Nirgends ist ein Kranker überflüssiger als auf dem Bauernhof. Das Vieh
darf ja nicht warten; es muß zuerst versorgt werden, es bringt ja
Geld ein! Und dann kommen die Gesunden dran, sie müssen ja essen, ehe
sie zur Arbeit ausziehen. Der Kranke hat Zeit, zu warten; er ist eben
nur eine Last. Aber Muhme Lene hatte es gut. Der kleine, träumerische
Junge ward alsbald zu ihrem Pfleger bestimmt, und man war eigentlich
froh, ihn beschäftigt zu wissen, da er in Haus und Hof nicht recht zu
brauchen war und viel Verdruß anrichtete. Die Dorfschule, die er sonst
gern und fleißig besuchte, war bis nach der Ernte geschlossen, und
länger würde es die Alte wohl kaum treiben.
So dachte die Bäuerin, eine harte, starke Frau, vor der alles, was
schwach, zart, ängstlich und hilfsbedürftig war, nur wenig Gnade fand.
Ihr war's ein Greuel, daß ihr Jüngster so anders geriet als ihre
älteren, handfesten Sprößlinge. Sie hatte ihm selten ein liebreich Wort
gegönnt; er war vom ersten Tag an »Muhme Lenes Bub« gewesen.
Auf der ganzen Welt gibt's keine bessere Lehrmeisterin als die Liebe.
So begriff auch der Junge gar bald, was zur Behaglichkeit der Kranken
diente. Er schüttelte ihr die Kissen, er kühlte ihre heiße Stirn,
rieb ihr die steifen, schmerzenden Glieder, und wenn sie schlummerte,
verjagte er unermüdet die Fliegen und Mücken, die ihren Weg durchs
Dachfensterlein nur allzu zahlreich fanden. Sie war geduldig und
bescheiden, nur fein sauber mochte sie's gern um sich sehen. Sie sagte,
sie sei das von Jugend auf gewöhnt. Auch darin war der Junge ihr
ähnlich; alles Unreine war ihm zuwider. So fegte und putzte er jeden
Morgen im Stübchen umher, bis alles blitzblank war, sorgte auch stets
dafür, daß auf dem Kasten neben dem Bette, der das ganze Besitztum der
Muhme in sich barg, täglich ein frischer, duftender Strauß im irdenen
Gefäß stand. Die Blumenzucht war schon damals recht allgemein in den
Niederlanden, und es gab selten ein Bauerngut, das nicht ein blühendes
Gärtlein aufzuweisen hatte. O wie liebte Thomas die Blumen! Wie lange
konnte er stehen und in den Kelch einer Lilie oder in eine volle Rose
blicken! Wie oft hatte man ihn darum geneckt, auch wohl gescholten!
Nur Grete, seine älteste Schwester, verstand ihn darin, und war
überhaupt die einzige im Hause, die ihn niemals schalt, auch niemals
verspottete wegen seines träumerischen Wesens. Sie war groß und stark
und konnte nicht mehr allzu jung sein, denn zwischen ihr und Thomas
stand eine stattliche Reihe rotwangiger Mädel und stämmiger Burschen.
Jetzt war sie auch die einzige, die täglich Zeit fand, einen Besuch
im Krankenstübchen zu machen und den beiden Einsamen etwa einen
Leckerbissen zu bringen.
Einen Arzt für die Kranke zu holen, kam keinem in den Sinn, war
überhaupt bei dem Landvolk jener Zeit nicht gebräuchlich. Wer so alt
war, wie Muhme Lene, taugte ja nicht mehr viel auf der Welt und konnte
wohl abkommen. Dennoch zog sich die Krankheit in die Länge, ja es
ging der guten Alten sogar zeitweise besser, daß sie allerlei schönes
Gespräch mit ihrem kleinen Pfleger führen konnte.
