1. Der Markttag.

Es war im Jahre 1523. Auf den zahlreichen, für jene Zeit sehr guten

Landstraßen, die zu der großen, reichen niederländischen Hafenstadt

Antwerpen führten, herrschte schon am frühen Morgen reges Leben. Es

war Markttag, und die Landleute der Umgegend brachten auf großen und

kleinen Wagen, auf Schiebkarren und in Tragkörben allerlei Erzeugnisse

ihrer wohlbestellten Felder und Gärten herbei, zur Nahrung für

die hunderttausend Menschen, die damals die mächtige Handelsstadt

bevölkerten. Die Tore wurden geöffnet, und in langer Reihe bewegten

sich die Fuhrwerke dem Marktplatze zu. Unter den letzten Nachzüglern

befand sich ein Wagen, der wohl recht weither kommen mochte, denn er

war mit Staub bedeckt, und das wohlgepflegte Rößlein schien herzlich

müde. Als aber der Eigentümer die Leinwand wegzog, die seine Waren

bedeckte, zeigten sich nicht nur Feldfrüchte der besten Art, sondern

auch herrliches Obst und eine Fülle frischer Blumen, zierlich zu

Sträußen gebunden und in Körbe geordnet.

»Faß zu, Thomas«, rief der Mann dem etwa zehnjährigen Knaben zu, dem er

die Zügel zu halten gegeben. »Hilf mir das Leintuch zusammenfalten!

Nicht so! Mußt denn alles verkehrt machen? Nur hurtig! Es wird bald zur

Frühmesse läuten, und wir sind noch weit vom Marktplatz.«

Nun fuhren sie wieder die jetzt schon belebte Straße entlang. Der

Vater freute sich, wenn jemand im Vorübergehen seine frischen Waren

bewunderte; die schönen blauen Augen des blonden Knaben schweiften ins

Weite.

»Na, Thomas«, begann der Vater, »'s ist das erstemal, daß du die große

Stadt siehst. Nun schau brav um dich, daß du die Welt kennen lernst.«

»Wohl, Vater«, erwiderte der Junge. »Eben flog ein Vöglein auf von

jenem Dache! Wie frei und leicht schwang sich's empor bis zum blauen

Himmel! Wie glücklich mag's sein dort oben!«

»Dummer Bub! Vögel kannst daheim übergenug sehen! Betracht' doch die

stattlichen Häuser, die Säulen, die Erker, die Schildereien an Fenstern

und Türen! Sieh doch, wie emsig die Leute laufen! Ja, hier hat keiner

Zeit zum Träumen! Jeder treibt sein Gewerbe, seine Kunst, seinen

Handel! Jungens und Mädel in deinem Alter verdienen schon manch blankes

Geldstück. Sieh dort die prächtige Kutsche! Da sitzt gewiß ein Edelmann

drin oder ein reicher Kaufherr! Und guck mal die Gasse hinab! Ich

will ein wenig stillhalten, daß du die vielen, vielen Masten und die

flatternden Wimpel von ferne sehen kannst. Dort unten ist der Hafen;

wenn du wacker hilfst, führ' ich dich nachmittags hin. Wie wirst du

staunen über die Menge der Schiffe!«

»Sieh, sieh, Vater«, rief der Junge dazwischen, »das Mägdlein dort

hat eine rote Nelke am Brustlatz! Just eine solche, wie auf meinem

Gartenbeet blühen. Ob sie Grete wohl begießen wird?«

Der Vater schwieg. Es war nichts zu machen! Sein Jüngster blieb ein

Träumer, der nimmer in die geschäftige Welt paßte! Böse konnte man dem

Buben nicht sein; war er doch immer freundlich und gehorsam.

»Nun«, sagte er endlich, »halt' dich nur heute brav und geh mir wacker

zur Hand.«

»Gewiß, Vater; ich hab's ja der Muhme Lene versprochen.«

Kaum war der große Marktplatz erreicht, als die Glocken der vielen

Kirchen fast zu gleicher Zeit zur Frühmesse läuteten. Die beladenen

Wagen wurden im sicheren Schutz bewaffneter Markthüter gelassen. Die

Landleute aber eilten der nahen prächtigen Marienkirche zu; etliche

wohl in aufrichtiger Andacht, andere, um Auge und Ohr zu weiden an

der Pracht des Gotteshauses, dem herrlichen Orgelspiel und lieblichen

Gesang der wohlgeschulten Chorknaben.

