XI.

Atemlos und wie auf Flügeln eilte Herr Goljädkin dem sich seinerseits

gleichfalls sehr beeilenden Ebenbilde nach. Er fühlte in sich eine

außerordentlich große Energie. Und doch, ungeachtet dieser Energie,

schien es Herrn Goljädkin, daß ihn eine kleine Mücke, wenn eine solche

zurzeit in Petersburg gelebt hätte, mit Leichtigkeit mit ihren Flügeln

überholen könnte. Er fühlte, daß er vor Schwäche förmlich zusammensank,

daß ihn nur eine ganz fremde Kraft weitertrug, daß er selbst nicht mehr

gehen konnte und seine Füße den Dienst versagten. Konnte sich alles das

überhaupt noch zum besten wenden? „Zum besten oder nicht zum besten,“

dachte Herr Goljädkin, atemlos vom Laufen, „daß die Sache ... doch

verspielt ist ... darüber besteht jetzt nicht mehr der kleinste Zweifel

... daß ich vollständig verloren bin, das ist ja bekannt ... beschlossen

... entschieden und unterschrieben!“

Aber ungeachtet dessen war unser Held doch wie von den Toten

auferstanden, es war, als hätte er eine Schlacht gewonnen und einen

großen Sieg erfochten, als es ihm endlich gelang, seinen Feind, der

soeben im Begriff war, seinen Fuß auf den Tritt eines Wagens zu setzen,

am Mantel zu packen.

„Geehrter Herr! Geehrter Herr!“ rief Herr Goljädkin dem Jüngeren zu,

froh, daß er ihn doch noch erwischt ... „Geehrter Herr, ich hoffe, daß

Sie ...“

Aber: „Nein, hoffen Sie schon bitte lieber nichts,“ antwortete ablehnend

der gefühllose Feind Herrn Goljädkins, während er sich zugleich aus

allen Kräften bemühte, mit dem anderen Fuß in den Wagen zu gelangen und

seinen Mantel aus den Händen Herrn Goljädkins zu befreien, – denselben

Mantel, an den sich Herr Goljädkin seinerseits mit allen ihm von Natur

zu Gebote stehenden Kräften geklammert hielt.

„Jakoff Petrowitsch! Nur zehn Minuten ...“

„Entschuldigen Sie, ich habe keine Zeit.“

„Sehen Sie doch selbst ein, Jakoff Petrowitsch ... bitte, Jakoff

Petrowitsch ... Um Christi willen, Jakoff Petrowitsch ... Sehen Sie doch

ein ... daß ich mich mit Ihnen aussprechen muß ... gleich auf dem Fuße

... in einer Sekunde, Jakoff Petrowitsch! ...“

„Mein Lieber, ich habe keine Zeit,“ erwiderte der lügnerische Feind

Herrn Goljädkins in einem unehrerbietig-familiären Tone und mit

erheuchelter Güte. „Zu einer anderen Zeit, glauben Sie mir, von ganzer

Seele und aus vollem Herzen; aber jetzt – jetzt ist es wirklich

unmöglich ...“

„Du Schurke!“ dachte unser Held ... Aber: „Jakoff Petrowitsch!“ rief er

kläglich, „Ihr Feind bin ich niemals gewesen. Böse Menschen haben mich

unbilligerweise verleumdet ... Meinerseits bin ich bereit ... Ist es

Ihnen gefällig, Jakoff Petrowitsch, so könnten wir beide zusammen ...

dort in dieses Café gehen und aus vollem Herzen, wie Sie soeben so schön

sagten, und in gerader, edler Offenheit – ... dann wird sich alles von

selbst aufklären. – Ja, Jakoff Petrowitsch! Dann wird sich alles von

selbst aufklären ...“

„Ins Café? Schön. Ich habe nichts dagegen, nur unter einer Bedingung, du

mein besseres Selbst ... unter einer Bedingung – daß sich dort alles von

selbst aufklärt. Das heißt in einer Weise, mein Lieber ...“ Herr

Goljädkin der Jüngere stieg aus dem Wagen und klopfte unserem Helden

unverschämt vertraulich auf die Schulter.

„Freund meiner Seele, für dich, Jakoff Petrowitsch, bin ich bereit,

überall hinzugehen! So ein Schelm, wirklich, er macht mit den Menschen,

was er will!“ fuhr der verlogene Freund Herrn Goljädkins fort, indem er

sich mit leichtem Lächeln tänzelnd um ihn herum drehte.

