10. Der Befreier.

Als Thomas aus seiner Ohnmacht erwachte, kannte sein Jammer und Schmerz

über den Tod des geliebten Leidensgefährten keine Grenzen. Laut weinend

warf er sich über ihn hin, rief ihn mit den zärtlichsten Namen, küßte

die erblaßten Lippen und streichelte die eiskalten Hände. Ach, wie

furchtbar war es, nun ganz allein zu bleiben, und auch den letzten

entsetzlichen Weg allein gehen zu müssen ohne Zuspruch und Vorbild des

väterlichen Freundes! Ach, es war fast zu schwer! Doch dauerte dieser

heftige Ausbruch des Schmerzes nicht lange. »O wie selbstsüchtig bin

ich doch!« sprach er bald. »Sollte ich mich nicht freuen, daß er den

Händen der Grausamen entronnen ist, und Gott ihn sanft hinübergeführt

hat ins Himmelreich? O, ich seh' ihn im Geist am Throne des Heilandes

knieen, der ihm die Krone der Ueberwinder aufsetzt! Bald, bald werd'

ich ihm folgen, wenn auch auf rauherem Wege. Was sind einige Stunden

irdischer Qual gegen die himmlische Freude, den ewigen Frieden? Ich

will an die zarten Jünglinge denken, von denen mir Muhme Lene erzählte.«

Dennoch flossen seine Tränen unaufhaltsam, als er, an dem elenden

Sterbelager sitzend, immer von neuem die abgemagerten Hände und die

edle, hohe Stirn des Ueberwinders küßte.

Gegen Abend trat der Hüter wieder ein und sprach: »Es ist Befehl vom

Kloster gekommen, daß Euer Freund noch heute an abgelegener Stelle

eingescharrt und sein Grab mit Steinen bedeckt werden soll.«

»Nun wohl«, entgegnete Thomas; »er wird trotzdem am Jüngsten Tage die

Posaune der Auferstehung hören, und hervorgehen zu ewiger Freude und

Wonne! Aber ich bitt' Euch, laßt mich Euch begleiten, wenn man ihn ins

letzte, kalte Bett legt! O, versagt mir's nicht! Still und geduldig

will ich dann wieder ins Gefängnis zurückkehren. Ihr seht ja selbst,

daß ich kaum mit Mühe einige Schritte tun, geschweige denn entfliehen

kann!«

»Es sei«, erwiderte der Mann. »Ihr seid Leute, deren Wort man

trauen darf. Mein Weib will ein sauberes Laken hergeben, den Toten

einzuhüllen.«

So wusch Thomas das teure Antlitz und die treuen Hände des Freundes,

strich das ergraute Haar glatt und gab ihm den Abschiedskuß. Dann

hüllte er ihn mit Hilfe des Kerkermeisters in das Leintuch, kniete

nieder und betete lange. Nun kamen zwei rauhe Klosterknechte, den

Toten fortzutragen, und Thomas erkannte einen davon wieder; es war

derselbe, der im Kahn ihm gegenüber gesessen. Auf des Kerkermeisters

Arm gestützt wankte er aus der Tür, und die klare, frische Luft, die

er so lange nicht geatmet, berauschte ihn fast. Am Abendhimmel blinkte

schon hier und da ein Sternlein auf, und leise rauschten die Wellen

des Flusses. Nicht weit vom Turme, mitten in dichtem, jetzt noch

blätterlosen Gebüsch, hatte man das Grab gegraben; der Leichnam ward

still hineingesenkt, eine Schicht Erde und viele Steine darauf geworfen.

