Die Gräfin Orsina. Marinelli.
Orsina (ohne den Marinelli anfangs zu erblicken). Was ist
das?--Niemand kömmt mir entgegen, außer ein Unverschämter, der mir
lieber gar den Eintritt verweigert hätte?--Ich bin doch zu Dosalo? Zu
dem Dosalo, wo mir sonst ein ganzes Heer geschäftiger Augendiener
entgegenstürzte? wo mich sonst Liebe und Entzücken erwarteten?--Der
Ort ist es, aber, aber!--Sieh da, Marinelli!--Recht gut, daß der Prinz
Sie mitgenommen.--Nein, nicht gut! Was ich mit ihm auszumachen hätte,
hätte ich nur mit ihm auszumachen.--Wo ist er?
Marinelli. Der Prinz, meine gnädige Gräfin?
Orsina. Wer sonst?
Marinelli. Sie vermuten ihn also hier? wissen ihn hier?--Er
wenigstens ist der Gräfin Orsina hier nicht vermutend.
Orsina. Nicht? So hat er meinen Brief heute morgen nicht erhalten?
Marinelli. Ihren Brief? Doch ja, ich erinnere mich, daß er eines
Briefes von Ihnen erwähnte.
Orsina. Nun? habe ich ihn nicht in diesem Briefe auf heute um eine
Zusammenkunft hier auf Dosalo gebeten?--Es ist wahr, es hat ihm nicht
beliebet, mir schriftlich zu antworten. Aber ich erfuhr, daß er eine
Stunde darauf wirklich nach Dosalo abgefahren. Ich glaubte, das sei
Antworts genug, und ich komme.
Marinelli. Ein sonderbarer Zufall!
Orsina. Zufall?--Sie hören ja, daß es verabredet worden. So gut als
verabredet. Von meiner Seite der Brief, von seiner die Tat.--Wie er
dasteht, der Herr Marchese! Was er für Augen macht! Wundert sich das
Gehirnchen? und worüber denn?
Marinelli. Sie schienen gestern so weit entfernt, dem Prinzen jemals
wieder vor die Augen zu kommen.
Orsina. Beßrer Rat kömmt über Nacht.--Wo ist er? wo ist er?--Was
gilt's, er ist in dem Zimmer, wo ich das Gequieke, das Gekreische
hörte?--Ich wollte herein, und der Schurke von Bedienten trat vor.
Marinelli. Meine liebste, beste Gräfin.
Orsina. Es war ein weibliches
Gekreische. Was gilt's, Marinelli?--O sagen Sie mir doch, sagen Sie
mir--wenn ich anders Ihre liebste, beste Gräfin bin--Verdammt, über
das Hofgeschmeiß! Soviel Worte, soviel Lügen! Nun, was liegt daran,
ob Sie mir es voraussagen oder nicht? Ich werd es ja wohl sehen.
(Will gehen.)
Marinelli (der sie zurückhält). Wohin?
Orsina. Wo ich längst sein sollte.--Denken Sie, daß es schicklich ist,
mit Ihnen hier in dem Vorgemache einen elenden Schnickschnack zu
halten, indes der Prinz in dem Gemache auf mich wartet?
Marinelli. Sie irren sich, gnädige Gräfin. Der Prinz erwartet Sie
nicht. Der Prinz kann Sie hier nicht sprechen--will Sie nicht
sprechen.
Orsina. Und wäre doch hier? und wäre doch auf meinen Brief hier?
Marinelli. Nicht auf Ihren Brief.
Orsina. Den er ja erhalten, sagen
Sie.
Marinelli. Erhalten, aber nicht gelesen.
Orsina (heftig). Nicht gelesen?--(Minder heftig.) Nicht
gelesen?--(Wehmütig und eine Träne aus dem Auge wischend.) Nicht
einmal gelesen?
Marinelli. Aus Zerstreuung, weiß ich--Nicht aus Verachtung.
Orsina (stolz). Verachtung?--Wer denkt daran?--Wem brauchen Sie das
zu sagen?--Sie sind ein unverschämter Tröster, Marinelli!--Verachtung!
Verachtung! Mich verachtet man auch! mich!--(Gelinder, bis zum Tone
der Schwermut.) Freilich liebt er mich nicht mehr. Das ist ausgemacht.