Das von der Hauptstraße ziemlich weit entfernte Café, wohin die beiden

Herren gingen, war in diesem Augenblicke vollkommen leer. Eine dicke

Deutsche erschien hinter dem Ladentisch, als beim Eintritt die Türglocke

ertönte. Herr Goljädkin ging mit seinem unwürdigen Freunde in das zweite

Zimmer, wo ein glattgekämmter Kellner sich eben bemühte, das erloschene

Feuer im Ofen wieder anzufachen. Auf Wunsch des Herrn Goljädkin des

Jüngeren wurde Schokolade gebracht.

„Ein unvergleichliches Weibchen!“ bemerkte Herr Goljädkin der Jüngere,

indem er Herrn Goljädkin dem Älteren schalkhaft zulächelte.

Unser Held errötete und schwieg.

„Ach, ja, ich habe vergessen, entschuldigen Sie, ich kenne Ihren

Geschmack. Wir, mein Herr, haben eine Vorliebe für schlanke Deutsche.

Wir, Jakoff Petrowitsch, redliche Seele, wir ziehen Schlanke vor, wenn

sie noch nicht aller Vorzüge bar sind. Wir nehmen bei ihnen unsere

Wohnung, verderben ihre Sittlichkeit, schenken ihnen ob der Bier- und

Milchsuppen, die sie kochen, unser Herz und geben ihnen schriftliche

Versprechen ... das ist’s, was wir tun, du Faublas, du Verführer!“

Auf diese Weise machte Herr Goljädkin eine sehr unnütze und boshaft

schlaue Anspielung auf eine bekannte Person weiblichen Geschlechts,

lächelte unserem Helden dabei unter dem Anschein der Liebenswürdigkeit

zu und trug eine erlogene Freude über das Zusammentreffen mit ihm zur

Schau. Als er aber bemerkte, daß Herr Goljädkin der Ältere durchaus

nicht so dumm und unerfahren war, um alles hinzunehmen, beschloß er,

seine Taktik zu ändern und sich noch rücksichtsloser zu geben.

Und nun zeigte sich die ganze Abscheulichkeit des falschen Herrn

Goljädkin, der mit wahrhaft empörender Unverschämtheit und

Vertraulichkeit dem biederen und wahren Herrn Goljädkin auf die Schulter

klopfte und, nicht genug damit, ihn auf eine unpassende, in anständiger

Gesellschaft ganz ungewohnte Weise und nur, um seine Abscheulichkeit

noch zu übertrumpfen, ohne auf den Widerstand des empörten Herrn

Goljädkin zu achten, einfach in die Backe kniff. Beim Anblick dieser

Verworfenheit verstummte, innerlich rasend, unser Held ... fürs erste

wenigstens.

„Das ist die Sprache meiner Feinde,“ sagte er schließlich, nachdem er

sich vernünftigerweise bezähmt hatte, mit zitternder Stimme. Im selben

Augenblick sah unser Held aber unruhig nach der Tür. Herr Goljädkin der

Jüngere war offenbar so vorzüglicher Laune und bereit zu allerlei

weiteren kleinen Scherzen, wie sie an öffentlichen Orten unerlaubt und

überhaupt in der höheren Gesellschaft nicht zum guten, sondern zum sehr

schlechten Ton gehören.

„Nun, in diesem Falle, wie Sie wollen,“ erwiderte Herr Goljädkin der

Jüngere ernsthaft Herrn Goljädkin dem Älteren und setzte seine mit

unanständiger Gier geleerte Tasse auf den Tisch. „Ich habe Sie lange

nicht mehr gesehen, übrigens ... wie leben Sie denn jetzt, Jakoff

Petrowitsch?“

„Ich kann Ihnen nur eines sagen, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete ihm

kaltblütig und mit Würde unser Held, „Ihr Feind bin ich niemals

gewesen.“

„Hm ... nun, aber Petruschka? Petruschka heißt er doch ... nun ja, wie

geht es ihm? Gut? Ganz wie früher?“

„Ja, ganz wie früher, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete ein wenig erstaunt