Als Thomas niederkniete, um zu beten, entblößten auch die rauhen Männer

das Haupt, und lauschten den herrlichen Worten, die ihnen ganz fremd

waren:

»Wenn der HErr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein

wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens, und unsere Zunge

voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Heiden: ›Der HErr hat

Großes an ihnen getan!‹ Der HErr hat Großes an uns getan, des sind wir

fröhlich! HErr, wende unser Gefängnis, wie Du die Wasser gegen Mittag

trocknest. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen

hin und weinen, und tragen edlen Samen, und kommen mit Freuden und

bringen ihre Garben.«

Nun war alles vorüber, und nach wenig Minuten lag Thomas einsam auf

dem nun so verlassenen Lager. »Schlaf wohl in deinem stillen Grab,

du frommer, edler Mann! Du hast viele zum Kreuze Christi gewiesen;

aber auf dein Grab ward kein Kreuz gesetzt! Du hast viele Nackende

gekleidet; dir aber versagte man das Totenhemd! Dein Herz war so warm,

so liebreich, daß es gern jedem helfen, jeden erfreuen wollte; und doch

bist du vergessen, ja man scheut sich wohl gar, deinen Namen zu nennen!

Aber dies alles schadet dir nicht mehr! Hat dich doch der Heiland an

Sein Herz geschlossen, und deine Stirn mit Seinem Kreuz bezeichnet!

Kleidet Er dich doch in die weiße Seide Seiner Gerechtigkeit, und

wischt alle, alle Tränen ab von deinen Augen!« Das waren die Gedanken

des Leutpriesters in dieser endlos langen, einsamen Nacht.

Ach, in der bitteren, schauerlichen Einsamkeit, die ihn nun umgab,

fühlte Thomas doppelt lebhaft, welcher Trost und Halt ihm der ältere

Freund gewesen. Da war es ein kurzes Sprüchlein, das er besonders

liebte, das ihn immer von neuem aufrichtete, ihm Geduld und Kraft gab,

und das schwache Lichtlein des Glaubens und der Hoffnung nicht gänzlich

verlöschen ließ. Es war das herrliche Wort, das schon manch einsames

Herz getröstet hat: »Siehe, Ich bin bei euch alle Tage, bis an der

Welt Ende!« Ja, der allmächtige, liebreiche Heiland war bei ihm! An

Seine Brust legte er sich, wenn er aufs harte Lager sank; Sein Geist

sprach ihm manch süßes Trostwort zu!

Aber nach einigen Wochen schien es, als kümmere sich auch ein irdischer

Freund um den Verlassenen. Es ward manchmal etwas durchs Fenstergitter

geworfen, das kaum aus Kinderhänden kommen konnte: ein derbes Stück

Wurst oder Rauchfleisch, ein Käse, ja sogar ein Lederfläschlein voll

Wein, wie es die Reiter gern bei sich trugen. Obgleich die geschwächte

Natur des Gefangenen das stärkende Getränk nur tropfenweise vertragen

konnte, tat es ihm doch gar wohl!

Endlich, an einem stürmischen, ganz besonders dunkeln Abend, gab

sich der geheimnisvolle Freund zu erkennen, als Thomas schon längst

auf seinem Lager ruhte. Ein barmherziger Traum ließ ihn sein Elend

vergessen, und trug ihn zurück in den Schlafsaal der Klosterschule.

Dietrich, das wilde Reiterlein, lag neben ihm im Bett und fing halblaut

an zu singen:

»Ich bind' mein Schwert zur Seiten

Und mach' mich bald davon;

Hab' ich dann nicht zu reiten,

Zu Fuße muß ich gahn.

Ich taumle als ein Gänselein,

Das ziehet auf die Wacht.

Das tut das Heu und auch der Wein;

Ade, zu guter Nacht!«

»Dietrich, willst du wohl still sein?« rief Thomas, aus leichtem Schlaf

erwachend.

»Noch lang' nicht!« rief es von oben her zurück. »Der Nachtwächter darf

doch sein Liedel singen!«

Da fiel es dem Gefangenen wie Schuppen von den Augen. Ja, der

schwarzäugige starke Knecht, den er im Kahn und am Grabe gesehen, war

sein Schlafkamerad Dietrich, das wilde Reiterlein!

»Dietrich, alter Freund, bist du's wirklich?« rief er mit

hervorbrechenden Tränen.