Thomas aber kniete neben dem Vater und wagte kaum zu atmen vor Staunen

über etwas Wunderherrliches, von dem er kein Auge abwenden mochte. Es

war ein buntes Fenster, ihm gerade gegenüber. Die Jungfrau Maria war

darauf abgebildet in einem Gewand so blau wie der Himmel, das goldene

Haar unter weißem Schleier hervorquellend. Auf dem Haupte trug sie eine

Krone, besetzt mit Edelsteinen, die herrlich in allen Farben glänzten.

In den Armen hielt sie das JEsuskindlein, klein und mager, nur mit

einem Hemdchen bekleidet, aber mit wunderbar ernsten, tiefen Augen.

War wirklich die Messe schon vorüber? Ja, der Gesang verstummte, das

Gemurmel der Priester an den Altären hörte auf; die Lichter in den

goldenen Leuchtern wurden ausgelöscht. Auf einen Rippenstoß des Vaters

erhob sich der Knabe mit bösem Gewissen. Ach, er hatte ja gar nicht

gebetet! Immer nur das Bild angeschaut und den Kranz von leuchtenden

Sternen, der es umgab!

Aber jetzt war keine Zeit nachzudenken, denn bald war das Marktgewühl

in vollem Gang. Thomas mußte, auf dem Wagen stehend, dem Vater

herunterreichen, was die Frauen und Mägde zu kaufen wünschten. Oft

mußt' er auch einer den schweren Korb ein paar Straßen weit nachtragen,

und hatte dann viel Mühe, sich wieder zurückzufinden. Ach, ach! Einmal

kam sogar eine Schar spanischer Soldaten die Gasse entlang, so daß

alles, an die Häuser gedrängt, Platz machen und warten mußte. Furchtbar

erschienen sie dem weltfremden Knaben mit ihren klirrenden Schwertern

und blanken Spießen! Hu, wie scharf mochten die sein! Ob sie wohl schon

jemand damit totgemacht hatten? Ach gewiß! Sie sahen finster und bös

aus! Dennoch fand er sich immer glücklich wieder zum Vater, wenn's auch

manchmal etwas lange dauerte. Wenn er so freundlich lächelnd um den Weg

fragte, wies ihn keiner zurück. Ja, in seiner Tasche klingelten sogar

einige kleine Geldstücke, die man ihm als Trägerlohn geschenkt.

Es war das erste Geld, das in seine Hände kam. Was konnte er wohl

dafür kaufen für Muhme Lene und die Geschwister daheim? Unter den

Säulenhallen in den Gassen bot man allerlei Herrlichkeiten feil, die

das Landkind kaum dem Namen nach kannte. Aber dort gab's ja bunte

Halstücher! Das war was für Muhme Lene. Ihr zuliebe raffte er all

seinen Mut zusammen, zeigte auf eins der glänzenden Tücher und bot

zwei seiner Gröschlein dafür. O weh, wie ward er ausgelacht! Feuerrot

im Gesicht rannte er davon. Die Tücher waren von kostbarem Brabanter

Seidenstoff! Aber sieh, da gab's Bilder, und hier hatte er mehr Glück.

Für die Geschwister erhandelte er ein paar lustige Holzschnitte mit

Verslein darunter; für Muhme Lene aber, o Wonne! erlangte er ein

genaues, wenn auch sehr kleines Abbild des Kirchenfensters, das ihn so

sehr entzückt. Wie würde sie sich freuen! Nun schnell zurück zum Vater!

Aber da war wieder etwas, das seinen Blick mächtig anzog. Dort vor

jenem stattlichen Hause herrschte reges Leben. Prächtige bunte Tücher

hing man zu den Fenstern heraus; Blumenranken wurden in zierlichen

Bogen an den Mauern befestigt, und die zur Haustür emporführenden

Stufen belegte man mit einem prächtigen Teppich. Dienende Knaben und

Mägde liefen geschäftig ab und zu mit verdeckten Körben, Blumenkränzen

und allerlei kostbarem Gerät. Trotzdem fanden nur wenige Vorübergehende

Zeit, zuzuschauen; jeder ging emsig seinem Beruf nach. Thomas aber

zupfte schüchtern eine blumentragende Magd am Gewand und fragte:

»Wohnt der Kaiser in diesem Hause, daß ihr es so herrlich schmückt?«

»O du Einfalt!« rief das Mädchen. »Der Kaiser ist weit weg im Krieg!

