2. Muhme Lene.

Nirgends ist ein Kranker überflüssiger als auf dem Bauernhof. Das Vieh

darf ja nicht warten; es muß zuerst versorgt werden, es bringt ja

Geld ein! Und dann kommen die Gesunden dran, sie müssen ja essen, ehe

sie zur Arbeit ausziehen. Der Kranke hat Zeit, zu warten; er ist eben

nur eine Last. Aber Muhme Lene hatte es gut. Der kleine, träumerische

Junge ward alsbald zu ihrem Pfleger bestimmt, und man war eigentlich

froh, ihn beschäftigt zu wissen, da er in Haus und Hof nicht recht zu

brauchen war und viel Verdruß anrichtete. Die Dorfschule, die er sonst

gern und fleißig besuchte, war bis nach der Ernte geschlossen, und

länger würde es die Alte wohl kaum treiben.

So dachte die Bäuerin, eine harte, starke Frau, vor der alles, was

schwach, zart, ängstlich und hilfsbedürftig war, nur wenig Gnade fand.

Ihr war's ein Greuel, daß ihr Jüngster so anders geriet als ihre

älteren, handfesten Sprößlinge. Sie hatte ihm selten ein liebreich Wort

gegönnt; er war vom ersten Tag an »Muhme Lenes Bub« gewesen.

Auf der ganzen Welt gibt's keine bessere Lehrmeisterin als die Liebe.

So begriff auch der Junge gar bald, was zur Behaglichkeit der Kranken

diente. Er schüttelte ihr die Kissen, er kühlte ihre heiße Stirn,

rieb ihr die steifen, schmerzenden Glieder, und wenn sie schlummerte,

verjagte er unermüdet die Fliegen und Mücken, die ihren Weg durchs

Dachfensterlein nur allzu zahlreich fanden. Sie war geduldig und

bescheiden, nur fein sauber mochte sie's gern um sich sehen. Sie sagte,

sie sei das von Jugend auf gewöhnt. Auch darin war der Junge ihr

ähnlich; alles Unreine war ihm zuwider. So fegte und putzte er jeden

Morgen im Stübchen umher, bis alles blitzblank war, sorgte auch stets

dafür, daß auf dem Kasten neben dem Bette, der das ganze Besitztum der

Muhme in sich barg, täglich ein frischer, duftender Strauß im irdenen

Gefäß stand. Die Blumenzucht war schon damals recht allgemein in den

Niederlanden, und es gab selten ein Bauerngut, das nicht ein blühendes

Gärtlein aufzuweisen hatte. O wie liebte Thomas die Blumen! Wie lange

konnte er stehen und in den Kelch einer Lilie oder in eine volle Rose

blicken! Wie oft hatte man ihn darum geneckt, auch wohl gescholten!

Nur Grete, seine älteste Schwester, verstand ihn darin, und war

überhaupt die einzige im Hause, die ihn niemals schalt, auch niemals

verspottete wegen seines träumerischen Wesens. Sie war groß und stark

und konnte nicht mehr allzu jung sein, denn zwischen ihr und Thomas

stand eine stattliche Reihe rotwangiger Mädel und stämmiger Burschen.

Jetzt war sie auch die einzige, die täglich Zeit fand, einen Besuch

im Krankenstübchen zu machen und den beiden Einsamen etwa einen

Leckerbissen zu bringen.

Einen Arzt für die Kranke zu holen, kam keinem in den Sinn, war

überhaupt bei dem Landvolk jener Zeit nicht gebräuchlich. Wer so alt

war, wie Muhme Lene, taugte ja nicht mehr viel auf der Welt und konnte

wohl abkommen. Dennoch zog sich die Krankheit in die Länge, ja es

ging der guten Alten sogar zeitweise besser, daß sie allerlei schönes

Gespräch mit ihrem kleinen Pfleger führen konnte.

