9. Im Gefängnis.

Als man an jenem Abend den Goldschmied und den Leutpriester gefangen

genommen, brachte man sie, getrennt von ihren Leidensgefährten, nach

dem Dominikanerkloster, in dessen Schule Thomas glückliche Jugendjahre

verlebt hatte. Den abgelegenen, von hohen, kahlen Mauern umgebenen Hof,

in den man ihn und den Freund jetzt schleppte, hatte er damals nie

betreten. Nur Dietrich, das wilde Reiterlein, war auf seinen tollkühnen

Entdeckungsfahrten einmal hineingeraten, und hatte dann dem Freunde

schaudernd erzählt, er habe ganz deutlich Jammertöne gehört durch

ein Luftloch in den düsteren Steinwänden. Nachdem man den Gefangenen

die Knebel aus dem Munde genommen, stieß man sie eine Treppe hinab

in einen finsteren Kerker, wo sie todesmatt aufs halbverfaulte Stroh

niedersanken. Die Tür fiel zu, und alles war still. Lange, lange lagen

sie regungslos, erstarrt an Leib und Seele durch die schreckliche

Wendung ihres Schicksals.

Endlich tastete der Goldschmied mit der gefesselten Hand nach der des

Freundes und drückte sie zärtlich.

»Gott sei gelobt«, flüsterte er, »daß wir beisammenbleiben durften! Laß

uns nun tapfer den letzten Kampf bestehen! Auch uns wird der Heiland

Rosen unter die Füße streuen, wie jenen ersten Märtyrern unserer Stadt.«

»Wird man uns gleich töten? Vielleicht morgen schon?« fragte Thomas mit

bebender Stimme.

»Ich glaube es nicht! Man wird erst versuchen, uns zum Widerruf zu

bringen. Sei gewappnet, Freund! Du bist tiefer in die göttliche

Wahrheit eingedrungen als ich. Streite mutig für sie!«

»Ich will, ich will!« rief Thomas. »Aber bete du für mich, denn dein

Herz ist frei und stark. Ach, das meine erzittert vor dem Tode! Das

Leben war so schön, und ich bin noch so jung!«

Der Goldschmied sah nicht die Tränen, die das Antlitz des Freundes

unaufhaltsam überströmten, hörte aber wohl die tiefen, schmerzlichen

Seufzer, in denen sein kindliches Gemüt von der schönen Gotteswelt

Abschied nahm. Leiser und schwächer wurden sie und schwiegen endlich

ganz, denn Thomas war eingeschlafen. Der Goldschmied aber durchwachte

die ganze Nacht in heißem Gebet und Flehen für sich und den Freund und

für sein geliebtes, verlassenes Kind. Erst gegen Morgen schlossen sich

seine Augen zu leichtem, kurzen Schlummer, und ein wunderlieblicher

Traum umfing ihn. Es war ihm, als stehe er am Fuße eines hohen,

steilen Berges, dessen Abhang mit Dornen, Disteln und scharfen Steinen

bedeckt war, während wunderherrlicher Strahlenglanz seinen Gipfel

umleuchtete. Nur auf halber Höhe befand sich, wie eine Oase in der

Wüste, ein liebliches Ruheplätzchen, von einem weitästigen, blühenden

Baume überschattet. Dort saß, zwischen einer Gruppe schöner Kinder,

sein Töchterlein, Blumen zum Kranze windend. Den dornigen Pfad nicht

achtend, wollte er zu ihm emporsteigen, als in dem Strahlenglanz des

Gipfels eine andere Gestalt sichtbar ward. Schneeweiß gekleidet, eine

Krone auf dem blonden Haupt, stand sie regungslos, die Hände nach ihm

ausstreckend. »Elsbeth, meine Elsbeth! Ich komme!« rief er laut, und

erwachte im dunkeln Kerker. »Ja«, sprach er zu sich selbst, »Gott wird

mein Flehen erhören und mein Kind nach mancher Mühsal zu den Freunden

bringen; ich aber werde bald, o wer weiß, wie bald, Hand in Hand mit

der Geliebten vor Gottes Thron knieen. Dann wird der rauhe, dornenvolle

Weg ganz vergessen sein.«

Matter Lichtschein, der durch eine Oeffnung hoch oben in der Mauer

drang, verkündete endlich den Morgen; bald klang Glockenton zu

den Verlassenen hinab und erweckte auch Thomas aus dem Schlaf der

Erschöpfung.

