Unser Held rieb sich energisch die Hände, als er dieses Schreiben
beendet hatte. Dann zog er sich den Mantel an, setzte den Hut auf,
öffnete mit einem zweiten Schlüssel die Tür und begab sich in die
Kanzlei. Er ging auch bis zum Departementsgebäude, konnte sich aber
nicht entschließen hinein zu gehen, denn es war wirklich schon zu spät.
Die Uhr des Herrn Goljädkin zeigte halb drei. Plötzlich erregte ein
scheinbar sehr nebensächlicher Umstand einiges Bedenken bei Herrn
Goljädkin. Aus einer Ecke des Gebäudes tauchte nämlich mit einem Male
eine erhitzte und keuchende Figur auf, schlich sich verstohlen auf die
Treppe und von dort in den Vorraum. Es war der Schreiber Ostaffjeff, ein
Mensch, der Herrn Goljädkin genau bekannt, ein Mensch, der zuweilen für
einige zehn Kopekenstücke zu allem bereit war. Da Herr Goljädkin die
schwache Seite Ostaffjeffs kannte und richtig vermutete, daß er, der
offenbar gerade aus einer benachbarten Kneipe kam, wahrscheinlich mehr
denn je Verlangen nach Kopeken empfand, so entschloß sich unser Held,
diese nicht zu sparen. Er ging sofort auf die Treppe und folgte
Ostaffjeff in den Vorraum, rief ihn an und forderte ihn geheimnisvoll
auf, mit ihm zur Seite zu treten, in ein verstohlenes Winkelchen hinter
einem großen eisernen Ofen. Nachdem er ihn dahin geführt hatte, begann
unser Held ihn auszufragen.
„Nun, wie mein Freund, wie ist’s damit ... Du verstehst mich doch? ...“
„Ich höre, Ew. Wohlgeboren und wünsche Ew. Wohlgeboren Gesundheit.“
„Gut, mein Lieber, schon gut; ich danke dir, mein Lieber. Nun, aber, wie
steht es denn, mein Lieber?“
„Wonach geruhen Sie zu fragen?“ Ostaffjeff hielt dabei die Hand vor den
Mund.
„Nun sieh, mein Lieber, ich spreche davon ... Du brauchst aber nun nicht
etwa zu denken ... Sage, ist Andrej Philippowitsch hier? ...“
„Er ist hier.“
„Und die Beamten sind auch hier?“
„Und die Beamten auch, wie es sich gehört.“
„Und Seine Exzellenz gleichfalls?“
„Und auch Seine Exzellenz.“ Wieder legte der Schreiber seine Hand vor
den Mund und blickte neugierig und verwundert Herrn Goljädkin an.
Wenigstens schien es unserem Helden so.
„Und es ist nichts Besonderes vorgefallen, mein Lieber?“
„Nein, gar nichts, gar nichts.“
„Und von mir, mein Lieber, ist da nicht dort so ... irgendwas von mir zu
hören gewesen? ... Wie? Nur so, mein Freund, verstehst du?“
„Nein, es ist bis jetzt nichts zu hören gewesen,“ wieder legte der
Schreiber seine Hand vor den Mund und sah Herrn Goljädkin sehr sonderbar
an. Unser Held versuchte jetzt aus dem Gesicht Ostaffjeffs
herauszulesen, ob er etwas vor ihm verheimliche. Und wirklich schien in
ihm etwas vor sich zu gehen. Ostaffjeff wurde nämlich immer trockener,
fast unhöflich und zeigte für Herrn Goljädkin lange nicht mehr soviel
Teilnahme, wie zu Anfang des Gespräches. „Er ist auf gewisse Weise in
seinem Recht,“ dachte Herr Goljädkin, „was gehe ich ihn eigentlich an?
Vielleicht hat er auch schon von anderer Seite ein Geschenk empfangen?
Vielleicht kommt er gerade ... und ich treffe ihn, weil – Aber auch ich
werde ihm ...“ Herr Goljädkin begriff, daß die Zeit für das Trinkgeld
gekommen war.
„Hier, mein Lieber ...“
„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“
„Ich werde dir noch mehr geben.“
„Schön, Ew. Wohlgeboren.“
„Jetzt, sofort werde ich dir noch mehr geben, und wenn die Sache
beendigt ist, gebe ich dir noch einmal soviel. Verstehst du?“
Der Schreiber schwieg, er stand kerzengerade vor Herrn Goljädkin und sah
ihn unbeweglich an.
„Nun, jetzt sprich: ist etwas über mich zu hören? ...“
„Es scheint, daß bis jetzt noch ... davon ... nichts, bis jetzt
wenigstens.“ Ostaffjeff antwortete in Pausen und ganz wie Herr
Goljädkin, nahm auch er eine geheimnisvolle Miene an, zog die
Augenbrauen hoch, sah zur Erde, versuchte den richtigen Ton zu treffen,
kurz, tat alles, um auch noch das Versprochene zu verdienen, denn das
Erhaltene sah er bereits für etwas endgültig von ihm Erworbenes an.
„Also, es ist noch nichts bekannt? ...“
„Bis jetzt noch nichts.“
„Doch höre, ... es wird vielleicht ... noch bekannt werden? ...“
„Versteht sich, späterhin wird es vielleicht bekannt werden.“
„Schlimm!“ dachte unser Held. „Höre: hier hast du noch, mein Freund.“
„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“
„War Wachramejeff gestern hier? ...“
„Ja, er war hier.“
„War nicht sonst noch jemand hier? Denke mal nach, mein Lieber!“
Der Schreiber suchte einen Augenblick in seinen Erinnerungen: offenbar
fiel ihm nichts ein.