»Zünd' doch das Lämpchen an«, bat sie eines Abends, »es ist ja schon

sticheldunkel.«

»Laß es noch ein Weilchen so«, bat der Knabe, der lange still auf

seinem Schemel gesessen hatte. »Ich möchte dir heute was sagen, das

mir schon lang auf dem Herzen liegt. Erst meint' ich, es sei ein Traum

gewesen, aber es war doch keiner.«

»So sag's, mein Bub, solang es noch Zeit ist.«

»Weißt, Muhme, den Tag, als du krank wurdest, war ich doch mit dem

Vater in der Stadt.«

»Ja, Kind, ich weiß.«

»Und abends lag ich im Stroh, und die Männer am Tisch dachten wohl, ich

schliefe. Da erzählt' einer was halblaut, und ich mußt' horchen, ich

mocht' wollen oder nicht. Der Mann hat erzählt von zwei jungen Mönchen,

Johannes und Heinrich haben's geheißen. O denk' nur, Muhme, die hat

man in einem großen Feuer verbrannt, ganz lebendig! Nichts Böses haben

sie getan, sind schön, fromm und brav gewesen; aber sie haben etwas

geglaubt, was man nicht glauben darf! Was es war, konnt' ich nicht

verstehen. Und doch haben sie sich nicht gefürchtet! Sie haben gesagt,

es sei, als streue man ihnen Rosen unter die Füße! Der Mann, der's

erzählte, sah sich ängstlich um, als dürfe man nicht davon reden. Ich

aber mußt' bitter weinen, o so bitter; schlief aber bald darüber ein,

und am Morgen dacht' ich, es sei ein Traum gewesen.«

»Hast du seither zu jemand davon gesprochen?« fragte die Kranke.

»Nein, Muhme! So was sag' ich nur dir.«

»Das ist recht! Und wenn ich nimmer da bin, sag' es Gott, und bitte

Ihn, daß Er dich auf den rechten Weg führt. Jetzt zünd' das Lämpchen

an, schieb mir ein Kissen untern Kopf und laß mich einen Schluck Milch

trinken. Du bist noch kindisch; wenn du aber männlicher wirst, bin ich

nimmer da, darum will ich dir jetzt was aus meiner Jugend erzählen.

Du weißt, ich bin deines Großvaters Schwester. Wir waren arm und früh

verwaist. Im Norden des Landes, bei der Stadt Zwolle, waren wir daheim.

Für den Knaben sorgten Anverwandte; es ist ihm gut gegangen, und er

hat endlich dies Bauerngut erworben. Mich aber nahmen fromme Frauen in

ein großes Haus auf, wo ich gar stille, friedliche Jahre verlebt und

viel Gutes gelernt habe. Diese Frauen waren keine Nonnen und hatten

kein Gelübde getan. Freiwillig wohnten sie beisammen und nannten sich

›Schwestern des gemeinsamen Lebens‹. Gar emsig ging's bei ihnen zu.

Alles, was Frauenhände nur schaffen können, hab' ich dort gelernt,

und mit mir eine große Zahl armer Mägdlein, die man dort erzog. Im

Hause blitzte alles vor Sauberkeit, und das Paradiesgärtlein kann kaum

schöner gewesen sein als unser Garten. Wir lernten auch beten, lesen

und schreiben, und wenn wir spinnen oder nähen mußten, las man uns

oft vor aus dem Bibelbuch. Nicht lateinisch, sondern in der trauten

Muttersprache. O wie gern hörten wir zu! Alle die schönen Geschichten

von Abraham, Joseph, David und dem hochgelobten HErrn Christo, die

du so gern hörst, weiß ich von jener Zeit her. Auch wenn man uns zur

Kirche führte, hörten wir die liebe Muttersprache. Auf der Kanzel stand

dann oft ein kleiner Mann mit gar wunderbar leuchtenden Augen, den wir

alle gern hatten. Ich war noch ein sehr kleines Ding, konnt' aber doch

schon verstehen, wie er uns lehrte, unsere Hoffnung allein auf den

HErrn JEsum zu setzen, der für uns am Kreuz gestorben sei. Auch mahnt'

er uns gar freundlich zu Lieb' und Frieden, zu Treu' und Gehorsam. Als

ich größer ward, predigt' er nimmer; er verließ das Sankt Agnes-Kloster

nicht mehr, war auch schon sehr alt. Sein Name war Thomas von Kempen,

und du bist nach ihm genannt.«

»Ist er bei uns gewesen, als ich zur Welt kam?« fragte der Junge.