Herr Goljädkin der Ältere. „Ich verstehe Sie nicht, Jakoff Petrowitsch

... ich, meinerseits ... aufrichtig und anständig wie ich bin, Jakoff

Petrowitsch ... sagen Sie selbst, Jakoff Petrowitsch ...“

„Ja, aber Sie wissen doch, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete mit leiser

und wehmütiger Stimme Herr Goljädkin der Jüngere, um auf diese Weise

Reue und Bedauern vorzutäuschen, „Sie wissen doch selbst, in unserer

Zeit ist es schwer ... Ich verlasse mich auf Sie, Jakoff Petrowitsch,

Sie sind ja ein kluger Mensch, urteilen Sie doch selbst,“ sagte Herr

Goljädkin der Jüngere, um unserem Helden in seiner gemeinen Art zu

schmeicheln. „Das Leben ist kein Spiel, das wissen Sie doch, Jakoff

Petrowitsch,“ schloß wieder vielsagend Herr Goljädkin der Jüngere und

stellte sich auf diese Weise als klugen und gelehrten Menschen hin, der

über hohe Dinge zu urteilen verstand.

„Meinerseits, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete unser Held voll Bewegung,

„meinerseits verachte ich jeden Nebenweg und ich gestehe aufrichtig und

geradeaus ... und stelle die ganze Sache damit auf einen anständigen

Grund und Boden ... und kann offen und ehrlich behaupten, Jakoff

Petrowitsch ... daß mein Gewissen vollkommen rein ist! Sie wissen

selbst, Jakoff Petrowitsch, die gegenseitige Verirrung ... vielleicht

nur ein Mißverständnis ... alles ist möglich – das Urteil der Welt und

die Meinung der blinden Masse ... Ich sage es aufrichtig, Jakoff

Petrowitsch, alles ist möglich! Und ich sage noch mehr, Jakoff

Petrowitsch ... wenn man so urteilt, wenn man von einem edlen und hohen

Standpunkt aus auf diese Sache sieht, und ohne falsche Scham, Jakoff

Petrowitsch ... es ist mir sogar angenehm zu bekennen, daß ich auf

Irrwege geraten war, ja, es ist mir sogar angenehm, das einzugestehen.

Sie können sich das doch selbst sagen, Sie sind doch ein kluger Mann und

obendrein edel. Ohne Scham, ohne falsche Scham, bin ich bereit, dies

einzugestehen ...“ so schloß unser Held würdevoll.

„Das ist Schicksal, Verhängnis, Jakoff Petrowitsch ... doch lassen wir

das alles,“ sagte mit einem Seufzer Herr Goljädkin der Jüngere.

„Gebrauchen wir lieber die kurzen Minuten unseres Zusammenseins zu einem

nützlicheren und angenehmeren Gespräch, – wie es sich zwischen Kollegen

geziemt ... Es gelang mir in der Tat nicht, in dieser ganzen Zeit zwei

Worte mit Ihnen zu reden. Daran bin ich nicht schuld, Jakoff

Petrowitsch!“

„Ich auch nicht, Jakoff Petrowitsch,“ unterbrach ihn freudig unser Held

– „ich auch nicht. Mein Herz sagt mir, Jakoff Petrowitsch, daß ich in

allen diesen Dingen nicht schuld bin. In diesem Fall wollen wir das

Schicksal anklagen, Jakoff Petrowitsch,“ fügte Herr Goljädkin der Ältere

in versöhnlichem Tone hinzu. Seine Stimme wurde nach und nach schwächer

und zitterte.

„Nun, wie steht es denn im allgemeinen mit Ihrer Gesundheit?“ fragte der

Verworfene mit süßer Stimme.

„Ich huste ein wenig,“ antwortete noch süßer unser Held.

„Nehmen Sie sich in acht. Jetzt gibt es so böse Winde, man kann sich

sehr leicht eine Lungenentzündung holen, ich gestehe Ihnen, daß ich mich

allmählich daran gewöhne, unter allen meinen Kleidungsstücken noch

Flanell zu tragen.“

„Es ist wahr, Jakoff Petrowitsch, man sollte sich lieber keine

Lungenentzündung holen ... Jakoff Petrowitsch!“ stieß nach kurzem

Schweigen unser Held hervor, „Jakoff Petrowitsch! Ich sehe, daß ich mich

geirrt habe ... Ich denke mit Rührung an die glücklichen Augenblicke,

die uns vergönnt waren, zusammen zu verbringen, unter meinem armen, aber

ich kann wohl sagen, unter meinem gastfreundlichen Dach.“

„In Ihrem Brief haben Sie sich nicht so ausgedrückt,“ bemerkte halb

vorwurfsvoll, aber mit vollem Recht und der Wahrheit entsprechend (wenn

auch nur in diesem einen Fall) Herr Goljädkin der Jüngere.

