»Ach nee.«
»Unheimlich viel.«
»Die beißen Ihnen doch nich.«
»Sie haben mich gebissen.«
»Aber die fressen Ihnen doch nich.«
»Fressen?«
»Tun se nich. Da ist der Kaffee.«
»Erst komm ich!« rief der Viehtreiber.
»Und dann ich!« der Bräutigam. »So war's ausgemacht.«
Oldshatterhand wartete, bis die beiden die einzige Kaffeeschale benutzt
hatten und er daran kam. »Also, ich ziehe aus, wegen der Wanzen.«
»Wanzen!« schrie die Wirtin. Und Viehtreiber und Bräutigam erhoben sich
drohend.
»Und . . . die Kaffeetasse hat keinen Henkel mehr«, stotterte der
ratlose Oldshatterhand.
Da zog der Idiot das Hemd aus; sein Augenweiß wurde blutrot. Das Messer
unter den Nabel an den haarigen Bauch gehalten, mit der Spitze nach
vorne, berannte er seine Mutter, die, mit einem rätselhaften Blick auf
ihren Sohn, aus der Kammer sich in Sicherheit brachte.
Viehtreiber und Bräutigam lachten und schmissen den nackten Idioten auf
des Viehtreibers Bett, wo er hocken blieb und den Brocken Brot, den er
im Bett fand, in den Mund steckte.
Oldshatterhand stand schon bei der Flurtür, mit seinem
Segeltuchköfferchen in der Hand, und ärgerte sich, weil er für die ganze
Woche vorausbezahlt hatte, eine Mark fünfzig Pfennige, und nichts
zurückbekam. Da trat die Braut im Hemd aus dem Dunkel und drückte den
mageren Oldshatterhand in ihren weichen Körper hinein. »Schreibe mir, wo
du wohnst.«
Die Kammertür wurde vom Bräutigam geöffnet. Das Mädchen huschte ins
Wohnzimmer.
* * * * *
Schon um sechs Uhr war der große Tanzsaal taghell erleuchtet und dicht
besetzt: von Köchinnen und Ladenmädchen in hellen Sommerkleidern, von
Handwerkern, eleganten Kommis; und die Unteroffiziere, groß, schlank, in
knapp sitzenden Uniformen mit goldglitzernden Litzen und an die Wangen
angepreßten Schnurrbärten waren von Leutnants kaum zu unterscheiden,
wenn sie mit vornehmer Verbeugung die Hacken zusammennahmen und, den Arm
ausgestreckt, den Kopf im Nacken, mit ihren Damen im Schleifwalzer
dahinglitten.
Vergoldete Stuckamoretten und posaunenblasende Schleiernymphen schwebten
plastisch an der Decke, aus den Wänden heraus und aus allen Winkeln und
Nischen hervor.
Die Blasmusik schmetterte zum Tanze an und brach ab.
Die Herren engagierten und stellten sich in die Reihe.
Oldshatterhand riß sich zusammen und schritt auf eine sehr kleine, runde
Köchin in rosa Mullkleid los, die übrig geblieben war, stand wie ein
Stock, nur den Kopf geneigt, und sagte: »Wenn ich bitten darf.«
Sie seufzte vor Freude tief auf. Ihr dickes, sommersprossiges Gesicht
war lackrot. Staketenzaunsteif stand ihr Korsett; darin lag weich der
kolossale Busen, weit hinten saß der Kopf, und mitten auf dem Scheitel
klebte, in Form eines spitzen Kinderkreisels zusammengedreht das
Haarzöpfchen.
Die Blasmusik setzte ein, und ein großer, prächtiger Unteroffizier mit
glänzenden Lackstiefeln schwebte goldglitzernd mit seiner schönen Dame
als Erster quer durch den Saal.
Seit einem halben Jahr, solange er in Dresden war, tanzte Oldshatterhand
mit aller Leidenschaft jeden Sonntag, wenn das Geld reichte, bis in den
frühen Morgen hinein. Seine Wangen waren fahl und seine blauen Augen
ungewöhnlich groß geworden. Oft schmerzte ihn die Brust; er wuchs rapid,
was eine günstige Veränderung seiner Sprechorgane zur Folge zu haben
schien, denn er stotterte nicht mehr.
Am Arm geleitete er seine Dame zum Tisch zurück und stand steif.
