Atemlos und wie auf Flügeln eilte Herr Goljädkin dem sich seinerseits
gleichfalls sehr beeilenden Ebenbilde nach. Er fühlte in sich eine
außerordentlich große Energie. Und doch, ungeachtet dieser Energie,
schien es Herrn Goljädkin, daß ihn eine kleine Mücke, wenn eine solche
zurzeit in Petersburg gelebt hätte, mit Leichtigkeit mit ihren Flügeln
überholen könnte. Er fühlte, daß er vor Schwäche förmlich zusammensank,
daß ihn nur eine ganz fremde Kraft weitertrug, daß er selbst nicht mehr
gehen konnte und seine Füße den Dienst versagten. Konnte sich alles das
überhaupt noch zum besten wenden? „Zum besten oder nicht zum besten,“
dachte Herr Goljädkin, atemlos vom Laufen, „daß die Sache ... doch
verspielt ist ... darüber besteht jetzt nicht mehr der kleinste Zweifel
... daß ich vollständig verloren bin, das ist ja bekannt ... beschlossen
... entschieden und unterschrieben!“
Aber ungeachtet dessen war unser Held doch wie von den Toten
auferstanden, es war, als hätte er eine Schlacht gewonnen und einen
großen Sieg erfochten, als es ihm endlich gelang, seinen Feind, der
soeben im Begriff war, seinen Fuß auf den Tritt eines Wagens zu setzen,
am Mantel zu packen.
„Geehrter Herr! Geehrter Herr!“ rief Herr Goljädkin dem Jüngeren zu,
froh, daß er ihn doch noch erwischt ... „Geehrter Herr, ich hoffe, daß
Sie ...“
Aber: „Nein, hoffen Sie schon bitte lieber nichts,“ antwortete ablehnend
der gefühllose Feind Herrn Goljädkins, während er sich zugleich aus
allen Kräften bemühte, mit dem anderen Fuß in den Wagen zu gelangen und
seinen Mantel aus den Händen Herrn Goljädkins zu befreien, – denselben
Mantel, an den sich Herr Goljädkin seinerseits mit allen ihm von Natur
zu Gebote stehenden Kräften geklammert hielt.
„Jakoff Petrowitsch! Nur zehn Minuten ...“
„Entschuldigen Sie, ich habe keine Zeit.“
„Sehen Sie doch selbst ein, Jakoff Petrowitsch ... bitte, Jakoff
Petrowitsch ... Um Christi willen, Jakoff Petrowitsch ... Sehen Sie doch
ein ... daß ich mich mit Ihnen aussprechen muß ... gleich auf dem Fuße
... in einer Sekunde, Jakoff Petrowitsch! ...“
„Mein Lieber, ich habe keine Zeit,“ erwiderte der lügnerische Feind
Herrn Goljädkins in einem unehrerbietig-familiären Tone und mit
erheuchelter Güte. „Zu einer anderen Zeit, glauben Sie mir, von ganzer
Seele und aus vollem Herzen; aber jetzt – jetzt ist es wirklich
unmöglich ...“
„Du Schurke!“ dachte unser Held ... Aber: „Jakoff Petrowitsch!“ rief er
kläglich, „Ihr Feind bin ich niemals gewesen. Böse Menschen haben mich
unbilligerweise verleumdet ... Meinerseits bin ich bereit ... Ist es
Ihnen gefällig, Jakoff Petrowitsch, so könnten wir beide zusammen ...
dort in dieses Café gehen und aus vollem Herzen, wie Sie soeben so schön
sagten, und in gerader, edler Offenheit – ... dann wird sich alles von
selbst aufklären. – Ja, Jakoff Petrowitsch! Dann wird sich alles von
selbst aufklären ...“
„Ins Café? Schön. Ich habe nichts dagegen, nur unter einer Bedingung, du
mein besseres Selbst ... unter einer Bedingung – daß sich dort alles von
selbst aufklärt. Das heißt in einer Weise, mein Lieber ...“ Herr
Goljädkin der Jüngere stieg aus dem Wagen und klopfte unserem Helden
unverschämt vertraulich auf die Schulter.
„Freund meiner Seele, für dich, Jakoff Petrowitsch, bin ich bereit,
überall hinzugehen! So ein Schelm, wirklich, er macht mit den Menschen,
was er will!“ fuhr der verlogene Freund Herrn Goljädkins fort, indem er
sich mit leichtem Lächeln tänzelnd um ihn herum drehte.