Und an die Stelle der Liebe trat in seiner Seele etwas anders. Das
ist natürlich. Aber warum denn eben Verachtung? Es braucht ja nur
Gleichgültigkeit zu sein. Nicht wahr, Marinelli?
Marinelli. Allerdings, allerdings.
Orsina (höhnisch). Allerdings?--O des weisen Mannes, den man sagen
lassen kann, was man will!--Gleichgültigkeit! Gleichgültigkeit an die
Stelle der Liebe?--Das heißt, nichts an die Stelle von etwas. Denn
lernen Sie, nachplauderndes Hofmännchen, lernen Sie von einem Weibe,
daß Gleichgültigkeit ein leeres Wort, ein bloßer Schall ist, dem
nichts, gar nichts entspricht. Gleichgültig ist die Seele nur gegen
das, woran sie nicht denkt; nur gegen ein Ding, das für sie kein Ding
ist. Und nur gleichgültig für ein Ding, das kein Ding ist--das ist
soviel als gar nicht gleichgültig.--Ist dir das zu hoch, Mensch?
Marinelli (vor sich). O weh! wie wahr ist es, was ich fürchtete!
Orsina. Was murmeln Sie da?
Marinelli. Lauter Bewunderung!--Und wem ist es nicht bekannt, gnädige
Gräfin, daß Sie eine Philosophin sind?
Orsina. Nicht wahr?--Ja, ja, ich bin eine.--Aber habe ich mir es itzt
merken lassen, daß ich eine bin?--O pfui, wenn ich mir es habe merken
lassen, und wenn ich mir es öfterer habe merken lassen! Ist es wohl
noch Wunder, daß mich der Prinz verachtet? Wie kann ein Mann ein Ding
lieben, das, ihm zum Trotze, auch denken will? Ein Frauenzimmer, das
denkt, ist ebenso ekel als ein Mann, der sich schminket. Lachen soll
es, nichts als lachen, um immerdar den gestrengen Herrn der Schöpfung
bei guter Laune zu erhalten.--Nun, worüber lach ich denn gleich,
Marinelli?--Ach, jawohl! Über den Zufall! daß ich dem Prinzen
schreibe, er soll nach Dosalo kommen; daß der Prinz meinen Brief nicht
lieset und daß er doch nach Dosalo kömmt. Ha! ha! ha! Wahrlich ein
sonderbarer Zufall! Sehr lustig, sehr närrisch!--Und Sie lachen nicht
mit, Marinelli?--Mitlachen kann ja wohl der gestrenge Herr der
Schöpfung, ob wir arme Geschöpfe gleich nicht mitdenken dürfen.
--(Ernsthaft und befehlend.) So lachen Sie doch!
Marinelli. Gleich, gnädige Gräfin, gleich!
Orsina. Stock! Und darüber geht der Augenblick vorbei. Nein, nein,
lachen Sie nur nicht.--Denn sehen Sie, Marinelli, (nachdenkend bis zur
Rührung) was mich so herzlich zu lachen macht, das hat auch seine
ernsthafte--sehr ernsthafte Seite. Wie alles in der Welt!--Zufall?
Ein Zufall wär' es, daß der Prinz nicht daran gedacht, mich hier zu
sprechen, und mich doch hier sprechen muß? Ein Zufall?--Glauben Sie
mir, Marinelli: das Wort Zufall ist Gotteslästerung. Nichts unter der
Sonne ist Zufall--am wenigsten das, wovon die Absicht so klar in die
Augen leuchtet.--Allmächtige, allgütige Vorsicht, vergib mir, daß ich
mit diesem albernen Sünder einen Zufall genennet habe, was so offenbar
dein Werk, wohl gar dein unmittelbares Werk ist!--(Hastig gegen
Marinelli.) Kommen Sie mir und verleiten Sie mich noch einmal zu so
einem Frevel!
Marinelli (vor sich). Das geht weit!--Aber gnädige Gräfin....
Orsina. Still mit dem Aber! Die Aber kosten Überlegung--und mein
Kopf! mein Kopf! (Sich mit der Hand die Stirne haltend.)--Machen Sie,
Marinelli, machen Sie, daß ich ihn bald spreche, den Prinzen; sonst
bin ich es wohl gar nicht imstande.--Sie sehen, wir sollen uns
sprechen, wir müssen uns sprechen!