»Red' nicht so albern! Wenn er schon alt war, als ich ein klein

Mädel gewesen bin, wie konnt' er da noch leben, als du in die Welt

gucktest? Aber als ich dich aus dem ersten Bad hob, und deine Mutter

kein freundlich Gesicht machte, weil du ein jämmerlich Büblein warst,

schlugst du die Augen weit auf und sahest mich an mit wunderbar tiefem

Blick, der mich an ein Auge erinnerte, in das ich vor langer Zeit gern

geschaut. Ueber Nacht fiel mir's ein, daß es des Predigers Thomas Auge

war, und bat den Vater, dich Thomas zu nennen.«

Erschöpft schwieg die Kranke. Der Junge aber fragte: »Ja, Muhme, das

mag ein guter Mann gewesen sein, aber was hat er mit den jungen Mönchen

zu tun, die man jüngst verbrannt hat?«

»Wart' nur, laß mich ein wenig verschnaufen. Sieh«, fuhr sie nach einer

Weile fort, »du denkst wohl, den guten Pater Thomas und die braven

Brüder und Schwestern des gemeinsamen Lebens hätten alle Leute lieb

gehabt? Gar nicht! Viele, besonders Priester und Mönche, haben sie

beschimpft, gehaßt und verspottet.«

»Aber warum denn? Sie taten ja niemand ein Leid?«

»Nein; aber sie wußten mehr von himmlischen Dingen und lebten reiner

und frömmer als die andern, waren auch so kühn, zum Himmelskönig

selbst zu beten, statt zu den Heiligen. Darum hat man sie gehaßt und

verachtet, und würde sie gern ausgerottet haben, wenn das Volk sie

nicht so geehrt und geliebt hätte. Sieh, die zwei Knaben, Johannes und

Heinrich, sind wohl auch gottseliger gewesen als die andern Mönche, und

der Heiland hat sich ihnen offenbart vor andern. Das können die stolzen

Priester nicht vertragen, und deshalb hat man sie verbrannt. Ihrem

Leibe hat's ja weh getan, aber im Herzen haben sie himmlischen Trost

gehabt; darum war's ihnen, als streue man Rosen unter ihre Füße.«

Eine Zeitlang herrschte tiefes Schweigen im Kämmerlein; dann sprach die

Alte: »Halt still im Herzen, was ich dir gesagt hab'. Ich weiß, du bist

kein Schwätzer! Wer weiß, wie bald du mehr davon erfährst! Jetzt leg'

mich nieder, denn ich bin matt.«

Es war das letztemal gewesen, daß die Muhme lange und zusammenhängend

sprach. Am andern Morgen war eine Wendung in ihrer Krankheit

eingetreten; sie war müde und hinfällig an Leib und Seele; ja, zuweilen

wanderte ihr Geist, so daß sie seltsame Dinge redete, und dem einsamen

kleinen Pfleger bange ward.

