wird der steife Arm wieder beweglich, wie jeder andere.«
Der Hund hatte das schlechte Knöchlein gefressen, war aber ganz gesund
geblieben.
Versonnen schritt die Schwester weiter.
Neben Lenchen Leisegang, die sich an einem Stacheldrahtzaun ein Loch in
ihr Sonntagskleid gerissen hatte und bekümmert dreinsah.
»Das können Sie wieder schön zustopfen«, tröstete Oldshatterhand. Und
nach einer Weile: »Man muß eine Fußreise machen . . . um die ganze Welt,
und alle Stacheldrahtzäune, die es überhaupt gibt, zerstören. Eine Zange
mitnehmen, die Drähte durchzwicken und die Zäune auf die Seite schaffen
. . ., daß sich kein Mensch mehr einen Triangel ins Kleid reißen kann.
Stacheldrahtzäune sind doch hundsgemein und hinterlistig!«
Ein Bauer ging vorbei mit einem quiekenden Ferkel im Arm. Seine Bäuerin
stolperte betend hinter ihm drein. Ein paar barfüßige Jungen, auf der
Flucht vor dem Feldhüter, rannten die Bäuerin fast um. Ein ganz Kleiner
warf die gestohlenen Äpfel weg, zog einen Dorn aus der Fußsohle und
hinkte heulend weiter.
Auf der Berghöhe erschien der Feldhüter und sein kleiner, weißer
Spitzhund. »Haben Sie gesehen, wo die verdammten Lausbuben naus sind?«
»Da hinaus!« zeigte Oldshatterhand in die falsche Richtung.
Sie stiegen wieder stadtwärts, durch die Annaschlucht hinunter, einer
noch vor wenigen Jahren verwildert gewesenen Felsenbergschlucht, durch
die eine starke Quelle ins Tal hinabgestürzt war. Der Würzburger
Verschönerungsverein hatte nach langem Ringen mit der störrischen Natur
aus dem Ganzen ein Idyll geschaffen: kleine trübe Seechen mit zwei
Dutzend Goldfischchen bevölkert; Brückchen aus krummen Birkenästen, noch
mit der weißen Rinde, überspannten die gezähmte Quelle;
Birkenholz-Aussichtshäuschen, Birkenholz-Aussichtsbänke, Wegweiser,
Gedenk-, Erinnerungs- und viele Warnungstafeln aus Birkenholz
verschönten die Landschaft.
Sie saßen auf einer Birkenholzbank, auf der zu lesen war: »Gestiftet von
Herrn Kilian Nikodemus Anastasius Pimpf, Stadtpfarrer in Würzburg.«
»Ihr paßt gut zueinander«, sagte die Schwester zur Freundin, die
verwirrt aufstand und vorausging.
»Es is halt e dummes Mädle. Sieht sie einer nur an auf der Straß, dann
möcht sie glei durchs Pflaster in Erdbode neifahr . . . Und du . . . du
bist auch ein dummer Kerl. Die ganze Zeit, solang du fort warst von
Würzburg, ham wir jed'n Tag von dir gesprochen. Und noch ehe sie dich
gesehen hat, war sie schon so verliebt in dich . . . Aber so verliebt!
Wenn du jetzt nit so dumm wärst . . .«
»Ich bin ja gar nit so dumm . . . Hi! hihiha!«
Da sah Oldshatterhand eine mächtige, blutrote Wolke, auf der ein
silberner Engel stand, und sagte es der Schwester. Auch daß die Wolke
mit dem stillstehenden Engel jetzt fortschwebe.
Im Tannenwald im Tale stand Lenchen Leisegang hell vor einem
Haselnußstrauch. Der Wald roch stark, und die Stämme, von der Abendsonne
beschienen, leuchteten rot.
»Henkeln Sie ein bei mir«, sagte Oldshatterhand und verbeugte sich.
Sie tat es, mit einem prüfenden Blick auf die Schwester. ». . . Da!« Und
stieß ihm ihren Feldblumenstrauß in die Hand.
So gingen sie nach Hause.
* * * * *
»Greif amal her!« brachte der König der Luft vor Kraftanstrengung gerade
noch heraus und ließ Falkenauge seinen Oberarmmuskel befühlen. »Wie is
er?«
». . . Kolossal hart! Und meiner?« Falkenauge stand im Ausfall. Der
König der Luft griff ihm an den Oberarmmuskel und sah dabei prüfend in
den Himmel. »Also, wie Felsen! Also und wahrhaftig! Also aber gehen
wir.«
Sie schlenderten durch die vordere Fischergasse. Im Garten »Zur schönen
Mainaussicht« standen flüsternde Weiber und stillgewordene Kinder um
einen aufgebahrten Sarg herum.
Die zwei drängten sich durch und wurden auch still.
Blütenweiß lag die blonde Wirtstochter im Sarg. Nur ihr Mund war rot und
lächelte hold, wie wenn sie im Traum eine Kerze zerschnitte, um für die
Tanzenden den Boden zu glätten.
Die Abendsonne warf rosigen Schein über sie, und die Vögel pfiffen im
Kastanienbaum, unter dem das Fell des Bernhardinerhundes ausgebreitet
war. Es hatte große enthaarte Stellen.
Die Kriechende Schlange saß auf dem Baume, im Laub versteckt, und zielte
mit einer stacheligen Kastanie einer Alten auf den Scheitel, traf aber
seiner toten Schwester ins Gesicht, so daß drei Blutströpfchen auf der
Wange der Toten hervortraten. Speichelbläschen zwischen den Lippen,
beobachtete er, wie es um den Sarg herum ganz still wurde.
Der rote Fischer ging grimmig an den Weibern vorbei in die Wirtsstube.
Der blonde Sachse und das kleine, schöne Waisenmädchen saßen schon
drinnen und tranken grünen Likör.