„Jakoff Petrowitsch! Ich irrte mich ... Ich sehe es jetzt ganz deutlich,

daß ich mich in dem unglücklichen Brief geirrt habe. Jakoff Petrowitsch,

es ist mir peinlich, Sie anzusehen, Jakoff Petrowitsch, glauben Sie es

mir ... Geben Sie mir den Brief zurück, damit ich ihn vor Ihren Augen

zerreißen kann, Jakoff Petrowitsch, oder, wenn das nicht mehr möglich

ist, dann lesen Sie ihn umgekehrt – ich meine, ganz und gar im

umgekehrten Sinne, das heißt, in freundschaftlicher Absicht, indem Sie

allen Worten in meinem Brief den umgekehrten Sinn beilegen. Ich habe

mich geirrt ... Verzeihen Sie mir, Jakoff Petrowitsch, ich habe mich

ganz und gar geirrt, Jakoff Petrowitsch.“

„Was sagen Sie?“ fragte zerstreut und gleichgültig der treulose Freund

Herrn Goljädkins des Älteren.

„Ich sagte, daß ich mich ganz und gar geirrt habe, Jakoff Petrowitsch,

und daß ich meinerseits ganz ohne falsche Scham ...“

„Ah! Nun gut, das ist sehr gut, daß Sie sich geirrt haben,“ antwortete

ihm grob Herr Goljädkin der Jüngere.

„Ich hatte sogar, Jakoff Petrowitsch, die Idee,“ fügte unser Held in

seiner anständigen Weise offenherzig hinzu, ohne die Falschheit seines

verlogenen Freundes zu bemerken, „ich hatte sogar die Idee, daß hier

zwei ganz ähnliche ...“

„Ah, das ist Ihre Idee! ...“

Hier stand der durch seine Ruchlosigkeit bekannte Herr Goljädkin der

Jüngere auf und griff nach seinem Hut. Ohne die schlechte Absicht zu

bemerken, erhob sich auch Herr Goljädkin der Ältere, mit gutmütigem

Lächeln seinen Pseudofreund ansehend, und in seiner Unschuld bemühte er

sich noch weiter, ihm zu schmeicheln und ihn für die neue Freundschaft

zu gewinnen ...

„Leben Sie wohl, Ew. Exzellenz!“ rief plötzlich Herr Goljädkin der

Jüngere. Unser Freund zuckte zusammen und bemerkte im Gesicht seines

Freundes etwas Satanisches und nur um ihn los zu werden, legte er in die

ausgestreckte Hand des Verruchten zwei Finger seiner Hand. Nun aber ...

nun überstieg die Schamlosigkeit Herrn Goljädkins des Jüngeren alle

Grenzen und erschöpfte das Maß menschlicher Geduld, das man haben

konnte. Nachdem er die zwei Finger Herrn Goljädkins des Älteren gedrückt

hatte, wiederholte der Unwürdige –: wahrhaftig, er tat es – vor den

Augen des Herrn Goljädkin seinen schamlosen Scherz von heute morgen ...

Herr Goljädkin der Jüngere hatte bereits sein Taschentuch wieder

eingesteckt, mit dem er seine Finger abgewischt, als Herr Goljädkin der

Ältere erst zu sich kam und dem anderen ins Nebenzimmer nachstürzte,

wohin sich sein unversöhnlicher Feind nach seiner schändlichen

Gewohnheit verkrochen hatte. Als ob nichts geschehen wäre, stand er vor

dem Büfett und aß Kuchen, während er ganz ruhig, wie ein rechter

Lebemann der Dame am Büfett den Hof machte.

„In Gegenwart von Damen ist es nicht erlaubt,“ dachte unser Held und

ging gleichfalls ans Büfett, ganz besinnungslos vor Aufregung.

„Nicht wahr, das Weibchen ist nicht übel! Wie denken Sie darüber?“

begann von neuem Herr Goljädkin _junior_ mit seinen unpassenden

Bemerkungen, denn er rechnete offenbar mit der unendlichen Geduld Herrn

Goljädkins. Die dicke Deutsche ihrerseits sah auf ihre beiden Gäste mit

blöden Augen, da sie wohl die russische Sprache nicht verstand, und

lächelte nur zuvorkommend.