»Ja, ich bin's! Aber still! Ein Liedel darf ich wohl singen, wenn ich

die Nachtwache habe; aber Gespräch möcht' übel geraten! Wundere dich

nur über nichts, was des Nachts geschieht, und halt dich still, ganz

still! Wenn Gott hilft, rett' ich dich!«

Von da an vermehrten sich die Gaben, die zum Gitter hereinflogen, so

sehr, daß die geschwächten Kräfte des Gefangenen sich wirklich etwas

hoben. Wohl vergingen die Tage in der tiefen Einsamkeit entsetzlich

langsam. Dagegen brachte die Nacht mehrmals ein seltsames Geräusch mit

sich, das dem Einsamen die Nähe des Jugendfreundes verriet und die

Hoffnung auf Befreiung stärkte.

Wie sie gelingen sollte, konnte er sich nicht vorstellen; auch fehlte

ihm die Kraft, darüber nachzugrübeln. Ach, er war so matt und müde,

und die Sehnsucht nach dem heimgegangenen Freund war so groß, daß er

ihm am liebsten in sanftem Tode nachgefolgt wäre. Dazu kam, daß er das

Reiterlein als einen wilden, tollkühnen Gesellen kannte. Wie leicht

konnten seine wagehalsigen Rettungsversuche mißlingen, so daß der arme

Bursche selbst mit ins Verderben gestürzt würde!

Und doch erschien ihm der Feuertod mit allem, was voranging, so

schmachvoll, so entsetzlich! Selbst im Traume sah er oft die

Scheiterhaufen geschichtet, die hilflosen Opfer gebunden, geknebelt,

verhöhnt und beschimpft, umgeben von der rohen, in Erwartung des

schrecklichen Schauspiels schwelgenden Menge! Wenn er dann auffuhr, in

kalten Angstschweiß gebadet, erhob er wohl flehend die Hände und rief:

»O Gott, rette mein junges Leben, wenn es Dein Wille ist!«

Und, o Wunder! In einer Nacht schallte auf diesen Ruf von oben her die

leise Antwort: »So komm! Es ist alles bereit!«

Als er emporschaute, erkannte er deutlich eine dunkle Gestalt vor der

Fensteröffnung, aus der alle Gitterstäbe entfernt waren und ein starkes

Seil herabgelassen wurde.

»Kannst du daran emporklettern?« fragte eine rauhe, gedämpfte Stimme.

»O nein; dazu fehlt mir die Kraft«, seufzte Thomas.

»So binde dir's um den Leib! -- Nicht so, du Dummkopf! Unter den Armen

hindurch! Rasch! Nun zieh ich dich empor und durch das Loch! Dünn genug

bist du wohl! Schrei nicht, wenn's kratzt!«

Ach, es kratzte sehr! Aber wer achtet das in solcher Stunde?

Endlich lag Thomas' abgemagerter Körper draußen auf dem feuchten Boden.

»Lieg' still, bis ich's Gitter wieder fest mach'«, flüsterte Dietrich.

Es war eine angstvolle Zeit und dauerte lange! Die alten verrosteten

Stäbe waren fast alle zerbrochen. Dietrich aber setzte andere dafür

ein, die den Anschein morschen Alters trugen. Auch an den Steinen

vertilgte er durch allerlei Mittel, die er aus den Taschen zog, jede

Spur seiner Befreiungsarbeit. Inzwischen blickte die Mondsichel dann

und wann aus den Wolken und beleuchtete endlich die Stätte hinreichend,

um zu erkennen, daß alles aussah wie am Tag vorher.

Nun ging's durchs bleiche Wintergras dem Ufer zu, langsam, langsam, da

der Befreite am ganzen Leibe vor Erregung und Angst bebte. Aber dort

war ja das Grab des Freundes! Eine Minute lang mußte er daran knieen

und die kalten Steine küssen; Dietrich wehrte es ihm nicht! Nun ging

es festeren Schrittes dem Ufer zu, wo ein Kahn bereit lag. Jetzt waren

sie drin; er stieß vom Lande und ward von starker Strömung den Fluß

herabgetragen.

Die Klosterkirche drüben auf der Anhöhe war matt erleuchtet; es war

die Zeit der nächtlichen Hora. Lachend zeigte Dietrich hinüber und

flüsterte: »Wenn die's jetzt wüßten!« Aber Thomas antwortete nicht. Der

ungeheuern Erregung war eine tiefe Ohnmacht gefolgt.