Das von der Hauptstraße ziemlich weit entfernte Café, wohin die beiden
Herren gingen, war in diesem Augenblicke vollkommen leer. Eine dicke
Deutsche erschien hinter dem Ladentisch, als beim Eintritt die Türglocke
ertönte. Herr Goljädkin ging mit seinem unwürdigen Freunde in das zweite
Zimmer, wo ein glattgekämmter Kellner sich eben bemühte, das erloschene
Feuer im Ofen wieder anzufachen. Auf Wunsch des Herrn Goljädkin des
Jüngeren wurde Schokolade gebracht.
„Ein unvergleichliches Weibchen!“ bemerkte Herr Goljädkin der Jüngere,
indem er Herrn Goljädkin dem Älteren schalkhaft zulächelte.
Unser Held errötete und schwieg.
„Ach, ja, ich habe vergessen, entschuldigen Sie, ich kenne Ihren
Geschmack. Wir, mein Herr, haben eine Vorliebe für schlanke Deutsche.
Wir, Jakoff Petrowitsch, redliche Seele, wir ziehen Schlanke vor, wenn
sie noch nicht aller Vorzüge bar sind. Wir nehmen bei ihnen unsere
Wohnung, verderben ihre Sittlichkeit, schenken ihnen ob der Bier- und
Milchsuppen, die sie kochen, unser Herz und geben ihnen schriftliche
Versprechen ... das ist’s, was wir tun, du Faublas, du Verführer!“
Auf diese Weise machte Herr Goljädkin eine sehr unnütze und boshaft
schlaue Anspielung auf eine bekannte Person weiblichen Geschlechts,
lächelte unserem Helden dabei unter dem Anschein der Liebenswürdigkeit
zu und trug eine erlogene Freude über das Zusammentreffen mit ihm zur
Schau. Als er aber bemerkte, daß Herr Goljädkin der Ältere durchaus
nicht so dumm und unerfahren war, um alles hinzunehmen, beschloß er,
seine Taktik zu ändern und sich noch rücksichtsloser zu geben.
Und nun zeigte sich die ganze Abscheulichkeit des falschen Herrn
Goljädkin, der mit wahrhaft empörender Unverschämtheit und
Vertraulichkeit dem biederen und wahren Herrn Goljädkin auf die Schulter
klopfte und, nicht genug damit, ihn auf eine unpassende, in anständiger
Gesellschaft ganz ungewohnte Weise und nur, um seine Abscheulichkeit
noch zu übertrumpfen, ohne auf den Widerstand des empörten Herrn
Goljädkin zu achten, einfach in die Backe kniff. Beim Anblick dieser
Verworfenheit verstummte, innerlich rasend, unser Held ... fürs erste
wenigstens.
„Das ist die Sprache meiner Feinde,“ sagte er schließlich, nachdem er
sich vernünftigerweise bezähmt hatte, mit zitternder Stimme. Im selben
Augenblick sah unser Held aber unruhig nach der Tür. Herr Goljädkin der
Jüngere war offenbar so vorzüglicher Laune und bereit zu allerlei
weiteren kleinen Scherzen, wie sie an öffentlichen Orten unerlaubt und
überhaupt in der höheren Gesellschaft nicht zum guten, sondern zum sehr
schlechten Ton gehören.
„Nun, in diesem Falle, wie Sie wollen,“ erwiderte Herr Goljädkin der
Jüngere ernsthaft Herrn Goljädkin dem Älteren und setzte seine mit
unanständiger Gier geleerte Tasse auf den Tisch. „Ich habe Sie lange
nicht mehr gesehen, übrigens ... wie leben Sie denn jetzt, Jakoff
Petrowitsch?“
„Ich kann Ihnen nur eines sagen, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete ihm
kaltblütig und mit Würde unser Held, „Ihr Feind bin ich niemals
gewesen.“
„Hm ... nun, aber Petruschka? Petruschka heißt er doch ... nun ja, wie
geht es ihm? Gut? Ganz wie früher?“
„Ja, ganz wie früher, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete ein wenig erstaunt
Herr Goljädkin der Ältere. „Ich verstehe Sie nicht, Jakoff Petrowitsch
... ich, meinerseits ... aufrichtig und anständig wie ich bin, Jakoff
Petrowitsch ... sagen Sie selbst, Jakoff Petrowitsch ...“
„Ja, aber Sie wissen doch, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete mit leiser
und wehmütiger Stimme Herr Goljädkin der Jüngere, um auf diese Weise
Reue und Bedauern vorzutäuschen, „Sie wissen doch selbst, in unserer
Zeit ist es schwer ... Ich verlasse mich auf Sie, Jakoff Petrowitsch,
Sie sind ja ein kluger Mensch, urteilen Sie doch selbst,“ sagte Herr
Goljädkin der Jüngere, um unserem Helden in seiner gemeinen Art zu
schmeicheln. „Das Leben ist kein Spiel, das wissen Sie doch, Jakoff
Petrowitsch,“ schloß wieder vielsagend Herr Goljädkin der Jüngere und
stellte sich auf diese Weise als klugen und gelehrten Menschen hin, der
über hohe Dinge zu urteilen verstand.
