Mein teurer Freund, Makar Alexejewitsch!
Ich habe Ihnen drei Tage lang nicht geschrieben, mein Freund, und doch
war es eine Zeit großer Sorge und Aufregung für mich.
Vor drei Tagen war Bükoff bei mir. Ich war allein, Fedora war
ausgegangen. Ich öffnete die Tür und erschrak dermaßen, als ich ihn
erblickte, daß ich mich nicht von der Stelle rühren konnte. Ich fühlte,
wie ich erbleichte. Er trat, wie das so seine Art ist, mit lautem Lachen
ins Zimmer, nahm ganz ungeniert einen Stuhl und setzte sich. Es dauerte
eine Weile, bis ich meine Fassung wiedergewann. Endlich setzte ich mich
wieder ans Fenster, an meine Arbeit! Er hörte übrigens bald auf, zu
lachen. Augenscheinlich hat ihn mein Aussehen doch überrascht. Ich habe
ja in der letzten Zeit so abgenommen, meine Wangen und Augen sind
eingefallen, und ich war so bleich wie eine Tote ... Ja, es muß
allerdings schwer sein für die, die mich vor einem Jahre gekannt haben,
mich jetzt wiederzusehen.
Er betrachtete mich lange und aufmerksam, endlich heiterte sich seine
Miene wieder auf. Er machte irgendeine Bemerkung – ich weiß nicht mehr,
was ich antwortete – und lachte wieder. Eine ganze Stunde saß er so bei
mir, fragte mich nach diesem und jenem und unterhielt sich mit mir ganz
ungezwungen. Endlich, bevor er aufbrach, erfaßte er meine Hand und sagte
(ich schreibe es Ihnen wortwörtlich):
„Warwara Alexejewna! Unter uns gesagt: Anna Fedorowna, Ihre Verwandte
und meine alte Bekannte und Freundin, ist ein höchst gemeines Weib.“ (Er
benannte sie außerdem noch mit einem ganz unanständigen Wort.) „Sie hat
jetzt auch Ihre Kusine vom rechten Wege abgelenkt, und auch Sie hat sie
dem Verderben zuführen wollen. Na, aber auch ich habe mich in diesem
Falle recht als Schuft gezeigt: doch schließlich, was soll man darüber
viel Worte verlieren, das ist so eine alltägliche Geschichte, wie das
Leben sie eben mit sich bringt.“ Wieder lachte er laut. Darauf bemerkte
er, daß er kein glänzender Redner sei, daß er das Wichtigste, was er zu
sagen hatte, ja, was zu verschweigen ihm seine Anständigkeit einfach
verboten hätte, bereits gesagt habe, und daß er daher das Übrige in
kurzen Worten zu erklären gedenke. Und so tat er es auch: er erklärte
mir, daß er um meine Hand anhalte, daß er es für seine Pflicht erachte,
mir meine Ehre wiederzugeben, daß er reich sei und mich nach der
Hochzeit auf sein Gut im Steppengebiet bringen werde. Dort gedenke er
Hasen zu jagen, nach Petersburg aber wolle er nie mehr zurückkehren,
denn das Großstadtleben sei ihm widerwärtig. Außerdem habe er hier einen
Neffen, einen hoffnungslosen Taugenichts, wie er ihn nannte, und er habe
sich geschworen, diesen um die erwartete Erbschaft zu bringen.
Hauptsächlich deshalb habe er sich entschlossen, zu heiraten, das heißt,
er wolle rechtmäßige Erben hinterlassen. Darauf äußerte er sich noch
über unsere Wohnung, meinte, es wäre schließlich kein Wunder, daß ich
krank geworden sei, wenn ich in einer so jämmerlichen Hintertreppenstube
wohne, und prophezeite mir meinen nahen Tod, wenn ich noch lange
hierbliebe. In Petersburg seien die Wohnungen überhaupt elend, sagte er,
und dann fragte er, ob ich nicht irgendeinen Wunsch habe.