Bei den schamlosen Worten Herrn Goljädkins des Jüngeren sprang unser

Held auf, und unfähig, sich noch länger zu beherrschen, stürzte er sich

endlich auf ihn, um ihn zu zerreißen und um ein Ende mit ihm – mit allem

zu machen. Doch Herr Goljädkin der Jüngere war nach seiner üblen

Gewohnheit schon längst auf und davon und befand sich bereits auf der

Treppe. Aber auch Herr Goljädkin der Ältere raffte sich auf und folgte,

so schnell als möglich, seinem Beleidiger, der sich in eine Droschke

setzte, die offenbar auf ihn gewartet hatte, und deren Kutscher wohl mit

ihm in Einvernehmen stand. Als die Dame am Büfett die Flucht ihrer

beiden Gäste bemerkte, schrie sie auf und klingelte aus aller Kraft mit

der Glocke. Unser Held wandte sich rasch um, warf ihr Geld hin, für sich

und den schamlosen Menschen, der natürlich wieder nicht bezahlt hatte,

verlangte auch nichts zurück, raste nur hinaus, und ungeachtet dieser

Verzögerung gelang es ihm noch, seinen Feind zu ergreifen.

Unser Held klammerte sich mit allen ihm von Natur zur Gebote stehenden

Kräften an die Droschke und lief einige Straßen lang mit ihr, bis es ihm

schließlich gelang, in die Droschke hineinzuklettern, die Herr Goljädkin

der Jüngere freilich aus allen Kräften verteidigte. Der Kutscher

bearbeitete unterdessen seinen alten Gaul, der seiner schlechten

Gewohnheit nach sofort in einen Galopp verfiel und bei jedem dritten

Schritt mit den Hinterbeinen ausschlug, mit der Knute, mit den Zügeln,

und selbst mit den Füßen.

Endlich hatte sich unser Held die Droschke erobert. Er stemmte sich mit

dem Rücken an den Kutscher, war also mit dem Gesicht und Knie an Knie

seinem Feinde zugewandt. Mit der rechten Hand hielt er den schäbigen

Pelzkragen seines Feindes gepackt.

So fuhren die beiden Feinde eine Zeitlang schweigend dahin. Unser Held

wagte kaum zu atmen, der Weg war erbärmlich und bei jedem Schritt wankte

er hin und her und war in ständiger Gefahr, sich den Hals zu brechen.

Dazu wollte sein erbitterter Feind sich ihm immer noch nicht ergeben,

mühte sich vielmehr, seinen Gegner in den Schmutz hinauszuwerfen. Das

Wetter war, was zu allen Unannehmlichkeiten noch hinzukam, geradezu

entsetzlich. Der Schnee fiel in dicken nassen Flocken, die in den

offenen Mantel des wirklichen Herrn Goljädkin eindrangen. Ringsum war es

dunkel und man konnte kaum die Hand vor den Augen sehen. Es war daher

schwer zu erraten, wohin und durch welche Straßen sie fuhren ... Herrn

Goljädkin schien es dabei, als erlebte er etwas, das ihm bereits längst

bekannt war. Einen Augenblick suchte er sich zu vergewissern, und dachte

nach, ob er nicht gestern abend schon etwas Ähnliches – geahnt hatte –

... im Traum –? Endlich erreichte sein Zustand die äußerste Grenze.

Schreiend wollte er sich auf seinen Gegner stürzen. Doch der Schrei

erstarb auf seinen Lippen. Es gab einen Augenblick, in dem Herr

Goljädkin alles zu vergessen schien und überzeugt war, daß das ganze gar

nichts bedeute, sondern nur so, nur so irgendwie, auf unerklärliche

Weise geschehen sei, und daß es in dem Falle eine ganz verlorene Sache

wäre, dagegen anzukämpfen.

Doch plötzlich und fast im selben Augenblick, als unser Held zu diesem

Schluß kam, veränderte ein unvorsichtiger Stoß die Lage der Dinge. Herr

Goljädkin fiel wie ein Mehlsack aus der Droschke und erkannte während

des Falles ganz vernünftiger Weise, daß er sich wirklich ganz zur

unrechten Zeit erhitzt hatte. Als er wieder aufgesprungen war, sah er,

daß sie irgendwo angelangt waren: die Droschke stand auf einem Hof, und

Herr Goljädkin sah auf den ersten Blick, daß es der Hof des Hauses war,

in dem – Olssuph Iwanowitsch wohnte. In demselben Augenblick bemerkte

er, daß sich sein Freund bereits auf der Treppe zu Olssuph Iwanowitsch

befand.