„Meinerseits, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete unser Held voll Bewegung,
„meinerseits verachte ich jeden Nebenweg und ich gestehe aufrichtig und
geradeaus ... und stelle die ganze Sache damit auf einen anständigen
Grund und Boden ... und kann offen und ehrlich behaupten, Jakoff
Petrowitsch ... daß mein Gewissen vollkommen rein ist! Sie wissen
selbst, Jakoff Petrowitsch, die gegenseitige Verirrung ... vielleicht
nur ein Mißverständnis ... alles ist möglich – das Urteil der Welt und
die Meinung der blinden Masse ... Ich sage es aufrichtig, Jakoff
Petrowitsch, alles ist möglich! Und ich sage noch mehr, Jakoff
Petrowitsch ... wenn man so urteilt, wenn man von einem edlen und hohen
Standpunkt aus auf diese Sache sieht, und ohne falsche Scham, Jakoff
Petrowitsch ... es ist mir sogar angenehm zu bekennen, daß ich auf
Irrwege geraten war, ja, es ist mir sogar angenehm, das einzugestehen.
Sie können sich das doch selbst sagen, Sie sind doch ein kluger Mann und
obendrein edel. Ohne Scham, ohne falsche Scham, bin ich bereit, dies
einzugestehen ...“ so schloß unser Held würdevoll.
„Das ist Schicksal, Verhängnis, Jakoff Petrowitsch ... doch lassen wir
das alles,“ sagte mit einem Seufzer Herr Goljädkin der Jüngere.
„Gebrauchen wir lieber die kurzen Minuten unseres Zusammenseins zu einem
nützlicheren und angenehmeren Gespräch, – wie es sich zwischen Kollegen
geziemt ... Es gelang mir in der Tat nicht, in dieser ganzen Zeit zwei
Worte mit Ihnen zu reden. Daran bin ich nicht schuld, Jakoff
Petrowitsch!“
„Ich auch nicht, Jakoff Petrowitsch,“ unterbrach ihn freudig unser Held
– „ich auch nicht. Mein Herz sagt mir, Jakoff Petrowitsch, daß ich in
allen diesen Dingen nicht schuld bin. In diesem Fall wollen wir das
Schicksal anklagen, Jakoff Petrowitsch,“ fügte Herr Goljädkin der Ältere
in versöhnlichem Tone hinzu. Seine Stimme wurde nach und nach schwächer
und zitterte.
„Nun, wie steht es denn im allgemeinen mit Ihrer Gesundheit?“ fragte der
Verworfene mit süßer Stimme.
„Ich huste ein wenig,“ antwortete noch süßer unser Held.
„Nehmen Sie sich in acht. Jetzt gibt es so böse Winde, man kann sich
sehr leicht eine Lungenentzündung holen, ich gestehe Ihnen, daß ich mich
allmählich daran gewöhne, unter allen meinen Kleidungsstücken noch
Flanell zu tragen.“
„Es ist wahr, Jakoff Petrowitsch, man sollte sich lieber keine
Lungenentzündung holen ... Jakoff Petrowitsch!“ stieß nach kurzem
Schweigen unser Held hervor, „Jakoff Petrowitsch! Ich sehe, daß ich mich
geirrt habe ... Ich denke mit Rührung an die glücklichen Augenblicke,
die uns vergönnt waren, zusammen zu verbringen, unter meinem armen, aber
ich kann wohl sagen, unter meinem gastfreundlichen Dach.“
„In Ihrem Brief haben Sie sich nicht so ausgedrückt,“ bemerkte halb
vorwurfsvoll, aber mit vollem Recht und der Wahrheit entsprechend (wenn
auch nur in diesem einen Fall) Herr Goljädkin der Jüngere.
