... Es schien, daß das Wetter sich bessern wollte. Der nasse Schnee, der
bis jetzt in großen Massen niederfiel, wurde allmählich dünner und immer
dünner, und hörte schließlich fast ganz auf. Der Himmel wurde klarer und
hin und wieder sah man Sterne blinken. Es war jedoch noch immer feucht,
schmutzig und schwül, besonders für Herrn Goljädkin, der ohnehin nur
mühsam atmen konnte. Sein durchnäßter und schwerer Mantel umhüllte mit
einer unangenehmen warmen Feuchtigkeit seine Glieder und lastete schwer
auf dem ganz ermüdeten und vor Müdigkeit fast erschöpften Herrn
Goljädkin. Ein Schüttelfrost überlief seinen Körper mit spitzen scharfen
Nadeln. Die Erschöpfung preßte ihm kalten Schweiß auf die Stirn. Herr
Goljädkin fühlte sich so elend, daß er sogar vergaß, wie bei sonstigen
Gelegenheiten, mit der ihm eigenen Charakterfestigkeit seine
Lieblingsphrase zu wiederholen: daß sich das alles ganz bestimmt noch
zum besten wenden würde.
„Übrigens, das hat alles noch nichts zu sagen,“ behauptete unser starker
und in seiner Tapferkeit unerschütterlicher Held nur, indem er sich vom
Gesicht das kalte Wasser wischte, das in Strömen vom Rande seines runden
Hutes tropfte, der, aufgeweicht und durchnäßt wie er war, das Wasser
nicht mehr aufnehmen konnte. Da unser Held, wie gesagt, der Meinung war,
daß das alles noch nichts zu sagen hätte, so versuchte er sich
wenigstens auf den dicken Holzklotz zu setzen, der sich auf dem Hofe von
Olssuph Iwanowitsch neben einem großen Holzstoß befand.
Natürlich war von der spanischen Serenade nicht die Rede: viel eher
mußte er an seinen, wenn auch nicht großen, so doch immerhin warmen,
gemütlichen und verborgenen Winkel zurückdenken. Nebenbei gesagt, sehnte
er sich jetzt geradezu nach dem Winkel auf dem Treppenflur der Wohnung
von Olssuph Iwanowitsch, in dem unser Held, früher, zu Anfang unserer
Geschichte, zwei Stunden lang hinter einem Schrank, zwischen alten
Schirmen und allerlei Gerümpel, gestanden hatte. Die Sache war nämlich
die, daß Herr Goljädkin auch jetzt bereits zwei Stunden auf dem Hofe
Olssuph Iwanowitschs stand. Doch mit dem verborgenen und gemütlichen
Winkel waren diesmal Hindernisse verbunden, die es früher nicht gegeben
hatte. Erstens war der Schlupfwinkel wahrscheinlich bemerkt und
infolgedessen waren seit der Geschichte auf dem Balle bei Olssuph
Iwanowitsch gewisse Maßregeln getroffen worden. Zweitens mußte er auf
das verabredete Zeichen von Klara Olssuphjewna warten, denn es war doch
sicher von einem solchen verabredeten Zeichen die Rede gewesen! So war
es immer, sagte er sich, und „nicht mit uns wird es anfangen, und nicht
mit uns wird es aufhören“.
Herr Goljädkin erinnerte sich übrigens eines Romans, den er schon vor
langer Zeit gelesen hatte, in dem die Heldin unter denselben Umständen
ihrem Alfred ein Zeichen gab: mit einem rosa Band, das sie ans Fenster
befestigte. Ein rosa Band aber, in der Nacht und beim Petersburger
Klima, das ja durch seine Feuchtigkeit bekannt ist, ging denn doch nicht
an, nein: das war einfach unmöglich!
„Hier kann von Serenaden nicht die Rede sein,“ dachte unser Held,
„besser ist sicher, ich verhalte mich still! Und suche mir einen anderen
Platz!“ Und richtig, er suchte sich einen Platz aus, gerade den Fenstern
gegenüber, bei seinem Holzstoß. Natürlich gingen über den Hof
verschiedene Leute, Stalljungen und Kutscher, die Wagen rasselten, die
Pferde wieherten usw. Immerhin war der Platz sehr bequem: ob man ihn nun
bemerkte oder nicht bemerkte – jedenfalls hatte der Platz den Vorteil,
daß die Sache im Schatten vor sich ging und Herrn Goljädkin niemand
sehen konnte, er selbst aber alles sah.
Die Fenster der Wohnung waren hell erleuchtet. Es schien wieder eine
feierliche Gesellschaft bei Olssuph Iwanowitsch versammelt zu sein.
Musik war übrigens noch nicht zu vernehmen.
„Es wird wohl kein Ball stattfinden, sondern nur so eine Gesellschaft
sein,“ dachte Herr Goljädkin. „Ja, ist es denn auch heute?“ ging es ihm
dann durch den Kopf, „habe ich mich nicht im Datum getäuscht? Es kann
sein, alles kann sein ... alles ist möglich! Vielleicht war der Brief
gestern geschrieben worden und hat mich nicht erreicht, weil Petruschka
ihn vergessen hatte. So ein Schurke! Oder er ist zu morgen bestimmt ...
so, daß ich ... erst morgen alles hätte vorbereiten sollen, das heißt,
mit dem Wagen hätte warten sollen ...“
Hier überlief es unseren Helden eiskalt, er griff nach dem Briefe in der
Tasche, um sich zu überzeugen. Doch zu seiner Verwunderung fand sich
kein Brief in der Tasche.