Diese drei waren seit langer Zeit die einzigen Gäste, denn die »Schöne
Mainaussicht« war in Verruf geraten: der Pfarrer hatte von der Kanzel
herunter seine Pfarrkinder gewarnt vor dieser Wirtschaft.
Der Fischer vernachlässigte den Fischfang; Tag und Nacht saß er bei der
Wirtin. Niemand kaufte Fische von ihm -- er hatte vergessen, am
Gründonnerstag mitzuwallen.
Die Wirtin stand hinter dem Schanktisch und drückte ein Zuckerplätzchen
in ihr verquollenes Gesicht, in dem der Mund gar nicht mehr zu sehen
war.
»Da stehn sie um Sarg rum wie die Maulaffe! Jag sie doch zum Teufl!«
schimpfte der Fischer und hob die Arme. »Heilige Maria und Joseph! so a
Gaudi. Wer tot is, den beißt ke Floh mehr. Grad komm i vom Pfarrer; er
hat g'sagt: ich will mir das Ganze noch einmal vom kirchlichen
Standpunkt aus überlegen . . . Will der damische Hundsknoche dem tote
Mädle ke christlichs Begräbnis geb. No, i hab 'n mei Meinung
mitgeteilt.«
»Aber wunderschön liegt sie im Sarge. Das greift mir direkt an das
Herze«, sagte der Sachse.
»Jau, Herze!«
Die Wirtin lief hinaus zum Sarg und versuchte noch einmal, die Hände der
Toten zu falten. Die Hände waren aber schon steif.
Die Kriechende Schlange kletterte schnell und ungesehen vom Baum
herunter, schlich in die Wirtsstube, hinter den Schanktisch, und stahl
aus der Geldschublade eine Handvoll Nickelstücke.
Die Wirtin verjagte den Spatz, der immer wieder vom Kastanienbaum
herunter auf das Hundefell plumpste und, mit ein paar Haaren im
Schnabel, auf den Baum zurückflog, wo er sich sein Nest baute. Sie griff
ins Fell, hatte die Hand voll Haare, schüttelte den Kopf und ging zurück
in die Wirtsstube, während die tuschelnden Weiber die Köpfe
zusammensteckten und auf die Tote deuteten, die jetzt zerfallen aussah
im kalten Licht, denn die Sonne war untergesunken.
»Sie war heut scho dreimal bei unserm Herrn Pfarrer,« sagte eine Alte,
»aber er kommt nit.« Die Alte flüsterte der anderen noch etwas ins Ohr.
Da näherten sich scharrende Schritte und rasselnder Atem. Der
großmächtige Pfarrer im Ornat kam die Treppe herauf, mit den
Ministranten und dem hinkenden Flickschneider.
Der Duckmäuser reichte das wolkende Weihrauchfaß. Der Pfarrer schwang es
über die Tote. »Vor der Pforte der Hölle bewahre ihre Seele. Dominus
vobiscum. Et cum spiritu tuo.«
Die Weiber waren auf die Knie gesunken.
Unter der Wirtschaftstür stand der rote Fischer, die Mütze vor der
Brust.
* * * * *
Mit seinem Malgerät und einem angefangenen Bild eilte Oldshatterhand am
Mainufer entlang, bis zu dem Weidenbusch am kleinen See, wo er damals
zum Schreiber und zum bleichen Kapitän gesagt hatte: >Ihr geht also nit
mit! Ihr Feigling, habt die ganze Jahr her nur geloge?<
Die Sonne stand hoch überm Wald, der die Weinberge umsäumt. Der Fluß
glitt breit dahin. Es roch nach Wiese, Wasser und Weide, im ganzen Tal
war kein Mensch, und der kleine See lag klar und blau, wie ein Auge der
Erde.
Oldshatterhands Blick flog vom Weidenbusch zum Bild; er hatte kein
Blättchen vergessen. Malte mit Sorgfalt und Begeisterung den goldigen
Rücken einer Hummel fertig, die gekrümmt an einem Zweige hing.
Aber nur mit großer Angst wagte er an der sitzenden Gestalt etwas zu
verändern, die er unter den Busch gemalt hatte -- ein Mädchen, zum Baden
bereit, dem das blonde Haar aufgelöst in den Schoß fiel.
Hoch am Himmel über dem Fluß zog ein Fischreiher gemessen seine Kreise,
sauste unvermittelt mit ein paar Flügelschlägen davon; schnell hat ihn
die blaue Ferne genommen.
Als Oldshatterhand nach einer kurzen Weile aufs neue den Blick erhob,
hing der Reiher schon wieder still, aus Gold, am blauen Himmel über dem
Flusse.
»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen und
malte in gotischer Druckschrift den Namen des blonden Mädchens unter das
fertige Bild: »Helene, in ewiger Verehrung«, übermalte das Wort
Verehrung wieder und schrieb anstatt dessen, »In ewiger Liebe«.
»Oo . . . ha hööö . . . ö!« klang es langgezogen vom Fluß her. »Höö
. . . ö!« warf das Echo zurück: drei barfüßige Schiffszieher mit nackten
Oberkörpern, hintereinander gespannt und schräg gegen den Boden
gestemmt, kamen am Ufer herauf. Auf dem äußersten Ende des Lastschiffes,
das sich wie von selbst den Fluß langsam aufwärts bewegte, stand ein
kleiner, weißer Spitz und bellte. Das klang aus der Ferne wie das Quaken
eines Frosches.
Abends um acht Uhr stand Oldshatterhand in der Eichhornstraße und
wartete auf Lenchen Leisegang. Wie jeden Tag seit zwei Monaten.
Ein warmer Regen ging nieder und schlug Männchen in den Lachen, in denen
sich das Licht der Laternen brach.