„Jakoff Petrowitsch! Ich irrte mich ... Ich sehe es jetzt ganz deutlich,
daß ich mich in dem unglücklichen Brief geirrt habe. Jakoff Petrowitsch,
es ist mir peinlich, Sie anzusehen, Jakoff Petrowitsch, glauben Sie es
mir ... Geben Sie mir den Brief zurück, damit ich ihn vor Ihren Augen
zerreißen kann, Jakoff Petrowitsch, oder, wenn das nicht mehr möglich
ist, dann lesen Sie ihn umgekehrt – ich meine, ganz und gar im
umgekehrten Sinne, das heißt, in freundschaftlicher Absicht, indem Sie
allen Worten in meinem Brief den umgekehrten Sinn beilegen. Ich habe
mich geirrt ... Verzeihen Sie mir, Jakoff Petrowitsch, ich habe mich
ganz und gar geirrt, Jakoff Petrowitsch.“
„Was sagen Sie?“ fragte zerstreut und gleichgültig der treulose Freund
Herrn Goljädkins des Älteren.
„Ich sagte, daß ich mich ganz und gar geirrt habe, Jakoff Petrowitsch,
und daß ich meinerseits ganz ohne falsche Scham ...“
„Ah! Nun gut, das ist sehr gut, daß Sie sich geirrt haben,“ antwortete
ihm grob Herr Goljädkin der Jüngere.
„Ich hatte sogar, Jakoff Petrowitsch, die Idee,“ fügte unser Held in
seiner anständigen Weise offenherzig hinzu, ohne die Falschheit seines
verlogenen Freundes zu bemerken, „ich hatte sogar die Idee, daß hier
zwei ganz ähnliche ...“
„Ah, das ist Ihre Idee! ...“
Hier stand der durch seine Ruchlosigkeit bekannte Herr Goljädkin der
Jüngere auf und griff nach seinem Hut. Ohne die schlechte Absicht zu
bemerken, erhob sich auch Herr Goljädkin der Ältere, mit gutmütigem
Lächeln seinen Pseudofreund ansehend, und in seiner Unschuld bemühte er
sich noch weiter, ihm zu schmeicheln und ihn für die neue Freundschaft
zu gewinnen ...
„Leben Sie wohl, Ew. Exzellenz!“ rief plötzlich Herr Goljädkin der
Jüngere. Unser Freund zuckte zusammen und bemerkte im Gesicht seines
Freundes etwas Satanisches und nur um ihn los zu werden, legte er in die
ausgestreckte Hand des Verruchten zwei Finger seiner Hand. Nun aber ...
nun überstieg die Schamlosigkeit Herrn Goljädkins des Jüngeren alle
Grenzen und erschöpfte das Maß menschlicher Geduld, das man haben
konnte. Nachdem er die zwei Finger Herrn Goljädkins des Älteren gedrückt
hatte, wiederholte der Unwürdige –: wahrhaftig, er tat es – vor den
Augen des Herrn Goljädkin seinen schamlosen Scherz von heute morgen ...
Herr Goljädkin der Jüngere hatte bereits sein Taschentuch wieder
eingesteckt, mit dem er seine Finger abgewischt, als Herr Goljädkin der
Ältere erst zu sich kam und dem anderen ins Nebenzimmer nachstürzte,
wohin sich sein unversöhnlicher Feind nach seiner schändlichen
Gewohnheit verkrochen hatte. Als ob nichts geschehen wäre, stand er vor
dem Büfett und aß Kuchen, während er ganz ruhig, wie ein rechter
Lebemann der Dame am Büfett den Hof machte.
„In Gegenwart von Damen ist es nicht erlaubt,“ dachte unser Held und
ging gleichfalls ans Büfett, ganz besinnungslos vor Aufregung.
„Nicht wahr, das Weibchen ist nicht übel! Wie denken Sie darüber?“
begann von neuem Herr Goljädkin _junior_ mit seinen unpassenden
Bemerkungen, denn er rechnete offenbar mit der unendlichen Geduld Herrn
Goljädkins. Die dicke Deutsche ihrerseits sah auf ihre beiden Gäste mit
blöden Augen, da sie wohl die russische Sprache nicht verstand, und
lächelte nur zuvorkommend.
