Petruschka trat ein, sonderbar nachlässig, mit einer triumphierenden
Miene. Man sah ihm an, daß er sich irgend etwas dabei dachte und sich
vollkommen in seinem Recht fühlte. Auch sah er ganz so aus, wie jemand,
der keinen Dienst mehr ausübte, der bereits der Diener eines anderen
war, und nicht mehr der seines früheren Herrn.
„Nun, siehst du, mein Lieber,“ begann atemschöpfend unser Held. „Wieviel
Uhr ist es jetzt?“
Petruschka begab sich schweigend hinter den Verschlag, kehrte darauf
langsam zurück und meldete in ziemlich gleichgültigem Tone, daß es bald
halb acht Uhr sei!
„Nun gut, mein Lieber, gut. Siehst du, mein Lieber ... erlaube, daß ich
dir sage, mein Lieber, daß zwischen uns, scheinbar, jetzt alles zu Ende
ist.“
Petruschka schwieg.
„Nun, und jetzt, da zwischen uns alles zu Ende ist, sage mir aufrichtig,
wie ein Freund sage mir, wo du warst, mein Lieber?“
„Wo ich war? Bei guten Menschen war ich.“
„Ich weiß es, mein Freund, ich weiß es. Ich war mit dir immer zufrieden,
mein Lieber und werde dir ein gutes Zeugnis geben ... Nun, wirst du denn
jetzt bei ihnen dienen?“
„Herr, Sie belieben ja selbst zu wissen ... Ein guter Mensch kann einen
nichts Schlechtes lehren.“
„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es. Gute Menschen gibt es jetzt
selten. Schätze sie hoch, mein Freund. Nun, wer sind sie denn?“
„Das ist doch bekannt, wer ... jedenfalls kann ich bei Ihnen, Herr,
nicht länger dienen. Sie belieben das selbst zu wissen.“
„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es, ich kenne deinen Eifer, ich habe
alles gesehen, alles bemerkt. Ich, mein Freund, achte dich. Ich achte
jeden guten und ehrlichen Menschen, auch wenn er nur ein Diener ist.“
„Nun, das ist bekannt. Unsereiner muß dahin gehen, wo es besser ist. So
ist’s. Sie belieben zu wissen, Herr, ohne einen guten Menschen kann ich
nicht ... –“
„Schon gut, mein Lieber, schon gut. Ich weiß es ... Nun, hier hast du
dein Geld und ein Zeugnis. Jetzt umarmen wir uns, und verzeihen uns
gegenseitig ...“
Petruschka blickte ihn an.
„Nun, mein Lieber, bitte ich dich noch um einen Dienst, um einen letzten
Dienst,“ sagte Herr Goljädkin in feierlichem Tone. „Siehst du, mein
Lieber, alles ist möglich. Kummer, mein Freund, herrscht auch in
Palästen, und man kann ihm nirgends entgehen. Du weißt, mein Freund, ich
war gegen dich immer freundlich ...“
Petruschka schwieg.
„Ich war, dachte ich, immer freundlich gegen dich, mein Lieber ... Aber
sag, was haben wir denn jetzt noch an Wäsche, mein Lieber?“
„Alles was da ist! Leinene Hemden sechs, Socken drei Paar, vier
Vorhemden, eine Flanelljacke, Unterbeinkleider zwei. Sie wissen ja
selbst alles. Ich, Herr, rühre von dem Ihrigen nichts an ... Ich, Herr,
hüte Ihr Eigentum ... Ich, Herr, es ist Ihnen doch bekannt, habe mir nie
eine Sünde ... Herr, Sie wissen doch selbst, Herr ...“
„Ich glaube dir, mein Freund, ich glaube Dir. Nicht das meine ich, mein
Freund, nicht das, siehst du, mein Freund ...“
„Es ist bekannt, Herr, und wir wissen es ja! Als ich damals noch beim
General Stolbujäkoff diente, da entließen sie mich, als sie selbst nach
Saratoff reisten ... ein Gut haben sie dort ...“
„Nein, mein Freund, ich rede nicht davon, denke nicht etwa ... mein
lieber Freund ...“
„Das ist bekannt. Wie sollte wohl unsereins – Sie belieben das ja selbst
zu wissen –, Leute verleumden! Aber mit mir war man überall zufrieden.