„Wie kommt denn das?“ flüsterte zu Tode erschrocken Herr Goljädkin: „Wo
kann er sein? Sollte ich ihn verloren haben? Das fehlte noch!“ stöhnte
er auf. „Wenn er jetzt in schlechte Hände kommt? Ja, vielleicht ist es
schon geschehen! Herrgott! Was kann sich daraus ergeben! Das wäre ja ...
Ach, du mein verfluchtes Schicksal!“
Herr Goljädkin zitterte wie ein Espenblatt bei dem Gedanken, daß
vielleicht sein übelwollender Doppelgänger, als er ihm den Mantel über
den Kopf geworfen, damit das Ziel verfolgt hatte, ihm den Brief zu
entwenden, von dem er vielleicht bei den Feinden Herrn Goljädkins etwas
erfahren hatte. „Da hätte er einen Beweis!“ dachte Herr Goljädkin,
„einen Beweis ... und was für einen Beweis! ...“
Nach dem ersten Anfall dieses kalten Entsetzens stieg Herrn Goljädkin
das Blut heiß in den Kopf. Stöhnend und zähneknirschend faßte er nach
seiner glühenden Stirn, setzte sich wieder auf den Holzklotz und fing an
nachzudenken ... Aber seine Gedanken hatten keinen Zusammenhang. Es
tauchten verschiedene Gesichter auf und er erinnerte sich plötzlich bald
undeutlich, bald wieder fest umrissen längst vergessener Vorgänge –
Motive dummer Lieder, die ihm durch den Kopf gingen ... Es war ein
Elend, ein Elend, ein übernatürliches Elend! „Gott, mein Gott!“ dachte
unser Held, sich mühsam fassend, zugleich mit dem Versuch, das dumpfe
Schluchzen in der Brust zu unterdrücken, „gib mir Festigkeit in der
unerschöpflichen Tiefe meines Mißgeschicks! Daß ich verloren bin,
vollständig verloren – darüber besteht kein Zweifel, das liegt in der
Ordnung der Dinge, denn es kann ja doch nicht anders sein! Erstens habe
ich meine Stellung verloren, ganz und gar verloren, wie sollte ich auch
nicht ... Zweitens – ... Oder sollte es doch noch eine Möglichkeit
geben? Mein Geld, nehmen wir an, reicht noch für die erste Zeit: ich
nehme mir irgendeine kleine Wohnung, einige Möbel sind nötig. Petruschka
wird zwar nicht mehr bei mir sein. Doch ich kann auch ohne den Schuft
auskommen ... nun schön, ich kann ausgehen und zurückkommen, wann es mir
paßt, und Petruschka wird nichts mehr zu brummen haben, wenn ich spät
nach Hause komme. Darum ist es auch besser ohne ihn ... Nun, nehmen wir
also an, daß das alles sehr gut ginge. Nur handelt es sich noch immer
nicht darum, noch immer nicht darum! ...“
Dabei tauchte wieder das Bewußtsein der Lage in Herrn Goljädkin auf, in
der er sich unmittelbar befand. Er blickte um sich. „Ach, du mein großer
Gott! Herr, du mein Gott! Was rede ich denn jetzt davon?“ dachte er, und
griff wieder ganz und gar verloren nach seinem brummenden Kopf.
„Belieben Sie nicht bald zu fahren, Herr?“ ertönte plötzlich eine Stimme
neben ihm. Herr Goljädkin fuhr zusammen, denn vor ihm stand sein
Kutscher, gleichfalls bis auf die Haut durchnäßt. Er war vom Warten
ungeduldig geworden und wollte nach seinem Herrn hinter dem Holzstoß
sehen.
„Ich, mein Lieber, tut nichts ... Ich, mein Freund, komme bald, sehr
bald, sehr bald – warte noch ein wenig ...“
Der Kutscher ging fort und brummte etwas in den Bart.
„Was mag er da brummen?“ dachte Herr Goljädkin unter Tränen, „ich habe
ihn doch für den ganzen Abend genommen, ich bin durchaus in meinem
Recht, so ist es! Für den Abend habe ich ihn genommen, und damit ist die
Sache erledigt. Mag er da stehen, einerlei! Das hängt von meinem Willen
ab. Willigt er ein, oder willigt er nicht ein. Und wenn ich hier hinter
dem Holz stehe, so ist das ganz gleich ... – er hat hier nichts zu
meinen: will der Herr hinter dem Holz stehen, so mag er es tun ...
seiner Ehre wird das nicht schaden! So ist’s!
