18. September.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Heute ist in unserem Hause etwas unendlich Trauriges, Unerklärliches und

ganz Unerwartetes geschehen. Doch ich will Ihnen alles der Reihenfolge

nach erzählen.

Also das Erste war, daß unser armer Gorschkoff freigesprochen wurde. Das

Urteil war wohl schon lange eine beschlossene Sache, aber erst für heute

hatte man die Verkündung des Endspruches festgesetzt. Die Sache endete

für ihn sehr günstig. All der Dinge, deren man ihn beschuldigt hatte –

der Unachtsamkeit, Nachlässigkeit usw. – wurde er freigesprochen. Das

Gericht stellte in vollem Umfange seine Ehre wieder her und verurteilte

den Kaufmann zur Auszahlung jener bedeutenden Geldsumme an Gorschkoff,

so daß sich jetzt auch seine äußere Lage mit einem Schlage gebessert

hat, da das Geld ganz sicher ist und vom Kaufmann auf gerichtlichem Wege

eingezogen werden wird. Das Wichtigste aber war natürlich, daß der

Schandfleck entfernt wurde, der mit dieser Anklage auf seiner Ehre lag.

Mit einem Wort, alle seine Wünsche gingen in Erfüllung.

Gegen drei Uhr kam er nach Hause. Er war kaum wiederzuerkennen. Sein

Gesicht war bleich wie Kreide. Die Lippen zitterten, und dabei lächelte

er in einem fort – so umarmte er seine Frau und die Kinder. Wir gingen

alle, eine ganze Schar, zu ihm, um ihn zu beglückwünschen. Ich glaube,

unsere Handlungsweise rührte ihn sehr, er dankte nach allen Seiten und

drückte einem jeden mehrmals die Hand. Ja, es schien sogar, als ob er

ordentlich gewachsen sei, wenigstens hielt er sich weit strammer, als

sonst, und auch die Augen tränten nicht mehr, sondern glänzten förmlich.

Er war so erregt, der Arme. Keine zwei Minuten hielt er es auf ein und

derselben Stelle aus: alles nahm er in die Hand, um es sogleich wieder

zurückzulegen, bald faßte er die Stuhllehnen an, lächelte, dankte, dann

setzte er sich, stand jedoch gleich wieder auf, setzte sich von neuem

und sprach Gott weiß was alles zusammen. Einmal sagte er: „Meine Ehre,

ja, meine Ehre – ein guter Name, der bleibt jetzt meinen Kindern ...“

und Sie hätten hören müssen, wie er das sagte! Die Augen standen ihm

voll Tränen, und auch wir waren den Tränen nahe. Ratasäjeff wollte wohl

ablenken und sagte deshalb:

„I, was, Väterchen, was macht man mit der Ehre, wenn man nichts zu essen

hat! Geld, Väterchen, Geld ist die Hauptsache. Für das Geld, ja dafür

können Sie Gott danken!“ – und dabei klopfte er ihm auf die Schulter.

Mir schien es, als ob Gorschkoff sich dadurch irgendwie gekränkt fühlte.

Nicht gerade, daß er den Beleidigten gespielt hätte, aber er sah doch

den Ratasäjeff so eigentümlich an und nahm zur Antwort dessen Hand von

seiner Schulter. Früher jedenfalls wäre das nicht geschehen, mein Kind.

Übrigens sind die Charaktere verschieden. Ich zum Beispiel hätte in der

Freude ganz sicher nicht gleich den Stolzen gespielt. Macht man doch,

meine Liebe, macht man doch oft genug einen ganz unnötigen Bückling,

macht ihn aus keinem anderen Grunde, als einzig aus überflüssiger

Weichheit oder in einer Anwandlung gar zu großer Gutherzigkeit ... Doch

handelt es sich hier nicht um mich –

„Ja,“ sagte Gorschkoff nach einer Weile, „auch das Geld ist gut. Gott

sei Dank ... Gott sei Dank ...“

Und dann wiederholte er noch mehrmals vor sich hin: „Gott sei Dank ...

Gott sei Dank ...“

Seine Frau bestellte ein etwas reichlicheres und besseres Mittagessen.

Unsere Wirtin kochte es selbst. Unsere Wirtin ist nämlich im Grunde eine

gute Frau.

Bis zum Essen konnte Gorschkoff keinen Augenblick stillsitzen. Er ging

zu allen in die Zimmer, gleichviel, ob man ihn aufgefordert hatte oder

nicht. Er trat ganz einfach ein, lächelte in seiner Weise, setzte sich

auf einen Stuhl, sagte irgend etwas, oder sagte auch nichts – und dann

ging er wieder. Bei unserem Seemann, bei dem man gerade spielte, nahm er

sogar Karten in die Hand und man ließ ihn auch als vierten mitspielen.