„Nein, es war sonst niemand hier.“
„Hm!“ Es folgte ein Schweigen.
„Höre, Lieber, noch eins: sage mir alles was du weißt.“
„Zu Befehl.“
„Sage mir, Lieber, wie ist er angeschrieben?“
„So ... gut ... –“ antwortete der Schreiber und sah mit großen Augen auf
Herrn Goljädkin.
„Wie das, ... gut –?“
„Das heißt, so ...“ Ostaffjeff zog die Augenbrauen noch bedeutend höher.
Er stand dumm da und wußte entschieden nicht, was er antworten sollte.
„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Weiß man sonst etwas über
Wachramejeff?“
„Ja, alles ganz wie früher.“
„Denke mal nach.“
„Ja, man sagt ...“
„Nun, was denn? ...“
Ostaffjeff bedeckte mit der Hand seinen Mund.
„Ist nicht ein Brief von ihm da, an mich?“
„Ja, heute ging der Kanzleidiener Michejeff zu Wachramejeff in die
Wohnung, ging zu einer Deutschen – wenn es nötig ist, kann ich auch
hingehen und fragen?“
„Tu es, sei so gut, mein Lieber, um’s Himmels willen! Das heißt, ich
meine nur so ... Du, mein Lieber, denke dir nichts dabei ... wie gesagt,
ich meine nur so ... Ja, frage nach, mein Lieber, forsche, ob man da
etwas vorbereitet – auf meine Rechnung? Und was er tun wird? Das muß ich
wissen, versuche es zu erfahren, mein Lieber, ich werde dir dafür
danken, mein Lieber ...“
„Zu Befehl, Ew. Wohlgeboren. Ihren Platz nahm heute Iwan Ssemjonowitsch
ein.“
„Iwan Ssemjonowitsch? Ach! Ja! Wirklich!“
„Andrej Philippowitsch befahlen ihm, sich auf Ihren Platz zu begeben.“
„Wirklich? Aus welcher Veranlassung? Versuche es zu erfahren, mein
Lieber; versuche alles zu erfahren – und ich werde dir danken, mein
Lieber, das ist es ja, was ich nötig habe und wissen muß ... Du aber,
glaube nur ja nicht, mein Lieber ...“
„Verstehe, verstehe, ich gehe sogleich –. Und Sie, Ew. Wohlgeboren, Sie
gehen heute nicht hin?“
„Nein, mein Lieber, ich bin nur so ... ich bin nur so gekommen, um zu
sehn, mein Lieber – ich würde dir aber dankbar sein, mein Lieber ...“
„Zu Befehl.“ Der Schreiber lief schnell und eilig die Treppe hinauf und
Herr Goljädkin blieb allein.
„Schlimm!“ dachte er. „Ach, schlimm, schlimm! Ach, sehr schlimm steht
jetzt unsere Sache! Was hatte das alles zu bedeuten? Was bedeuteten
einige Anspielungen dieses Kerls, und von wem gehen sie aus? Ah! Jetzt
weiß ich’s. Sie haben die Sache erfahren und ihn infolgedessen
hingesetzt. Übrigens, was ... hingesetzt? Dieser Andrej Philippowitsch
hat Iwan Ssemjonowitsch befohlen, sich hinzusetzen, doch warum hat er
ihn hingesetzt, zu welchem Zweck hat er ihn hingesetzt? Wahrscheinlich
haben sie erfahren ... Dieser Wachramejeff intrigiert, das heißt, nicht
Wachramejeff, er ist so dumm, wie ein Stück Holz, dieser Wachramejeff!
Sie machen das alles für ihn und haben diesen Halunken nun hingesetzt.
Oh, die Deutsche hat sie bestochen, die Einäugige! Ich hatte immer den
Verdacht, daß diese Intrige nicht so einfach ist, und daß hinter diesem
Altweiberklatsch etwas steckt ... Dasselbe habe ich auch Krestjan
Iwanowitsch gesagt, daß sie sich geschworen haben, im moralischen Sinne
einen Menschen zu morden – und da bedienen sie sich denn Karolina
Iwanownas. Nein, hier sind Meister an der Arbeit, das sieht man! Hier,
mein Herr, erkennt man eine Meisterhand und nicht die Wachramejeffs. Wie
gesagt, dieser Wachramejeff ist dumm, doch ich weiß, wer für sie alle
jetzt arbeitet: dieser Schurke ist es, dieser Usurpator meines Namens
ist es! An ihm allein hängt alles, was ja auch zum Teil seine Erfolge in
der Gesellschaft bewiesen haben. Es wäre wirklich wünschenswert, zu
wissen, auf welchem Fuße er jetzt ... was er dort bei ihnen gilt?
Doch wozu haben sie diesen Iwan Ssemjonowitsch genommen? Zum Teufel,
wozu hatten sie denn den nötig? Ganz als ob sich kein anderer finden
ließe. Übrigens, wen sie auch dahin gesetzt hätten, es wäre doch immer
dasselbe gewesen! Das einzige, was ich weiß, ist, daß mir dieser Iwan
Ssemjonowitsch schon längst verdächtig vorkam: so ein alter widerlicher
Kerl! Man sagt, er leihe Geld aus und nehme Wucherzinsen. Doch das macht
ja alles der Bär, in alle diese Sachen hat sich der Bär eingemischt. Das
fing so an, bei der Ismailoffbrücke fing es an: so war es ...“
Hierbei verzog Herr Goljädkin gar schrecklich sein Gesicht, ganz, als
hätte er in eine Zitrone gebissen – jedenfalls dachte er an etwas für
ihn sehr Unangenehmes.