Dietrich erschrak nicht wenig über die eiskalte Stirn und die starren

Hände des Freundes. »So stirb doch jetzt nicht, du dummer Kerl«, rief

er, während heiße Tränen in den struppigen Bart rannen. »Dazu hast du

ja lange Zeit gehabt da drüben! So freu' dich doch, daß du frei bist!

Iß und trink!«

Aber es dauerte doch recht lange, ehe der Gerettete die Augen

aufschlug, einige Schlucke Wein trank und ein wenig weißes Brot aß,

das der Retter aus einem Kasten zog. Dann aber umfing bald ein fester

Schlaf den Ermatteten. »Das ist gut«, brummte Dietrich; »da will

ich gleich hier aus dem Klosterknecht einen Schiffsmann machen, ehe

der Morgen graut. Das Schifflein kann ich wohl eine Weile der Flut

überlassen.«

Und nun warf er alles ab, was er auf dem Leibe trug: Wams, Gürtel,

Waffen, Hosen, Schuhe und sogar das Hemde. Alles war Klostergut und

ging ihn nichts mehr an! Eins nach dem andern flog in den Fluß, wo es

versank oder weggespült ward. Aus einem Sack aber kam ein grober Anzug

hervor, wie ihn die Schiffsknechte trugen; in den kleidete er sich und

zog eine Fischermütze über die Ohren.

»So«, sprach er zufrieden, »das wär' getan! Jetzt gilt's, die

Jammergestalt dort unter die Hand zu nehmen! Heda, Thomas«, rief er im

alten Schülerton, »steh auf, du Faulpelz; 's ist hohe Zeit!«

Und nun fing der rauhe Reitersmann an, seinen Schützling zu waschen, zu

kämmen und ihm das wirre, ungepflegte Lockenhaar zu verschneiden, mit

der Zartheit und Geduld einer liebreichen Mutter. Es war eine lange,

schwere Arbeit, da er oft davon mußte, um den Kahn in rechtem Laufe zu

erhalten. Aber jetzt war's vollendet, und Thomas saß, von der Wandlung

etwas erschöpft, in einen anständigen Mantel gehüllt, das Haupt mit

einer warmen Mütze bedeckt, aufrecht im Kahne.

Man war eben zu rechter Zeit fertig geworden, denn zunehmende Helle

kündigte den nahen Morgen an. Der Fluß war nun schon so breit, daß man

die Ufer nur noch undeutlich erkannte, und als es heller ward, erhob

sich in geringer Entfernung der Mastenwald des Hafens. Ein mittelgroßes

Schiff lag, getrennt von den andern, vor Anker; die Flagge trug die

Farben der Handelsstadt Hamburg. Dietrich steuerte darauf zu, einen

lauten Ruf ausstoßend, der alsbald vom Schiff aus erwidert ward. Man

ließ die Strickleiter herab, denn von den bequemen Treppen, auf denen

man jetzt zum Verdeck des Schiffes emporsteigt, wußte man damals noch

nichts. Hilfreiche rauhe Hände streckten sich nach dem Schwachen aus,

und nach kurzer Zeit ruhte er auf einem weichen Lager, das man auf

einem geschützten Teil des Verdecks bereitet hatte, wo er bald wieder

in tiefen Schlaf sank.

Die plötzliche, ihm ganz unbegreifliche Rettung erschien ihm ja selbst

wie ein wunderbarer Traum, und als er nach einigen Stunden etwas

gestärkt erwachte, meinte er wirklich noch auf dem feuchten Stroh des

Kerkers zu liegen, und rief, sehnsüchtig die Arme ausstreckend, den

Namen des teuern Leidensgefährten, wie er in den letzten trübseligen

Wochen so oft getan.

»Der ist droben im Himmel und hat's besser als du«, sprach eine

rauhe, aber freundliche Stimme neben ihm, und er erkannte den wilden

Schulkameraden, der im groben Schifferkittel neben ihm saß. Den Kopf

mit beiden Händen haltend, richtete er sich mühsam auf.