So ist’s meine Dame, wenn Sie es wissen wollen. Und in einer Hütte,
meine Dame, das heißt, so und so, kann in unserer Zeit niemand mehr
leben. Und ohne gute Sitten geht es in unserer erwerbstätigen Zeit auch
nicht mehr, meine Dame, wofür Sie selbst jetzt ein bedauernswertes
Beispiel sind ... Das heißt, Titularrat soll man sein, und dabei am Ufer
des Meeres in einer Hütte leben! Erstens, meine Dame, braucht man an den
Ufern des Meeres keine Titularräte und zweitens hätten wir da überhaupt
nicht zum Titularrat aufrücken können. Nehmen wir an, ich sollte
beispielsweise eine Bittschrift einreichen: das heißt, so und so, möchte
Titularrat werden ... begünstigen Sie mich trotz meiner Feinde ... dann
wird man Ihnen sagen, meine Dame, daß es ... viele Titularräte gibt, und
daß Sie hier nicht bei der Emigrantin sind, wo Sie gute Sitten lernen
sollen, um als gutes Beispiel zu dienen. Sittsamkeit, meine Dame,
bedeutet, zu Hause bleiben, den Vater ehren und nicht vor der Zeit an
Freier denken. Die Freier, meine Dame, finden sich schon mit der Zeit
von selbst – so ist’s! Freilich muß man verschiedene Talente besitzen
wie: Klavierspielen, Französisch sprechen, in der Geschichte,
Geographie, Religion und Arithmetik bewandert sein, – so ist’s! Mehr ist
auch nicht nötig. Und dazu dann die Küche. Jedenfalls sollte jedes
sittsame Mädchen die Küche beherrschen! Aber so? Erstens wird man Sie,
meine Schöne, meine verehrte Dame, nicht sich selbst überlassen, man
wird Ihnen nachsetzen und wird Sie zwingen, in ein Kloster zu gehen. Und
was, meine Dame, was befehlen Sie denn, das ich tun soll? Befehlen Sie
mir dann vielleicht, meine Dame, daß ich wie in dummen Romanen mich auf
den nächsten Hügel setzen und in Tränen zerfließen soll, indem ich auf
die kalten Mauern sehe, die Sie umschließen? Oder soll ich etwa der
Vorschrift einiger schlechter deutscher Poeten und Romanschriftsteller
folgen und freiwillig sterben? Wollen Sie das, meine Dame?
Erlauben Sie mir, Ihnen in aller Freundschaft auszudrücken, daß die
Dinge so nicht gehen, und daß man Sie und Ihre Eltern ordentlich strafen
müßte, weil sie Ihnen französische Bücher zum Lesen gegeben haben. Denn
französische Bücher lehren einen nichts Gutes. Das ist Gift ... reines
Gift, meine Dame! Oder denken Sie etwa, erlauben Sie, daß ich Sie frage,
denken Sie etwa, wir entfliehen ungestraft und ... leben dann in einer
Hütte am Meer! Fangen an, von Gefühlen zu reden, miteinander wie die
Tauben zu girren und verbringen so unser Leben in Zufriedenheit und
Glück! Und wenn dann ein Kleines kommt, dann werden wir ... – dann sagen
wir so und so, lieber Vater und Staatsrat Olssuph Iwanowitsch, ein
Kleines ist da, also nehmen Sie bei der Gelegenheit Ihren Fluch zurück
und segnen Sie uns!
Nein, meine Dame, das geht wieder nicht an und auf das Girren hoffen Sie
nicht, denn von alledem wird’s nichts geben. Heute ist der Mann der
Herr, und eine gute wohlerzogene Frau muß ihm in allem gehorchen.
Zärtlichkeiten liebt man in unserer erwerbstätigen Zeit nicht, die
Zeiten Jean Jacques Rousseaus sind vorüber. Heutzutage kommt der Mann
zum Beispiel hungrig aus dem Dienst, und ‚Herzchen‘, fragt er seine
Frau, ‚hast du nicht etwas zu essen, einen Hering, ein Gläschen
Schnaps?‘ Also müssen Sie, meine Dame, Schnaps und Hering bereit halten.
Der Mann ißt mit Appetit, um Sie aber kümmert er sich gar nicht, er sagt
nur: ‚Geh in die Küche, mein Kätzchen, und sieh nach dem Mittagessen.‘
Er küßt Sie vielleicht nur einmal in der Woche, und auch das tut er sehr
gleichgültig! ...
So ist unsere Art, meine Dame, ja, und auch das tun wir nur
gleichgültig! ... So ist es, wenn man sich’s genau überlegt, wenn es
darauf ankommt ... Ja, und was soll ich dabei? Warum, meine Dame, haben
Sie denn gerade mich mit Ihren Launen bedacht? ‚Tugendhafter, für mich
leidender und meinem Herzen teurer Mann‘ usw. Ich passe ja gar nicht zu
Ihnen, meine Dame! Sie wissen ja selbst, daß ich im Komplimentemachen
kein Meister bin und es nicht liebe, Damen gefühlvollen Unsinn
vorzuschwatzen, meine Erscheinung ist auch nicht danach. Lügenhafte
Prahlerei und Falschheit werden Sie bei mir nicht finden, das sage ich
Ihnen jetzt in aller Aufrichtigkeit. Ich besitze einen offenen Charakter
und einen gesunden Verstand: mit Intrigen gebe ich mich nicht ab. Das
heißt: ich bin kein Intrigant und darauf bin ich stolz – so ist’s! ...
Guten Menschen gegenüber trage ich keine Maske, und um Ihnen alles zu
sagen ...“
Plötzlich fuhr Herr Goljädkin zusammen. Das rote Gesicht seines
Kutschers mit ganz durchnäßtem Bart blickte wieder nach ihm hinter den
Holzstoß ...
„Ich komme sofort, mein Freund! Ich komme sofort, mein Freund, weißt du.
Ich komme sofort, sofort ...“ wiederholte Herr Goljädkin wie beschwörend
mit zitternder und weinerlicher Stimme.
Der Kutscher kratzte sich hinter den Ohren, glättete seinen Bart, trat
einen Schritt zurück, blieb wieder stehen und blickte mißtrauisch Herrn
Goljädkin an.