Gegenüber, unter einem beleuchteten Muttergottesbildwerk, stand ein
dicker Infanterieoffizier, der auf die sehr schöne, vollbusige Schwester
des Glasermeisters Johann Jakob Streberle wartete. Sie war auch Näherin
und im selben Geschäft wie Lenchen Leisegang.
Oldshatterhand hatte seinen Gummimantel an.
Er ging auf und ab und freute sich. Das Bild hielt er unter dem Mantel
versteckt.
Plötzlich, wie wenn jemand »da!« sagt und die Gesellschaft aufhorcht,
wurde es still -- der Regen hatte geendet.
Lenchen Leisegang erschien unter der Haustür, blickte mürrisch in den
Himmel, lächelnd auf Oldshatterhand und stieg auf den Zehenspitzen durch
die Regenlachen über die Straße.
Eine Abteilung Soldaten kam marschiert. »Augen rechts!« brüllte der
Sergeant. Die Gemeinen hieben in die Regenlachen ein, daß der Dreck hoch
aufspritzte und der eifrig abwinkende Offizier ängstlich seinen Mantel
zusammennahm, während das schöne Fräulein Streberle mit wiegender
Hüftbewegung auf ihn zuschritt.
Wo die Anlagen beginnen und die Laternen enden, verbeugte sich
Oldshatterhand und sagte: »Bitte, henkeln Sie ein bei mir.«
»Jetzt sowas«, erwiderte sie und tat es.
Da gab er ihr das Bild. Sein Herz klopfte rasend. »Es ist nichts
Besonderes. Nichts. Ich hab's halt so gemalt«, sagte er gleichgültig.
»In eeewiger Liebe!« rief sie, laut lachend vor Verlegenheit. »In
eeewiger Liebe.«
Vor der Haustür hielten sie sich bei den Händen und blickten zu Boden.
»Wäre es möglich, daß Sie mir einen Kuß geben?«
»Jetzt sowas«, sagte sie und trat ins Haus.
Er ging ganz langsam weg.
»Auf Wiedersehn!« rief sie und warf ihm eine Kußhand nach.
Er lief die dunkle Straße hinunter. Da zwang ihn ein unbekanntes Gefühl,
stehen zu bleiben: er sah den weißen Körper des Mädchens, und der
Wunsch, der bis jetzt nur in Träumen ihn bedrängt hatte, diesen kleinen
Körper mit der Hand zu liebkosen, stieg zum ersten Male bewußt in ihm
auf. Plötzlich verlor er die Empfindungsfähigkeit so vollkommen, wie
wenn sein Körper blutleer geworden wäre, sah gleichzeitig die Hurengasse
von Frankfurt. Und brüllte: »Gemein! Ich bin gemein!«
Im Zimmer bei der Frau Vierkant saß die kolossale Braut des
Schlossergesellen Faulbank steif auf dem Kanapee, als Oldshatterhand
eintrat.
Draußen sangen Wind und Regen. Die Frau Vierkant mahlte Kaffee.
Oldshatterhand begann an dem Bildnis zu arbeiten, welches er, als sein
Hochzeitsgeschenk, von der Braut anfertigte.
»Frau Vierkant, ich sag Ihne, ich hab eine solche Angst davor. Ich hab's
ihm schon g'sagt . . . ich tu's nit. Nie! Lieber heirat ich nit.«
»No, jetzt so dumm.« Die Frau Vierkant lachte. »Jetzt geht ihr acht Jahr
mitnander. Dumms Mädle.«
»Ich tu's nit. Nie! Nie!« Die Braut riß die Augen auf. »Muß denn das
sein?«
»Sie müssen stillsitzen«, sagte Oldshatterhand und punktierte mit der
nadelscharfen Bleistiftspitze die unzähligen schwarzen Poren auf sein
Blatt, mit peinlichster Genauigkeit. Bis die Braut, neugierig, was
Oldshatterhand da steche, sich über die Zeichnung beugte und ärgerlich
rief: »Jetzt so ein frecher Kerl! Das laß ich mir fei nit g'fall.«
»Ich muß doch alles zeichnen, was da is«, verteidigte sich
Oldshatterhand, und schattierte aufs sorgfältigste den großen Pickel am
linken Augenlid der Braut fertig, trank schnell seine Kaffeetasse leer
und eilte zur Übungsstunde in den »Klub für intelligente Leibeszucht«.
Sein Gehirn hatte gar nicht aufgenommen, vor was die Schlosserbraut sich
so sehr fürchtete. Nur die Worte hatte er gehört, aber vor Grauen,
diesen Gefühlen gegenüber, den Worten ihren Sinn nicht gegeben. Viele
Monate lang litt er unter dem Glauben, gemein zu sein.
Die Räuber waren schon in der Kammer des bleichen Kapitäns versammelt.
Alle waren nackt, und jeder hatte ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein
vorgebunden.
Eine Nachtigall schlug im Kastanienbaum. Der Schreiber warf einen
Dachziegel nach ihr. Sie störte bei der Arbeit.
Einer lag auf dem Bauche und drückte so den Körper auf und ab; der
andere tat dasselbe rücklings. Der König der Luft kreiste zwei kleine
Hanteln und mahlte mit den Zähnen. Die Rote Wolke stand auf den Händen,
die Fußspitzen bei der Kammerdecke; das Blut lief ihm in den Kopf, er
atmete schwer. Der bleiche Kapitän, mit der Uhr in der Hand,
kontrollierte die Zeit.
Der Schreiber stöhnte.
»Still!« rief der bleiche Kapitän wütend.
Die Nachtigall schlug wieder im Kastanienbaum.
Schweigend übten die Räuber weiter. Alle waren mager und begeistert, und
alle stellten sich möglichst immer so, daß die Hinterteile nicht zu
sehen waren, denn die waren nicht mit roten Tüchlein verhängt.