»Gestatten Sie vielleicht, daß ich mich zu Ihnen setze? . . . Ich würde
mich sehr freuen.«
Sie wischte sich mit dem Handrücken die trüben Schweißperlen von der
Stirne. »Bitte, wenn's Ihnen so gräßlich freuen tut.«
»Darf ich Ihnen mein Taschentuch anbieten, mein Fräulein?«
Von ihr zusammengeknäuelt, verschwand Oldshatterhands Taschentuch
vollkommen in der Riesenhand; sie wischte sich übers Gesicht, über den
Mund weg, daß die Unterlippe weit mit hinuntergezogen wurde und die
breite, feuchte, zartrosa Fläche des Lippeninnern sichtbar wurde, und
fragte zwinkernd, ob er immer so galant sei.
Er verbeugte sich stumm. Oldshatterhand hatte ein hellgelbes Röckchen
an, dessen Ärmel ihm viel zu kurz waren und dem er auch sonst stark
entwachsen war. Seine braunen Haare über der hohen Stirne standen zu
Berge. Die langen, feingliedrigen Finger unter dem Tisch ineinander
verkrampft, fragte er: »Würden Sie mir erlauben, daß ich Sie nach Hause
begleite, mein Fräulein?« Und tief erschrocken setzte er hinzu: »Sie
dürfen nicht denken . . . ich wollte Sie nicht beleidigen.«
Sie hielt Oldshatterhands Taschentuch vor den Mund und lugte darüber
hinaus auf ihn. »Heute geht's nicht. Ich schlafe ja heute nacht im
Zimmer meiner Gnädigen. Sie ist eben nicht ganz gesund . . . Heute
nicht. So ist es eben.«
Er starrte die Köchin an und lachte »Hi! hihiha!« plötzlich sein
irrsinniges Lachen.
»Auf zur Damenwahl!« rief der Tanzordner. Und die Köchin verneigte sich
vor Oldshatterhand.
Tags darauf, es war noch ein Feiertag, blieb Oldshatterhand auf dem Wege
zum Tanzsaal vor dem Museum stehen. Ein Diener in Livree stand da. Wagen
hielten vor dem Hause, Fremde stiegen aus und gingen hinein.
Oldshatterhand ging auch hinein. Und auf den Zehenspitzen staunend durch
die kühlen Säle.
Nach kurzer Zeit mußte er sich erschöpft auf eine Polsterbank setzen.
Erregt dachte er an seine Zeichnung, die er im »Zimmer« nach dem
»Heiligen Tier« gemacht hatte, und verglich sie mit den Kunstwerken an
den Wänden. Wirre Gedanken und Vorstellungen zogen durch sein heißes
Gehirn, bis er, aus Angst, jemand habe ihm seine Gedanken vom Gesicht
abgelesen, zusammenschrak. Mit gleichgültiger Miene sah er sich
vorsichtig um.
Von nun an eilte er täglich nach Feierabend ins Museum und konnte gerade
noch zwanzig Minuten lang die Bilder ansehen.
Er sparte jeden Pfennig und sammelte sein Geld in einem Zugbeutel, den
er Tag und Nacht auf der Brust bei sich trug. Als er genug zu haben
glaubte, ging er nicht mehr auf die Arbeit, nur noch ins Museum und sah
stundenlang den Malern zu, wie sie kopierten. Sie kannten ihn schon und
lächelten, wenn er kam.
Immer, wenn er eintrat, betrachtete er zuerst eine kleine Landschaft,
und wieder, ehe er das Museum verließ. Es war eine hügelige Landschaft
mit Felderstreifen, grün und braun; ein paar blühende Apfelbäume
dazwischen und darüber ein Gewitterhimmel, durch den die Sonne brach. Er
liebte diese Landschaft; sie erinnerte ihn an die unterfränkischen
Hügel.
Um fünfzig Pfennige kaufte er sich einen Farbkasten mit Pinsel, und
malte von seinem Dachfenster aus die Ansicht von Dresden.
Darüber verging ihm der Winter.
* * * * *
Es war ein so heißer Sommer, daß selbst ganz alte Würzburger
Bürgersleute, die das Wasser jahrelang gerne entbehrt hatten, sich
entschlossen, ein Bad im Main zu nehmen. Und die Kinder plätscherten den
ganzen Tag über im Wasser herum.
Der bleiche Kapitän ging von seiner Buchbinderwerkstatt nach Hause zum
Mittagessen. Das kleine, grüne Plüschhütchen verwegen auf einem Ohr, daß
die andere blonde Kopfhälfte freiblieb, eilte er, die Lippen mürrisch
nach außen gestülpt, mit langen Schritten dicht an den Häusern entlang,
daß sein Ärmel die Mauern streifte, und schien mit den Fingerspitzen,
mit denen er bei jedem Schritt die Hausmauern berührte, den Weg hinter
sich zu schieben.
Hastig aß er sein Mittagbrot, sprang hinauf in seine Dachkammer und übte
alle seine neu angeschafften Hanteln durch.