„Nun, tut nichts, und übrigens!“ dachte er, „ich werde schon für mich
stehen ... Warum kommt denn der Ostaffjeff nicht? Wahrscheinlich haben
sie ihn dort aufgehalten! Es ist zum Teil gut, daß ich so intrigiere und
auch meinerseits Schlingen lege. Ostaffjeff brauche ich nur ein
Trinkgeld zu geben und so habe ich ihn – auf meiner Seite. Vielleicht
tun sie das auch ihrerseits und intrigieren ihrerseits durch ihn gegen
mich? Denn der Schurke sieht aus wie ein Räuber, der reine Räuber! Er
verheimlicht alles, der Schuft! ‚Nein, nichts,‘ sagt er, ‚ich danke, Ew.
Wohlgeboren,‘ sagt er. Solch ein Räuber!“
Man hörte ein Geräusch ... Herr Goljädkin kroch ganz in sich zusammen
und sprang hinter den Ofen. Jemand kam die Treppe herunter und ging auf
die Straße.
„Wer kann da jetzt weggegangen sein?“ dachte Herr Goljädkin bei sich.
Nach einer Weile hörte man wieder Schritte ... Jetzt konnte es Herr
Goljädkin nicht mehr aushalten, er streckte ein wenig seine Nase aus dem
Versteck heraus, zog sie aber schnell wieder zurück, als wäre sie ihm
mit einer Nadel gestochen worden. Dieses Mal konnte man sich ja denken,
wer da kam, ... der Schuft, der Intrigant und Verderber selbst ... Er
ging vorüber, wie gewöhnlich, mit seinen gemeinen, kleinen Schrittchen,
und warf seine Beinchen aus, ganz als wolle er jemandem ein Bein
stellen.
„Schurke!“ murmelte unser Held vor sich hin. Übrigens konnte es Herrn
Goljädkin nicht entgehen, daß der Schurke unter dem Arm eine große grüne
Mappe trug, die Seiner Exzellenz gehörte.
„Also wieder in besonderen Aufträgen,“ dachte Herr Goljädkin, verkroch
sich noch mehr und wurde rot vor Ärger. Kaum war Herr Goljädkin der
Jüngere an Herrn Goljädkin dem Älteren vorübergegangen, ohne ihn zu
bemerken, als man zum dritten Male Schritte hörte: wie Herr Goljädkin
sich gedacht, waren es die Schritte eines Schreibers. Wirklich: es war
das glänzende Gesicht eines Schreibers, das zu ihm hinter den Ofen sah:
nur war es nicht das Gesicht Ostaffjeffs, sondern das eines anderen
Schreibers, Pissarenko genannt. Das setzte Herrn Goljädkin in Erstaunen.
„Warum hat er andere in das Geheimnis eingeweiht?“ dachte unser Held.
„Ach, diese Schurken – alle! Es gibt nichts Heiliges für sie!“
„Nun, mein Lieber?“ sagte er zu Pissarenko gewandt. „Von wem kommst du,
mein Lieber? ...“
„In Ihrer Sache gibt es noch nichts Neues, gar keine Nachrichten, wenn
was kommen sollte, so werde ich es Ihnen überbringen.“
„Und Ostaffjeff?“
„Der, Ew. Wohlgeboren, kann jetzt nicht abkommen. Seine Exzellenz ist
schon zweimal durch unsere Abteilung gekommen, und auch ich habe keine
Zeit.“
„Danke dir, mein Lieber, danke dir ... Aber du sagst mir doch ...“
„Bei Gott, ich habe keine Zeit ... Jeden Augenblick werden wir gerufen
... Aber belieben Sie hier noch stehen zu bleiben, wenn etwas in betreff
Ihrer Sache geschieht, so werden wir Sie benachrichtigen. –“
„Warte, warte, mein Lieber! Sofort mein Lieber! ... Hier, nimm diesen
Brief, mein Lieber, ich werde dir danken, mein Freund.“
„Gut!“
„Gib ihn ab, mein Lieber, gib ihn Herrn Goljädkin.“
„Goljädkin?“
„Ja, mein Lieber, Herrn Goljädkin.“
„Schön! Ich werde ihn geben, sobald ich Zeit finde. Sie aber bleiben
hier inzwischen stehen. Hier wird Sie niemand sehen ...“
„Nein, mein Lieber, du mußt nicht denken ... daß ich hier stehe, damit
mich niemand sieht. Ich, mein Freund, werde nicht mehr hier ... ich
werde dort in der Nebenstraße warten. Dort ist ein Kaffeehaus, dort
werde ich warten, und wenn etwas passiert, wirst du mich
benachrichtigen, verstehst du?“
„Schön. Gehen Sie nur, ich verstehe ...“
„Ich werde mich dir dankbar erweisen, mein Lieber!“ rief Herr Goljädkin
dem Schreiber nach, der sich endlich von ihm befreit hatte.