Bei den schamlosen Worten Herrn Goljädkins des Jüngeren sprang unser
Held auf, und unfähig, sich noch länger zu beherrschen, stürzte er sich
endlich auf ihn, um ihn zu zerreißen und um ein Ende mit ihm – mit allem
zu machen. Doch Herr Goljädkin der Jüngere war nach seiner üblen
Gewohnheit schon längst auf und davon und befand sich bereits auf der
Treppe. Aber auch Herr Goljädkin der Ältere raffte sich auf und folgte,
so schnell als möglich, seinem Beleidiger, der sich in eine Droschke
setzte, die offenbar auf ihn gewartet hatte, und deren Kutscher wohl mit
ihm in Einvernehmen stand. Als die Dame am Büfett die Flucht ihrer
beiden Gäste bemerkte, schrie sie auf und klingelte aus aller Kraft mit
der Glocke. Unser Held wandte sich rasch um, warf ihr Geld hin, für sich
und den schamlosen Menschen, der natürlich wieder nicht bezahlt hatte,
verlangte auch nichts zurück, raste nur hinaus, und ungeachtet dieser
Verzögerung gelang es ihm noch, seinen Feind zu ergreifen.
Unser Held klammerte sich mit allen ihm von Natur zur Gebote stehenden
Kräften an die Droschke und lief einige Straßen lang mit ihr, bis es ihm
schließlich gelang, in die Droschke hineinzuklettern, die Herr Goljädkin
der Jüngere freilich aus allen Kräften verteidigte. Der Kutscher
bearbeitete unterdessen seinen alten Gaul, der seiner schlechten
Gewohnheit nach sofort in einen Galopp verfiel und bei jedem dritten
Schritt mit den Hinterbeinen ausschlug, mit der Knute, mit den Zügeln,
und selbst mit den Füßen.
Endlich hatte sich unser Held die Droschke erobert. Er stemmte sich mit
dem Rücken an den Kutscher, war also mit dem Gesicht und Knie an Knie
seinem Feinde zugewandt. Mit der rechten Hand hielt er den schäbigen
Pelzkragen seines Feindes gepackt.
So fuhren die beiden Feinde eine Zeitlang schweigend dahin. Unser Held
wagte kaum zu atmen, der Weg war erbärmlich und bei jedem Schritt wankte
er hin und her und war in ständiger Gefahr, sich den Hals zu brechen.
Dazu wollte sein erbitterter Feind sich ihm immer noch nicht ergeben,
mühte sich vielmehr, seinen Gegner in den Schmutz hinauszuwerfen. Das
Wetter war, was zu allen Unannehmlichkeiten noch hinzukam, geradezu
entsetzlich. Der Schnee fiel in dicken nassen Flocken, die in den
offenen Mantel des wirklichen Herrn Goljädkin eindrangen. Ringsum war es
dunkel und man konnte kaum die Hand vor den Augen sehen. Es war daher
schwer zu erraten, wohin und durch welche Straßen sie fuhren ... Herrn
Goljädkin schien es dabei, als erlebte er etwas, das ihm bereits längst
bekannt war. Einen Augenblick suchte er sich zu vergewissern, und dachte
nach, ob er nicht gestern abend schon etwas Ähnliches – geahnt hatte –
... im Traum –? Endlich erreichte sein Zustand die äußerste Grenze.
Schreiend wollte er sich auf seinen Gegner stürzen. Doch der Schrei
erstarb auf seinen Lippen. Es gab einen Augenblick, in dem Herr
Goljädkin alles zu vergessen schien und überzeugt war, daß das ganze gar
nichts bedeute, sondern nur so, nur so irgendwie, auf unerklärliche
Weise geschehen sei, und daß es in dem Falle eine ganz verlorene Sache
wäre, dagegen anzukämpfen.