»Bist du's wirklich, Dietrich?« fragte er ängstlich. »Ist's keine

Täuschung, kein Fiebertraum?«

»Da, faß meine Hand«, rief der Retter. »Gelt, die fühlt sich nicht

traumhaft an? 's ist alles wahr, und ich will dir erzählen, wie's

gegangen ist. Schau' dich doch um! Du bist ja auf hoher See! Dort

drüben liegt, kaum noch sichtbar, deine alte Heimat und der Schauplatz

deiner Leiden. Dies gute Schiff aber bringt dich nach Hamburg, wo du

viele Glaubensgenossen findest, die dich lieben und pflegen werden.

Auch der Schiffsherr und alle seine Leute sind dem neuen Glauben

zugetan, und mich armen Kerl verlangt wenigstens, ihn kennen zu lernen.

Für was mein Thomas sein Leben einsetzt, das muß was Gutes sein. Aber

dumm bin ich noch, jämmerlich dumm in allem, was geistlich ist; du

sollst mich lehren. Denn wo du nun bleibst, du einziger Freund, den ich

je auf Erden hatte, da bleib' ich auch. Los wirst du mich nimmer!«

Der schwarze Kopf senkte sich, und Thomas vernahm ein Schluchzen. Aber

gleich darauf rief Dietrich befehlend:

»Hübsch liegen geblieben, daß dich nicht das garstige Seeleiden

überfällt! Kannst mich noch oft um den Hals fassen, wenn du wieder auf

den Beinen bist! Sieh, da schickt dir der Schiffsherr ein Essen von

seinem eigenen Tische. Es wird dir guttun!«

Nachdem der Gerettete sich an der sehr einfachen, aber kräftigen Speise

gelabt, erzählte Dietrich:

»Weißt auch noch, wie ich damals bei der Aepfelernte Reißaus nahm? Ich

hatt' erst nicht daran gedacht; aber als ich vom hohen Baum herab in

die Welt guckte, kam's auf einmal über mich! Wie der Wind hinab auf

die Mauer und heruntergesprungen ins Feld, ohne daß es jemand gesehen!

Dann fortgerannt durch dick und dünn, bis ich des Klosterlandes quitt

war. Dann lang' in einer Höhle gelegen, und bei armen Hüttenvolk

ein bißchen Brot erbettelt, bis ich wußte, daß das Nachsuchen nach

dem wilden Dieter wohl nun aufgehört habe. Dann aber fort! In die

weite Welt, meinst du wohl? O nein, so dumm war ich doch nicht, daß

ich nicht gewußt hätte, daß ich viel zu kindisch und jung sei, mich

durchzufinden. Nein! Geradeswegs in die gute Stadt Antwerpen, und dort

herumgedient und gelernt bei allerlei Leuten und unter allerlei Namen,

um mich nur satt essen zu können. Da bin ich so ziemlich alles gewesen,

was ein so dummer Kerl, wie ich, werden konnt'. Gelernt und geholfen

hab' ich beim Bauer, beim Schneider, beim Metzger und Bäcker, beim

Schmied und beim Schlosser, und sogar beim Quacksalber und Apotheker.

Dies letzte war dein Glück; denn ich hab' gestern dem Kerkermeister und

den andern Knechten ein Pülverlein in den Abendtrunk geschüttet, daß

sie gewiß bis zum hellen Morgen geschnarcht haben wie die Bären.

Na, endlich hatt' ich mich groß gegessen und wollt' was von der Welt

sehen, aber nit zu Fuß, sondern zu Roß! Da ward ich, da ich doch, dir

sei's gedankt, ordentlich lesen und schreiben konnte, ein Postreiter,

und verdiente einen guten Groschen! Doch war der Dienst streng, und --

na -- es kam eine Zeit, wo ich ein wilder Kerl ward, und manches tat,

was mich jetzt reut. Wenn ich dann nach wüst verlebter Nacht auf dem

Lager ruhte, mußt' ich oft an die Zeit denken, als du neben mir lagst.

Und einmal stand mir's klar vor Augen: Du wandertest wohl stracks gen

Himmel als ein frommer Mönch, und ich, ach, ich taumelte nur so zur

Hölle hinab! Was sollt' ich tun? Da ward ich ein Klosterknecht, und

hoffte, wenn ich des Herrn Abts Rosse wohl hielte, werde vielleicht was

abfallen für mich von der überschüssigen Heiligkeit der Geschorenen.