„Ich komme sofort, mein Freund: Ich, siehst du ... mein Freund ... ich
werde nur ein wenig, nur eine Sekunde noch – hier ... Siehst du, mein
Freund ...“
„Wahrscheinlich werden Sie gar nicht fahren?“ sagte endlich der Kutscher
und trat entschlossen auf Herrn Goljädkin zu.
„Nein, mein Freund, ich werde sofort fahren. Ich, siehst du, mein
Freund, warte nur ...“
„Ja, Herr ...“
„Ich, siehst du, mein Freund ... Aus welchem Dorfe bist du, mein
Lieber?“
„Wir sind Leibeigene ...“
„Ist dein Herr gut? ...“
„Ziemlich.“
„Ja, mein Lieber, ja. Danke der Vorsehung, mein Freund! Suche gute
Menschen! Gute Menschen sind jetzt selten geworden, mein Lieber. Er gibt
dir Essen und Trinken, mein Lieber, also ist er ein guter Mensch. Denn
oft erlebst du, mein Freund, daß auch bei Reichen die Tränen fließen ...
Du siehst hier ein beklagenswertes Beispiel. So ist’s, mein Lieber ...“
Dem Kutscher schien Herr Goljädkin leid zu tun. „Nun, wie Sie wollen,
ich werde warten. Wird es noch lange dauern?“
„Nein, mein Freund, nein. Ich werde, weißt du, nicht mehr lange warten,
mein Lieber ... Wie denkst du darüber, mein Freund? Ich werde mich auf
dich verlassen. Ich werde hier nicht länger mehr warten ...“
„Dann werden Sie also fahren?“
„Nein, mein Lieber! Nein, ich danke dir ... hier ... wieviel hast du zu
bekommen, mein Lieber?“
„Was wir abgemacht, Herr: bezahlen Sie, bitte. Ich habe lange gewartet,
Herr, Sie werden mich armen Menschen nicht schädigen, Herr.“
„Nun, da, nimm, mein Lieber, da hast du’s!“ Dabei gab ihm Herr Goljädkin
sechs Rubel und beschloß ernstlich, keine Zeit mehr zu verlieren, das
heißt, einfach fortzugehen, um so mehr, da die Sache jetzt doch schon
entschieden und der Kutscher entlassen war. Folglich brauchte er hier
nicht mehr zu warten, er kletterte also hinter dem Holz hervor, ging zum
Hoftor hinaus, wandte sich nach links und begann, ohne sich umzusehen,
keuchend und doch fast freudig, davonzulaufen.
„Vielleicht wird sich noch alles zum besten wenden,“ dachte er, „und ich
bin auf diese Weise dem Unglück entronnen.“
Und wirklich wurde Herrn Goljädkin plötzlich ganz leicht ums Herz. „Ach,
wenn doch alles wieder gut würde!“ dachte unser Held, glaubte aber
selbst kaum daran. „Ich werde von dort ...“ dachte er. „Nein, besser,
von der Seite, das heißt, so ...“
Während er sich auf diese Weise mit Zweifeln quälte und den Schlüssel zu
ihrer Lösung suchte, war unser Held bis zur Ssemjonoffbrücke gerannt und
beschloß hier, nachdem er sich’s reiflich überlegt hatte, – wieder
umzukehren.
„So wird’s besser sein!“ dachte er. „Ich komme von der anderen Seite,
das heißt, so. Dann bin ich ein unbeteiligter Zuschauer und die Sache
hat ihr Ende. Ich bin also nur Zuschauer, eine Nebenperson, weiter
nichts, und was da auch vorgehen mag – daran bin ich nicht schuldig! So
ist’s! So wird es jetzt sein!“
Nachdem er einmal beschlossen hatte, umzukehren, kehrte unser Held auch
wirklich wieder um – sehr zufrieden darüber, daß er, dank seinem
glücklichen Einfall, jetzt nur eine ganz unbeteiligte Person vorstellen
würde. „So ist es besser: so hast du nichts zu verantworten, du siehst
nur zu – weiter nichts!“ Die Rechnung war richtig, und die Sache mochte
damit ihr Ende haben!
Durch diesen Gedanken beruhigt, begab er sich wieder in den friedlichen
Schatten des ihn beschützenden Holzstoßes und begann von neuem
aufmerksam nach den Fenstern zu blicken.
Dieses Mal hatte er nicht lange zu beobachten und zu warten. Es zeigte
sich plötzlich an allen Fenstern eine lebhafte Bewegung, Gestalten
tauchten auf, die Vorhänge wurden geöffnet, eine ganze Gruppe von Leuten
drängte sich an die Fenster Olssuph Iwanowitschs, alle sahen auf den Hof
hinaus und schienen etwas zu suchen. Geschützt durch seinen Holzstoß,
begann auch unser Held seinerseits neugierig der allgemeinen Bewegung zu
folgen, er wandte voll Teilnahme seinen Kopf nach links und nach rechts,
soweit es ihm der Schatten seines Holzstoßes, der ihn verbarg, erlaubte.