Doch beklagte er sich gegen niemand darüber. Es hätte ihm auch nichts

genützt, da die Ernte eben in vollem Gange war und alle Hände reichlich

beschäftigte. Ja, man hätte wohl oft vergessen, ein Süppchen oder einen

Brei für die beiden Stillen im Dachkämmerchen zu kochen, wenn es Grete

nicht getan hätte. Sie war es auch, die den Vater mehrmals erinnerte,

daß es wohl Zeit sei, den Priester zu holen, damit er der Kranken die

Sterbesakramente reiche. Er hätt' es wohl getan, doch wollte die Mutter

nichts davon wissen. »'s hat wohl Zeit, bis das Korn herein ist«, sagte

sie. »Wenn der Pfaff den weiten Weg machen soll, müssen wir ihm einen

guten Tisch rüsten und den Schmutz aus der Diele schaffen. Dazu hat

jetzt niemand Zeit. Die Alte hat ein gar zähes Leben!«

Droben im Kämmerlein aber ward's stiller und stiller. Die Kranke litt

nicht viel und lag meist mit gefalteten Händen. Eines Abends, als es

schon dämmerte, fragte sie leise: »Thomas, was ist das da unten am

Bettrand?«

»Das Bildchen, gute Muhme, das ich dir jenesmal aus der Stadt

mitbrachte. Aber du kannst's nicht erkennen, 's ist ja fast finster.«

»O, ich seh' es wohl! Du mußt's ändern! Nimm der Mutter das Krönlein ab

und setz' es dem Kinde auf.«

»Wie kann ich? 's ist ja nur gemalt.«

»Du hast's schon getan! Ich seh' Ihn ja mit der Himmelskrone! Die Arme

breitet Er aus, die ganze Welt an Sein Herz zu ziehen! Auch mich, die

arme Alte! O mein Heiland, mein Erlöser!«

Nun ward sie still; nur schwacher Dämmerschein drang noch durchs kleine

Fenster. Der Knabe kniete am Bett und wagte nicht aufzustehen, um das

Lämpchen anzuzünden. Die Muhme atmete so schwer. Es dauerte lange;

der Kopf des kleinen Pflegers sank auf den Bettrand nieder, leichter

Schlummer umfing ihn. In Haus und Hof ward es lebendig; man brachte die

gefüllten Erntewagen herein. Sobald Grete einen Augenblick frei hatte,

sprang sie die Treppe hinauf ins Krankenstübchen. Sie fand den Bruder

schlafend; die Muhme tot mit stillen, verklärten Zügen.

Nur von Grete und Thomas ward sie schmerzlich beweint und in

liebreichem Andenken behalten. Die andern meinten, sie sei eben alt

und unnütz geworden, und es wäre recht gut, daß sie nicht länger zur

Last gelegen habe. Niemand dachte dankbar daran, daß sie ihre Kraft

dem Wohle des Hauses geopfert, und alle Kinder, vom ältesten bis zum

jüngsten, zärtlich auf den Armen getragen hatte. Nach wenig Tagen

ruhte ihr müder, abgezehrter Leib im Grabe. Die beiden Getreuen

hätten es gern gesehen, wenn man eine schöne Steinplatte darauf gelegt

hätte, aber davon wollten der Bauer und seine Frau nichts wissen. Doch

ließ man ein paar Seelenmessen für sie lesen, damit sie die Qual des

Fegefeuers nicht allzulange leiden müsse. Immerhin war's schlimm, daß

man den Priester nicht früher geholt.

Thomas aber hatte dabei seine eigenen Gedanken, die er niemand

anvertraute, nicht einmal der guten Grete. Er wußte fest und gewiß, daß

Muhme Lene nicht im Fegefeuer war, sondern im Himmel bei Gott und dem

HErrn Christo. Sie hatte Ihn ja selbst im Geist gesehen und ganz laut

zu Ihm gerufen! Immer und immer wieder klang ihm dieser letzte Ruf in

den Ohren und noch lauter im Herzen.

Eines Tages erbat er sich vom Schulmeister ein Stücklein reines Papier,

saß lange damit in einem Winkel und schrieb endlich ein Verslein drauf:

»Schlaf wohl, du liebe Muhme

In deinem stillen Grab!

Nur eine Rosenblume

Ich drauf gepflanzet hab'.

Von langer Arbeit ruhet

Dein müder Leib sich aus;

Die Seel' ist aufgeflogen

Zu ihres Gottes Haus.

Mein Heiland! Mein Erlöser!

So riefst du himmelwärts;

Und wer so ruft, den drücket

Der Heiland an Sein Herz.