»Wer wird jetzt in meinem Kirchlein vor den Altar treten?« seufzte er

schmerzlich. »Sicher wird er alle Kraft anwenden, einzureißen, was ich

mit Lust und Mühe gebaut habe.«

Endlich öffnete sich die Kerkertür, und ein Mönch stellte schweigend

Brot und Wasser vor die Gefangenen hin. Thomas wandte sich mit

Widerwillen davon ab, doch bat ihn der Freund, einige Bissen zu essen.

»Sie werden kommen, mit uns zu streiten, um uns zum Widerruf zu

bringen«, sprach er. »Wie willst du tapfer kämpfen, wenn dein Leib halb

verschmachtet ist?«

Aber diesen und noch manchen langen Tag warteten sie vergeblich auf

Gelegenheit, ihren Glauben zu bekennen. Niemand nahte sich ihnen, als

der Mönch, der die dürftige Nahrung brachte; und kein Laut drang zu

ihnen herab, als der dumpfe Ton der Klosterglocken. Wäre Thomas allein

gewesen, würde er wohl seine Kraft in Klagen und Jammern erschöpft

haben, denn die Sehnsucht nach seinem bescheidenen Heim, nach der

Schwester, nach seinen Leuten und der gewohnten, ihm so lieb gewordenen

Arbeit war allzu stark in seinem jungen Herzen. Der Goldschmied aber

schien ganz abgeschlossen zu haben mit dem irdischen Leben; sein

Sinn war nur aufs Himmlische gerichtet, und endlich gelang es ihm,

den Freund mit sich fortzureißen. Manche Stunde verging in eifrigem

Gespräch über die Lehren, die den Feinden besonders zuwider waren. Dann

war es den beiden, als tue sich über ihnen der Himmel auf, als hörten

sie schon des Heilandes Stimme, die sie einlud ins selige Paradies:

»Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein! Ihr frommen und getreuen

Knechte, gehet ein zu eures HErrn Freude!«

Eines Morgens aber öffnete sich endlich die Kerkertür, und zwei

Klosterbrüder traten ein. Es waren nicht solche, deren feisten

Gesichtern und runden Bäuchen man ansah, daß sie nur Wohlleben im

Mönchsstand suchten. Nein, ihre hohen Stirnen, ernsten Augen und

eingefallenen Wangen bezeugten, daß sie nicht nur eifrig studiert,

sondern auch in strengster Befolgung der Ordensregel gelebt hatten. Und

nun begann hier unten ein Kampf der papistischen Finsternis gegen das

neue Himmelslicht des Evangeliums, der durch viele Tage mit List und

Gewandtheit von der einen, aber auch mit wachsender Begeisterung von

der andern Seite geführt wurde. Doch ging es dabei, wie Luther in jenem

Liede spricht:

»Sie sungen süß, sie sungen sau'r,

Versuchten viele Listen;

Die Knaben stunden wie ein' Mau'r,

Veracht'ten die Sophisten.«

Wohl waren die Mönche gewandter und gelehrter, doch stützten sie

sich auf das schwankende Rohr menschlicher Weisheit, während die

armen Gefangenen nur eine einzige, aber eine unüberwindliche Waffe

hatten, »das Wort Gottes«. Oft konnten die Klosterbrüder nur mit Mühe

ihren Zorn zurückhalten, wenn diese elenden Menschen jede Irrlehre,

jeden Mißbrauch mit klaren Worten der heiligen Schrift zurückwiesen.