Das waren Minister, Generäle, Senatoren, Grafen. Ich diente bei vielen,
beim Fürsten Swintschatkin, beim Hauptmann Pereborkin, beim General
Njedobaroff, sie fuhren alle auf ihre Güter ... Das ist doch bekannt
...“
„Gewiß, mein Freund, gewiß, gut, mein Freund, gut. Siehst du, mein
Freund, auch ich werde jetzt verreisen ... Jeder hat seinen Weg, mein
Lieber, und keiner weiß, wohin er verschlagen wird! ... Jetzt, mein
Freund, muß ich mich umkleiden. Gib mir die Uniform heraus, andere
Beinkleider, Tücher, Betten, Kissen ...“
„Soll ich alles in ein Bündel packen?“
„Ja, mein Freund, meinetwegen alles in ein Bündel! Wer weiß, was noch
alles mit mir geschehen wird! ... Nun, jetzt, mein Lieber, gehe und hole
mir einen Wagen ...“
„Einen Wagen?“
„Ja, mein Freund, einen Wagen, einen bequemen – miete einen auf längere
Zeit! Aber du, mein Freund, mußt nicht etwa denken ...“
„Wollen Sie weit fahren? ...“
„Ich weiß es nicht, mein Freund, das weiß ich selbst nicht. Ich denke,
ein Federbett muß man auch hineinlegen. Wie denkst du, mein Freund? Ich
verlasse mich ganz auf dich, mein Lieber ...“
„Wünschen Sie sofort abzufahren?“
„Ja, mein Freund, ja! Die Umstände verlangen es ... so steht es, mein
Lieber, so steht es ...“
„Ich verstehe, Herr! Damals, bei uns im Regiment, war das mit einem
Leutnant ebenso: von einem Gutsbesitzer weg ... entführte er sie ...“
„Entführte? ... Wie! Mein Lieber, du ...“
„Ja, entführte, und im nächsten Ort wurden sie getraut. Alles war schon
vorbereitet worden ... Es gab eine Verfolgung. Der jetzt verstorbene
Fürst jagte ihnen selbst nach, nun ... die Sache wurde beigelegt ...“
„Sie wurden getraut. Ja? ... Du, mein Lieber, wie weißt du denn das,
mein Lieber?“
„Nun, das ist doch bekannt! Die Erde trägt das Gerücht weiter, Herr! Wir
wissen doch alles, Herr. Natürlich, wer ist denn ohne Sünde? Aber, ich
sage Ihnen jetzt nur, Herr, einfach, geradeaus, Herr: wenn das jetzt so
ist, so sage ich Ihnen, Herr, daß Sie einen Feind haben, einen
Nebenbuhler, Herr, einen starken Nebenbuhler, so ist’s! ...“
„Ich weiß, mein Freund, ich weiß. Du weißt es also auch, mein Lieber ...
Nun, darin kann ich mich ganz auf dich verlassen! Was sollen wir also
tun, mein Freund, was kannst du mir raten?“
„Aber, Herr, wenn Sie sich auf solche Sachen gelegt haben, Herr, dann
müssen Sie noch etwas dazukaufen, wie Laken, Kissen, ein anderes
Federpfühl, ein zweischläfriges, eine gute Decke ... hier beim Nachbarn
unten ist eine Verkäuferin, Herr, die hat einen Fuchspelz zu verkaufen,
den könnte man sich ansehen, sofort hingehen, ansehen und kaufen. Sie
werden ihn nötig haben, Herr, ein schöner Fuchspelz mit Atlas bezogen
...“
„Schon gut, mein Freund, schon gut; ich bin ganz mit dir einverstanden;
ich verlasse mich ganz auf dich. Meinetwegen, also den Pelz ... Aber nur
schnell, schnell! Um Gottes willen, schnell! Ich werde auch den Pelz
kaufen, nur bitte – schnell! Es ist bald acht Uhr, schneller, um Gottes
willen, schneller, mein Freund! Beeile dich, mein Freund! ...“
Petruschka warf das Bündel Wäsche, Kissen, Decken, Laken und all den
anderen Kram zu Boden und stürzte aus dem Zimmer. Herr Goljädkin griff
unterdessen noch einmal zum Brief, doch lesen konnte er ihn nicht. Mit
beiden Händen griff er nach seinem armen Kopf und lehnte sich vor
Verwunderung an die Wand. Denken konnte er an nichts, tun konnte er auch
nichts, er wußte selbst nicht, was er beginnen sollte. Endlich, als er
bemerkte, daß die Zeit verstrich, und weder Petruschka noch der
Fuchspelz erschienen war, entschloß sich Herr Goljädkin, selbst zu
gehen. Als er die Tür zum Flur öffnete, hörte er unten auf der Treppe
lärmen, sprechen, zetern ... Einige Nachbarsleute schrien und stritten
sich – und Herr Goljädkin wußte sofort, worüber. Er hörte Petruschkas
Stimme und darauf Schritte nahen. „Gütiger Himmel! sie werden die ganze
Welt zusammenrufen!“ stöhnte Herr Goljädkin, rang die Hände vor
Verzweiflung und stürzte zurück in sein Zimmer. Dort warf er sich fast
besinnungslos auf den Diwan, mit dem Gesicht in die Kissen. Nachdem er
einen Augenblick so gelegen hatte, sprang er wieder auf und ohne
Petruschka zu erwarten, zog er seine Galoschen und seinen Mantel an,
setzte seinen Hut auf, griff nach seinen Papieren und stürzte auf die
Treppe hinaus.