»Zünd' doch das Lämpchen an«, bat sie eines Abends, »es ist ja schon
sticheldunkel.«
»Laß es noch ein Weilchen so«, bat der Knabe, der lange still auf
seinem Schemel gesessen hatte. »Ich möchte dir heute was sagen, das
mir schon lang auf dem Herzen liegt. Erst meint' ich, es sei ein Traum
gewesen, aber es war doch keiner.«
»So sag's, mein Bub, solang es noch Zeit ist.«
»Weißt, Muhme, den Tag, als du krank wurdest, war ich doch mit dem
Vater in der Stadt.«
»Ja, Kind, ich weiß.«
»Und abends lag ich im Stroh, und die Männer am Tisch dachten wohl, ich
schliefe. Da erzählt' einer was halblaut, und ich mußt' horchen, ich
mocht' wollen oder nicht. Der Mann hat erzählt von zwei jungen Mönchen,
Johannes und Heinrich haben's geheißen. O denk' nur, Muhme, die hat
man in einem großen Feuer verbrannt, ganz lebendig! Nichts Böses haben
sie getan, sind schön, fromm und brav gewesen; aber sie haben etwas
geglaubt, was man nicht glauben darf! Was es war, konnt' ich nicht
verstehen. Und doch haben sie sich nicht gefürchtet! Sie haben gesagt,
es sei, als streue man ihnen Rosen unter die Füße! Der Mann, der's
erzählte, sah sich ängstlich um, als dürfe man nicht davon reden. Ich
aber mußt' bitter weinen, o so bitter; schlief aber bald darüber ein,
und am Morgen dacht' ich, es sei ein Traum gewesen.«
»Hast du seither zu jemand davon gesprochen?« fragte die Kranke.
»Nein, Muhme! So was sag' ich nur dir.«
»Das ist recht! Und wenn ich nimmer da bin, sag' es Gott, und bitte
Ihn, daß Er dich auf den rechten Weg führt. Jetzt zünd' das Lämpchen
an, schieb mir ein Kissen untern Kopf und laß mich einen Schluck Milch
trinken. Du bist noch kindisch; wenn du aber männlicher wirst, bin ich
nimmer da, darum will ich dir jetzt was aus meiner Jugend erzählen.
Du weißt, ich bin deines Großvaters Schwester. Wir waren arm und früh
verwaist. Im Norden des Landes, bei der Stadt Zwolle, waren wir daheim.
Für den Knaben sorgten Anverwandte; es ist ihm gut gegangen, und er
hat endlich dies Bauerngut erworben. Mich aber nahmen fromme Frauen in
ein großes Haus auf, wo ich gar stille, friedliche Jahre verlebt und
viel Gutes gelernt habe. Diese Frauen waren keine Nonnen und hatten
kein Gelübde getan. Freiwillig wohnten sie beisammen und nannten sich
›Schwestern des gemeinsamen Lebens‹. Gar emsig ging's bei ihnen zu.
Alles, was Frauenhände nur schaffen können, hab' ich dort gelernt,
und mit mir eine große Zahl armer Mägdlein, die man dort erzog. Im
Hause blitzte alles vor Sauberkeit, und das Paradiesgärtlein kann kaum
schöner gewesen sein als unser Garten. Wir lernten auch beten, lesen
und schreiben, und wenn wir spinnen oder nähen mußten, las man uns
oft vor aus dem Bibelbuch. Nicht lateinisch, sondern in der trauten
Muttersprache. O wie gern hörten wir zu! Alle die schönen Geschichten
von Abraham, Joseph, David und dem hochgelobten HErrn Christo, die
du so gern hörst, weiß ich von jener Zeit her. Auch wenn man uns zur
Kirche führte, hörten wir die liebe Muttersprache. Auf der Kanzel stand
dann oft ein kleiner Mann mit gar wunderbar leuchtenden Augen, den wir
alle gern hatten. Ich war noch ein sehr kleines Ding, konnt' aber doch
schon verstehen, wie er uns lehrte, unsere Hoffnung allein auf den
HErrn JEsum zu setzen, der für uns am Kreuz gestorben sei. Auch mahnt'
er uns gar freundlich zu Lieb' und Frieden, zu Treu' und Gehorsam. Als
ich größer ward, predigt' er nimmer; er verließ das Sankt Agnes-Kloster
nicht mehr, war auch schon sehr alt. Sein Name war Thomas von Kempen,
und du bist nach ihm genannt.«
»Ist er bei uns gewesen, als ich zur Welt kam?« fragte der Junge.