Wohl verstand der Goldschmied seinen Glauben auch in begeisterter,

tiefempfundener Rede zu verteidigen; dagegen bewies der Leutpriester

die göttliche Wahrheit schlicht und felsenfest mit den Sprüchen, die

er in glücklichen Tagen Annchen und seine lieben Schulkinder gelehrt

hatte. Dies letztere erbitterte die Feinde am meisten. Dieser junge

Mann, der ihnen noch vor wenig Jahren als demütiger Klosterzögling

gedient, widerstand ihnen jetzt mit kurzen, schlichten Worten, die

schon ein Kind nachlallen kann! Und all ihre Weisheit, all ihre

spitzfindige Beredsamkeit konnte ihn nicht besiegen! Gewiß, sie konnte

es nicht; ebensowenig, als ein Mensch Gott besiegen kann.

Aufs höchste erbittert, mit drohenden Gebärden, verließen die Mönche

eines Tages den Kerker, um nicht wiederzukehren.

Als sich am nächsten Morgen sehr frühe die Tür wieder öffnete, waren

die Gefangenen ganz bereit, den letzten Gang anzutreten. Von einer

Anzahl bewaffneter Klosterknechte bewacht, brachte man sie hinab

zum Flußufer und stieß sie in einen Kahn. Zwei der Knechte sprangen

herein, und das Fahrzeug ward von kräftigen Ruderern stromaufwärts

geführt. Während der ziemlich langen Fahrt begegneten des Leutpriesters

Augen ein paarmal dem Blick eines Klosterknechtes, der unverwandt auf

ihn gerichtet war. Der Mensch war von hoher Gestalt und mochte wohl

riesenstark sein. Das wettergebräunte Antlitz trug nicht den stumpfen,

geistlosen Ausdruck, der sonst dem Klostergesinde eigen war; die

schönen schwarzen Augen blickten bald wild, bald schwermütig in die

Welt hinaus. Nun, was ging es Thomas an? Er konnte ja keinem mehr

etwas zuleid oder zulieb tun. Ein schrecklicher, bitterer Tod war ihm

gewiß. Nur selten richtete das geistliche Gericht seine Opfer in der

Heimat; sie wurden meist in eine andere Provinz gebracht. Fern von

Verwandten und Freunden sollten sie sterben, damit ihre Marter und ihr

Tod nicht allzuviel Mitleid errege und zur Rache auffordere. Darum

hielten auch die beiden Gefangenen diese Kahnfahrt für ihren Todesweg.

Sie hatten sich indes geirrt. Sieh, dort erhob sich eine Insel aus

der Flut. Zwischen grünen Büschen schaute ein fester Turm hervor,

am jenseitigen Flußufer aber stand in nicht allzuweiter Ferne ein

stattliches Kloster. Jetzt legte der Kahn bei der Insel an. Unter den

Bäumen, die den Turm umgaben, spielten zwei liebliche blondhaarige

Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, entflohen aber beim Anblick der

Bewaffneten eilig in ein Häuschen, das dem Turme gegenüberstand. Jetzt

trat ein Mann herzu, einen Schlüsselbund in der Hand. Die starke

Turmtür ward geöffnet, und man führte die Gefangenen eine Treppe hinab

in einen Raum, der dem Klosterkerker sehr ähnlich war. Nur drang durch

ein größeres Fenstergitter hoch oben in der Mauer etwas mehr Licht und

Luft herein; ja, es fiel eben jetzt ein warmer Sonnenstrahl auf die

zwei Strohlager und die alte hölzerne Bank, die die ganze Einrichtung

des öden Raumes bildeten. Die Tür fiel hinter den Freunden zu, und sie

sanken auf das Lager nieder. Sollten sie hier wohl ihr Urteil erwarten,

oder waren sie zu ewiger Gefangenschaft bestimmt?

Eine Stunde mochte vergangen sein, als der Schlüsselbund wieder

rasselte, und die schwere Tür sich öffnete. Der Kerkermeister trat ein,

einen Topf in der Hand tragend, in dem zwei hölzerne Löffel steckten.

»Mein Weib hat euch eine Suppe gekocht«, sprach der Mann; »die

Morgenluft war eiskalt, und ihr seid erschöpft. Ich weiß einen

Unterschied zu machen zwischen Mördern und Räubern und Männern eurer

Art. Was ich kann, werd' ich für euch tun; doch ist es nicht viel.

Reichet die Hände her; es ist mir erlaubt, euch die Fesseln abzunehmen.