Dies Haus gehört meinem gütigen Herrn, dem Goldschmied van der Groot!

Er feiert heute Hochzeit mit einer tugendsamen Jungfrau.«

Ganz erfüllt von dieser Neuigkeit sprang der Junge auf des Vaters

Wagen zu, ward aber mit Scheltworten empfangen wegen seines langen

Ausbleibens. Schnell eingeschüchtert schwieg er und zeigte sich doppelt

emsig, um den Vater wieder freundlich zu stimmen, was ihm auch bald

gelang. Um die Mittagszeit war der Wagen leer bis auf einige Blumen,

und des Vaters Lederbeutel voll. Man labte sich in der Herberge an

einem guten Hirsebrei und gesottenem Fisch.

Horch, da begannen die Glocken von St. Marien von neuem zu läuten.

»Warum wohl?« fragten die Tischgenossen.

»Ich weiß«, sprach Thomas errötend; »der ehrenfeste Goldschmied van der

Groot macht Hochzeit mit einer tugendsamen Jungfrau. Ich sah, wie man

sein Haus schmückte. O Vater, laß uns hingehen und den Zug sehen!«

Schon hatte der Vater eine rauhe Antwort auf den Lippen, als ihm

einfiel, wie selten sein Kleinster etwas verlangte, während die älteren

Buben, wenn er sie mit in die Stadt genommen, kein Ende gefunden hatten

mit Wünschen und Betteln.

»So mach' hurtig«, sprach er, »daß wir nicht zu spät kommen.«

Im Vorbeigehen griff Thomas noch in den Blumenkorb und nahm einen

schönen Lilienstengel heraus, der auf seinem Gartenbeet gewachsen war.

Als sie die Kirche erreichten, waren die Pforten schon geschlossen,

aber das feine Ohr des Knaben vernahm zarten Orgelklang und lieblichen

Gesang. Vor der Haupttür hatte sich eine wunderliche Gesellschaft

versammelt. Alles, was blind, lahm, gebrechlich und elend war,

belagerte die Stufen, die zur Kirchtür führten, in froher Erwartung der

Dinge, die kommen sollten. Was aber frisch, gesund und arbeitsfähig

war, blieb in bescheidener Entfernung stehen.

Horch! Da brauste die Orgel in festlichen Klängen; die Tür flog

auf, zwei Herolde mit vergoldeten Stäben traten heraus, gefolgt von

schöngekleideten Knaben, die aus umgehängten Beuteln Geldstücke

auswarfen. Jubelnd wurden sie von den Bettlern und ihren Führern

aufgesammelt. Jetzt aber erschien das edle Paar in prächtiger, mit

Gold und Edelstein reichgeschmückter Kleidung. Herr van der Groot war

ein stattlicher, ernster Mann mit geistvollen Zügen und wunderbar

klaren blauen Augen. Sein holdes Ehegemahl war viel jünger; zart

und fein von Gestalt, glich sie einer Blumenranke, die sich an den

Eichbaum klammert. Als sie nun, gefolgt von edeln Gästen, feierlich

durch die versammelte Menge schritten, erklang plötzlich eine hohe,

helle Kinderstimme: »Heil dem ehrenfesten Goldschmied van der Groot

und seinem holden Ehegemahl!« »Heil, Heil!« antwortete jubelnd die

Menge, bis die Herolde Ruhe geboten. Der ernste Mann aber hatte den

zarten Knaben, der den Ruf getan, wohl bemerkt. Er winkte ihm, näher

zu treten. Schüchtern gehorchte Thomas und bot den Lilienstengel der

lieblichen Braut, die ihn mit freundlichem Lächeln annahm.

»Du wünschest mir Heil, mein Kind«, sprach der Goldschmied; »das kommt

allein von Gott. Bete zu Ihm, daß Er es über mein Haus ausschütte.

Nimm dies, nicht als Almosen, nur als Andenken an diese Stunde!« Damit

reichte er dem Kinde ein großes, glänzendes Goldstück.