»Red' nicht so albern! Wenn er schon alt war, als ich ein klein
Mädel gewesen bin, wie konnt' er da noch leben, als du in die Welt
gucktest? Aber als ich dich aus dem ersten Bad hob, und deine Mutter
kein freundlich Gesicht machte, weil du ein jämmerlich Büblein warst,
schlugst du die Augen weit auf und sahest mich an mit wunderbar tiefem
Blick, der mich an ein Auge erinnerte, in das ich vor langer Zeit gern
geschaut. Ueber Nacht fiel mir's ein, daß es des Predigers Thomas Auge
war, und bat den Vater, dich Thomas zu nennen.«
Erschöpft schwieg die Kranke. Der Junge aber fragte: »Ja, Muhme, das
mag ein guter Mann gewesen sein, aber was hat er mit den jungen Mönchen
zu tun, die man jüngst verbrannt hat?«
»Wart' nur, laß mich ein wenig verschnaufen. Sieh«, fuhr sie nach einer
Weile fort, »du denkst wohl, den guten Pater Thomas und die braven
Brüder und Schwestern des gemeinsamen Lebens hätten alle Leute lieb
gehabt? Gar nicht! Viele, besonders Priester und Mönche, haben sie
beschimpft, gehaßt und verspottet.«
»Aber warum denn? Sie taten ja niemand ein Leid?«
»Nein; aber sie wußten mehr von himmlischen Dingen und lebten reiner
und frömmer als die andern, waren auch so kühn, zum Himmelskönig
selbst zu beten, statt zu den Heiligen. Darum hat man sie gehaßt und
verachtet, und würde sie gern ausgerottet haben, wenn das Volk sie
nicht so geehrt und geliebt hätte. Sieh, die zwei Knaben, Johannes und
Heinrich, sind wohl auch gottseliger gewesen als die andern Mönche, und
der Heiland hat sich ihnen offenbart vor andern. Das können die stolzen
Priester nicht vertragen, und deshalb hat man sie verbrannt. Ihrem
Leibe hat's ja weh getan, aber im Herzen haben sie himmlischen Trost
gehabt; darum war's ihnen, als streue man Rosen unter ihre Füße.«
Eine Zeitlang herrschte tiefes Schweigen im Kämmerlein; dann sprach die
Alte: »Halt still im Herzen, was ich dir gesagt hab'. Ich weiß, du bist
kein Schwätzer! Wer weiß, wie bald du mehr davon erfährst! Jetzt leg'
mich nieder, denn ich bin matt.«
Es war das letztemal gewesen, daß die Muhme lange und zusammenhängend
sprach. Am andern Morgen war eine Wendung in ihrer Krankheit
eingetreten; sie war müde und hinfällig an Leib und Seele; ja, zuweilen
wanderte ihr Geist, so daß sie seltsame Dinge redete, und dem einsamen
kleinen Pfleger bange ward.