Aber 's war nichts damit! O, ich lernte sie kennen! --

In jener Zeit hab' ich dich ein paarmal laufen sehen mit dem Bettelsack

auf dem Rücken. Endlich erfuhr ich, daß du der Leutpriester im

Fischerdorf seiest, von dem sie munkelten, er wäre ein Ketzer. Andere

sagten, er sei ein Heiliger. Da bin ich einmal, ein einzigmal, in

deinem Kirchlein gewesen; ganz hinten im Winkel hab' ich gestanden, in

einen alten Mantel gewickelt. Ach Thomas, da fiel ein Licht in meine

Seele, das niemand auslöschen kann! Du sprachst mehrmals die Worte aus:

›Mein Heiland, mein Erlöser!‹, und mahntest uns, sie nachzusprechen,

und fest zu glauben, daß JEsus auch alle, alle unsere Sünden getilgt

habe. O Thomas, da ward mein Herz weich; und heiße Tränen rannen mir in

den Bart!

Und ein paar Wochen darauf! O Schrecken, da sah ich dich geknebelt,

gefesselt vor mir im Kahne liegen, und hätte fast laut aufgeschrien

vor Jammer! Von da an strebt' ich danach, Turmwächter auf der Insel

zu werden, und endlich gelang es. Vor kurzem hatte man Gefangene aus

hohem Stand in den Turm gebracht, die viel mächtige Freunde in der

Stadt hatten. Darum führte man bewaffnete Nachtwachen ein, und ich kam

auch dann und wann an die Reihe. Aber es gab ja so viel vorzubereiten

auf die Befreiung und Flucht, daß du, armer Thomas, noch lange im

Loch stecken mußtest, denn ich hatte selten einen freien Tag zum

Umherlaufen. Ach, wie gern hätt' ich deinen edlen Freund auch mit

gerettet, aber 's ging nicht an! Nun, endlich war mit List und Mühe

alles bereit, und der brave Schiffsherr versprach, uns bei Morgengrauen

aufzunehmen! Aber sieh, wie nützlich war mir jetzt, daß ich die Nase

in allerlei Handwerk gesteckt hatte! O wie werden sie sich die Köpfe

zerbrechen, um zu erraten, wie du herausgekommen bist!«

»Wenn nur dem Kerkermeister kein Leid geschieht«, sprach Thomas; »er

hat mir viel Gutes getan!«

»Das sieht dir ähnlich, du frommes Lamm, auch noch um den Kerkermeister

zu sorgen! Da sei ganz ruhig! Sie werden ein feines Märlein erdenken,

wie dich der Teufel lebendig geholt, und mit dir zum engen Gitterloch

hinausgefahren ist. Aber nun ist's genug geschwätzt, und du mußt ruhen!

Ich will irgendwo mit angreifen, daß ich doch mein Essen verdiene.«

So sehr auch Thomas um den teuern heimgegangenen Freund trauerte, so

sehnsüchtig er nach der Gegend zurückschaute, wo er im Fischerdorf so

glücklich gelebt und gearbeitet, ja so freudig er auch den Märtyrertod

erduldet haben würde, so erwachte doch gar bald die Lust zum Leben

und die Freude an Gottes schöner Welt in seinem jungen Herzen. O wie

herrlich war's, den klaren blauen Himmel über sich zu haben statt der

feuchten, mit Schmutz und Spinnweben reichlich behangenen Balken des

Gefängnisses! Wie frei folgte sein Blick dem weißen Seevogel, der

sich in der frischen Luft wiegte! Wie munter klang der rauhe Gesang

der Schiffer in sein Ohr! Und endlich quoll ein inniges, von heißen

Freudentränen begleitetes Dankgebet aus seinem übervollen Herzen.

Bald konnte er sich erheben und den Tag über auf dem Verdeck

umhergehen, während er des Nachts in einem engen, ja sehr engen Raume

mit dem Freund auf einem Lager ruhte, wie ehemals in der Klosterschule.