„Der Schuft wurde ordentlich grob zuletzt,“ dachte unser Held und
schlich sich hinter dem Ofen hervor. „Dort steckt noch ein Haken ... Das
ist klar ... Zuerst war er so, dann so ... Übrigens, vielleicht mußte er
sich auch wirklich beeilen. Vielleicht haben sie dort viel zu tun. Und
Seine Exzellenz ging zweimal durch ihre Abteilung ... Aus welcher
Veranlassung geschah das wohl? Ach! nun, einerlei! Übrigens, tut nichts
... vielleicht –; nun, wir werden ja sehen ...“
Herr Goljädkin hatte bereits die Tür geöffnet und wollte soeben auf die
Straße hinaustreten, als plötzlich, gerade in dem Augenblick, der Wagen
Seiner Exzellenz rasselnd vorfuhr. Herrn Goljädkin war das kaum erst
bewußt geworden, als auch schon die Tür der Equipage von innen geöffnet
wurde und der in ihr sitzende Herr auf die Treppe hinaussprang. Der
Betreffende aber war niemand anders, als jener Herr Goljädkin der
Jüngere, welcher, wie er selbst gesehen hatte, vor etwa zehn Minuten
weggegangen war. Doch Herr Goljädkin der Ältere erinnerte sich
gleichzeitig, daß die Wohnung der Exzellenz sich in der nächsten Nähe
befand.
„Er war in besonderem Auftrage ...“ dachte sich unser Held. Unterdessen
hatte Herr Goljädkin der Jüngere aus dem Wagen die dicke grüne
Aktenmappe und einige andere Papiere hervorgezogen, gab dem Kutscher
noch einen Befehl, öffnete die Tür, stieß mit ihr beinahe gegen Herrn
Goljädkin den Älteren und – als ob er ihn beleidigen und absichtlich
nicht bemerken wollte – eilte schnell die Treppe zur Kanzlei hinauf.
„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Was hat die Sache doch jetzt für eine
Wendung genommen! Gott, mein Gott!“ Einen Augenblick stand unser Held
unbeweglich da, dann faßte er sich endlich. Ohne lange nachzudenken,
doch unter starkem Herzklopfen, an allen Gliedern zitternd, lief er
gleichfalls die Treppe hinauf, seinem Ebenbilde nach. „Mag es sein, wie
es ist, was geht’s mich an! Ich bin hier Nebensache!“ Im Vorraum nahm er
seinen Hut ab, zog Mantel und Galoschen aus.
Als Herr Goljädkin in das Bureau eintrat, war es bereits halbdunkel.
Weder Andrej Philippowitsch noch Anton Antonowitsch waren anwesend.
Beide befanden sich im Kabinett des Direktors, um Meldungen zu machen.
Der Direktor wiederum war, wie es hieß, von neuem zur Exzellenz geeilt.
Infolge dieser Umstände, und da es bereits, wie gesagt, zu dunkeln
begonnen hatte, auch die Bureauzeit sich ihrem Ende näherte, hatten
die Beamten, vorzugsweise die jüngeren, sich bereits süßer
Beschäftigungslosigkeit ergeben. Sie gingen auf und ab, unterhielten
sich miteinander, balgten sich und lachten. Und einige der
allerjüngsten, die ranglosesten unter den noch ranglosen Beamten, hatten
im stillen, begünstigt durch das allgemeine Geräusch, in einer Ecke am
Fenster, „Schrift oder Adler“ zu spielen begonnen.
Herr Goljädkin, der sich zu benehmen wußte und zudem das lebhafte
Bedürfnis fühlte, sich jemandem anzuschließen, ging auf einen Kollegen
zu, mit dem er sich sonst gut stand, wünschte ihm einen guten Tag usw.
Aber man erwiderte die Höflichkeit des Herrn Goljädkin auf eine seltsame
Weise. Er wurde unangenehm überrascht durch die allgemeine Kälte,
Trockenheit und man kann wohl sagen Strenge des Empfanges. Es reichte
ihm niemand die Hand. Einige sagten einfach „guten Tag“ und wandten sich
ab, andere nickten nur mit dem Kopf, irgend jemand wandte sich einfach
um, als hätte er ihn nicht bemerkt, und einige sogar – und was Herrn
Goljädkin am meisten beleidigte – einige aus der ranglosesten Jugend,
halbe Kinder, die, wie Herr Goljädkin sich ganz richtig ausdrückte, nur
erst „Adler oder Schrift“ zu spielen verstanden und sich im übrigen
umherzutreiben pflegten – umgaben Herrn Goljädkin und gruppierten sich
um ihn, so daß sie ihm beinahe den Durchgang versperrten. Alle blickten
sie ihn mit einer beleidigenden Neugier an.
Das war entschieden ein schlechtes Zeichen! Herr Goljädkin fühlte es und
bereitete sich vernünftigerweise vor, seinerseits nichts zu bemerken.
Plötzlich trat aber ein ganz unerwarteter Umstand ein, der, wie man
sagt, Herrn Goljädkin vollständig vernichtete.
In dem Kreis der jungen, ihn umgebenden Kollegen erschien plötzlich und
gerade für Herrn Goljädkin in dem allerpeinlichsten Augenblick –
erschien Herr Goljädkin der Jüngere, wie immer fröhlich, wie immer mit
einem Lächeln auf den Lippen, wie immer tänzelnd, kurz, wie immer als
der geborene Spaßmacher und Gesellschaftsmensch, der er war, mit
leichter Zunge und leichten Füßen, so wie er stets erschien, so wie er
schon früher, so wie er noch gestern erschienen war, als er so ungelegen
und verhängnisvoll wie nur möglich für Herrn Goljädkin auftauchte.