„Es ist nichts nötig, mein Lieber! Ich werde selbst, ich werde alles
selbst besorgen. Laß nur vorläufig alles so stehen, unterdessen wird
sich vielleicht das Ganze zum besten wenden,“ flüsterte Herr Goljädkin
eilig Petruschka zu, dem er auf der Treppe begegnete. Darauf lief er die
Treppe hinunter und zum Hause hinaus. Sein Herz stand ihm still – er
konnte sich zu nichts entschließen ... Was sollte er beginnen, wie
sollte er in dieser kritischen Lage handeln ...
„Nun, wie soll ich handeln? Herr, du mein Gott, das mußte gerade noch
kommen!“ rief er endlich verzweifelt aus und strich ziellos die Straße
entlang, „das mußte gerade noch kommen! Wenn nur das nicht wäre, gerade
das, dann würde sich noch alles ordnen und beilegen lassen, mit einem
Schlage, mit einem gewandten und festen Schlage würde es sich machen
lassen. Ich lasse mir den Finger abschneiden, daß es sich machen ließe!
Und ich weiß sogar, auf welche Weise es zu machen ginge. Es würde so
gemacht werden: Ich würde also – ich würde das und das, das heißt würde
so und so sagen ... ‚mein Herr, mit Erlaubnis gesagt, solche Sachen tut
man nicht, mein sehr geehrter Herr, solche Sachen tut man nicht und mit
Betrug erreicht man gar nichts: ein Usurpator, mein Herr, ist ein
unnützer Mensch, das heißt ein Mensch, der seinem Vaterlande keinen
Nutzen bringt. Verstehen Sie das? Verstehen Sie das wohl, mein sehr
geehrter Herr?!‘ So, – ja so wäre es zu machen! ...“
„Doch übrigens, – nein: wie ist das ... Das wäre auch nicht das
Richtige, durchaus nicht das Richtige ... Was lüge ich, Dummkopf,
Erzdummkopf! Ich, Selbstmörder, ich ... Du verworfener Mensch, so wird
es nun kommen! ... Wohin soll ich mich jetzt verkriechen? Was werde ich
zum Beispiel jetzt mit mir anfangen? Wozu tauge ich jetzt noch? Wozu
taugst du jetzt noch, Goljädkin, du Unwürdiger! Was – nun?