Doch plötzlich und fast im selben Augenblick, als unser Held zu diesem
Schluß kam, veränderte ein unvorsichtiger Stoß die Lage der Dinge. Herr
Goljädkin fiel wie ein Mehlsack aus der Droschke und erkannte während
des Falles ganz vernünftiger Weise, daß er sich wirklich ganz zur
unrechten Zeit erhitzt hatte. Als er wieder aufgesprungen war, sah er,
daß sie irgendwo angelangt waren: die Droschke stand auf einem Hof, und
Herr Goljädkin sah auf den ersten Blick, daß es der Hof des Hauses war,
in dem – Olssuph Iwanowitsch wohnte. In demselben Augenblick bemerkte
er, daß sich sein Freund bereits auf der Treppe zu Olssuph Iwanowitsch
befand.
In seiner Not und Verzweiflung wollte er schon seinem Feinde nachjagen,
doch zu seinem Glück bedachte er sich noch beizeiten. Er vergaß nicht,
den Kutscher zu bezahlen, trat auf die Straße hinaus und lief so schnell
er konnte und wohin ihn seine Füße trugen. Es schneite wie vorhin und es
war feucht und dunkel. Unser Held ging nicht, sondern flog, und warf
alle und alles auf seinem Wege um – Männer, Weiber und Kinder, und
stolperte selbst über die Männer, Weiber und Kinder, die er umgeworfen
hatte. Um ihn und hinter ihm her hörte man erschreckte Stimmen ... hörte
schreien, rufen ... Doch Herr Goljädkin, schien es, war nicht bei
Besinnung und schenkte alledem nicht die geringste Aufmerksamkeit ... Er
kam erst zu sich, als er sich bei der Ssemjonoffbrücke befand und da
auch nur dank dem Umstande, daß es ihm gelungen war, zwei Weiber, die
Eßwaren trugen, umzurennen und dabei selbst zu Fall zu kommen.
„Das tut nichts,“ dachte Herr Goljädkin, „alles das kann sich noch zum
besten wenden!“ Er griff in die Tasche, um die Weiber mit einem Rubel
für die rings verstreuten Kringel, Äpfel, Nüsse usw. zu entschädigen.
Plötzlich wurde Herr Goljädkin von einem neuen Licht erleuchtet: in der
Tasche fand er den Brief, den ihm der Schreiber am Morgen überreicht
hatte. Er erinnerte sich unter anderem, daß sich hier, nicht weit
entfernt, ein bekanntes Gasthaus befand, und so lief er denn, ohne Zeit
zu verlieren, sofort dahin, setzte sich an einen mit einem Talglicht
erleuchteten Tisch, schenkte niemandem und nichts seine Aufmerksamkeit,
hörte den Kellner nicht, der ihn nach seinen Wünschen fragte, zerbrach
das Siegel und begann den folgenden Brief zu lesen, der ihn nun
allerdings vollständig fassungslos machte:
„Edler, für mich leidender und auf ewig meinem Herzen teurer Mann!
Ich leide, ich gehe zugrunde – rette mich! Der Verleumder, der
Intrigant und durch seine Nichtswürdigkeit bekannte Mensch hat mich
mit seinen Netzen umstrickt und mich zugrunde gerichtet. Ich fiel! –
Doch er ist mir zuwider, aber du! ... Man hat uns voneinander
gerissen, meine Briefe an dich gestohlen – und alles das tat der
Unwürdige, indem er sich seiner besten Eigenschaft bediente – der
Ähnlichkeit mit dir. Jedenfalls kann man schlecht sein und dennoch
durch Geist, Gefühl und angenehme Manieren entzücken ...
Ich gehe zugrunde! Man wird mich mit Gewalt verheiraten, und am
meisten intrigiert dafür mein Vater und Wohltäter, Staatsrat Olssuph
Iwanowitsch, der die Rolle, die ich im Hause und in der höheren
Gesellschaft spiele, für sich in Anspruch nehmen will ...
Aber ich bin entschlossen und widersetze mich, mit allen mir von der
Natur geliehenen Mitteln. Erwarte mich heute im Wagen um neun Uhr
vor den Fenstern unserer Wohnung. Bei uns ist wieder Ball und der
schöne Leutnant wird da sein. Ich werde herauskommen und wir fliehen
dann. Gibt es doch auch noch andere Beamtenstellen, in denen man
seinem Vaterlande dienen kann. Jedenfalls, denke daran, mein Freund,
daß die Unschuld stark ist durch sich selbst!
Lebe wohl, erwarte mich im Wagen vor der Haustür. Ich flüchte mich
in den Schutz deiner Arme, punkt zwei Uhr nach Mitternacht. Dein bis
zum Grabe!