Plötzlich fuhr er zusammen und hätte sich beinahe vor Schreck
hingesetzt. Ihm schien es mit einem Male, und er war sofort vollkommen
davon überzeugt, daß man, wenn man jemanden suchte, niemand anderen
suchen konnte, als ihn selbst: als Herrn Goljädkin. Denn alle blickten
nach ihm hin. Davonzulaufen war unmöglich: man hätte ihn gesehen ... Der
entsetzte Herr Goljädkin preßte sich enger und enger, so nah als es
möglich war, an das Holz und bemerkte dabei erst jetzt, daß der Schatten
des Stoßes ihn nicht mehr ganz bedeckte. Wie gern wäre unser Held nun in
ein Mauseloch gekrochen! und hätte dort ruhig und friedlich gesessen!
wenn es nur gegangen wäre! Doch ging es nicht, entschieden ging es
nicht! In seiner Angst sprang er endlich auf und sah entschlossen nach
allen Fenstern zugleich hin. Das war noch das Beste! ... Und plötzlich
errötete er über und über. Alle hatten sie ihn bemerkt, alle winkten sie
ihm mit den Händen und nickten mit den Köpfen, alle riefen sie ihm zu.
Die Fenster wurden geöffnet, Viele Stimmen hörte man rufen ... „Ich
wundere mich, warum man diese Mädchen nicht von Kindheit an
durchgeprügelt hat,“ murmelte unser Held vor sich hin, ganz und gar
verwirrt.
Plötzlich kam _er_ (es ist bekannt _wer_) die Treppe herunter gelaufen,
im Uniformrock ohne Hut, kam atemlos auf ihn zugestürzt und heuchelte
äußerste Freude darüber, daß er endlich Herrn Goljädkin erblickt hatte.
„Jakoff Petrowitsch!“ lispelte der verworfene Mensch. „Jakoff
Petrowitsch, Sie hier? Sie werden sich erkälten. Hier ist es kalt,
Jakoff Petrowitsch. Kommen Sie doch hinein!“
„Nein, Jakoff Petrowitsch, es tut mir nichts, Jakoff Petrowitsch,“
murmelte unser Held mit schüchterner Stimme.
„Aber das geht nicht! Das geht nicht! Jakoff Petrowitsch, man bittet
Sie, gefälligst einzutreten, man erwartet Sie. Erweisen Sie uns doch die
Ehre und kommen Sie, bitte, Jakoff Petrowitsch, kommen Sie!“
„Nein, Jakoff Petrowitsch, ich, sehen Sie – es wäre besser ... wenn ich
nach Hause ginge. Jakoff Petrowitsch ...“ antwortete unser Held, und
verging zugleich vor Scham und vor Schreck.
„Nein, nein, nein!“ flüsterte der widerliche Mensch, „nein, nein, nein,
für nichts in der Welt! Gehen wir!“ sagte er entschlossen und zog Herrn
Goljädkin den Älteren mit sich zur Treppe. Herr Goljädkin wollte
durchaus nicht gehen, da aber alle nach ihm sahen und ein Widerstreben
dumm gewesen wäre, so ging unser Held – übrigens, man kann nicht sagen,
daß er ging, denn er wußte selbst nicht, was mit ihm geschah. Es war ja
doch alles gleichgültig!
Noch bevor sich unser Held recht besinnen und sein Äußeres etwas in
Ordnung bringen konnte, befand er sich schon im Saal. Er sah bleich,
zerstört und verwirrt aus, seine trüben Augen irrten über die ganze
Gesellschaft – Entsetzen! Der Saal, alle Zimmer – alles, alles war
überfüllt. Menschen gab es in Unmengen, Damen, ein ganzer Blumengarten:
sie alle drängten sich um Herrn Goljädkin, sie alle strebten auf ihn zu,
sie alle wollten Herrn Goljädkin auf ihre Schultern heben, wobei er das
Gefühl hatte, er schwebe in einer bestimmten Richtung. „Doch nicht etwa
zur Tür,“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf. Und wirklich, sie
trugen ihn, zwar nicht nach der Tür – wohl aber gerade zum Lehnstuhl von
Olssuph Iwanowitsch.
Neben dem Lehnstuhl an der anderen Seite stand Klara Olssuphjewna,
bleich, düster und traurig, doch wundersam geschmückt. Besonders fielen
Herrn Goljädkin die kleinen weißen Blümchen auf, die in ihren schwarzen
Haaren eine prachtvolle Wirkung übten. Auf der anderen Seite des
Lehnstuhls stand Wladimir Ssemjonowitsch, im schwarzen Frack, mit seinen
neuen Ordensbändern im Knopfloch.
Herrn Goljädkin führte man, wie gesagt, an der Hand gerade aus Olssuph
Iwanowitsch zu. Auf der einen Seite führte ihn Herr Goljädkin der
Jüngere, der sich sehr anständig und ehrbar hielt, worüber Herr
Goljädkin der Ältere außer sich vor Freude war – und auf der anderen
Seite wurde er von Andrej Philippowitsch begleitet, der eine höchst
feierliche Miene zur Schau trug.
„Was soll das?“ dachte Herr Goljädkin. Als er aber bemerkte, daß man ihn
zu Olssuph Iwanowitsch brachte, wurde er plötzlich wie von einem Blitz
erleuchtet. Der Gedanke an den entwendeten Brief tauchte in seinem Kopfe
auf. In schrecklicher Angst stand unser Held vor dem Lehnstuhl Olssuph
Iwanowitschs.