Einen Wagen muß ich nehmen. Also nimm, bitte, einen Wagen für sie, sonst
macht sie sich die Füßchen naß, wenn es keinen Wagen gibt ... oh, wer
hätte das denken können? Ei, ei, meine Dame, ei, ei, mein
wohlanständiges Fräulein! Sie haben sich ausgezeichnet, meine Herrin,
ausgezeichnet ... Und das kommt alles von der schlechten Erziehung. Wie
ich das jetzt übersehe und es durchschaut habe – so ist alles
Sittenlosigkeit. Man hätte ihr von Jugend auf – die Rute, tüchtig die
Rute geben sollen, sie aber haben sie statt dessen mit Konfekt und allen
Süßigkeiten gefüttert und der Alte selbst heulte ihr die Ohren voll:
‚Ach, du meine Liebe, meine Gute, ich werde dich an einen Grafen
verheiraten! ...‘
Und was ist dabei herausgekommen? Sie hat uns jetzt ihre Karten gezeigt,
da – habt ihr es, das ist mein Spiel! Wenn sie sie doch zu Hause erzogen
hätten, statt sie in die Pension zu der französischen Madame zu geben,
irgend so einer Emigrantin! Da lernen sie wohl viel Gutes, bei der
Emigrantin ... und – da kommt dann so etwas heraus! Gehen Sie jetzt und
freuen Sie sich! ‚Seien Sie mit dem Wagen um so und so viel Uhr unter
meinem Fenster und singen Sie eine gefühlvolle spanische Romanze: ich
werde Sie erwarten, ich weiß, daß Sie mich lieben, fliehen wir zusammen,
um in einer Hütte zu leben!‘
Doch, am Ende geht das nicht an: wenn Sie schon so weit gehen, meine
Dame ... das geht nicht an! Die Gesetze verbieten es, ein ehrliches und
unschuldiges Mädchen ohne Einwilligung der Eltern aus dem Elternhause zu
entführen! Und schließlich auch: warum? Ich sehe gar keine
Notwendigkeit. Mag sie heiraten, wie es sich gehört, und wen das
Geschick ihr bestimmt hat, das wäre eine vernünftige Sache. Ich aber bin
ein Beamter und kann deshalb meine Stellung verlieren. Ich, meine Dame,
kann deshalb vor Gericht kommen! Sehen Sie, so ist’s, wenn Sie das noch
nicht gewußt haben! Diese Deutsche hat das alles eingebrockt, dieser
ganze Wirrwarr geht von ihr aus. Deshalb haben sie einen Menschen
verleumdet. Deshalb haben sie Weibergeschwätz über ihn ausgedacht, auf
den Rat Andrej Philippowitschs. Von dort kommt alles her. Denn sonst,
warum haben sie Petruschka hineingezogen? Was hat denn der mit der Sache
zu schaffen? Was hat der Schelm bei ihr zu tun?
‚Nein, es geht nicht, meine Dame, es geht wirklich nicht, ich kann nicht
... Für dieses Mal, meine Dame, müssen Sie mich schon entschuldigen. Das
kommt alles von Ihnen, meine Dame, nicht von der Deutschen, nicht von
der Hexe, sondern einfach von Ihnen selbst. Denn die Hexe ist eine gute
Frau, die Hexe ist an nichts schuld, sondern Sie, meine Dame, Sie sind
schuld – so ist es! Sie, meine Dame, bringen mich vors Gericht, – unter
falschen Anschuldigungen ...‘ Da muß der Mensch zugrunde gehen, da muß
der Mensch an sich selbst zugrunde gehen und kann sich selbst nicht
erhalten, – wie kann man denn da noch heiraten! Und wie wird denn das
alles enden? Und was soll daraus jetzt werden? Ich würde viel darum
geben, wenn ich das wissen könnte! ...“
So dachte unser Held in seiner Verzweiflung. Als er plötzlich zu sich
kam, bemerkte er, daß er irgendwo auf der Liteinaja stand. Das Wetter
war schauderhaft, es taute, vom Himmel fiel Regen und Schnee zusammen,
genau wie zu jener unvergeßlichen Stunde um Mitternacht, als das Unglück
Herrn Goljädkins seinen Anfang nahm.
„Was wäre das für eine Reise,“ dachte Herr Goljädkin, nach dem Wetter
sehend, „das wäre einfach Selbstmord ... Herr des Himmels, wo soll ich
denn hier einen Wagen finden? Dort in der Ecke scheint etwas Schwarzes
zu dämmern! Wir wollen sehen! ... Herr, du mein Gott,“ fuhr unser Held
fort und lenkte seine wankenden Schritte auf die Seite hin, wo so etwas
Ähnliches wie ein Wagen stand. „Nein, ich weiß, was ich tue! Ich gehe zu
ihm, falle ihm zu Füßen und werde ihn, wenn’s nötig ist, anflehen. So
und so: in Ihre Hände lege ich mein Schicksal, in die Hände der Behörde,
Ew. Exzellenz, beschützen Sie und begnadigen Sie einen Menschen. Es wäre
ein ungesetzliches Verfahren: richten Sie mich nicht zugrunde, ich flehe
Sie an, als meinen Vater flehe ich Sie an, verlassen Sie mich nicht ...