Schmunzelnd beweglich, mit einem Lächeln, das allen zu sagen schien:
„Guten Abend“, drehte er sich im Kreise der Beamten herum, reichte dem
die Hand, klopfte diesem auf die Schulter; umarmte schnell den dritten,
erklärte dem vierten, mit welchen Aufträgen er für Seine Exzellenz
beschäftigt gewesen sei, wohin er gefahren war, was er getan und was er
mit sich gebracht hatte; den fünften, offenbar seinen besten Freund,
küßte er auf den Mund – kurz, alles geschah genau so, wie es Herrn
Goljädkin dem Älteren geträumt hatte.
Nachdem er genug herumgesprungen war und alle auf seine Art begrüßt und
für sich eingenommen hatte, ob es nun nötig oder unnötig war, hatte er
nur Herrn Goljädkin den Älteren, wohl aus Versehen, noch gar nicht
bemerkt: erst jetzt reichte er ihm die Hand. Und wahrscheinlich –, und
auch nur aus Versehen –, weil er den betrügerischen Herrn Goljädkin den
Jüngeren jetzt erst bemerkte, ergriff unser Held sofort und gierig und
ganz unerwartet dessen Hand und drückte sie auf die allerkräftigste,
freundschaftlichste Weise, drückte sie mit ganz sonderbarer innerer
Bewegung und mit den rührendsten Gefühlen. Es ist schwer zu sagen, ob
unser Held dabei einem plötzlichen Antriebe folgte und durch die eine
Bewegung seines scheinheiligen Feindes verführt wurde – oder ob er in
seiner tiefsten Seele die ganze furchtbare Größe seiner Hilflosigkeit
spürte und erkannte. Denn Tatsache war, daß Herr Goljädkin der Ältere,
bei gesundem Verstande, aus freiem Willen und vor allen Zeugen feierlich
die Hand dessen drückte, den er doch seinen Todfeind nannte.
Aber wie groß war seine Verwunderung, das Entsetzen und die Wut, wie
groß war der Schreck und die Schande Herrn Goljädkin des Älteren, als
sein Verräter und Todfeind, der hinterlistige Herr Goljädkin der
Jüngere, den begangenen Fehler des unschuldigen und treulos verratenen
Menschen bemerkte und gefühllos, schamlos, mitleidslos, gewissenlos, mit
unerhörter Niedertracht und Grobheit, plötzlich seine Hand aus der Hand
Herrn Goljädkins des Älteren riß. Und nicht genug damit, daß er ihm
seine Hand entzog und sie abwischte, als hätte er sie durch etwas
Unreines beschmutzt – er spie auch noch zur Seite und begleitete das mit
einer höchst beleidigenden Gebärde. Und noch nicht genug damit, er zog
auch noch sein Taschentuch heraus und wischte sich auf die unerlaubteste
Weise die Finger ab, dies sich auf einen Augenblick in der Hand des
Herrn Goljädkin befunden hatten.
Nach diesem Verfahren sah sich Herr Goljädkin der Jüngere nach seiner
niederträchtigen Gewohnheit im Kreise um, tat es, damit alle sein
Benehmen bemerken sollten, blickte allen verständnisinnig in die Augen
und bemühte sich offenbar, bei allen einen ungünstigen Eindruck von
Herrn Goljädkin dem Älteren hervorzurufen.
Das Benehmen des widerwärtigen Herrn Goljädkins des Jüngeren schien
jedoch offenbar eher Unwillen bei den Anwesenden hervorzurufen. Sogar
die „Jugend“ bezeugte ihre Unzufriedenheit. Ringsum erhob sich Gespräch
und Murren. Die allgemeine Bewegung konnte Herrn Goljädkin dem Älteren
nicht entgehen. Doch plötzlich – ein rechtzeitiges Wort, ein gelungener
Witz von den Lippen Herrn Goljädkins des Jüngeren – und die letzte
Hoffnung unseres Helden wurde wieder zerstört und die Wage neigte sich
von neuem zugunsten seines Todfeindes.
„Das ist unser russischer Faublas, meine Herren! Erlauben Sie, Ihnen den
jungen Faublas vorzustellen,“ quiekte Herr Goljädkin der Jüngere mit der
ihm eigenen Frechheit – und wies dabei auf den ganz erstarrten echten
Herrn Goljädkin.
„Küssen wir uns, mein Herzchen!“ fuhr er in unerträglicher Familiarität
fort, indem er auf den von ihm verräterisch Betrogenen zutrat. Dieser
nichtswürdige Scherz Herrn Goljädkins des Jüngeren war es, der ein
williges Echo fand, um so mehr, als in ihm eine Anspielung auf einen
Umstand enthalten schien, der augenscheinlich allen bekannt war. Unser
Held fühlte die Arme seines Feindes auf seinen Schultern lasten. Doch er
hatte sich schon gefaßt. Mit glühenden Blicken, mit bleichem Gesicht und
einem starren Lächeln riß er sich aus der Menge los und mit unsicheren,
wankenden Schritten begab er sich geradewegs zum Kabinett Seiner
Exzellenz. Im Vorzimmer stieß er jedoch auf Andrej Philippowitsch, der
soeben das Kabinett Seiner Exzellenz verlassen hatte. Und obgleich auch
noch eine Menge anderer unbeteiligter Personen anwesend war, schenkte
unser Held diesen doch nicht die geringste Aufmerksamkeit. Entschlossen,
kühn, innerlich darüber selbst verwundert, doch seiner Kühnheit sich
rühmend, redete er vielmehr unumwunden Andrej Philippowitsch an, der
über diesen plötzlichen Überfall nicht wenig erstaunt war.