Doch beklagte er sich gegen niemand darüber. Es hätte ihm auch nichts
genützt, da die Ernte eben in vollem Gange war und alle Hände reichlich
beschäftigte. Ja, man hätte wohl oft vergessen, ein Süppchen oder einen
Brei für die beiden Stillen im Dachkämmerchen zu kochen, wenn es Grete
nicht getan hätte. Sie war es auch, die den Vater mehrmals erinnerte,
daß es wohl Zeit sei, den Priester zu holen, damit er der Kranken die
Sterbesakramente reiche. Er hätt' es wohl getan, doch wollte die Mutter
nichts davon wissen. »'s hat wohl Zeit, bis das Korn herein ist«, sagte
sie. »Wenn der Pfaff den weiten Weg machen soll, müssen wir ihm einen
guten Tisch rüsten und den Schmutz aus der Diele schaffen. Dazu hat
jetzt niemand Zeit. Die Alte hat ein gar zähes Leben!«
Droben im Kämmerlein aber ward's stiller und stiller. Die Kranke litt
nicht viel und lag meist mit gefalteten Händen. Eines Abends, als es
schon dämmerte, fragte sie leise: »Thomas, was ist das da unten am
Bettrand?«
»Das Bildchen, gute Muhme, das ich dir jenesmal aus der Stadt
mitbrachte. Aber du kannst's nicht erkennen, 's ist ja fast finster.«
»O, ich seh' es wohl! Du mußt's ändern! Nimm der Mutter das Krönlein ab
und setz' es dem Kinde auf.«
»Wie kann ich? 's ist ja nur gemalt.«
»Du hast's schon getan! Ich seh' Ihn ja mit der Himmelskrone! Die Arme
breitet Er aus, die ganze Welt an Sein Herz zu ziehen! Auch mich, die
arme Alte! O mein Heiland, mein Erlöser!«
Nun ward sie still; nur schwacher Dämmerschein drang noch durchs kleine
Fenster. Der Knabe kniete am Bett und wagte nicht aufzustehen, um das
Lämpchen anzuzünden. Die Muhme atmete so schwer. Es dauerte lange;
der Kopf des kleinen Pflegers sank auf den Bettrand nieder, leichter
Schlummer umfing ihn. In Haus und Hof ward es lebendig; man brachte die
gefüllten Erntewagen herein. Sobald Grete einen Augenblick frei hatte,
sprang sie die Treppe hinauf ins Krankenstübchen. Sie fand den Bruder
schlafend; die Muhme tot mit stillen, verklärten Zügen.
Nur von Grete und Thomas ward sie schmerzlich beweint und in
liebreichem Andenken behalten. Die andern meinten, sie sei eben alt
und unnütz geworden, und es wäre recht gut, daß sie nicht länger zur
Last gelegen habe. Niemand dachte dankbar daran, daß sie ihre Kraft
dem Wohle des Hauses geopfert, und alle Kinder, vom ältesten bis zum
jüngsten, zärtlich auf den Armen getragen hatte. Nach wenig Tagen
ruhte ihr müder, abgezehrter Leib im Grabe. Die beiden Getreuen
hätten es gern gesehen, wenn man eine schöne Steinplatte darauf gelegt
hätte, aber davon wollten der Bauer und seine Frau nichts wissen. Doch
ließ man ein paar Seelenmessen für sie lesen, damit sie die Qual des
Fegefeuers nicht allzulange leiden müsse. Immerhin war's schlimm, daß
man den Priester nicht früher geholt.
Thomas aber hatte dabei seine eigenen Gedanken, die er niemand
anvertraute, nicht einmal der guten Grete. Er wußte fest und gewiß, daß
Muhme Lene nicht im Fegefeuer war, sondern im Himmel bei Gott und dem
HErrn Christo. Sie hatte Ihn ja selbst im Geist gesehen und ganz laut
zu Ihm gerufen! Immer und immer wieder klang ihm dieser letzte Ruf in
den Ohren und noch lauter im Herzen.
Eines Tages erbat er sich vom Schulmeister ein Stücklein reines Papier,
saß lange damit in einem Winkel und schrieb endlich ein Verslein drauf:
»Schlaf wohl, du liebe Muhme
In deinem stillen Grab!
Nur eine Rosenblume
Ich drauf gepflanzet hab'.
Von langer Arbeit ruhet
Dein müder Leib sich aus;
Die Seel' ist aufgeflogen
Zu ihres Gottes Haus.
Mein Heiland! Mein Erlöser!
So riefst du himmelwärts;
Und wer so ruft, den drücket
Der Heiland an Sein Herz.