Verwundert blickte Thomas auf. Seine ernsten Augen begegneten denen

des vornehmen Mannes; dann zog ihn der Vater am Kittel zurück, und der

glänzende Zug ging vorüber.

»Wie konntest du den Heilruf anstimmen vor so vielen Menschen?« fragte

der Vater. »Bist ja sonst so blöde, daß du kaum ein Wort hervorbringst?«

»Ich weiß nicht, Vater. Der Mann sah so wacker aus, und die Frau so

lieblich. Muhme Lene hat mir erzählt, daß einmal alle Leut' gerufen

haben: ›Heil, Heil dem Kaiser!‹ Das hat mir so gut gefallen. Das

Goldstück will ich wohl bewahren und tun, was mir der edle Herr gesagt

hat.«

Damit war die Sache abgetan, und der Vater kam nie mehr darauf zurück.

Nun war's die höchste Zeit, nach dem Hafen zu gehen. Ja, da gab's

Wunderdinge zu sehen! O welche Menge von Schiffen! Und so große

waren darunter, die haushoch aus dem Wasser emporragten und sogar

Guckfensterlein hatten. So weit das Auge blicken konnte, nichts als

Schiffe! Manche still vor Anker liegend, andere mit geschwellten Segeln

hinausziehend in die Ferne. Und dazwischen schlüpften die kleinen

Fischerboote hindurch! Es war ein Wunder, daß sie nicht zerdrückt

wurden. Das größte, stolzeste Fahrzeug lag weit draußen vor Anker; es

war eben erst angekommen aus dem fernen Indien. Auf kleinen Kähnen

wurden die Reisenden ans Land gebracht. Welch ein Getümmel war um sie

her! Wie begrüßte man sie!

»Waren sie lange weg?« fragte Thomas leise. »Eine ganze Woche oder gar

einen Monat?«

»Dummer Bub! Zwei Jahre sind sie weggewesen! Weit, weit weg, wo die

Leut' schwarz aussehen. Guck, wie das junge Weib dem heimkehrenden

Manne das feine Knäblein hinhält, daß er's liebkose! Das ist geboren,

während er weg war! Vielleicht ist er als armer Mann ausgezogen und

reich heimgekehrt. Gelt, das muß schön sein?«

Aber Thomas schüttelte den Kopf und sprach: »Ich tät ja sterben vor

Heimweh! 's ist mir heut schon bange, daß ich in der Herberg' bleiben

muß und der Muhme Lene nicht gute Nacht sagen kann.«

Von dem reichlichen Abendbrot in der Herberge mochte Thomas nur wenig

genießen. Die Eindrücke des Tages hatten ihn sehr müde gemacht, so daß

er froh war, als man ihm erlaubte, sich im Winkel des großen Raumes

ins Stroh zu verkriechen, das dort zum Nachtlager für die Marktleute

aufgeschüttet war. Besondere Gaststuben mit Betten gab es damals nur

für hohe Herren.

Todmüde hatte sich der Junge hingestreckt, war aber viel zu aufgeregt,

um gleich einzuschlafen. Solange die Männer am Tische laut redeten,

lachten und scherzten, auch den Bierkrügen wacker zusprachen, hing er

seinen Gedanken nach, ohne sich um sie zu kümmern. Schon fielen ihm die

Augen zu, als man am Tische plötzlich leise und geheimnisvoll zu reden

begann. Unwillkürlich lauschte Thomas nun gespannt, und was er vernahm,

mußte wohl schrecklich und tiefergreifend gewesen sein, denn er weinte

so sehr, daß die Tränen ins Stroh tropften, bis der blonde Kopf endlich

niedersank, und fester Schlaf den müden Knaben umfing.

Ganz früh am andern Morgen weckte ihn der Vater. Hurtig mußte er alles

zur Heimfahrt richten helfen, und bald trabte das Rößlein munter die

Landstraße entlang. Der Vater war gutes Mutes, ließ den Jungen die

Zügel halten, zog den gefüllten Lederbeutel hervor und reichte ihm

einen silbernen Groschen.