Es wäscht ihn der Erlöser

Von allen Sünden rein,

Führt ihn im weißen Kleide

Zur Himmelstür hinein.«

Dann riß er ein Stück der Silberborte ab, die sein Sonntagswams

schmückte, ging still hinaus zum Kirchhof und band das Zettelchen an

den Rosenstock, den er mit Grete aufs Grab gepflanzt. Nun hatte doch

Muhme Lene eine Grabschrift!

Aber über Nacht kam ein Sturmwind, riß das Blättlein los und trug es

hoch hinauf in die Luft, bis es in den Wolken verschwand. Am andern

Tage ging der Priester am Grabe vorüber, blieb einen Augenblick

stehen und lächelte über das Silberschleifchen. Da war's gut, daß die

Grabschrift weg war.

Den Winter über lief der Knabe fleißig den weiten Weg zur Schule

und lernte schnell und gut, was es dort zu lernen gab; es war nicht

allzuviel! Kam er müde nach Hause, so dachte er sehnsüchtig an die gute

Muhme, die ihm stets sein Essen warm gehalten hatte. Jetzt fand er Topf

und Schüssel oft leer, und mußte mit einem Stück Brot vorliebnehmen.

Dazu ward ihm alle Arbeit aufgespart, zu der sonst niemand Lust hatte.

Was allen zu gering, zu schmutzig, zu langweilig war, das konnte ja der

Thomas tun, der sonst zu nichts taugte. Grete konnte ihm dabei wenig

helfen, da sie unterm strengen Regiment der Mutter stand.

Da war's eine rechte Erleichterung für den Jungen, als ihn der

Schulmeister den Chorknaben zugesellte, die an Sonn- und Feiertagen im

Dorfkirchlein singen und auch die Woche hindurch bei den Messen und

Vespern am Altar dienen mußten. Hätte er das Bildchen vom Bettrand der

Muhme noch gehabt, würde er sich vielleicht gewundert haben über die

hohe Ehre, die man der Jungfrau Maria gönnte, während des Heilandes der

Welt nur wenig gedacht wurde. Leider aber war das Bildchen zerrissen,

als er's vom Holze ablösen wollte. Auch über die Predigt, die meist

nur aus Heiligenlegenden, Anpreisung von Wallfahrten und Reliquien

und dergleichen Dingen bestand, würde er sich gewundert haben, wenn

er älter und erfahrener gewesen wäre. Ja, er dachte wirklich manchmal

daran, daß Thomas von Kempen wohl anders geredet haben mochte. Aber

das geschah nur selten, da träumerische Kinder meist erst spät

zusammenhängender Rede folgen lernen. Dazu kam, daß die Zeit in Schule

und Kirche seine beste war. Daheim hieß er nur zu oft Taugenichts,

Traumtoffel oder unnützer Bengel, während Priester und Lehrer seinen

Gesang und sein sittsames Betragen lobten.

Ach, daheim war's nimmer schön! Dem Vater war über den Winter die

Gicht in die Beine gefahren, so daß Robert, der älteste Bruder, nun

das Regiment führte. Der war ein riesenstarker Mensch, arbeitete

für zwei, kommandierte aber auch die andern wie der beste General.

Die ließen sich's nicht immer gefallen, so daß es oft zu Streit und

Zank, ja zu hitzigen Balgereien kam, die den schüchternen Jungen mit

Todesangst erfüllten. O wie gern entfloh er dann in den Frieden des

Dorfkirchleins, wo die Klänge der kleinen, sehr geringen Orgel und die

weichen Knabenstimmen sein trauriges Herz beruhigten und geheimnisvoll

über alles Erdenleid erhoben! Hinauf zu Gott, zum Heiland und zu Muhme

Lene!

Indessen ließen sich die Brüder die Tyrannei des Aeltesten nicht lange

gefallen. Stand ihnen denn nicht die Welt offen? So verdingte sich der

eine auf ein Schiff, das weit weg in die neuentdeckten Länder fahren

wollte; der andere zog in die Stadt, um ein Handwerk zu lernen.

Da war's gut, daß Schwester Grete, deren Gemüt so weich und liebreich

war, fast Manneskräfte hatte und mit Roß und Wagen meisterlich umgehen

konnte. Darum überließ man ihr die Stadtfahrten an den Markttagen und

gab ihr Thomas zum Gehilfen mit, so oft es sein Kirchendienst erlaubte.