Ich war so erschreckt durch seinen Antrag, daß ich plötzlich – ich weiß
selbst nicht, weshalb – in Tränen ausbrach. Er hielt sie natürlich für
Tränen der Dankbarkeit und sagte, er sei von jeher überzeugt gewesen,
daß ich ein gutes, gefühlvolles und gebildetes Mädchen sei, doch habe er
sich nicht früher zu seinem Antrag entschlossen, als nachdem er alles
Nähere über mich und meine Lebensführung erfahren. Hierauf erkundigte er
sich nach Ihnen, sagte, er wisse bereits alles, Sie seien ein
anständiger Mensch, und er wolle nicht in Ihrer Schuld stehen – ob Ihnen
500 Rubel genug wären für alles, was Sie für mich getan haben? Als ich
ihm darauf antwortete, daß Sie für mich das getan, was man mit Geld
nicht zu bezahlen vermöge, sagte er, das sei Unsinn; so etwas käme wohl
in Romanen vor, ich sei noch jung und beurteile das Leben nach Büchern:
Romane aber setzten jungen Mädchen bloß verschrobene Ideen in den Kopf,
und überhaupt möchte er von Büchern ohne weiteres behaupten, daß sie nur
die Sitten verdürben, weshalb er Bücher nicht leiden könne. Er riet mir,
erst sein Alter zu erreichen, dann könne ich von Menschen reden, „dann
erst,“ sagte er, „werden Sie die Menschen kennen gelernt haben.“
Darauf riet er mir, über seinen Antrag nachzudenken und mir alles
reiflich zu überlegen, denn es wäre ihm sehr unangenehm, wenn ich einen
so wichtigen Schritt unüberlegt tun würde, und er fügte noch hinzu, daß
Unbedachtsamkeit und stürmische Entschlüsse die unerfahrene Jugend stets
ins Verderben zu führen pflegten, doch sei es sein größter Wunsch, eine
zusagende Antwort von mir zu erhalten: andernfalls werde er sich
gezwungen sehen, in Moskau eine Kaufmannstochter zu heiraten, da er, wie
gesagt, nun einmal geschworen habe, seinen nichtsnutzigen Neffen um die
Erbschaft zu bringen. Darauf erhob er sich und legte fünfhundert Rubel
auf meinen Stickrahmen, für Naschwerk, wie er sagte, und er zwang mich
fast mit Gewalt, sie dort liegen zu lassen. Zum Schluß sagte er noch,
daß ich auf dem Gute wie ein Pfannkuchen aufgehen, dick, rosig und
gesund werden würde, ich könne dort essen, soviel ich nur wolle.
Augenblicklich habe er hier entsetzlich viel zu tun, die Geschäfte
hätten ihn schon den ganzen Tag in Anspruch genommen und er sei auch nur
auf kurze Zeit zu mir gekommen. Damit ging er ...
Ich habe lange nachgedacht, viel hin und her gegrübelt und mich recht
gequält, mein Freund, und endlich habe ich mich entschlossen. Ja: ich
werde ihn heiraten, ich muß seinen Antrag annehmen. Wenn mich jemand von
meiner Schande erlösen, mir meine Ehre wiedergeben und mich in Zukunft
vor Armut und Entbehrungen und Unglück bewahren kann, so ist er ganz
allein derjenige, der es vermag. Was soll ich denn sonst von der Zukunft
erwarten, was noch vom Schicksal verlangen? Fedora sagt, daß man sein
Glück nicht verscherzen dürfe, nur fragte sie gleich darauf seufzend,
was man denn in diesem Falle Glück nennen solle. Ich jedenfalls finde
keinen anderen Ausweg für mich, mein guter Freund. Was soll ich tun? Mit
der Arbeit habe ich ohnehin schon meine ganze Gesundheit untergraben.
Ununterbrochen arbeiten – das kann ich nicht. Bei fremden Menschen
dienen? – Ich käme um vor Leid, und überdies würde ich niemanden
zufriedenstellen. Ich bin von Natur kränklich, deshalb würde ich Fremden
immer nur zur Last fallen. Natürlich gehe ich ja auch jetzt nicht in ein
Paradies, aber was soll ich denn tun, mein Freund, was soll ich denn
tun? Was soll ich denn vorziehen?
Ich habe Sie nicht um Ihren Rat gebeten. Ich wollte ganz allein alles
überlegen. Mein Entschluß, den ich Ihnen jetzt mitgeteilt habe, steht
fest und ich werde ihn sogleich auch Bükoff mitteilen, da er schon
sowieso und mit Ungeduld meine endgültige Entscheidung erwartet. Er
sagte mir, daß seine Geschäfte keinen Aufschub dulden, er müsse
abreisen, und „wegen dieser Nichtigkeiten“ könne er die Abreise doch
nicht aufschieben. Nur Gott in seiner heiligen und unerforschlichen
Macht über mein Schicksal weiß, ob ich glücklich sein werde, aber mein
Entschluß ist gefaßt. Man sagt, Bükoff sei ein guter Mensch: er wird
mich achten, und vielleicht werde ich ihn gleichfalls achten. Was aber
sollte man wohl noch mehr von unserer Ehe erwarten?
Ich teile Ihnen alles mit, Makar Alexejewitsch, denn ich weiß, daß Sie
meinen ganzen Jammer verstehen werden. Versuchen Sie nicht, mich von
meinem Vorhaben abzubringen. Ihre Bemühungen wären zwecklos. Erwägen Sie
lieber in Ihrem eigenen Herzen alle Gründe, die mich zu diesem Schritt
veranlaßt haben. Anfangs regte es mich sehr auf, doch jetzt bin ich
ruhiger. Was mich erwartet – ich weiß es nicht. Was geschehen wird, das
wird geschehen, wie Gott es schickt! ...
Bükoff ist gekommen, ich kann den Brief nicht beenden. Ich wollte Ihnen
noch vieles sagen. Bükoff ist schon hier.