»Das ist dein Lohn fürs wackere Helfen. Tu's zu dem, was dir die Leute

geschenkt haben.«

»Ei, Vater, dafür hab' ich feine Bildchen gekauft für Muhme Lene und

die andern daheim.«

»O du Nichtsnutz, du Dummkopf!« schalt der Vater. »Weißt du nicht, daß

das Geld das Beste ist auf der Welt? All das Rennen und Laufen, all das

Schaffen und Arbeiten, das du in der Stadt gesehen hast, geht ums Geld.

Und du wirfst das erste, das du gewinnst, für ein paar Blättlein Papier

hin!«

»Nicht für die Blättlein«, sagte der Junge schüchtern, »für die Freude,

die sie daheim haben werden.«

Wie harmlos sah das Kind aus; man konnt' ihm nicht böse sein!

»Aber das Goldstück, das dir der edle Herr gab, verschleuderst du

nicht, gelt?«

»Nimmer, Vater! Es ist ja ein Andenken! Täglich will ich beten um Heil

und Segen für den Herrn.«

Nun waren sie draußen zwischen wogenden Kornfeldern, üppig grünen

Wiesen und wohlgepflegten Gärten. O wie viel, viel schöner war's hier

als zwischen den Stadtmauern! »Nie, nie will ich in der Stadt wohnen«,

dachte Thomas; »man wird so müde und zuletzt hat man böse Träume. Was

war es doch, das ich gestern abend träumte? Es war so traurig, daß ich

weinen mußte, und jetzt hab' ich's ganz vergessen!«

Sieh, da tauchten schon die Hütten des heimatlichen Dorfes am Horizonte

auf! Jetzt sah man die zwei uralten Linden, die vor des Vaters Hoftor

standen. Eilig lief das brave Rößlein; es freute sich auf seinen Stall

und eine Krippe voll Hafer. Und jetzt! Nein, Muhme Lene stand nicht

am Tor, um ihren Liebling zu begrüßen, wie sie versprochen hatte.

Wohl aber kam Grete, die älteste Schwester, heraus, mit Tränen in

den freundlichen Augen. »Muhme Lene ist krank, liegt oben in ihrem

Kämmerlein und mag nicht essen noch trinken.« Bald saß der Knabe am

schmalen Bett im Dachkämmerchen.

Muhme Lene war sehr alt, doch hatte niemand daran gedacht, weil sie

immer so munter, so freundlich und geschäftig gewesen war. Aber jetzt

sah man es! Wie eingefallen waren ihre Wangen, wie spärlich das

schneeweiße Haar, wie mager die abgearbeiteten Hände und Arme, die aus

dem sauberen Nachtgewand hervorsahen!

Thomas wollte sie umarmen und küssen, wagte es aber nicht; sie sah so

feierlich aus. Er küßte nur ihre Hand und ließ sich auf dem Kasten, der

am Bett stand, nieder.

»Wo tut dir's weh, liebe Muhme? Soll Mutter nicht Salbe bringen oder

einen Saft?«

»Nein, Herzensbub! Mir hilft nicht Salbe noch Saft. Schon lang fühl'

ich die Kräfte schwinden, aber ich klag' nicht gern; das weißt du! 's

hat ja auch keiner Zeit, darauf zu hören! Gestern brach ich zusammen

am Waschfaß. Die Beine sind mir gelähmt, und auch der linke Arm. Der

Hans und der Knecht mußten mich herauftragen. Ich komm nicht wieder

herunter, bis man mich ins letzte Bett legt. Gelt, mein Liebling, du

bleibst bei mir und pflegst mich gern?«

»O so gern! Nimmer, nimmer verlaß ich dich, gute, liebe Muhme!« rief

der Knabe mit ausbrechenden Tränen. »Ich hab' dir auch was mitgebracht,

was ganz Schönes.« Damit zog er das Marienbildchen aus dem Brustlatz

und hielt es ihr hin.

»Dank, Dank, du guter Bub! 's ist ein fein Bild; ich hab's oft

angestaunt in der Marienkirche. Doch hat's einen Fehler.«

»Wo ist er denn? Ich seh' ihn nicht«, sprach der Knabe.

»Deine Augen sind noch zu jung. Laß es für heute gut sein. Kleb' es

da fest an die Bettwand, wir reden ein andermal davon. Jetzt geh,

zieh dein Sonntagswams aus und hol' dir was zu essen. Kannst mir ein

Becherlein Milch mitbringen.«

Thomas, der Leutpriester · 第 5 / 17 题