„Wie! ... Was wollen Sie ... was ist Ihnen gefällig?“ fragte der
Abteilungschef, ohne den auf ihn zustolpernden Herrn Goljädkin weiter
anzuhören.
„Andrej Philippowitsch, ich ... kann ich, Andrej Philippowitsch, kann
ich jetzt Aug’ in Aug’ eine Unterredung mit Seiner Exzellenz haben?“
sagte klar und deutlich unser Held und sah mit einem sehr entschlossenen
Blick auf Andrej Philippowitsch.
„Was? Natürlich: nicht.“ Andrej Philippowitsch maß Herrn Goljädkin vom
Kopf bis zu den Füßen.
„Ich, Andrej Philippowitsch – ich möchte nämlich meine Verwunderung
ausdrücken, daß hier niemand den Usurpator und Schurken erkennt.“
„W–a–a–s?“
„Den Schurken, Andrej Philippowitsch.“
„Von wem belieben Sie zu sprechen?“
„Von einer bekannten Person, Andrej Philippowitsch. Ja, Andrej
Philippowitsch, ich spiele auf eine bekannte Person an. Ich bin in
meinem Recht ... Ich denke, Andrej Philippowitsch, daß die Regierung
solch eine innere Regung, wie ich sie verspüre, unterstützen müßte,“
fügte Herr Goljädkin hinzu, offenbar ganz außer sich geraten. „Andrej
Philippowitsch ... Sie sehen doch selbst, Andrej Philippowitsch, daß
diese Regung in mir echt ist und meine wohlgesinnten Ansichten und
Absichten ausdrückt – den Chef als einen Vater anzusehen, die Regierung
als einen Vater anzusehen und sein Schicksal ihr blindlings
anzuvertrauen. So, so ist es ... also so ...“ Herrn Goljädkins Stimme
fing an zu zittern, sein Gesicht wurde dunkelrot und zwei Tränen hingen
an seinen Wimpern.
Als Andrej Philippowitsch Herrn Goljädkin in dieser Weise reden hörte,
war er so verwundert, daß er unwillkürlich einige Schritte zurücktrat.
Dann blickte er sich sehr unruhig um ... Es ist schwer zu sagen, wie die
Sache geendigt hätte ... Plötzlich öffnete sich die Tür zum Kabinett
Seiner Exzellenz und dieser selbst trat in Begleitung einiger Beamter
heraus. Alle, die im Zimmer waren, schlossen sich ihm an. Seine
Exzellenz rief Andrej Philippowitsch zu sich und ging, sich mit ihm
unterredend, weiter.
Als sich bereits alle aus dem Zimmer entfernt hatten, besann sich auch
Herr Goljädkin. Unterwürfig suchte er Schutz unter den Flügeln Anton
Antonowitsch Ssjetotschkins, der seinerseits hinter allen her hinkte,
mit einem, wie es Herrn Goljädkin schien, sehr strengen und
nachdenklichen Gesicht.
„Auch dort bin ich abgefallen, auch dort habe ich nur Unfug
angerichtet,“ dachte Herr Goljädkin bei sich, „nun, tut nichts. Ich
hoffe, wenigstens Sie, Anton Antonowitsch, werden geneigt sein, mich
anzuhören und sich für meine Sache zu verwenden,“ wandte er sich an
diesen mit leiser und noch vor Erregung zitternder Stimme. „Von allen
verlassen, wende ich mich an Sie. Ich verstehe nicht, was die Worte
Andrej Philippowitschs bedeuten, Anton Antonowitsch. Können Sie sie mir
erklären, wenn möglich ...“
„Zu seiner Zeit wird sich alles erklären,“ antwortete ihm nach einer
langen Pause streng Anton Antonowitsch, und, wie es Herrn Goljädkin
schien, mit einer Miene, die deutlich ausdrückte, daß Anton Antonowitsch
durchaus nicht wünschte, das Gespräch weiter fortzusetzen. „Sie werden
in kurzer Zeit alles erfahren, noch heute werden Sie formell von allem
unterrichtet werden.“
„Was heißt das, formell, Anton Antonowitsch? Warum denn gerade formell?“
fragte kleinlaut unser Held.
„Nicht uns kommt es zu, Jakoff Petrowitsch, darüber zu urteilen, wie die
Regierung entscheidet.“
„Warum denn die Regierung, Anton Antonowitsch,“ fragte Herr Goljädkin
noch kleinlauter, „warum denn die Regierung? Ich sehe keinen Grund,
warum man hier die Regierung beunruhigen sollte, Anton Antonowitsch ...
Sie wollen mir vielleicht etwas in bezug auf das Gestrige sagen, Anton
Antonowitsch?“
„Nein, nicht das Gestrige: dort hinkt noch etwas anderes bei Ihnen.“
„Was hinkt denn bei mir, Anton Antonowitsch? Mir scheint, Anton
Antonowitsch, daß nichts an mir hinkt ...“
„Schlaue Mätzchen wollten Sie machen!“ unterbrach Anton Antonowitsch den
völlig bestürzten Herrn Goljädkin in scharfem Ton. Herr Goljädkin zuckte
zusammen und wurde weiß wie ein Tuch.