Von drei Pfund an aufwärts, bis zu einer zweihundertachtzigpfündigen
Scheibenhantel, lagen in der Kammer des bleichen Kapitäns in Reihen
geordnet die Gewichte, daß sich die Balken bogen und die Decke unter der
Kammer einzustürzen drohte.
Der bleiche Kapitän hatte ein Buch gelesen: »Wie werde ich Athlet«.
Und von dem Tage an war er von Grund auf verändert, rauchte nicht mehr,
trank nicht mehr, redete nur noch das Nötigste -- er stemmte. Die Folge
davon war ein schwerer Konflikt mit seinem Bruder, Benommen dem Wirt,
der dunkel ahnte, daß er die Räuber als Kundschaft verlieren würde, wenn
es ihnen einfiele, auch Athleten zu werden.
Der bleiche Kapitän hob die Hanteln wieder auf das Gestell, denn die
Mittagstunde war vorüber. Tief aufatmend, spannte er einen Zentimeter um
seinen Brustkasten herum, notierte das Maß, kontrollierte den Muskel des
Oberarms und konnte mit Freude feststellen, daß der Muskel seit einer
Woche um eineinhalb Millimeter stärker geworden war. Nachdem er noch
Unterarm- und Schenkelmuskel gemessen hatte, eilte er, ohne den Blick zu
erheben, dicht an den Häusern entlang, seiner Arbeitsstätte zu.
Auf der Domstraße traf er den Schreiber dabei an, wie er tief das
Mädchen mit den braunen Zöpfen grüßte.
Der Schreiber ging gebeugt und hatte kreisrunde Flecken auf den
eingefallenen Wangen.
»Das, was du damals gesagt hast, was man jeden Tag tun dürfe, so oft man
nur wolle . . ., das ist das Gefährlichste, was es überhaupt gibt auf
der Welt«, sagte der bleiche Kapitän. »Und was gar die Mädli anbelangt,
mein Lieber, da sag ich dir: wenn du e Mädle nur ansiehst, dann kannst
schon nimmer stemm -- so schwächt dich das. Grüß Gott.« Das war des
bleichen Kapitäns letzter längerer Satz auf Jahre hinaus.
Die Räuber kamen gar nicht mehr zusammen.
Die Rote Wolke sang den ganzen Tag »Nach der Heimat möcht ich wieder,
nach dem teuren Heimatort«, denn er war Mitglied des Jünglingvereins
»Frischer Bursch« geworden, der auch Theatervorstellungen gab. Das
Stiftungsfest des Vereins stand nahe bevor, das Einweihungslied war
wochenlang geprobt worden, und die Rote Wolke sang den ersten Tenor. Der
König der Luft war eifriger Turner und trug sich mit der Idee, zusammen
mit einigen jungen Anhängern, die Hanteln jonglieren und auf den Händen
laufen konnten, eine Varietévorstellung zu geben, in einem Dorfe bei
Würzburg. Falkenauge war aktives Mitglied der Angelgesellschaft
»Walfisch« geworden.
Jeder ging seine eigenen Wege. Groß jedoch war die Bewunderung der
Räuber, als sie vernahmen, daß der bleiche Kapitän einen Preis errungen
hatte beim Vereinsstemmen des Athletenklubs »Muskel«, dessen Mitglied er
war.
* * * * *
Die kleine, dicke Frau Vierkant stand seit einer Stunde in der
Würzburger Bahnhofshalle und sah hinunter in den Perrondurchgang. Hin
und wieder wischte sie sich über die Augen, und ein Lächeln des Glückes
entstand in ihrem verhärmten Gesicht.
Als der Zug einlief, verschwand das Lächeln; in höchster Spannung der
Erwartung und des Zweifels blickte sie hinunter in den Durchgang, durch
den jetzt die angekommenen Reisenden eilten. Darunter ein schlanker
junger Mann in hochmodernem, blauen Anzug und mit einer schwarz-weiß
gestreiften Krawatte, die sich weit heraus wölbte; sein dünnes
Spazierstöckchen mit blitzender Zinnkrücke hielt er unterm Arm, denn er
zog eben braune Glacéhandschuhe über.
Mit einer Verbeugung nahm er seinen steifen Hut ab vor Frau Vierkant,
streckte ihr die Hand hin und lächelte.
Sie reichte ihm zögernd die ihre. Und warf plötzlich die Arme über den
Kopf.
Jetzt erst hatte sie ihren Sohn Oldshatterhand erkannt; er war um mehr
als einen Kopf größer geworden.
»Einen Gummimantel hast du dir gekauft?« fragte die Mutter erstaunt.