„Was werden sie jetzt mit mir tun?“ dachte er bei sich. „Natürlich
werden sie mit Aufrichtigkeit, unerschütterlicher Ehrbarkeit ... das
heißt ... so und so, usw.“
Doch was unser Held befürchtet hatte, trat nicht ein. Olssuph
Iwanowitsch schien Herrn Goljädkin sehr wohlwollend zu empfangen, und
wenn er ihm auch nicht die Hand reichte, so wiegte er doch seinen
ehrfurchteinflößenden Graukopf, feierlich und zugleich traurig, mit
einem gütigen Ausdruck. So schien es wenigstens Herrn Goljädkin. Ihm kam
es sogar vor, als ob Tränen im Blick Olssuph Iwanowitschs lägen: er
schlug seine Augen auf und bemerkte, daß auch an den Wimpern Klara
Olssuphjewnas eine Träne blinkte – und mit den Augen Wladimir
Ssemjonowitschs schien es ihm nicht anders zu sein – sogar die
unerschütterliche ruhige Würde Andrej Philippowitschs war dem
allgemeinen tränenreichen Mitgefühle verfallen, – auch der Jüngling, der
dem alten Staatsrat Olssuph Iwanowitsch so ähnlich sah, weinte bereits
bittere Tränen ... Oder schien das vielleicht alles Herrn Goljädkin nur
so, da er selbst deutlich fühlte, wie ihm die heißen Tränen über die
kalten Backen rannen ...
Die Stimme voll Tränen, versöhnt mit den Menschen und seinem Schicksal
und im Augenblick voll Liebe, nicht nur zu Olssuph Iwanowitsch, sondern
zu allen Gästen, sogar zu seinem gefährlichen Doppelgänger, der durchaus
nicht mehr böse, der gar nicht mehr der Doppelgänger zu sein schien,
sondern ein ganz gleichgültiger und liebenswürdiger Mensch, – also
wandte sich unser Held an Olssuph Iwanowitsch. Aber er vermochte nicht
auszudrücken, was seine Seele erfüllte, in der sich so viel angesammelt
hatte, er konnte nichts sagen, nicht das geringste, und nur mit einer
beredten Handbewegung wies er schweigend auf sein Herz ...
Schließlich führte Andrej Philippowitsch – wohl um das Gefühl des
Greises zu schonen – Herrn Goljädkin ein wenig zur Seite. Leise lächelnd
und irgend etwas vor sich hinmurmelnd, vielleicht auch verwundert, doch
jedenfalls ganz versöhnt mit seinem Schicksal und den Menschen, begann
unser Held die dichte Masse der Gäste zu durchschneiden. Alle gaben ihm
den Weg frei, alle sahen ihn mit so sonderbarer Neugierde und mit
unerklärlicher, rätselhafter Teilnahme an. Unser Held ging ins zweite
Zimmer: überall die gleiche Aufmerksamkeit. Er hörte undeutlich, wie
alle ihm folgten, wie sie jeden seiner Schritte beobachteten, wie sie
sich heimlich gegenseitig anstießen und über etwas sehr Merkwürdiges
sprachen, urteilten, flüsterten und die Köpfe wiegten. Herr Goljädkin
hätte furchtbar gern erfahren, wovon sie sprachen!
Als er sich umblickte, bemerkte unser Held neben sich Herrn Goljädkin
den Jüngeren. Er fühlte die Notwendigkeit, seine Hand zu ergreifen und
ihn beiseite zu führen. Herr Goljädkin bat darauf „Jakoff Petrowitsch“
inständigst, ihn bei allen seinen Unternehmungen behilflich zu sein und
ihn im kritischen Augenblick nicht zu verlassen. Herr Goljädkin der
Jüngere nickte eifrig mit dem Kopf und drückte kräftig die Hand Herrn
Goljädkins des Älteren. Vor überströmenden Gefühlen zitterte das Herz in
der Brust unseres Helden. Er glaubte zu ersticken, er fühlte, wie ihn
irgend etwas mehr und mehr beengte, wie alle die Blicke, die auf ihn
gerichtet waren, ihn verfolgten und zu Boden drückten ... Herr Goljädkin
sah im Vorübergehen auch jenen Rat, der auf seinem Kopfe eine Perücke
trug. Der Herr Rat sah ihn mit strengem, fragendem Blick an, der durch
die allgemeine Teilnahme keineswegs gemildert wurde ... Unser Held
beschloß, gerade auf ihn zuzugehen, er wollte ihm zulächeln, sich ihm
erklären, doch gelang ihm seine Absicht nicht. In dem Augenblick, als er
es tun wollte, verlor Herr Goljädkin vollständig sein Gedächtnis ... Als
er wieder zu sich kam, bemerkte er, daß er sich, in einem weiten Kreise
von Gästen, um sich selber drehte. Plötzlich rief man aus dem anderen
Zimmer nach Herrn Goljädkin. Der Ruf verbreitete sich über die ganze
Menge. Alles regte sich auf, alles geriet in Bewegung, alles stürzte zur
Tür des ersten Saales. Unser Held wurde beinahe auf den Händen
hinausgetragen, wobei der Herr Rat mit der Perücke Seite an Seite mit
ihm zu stehen kam. Endlich ergriff er seine Hand und setzte sich dem
Lehnstuhl Olssuph Iwanowitschs gegenüber, übrigens, in einer ziemlich
weiten Entfernung von ihm. Alle, die im Zimmer waren, setzten sich in
einem großen Kreise um Olssuph Iwanowitsch und Herrn Goljädkin. Alles
wurde still und ruhig, alle beobachteten ein feierliches Schweigen, alle
richteten ihre Blicke auf Olssuph Iwanowitsch und schienen etwas
Besonderes zu erwarten. Herr Goljädkin bemerkte, wie sich neben dem
Lehnstuhl von Olssuph Iwanowitsch, gerade gegenüber dem Herrn Rat, der
andere Herr Goljädkin und Andrej Philippowitsch aufstellten. Das
Schweigen dauerte an: man erwartete also wirklich etwas. „Genau so, wie
wenn in irgendeiner Familie jemand im Begriff ist, eine lange Reise
anzutreten. Man müßte nur noch aufstehen und ein Gebet sprechen,“ dachte
unser Held. Plötzlich entstand eine ungewöhnliche Bewegung und
unterbrach Herrn Goljädkins Gedankengang. Endlich schien das
Langerwartete einzutreten.