Das waren Freudentage für die beiden. Schon auf dem Wege schmiedeten

sie Zukunftspläne. Thomas wollte sicherlich dafür sorgen, daß es seine

Grete einmal sehr, sehr gut haben sollte, wenn er erst groß genug war,

um Geld zu verdienen. Nimmer würde er eine Frau nehmen; Grete sollte

ihm die Suppe kochen und das Gewand flicken, und abends wollten sie

zusammensitzen und einander wundersame Dinge erzählen. Aber was er

werden wollte, wußte er immer noch nicht. Er war allzu schüchternen

Sinnes und traute sich wenig zu. Bei jedem Handwerk, das ihm Grete

vorschlug, meinte er, das könne er ja sein Lebtag nicht begreifen; es

sei allzu schwer.

In die Marienkirche kam er noch oft, aber das Bild war nimmer da.

Ein Hagelschlag hatte es zerstört, und man hatte es durch das Bild

irgend eines Heiligen ersetzt. Am Hause des Goldschmieds, dem er den

Heilruf gebracht, kam er an jedem Markttag vorüber. Er sah in dem

Säulengang neben der Haustür die kostbaren Waren ausgebreitet, streng

bewacht von den Gehilfen. Nur aus ehrfurchtsvoller Entfernung durften

Vorübergehende die glänzenden Becher, Schalen und Krüge, die goldenen,

edelsteinbesetzten Armringe, Ketten, Schwertgriffe, Gürtel und

Stirnbänder betrachten, denn die starke seidene Schnur, die von Säule

zu Säule gespannt war, ward nur für Käufer zurückgezogen. Die Gehilfen

aber priesen die prächtigen Waren mit lauter Stimme an. Thomas hatte

wenig Sinn für diese Herrlichkeiten, zog aber die Mütze tief, so oft er

das ernste Gesicht des Goldschmieds am Fenster der Werkstatt erblickte.

Wenn sein Gruß freundlich erwidert ward, errötete er und war den ganzen

Tag fröhlich, ohne recht zu wissen, warum. Noch freudiger stimmte es

ihn, als er, den Blick zu den Fenstern der Wohngemächer erhebend, die

liebliche junge Frau erkannte, noch zarter als am Hochzeitstag, aber

mit glücklichem Lächeln ein feines Kindlein emporhaltend, damit es auf

die Straße hinabblicke. Fröhlich schwenkte Thomas seine Kappe; das

kleine Mägdlein aber bewegte das zierliche Händchen, wie man es zum

Gruße gelehrt.

Noch mehrmals sah er es in diesem Jahre und freute sich seiner

Lieblichkeit. Im nächsten Sommer aber führte es die Wärterin schon

vor der Haustür auf und ab, und es jauchzte über das Marktgewühl.

Da flog Thomas zu seinem Wagen, holte die allerschönste Rose aus dem

Blumenkorb, bückte sich zu dem Kinde nieder und steckte sie ihm ins

ausgestreckte Händchen. Da hob es das goldblonde Köpfchen, lächelte gar

holdselig und küßte die gebräunte Wange des Knaben.

»Was hast du denn, Bub?« fragte die Schwester, als er atemlos wieder

angerannt kam. »Bist ja feuerrot und siehst ganz verklärt aus.«

»Wie sollt' ich nicht?« rief der Junge mit strahlenden Augen. »Hat mir

doch eben ein holdes Mägdlein die Wange geküßt.«

»Na, du machst mir schöne Sachen! Was gehen dich kleinen Knirps die

Mägdlein an? Wie alt war's denn wohl?«

»Noch nicht zwei Jahre! Es war des Goldschmieds Töchterlein.«

Da lachte die gute Grete herzlich, faßte den Buben beim Kopf und küßte

ihn, aber viel derber als das feine Kind des reichen Mannes.

Thomas, der Leutpriester · 第 6 / 17 题