Es wäscht ihn der Erlöser
Von allen Sünden rein,
Führt ihn im weißen Kleide
Zur Himmelstür hinein.«
Dann riß er ein Stück der Silberborte ab, die sein Sonntagswams
schmückte, ging still hinaus zum Kirchhof und band das Zettelchen an
den Rosenstock, den er mit Grete aufs Grab gepflanzt. Nun hatte doch
Muhme Lene eine Grabschrift!
Aber über Nacht kam ein Sturmwind, riß das Blättlein los und trug es
hoch hinauf in die Luft, bis es in den Wolken verschwand. Am andern
Tage ging der Priester am Grabe vorüber, blieb einen Augenblick
stehen und lächelte über das Silberschleifchen. Da war's gut, daß die
Grabschrift weg war.
Den Winter über lief der Knabe fleißig den weiten Weg zur Schule
und lernte schnell und gut, was es dort zu lernen gab; es war nicht
allzuviel! Kam er müde nach Hause, so dachte er sehnsüchtig an die gute
Muhme, die ihm stets sein Essen warm gehalten hatte. Jetzt fand er Topf
und Schüssel oft leer, und mußte mit einem Stück Brot vorliebnehmen.
Dazu ward ihm alle Arbeit aufgespart, zu der sonst niemand Lust hatte.
Was allen zu gering, zu schmutzig, zu langweilig war, das konnte ja der
Thomas tun, der sonst zu nichts taugte. Grete konnte ihm dabei wenig
helfen, da sie unterm strengen Regiment der Mutter stand.
Da war's eine rechte Erleichterung für den Jungen, als ihn der
Schulmeister den Chorknaben zugesellte, die an Sonn- und Feiertagen im
Dorfkirchlein singen und auch die Woche hindurch bei den Messen und
Vespern am Altar dienen mußten. Hätte er das Bildchen vom Bettrand der
Muhme noch gehabt, würde er sich vielleicht gewundert haben über die
hohe Ehre, die man der Jungfrau Maria gönnte, während des Heilandes der
Welt nur wenig gedacht wurde. Leider aber war das Bildchen zerrissen,
als er's vom Holze ablösen wollte. Auch über die Predigt, die meist
nur aus Heiligenlegenden, Anpreisung von Wallfahrten und Reliquien
und dergleichen Dingen bestand, würde er sich gewundert haben, wenn
er älter und erfahrener gewesen wäre. Ja, er dachte wirklich manchmal
daran, daß Thomas von Kempen wohl anders geredet haben mochte. Aber
das geschah nur selten, da träumerische Kinder meist erst spät
zusammenhängender Rede folgen lernen. Dazu kam, daß die Zeit in Schule
und Kirche seine beste war. Daheim hieß er nur zu oft Taugenichts,
Traumtoffel oder unnützer Bengel, während Priester und Lehrer seinen
Gesang und sein sittsames Betragen lobten.
Ach, daheim war's nimmer schön! Dem Vater war über den Winter die
Gicht in die Beine gefahren, so daß Robert, der älteste Bruder, nun
das Regiment führte. Der war ein riesenstarker Mensch, arbeitete
für zwei, kommandierte aber auch die andern wie der beste General.
Die ließen sich's nicht immer gefallen, so daß es oft zu Streit und
Zank, ja zu hitzigen Balgereien kam, die den schüchternen Jungen mit
Todesangst erfüllten. O wie gern entfloh er dann in den Frieden des
Dorfkirchleins, wo die Klänge der kleinen, sehr geringen Orgel und die
weichen Knabenstimmen sein trauriges Herz beruhigten und geheimnisvoll
über alles Erdenleid erhoben! Hinauf zu Gott, zum Heiland und zu Muhme
Lene!
Indessen ließen sich die Brüder die Tyrannei des Aeltesten nicht lange
gefallen. Stand ihnen denn nicht die Welt offen? So verdingte sich der
eine auf ein Schiff, das weit weg in die neuentdeckten Länder fahren
wollte; der andere zog in die Stadt, um ein Handwerk zu lernen.