Der bleiche Kapitän sprach nur das Allernotwendigste. Ja, nein, und grüß
Gott. Seine Wangen waren schmal und seine Brust war kolossal breit
geworden. Er sah gefährlich aus, wenn er, die Arme athletenhaft im Bogen
haltend, die Unterlippe vorgeschoben, ganz nahe an den Häusern
hinstrich, das grüne Plüschhütchen verwegen auf dem Ohr.
»Hanna! Hanna!« rief eine Männerstimme im Wirtschaftsgarten, »Bier!
Bier!« und sogleich ertönte das keifende Schimpfen der Witwe Benommen
mit der schönen Kellnerin.
Der bleiche Kapitän kontrollierte die Maße der Räuber und notierte alles
ins Büchlein.
Es stellte sich heraus, daß des Schreibers Oberarm um drei Millimeter an
Umfang zugenommen hatte.
Am andern Morgen ging der Schreiber, voller Verachtung gegen Eleganz und
Mädchen, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Hut auf einem
Ohr, ohne Halskragen ins Bureau.
»Herr Widerschein . . . das geht nicht«, sagte Herr Karfunkelstein, »Sie
sind doch kein Stromer. So laufen die Tagediebe herum, die Strizzi, die
Vierröhrenbrunnensteher . . . Herr Widerschein, einmal habe ich Sie
herausgerissen durch meine Verteidigung. Wenn Sie wieder in eine Patsche
kommen, gelingt es mir vielleicht nicht noch einmal . . . Einen Kragen
müssen Sie anhaben im Bureau.«
Da erschien der Schreiber wieder mit einem Halskragen, den er jedoch,
wenn er das Bureau verließ, in die Tasche steckte, um, den Hut verwegen
auf dem Ohr, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Heimweg
anzutreten.
* * * * *
Oldshatterhand stand im Schatten des heiligen Totnan auf der alten
Brücke und malte das sonnige Bild vor sich -- das alte Rathaus und die
Domstraße mit dem Dom, der sie abschließt.
Schon eine Weile sah ihm ein feingekleideter Herr mit am Kinn
ausrasiertem, langem, weißem Bart bei der Arbeit zu. Er hatte ein
Monokel vor dem Auge.
»Wollen Sie mir das Bildchen abgeben?« fragte der Fremde freundlich.
Oldshatterhand zitterten die Knie. Schwindlig vor Scham, beugte er sich
über seine Arbeit und brachte kein Wort hervor.
»Ich möchte das Bildchen gerne haben, zum Andenken an Würzburg.«
»Ich geb's Ihnen!«
»Und wieviel soll das Bildchen kosten?«
»Kosten?« -- -- --
Ein Bierwagen polterte während der langen Pause vorüber; der Kutscher
beugte sich vor, um das Bild sehen zu können.
»Vielleicht . . . eine Mark?«
Der alte Herr lächelte, nahm aus seiner Brieftasche eine Visitenkarte
und ein Scheckformular und füllte es aus. »Nehmen Sie das. Und malen Sie
fest weiter. Das schöne Bildchen senden Sie mir ins Hotel Kronprinz,
bitte.«
Vorsichtig sah Oldshatterhand sich um, ob niemand den Bilderhandel
beobachtet hatte, und blickte dann dem Fremden nach, solange er ihn
sehen konnte.
Als man ihm in der Bankfiliale drei Zwanzigmarkstücke gab, sah er wie
ein Irrsinniger den Beamten an und konnte kein Glied rühren.
Sofort ging er in ein Papiergeschäft. »Packen Sie dieses Kunstwerk
vorsichtig ein und bringen Sie es ins Hotel Kronprinz. Sie wissen doch
-- das vornehme Hotel am Residenzplatz. Dort geben Sie es ab, für
Freiherrn von Habenberg. Mit einer Empfehlung von Michael Vierkant
. . . Das bin ich. Sie müssen sehr vorsichtig sein, das Kunstwerk hat
einen Wert von sechzig Mark.«
Geblendet von seinem Glück stand er auf der Straße. Die Vorstellungen
seines künftigen Künstlerruhmes jagten, übergipfelten einander, bis ins
Ungemessene.
Mit einer Zigarrenschachtel unterm Arm stieg er den Schloßberg hinauf
und begann in den alten Schießgräben der Festung nach Blei zu graben, um
gleich noch etwas dazu zu verdienen: die Idee, Geld zusammenzuraffen, um
Künstler werden zu können, hatte in Oldshatterhand feste Form gewonnen.
Das Bleigraben war verboten, obgleich nur sehr wenig da zu finden war,
denn vor vielleicht fünfzig Jahren war das letztemal hier geschossen
worden, und viele Generationen Knaben hatten sich seither am Blei
bereichert.
Er hatte aber doch schon ein paar Pfund plattgedrückte Flintenkugeln
gefunden, als plötzlich ein Infanterieoffizier hinter einem
Brombeerbusch hervortrat. »Was machen Sie da!«
»Ich . . . grabe Angelwürmer.« Er hielt dem Offizier einen langen Wurm
zur Ansicht hin. Der Offizier legte grüßend die Hand an die Mütze und
ging weiter.
Er selbst hatte vor zwanzig Jahren als Gymnasiast in den Schießgräben
Blei gesucht und es verkauft beim Lumpenhändler Ei, der auch
Oldshatterhands Abnehmer war und elf Pfennige für das Pfund gab, einen
Pfennig mehr als alle anderen Händler, und nie fragte, woher das Blei
kam.
Herr Lumpenhändler Ei war ein vorurteilsloser Mann und reich. Und sein
Sohn war Korpsstudent bei der feudalsten Würzburger Verbindung.