In seiner Not und Verzweiflung wollte er schon seinem Feinde nachjagen,

doch zu seinem Glück bedachte er sich noch beizeiten. Er vergaß nicht,

den Kutscher zu bezahlen, trat auf die Straße hinaus und lief so schnell

er konnte und wohin ihn seine Füße trugen. Es schneite wie vorhin und es

war feucht und dunkel. Unser Held ging nicht, sondern flog, und warf

alle und alles auf seinem Wege um – Männer, Weiber und Kinder, und

stolperte selbst über die Männer, Weiber und Kinder, die er umgeworfen

hatte. Um ihn und hinter ihm her hörte man erschreckte Stimmen ... hörte

schreien, rufen ... Doch Herr Goljädkin, schien es, war nicht bei

Besinnung und schenkte alledem nicht die geringste Aufmerksamkeit ... Er

kam erst zu sich, als er sich bei der Ssemjonoffbrücke befand und da

auch nur dank dem Umstande, daß es ihm gelungen war, zwei Weiber, die

Eßwaren trugen, umzurennen und dabei selbst zu Fall zu kommen.

„Das tut nichts,“ dachte Herr Goljädkin, „alles das kann sich noch zum

besten wenden!“ Er griff in die Tasche, um die Weiber mit einem Rubel

für die rings verstreuten Kringel, Äpfel, Nüsse usw. zu entschädigen.

Plötzlich wurde Herr Goljädkin von einem neuen Licht erleuchtet: in der

Tasche fand er den Brief, den ihm der Schreiber am Morgen überreicht

hatte. Er erinnerte sich unter anderem, daß sich hier, nicht weit

entfernt, ein bekanntes Gasthaus befand, und so lief er denn, ohne Zeit

zu verlieren, sofort dahin, setzte sich an einen mit einem Talglicht

erleuchteten Tisch, schenkte niemandem und nichts seine Aufmerksamkeit,

hörte den Kellner nicht, der ihn nach seinen Wünschen fragte, zerbrach

das Siegel und begann den folgenden Brief zu lesen, der ihn nun

allerdings vollständig fassungslos machte:

„Edler, für mich leidender und auf ewig meinem Herzen teurer Mann!

Ich leide, ich gehe zugrunde – rette mich! Der Verleumder, der

Intrigant und durch seine Nichtswürdigkeit bekannte Mensch hat mich

mit seinen Netzen umstrickt und mich zugrunde gerichtet. Ich fiel! –

Doch er ist mir zuwider, aber du! ... Man hat uns voneinander

gerissen, meine Briefe an dich gestohlen – und alles das tat der

Unwürdige, indem er sich seiner besten Eigenschaft bediente – der

Ähnlichkeit mit dir. Jedenfalls kann man schlecht sein und dennoch

durch Geist, Gefühl und angenehme Manieren entzücken ...

Ich gehe zugrunde! Man wird mich mit Gewalt verheiraten, und am

meisten intrigiert dafür mein Vater und Wohltäter, Staatsrat Olssuph

Iwanowitsch, der die Rolle, die ich im Hause und in der höheren

Gesellschaft spiele, für sich in Anspruch nehmen will ...

Aber ich bin entschlossen und widersetze mich, mit allen mir von der

Natur geliehenen Mitteln. Erwarte mich heute im Wagen um neun Uhr

vor den Fenstern unserer Wohnung. Bei uns ist wieder Ball und der

schöne Leutnant wird da sein. Ich werde herauskommen und wir fliehen

dann. Gibt es doch auch noch andere Beamtenstellen, in denen man

seinem Vaterlande dienen kann. Jedenfalls, denke daran, mein Freund,

daß die Unschuld stark ist durch sich selbst!

Lebe wohl, erwarte mich im Wagen vor der Haustür. Ich flüchte mich

in den Schutz deiner Arme, punkt zwei Uhr nach Mitternacht. Dein bis

zum Grabe!

Sämtliche Werke 14 · 第 96 / 102 题