Er spielte, spielte, brachte aber nur Verwirrung ins Spiel und warf die

Karten nach drei oder vier Runden wieder hin.

„Nein, ich habe ja nur so ...“ soll er gesagt haben, „ich habe ja nur so

...“ und damit ist er wieder aus dem Zimmer gegangen.

Mir begegnete er im Korridor, ergriff meine beiden Hände und sah mir

lange in die Augen, aber mit einem ganz eigentümlichen Blick. Dann

drückte er meine Hände und ging fort, immer mit einem Lächeln auf den

Lippen, einem gleichfalls ganz eigentümlichen Lächeln, das so

unbeweglich, so bedrückend war, wie das Lächeln eines Toten. Seine Frau

weinte vor Freude. Es war bei ihnen heute wie ein rechter Feiertag. Das

Mittagessen war bald beendet. Dann, nach dem Essen, hat er plötzlich zu

seiner Frau gesagt:

„Ich will mich jetzt ein wenig hinlegen,“ – und damit hatte er sich auch

schon auf dem Bett ausgestreckt.

Gleich darauf rief er sein Töchterchen zu sich, legte die Hand auf das

Kinderköpfchen und streichelte es immer wieder. Dann wandte er sich von

neuem an seine Frau:

„Wo ist denn Petinka? Unser Petjä,“ fragte er, „unser Petinka? ...“

Die Frau bekreuzte sich und sagte, daß Petinka doch tot sei.

„Ja, ja, ich weiß, ich weiß schon, Petinka ist jetzt im Himmelreich.“

Die Frau merkte, daß er gar nicht so wie sonst war, daß die Erlebnisse

an diesem Tage ihn ganz erschüttert hatten, und sagte deshalb, er solle

doch versuchen, einzuschlafen und auszuruhen.

„Ja, gut ... ich werde gleich ... ich will nur ein wenig ...“ und damit

drehte er sich auf die Seite, lag ein Weilchen, dann wandte er sich

wieder zurück und wollte wohl noch etwas sagen. Die Frau hat ihn noch

gefragt: „Was ist, mein Freund?“ – aber er antwortete schon nicht mehr.

„Nun, er wird wohl eingeschlafen sein,“ sagte sie sich und ging aus dem

Zimmer, um mit der Wirtin Notwendiges zu besprechen. Nach etwa einer

Stunde kam sie zurück – der Mann, sah sie, war noch nicht aufgewacht, er

schlief noch ganz ruhig, ohne sich zu rühren. Sie dachte: mag er nur

schlafen und setzte sich wieder an ihre Arbeit.

Sie erzählt, daß sie wohl über eine halbe Stunde so gesessen habe, doch

könne sie nicht mehr sagen, an was sie eigentlich gedacht, obschon sie

in Nachdenken versunken gewesen sei, nur habe sie den Mann ganz

vergessen. Plötzlich aber sei sie wieder zu sich gekommen, und zwar habe

ein gewisses beunruhigendes Gefühl sie aus ihrer Traumverlorenheit

aufgeschreckt, und da sei ihr zunächst nur die Grabesstille im Zimmer

aufgefallen.

Sie blickte auf das Bett und sah, daß ihr Mann immer noch so lag, wie

vor anderthalb Stunden. Da trat sie denn zu ihm und berührte ihn – er

aber war schon kalt: ja, er war tot, Kind, Gorschkoff war tot, war ganz

plötzlich gestorben, wie vom Blitz getroffen. Woran er aber gestorben

ist, das mag Gott wissen!

Das ist’s, was mich so erschüttert hat, Warinka, daß ich noch immer

nicht recht zur Besinnung kommen kann. Ich kann es nicht glauben, daß

ein Mensch so einfach – stirbt! Dieser arme, unglückliche Mensch! Warum

mußte er denn gerade jetzt an seinem ersten Freudentage sterben! Ja, das

Schicksal, das Schicksal! Die Frau ist ganz aufgelöst in Tränen, noch

ganz verstört von dem furchtbaren Schreck. Das kleine Mädchen aber hat

sich verschüchtert in einen Winkel verkrochen. Bei ihnen ist jetzt nur

ein einziges Kommen und Gehen. Es soll noch eine ärztliche Untersuchung

stattfinden ... so heißt es, genau weiß ich das nicht. Leid tut es mir,

ach, so leid! Es ist doch traurig, wenn man bedenkt, daß man wirklich

weder Tag noch Stunde weiß ... Man stirbt so einfach mir nichts dir

nichts weg und aus ist es ...

Ihr

Makar Djewuschkin.

Sämtliche Werke 14 · 第 66 / 102 题