„Er kommt, er kommt!“ ging es durch die Menge.
„Wer kommt?“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf und er zuckte vor
einem sonderbaren Gefühl zusammen.
„Es ist Zeit!“ sagte der Rat und sah bedeutungsvoll Andrej
Philippowitsch an. Dieser sah darauf Olssuph Iwanowitsch an. Feierlich
nickte Olssuph Iwanowitsch mit seinem Kopfe.
„Erheben wir uns,“ wandte sich der Rat an Herrn Goljädkin. Alle erhoben
sich. Dann ergriff der Rat die Hand des Herrn Goljädkin des Älteren und
Andrej Philippowitsch die Hand Herrn Goljädkins des Jüngeren und führten
sie beide feierlich mitten durch die sie umgebende Menge. Unser Held sah
verwundert um sich, doch man wies ihn sofort auf Herrn Goljädkin den
Jüngeren, der ihm bereits die Hand entgegenstreckte.
„Man will uns wohl versöhnen,“ dachte unser Held, streckte ihm
gleichfalls freundschaftlich seine Hände entgegen, und reichte ihm sogar
seine Backe zum Kusse. Dasselbe tat auch der andere Herr Goljädkin ...
Da schien es aber Herrn Goljädkin dem Älteren, daß sein treuloser Freund
ein wenig lächelte: ganz so, als lächelte er schelmisch die sie
umgebende Menge an und als tauchte etwas Böses in dem unedlen Gesicht
Herrn Goljädkins des Jüngeren auf – die Grimasse des Judaskusses ...
Im Kopfe Herrn Goljädkins dröhnte es und vor seinen Augen wurde es
dunkel: ihm schien eine endlose Reihe Goljädkinscher Ebenbilder mit
großem Geräusch durch die Tür ins Zimmer zu strömen – doch es war schon
zu spät! Der Judaskuß war schon gegeben worden, und ...
Da geschah etwas ganz Unerwartetes ... Die Türen des Saales wurden
ausgerissen und auf der Schwelle erschien ein Mensch, bei dessen Anblick
Herr Goljädkin zu Eis erstarrte. Seine Füße klebten am Boden. Ein Schrei
erstarb auf den Lippen. Übrigens hatte Herr Goljädkin schon früher alles
gewußt und Ähnliches geahnt ... Der Unbekannte näherte sich selbstbewußt
und feierlich Herrn Goljädkin. Herr Goljädkin erkannte seine Gestalt nur
zu gut. Er hatte ihn gesehen, nur zu oft gesehen, kürzlich noch gesehen
... Der Unbekannte war ein hochgewachsener Mensch in schwarzem Frack mit
einem hohen Orden am Halse und trug einen schwarzen Backenbart. Es
fehlte ihm nur noch die Zigarre im Munde, um die Ähnlichkeit voll zu
machen. Der Blick des Unbekannten ließ, wie gesagt, Herrn Goljädkin vor
Schreck erstarren. Mit wichtiger und feierlicher Miene ging der
schreckliche Mensch auf unseren bedauernswerten Helden zu ... Unser Held
reichte ihm die Hand. Der Unbekannte ergriff sie und zog ihn an sich.
Mit verlorenem Ausdruck blickte unser Held um sich.
„Das ist ... das ist Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz, Doktor der Medizin
und Chirurgie, Ihr alter Bekannter, Jakoff Petrowitsch!“ lispelte
irgendeine widerliche Stimme Herrn Goljädkin ins Ohr. Er blickte sich
um: er war es wieder, der abscheuliche, der in der Seele verderbte
Doppelgänger Herrn Goljädkins. Eine boshafte Freude glänzte auf seinem
Gesicht, triumphierend rieb er sich die Hände, triumphierend wandte er
seinen Kopf ringsum, triumphierend trippelte er zu allen und jedem, und
es schien beinahe, als wollte er vor Entzücken anfangen zu tanzen.
Schließlich sprang er vor, entriß einem Diener das Licht, um Herrn
Goljädkin und Krestjan Iwanowitsch zu leuchten. Herr Goljädkin hörte
deutlich, wie alle, die im Saale waren, ihm folgten, sich ihm
nachdrängten, sich gegenseitig stießen und einstimmig Herrn Goljädkin
nachriefen: „Das hätte nichts zu sagen! er, Jakoff Petrowitsch, brauche
sich nicht zu fürchten, da Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz doch sein
alter Bekannter sei! ...“
Endlich traten sie auf die große hellerleuchtete Treppe hinaus. Auch
hier war eine Menge Volk versammelt. Geräuschvoll wurde die Tür
aufgerissen und Herr Goljädkin befand sich auf der Vortreppe mit
Krestjan Iwanowitsch. Vor ihr stand eine Equipage, bespannt mit vier
Pferden, die vor Ungeduld schnauften. Der schadenfrohe Herr Goljädkin
der Jüngere lief die drei Stufen hinab und öffnete selbst den Wagen.
