Mein Täubchen Warinka!
Nun gut, mein Engelchen, also gut! Sie sind zu der Überzeugung gelangt,
daß es noch kein Unglück ist, daß ich das Geld nicht erhalten habe. Nun
gut, ich bin also beruhigt und glücklich. Ich bin sogar froh, weil Sie
mich Alten nicht verlassen und jetzt in dieser Wohnung bleiben. Ja und
wenn man schon alles sagen soll, so muß ich gestehen, daß mein Herz voll
Freude war, als ich las, wie Sie in Ihrem Briefchen so schön über mich
schrieben und sich über meine Gefühle so lobend äußerten. Ich sage das
nicht aus Stolz, sondern weil ich sehe, daß Sie mich gern haben müssen,
wenn Sie sich gerade um mein Herz so beunruhigen. Gut: doch was soll man
jetzt noch viel von meinem Herzen reden! Das Herz ist eine Sache für
sich, – aber Sie sagen da, Kindchen, daß ich nicht kleinmütig sein soll.
Ja, mein Engelchen, Sie haben recht, daß es überflüssig ist, daß man ihn
wirklich nicht braucht – den Kleinmut, meine ich. Aber, bei alledem:
sagen Sie mir jetzt bloß, mein Liebling, in welchen Stiefeln ich mich
morgen in den Dienst begeben soll? – Da sehen Sie, mein Kind, wo der
Haken sitzt. Dieser Gedanke kann doch einen Menschen zugrunde richten,
kann ihn einfach vernichten. Die Hauptursache, meine Gute, ist freilich,
daß ich mich nicht um meinetwillen so sorge, daß ich nicht um
meinetwillen darunter leide. Mir persönlich ist das doch ganz gleich,
und müßte ich auch in der größten Kälte ohne Mantel und Stiefel gehen:
ich würde schon alles aushalten, mir macht es nichts aus, ich bin doch
ein einfacher, ein geringer Mensch. Aber was werden die Leute dazu
sagen? – was werden meine Feinde sagen, und alle diese boshaften Zungen,
wenn ich ohne Mantel komme? Man trägt ihn ja doch nur um der Leute
willen, und auch die Stiefel trägt man nur ihretwegen. Die Stiefel sind
in diesem Falle, mein Kindchen, mein Herzchen, nur zur Aufrechterhaltung
der Ehre und des guten Rufes nötig. In zerrissenen Stiefeln aber geht
die eine wie der andere verloren – glauben Sie mir, was ich Ihnen sage,
mein Kind, verlassen Sie sich auf meine langjährige Erfahrung, hören Sie
auf mich Alten, der die Menschen kennt, und nicht auf irgend solche
Sudler.
Aber ich habe Ihnen ja noch gar nicht ausführlich erzählt, Kind, wie das
heute alles in Wirklichkeit war. Ich habe an diesem einen Morgen so viel
ausgestanden, so viele Seelenqualen durchgemacht, wie manch einer
vielleicht in einem ganzen Jahr nicht. Also nun hören Sie, wie es war:
Ich ging ganz, ganz früh von Hause fort, um ihn anzutreffen und dann
selbst noch rechtzeitig in den Dienst kommen zu können. Es war solch ein
Regenwetter heute, solch ein Schmutz! Nun, ich wickelte mich in meinen
Mantel, mein Herzchen, und ging und ging, und dabei dachte ich die ganze
Zeit: Lieber Gott! Vergib mir alle meine Übertretungen deiner Gebote und
laß meinen Wunsch in Erfüllung gehen! Wie ich an der –schen Kirche
vorüberging, bekreuzte ich mich, bereute alle meine Sünden, besann mich
aber darauf, daß es mir nicht zusteht, mit Gott dem Herrn so zu
unterhandeln. Da versenkte ich mich denn in meine eigenen Gedanken und
wollte nichts mehr ansehen. Und so ging ich denn, ohne auf den Weg zu
achten, immer weiter. Die Straßen waren leer, und die Menschen, denen
man von Zeit zu Zeit begegnete, sahen besorgt und gehetzt aus – freilich
war das auch kein Wunder: wer wird denn um diese Zeit und bei diesem
Wetter spazieren gehen? Ein Trupp schmutziger Arbeiter kam mir entgegen:
die stießen mich roh zur Seite, die Kerle. Da überfiel mich wieder
Schüchternheit, mir wurde bange, und an das Geld, um die Wahrheit zu
sagen, wollte ich überhaupt nicht mehr denken – geht man auf gut Glück,
nun, dann eben auf gut Glück!
Gerade bei der Wosnessenskij-Brücke blieb eine meiner Stiefelsohlen
liegen, so daß ich selbst nicht mehr weiß, auf was ich eigentlich
weiterging. Und gerade dort kam mir unser Schreiber Jermolajeff
entgegen, stand still und folgte mir mit den Blicken, fast so, als wolle
er mich um ein Trinkgeld bitten. Ach Gott ja, Bruderherz, dachte ich,
ein Trinkgeld, was ist ein Trinkgeld!