Retten Sie meine Ehre, meinen Namen, meine Familie ... Retten Sie mich
vor dem Bösewicht, vor dem verworfenen Menschen ... Er ist ein anderer
Mensch, Ew. Exzellenz, und auch ich bin ein anderer Mensch! Er ist einer
für sich und ich bin einer für mich, wirklich, ich bin ganz für mich,
Ew. Exzellenz, ich bin etwas ganz für mich. Ew. Exzellenz, so ist’s! Das
heißt, ich kann gar nicht Er sein! Ändern Sie das, befehlen Sie, das zu
ändern mit ihm und diesem ganzen Doppeltsein! ... Zum Beispiel für
andere, Ew. Exzellenz! Ich spreche zu Ihnen, wie zu meinem Vater! Die
Behörde, die wohltätige und ehrwürdige Behörde, sollte so etwas
unterstützen ... Es liegt meiner Bitte etwas Moralisches zugrunde. Das
heißt, wie gesagt, ich wende mich an die Behörde, wie an einen Vater,
und vertraue ihr mein Schicksal an. Ich werde nicht murren, ich selbst
werde mich von allen zurückziehen, so ist’s!“
„Nun, mein Lieber, bist du frei?“
„Ja, Herr.“
„Habe den Wagen für den Abend nötig ...“
„Belieben Sie weit zu fahren, Herr?“
„Den Abend, den Abend: wie es kommt, mein Lieber, wie es kommt.“
„Wünschen Sie außerhalb der Stadt zu fahren?“
„Ja, mein Freund, vielleicht auch das. Ich weiß es selbst noch nicht
genau, mein Lieber, ich kann es deshalb ganz bestimmt noch nicht sagen.
Siehst du, mein Lieber, es kann sich noch alles zum besten wenden. Es
ist ja bekannt, mein Freund ...“
„Ja, freilich, Herr, Gott gebe es!“
„Ja, mein Freund, ja ich danke dir, mein Lieber. Aber was nimmst du
dafür, mein Lieber? ...“
„Belieben Sie sofort zu fahren?“
„Ja, sofort, das heißt, nein, an einer Stelle wartest du ein wenig ...
so, nur ein wenig, nicht lange, mein Lieber ...“
„Ja, wenn Sie mich schon auf den ganzen Abend nehmen wollen, so kann ich
bei diesem Wetter nicht weniger als sechs Rubel ...“
„Nun gut, mein Lieber, schon gut, ich danke dir, mein Lieber. Und jetzt
kannst du mich gleich fahren, mein Lieber.“
„Steigen Sie ein: erlauben Sie, ich habe hier noch ein wenig
zurechtzumachen ... Steigen Sie nur ein. Wohin befehlen Sie zu fahren?“
„Zur Ismailoffbrücke, mein Freund.“
Der Droschkenkutscher kletterte auf den Bock und setzte seine beiden
Gäule, die er nur mit aller Gewalt vom Heusack wegreißen konnte, in der
Richtung auf die Ismailoffbrücke in Bewegung. Doch plötzlich zog Herr
Goljädkin an der Schnur, ließ den Wagen anhalten und bat mit flehender
Stimme den Kutscher, nicht zur Ismailoffbrücke, sondern in eine
bestimmte andere Straße zu fahren. Der Kutscher kehrte um und in zehn
Minuten stand die Equipage Herrn Goljädkins vor dem Hause, welches Seine
Exzellenz bewohnte. Herr Goljädkin stieg aus dem Wagen, bat seinen
Kutscher inständig, zu warten und lief selbst mit zitterndem und
zagendem Herzen die Treppe hinauf, in den zweiten Stock. Er klingelte,
die Tür wurde geöffnet und unser Held befand sich im Vorzimmer der
Exzellenz.
„Ist Ihre Exzellenz zu Hause?“ wandte sich Herr Goljädkin an den
Menschen, der ihm die Tür öffnete.
„Was wünschen Sie?“ fragte ihn der Lakai, der Herrn Goljädkin vom Kopf
bis zu den Füßen betrachtete.
„Ich, mein Freund, heiße Goljädkin, Titularrat Goljädkin. Ich wünsche –
Exzellenz zu sprechen ...“
„Warten Sie bis morgen.“
„Mein Freund, ich kann nicht warten: meine Sache ist zu wichtig ...
meine Sache duldet keinen Aufschub ...“
„Ja, von wem kommen Sie denn? Haben Sie eine Aufforderung?“
„Nein, mein Freund, ich komme nur so ... Melde mich, mein Freund, sage:
so und so, um zu erklären ... Und ich werde mich dir dankbar erweisen,
mein Lieber ...“
„Es ist nicht erlaubt. Mir ist streng befohlen, niemanden vorzulassen.