Aber denket nimmer an Flucht! Ich bürge für die Gefangenen mit meinem

eigenen Leben, und bewaffnete Knechte bewachen den Turm.«

Damit stellte er den Topf auf die Bank und verließ den öden Raum. Die

Freunde aber labten sich mit dankbarem Herzen an der ersten warmen

Speise, die ihnen seit jenem Schreckensabend geboten ward.

Als sie so einander gegenüber saßen, fielen die Sonnenstrahlen durch

die Fensteröffnung auf die Gestalt des Goldschmieds, und Thomas

erkannte mit Schrecken, wie sehr er sich in den letzten Wochen

verändert hatte. Nicht nur war sein dunkles Haar völlig ergraut und

seine Wangen eingefallen, auch seine ganze Haltung war gebeugt und die

Glieder furchtbar abgemagert. Er sah aus wie ein ganz alter Mann!

»Bist du krank, Geliebter?« fragte Thomas ängstlich, den Löffel

hinlegend.

»Ich habe keine Schmerzen«, erwiderte der Gefährte, »wohl aber fühle

ich ein stetes Schwinden aller Kräfte. Ich bin ja viel älter wie du,

könnte wohl dein Vater sein! Obgleich ich mein Leben in redlicher

Arbeit zugebracht habe, ist doch der Leib von Jugend auf etwas verwöhnt

worden. Weiches Lager, warme Kleidung und kräftige Speise war immer

für mich bereit, während du, mein Sohn, von klein auf hart gehalten

wurdest. Nun ist mein Geist zwar willig, jede Entbehrung zu ertragen,

aber der alternde Körper bricht darunter zusammen; das fühle ich wohl.

Ja, mein Herzensfreund; wenn die Feinde meinen Tod beschlossen haben,

so müssen sie eilen, sonst kommt Gott ihnen mit sanfter Hand zuvor.«

Wie ein scharfer Pfeil durchbohrten diese Worte das Herz des

Leutpriesters! Ganz unerträglich erschien es ihm, vielleicht bald

allein zurückzubleiben im öden Kerker. Doch bezwang er sich sogleich,

streichelte die magere Hand des Freundes und erwiderte:

»Nun wohl; will dich Gott sanft gen Himmel tragen, so will ich gern

allein den rauhen Weg gehen, der mich zu Ihm und zu dir führt.«

Wirklich nahmen des Goldschmieds Kräfte von Tag zu Tag ab. Bald konnte

er nur noch selten in dem düsteren Raume auf und nieder gehen, sondern

mußte Tag und Nacht auf dem Strohlager zubringen, das der Hüter des

Turmes, gerührt durch die Geduld und edle Haltung der Gefangenen, durch

ein Kissen und eine alte wollene Decke verbessert hatte. Auch konnte

der Kranke das schwarze Brot nicht mehr genießen, und hätte elend

verhungern müssen, wenn der barmherzige Mann nicht täglich ein Töpfchen

Suppe oder ein Krüglein Milch hereingebracht hätte.

Ueberhaupt war dies zweite Gefängnis nicht ganz so finster und öde als

das erste. Die Sonnenstrahlen, die am Morgen auf ein paar Stunden durch

das Fenster drangen und die schwarze Wand vergoldeten, wurden täglich

sehnsuchtsvoll erwartet, und an trüben Tagen schmerzlich vermißt. Die

Fensteröffnung mußte dicht über dem Erdboden sein, denn siehe, etliche

frische Grashalme zeigten sich darin und endlich sogar ein blaues

Wiesenblümlein, dessen Entfalten und Verwelken die Freunde wehmütig

beobachteten. Ein Vöglein sang auch manchmal ganz fröhlich vor dem

Loch, und oft, sehr oft schallte das Jauchzen und Lachen der beiden

Kinder bis hinunter zu den Verlassenen. Einmal kam es ganz nahe, und,

o Wunder! ein kleines Händchen streckte sich durch die Oeffnung, ließ

etwas niederfallen und verschwand. Am Boden aber lag ein schöner weißer

Wecken, ein Festmahl für den Kranken! Aber ach, die Stimmen der Kinder

hörte man von da an nicht wieder! Man hatte wohl gemerkt, was sie

getan, und erlaubte ihnen nicht mehr, in der Nähe des Turmes zu spielen.