Da war's gut, daß Schwester Grete, deren Gemüt so weich und liebreich
war, fast Manneskräfte hatte und mit Roß und Wagen meisterlich umgehen
konnte. Darum überließ man ihr die Stadtfahrten an den Markttagen und
gab ihr Thomas zum Gehilfen mit, so oft es sein Kirchendienst erlaubte.
Das waren Freudentage für die beiden. Schon auf dem Wege schmiedeten
sie Zukunftspläne. Thomas wollte sicherlich dafür sorgen, daß es seine
Grete einmal sehr, sehr gut haben sollte, wenn er erst groß genug war,
um Geld zu verdienen. Nimmer würde er eine Frau nehmen; Grete sollte
ihm die Suppe kochen und das Gewand flicken, und abends wollten sie
zusammensitzen und einander wundersame Dinge erzählen. Aber was er
werden wollte, wußte er immer noch nicht. Er war allzu schüchternen
Sinnes und traute sich wenig zu. Bei jedem Handwerk, das ihm Grete
vorschlug, meinte er, das könne er ja sein Lebtag nicht begreifen; es
sei allzu schwer.
In die Marienkirche kam er noch oft, aber das Bild war nimmer da.
Ein Hagelschlag hatte es zerstört, und man hatte es durch das Bild
irgend eines Heiligen ersetzt. Am Hause des Goldschmieds, dem er den
Heilruf gebracht, kam er an jedem Markttag vorüber. Er sah in dem
Säulengang neben der Haustür die kostbaren Waren ausgebreitet, streng
bewacht von den Gehilfen. Nur aus ehrfurchtsvoller Entfernung durften
Vorübergehende die glänzenden Becher, Schalen und Krüge, die goldenen,
edelsteinbesetzten Armringe, Ketten, Schwertgriffe, Gürtel und
Stirnbänder betrachten, denn die starke seidene Schnur, die von Säule
zu Säule gespannt war, ward nur für Käufer zurückgezogen. Die Gehilfen
aber priesen die prächtigen Waren mit lauter Stimme an. Thomas hatte
wenig Sinn für diese Herrlichkeiten, zog aber die Mütze tief, so oft er
das ernste Gesicht des Goldschmieds am Fenster der Werkstatt erblickte.
Wenn sein Gruß freundlich erwidert ward, errötete er und war den ganzen
Tag fröhlich, ohne recht zu wissen, warum. Noch freudiger stimmte es
ihn, als er, den Blick zu den Fenstern der Wohngemächer erhebend, die
liebliche junge Frau erkannte, noch zarter als am Hochzeitstag, aber
mit glücklichem Lächeln ein feines Kindlein emporhaltend, damit es auf
die Straße hinabblicke. Fröhlich schwenkte Thomas seine Kappe; das
kleine Mägdlein aber bewegte das zierliche Händchen, wie man es zum
Gruße gelehrt.
Noch mehrmals sah er es in diesem Jahre und freute sich seiner
Lieblichkeit. Im nächsten Sommer aber führte es die Wärterin schon
vor der Haustür auf und ab, und es jauchzte über das Marktgewühl.
Da flog Thomas zu seinem Wagen, holte die allerschönste Rose aus dem
Blumenkorb, bückte sich zu dem Kinde nieder und steckte sie ihm ins
ausgestreckte Händchen. Da hob es das goldblonde Köpfchen, lächelte gar
holdselig und küßte die gebräunte Wange des Knaben.
»Was hast du denn, Bub?« fragte die Schwester, als er atemlos wieder
angerannt kam. »Bist ja feuerrot und siehst ganz verklärt aus.«
»Wie sollt' ich nicht?« rief der Junge mit strahlenden Augen. »Hat mir
doch eben ein holdes Mägdlein die Wange geküßt.«
»Na, du machst mir schöne Sachen! Was gehen dich kleinen Knirps die
Mägdlein an? Wie alt war's denn wohl?«
»Noch nicht zwei Jahre! Es war des Goldschmieds Töchterlein.«
Da lachte die gute Grete herzlich, faßte den Buben beim Kopf und küßte
ihn, aber viel derber als das feine Kind des reichen Mannes.