Es sind Gäste da. Kommen Sie morgen um zehn Uhr ...“
„Melden Sie mich an, mein Lieber, ich kann unmöglich warten! Sie, mein
Lieber, werden sonst die Verantwortung ...“
„So geh doch, melde ihn. Bist mir auch ein Fauler!“ sagte ein anderer
Lakai, der sich auf einer Bank rekelte und bis jetzt noch kein Wort
gesagt hatte.
„Ach was, faul! Es ist nun einmal befohlen, niemanden vorzulassen,
verstehst du? Die Empfangsstunden sind am Morgen.“
„Melde ihn trotzdem! Glaubst wohl, es könnte deiner Zunge schaden!“
„Na, ich kann ihn ja anmelden, meiner Zunge wird’s nicht schaden! Es ist
aber befohlen ... Treten Sie in dieses Zimmer.“
Herr Goljädkin trat in das nächste Zimmer. Auf dem Tisch stand eine Uhr,
er sah, daß es halb neun war. In seinem Innern tobte die Unruhe. Er
wollte schon wieder umkehren, doch im selben Augenblick rief der Diener,
der an der Schwelle zum nächsten Zimmer stand, laut seinen Namen.
„Das ist mal eine Stimme!“ dachte in unbeschreiblicher Verwirrung unser
Held. „Was werde ich nur sagen? Ich werde sagen: so und so ... so ist’s
... ich bin gekommen, demütig und untertänigst zu bitten ... geruhen
Sie, mich anzuhören – ... Doch nun ist die ganze Sache verdorben, alles
in den Wind zerstreut. Oder ... was tut’s ...“ Er hatte übrigens keine
Zeit, weiter nachzudenken. Der Lakai kehrte zurück und führte Herrn
Goljädkin ins Kabinett Seiner Exzellenz.
Als unser Held eintrat, fühlte er sich wie geblendet, er konnte
überhaupt nichts sehen ... Zwei – drei Gestalten tauchten undeutlich vor
seinen Augen auf: „Nun, das sind wohl die Gäste,“ ging es Herrn
Goljädkin durch den Kopf. Schließlich konnte unser Held den Stern auf
dem schwarzen Frack der Exzellenz deutlich erkennen. Damit kam er denn
zur Besinnung und erhielt wenigstens sein Unterscheidungsvermögen wieder
...
„Was gibt’s?“ fragte eine bekannte Stimme Herrn Goljädkin.
„Titularrat Goljädkin, Ew. Exzellenz.“
„Nun?“
„Ich bin gekommen, um zu erklären ...“
„Wie? Was?“
„Ja, so ist es. Das heißt, so und so, ich bin gekommen, um zu erklären,
Ew. Exzellenz ...“
„Sie ... ja, wer sind Sie denn eigentlich?“
„Ti–ti–tu–lar–rat ... Goljädkin, Ew. Exzellenz.“
„Nun, was wünschen Sie?“
„Das heißt, so und so, ich betrachte Sie als meinen Vater: ich selbst
halte mich ganz aus der Sache, und bitte Sie nur, mich vor meinem Feinde
zu beschützen, – das ist alles!“
„Was heißt das?“
„Es ist doch bekannt ...“
„Was ist bekannt?“
Herr Goljädkin verstummte: sein Kinn fing an zu zittern ...
„Nun?“
„Ich dachte, moralisch, – Ew. Exzellenz ... ich meinte, in moralischem
Sinne: Ew. Exzellenz als Vater anerkennen ... das heißt, so und so,
beschützen Sie mich, unter Trä–ä–nen bi–bi–tte ich, so etwas zu – zu –
un–ter–stützen ...“
Seine Exzellenz wandte sich ab. Unser Held konnte für einen Augenblick
wieder nichts mehr wahrnehmen. Seine Brust war wie zusammengepreßt. Der
Atem ging ihm aus. Er wußte nicht mehr, wie er sich auf den Beinen
halten sollte ... Er schämte sich und unsagbar traurig war ihm zumute.
Gott weiß, was ihn erwartete ...
Als unser Held wieder zu sich kam, bemerkte er, daß Seine Exzellenz mit
seinen Gästen sehr lebhaft sprach und sich mit ihnen zu beraten schien.
Einen der Gäste erkannte Herr Goljädkin. Es war Andrej Philippowitsch.