Am selben Abend sagte Lenchen Leisegang, als sie in den dunklen Anlagen
Oldshatterhands Arm genommen hatte: »Mein Vater soll einen Hilfsdiener
bekommen, weil er schon alt ist und nicht mehr alles allein tun kann
. . . Wenn Sie wollen, bitte ich ihn, er möge Sie nehmen.« Herr
Leisegang war seit fünfundzwanzig Jahren Klinikdiener im Würzburger
Juliusspital.
Oldshatterhand war sehr verlegen, sagte aber zu.
». . . Sechzig Mark monatlich bekommen Sie und viele Trinkgelder.«
Entrüstet zog er seinen Arm aus dem ihren. »Ich nehme keine
Trinkgelder!«
Da fühlte er ihre Lippen auf den seinen und sah ihr betroffen nach, wie
sie durch die dunkle Anlage davonsprang.
* * * * *
Oldshatterhand stand im Laboratorium der Klinik neben einem
quittengelben Japaner. »Die Japanerinnen sind aber nicht schön. Gefallen
Ihnen die deutschen Mädchen nicht auch unheimlich viel besser?«
Die Lippen des Japaners öffneten sich zu einem lautlosen Lächeln, so
weit, daß seine festen Zahnreihen, zwischen denen stets eine Zigarette
hing, und noch die zartrosa Zahnfleischbogen sichtbar wurden. »Mir
gefallen die japanischen Mädchen viel besser«, sagte er und goß aus
einem Meßzylinder Urin durch die Filter.
Seit einem Jahre untersuchte der Japaner geräuschlos und mit größter
Geduld die Urine des ganzen Spitals, rauchte unzählige Zigaretten dabei
und wurde von dem berühmten Kliniker, Geheimrat von Leube, sehr
geschätzt. Oldshatterhand schleppte für ihn bereitwilligst die
Untersuchungsstoffe zusammen. »Es gibt aber doch kein einziges blondes
Mädchen in Japan. Und deshalb verstehe ich nicht -- -- --. Warum sind
die Japaner eigentlich alle so kohlschwarz?«
»Weil schon die Säuglinge jede Woche rasiert werden. Der ganze Kopf. Das
macht schwarze Haare. Der ist am schönsten, der ganz schwarz ist.«
Neben dem Japaner arbeitete ein Türke mit aufgeschwemmtem Gesicht.
Oldshatterhand sah ihm eine Weile zu. »In der Türkei kann einer hundert
Frauen haben?«
Der Türke lächelte.
»Und Treue gibt's in der Türkei überhaupt nicht?«
»Treue?« fragte der Türke und stieß einen Ballon voll Alkohol um. Er
brachte nie etwas zustande, begann viel und beendete nichts. Aber
Geheimrat von Leube liebte es, daß Ausländer in seinem Laboratorium
arbeiteten.
Oldshatterhand wischte den verschütteten Alkohol auf. »Wenn aber jede
Frau zehn Kinder bekommt, dann ist so ein Türke Vater von tausend
Kindern? . . . Tausend Kinder in einer Familie?«
Der Türke lachte, daß seine Hängewangen zuckten. »Deshalb haben auch
fast alle Türken nur eine Frau. Nur wer ganz viel Geld hat, kann auch
mehr Frauen haben . . . Die Frauen sind kostbar und haben es gut bei uns
. . . Nicht so wie die deutschen Frauen.«
Herr Leisegang schritt durch das Laboratorium und blickte streng umher.
Herr Leisegang war klein und hatte ein Holzbein, so daß man ihn schon
von weitem kommen hörte.
Die Doktoren schielten ängstlich nach ihm hin und beugten sich
interessiert über ihre Arbeiten. Oldshatterhand spülte eifrig
Reagenzgläser.
Herr Leisegang war der Tyrann des ganzen Spitals. Der Herr Geheimrat
hätte lieber seine Assistenzärzte weggeschickt, als seinen treuen und
geschickten Diener entlassen.
Oldshatterhand wurde es ungemütlich zumute bei dem Gedanken, Herr
Leisegang könne erfahren, wer seine Tochter täglich nach Hause
begleitete, denn es war im ganzen Spital bekannt, daß Herr Leisegang
sich entschlossen hatte, sein Lenchen mit einem Assistenzarzt zu
verheiraten. Daß dieser dann Geheimrat werden würde, dafür wollte Herr
Leisegang schon sorgen.
Oldshatterhand mußte eine Kiste, die aus Rußland angekommen war, für
Herrn Leisegang öffnen. Eine große Kiste, vielfach verschnürt und
versiegelt. Obenauf lag Holzwolle, dann kam Heu, dann ein
Leinwandbündel, in dem, dick von Watte umpolstert, ein kleines
Fläschchen lag. -- Eine russische Fürstin hatte ihren Urin an den
berühmten Kliniker zur Untersuchung gesandt.
»Weg mit dem Mist! Her mit dem Stoff!« rief Herr Leisegang. »Da will ich
doch aber gleich einmal sehen! . . . Von einer Fürstin?« Er roch in das
Fläschchen, hielt es gegen das Licht und goß eine Probe vom Inhalt ins
Reagenzglas. »-- -- -- Eiweiß hat die Fürstin nicht.« Er nahm noch eine
Probe in ein zweites Reagenzglas. »-- -- -- Jetzt sowas! . . . Belästigt
das Weibsbild unsern Herrn Geheimrat . . . Zucker hat sie auch nicht.
Glaubt, weil sie eine Fürstin ist. Da muß ich aber doch gleich dem Herrn
Geheimrat das Resultat mitteilen.« Erbost stelzte Herr Leisegang aus dem
Laboratorium.
Der Herr Geheimrat schien anderer Meinung gewesen zu sein: eine Woche
später traf die Fürstin in Würzburg ein, mit großem Gefolge. Sie war
siebenundachtzig Jahre alt und mußte getragen werden.
