Warwara Alexejewna, meine Liebe!
Sie freuen sich, mein Kind, daß Gott der Herr Ihnen jetzt Gelegenheit
gegeben hat, Gutes mit Gutem zu vergelten und mir Ihre Dankbarkeit zu
beweisen. Ich glaube daran, Warinka, und glaube an die Engelsgüte Ihres
Herzchens, und will Ihnen keinen Vorwurf machen, nur müssen auch Sie mir
nicht wie damals vorwerfen, daß ich auf meine alten Tage ein
Verschwender geworden sei. Nun, ich habe eben mal gesündigt, was ist da
zu machen! – wenn Sie durchaus wollen, daß es eine Sünde sei. Nur sehen
Sie, Warinka, gerade von Ihnen das zu hören, das tut weh!
Aber seien Sie mir deshalb nicht böse, daß ich Ihnen das sage. In meinem
Herzen ist alles krank, mein Kind. Arme sind eigensinnig: – das ist von
der Natur selbst so eingerichtet. Ich habe es auch früher schon
beobachtet und selbst gefühlt. Der arme Mensch ist empfindlich: Gottes
Welt sieht er anders an, auf jeden Vorübergehenden sieht er mißtrauisch
von der Seite, und schaut sich überall argwöhnisch und verwirrt um, und
horcht auf jedes Wort – ob da nicht etwa von ihm gesprochen wird? Ob man
sich nicht gerade zuflüstert, wie unansehnlich und abgerissen er
ausschaue? Ob man sich nicht frage, was er gerade in diesem Augenblick
wohl empfinde? Vielleicht auch, wie er denn eigentlich von dieser, und
wie er wohl von jener Seite sich ausnehme? Das weiß doch ein jeder,
Warinka, daß ein armer Mensch schlechter als ein alter Lappen ist und
keinerlei Achtung von anderen Menschen verlangen kann, was man da auch
immer schreiben mag! Denn was diese Buchmenschen da schreiben: es bleibt
am armen Menschen doch alles so, wie es war. Und weshalb bleibt es so,
wie es war? Nun, weil bei einem armen Menschen alles sozusagen mit der
linken Seite nach außen sein muß, er darf da nichts tiefinnerlich
Verborgenes besitzen, keinen Ehrgeiz beispielsweise oder sonst sowas,
das duldet man einfach nicht. Noch neulich sagte mir der Jemeljä, daß
man einmal irgendwo eine Kollekte für ihn gemacht habe, und daß er dabei
für jeden Heller gewissermaßen einer Besichtigung unterzogen worden sei.
Die Menschen waren der Meinung, daß sie ihm ihre Almosen nicht umsonst
geben müßten – oh nein: sie zahlten dafür, daß man ihnen einen armen
Menschen zeigte. Heutzutage, Kind, werden auch die Wohltaten ganz
eigenartig erwiesen ... vielleicht auch, daß sie immer so erwiesen
worden sind, wer kann das wissen! Entweder verstehen es die Leute nicht
oder sie sind schon gar zu große Meister darin – eins von beiden.
Sie haben das vielleicht noch nicht gewußt? Dann merken Sie es sich!
Glauben Sie mir, Warinka, wenn ich auch über manches nicht mitreden kann
– hierüber weiß ich besser Bescheid, als so mancher andere! Woher aber
weiß ein armer Mensch alles dies? Und warum denkt er überhaupt so etwas?