Auch die Segelschiffe legen jetzt bei günstigem Winde ihren Weg viel

schneller zurück, als zu jener Zeit, da ihre Bauart weit schwerfälliger

war. Darum verging mancher Tag, ehe man den Hafen von Hamburg erreichte.

Am Vorabend der Ankunft stand Thomas etwas erhöht mitten unter der

Schiffsmannschaft und hielt eine kurze, aus tiefstem Herzen quellende

Predigt. Man hatte ihn darum gebeten, und er erfüllte gern den Wunsch.

Gar andächtig lauschten alle, als er von jener Schiffahrt erzählte, die

der Heiland mit Seinen Jüngern auf dem See Genezareth gemacht. »Die

Wellen brausten und wollten das Schifflein verschlingen, der HErr aber

schlief ruhig auf einem Kissen. Ach, so geht es oft im Christenleben!

Wenn die Not am größten ist, und das arme Herz ganz verzagen möchte,

da scheint der HErr zu schlafen, als gehe Ihn das arme verlassene

Menschenkind nichts an. Aber die Jünger schrien: ›HErr, hilf uns; wir

verderben!‹ Ja, sie wußten: Er konnte, Er wollte helfen! Und im Nu

war der Sturm gestillt, und alle Not in Dank und Freude verwandelt.«

Gar lebhaft und herzbewegend schilderte er das alles, denn er hatte es

ja an sich selbst erfahren. Als er geendet, stimmten etliche, die der

deutschen Sprache wohl mächtig waren, das herrliche Lutherlied an:

»Ein' feste Burg ist unser Gott,

Ein' gute Wehr' und Waffen:

Er hilft uns frei aus aller Not,

Die uns jetzt hat betroffen.

Der alt' böse Feind

Mit Ernst er's jetzt meint,

Groß' Macht und viel List

Sein' grausam' Rüstung ist;

Auf Erd' ist nicht seinsgleichen.«

Der Schiffsherr hatte dem Geretteten viel Ehre erwiesen und mit großer

Aufmerksamkeit dem Bericht gelauscht, den er von seinem Schicksal gab.

»Gedenkt Ihr in Hamburg zu bleiben?« fragte er, als er ihn an diesem

letzten Abend an seinem Tisch bewirtete.

»Nein«, erwiderte Thomas, »mein Sinn steht gen Magdeburg. Dort hoffe

ich sicher, meine treue Schwester Grete und das holde Töchterlein des

heimgegangenen Freundes zu finden. Für diese beiden zu sorgen soll mir

eine Lust sein! Vielleicht kann man mich irgendwo zum Unterricht zarter

Kindlein gebrauchen, da das so recht eigentlich meine größte Lust war!«

»Und wie gedenkt Ihr nach Magdeburg zu gelangen?«

»Auf einem Elbschiff«, entgegnete Thomas. »Dietrich, mein Retter, will

gern für zwei arbeiten, um meine Fahrt mit zu verdienen. Ein wenig

werd' ich ja auch mit angreifen können; bin nur leider zu solchen

Geschäften recht ungeschickt.«

»Und meint Ihr wirklich«, erwiderte der Schiffsherr lächelnd, »die

Hamburger Glaubensgenossen würden Euch, der so viel gelitten hat, ja

kaum dem Märtyrertod entronnen ist, ganz still und ungeehrt Eures Weges

ziehen lassen, wohl gar im groben Kittel eines Schiffsknechtes? Ihr

seid ein gar bescheidener Mann; desto mehr soll man Euch ehren! Ihr

müßt mit Eurem wackeren Befreier einige Tage bei uns bleiben, uns Eure

Schicksale erzählen und ein wenig Pflege und Guttat von uns annehmen.

O wie wohl wird's Euch tun, so frei Euren Glauben bekennen zu dürfen,

die herrlichen Gottesdienste mit zu feiern, und die große Schar von

Glaubensgenossen um Euch versammelt zu sehen! Für Eure Reise nach

Magdeburg überlaßt mir die Sorge. Ich bin bekannt im Hafen, und werd'

Euch das beste Fahrzeug und den wackersten Schiffer aussuchen.«

Thomas, der Leutpriester · 第 14 / 17 题