Den anderen dagegen erkannte er nicht, obgleich ihm das Gesicht sehr
bekannt schien: eine hohe volle Erscheinung, in älteren Jahren, mit
buschigen Brauen, mächtigem Backenbart und scharfem, ausdrucksvollem
Gesicht. Am Halse des Unbekannten hing ein Orden und eine Zigarre stak
zwischen den Zähnen. Der Unbekannte rauchte, und ohne die Zigarre aus
dem Munde zu nehmen; nickte er bedeutsam mit dem Kopfe, von Zeit zu Zeit
zu Herrn Goljädkin hinüberblickend.
Herr Goljädkin fühlte sich fürchterlich unbehaglich. Er wandte seinen
Blick zur Seite, und dabei bemerkte er – einen sehr sonderbaren Gast. In
der Tür, die unser Held bis jetzt für einen Spiegel angesehen hatte, wie
es ihm schon einmal passiert war – erschien er – wir wissen ja schon,
wer: der Bekannte und Freund Herrn Goljädkins. Herr Goljädkin der
Jüngere hatte sich bis dahin offenbar in einem kleinen Zimmer
aufgehalten, um schnell etwas niederzuschreiben. Jetzt hatte man ihn
wohl nötig und er war – erschienen. Mit Papieren unter dem Arm, ging er
auf Seine Exzellenz zu und in Erwartung, daß sich die allgemeine
Aufmerksamkeit auf ihn lenken werde, gelang es ihm auch, sich alsbald
sehr geschickt ins Gespräch und in die Beratung mit einzumischen. Er
nahm seinen Platz hinter dem Rücken Andrej Philippowitschs ein und wurde
teilweise verdeckt von dem Unbekannten, der die Zigarre rauchte.
Ohne weiteres nahm Herr Goljädkin der Jüngere Anteil am Gespräch, dem er
mit Eifer folgte, zu dem er mit dem Kopfe nickte, während er in einem
fort lächelte und jeden Augenblick Seine Exzellenz ansah, ganz als
flehte er mit seinen Blicken um die Erlaubnis, auch ein Wörtchen
einzuflechten.
„Schurke!“ dachte Herr Goljädkin und trat unwillkürlich einen Schritt
auf ihn zu. In diesem Augenblicke kehrte sich Seine Exzellenz um und
näherte sich selbst, etwas unentschieden, Herrn Goljädkin.
„Nun, gut, gut: gehen Sie mit Gott. Ich werde Ihre Sache nachprüfen, und
Sie werde ich begleiten lassen ...“ Seine Exzellenz blickte auf den
Unbekannten mit dem Backenbart. Dieser nickte zum Zeichen seiner
Einwilligung mit dem Kopf.
Herr Goljädkin empfand es und verstand nur zu genau, daß man ihn für
etwas anderes nahm und ihn durchaus nicht so behandelte, wie es sich
gehörte. „So oder so, aber erklären muß ich mich,“ dachte er, „das
heißt: so und so, Ew. Exzellenz!“ Hierbei richtete er in der Verwirrung
seine Augen zu Boden und zu seiner äußersten Verwunderung sah er auf den
Stiefeln Seiner Exzellenz einen großen weißen Fleck.
„Sind sie wirklich geplatzt?“ dachte Herr Goljädkin. Doch bald entdeckte
Herr Goljädkin, daß die Stiefel Seiner Exzellenz durchaus nicht geplatzt
waren, sondern nur stark funkelten, ein Phänomen, das sich daraus
erklärte, daß die Stiefel von Lack waren und stark glänzten. „Das nennt
man aber blank sein,“ dachte Herr Goljädkin, und als er seinen Blick
wieder erhob, erkannte er, daß es Zeit war, zu reden, weil die Sache
sich sonst zu einem schlechten Ende wenden konnte ... Unser Held trat
also einen Schritt nach vorn.
„Das heißt ... so und so ... Ew. Exzellenz,“ sagte er. „Ich meine doch,
einen falschen Namen zu tragen, ist in unserer Zeit doch wohl nicht
erlaubt.“
Seine Exzellenz antwortete ihm nichts mehr, sondern zog nur heftig an
der Glockenschnur. Unser Held trat noch einen Schritt vor.
„Er ist ein gemeiner und verdorbener Mensch, Ew. Exzellenz,“ sagte unser
Held, ohne sich zu besinnen, ersterbend vor Furcht, und wies trotz
alledem kühn und entschlossen auf seinen unwürdigen Doppelgänger, der
sich diesen Augenblick dicht bei Seiner Exzellenz zu schaffen machte.