Oldshatterhand bemühte sich um den weißen Foxterrier, der in einen engen
Käfig eingesperrt war. Man hatte ihn mit Veitstanzgift geimpft. Seit
Wochen drehte er sich im Kreis, schnell und unaufhörlich. Ein
irrsinniger, weißer Kreis.
Der Türke wollte eine Blutarbeit beginnen. Oldshatterhand ging ins
Schlachthaus, um frisches Schweine- und Ochsenblut zu holen.
Die Schweineschlachthalle war nicht groß. Oldshatterhand stand neben dem
Kessel, in dem das siedende Wasser dampfte.
Eine Partie Schweine wurde über die Schwelle hereingetrieben; sie
tappten ängstlich grunzend, die Schnauze suchend am Boden. Die bei den
Türpfosten stehenden Metzgerburschen ließen die schon erhobenen
Holzklöpfel auf die Schweinestirnen niedersausen; es krachte, wie wenn
ein Hund Knochen zerbeißt. Erstaunt anklagendes, aus voller Kraft
kommendes Schreien durchschnitt Oldshatterhands Gehör, und ebbte
kläglich ab. Die Tiere taumelten, fielen, und noch lebenzuckend, von
zwei Metzgerburschen geschwungen, platschten sie in den Kessel, hinein
in das siedende Wasser. Nur so, noch auf der Schwelle vom Leben zum
Tode, lassen sich die harten Schweineborsten leicht abschaben.
Die Leichen heraus aus dem Kessel, ein leise zischender Schnitt durch
die ganze Gurgel, und das dampfende Blut sprudelte in den Meßzylinder,
den der bebende Oldshatterhand bereit hielt. So wollte es der Türke.
Frisches Blut.
Als Oldshatterhand sich bewegte, schien es ihm, als habe er Schuhe aus
Blei an den Füßen. Ziehend ging er hinaus und hinüber: in die
Ochsenschlachthalle. Groß, hoch, aus Eisenkonstruktion.
Schlachtstand an Schlachtstand. Blutdampf erfüllte die Halle. Schreien,
Fluchen, Rindergebrüll, hastende Metzger, welche Häute, Gedärme, tote
Kälber schleppten.
»Ich möchte frisches Ochsenblut«, sagte Oldshatterhand zu einem jungen
Metzgerburschen, und sah ihm noch fragend und fremd ins blutverschmierte
Gesicht, als er die Kriechende Schlange schon erkannt hatte. ». . . Bist
du jetzt Metzger?«
»Nein, Büffeljäger!« brüllte die kraftstrotzende Kriechende Schlange und
hieb sein Messer in einen Ochsenschenkel.
Verwirrt sah sich Oldshatterhand in der dampfenden Schlachthalle um,
blöde auf die Kriechende Schlange zurück.
»Was schaust denn wie die Kuh wenn's donnert!«
». . . Blut soll ich holen.«
»Kannst 'n Faß voll hab!«
Die Kriechende Schlange und drei Metzgerburschen, Blutkörperchen in den
verschwitzten Gesichtern, die Hemdärmel bis zu den Schultern
aufgekrempelt, fesselten flink wie Teufel den Ochsen.
Die Schußvorrichtung über die Stirn geschnallt, ein leichter Schlag
darauf mit dem Hammer, ein schwacher Laut, wie wenn ein Stein ins Wasser
klatscht -- der Ochse stand -- schneller als ein Gedanke brach er
zusammen. Die Kugel war ihm durchs Hirn gejagt, hinein in den Körper,
durch das Herz.
Die Knie auf den Kopf, das Messer bis zum Heft in den Hals, ein
Rißschnitt, und das Blut brach dick wie ein junger Baumstamm aus,
überschwemmte den Schlachtstand, floß durch die Rinnen ab in den Kanal,
durch den Kanal in den Main, wo Angler neben Angler steht und die Fische
aus dem blutgefärbten Wasser schnellen.
Einer schnitt die Gelenke durch, ein anderer zog die Haut ab, die
Kriechende Schlange schlitzte den Bauch auf, riß die dampfenden Gedärme
heraus und stieß sie mit dem Fuß zur Seite.
Eisenhaken in die Vorderstumpfe, zu viert hoben sie fluchend den Ochsen.
Da hing er, violette Adern über dem blutrünstigen Fleisch, die Augen
verglast, den blauen Schlachtstempel auf dem Schenkel, in der Reihe
neben den anderen. Drei Minuten hatte das Ganze gedauert.
Oldshatterhand sah erbittert die Kriechende Schlange an, der einem Kalb
einen Tritt in die Weichen gab, daß es im Blut ausglitschte und in die
Knie sank. Er wollte etwas rufen, schwieg aber betroffen und blickte auf
den zierlich-kleinen Herrn mit kühlbleichem Gesicht und glänzend
schwarzem Spitzbart. Der Herr hatte einen schwarzen Anzug an, tadellos
weiße Wäsche und trug eine goldene Brille auf der leicht gebogenen Nase.
Der Schächter. In der Hand das meterlange, blitzende Messer, flach,
breit, ohne Spitze, blickte er still auf die Metzgerburschen, die einen
wild aufbrüllenden Ochsen fesselten, der am Boden lag.
»Fertig?«
Ruhig kniete er zum Kopf, den die Kriechende Schlange messergerecht
gedreht hielt, das Maul und die angespannte Gurgel nach oben, legte das
Messer an -- ohne noch zu schneiden --, da klaffte der Hals; das Messer
war bis zum Nacken durchgedrungen, das Blut überschwemmte den
Schlachtstand.
Der Ochse stampfte, schleuderte die drei auf ihm knienden Metzger hin
und her, stieß unbeschreibliche Stöhntöne aus, wobei immer neues Blut
ausbrach, zuckte, zitterte, wohl fünf Minuten lang, und verröchelte.