Ich war furchtbar müde, blieb stehen, erholte mich ein bißchen, und dann
schleppte ich mich wieder weiter. Jetzt sah ich absichtlich überall hin,
um irgendwo was zu entdecken, an das ich die Gedanken hätte heften
können, so um mich etwas zu zerstreuen, mich etwas aufzumuntern, aber
ich fand nichts: kein einziger Gedanke wollte haften bleiben, und zum
Überfluß war ich auch noch so schmutzig geworden, daß ich mich vor mir
selber schämte. Endlich erblickte ich in der Ferne ein gelbes hölzernes
Haus mit einem Giebelausbau, eine Art Villa: nun, da ist es, dachte ich
gleich, so hat es mir auch Jemeljan Iwanowitsch beschrieben – das Haus
Markoffs. (Markoff heißt er nämlich, der Mann, der Geld auf Prozente
leiht.) Nun, und da gingen mir denn die Gedanken alle ganz
durcheinander: ich wußte, daß es Markoffs Haus war, fragte aber trotzdem
den Schutzmann im Wächterhäuschen, wessen Haus denn dies dort eigentlich
sei, das heißt also, wer darin wohne. Der Schutzmann aber, solch ein
Grobian, antwortete mißmutig, ganz als ärgere er sich über mich, und
brummte nur so vor sich hin: jenes Haus gehöre einem gewissen Markoff.
Diese Polizeibeamten sind alle so gefühllose Menschen – doch was gehen
sie mich schließlich an? Immerhin war es ein schlechter und unangenehmer
Eindruck. Mit einem Wort: eins kam zum andern. In allem findet man
etwas, was gerade der eigenen Lage entspricht oder was man als
gewissermaßen zu ihr in Beziehung stehend empfindet: das ist immer so. –
An dem Hause ging ich dreimal vorüber, aber je mehr ich ging, um so
schlimmer wurde es: nein, denke ich, er wird mir nichts geben, wird mir
bestimmt kein Geld geben, ganz gewiß nicht! Ich bin doch ein fremder,
ihm völlig unbekannter Mensch, es ist eine heikle Sache, und auch mein
Äußeres ist nicht gerade einnehmend. Nun, denke ich, wie es das
Schicksal will, dann bereue ich es nachher wenigstens nicht, daß ich es
überhaupt nicht versucht habe, der Versuch wird mich ja auch nicht
gleich den Kopf kosten! Und so öffnete ich denn leise das Hofpförtchen.
Aber nun kam schon das andere Unglück: kaum war ich eingetreten, da
stürzte solch ein dummer kleiner Hofhund, so ein richtiger Hackenbeißer,
auf mich los und kläffte und kläffte, daß einem die Ohren klangen. Und
sehen Sie, immer sind es gerade derartige nichtswürdige kleine
Zwischenfälle, mein Kind, die einen aus dem Gleichgewicht bringen und
von neuem schüchtern machen, und die ganze Entschlossenheit, zu der man
sich schon zusammengerafft hat, wieder vernichten. Ich gelangte halb tot
halb lebendig ins Haus – dort aber stieß ich gleich auf ein neues
Unglück: ich sah nicht, wohin ich trat und was im halbdunklen Flur neben
der Schwelle stand – plötzlich stolperte ich über irgendein hockendes
Weib, das gerade Milch aus dem Melkgefäß in Kannen goß, und da
verschüttete sie denn die ganze Milch. Das dumme Weib schrie natürlich
und keifte sogleich und zeterte: „Siehst du denn nicht, wohin du rennst,
mach doch die Augen auf, was suchst du hier?“ und so ging es weiter ohne
Unterlaß. Ich schreibe Ihnen das alles, mein Kind, schreibe es nur
deshalb, weil mir in solchen Fällen regelmäßig etwas zustößt: das muß
mir wohl vom Schicksal schon so bestimmt sein. Ewig gerate ich mit etwas
anderem, ganz Nebensächlichem zusammen und durcheinander.
Auf das Geschrei hin kam eine alte Hexe zum Vorschein, eine
Finnländerin. Ich wandte mich sogleich an sie: ob hier Herr Markoff
wohne? Nein, sagte sie zunächst barsch, blieb dann aber stehen und
musterte mich eingehend.
„Was wollen Sie denn von ihm?“ fragte sie.
Nun, ich erklärte ihr alles: „So und so, Jemeljan Iwanowitsch ...“ –
erzählte auch alles übrige – kurz: ich käme in Geschäften! Darauf rief
die Alte ihre Tochter herbei – die kam: ein erwachsenes Mädchen, und
barfuß.
„Ruf den Vater. Er ist oben bei den Mietern. Bitte, treten Sie näher.“
Ich trat ein. Das Zimmer war – nun, wie so gewöhnlich diese Zimmer sind:
an den Wänden Bilder, größtenteils Porträts von Generälen, ein Sofa, ein
runder Tisch, Reseda und Balsaminen in Blumentöpfen – ich denke und
denke: soll ich mich nicht lieber drücken, solange es noch Zeit ist? Und
bei Gott, mein Kind, ich war wirklich schon im Begriff, fortzulaufen!