„So und so ... das heißt ... ich spiele auf eine bestimmte Person an.“
Auf diese Worte Herrn Goljädkins folgte eine allgemeine Bewegung. Andrej
Philippowitsch und der Unbekannte nickten sich gegenseitig zu. Seine
Exzellenz riß noch einmal ungeduldig aus allen Kräften an der
Glockenschnur, um seine Leute herbeizurufen. In diesem Augenblick trat
Herr Goljädkin der Jüngere vor.
„Ew. Exzellenz,“ sagte er, „untertänigst bitte ich um die Erlaubnis,
sprechen zu dürfen.“ In der Stimme Herrn Goljädkins des Jüngeren lag
äußerste Entschlossenheit. Alles an ihm drückte aus, daß er sich
vollkommen in seinem Recht fühlte.
„Erlauben Sie zu fragen,“ begann er von neuem, eifrig einer Antwort
Seiner Exzellenz zuvorkommend, und wandte sich diesmal an Herrn
Goljädkin selbst. „Erlauben Sie zu fragen, in wessen Gegenwart Sie sich
so auszudrücken belieben? Wissen Sie, vor wem Sie stehen und in wessen
Kabinett Sie sich befinden? ...“ Herr Goljädkin der Jüngere war außer
sich vor Erregung und ganz rot vor Zorn und Unwillen: Tränen der
Empörung traten ihm in die Augen.
„Die Herren Bassawrjukoff!“ rief in diesem Augenblick der Lakai mit
lauter Stimme, indem er in der Tür des Kabinetts erschien.
„Eine berühmte adelige Familie aus Klein-Rußland,“ dachte Herr Goljädkin
und fühlte im selben Augenblick, wie eine Hand sich ihm in sehr
freundschaftlicher Weise auf den Rücken legte. Zugleich legte sich ihm
noch eine Hand auf den Rücken und das gemeine Ebenbild von Herrn
Goljädkin lief voran und zeigte nach der Tür, als wiese er ihm den Weg –
Herr Goljädkin fühlte es deutlich, wie er gewaltsam auf die große
Ausgangstür des Kabinetts hinbewegt wurde.
„Genau so wie bei Olssuph Iwanowitsch,“ dachte er, als er sich schon im
Vorzimmer befand, begleitet von zwei Lakaien Seiner Exzellenz und von
seinem unvermeidlichen Ebenbilde.
„Den Mantel, den Mantel, den Mantel meines Freundes! Den Mantel meines
besten Freundes!“ schrie der verworfene Mensch, riß den Mantel aus den
Händen des Dieners und warf zur allgemeinen Erheiterung den Mantel Herrn
Goljädkin über den Kopf. Während Herr Goljädkin unter seinem Mantel
wieder hervorkroch, hörte er deutlich das Gelächter der Diener. Doch er
achtete nicht darauf und kümmerte sich um nichts. Ruhig trat er aus dem
Vorzimmer auf die hellerleuchtete Treppe hinaus. Herr Goljädkin der
Jüngere folgte ihm.
„Leben Sie wohl, Ew. Exzellenz!“ rief dieser Herrn Goljädkin dem Älteren
nach.
„Schurke!“ sagte unser Held außer sich.
„Nun, meinetwegen ein Schurke ...“
„Verworfener Mensch! ...“
„Nun, meinetwegen auch ein verworfener Mensch ...“ antwortete dem
würdigen Herrn Goljädkin sein unwürdiger Feind mit der ihm eigenen
Gemeinheit und sah frech, oben von der Treppe hinunter und ohne die
Augen niederzuschlagen Herrn Goljädkin an, als forderte er ihn auf, so
weiter fortzufahren. Unser Held spie aus vor Empörung und stürzte zum
Hause hinaus. Er war so zerschlagen, daß er kaum wußte, wie er in den
Wagen gelangte. Als er endlich zu sich kam, sah er, daß er an der
Fontanka entlang fuhr. „Wahrscheinlich fährt er nach der
Ismailoffbrücke,“ dachte Herr Goljädkin. Hier wollte Herr Goljädkin noch
etwas denken, doch es gelang ihm nicht: es war etwas so Entsetzliches,
das zu erklären unmöglich schien ...
„Nun, tut nichts,“ schloß unser Held und fuhr weiter zur
Ismailoffbrücke.