„Freilich, Anton Antonowitsch,“ sagte er mit kaum hörbarer Stimme, „wenn
man nur die Stimme der Verleumdung und die unserer Feinde hört, ohne die
Rechtfertigung von der anderen Seite zuzulassen, dann, freilich ...
freilich, Anton Antonowitsch, dann muß man unschuldig leiden, Anton
Antonowitsch, unschuldig und um nichts leiden.“
„Ja – ja – ja, aber Ihr boshafter Angriff auf den Ruf eines
wohlgesitteten Mädchens aus einer ehrenwerten, achtenswerten und
bekannten Familie, die Ihnen Wohltaten erwiesen hat? ...“
„Welch ein Angriff, Anton Antonowitsch?“
„Ja – ja – ja. Und dann Ihr Betragen dem anderen Mädchen gegenüber, wenn
auch einem armen, doch von ehrlicher ausländischer Herkunft – davon
wissen Sie wohl auch nichts?“
„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ... belieben Sie mich, Anton
Antonowitsch, anzuhören ...“
„Und Ihr treuloses Verfahren gegen eine andere Person – und die
verleumderische Beschuldigung dieser anderen Person in Dingen, in denen
Sie selbst, gerade Sie, gesündigt haben? Wie nennt man denn das?“
„Ich, Anton Antonowitsch, ich habe ihn nicht hinausgeworfen,“ sprach
zitternd unser Held – „und Petruschka, das heißt, meinen Diener, habe
ich nicht dazu angehalten ... Er hat mein Brot gegessen, Anton
Antonowitsch, hat meine Gastfreundschaft genossen,“ fügte ausdrucksvoll
und mit tiefem Gefühl unser Held hinzu, so daß ihm das Kinn zu zittern
anfing und er schon wieder Tränen vergießen wollte.
„Das sagen Sie mir so, Jakoff Petrowitsch, daß er Ihr Brot gegessen,“
erwiderte Anton Antonowitsch und in seiner Stimme hörte man ordentlich
die Hinterlist, so daß sich das Herz Herrn Goljädkins schmerzhaft
zusammenzog.
„Erlauben Sie noch eines, Anton Antonowitsch, untertänigst zu fragen,
ist von alledem etwas Seiner Exzellenz bekannt?“
„Selbstverständlich! Doch entschuldigen Sie mich bitte jetzt, ich habe
keine Zeit, mit Ihnen ... Heute noch werden Sie alles erfahren, was Sie
zu erfahren nötig haben.“
„Erlauben Sie, um’s Himmels willen, noch einen Augenblick, Anton
Antonowitsch.“
„Später, später, erzählen Sie später ...“
„Nein, Anton Antonowitsch: ich, sehen Sie, hören Sie nur, Anton
Antonowitsch ... Ich liebe durchaus nicht die Freigeisterei, Anton
Antonowitsch: ich fliehe sie: ich bin durchaus bereit, und ich habe
sogar die Idee gehabt ...“
„Gut, gut. Ich habe schon gehört.“
„Nein, das haben Sie nicht gehört, Anton Antonowitsch. Das ist etwas
ganz anderes, Anton Antonowitsch, das ist gut, wirklich gut und angenehm
zu hören ... Ich gebe diese Idee zu, wie schon gesagt, Anton
Antonowitsch, daß durch die Fügung Gottes zwei ganz ähnliche Wesen
geschaffen wurden, und daß die Regierung, die diese Fügung Gottes sah,
diese beiden Zwillinge versorgt hat. Das ist gut, Anton Antonowitsch,
Sie sehen, daß das sehr gut ist, und daß ich weit entfernt von aller
Freidenkerei bin. Ich sehe die wohltätige Behörde als Vater an. Der
Staat – das heißt, die wohltätige Regierung, und Sie ... das heißt ...
ein junger Mensch muß seinen Dienst tun. Unterstützen Sie mich, Anton
Antonowitsch ... stehen Sie mir bei, Anton Antonowitsch ... Ich tue
nichts Böses, Anton Antonowitsch ... um Gottes willen, noch ein Wort ...
Anton Antonowitsch ...“
Aber Anton Antonowitsch war schon weit entfernt von Herrn Goljädkin ...
Unser Held wußte nicht mehr, wo er stand, was er hörte, was er tat und
was mit ihm geschah, so sehr erschütterte und verwirrte ihn alles
Gehörte und Geschehene.
Mit flehenden Blicken suchte er unter der Menge von Beamten nach Anton
Antonowitsch, um sich noch weiter vor dessen Augen zu rechtfertigen und
ihm irgend etwas Edles und Angenehmes von sich zu sagen ... Doch
zugleich begann, nach und nach, ein neues Licht durch die Verwirrung des
Herrn Goljädkin zu dringen, ein neues, schreckliches Licht, das ihm
plötzlich die Aussicht in bis jetzt vollkommen unbekannte, ganz
ungeahnte Umstände eröffnete ... In diesem Augenblick stieß jemand
unseren Helden in die Seite. Er blickte sich um. Vor ihm stand
Pissarenko.
