Kind, Warinka, mein Täubchen, mein Liebling! Man bringt Sie fort, Sie
fahren. Ja, jetzt wäre es doch besser, man risse mir das Herz aus der
Brust, als daß man Sie so von mir fortbringt! Wie ist denn das nur
möglich! Wie können Sie nur? Sie weinen, und doch fahren Sie?! Da habe
ich soeben Ihren Brief erhalten, der stellenweise noch feucht ist von
Tränen. So wollen Sie im Herzen vielleicht gar nicht fortfahren?
Vielleicht will man Sie mit Gewalt fortbringen? Es tut Ihnen leid um
mich? Ja, aber – dann lieben Sie mich doch! Wie ist denn das? Was soll
jetzt geschehen? Ihr Herzchen wird es dort nicht aushalten, es ist dort
öde, häßlich und kalt. Die Sehnsucht wird Ihr Herzchen krank machen, die
Trauer wird es zerreißen. Sie werden dort sterben, man wird Sie dort in
die feuchte Erde betten, und es wird dort niemand sein, der Sie beweint!
Herr Bükoff wird immer Hasen jagen ... Ach, Kind, Kind, zu was haben Sie
sich da entschlossen? Wie konnten Sie denn nur so etwas tun? Was haben
Sie getan, was haben Sie getan, was haben Sie sich selbst angetan! Man
wird Sie doch dort ins Grab bringen, man wird Sie dort einfach
umbringen, mein Engelchen! Sie sind doch ein Kind, wie ein Federchen, so
zart und schwach! Und wo war ich denn eigentlich? Habe ich Dummkopf denn
hier mit offenen Augen geschlafen! Sah ich denn nicht, daß ein Kindskopf
sich etwas Unmögliches vornahm, wußte ich denn nicht, daß dem Kinde
einfach nur das Köpfchen versagte! Da hätte ich doch ganz einfach – aber
nein! Ich stehe da wie ein richtiger Tölpel, denke weder, noch sehe ich
etwas, als sei das gerade das Richtige, als ginge die ganze Sache mich
gar nichts an, und laufe sogar noch nach Falbeln! ... Nein, Warinka, ich
werde aufstehen, bis morgen werde ich vielleicht schon soweit sein, dann
stehe ich einfach auf! Und dann, dann werde ich mich einfach unter die
Räder werfen. Ich lasse Sie nicht fortfahren! Ja was, was ist denn das
eigentlich, wie geht denn das zu? Mit welchem Recht geschieht das denn
alles? Ich werde mit Ihnen fahren! Ich werde Ihrem Wagen nachlaufen,
wenn Sie mich nicht in den Wagen aufnehmen, und ich werde laufen,
solange ich noch kann, bis mir der Atem ausgeht, bis ich meinen Geist
aufgebe!
Wissen Sie denn überhaupt, was dort ist, was Sie erwartet, dort, wohin
Sie fahren, Kind? Wenn Sie das noch nicht wissen, dann fragen Sie mich,
ich weiß es! Dort ist nichts als die Steppe, meine Liebe, nichts als
flache, kahle, endlose Steppe: hier, wie meine Hand, so nackt! Dort
leben nur stumpfe, gefühllose Bauernweiber und rohe, betrunkene Kerle.
Jetzt ist dort auch schon das Laub von den Bäumen gefallen, dort regnet
es, dort ist es kalt – und dorthin fahren Sie!
Nun, Herr Bükoff hat eine Beschäftigung: er wird da seine Hasen jagen.
Aber was werden Sie dort anfangen? Sie wollen Gutsherrin sein, mein
Kind? Aber, mein Engelchen! – so sehen Sie sich doch nur an, sehen Sie
denn nach einer Gutsherrin aus?
Wie ist das nur alles möglich, Warinka? An wen werde ich denn jetzt noch
Briefe schreiben, Kind? Ja! so bedenken Sie und fragen Sie sich doch
bloß dies eine: an wen wird er denn jetzt noch Briefe schreiben können?
Und wen kann ich denn jetzt noch mein Kind, mein liebes Kind nennen, wem
gebe ich diesen zärtlichen Namen, zu wem sage ich dies liebe Wort? Wo
soll ich Sie denn noch finden, mein Engelchen? Ich werde sterben,
Warinka, ich werde bestimmt sterben. Nein, solchem Unglück ist mein Herz
nicht gewachsen!
Ich habe Sie wie das Sonnenlicht geliebt, wie mein leibliches
Töchterchen liebte ich Sie, ich liebte alles an Ihnen, mein Liebling!