Still und einförmig schlich die Zeit dahin, und ward besonders dem

jungen, an stete Arbeit gewöhnten Manne fast unerträglich lang. Das

Lebenslichtlein des Aelteren glimmte fort von einem Tage zum andern,

von einer finsteren Nacht zur andern.

Oft und gern ließ er sich von dem jungen Freunde Psalmen oder andere

tröstliche Stellen der heiligen Schrift vorsagen. Dann vergaßen beide

ihr Leid und schauten durch eine goldene Tür ins ewige, selige Leben.

Die müden Augen des Kranken strahlten, sein Mund lächelte, und die

abgezehrten Hände streckten sich verlangend aus nach der himmlischen

Heimat. Ja, sein geistiges Auge erblickte schon den Heiland, und unter

den Lichtgestalten, die Seinen Thron umgaben, war Eine, die er auf

Erden so innig geliebt!

»Sage mir doch, Herzensfreund«, bat Thomas leise, »gedenkst du nicht

auch sehnsüchtig deines Kindes, das nun verlassen zurückbleibt?«

»Oft gedenke ich seiner«, erwiderte der Kranke; »doch habe ich es ganz

in Gottes Hände gegeben, wo es sicherer ist, als in den meinen. Ich

hoffe, nein, ich weiß, daß es wohlgeborgen in Magdeburg ist. Gott hat

mir die Gewißheit ins Herz gegeben! Und nun versinkt das Irdische mehr

und mehr vor meinem Blick; das Himmlische aber wird täglich klarer!

Das Kind wird mir Gott bewahren; das geliebte Weib aber werde ich

wiedersehen in ganz, ganz kurzer Zeit! Anbetend werden wir zusammen vor

Seinem Throne stehen. Sollte ich mich des nicht freuen?«

Thomas schwieg lange. Endlich aber schlug er die Hände vors Gesicht und

begann bitterlich, o so bitterlich zu weinen.

»Herzensbruder, was betrübt dich so sehr?« fragte der Kranke

erschrocken. »Fürchtest du den Tod?«

»Nein, nein«, schluchzte der andere, »aber ich beklage das Leben! Ich

kann nicht anders; es war so schön, so wunderschön!«

Sanft streichelte der alte Freund das Haupt des jüngeren und sprach:

»Schütte dein Herz aus, du Armer; verbirg mir nichts!«

Thomas war vom Schemel herab aufs Stroh gesunken und jammerte:

»O, es war so schön, so lieblich! Schon lange kämpfe ich dagegen,

schämte mich aber, es dir zu sagen. Du bist ein Held; ich aber bin der

Märtyrerkrone nicht würdig, denn mein Herz hängt noch am Irdischen!

Wenn ich an mein Häuschen denke, so traut und freundlich, an die

liebe Schwester, die so emsig drin waltete, an meinen Garten, an das

schmucke Kirchlein, o wie weh wird mir da! Aber am meisten vermiß ich

die Kinder! O meine Kinder! Mein kluger Hans, mein sanftes Mariechen!

O meine Kinder, meine lieben Kinder!« Das Gesicht im Stroh verbergend

schluchzte der Arme so heftig, daß seine abgezehrte Gestalt wie vom

Fieber geschüttelt ward. »Und wie wird es jetzt sein?« fuhr er bitter

fort. »Mit Schlägen wird man ihnen austreiben, was ich sie mit Liebe

gelehrt! Wer am schnellsten herplappern kann, was er nicht versteht,

wird der beste Schüler sein; aber die Herzen werden leer bleiben. O

meine Kinder, meine lieben Kinder!«

Der Körper des jungen Mannes bebte vor Erregung, und das Stroh ward naß

von den strömenden Tränen. Der ältere Freund ließ ihn voll ausweinen,

dann sprach er mit sanfter Stimme:

»Armer Thomas! Es mußte so kommen! Ein junges Herz hängt am Leben!