„Den Brief, Ew. Wohlgeboren.“
„Ah! ... Du bist schon dort gewesen, mein Lieber?“
„Nein, den hat man schon morgens um zehn Uhr hierher gebracht. Ssergej
Michejeff brachte ihn aus der Wohnung des Gouvernements-Sekretärs
Wachramejeff.“
„Gut, mein Freund, gut, ich werde dir dafür erkenntlich sein, mein
Lieber.“
Mit diesen Worten steckte Herr Goljädkin den Brief in die Seitentasche
seines Uniformrockes und knöpfte den letzteren von oben bis unten zu,
dann blickte er sich um und bemerkte zu seiner Verwunderung, daß er sich
bereits in der Vorhalle des Departements befand, umgeben von Beamten,
die dem Ausgange zuströmten, da die Kanzleistunden ihr Ende hatten. Herr
Goljädkin hatte diesen letzteren Umstand nicht nur nicht bemerkt, er
konnte auch nicht begreifen, daß er sich plötzlich in Mantel und
Galoschen befand und seinen Hut in der Hand hielt. Jetzt standen die
Beamten alle unbeweglich in ehrfurchtsvoller Erwartung da. Die Ursache
war nämlich die: Exzellenz selbst wartete unten auf seine Equipage, die
sich aus irgendwelchen Gründen verspätet hatte, und führte mit zwei
Räten und Andrej Philippowitsch ein sehr interessantes Gespräch. Etwas
entfernt von ihnen stand Anton Antonowitsch Ssjetotschkin und noch
einige andere Beamte, die beflissen mitlachten, als sie sahen, daß Seine
Exzellenz zu scherzen und zu lachen beliebte. Die Beamten, die sich oben
auf der Treppe drängten, lachten gleichfalls, wohl in Erwartung, daß
Exzellenz wieder lachen würde. Und es lächelte auch der dicke
aufgeblasene Portier Fedossejitsch, der mit Ungeduld den Augenblick
seiner täglichen Genugtuung erwartete, die darin bestand, daß er mit
einem gewaltigen Ruck die eine Hälfte der großen Tür aufriß, um dann, zu
einem Bogen sich tief hinabbiegend, Seiner Exzellenz ehrerbietig den Weg
freizugeben. Doch mehr als alle freute sich offenbar der unwürdige,
unehrenwerte Feind Herrn Goljädkins. In diesem Augenblick vergaß er
sogar die um ihn stehenden Beamten, bei denen er sich sonst immer nach
seiner unangenehmen Manier so beliebt zu machen suchte, und ließ die
gute Gelegenheit unbenutzt, es auch jetzt zu tun. Er verwandelte sich
ganz in Augen und Ohren und beugte sich weit vor, wahrscheinlich um
Seine Exzellenz besser sehen und hören zu können, und hin und wieder
nur, an der krampfhaften Bewegung der Hände und Füße, bemerkte man die
Aufregung seiner Seele.
„Sieh, wie er sich Mühe gibt!“ dachte unser Held. „Tut, als wäre er ein
Günstling, der Schurke! Ich möchte gern wissen, wie er es nur macht, um
sich in der höheren Gesellschaft zu behaupten. Weder Geist, noch
Charakter, noch Bildung, noch Gefühl: aber es gelingt dem Schurken! Mein
Gott, wie schnell doch ein Mensch vorwärts kommen kann – wenn man das
bedenkt – und sich überall anfreundet! Ich will darauf schwören, daß
dieser Mensch noch weit kommen wird, Glück hat so ein Schuft! Ich möchte
nur wissen, was er ihnen da zusteckt? Welche Beziehungen und Geheimnisse
zwischen ihnen bestehen? Mein Gott! Wie, wenn auch ich mit ihm ein wenig
... – wenn ich ihn vielleicht fragen würde ... so und so ... ich werde
vom Kampf zurücktreten ... nehmen wir einfach an, ich sei der Schuldige
... ich weiß doch, Exzellenz, es muß auch neue Beamte geben ... über
alles aber, was mich angeht, über dieses Dunkle, Unerklärliche werde ich
mich nicht mehr aufregen ... Auch widersprechen werde ich nicht mehr und
alles in Geduld und Ergebung tragen – wie? Sollte ich nicht so handeln?
... Er ist sonst nicht zu fangen, der Halunke, und mit Worten nicht zu
schlagen. Vernunft kann man ihm auch nicht in den Kopf bringen! Also ...
wollen wir es versuchen. Sollte es sein, daß ich einen günstigen
Augenblick erwische, so werde ich es versuchen ...“
In seiner Unruhe, Sorge und Verwirrung fühlte er, daß es so nicht
bleiben könne, daß der entscheidende Augenblick gekommen sei, um sich
endlich mit jemandem auseinanderzusetzen. Unser Held bewegte sich daher
ein wenig auf die Stelle zu, wo sein abscheulicher und rätselhafter
Feind stand, doch in demselben Augenblick rollte die langerwartete
Equipage Seiner Exzellenz vor die Tür. Fedossejitsch riß die Tür auf,
machte drei Bogen nacheinander, während Seine Exzellenz an ihm
vorüberging. Die Wartenden stürzten alle auf einmal zum Ausgang und
drängten Herrn Goljädkin den Älteren von Herrn Goljädkin dem Jüngeren
ab.
„Du entgehst mir nicht!“ dachte unser Held, und schob sich durch die
Menge, ohne den anderen aus dem Auge zu verlieren. Die Menge hatte sich
endlich zerstreut, unser Held fühlte sich wieder befreit und stürzte
seinem Feinde nach.