Nur für Sie allein lebte ich! Ich habe ja auch gearbeitet und
geschrieben, bin spazieren gegangen und habe meine Beobachtungen in
meinen Briefen wiedergegeben, nur weil Sie, mein Kind, hier in meiner
Nähe lebten. Sie haben das vielleicht nicht gewußt, aber es war wirklich
so, es war wirklich so!
Doch hören Sie, Kind, so bedenken Sie und überlegen Sie doch, mein
Täubchen, wie ist denn das nur möglich, daß Sie uns verlassen? – Nein,
meine Liebe, das geht ja nicht, geht ganz und gar nicht! Das ist völlig
ausgeschlossen! Es regnet doch, Sie aber sind so kränklich – Sie werden
sich bestimmt erkälten. Ihre Reisekutsche wird durchnäßt werden, ein
Wagen ist kein Haus – sie wird bestimmt durchnäßt werden! Und kaum
werden Sie aus der Stadt hinausgefahren sein, da wird ein Rad brechen,
oder der ganze Wagen bricht. Hier in Petersburg werden doch die Wagen
schrecklich schlecht gebaut! Ich kenne doch alle diese Wagenbauer: denen
ist es nur um die Fasson zu tun, um irgend so ein Spielzeug
herzustellen, aber von Dauerhaftigkeit kann dabei keine Rede sein. Ich
schwöre es Ihnen, glauben Sie mir, diese Wagen taugen alle nichts!
Ich werde mich, Kind, vor Herrn Bükoff auf die Knie niederwerfen und ihm
alles sagen, alles! Und auch Sie, Kind, werden ihn zu überzeugen suchen!
Sie werden ihm alles vernünftig auseinandersetzen und ihn so überzeugen!
Sagen Sie ihm einfach, daß Sie hierbleiben, daß Sie nicht mit ihm fahren
können! ... Ach, warum hat er nicht in Moskau eine Kaufmannstochter
geheiratet? Hätte er sich doch dort eine Kaufmannstochter ausgesucht!
Das wäre für alle besser gewesen, die würde viel besser zu ihm passen,
ich weiß schon, warum! Ich aber würde Sie dann hier behalten. Was ist er
Ihnen denn, Kind, dieser Bükoff? Wodurch ist er Ihnen denn plötzlich so
lieb und wert geworden? Vielleicht ist er es Ihnen deshalb geworden,
weil er Ihnen Falbeln kauft und alles dieses – deshalb etwa? Wozu sind
denn diese Falbeln? Wozu hat man die nötig? Es ist doch, Kind, nur ein
Stück Zeug, solch ein Falbel! Hier aber handelt es sich um ein
Menschenleben, Falbeln aber sind doch, mein Kind, einfach nur Lappen,
wirklich – nichts anderes, als nichtsnutzige Lappen! Ich aber, ich kann
Ihnen doch gleichfalls solche Falbeln kaufen, ich muß nur auf mein
nächstes Gehalt warten, dann kaufe auch ich Ihnen diese Falbeln, mein
Kind, und ich weiß schon wo, ich kenne dort einen kleinen Laden, nur
müssen Sie noch etwas Geduld haben, wie gesagt, bis ich mein Gehalt
bekomme, mein Engelchen, Warinka!
Gott, Gott! So fahren Sie denn wirklich mit Herrn Bükoff fort in die
Steppe, auf immer fort! Ach, Kind! ... Nein, Sie müssen mir noch
schreiben, noch ein Briefchen schreiben Sie mir über alles, und wenn Sie
schon fort sind, dann schreiben Sie mir auch von dort einen Brief. Denn
sonst, mein Engelchen, wäre dies der letzte Brief, das aber kann doch
nicht sein, daß dies der letzte Brief sein soll! Denn wie, wie sollte
das, so plötzlich – der letzte, wirklich der letzte Brief sein? Aber
nein, ich werde doch schreiben, und auch Sie müssen mir schreiben ...
Fängt doch gerade jetzt mein Stil an, besser zu werden ... Ach, Kind,
aber was heißt Stil! Schreibe ich Ihnen doch jetzt so, ohne selbst zu
wissen, was ich schreibe, ich weiß nichts, gar nichts weiß ich und will
auch nichts durchlesen, nichts verbessern, nichts, nichts. Ich schreibe
nur, um zu schreiben, immer noch mehr zu schreiben ... Mein Täubchen,
mein Liebling, mein Kind Sie!