Sei nur ganz getrost! Ist's Gottes Wille, daß du ein Märtyrer wirst,

so wird Er dir zur rechten Zeit Mut, ja Heldenmut verleihen, denn

den Aufrichtigen läßt es der HErr gelingen! Doch hat Er auch Macht,

dich zu erretten, und dir noch auf Erden alles zwiefach wiederzugeben,

was du jetzt verlassen mußtest. Ja, Ihm ist's ein leichtes, dir diese

Kerkertür aufzutun, daß du hinausgehest und Sein Wort predigest, vielen

zur Seligkeit! Bedenke doch, deine geliebten Kinder sind noch viel mehr

Gottes Kinder! Er kann den edlen Samen, den du in ihre Herzen gestreut,

aufgehen lassen, wo und wann Er will! Bete du nur für sie und sei

getrost!«

Erschöpft schwieg der Kranke, und lange war alles still. Der letzte

Lichtschimmer, der durch das Gitter fiel, erlosch, und endlich ward es

ganz finster.

»Schläfst du, Geliebter?« fragte Thomas leise.

»Nein; mein Gemüt ist zu bewegt.«

»Darf ich dir noch etwas sagen, ganz, ganz leise?«

»Gewiß.«

Sanft schlang Thomas den Arm um des Freundes Hals und sprach ganz leise

wenige Worte zu ihm. Dann hielten sich beide noch eine Zeitlang umfaßt,

bis die Müdigkeit sie übermannte und der ruhige Schlaf sie umfing, den

Gott Seinen Kindern oft auch in tiefster Seelennot schenkt. Von diesem

Abend an nannte Thomas den Goldschmied: »Lieber Vater.« --

Hatten die Gefangenen im Anfang ihrer Haft ängstlich die Tage gezählt,

dann die Wochen, endlich einen Monat nach dem andern, so war dies nun

vorüber. Es gab für sie überhaupt keine Zeit mehr; dagegen strahlte

die Ewigkeit vor ihrem geistigen Auge. Daß Sommer und Herbst vorüber

waren, wußten sie, denn die grünen Halme im Fensterloch waren gelb

geworden und endlich ganz verschwunden. Kein Vöglein sang mehr draußen,

wohl aber hörte man das Rauschen des kalten Regens. Die Steinmauern

wurden feucht, und die wollene Decke schützte die Armen nur ungenügend

in den kalten Nächten.

Eines Morgens aber hatte der Regen aufgehört und, zum erstenmal seit

langer Zeit, erhellten einige Sonnenstrahlen das Gefängnis. Nicht mit

Schrecken, wohl aber mit tiefer Wehmut sah Thomas, wie tief die Wangen

des Freundes eingefallen waren. Die Augen strahlten in überirdischem

Glanz, aber wenn sie geschlossen waren, glich das Antlitz dem eines

Toten. Seit einigen Tagen waren nur wenige Worte des Gebets und der

Liebe zu dem Gefährten über die bleichen Lippen gekommen. Das Ende

mußte ganz nahe sein! Der Kerkermeister hatte die warme Milch gebracht,

und Thomas war bemüht, dem Freunde ein wenig davon einzuflößen, mit

sanfter Stimme Worte des Trostes sprechend.

Horch! Da rasselte zu ganz ungewohnter Stunde der Schlüssel des

Wärters; die Tür ging auf, und zwei Männer in geistlichem Gewand traten

ein. Der erste war nur ein dienender Bruder, der einen gepolsterten

Schemel und eine Pelzdecke trug; in dem andern aber erkannte Thomas

sofort den finsteren Ketzerrichter, der damals neben dem Kaiser

geritten war.

Aber Thomas erschrak nicht mehr vor seinem grimmigen Blick! Die Zeit

der Furcht und des Schreckens war auch für ihn vorüber; das Irdische

war überwunden, die offene Himmelstür strahlte in herrlichem Glanz!

Ruhig und mit edler Freimütigkeit blickte er dem Schrecklichen ins

Auge, der sich alsbald neben dem Lager auf den Polstersitz niederließ

und dem Kranken mit rauher Stimme gebot, sich zu erheben.