Ich dachte: ich werde lieber morgen kommen, nächstens, dann wird auch
das Wetter besser sein, ich werde noch bis dahin warten! Heute aber ist
sowieso die Milch verschüttet, die Generale sehen mich alle so böse an
... Und ich wandte mich, ich gesteh’s wirklich, schon zur Tür, Warinka,
da kam auch schon Er: – so, nichts Besonderes, ein kleines, graues
Kerlchen, mit solchen, wissen Sie, etwas heimtückischen Äuglein, dabei
in einem schmierigen Schlafrock, mit einer Schnur um den Leib.
Er erkundigte sich, welches mein Wunsch sei und womit er mir dienen
könne, worauf ich ihm sagte: „So und so, Jemeljan Iwanowitsch – etwa
vierzig Rubel,“ sagte ich, „die habe ich nötig –.“ Aber ich sprach nicht
zu Ende. An seinen Augen schon sah ich, daß ich verspielt hatte.
„Nein,“ sagte er, „tut mir leid, ich habe kein Geld. Oder haben Sie ein
Pfand?“
Ich begann, ihm zu erklären, daß ich ein Pfand zwar nicht habe,
„Jemeljan Iwanowitsch aber – und so weiter,“ mit einem Wort, ich
erklärte ihm alles, was da zu erklären war. Er hörte mich ruhig an.
„Ja, was,“ sagte er, „Jemeljan Iwanowitsch kann mir nichts helfen, ich
habe kein Geld.“
Nun, dachte ich, das sah ich ja schon kommen, das wußte ich, das habe
ich vorausgeahnt. Wirklich, Warinka, es wäre besser gewesen, die Erde
hätte sich unter mir aufgetan, meine Füße wurden kalt, Frösteln lief mir
über den Rücken. Ich sah ihn an und er sah mich an, fast als wolle er
sagen: „Nun, geh mal jetzt, mein Bester, du hast hier nichts mehr zu
suchen,“ – so daß ich mich unter anderen Umständen zu Tode geschämt
hätte.
„Wozu brauchen Sie denn das Geld?“ – (das hat er mich wirklich gefragt,
mein Kind!).
Ich tat schon den Mund auf, nur um nicht so müßig dazustehen, aber er
wollte mich gar nicht mehr anhören.
„Nein,“ sagte er, „ich habe kein Geld, sonst,“ sagte er, „sonst würde
ich mit dem größten Vergnügen ...“
Ich machte ihm wieder und immer wieder Vorstellungen, sagte ihm, daß ich
ja nicht viel brauche, daß ich ihm alles wieder zurückgeben würde, genau
zum Termin, ja sogar noch vor dem Termin, daß er so hohe Prozente nehmen
könne, wie er nur wolle, und daß ich ihm, noch einmal, bei Gott alles
zurückzahlen werde. Ich dachte in dem Augenblick an Sie, mein
Kind, an Ihr Unglück und an Ihre Not, und dachte auch an Ihr
Fünfzigkopekenstückchen.
„Nein,“ sagte er, „wer redet hier von Prozenten, aber wenn Sie ein Pfand
hätten ... Ich habe im Augenblick kein Geld, bei Gott, ich habe keines,
sonst natürlich mit dem größten Vergnügen ...“
Ja, er schwor noch bei Gott, der Räuber!
Nun und da, meine Liebe, – ich weiß selbst nicht mehr, wie ich das Haus
verließ und wieder auf die Wosnessenskij-Brücke kam. Ich war nur
furchtbar müde, kalt war es auch und ich war ganz steifgefroren und kam
erst gegen zehn Uhr zum Dienst. Ich wollte meine Kleider etwas
abbürsten, vom Schmutz reinigen, aber der Amtsdiener sagte, das gehe
nicht an, ich würde die Bürste verderben, die Bürste sei aber
Kronseigentum. Da sehen Sie nun, mein Kind, wie ich jetzt von diesen
Leuten angesehen werde: als wäre ich noch nicht einmal eine alte Matte,
an der man die Füße abwischen kann. Was ist es denn, Warinka, was mich
so niederdrückt? – Doch nicht das Geld, das ich nicht habe, sondern alle
diese Aufregungen, und daß man mit Menschen in Berührung kommt: all
dieses Geflüster, dieses Lächeln, diese Scherzchen! Und Seine Exzellenz
kann sich doch auch einmal zufällig an mich wenden oder über mein
Äußeres eine Bemerkung machen! Ach, Kind, meine goldenen Zeiten sind
jetzt vorüber! Heute habe ich alle Ihre Briefchen nochmals durchgelesen,
– traurig, Kind! Leben Sie wohl, mein Täubchen, Gott schütze Sie!