23. September.

Mein teurer Freund, Makar Alexejewitsch!

Ich habe Ihnen drei Tage lang nicht geschrieben, mein Freund, und doch

war es eine Zeit großer Sorge und Aufregung für mich.

Vor drei Tagen war Bükoff bei mir. Ich war allein, Fedora war

ausgegangen. Ich öffnete die Tür und erschrak dermaßen, als ich ihn

erblickte, daß ich mich nicht von der Stelle rühren konnte. Ich fühlte,

wie ich erbleichte. Er trat, wie das so seine Art ist, mit lautem Lachen

ins Zimmer, nahm ganz ungeniert einen Stuhl und setzte sich. Es dauerte

eine Weile, bis ich meine Fassung wiedergewann. Endlich setzte ich mich

wieder ans Fenster, an meine Arbeit! Er hörte übrigens bald auf, zu

lachen. Augenscheinlich hat ihn mein Aussehen doch überrascht. Ich habe

ja in der letzten Zeit so abgenommen, meine Wangen und Augen sind

eingefallen, und ich war so bleich wie eine Tote ... Ja, es muß

allerdings schwer sein für die, die mich vor einem Jahre gekannt haben,

mich jetzt wiederzusehen.

Er betrachtete mich lange und aufmerksam, endlich heiterte sich seine

Miene wieder auf. Er machte irgendeine Bemerkung – ich weiß nicht mehr,

was ich antwortete – und lachte wieder. Eine ganze Stunde saß er so bei

mir, fragte mich nach diesem und jenem und unterhielt sich mit mir ganz

ungezwungen. Endlich, bevor er aufbrach, erfaßte er meine Hand und sagte

(ich schreibe es Ihnen wortwörtlich):

„Warwara Alexejewna! Unter uns gesagt: Anna Fedorowna, Ihre Verwandte

und meine alte Bekannte und Freundin, ist ein höchst gemeines Weib.“ (Er

benannte sie außerdem noch mit einem ganz unanständigen Wort.) „Sie hat

jetzt auch Ihre Kusine vom rechten Wege abgelenkt, und auch Sie hat sie

dem Verderben zuführen wollen. Na, aber auch ich habe mich in diesem

Falle recht als Schuft gezeigt: doch schließlich, was soll man darüber

viel Worte verlieren, das ist so eine alltägliche Geschichte, wie das

Leben sie eben mit sich bringt.“ Wieder lachte er laut. Darauf bemerkte

er, daß er kein glänzender Redner sei, daß er das Wichtigste, was er zu

sagen hatte, ja, was zu verschweigen ihm seine Anständigkeit einfach

verboten hätte, bereits gesagt habe, und daß er daher das Übrige in

kurzen Worten zu erklären gedenke. Und so tat er es auch: er erklärte

mir, daß er um meine Hand anhalte, daß er es für seine Pflicht erachte,

mir meine Ehre wiederzugeben, daß er reich sei und mich nach der

Hochzeit auf sein Gut im Steppengebiet bringen werde. Dort gedenke er

Hasen zu jagen, nach Petersburg aber wolle er nie mehr zurückkehren,

denn das Großstadtleben sei ihm widerwärtig. Außerdem habe er hier einen

Neffen, einen hoffnungslosen Taugenichts, wie er ihn nannte, und er habe

sich geschworen, diesen um die erwartete Erbschaft zu bringen.

Hauptsächlich deshalb habe er sich entschlossen, zu heiraten, das heißt,

er wolle rechtmäßige Erben hinterlassen. Darauf äußerte er sich noch

über unsere Wohnung, meinte, es wäre schließlich kein Wunder, daß ich

krank geworden sei, wenn ich in einer so jämmerlichen Hintertreppenstube

wohne, und prophezeite mir meinen nahen Tod, wenn ich noch lange

hierbliebe. In Petersburg seien die Wohnungen überhaupt elend, sagte er,

und dann fragte er, ob ich nicht irgendeinen Wunsch habe.

Ich war so erschreckt durch seinen Antrag, daß ich plötzlich – ich weiß

selbst nicht, weshalb – in Tränen ausbrach. Er hielt sie natürlich für

Tränen der Dankbarkeit und sagte, er sei von jeher überzeugt gewesen,

daß ich ein gutes, gefühlvolles und gebildetes Mädchen sei, doch habe er

sich nicht früher zu seinem Antrag entschlossen, als nachdem er alles

Nähere über mich und meine Lebensführung erfahren. Hierauf erkundigte er

sich nach Ihnen, sagte, er wisse bereits alles, Sie seien ein

anständiger Mensch, und er wolle nicht in Ihrer Schuld stehen – ob Ihnen

500 Rubel genug wären für alles, was Sie für mich getan haben? Als ich

ihm darauf antwortete, daß Sie für mich das getan, was man mit Geld

nicht zu bezahlen vermöge, sagte er, das sei Unsinn; so etwas käme wohl

in Romanen vor, ich sei noch jung und beurteile das Leben nach Büchern:

Romane aber setzten jungen Mädchen bloß verschrobene Ideen in den Kopf,

und überhaupt möchte er von Büchern ohne weiteres behaupten, daß sie nur

die Sitten verdürben, weshalb er Bücher nicht leiden könne. Er riet mir,

erst sein Alter zu erreichen, dann könne ich von Menschen reden, „dann

erst,“ sagte er, „werden Sie die Menschen kennen gelernt haben.“

Darauf riet er mir, über seinen Antrag nachzudenken und mir alles

reiflich zu überlegen, denn es wäre ihm sehr unangenehm, wenn ich einen

so wichtigen Schritt unüberlegt tun würde, und er fügte noch hinzu, daß

Unbedachtsamkeit und stürmische Entschlüsse die unerfahrene Jugend stets

ins Verderben zu führen pflegten, doch sei es sein größter Wunsch, eine

zusagende Antwort von mir zu erhalten: andernfalls werde er sich

gezwungen sehen, in Moskau eine Kaufmannstochter zu heiraten, da er, wie

gesagt, nun einmal geschworen habe, seinen nichtsnutzigen Neffen um die

Erbschaft zu bringen. Darauf erhob er sich und legte fünfhundert Rubel

auf meinen Stickrahmen, für Naschwerk, wie er sagte, und er zwang mich

fast mit Gewalt, sie dort liegen zu lassen. Zum Schluß sagte er noch,

daß ich auf dem Gute wie ein Pfannkuchen aufgehen, dick, rosig und

gesund werden würde, ich könne dort essen, soviel ich nur wolle.

Augenblicklich habe er hier entsetzlich viel zu tun, die Geschäfte

hätten ihn schon den ganzen Tag in Anspruch genommen und er sei auch nur

auf kurze Zeit zu mir gekommen. Damit ging er ...

Ich habe lange nachgedacht, viel hin und her gegrübelt und mich recht

gequält, mein Freund, und endlich habe ich mich entschlossen. Ja: ich

werde ihn heiraten, ich muß seinen Antrag annehmen. Wenn mich jemand von

meiner Schande erlösen, mir meine Ehre wiedergeben und mich in Zukunft

vor Armut und Entbehrungen und Unglück bewahren kann, so ist er ganz

allein derjenige, der es vermag. Was soll ich denn sonst von der Zukunft

erwarten, was noch vom Schicksal verlangen? Fedora sagt, daß man sein

Glück nicht verscherzen dürfe, nur fragte sie gleich darauf seufzend,

was man denn in diesem Falle Glück nennen solle. Ich jedenfalls finde

keinen anderen Ausweg für mich, mein guter Freund. Was soll ich tun? Mit

der Arbeit habe ich ohnehin schon meine ganze Gesundheit untergraben.

Ununterbrochen arbeiten – das kann ich nicht. Bei fremden Menschen

dienen? – Ich käme um vor Leid, und überdies würde ich niemanden

zufriedenstellen. Ich bin von Natur kränklich, deshalb würde ich Fremden

immer nur zur Last fallen. Natürlich gehe ich ja auch jetzt nicht in ein

Paradies, aber was soll ich denn tun, mein Freund, was soll ich denn

tun? Was soll ich denn vorziehen?

Ich habe Sie nicht um Ihren Rat gebeten. Ich wollte ganz allein alles

überlegen. Mein Entschluß, den ich Ihnen jetzt mitgeteilt habe, steht

fest und ich werde ihn sogleich auch Bükoff mitteilen, da er schon

sowieso und mit Ungeduld meine endgültige Entscheidung erwartet. Er

sagte mir, daß seine Geschäfte keinen Aufschub dulden, er müsse

abreisen, und „wegen dieser Nichtigkeiten“ könne er die Abreise doch

nicht aufschieben. Nur Gott in seiner heiligen und unerforschlichen

Macht über mein Schicksal weiß, ob ich glücklich sein werde, aber mein

Entschluß ist gefaßt. Man sagt, Bükoff sei ein guter Mensch: er wird

mich achten, und vielleicht werde ich ihn gleichfalls achten. Was aber

sollte man wohl noch mehr von unserer Ehe erwarten?

Ich teile Ihnen alles mit, Makar Alexejewitsch, denn ich weiß, daß Sie

meinen ganzen Jammer verstehen werden. Versuchen Sie nicht, mich von

meinem Vorhaben abzubringen. Ihre Bemühungen wären zwecklos. Erwägen Sie

lieber in Ihrem eigenen Herzen alle Gründe, die mich zu diesem Schritt

veranlaßt haben. Anfangs regte es mich sehr auf, doch jetzt bin ich

ruhiger. Was mich erwartet – ich weiß es nicht. Was geschehen wird, das

wird geschehen, wie Gott es schickt! ...

Bükoff ist gekommen, ich kann den Brief nicht beenden. Ich wollte Ihnen

noch vieles sagen. Bükoff ist schon hier.

Sämtliche Werke 14 · 第 68 / 102 题