»Ich kann es nicht«, flüsterte der Goldschmied, »es geht mit mir zu

Ende!«

»So widerrufe heute noch deine Teufelslehren, verfluchter Ketzer«,

schrie ihn der andere an; »sonst laß ich dich zum Scheiterhaufen

tragen, wenn du nicht mehr gehen kannst.«

»Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, und die Seele nicht

mögen töten«, flüsterte der Sterbende, ohne sich zu regen.

»Mein armer Freund kann kaum mehr sprechen«, wandte Thomas ein. »Ich

bitt' Euch, laßt mich für ihn das Wort führen, denn sein Glaube ist

auch der meine!«

»Wohlan, so antworte! Aber bedenke wohl! In wenig Wochen wird man

Gericht halten über alle, die hartnäckig bei der verfluchten Lehre des

Wittenbergers verharren. Dem Feuer sind sie verfallen ohne alle Gnade!

Sprich, was hältst du von der Anrufung der Heiligen?«

»Daß sie nichts ist«, erwiderte Thomas. »Sie sind sündige Menschen

gleich wie wir. Ihrem Wandel und ihrem Glauben sollen wir nachfolgen,

sofern er der rechte war. Anzurufen sind sie keinesfalls.«

»Aber Maria, die gebenedeiete Jungfrau, rufst du doch an?«

»Nimmer! Nannte sie sich doch selbst eine Magd des HErrn! Irrte sie

doch menschlich, und ist selig durch den Glauben an ihren, an Gottes

Sohn!«

»Wie denkst du über das Lesen der heiligen Schrift?«

»Daß alle, Große und Kleine, Gelehrte und Ungelehrte, sie lesen, lernen

und darin suchen sollen, um das ewige Leben darin zu finden.«

»So meinst du wohl auch, daß Christi Blut im Sakrament allen zu reichen

sei?«

»Sicherlich! Spricht doch der HErr ausdrücklich: ›Trinket alle daraus!‹«

So ging es eine Weile fort in immer heftiger werdender Frage und

sanfter, fester, in Gottes Wort gegründeter Antwort. Aber ach, Thomas

hatte fast die ganze Nacht bei dem kranken Freunde gewacht, und heute

noch nichts gegessen, als einige Bissen hartes Brot. Darum erlahmte

seine Kraft endlich; er legte die abgemagerte Hand an die Stirn,

und konnte die klaren Sprüche der heiligen Schrift, die den Gegner

widerlegen sollten, nicht mehr so schnell finden. Darauf hatte der

schlaue Feind gewartet, und fing nun erst an, den Kern und Stern der

heiligen Schrift, die Lehre von dem alleinseligmachenden Glauben, mit

Macht und List zu bestreiten. Lange widerstand Thomas tapfer, sank aber

endlich mit dem Rufe: »Ich kann nicht mehr«, aufs Stroh nieder.

Da geschah etwas Wunderbares. Der Sterbende, der schon seit mehreren

Tagen das Haupt nicht erhoben hatte, richtete sich auf und sprach, die

abgezehrte Hand erhebend, laut und feierlich die Worte:

»So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes

Werke, allein durch den Glauben! -- Unser Glaube ist der Sieg, der die

Welt überwunden hat!«

Dann sank das matte Haupt aufs Lager zurück, und Totenstille herrschte

in dem halbdunkeln Raum.

Dem hohen Würdenträger aber ward es seltsam zumute, als fühle er den

Einfluß einer Macht, der er nicht gewachsen war. Er stieß die Pelzdecke

hinweg, rief dem draußen harrenden dienenden Bruder, und verließ, auf

ihn gestützt, das öde Gemach.

»Bring den Ketzern eine Suppe«, rief er dem Kerkermeister zu. »Sie

sind erschöpft; ich möchte nicht, daß ein natürlicher Tod dem Feuer

zuvorkäme, dem sie verfallen sind.« Damit bestieg er den Kahn und

verließ die Insel.

Als der Kerkermeister bald darauf mit dem dampfenden Suppentopf das

Gefängnis betrat, fand er Thomas in tiefer Ohnmacht, den Goldschmied

aber tot, mit gefalteten Händen und wunderbar verklärten Zügen. Sein

Glaube hatte die Welt überwunden!

Thomas, der Leutpriester · 第 13 / 17 题