Die Kriechende Schlange stach ihm die Augen aus; ein Zittern lief durch
den ganzen Körper; der Ochse hob noch einmal schief den Kopf, und ließ
ihn verendend sinken. Die Metzger brüllten vor Lachen, weil die
Kriechende Schlange die Ochsenaugen an die Wand schmetterte, daß sie
kleben blieben und von der Wand herunter auf die Metzger stierten.
»Wa . . . wa . . . warum quä . . . quält ihr denn den Ochsen so?« fragte
Oldshatterhand, vor Grauen wieder stotternd.
»'n Ochsen? . . . quääälen? Du spinnst ja«, sagte die Kriechende
Schlange lachend. »Und dann, das ist doch das jüdische Gesetz.«
»Aber warum hast du denn die A . . . Augen rausgestochen . . . die A
. . . Augen dort an der Wand . . . an der Wand . . . Er hat . . . hat ja
noch gelebt.«
»A . . . A . . . A . . . Augen!« rief die Kriechende Schlange lachend,
warf sich die blutrünstige Ochsenhaut über die Schulter und ließ
Oldshatterhand stehen. Die Metzger schlugen sich auf die Schenkel vor
Vergnügen.
Der zierliche Schächter war schon zum nächsten Ochsen gegangen, der für
ihn bereit lag.
Ein kleines, weiß gekleidetes Mädchen, mit einem Lämmchen aus Holz im
Arm, trippelte zwischen den hastenden Metzgerburschen durch zu seinem
Vater, dem Schächter. Der strich ihm übers Haar, küßte sein Kind, drehte
es um und schob es weg.
Oldshatterhand drückte sich zur Seite; schwankende Ochsen mit
angststierenden, wissenden Augen wurden hereingeführt, hereingezogen,
brüllten dumpfklagend -- nicht laut --, die schäumenden Mäuler in die
Höhe gereckt.
Hinein in den Schlachtstand, gefesselt -- drei Minuten später hingen sie
ausgenommen, abgehäutet, die Stümpfe von sich streckend, die blauen
Zungen bläkend, in der Reihe neben den anderen.
Oldshatterhand floh durch den Blutdampf hinaus -- da schien die Sonne.
Die Spatzen flatterten und schrien.
Er blieb stehen. Und dachte zurück -- wie oft er am Schlachthaus
vorbeigegangen war, Tiergebrüll gehört hatte, Metzgerwagen voll blutiger
Schweine herausfahren und Ochsen hineinbringen gesehen hatte. Große
Schafherden, zusammengedrängt. »Man geht vorüber.«
Er begann zu rennen, durch die verschneiten Anlagen, blieb stehen, den
unbeschreiblichen Ton des Verröchelns im Ohr, und schmetterte plötzlich
die Blutgläser in den Schnee. Gierig fraß der Schnee das Blut. Es sah
aus, als wäre hier ein Mensch ermordet worden.
Die Hände in den Rocktaschen, die Schultern hochgezogen, ging er zurück
ins Laboratorium. »Ich bringe kein Blut.«
»Ich muß aber Blut haben.«
»Häää! Ich bringe kein Blut,« wiederholte er hämisch, und brüllte noch
einmal, voller Wut Gesicht an Gesicht zum Türken tretend: »Kein Blut!«
wandte sich stracks um und ging weg. Durch den trichterförmigen Hörsaal;
da stand Herr Leisegang und drehte die Kurbel des Sauerstoffapparates,
während ein Kranker, in der blau-weiß gestreiften Spitalskleidung, den
Schlauch in den Mund hielt und mächtig ein- und ausatmete.
»Jessas! Jessas! Jessas!« rief Herr Leisegang und nahm den Schlauch
selbst in den Mund. »Wie kann man sich so viechdumm anstellen. Jetzt
drehen Sie einmal.«
In der Ecke standen die Frauen von der Hautkrankenabteilung für das
Kolleg des Herrn Doktor Edelmut bereit und lachten.
»Ihr lacht? Ihr habt's nötig! Jetzt sowas!« rief Herr Leisegang, und der
glatzköpfige Herr Doktor Edelmut blickte empört zu den Mädchen hin.
Oldshatterhand war erschrocken stehen geblieben. Unter den an Schminke
gewöhnten, jetzt entschminkten, fleckigen und mit Geschwüren besetzten
Gesichtern sah er das des kleinen, schönen Waisenmädchens, dessen sich
der Inhaber der drei Häuschen angenommen hatte. Ihr feingeschwungener
Mund war auch jetzt tiefrot. Die Lippen bildeten eine lasterhafte,
wissende Mundlinie.
Seit sechs Wochen war das Kind Tag und Nacht mit den hautkranken Frauen
zusammen auf der Abteilung. Sie blickte Oldshatterhand ungeniert
lächelnd in die Augen. Er drückte sich an den Frauen vorbei, hinaus auf
den Gang.
Da standen drei Prüfungskandidaten in Gehröcken, mit weißen Binden, und
flüsterten miteinander, wie in einem Sterbezimmer.
»Herr Vierkant, ist der Geheimrat guter Laune?« stotterte ein Großer,
Dicker. »Hat er heute schon gelacht?«
Die drei Studenten umringten Oldshatterhand, der plötzlich mit seltsamem
Pathos rief: »Er hat gelacht! . . . Aber wir sind gemein! Ich sage, wir
alle sind gemein! Alle! Er hat gelacht.«
Die Studenten sahen entsetzt auf ihn. Selbst seine Lippen waren erblaßt.
»Er hat gelacht?« flüsterte betroffen der Dicke.
Da riß Herr Leisegang die Tür auf: »Meine Herren! der Herr Geheimrat
erwartet Sie«, und hinkte energisch voran.