Krestjan Iwanowitsch forderte mit einer Handbewegung Herrn Goljädkin
auf, Platz zu nehmen.
Starr vor Schrecken blickte Herr Goljädkin zurück: die ganze
hellerleuchtete Treppe war von Menschen besetzt: neugierige Augen
blickten ihn von allen Seiten an. Selbst Olssuph Iwanowitsch saß auf dem
obersten Treppenabsatz, saß ruhig in seinem Sessel und betrachtete voll
Anteil und Aufmerksamkeit alles, was vorging. Alle warteten. Ein
Gemurmel der Ungeduld lief durch die Menge, als Herr Goljädkin
zurückblickte.
„Ich hoffe, daß hier nichts Tadelnswertes ... nichts, was Veranlassung
zur Strenge geben, nichts, was sich auf meine dienstlichen Verhältnisse
beziehen könnte –?“ brachte unser Held verwirrt hervor. Gemurmel und
Geräusch erhob sich rings, alle schüttelten verneinend den Kopf. Tränen
stürzten Herrn Goljädkin aus den Augen.
„Ist dem Fall – bin ich bereit ... ich vertraue mich vollkommen ... ich
lege mein Geschick in die Hände Krestjan Iwanowitschs ...“
Kaum hatte Herr Goljädkin das gesagt, daß er sein Geschick in die Hände
Krestjan Iwanowitschs lege, als ein fürchterlicher, ein ohrenbetäubender
Freudenschrei dem ihn umringenden Kreise entfuhr und unheilverkündend
aus der ganzen wartenden Menge widerhallte. Da faßten Krestjan
Iwanowitsch und Andrej Philippowitsch, jeder von einer Seite, Herrn
Goljädkin unter den Arm und setzten ihn in den Wagen, der Doppelgänger
aber half, nach seiner verräterischen Angewohnheit, noch von
hinterrücks. Der arme Herr Goljädkin warf zum letzten Male einen Blick
auf alle und alles und stieg, zitternd wie ein Katzenjunges, das man mit
kaltem Wasser begossen hat – wenn der Vergleich erlaubt ist – mit Hilfe
der anderen in die Equipage. Sogleich nach ihm stieg auch Krestjan
Iwanowitsch ein. Der Wagenschlag wurde zugeklappt. Ein Peitschenknall –
und die Pferde zogen an ... alles lief in Scharen zu beiden Seiten mit
... alles geleitete Herrn Goljädkin. Gellende, ganz unbändige Schreie
seiner Feinde folgten ihm als Abschiedsgrüße auf den Weg. Eine Zeitlang
hielten noch mehrere Gestalten mit dem Gefährt gleichen Schritt und
sahen in den Wagen hinein. Allmählich jedoch wurden ihrer immer weniger,
bis sie schließlich verschwanden und nur noch der schamlose Doppelgänger
Herrn Goljädkins übrig blieb. Die Hände in den Taschen seiner grünen
Uniformbeinkleider, so lief er mit zufriedenem Gesicht bald links, bald
rechts neben dem Wagen einher: hin und wieder legte er die Hand auf den
Wagenschlag, steckte den Kopf fast durch das Fenster und warf Herrn
Goljädkin zum Abschied Kußhände zu. Doch auch er wurde schließlich des
Laufens müde und tauchte immer seltener auf – bis er endlich verschwand
und fortblieb ...
Dumpf fühlte Herr Goljädkin sein Herz klopfen. Das Blut pochte heiß in
seinem Kopf. Er empfand eine beklemmende Schwüle und glaubte, ersticken
zu müssen. Er wollte die Kleider aufreißen und seine Brust entblößen, um
sie mit Schnee zu kühlen. Dann kam endlich, wie ein großes Vergessen,
Bewußtlosigkeit über ihn ...
Als er wieder zu sich kam, sah er, daß der Wagen auf einem ihm
unbekannten Wege fuhr. Links und rechts zogen sich dunkle Wälder hin. Es
war öde und leer. Plötzlich erstarrte er vor Schreck: zwei flammende
Augen sahen ihn aus dem Dunkel an und in diesen zwei Augen funkelte
teuflische Freude.
„Das ist gar nicht Krestjan Iwanowitsch. Wer ist das? Oder ist er es
doch? Ja! Das ist Krestjan Iwanowitsch! Nur ist es nicht der frühere,
sondern ein anderer Krestjan Iwanowitsch! Ein entsetzlicher Krestjan
Iwanowitsch ist es! ...“
„Krestjan Iwanowitsch, ich ... ich bin, glaube ich, ein Mensch für mich
... und ein Nichts – Krestjan Iwanowitsch, ein Nichts von einem
Menschen,“ begann unser Held zaghaft und zitternd, wohl, um durch seine
Unterwürfigkeit und Demut den entsetzlichen Krestjan Iwanowitsch zum
Mitleid zu bewegen.
„Sie bekommen von der Krone freie Wohnung, Beheizung, Beleuchtung,
Bedienung, was wollen Sie denn noch?“ ertönte wie ein Todesurteil streng
und furchtbar die Antwort Krestjan Iwanowitschs.
Unser Held stieß einen Schrei aus und griff sich an den Kopf. Das war
es: und das hatte er schon lange geahnt!