Unaufgefordert ging Oldshatterhand am nächsten Tage ins Schlachthaus,
hielt den Meßzylinder unter das noch zuckende Tier und brachte das Blut
dem Türken. Der reichte ihm eine Mark.
»Ich nehme kein Geld dafür!«
Als Oldshatterhand am Abend das Haus des bleichen Kapitäns betrat, stand
die Wirtschaftstür offen; er sah die hochschwangere, schöne Kellnerin,
weiß wie ihre Schürze an der Wand lehnen und sah, wie der Wirt, die
kranken Augen wütend aufgerissen, das Bierfaß vom Schenktisch weg auf
den Tisch in der Mitte der Wirtsstube schleuderte, daß die Platte
zersplitterte und das Bier im Bogen zur Decke schoß. Die Witwe Benommen
stand reglos, die Lippen eingekniffen, die dürren Hände vor dem Bauch
gefaltet, in der Schenke. Der bleiche Kapitän stand in der Ecke, beide
Hände in den Hüften. Gäste waren keine in der Stube.
* * * * *
An einem Abend im Mai gingen die Räuber am Mainufer entlang, auf die
Sandinsel zu, wo die Weiden um die kleinen Seen stehen.
Plötzlich stockte die erregte Unterhaltung. Zwischen den Weiden hervor
kamen Mädchen, paarweise hintereinander wandelnd. Sie waren mit Rosen
und Nelken geschmückt. Still geworden, zog der Zug der Mädchen am Zuge
der Jünglinge vorüber und verschwand in den Weiden. Und gleich darauf
ertönte aus dem Dunkel das helle Mädchengelächter. Die Räuber standen
und horchten. Und ohne daß einer dazu aufforderte, kehrten sie
geschlossen um und standen einige Minuten später am Eingang der
Fischergasse, wo die Ampeln rosigen Schein auf das Pflaster
herauswarfen.
»Wollen wir einmal durchgehen, durch die Fischergasse?« fragte
Falkenauge endlich zögernd, weil die Räuber immer noch schweigend
standen, eng zusammengedrängt, und in die Gasse hineinsahen.
»Ich geh nit mit durch«, sagte die Rote Wolke sofort und trat ein paar
Schritte zurück.
Verlegen lächelnd sahen sie auf den Schreiber, der die Brust vorstreckte
und sagte: »Ich geh allein durch, wenn ihr keine Schneid habt.«
Die Linke in die Hüfte gestemmt, mit der Rechten sein dünnes Stöckchen
im Kreise herumwirbelnd, ging der Schreiber mit gleichgültigem Gesicht
sehr schnell durch die Gasse.
Die Räuber sahen ihm entgegen, als er stöckchenwirbelnd wieder durch die
Gasse zu ihnen zurückkehrte. »Das wär mir aber auch noch was«, sagte er
heiser, und redete so lange, bis sich alle, zu einem dunklen Grüppchen
zusammengedrängt, durch die Gasse schoben, an den rosabeleuchteten
Häuschen vorbei, aus denen kein Laut kam.
Sie gingen zur Übungsstunde zum bleichen Kapitän, der nicht dabei
gewesen war.
In der Nacht lehnte Oldshatterhand allein an der Mauer, gegenüber den
drei Häuschen, und starrte intensiv horchend auf die rosa
Fensterausschnitte, preßte die Hand aufs Herz. Und trat ein.
Eine dunkle Alte öffnete ihm die Zimmertür. Zuerst sah er nur den
Nickelglanz des Büfetts, und dann, durch den Zigarettendampf hindurch,
drei Frauen in hellen Hängekleidern vom Kanapee aufstehen. Sie redeten
noch weiter miteinander. Oldshatterhand hörte nichts; er sah Farben vor
seinen Augen kreisen, abwechselnd giftgrün und dunkelrot. Die Frauen
präsentierten sich und sahen verlegen einander an, weil Oldshatterhand
sich nicht rührte und nicht sprach.
Die Älteste, deren mächtiger Busen in einen vielfarbig glitzernden
Schuppenpanzer eingezwängt war, bewegte sich wie eine Mannequin vor
Oldshatterhand und schnalzte dazu mit den Fingern.
Eine Rötlichblonde mit aufgeworfenem Schmollmund, die auf dem Kanapee
sitzen geblieben war, fing Oldshatterhands rettungsuchenden Blick auf,
erhob sich und fragte lächelnd: »Willst du mich? Kleiner«, zog ihn, als
er nicht antwortete, zur Tür hinaus und führte ihn in den ersten Stock
hinauf.
In ein ganz kleines Zimmerchen, in dem sich nichts als ein geöffnetes
weißes Bett und eine Ottomane mit einer türkischen Decke befand. Die
rosa Ampel an der niederen Decke erleuchtete das Zimmerchen schwach.
Das Mädchen ließ das Hängekleid fallen, und stand nackt vor
Oldshatterhand. Gleichgültig ordnete sie mit beiden Händen etwas an
ihren Haaren. Oldshatterhand sah auf die Haare in ihren Armhöhlen. Sein
ganzer Körper zitterte vor Schwäche und übergroßer Angsterregung.
»Komm, gib das Geld. Wieviel gibst du mir? . . . Fünf Mark?«
Er gab ihr das Geldstück.
Sie legte sich auf die Ottomane, stellte ein Bein auf und winkte ihn zu
sich.
Langsam ging er zu ihr hin, sah auf sie hinunter.
Und als sie ihn angriff, mußte sie lachen. »Greife halt her . . . Komm,
greif her.« Sie nahm seine Hand und zog sie zu ihrem Körper . . . mußte
noch öfter lachen, tätschelte ihm die Wange und sagte endlich: »Da mußt
du halt wieder fortgehen. Hast halt zu viel getrunken.«