Ja, woher weiß er es? – Nun, eben so – aus Erfahrung! Ebensogut wie er
weiß, daß dort der feine Herr, der neben ihm geht und sogleich in ein
Restaurant treten wird, bei sich selbst denkt: „Was wird wohl dieser
arme Beamte da heute zu Mittag speisen? Ich werde mir jedenfalls _sauté
aux papillotes_ bestellen, er aber wird vielleicht einen Brei ohne
Butter essen!“ – Aber was geht es denn ihn an, daß ich Brei ohne Butter
essen werde? Ja, es gibt nun einmal solche Menschen, Warinka, es gibt
wirklich solche Menschen, die nur an so etwas denken. Und die gehen dann
noch umher, diese nichtsnutzigen Pasquillanten, und schnüffeln überall
und sehen nach, ob einer mit dem ganzen Fuß auftritt, oder nur mit der
Fußspitze, und notieren es sich noch, daß der und der Beamte in dem und
dem Ressort Stiefel trägt, aus denen die nackten Zehen hervorgucken, daß
die Ärmel seiner Uniform an den Ellenbogen durchgescheuert sind und
Löcher aufweisen – und das beschreiben sie dann alles ganz genau, und
obendrein wird’s gedruckt ... Was geht das dich an, daß meine Ellenbogen
zerrissen sind? Ja, wenn Sie mir das grobe Wort verzeihen, Warinka, so
sage ich Ihnen, daß ein armer Mensch in dieser Beziehung ganz dieselbe
Scham empfindet, wie Sie beispielsweise Ihre Mädchenscham empfinden. Sie
werden sich doch auch nicht vor allen Leuten – verzeihen Sie mir das
grobe Beispiel – auskleiden. Nun, und sehen Sie, genau so ungern sieht
es der arme Mensch, daß man in seine Hundehütte hineinblickt, etwa um zu
sehen, wie denn da seine Familienverhältnisse sind. Was lag aber für ein
Grund vor, mich, Warinka, zusammen mit meinen Feinden, die es auf die
Ehre und den guten Ruf eines ehrlichen Menschen abgesehen haben, so zu
beleidigen?
Nun, und heute saß ich in meinem Bureau ganz mäuschenstill und geduckt,
und kam mir selbst wie ein gerupfter Sperling vor, so daß ich vor Scham
fast vergehen wollte. Ich schämte mich, Warinka! Man verliert ja
unwillkürlich den Mut, wenn man weiß, daß durch das durchgescheuerte
Ärmelzeug die Ellenbogen schimmern und die Knöpfe nur noch an einem
Fädchen baumeln. Und bei mir war doch alles wie behext, alles
buchstäblich wie behext, und in der größten Verwahrlosung! Da verliert
man denn ganz unwillkürlich seinen Mut. Ja, wie auch nicht! Selbst
Stepan Karlowitsch sagte, als er heute über Dienstliches mit mir zu
sprechen begann: er sprach nämlich und sprach, und dann plötzlich
entfuhr es ihm ganz unversehens: „Ach ja, Makar Alexejewitsch!“ sprach
aber das andere nicht aus, nicht das, was er dachte, nur erriet ich es
durch alle seine Gedanken hindurch und errötete so, daß sogar meine
Glatze rot wurde. Es hat ja im Grunde nichts zu bedeuten, aber es ist
doch immer irgendwie beunruhigend und bringt einen auf ganz schwermütige
Gedanken. Sollten Sie vielleicht schon etwas erfahren haben? Gott
behüte, wenn Sie nun doch etwas erfahren haben sollten! Ja, wirklich,
aufrichtig gesagt, ich habe einen gewissen Menschen stark im Verdacht.
Diesen Räubern macht es doch nichts aus! Die verraten einen ohne
weiteres! Sie sind fähig, dein ganzes Privatleben für nichts und wieder
nichts zu verkaufen! Denen ist gar nichts mehr heilig!
Ich weiß jetzt, wessen Streich das ist: Ratasäjeff hat’s getan! Er muß
mit jemandem aus unserem Ressort bekannt sein, und da hat er dem
Betreffenden so gesprächsweise etwas gesagt, vielleicht auch noch seine
Erzählung ganz besonders ausgeschmückt. Oder er hat’s vielleicht in
seinem Bureau erzählt, und von dort ist es dann hinausgetragen worden
und auch zu uns gekommen. Bei uns zu Hause sind alle ganz genau
unterrichtet: sie weisen gar mit dem Finger nach Ihrem Fenster. Ich weiß
schon, daß sie’s tun. Und als ich gestern zum Mittagessen zu Ihnen ging,
steckten sie aus allen Fenstern die Köpfe hinaus, und die Wirtin sagte,
da habe nun der Teufel mit einem Säugling einen Bund geschlossen, und
dann drückte sie sich außerdem noch unanständig über Sie aus.
Aber alles dies ist noch nichts gegen die schändliche Absicht
Ratasäjeffs, uns beide in seine Schriften hineinzubringen und uns in
einer pikanten Satire zu schildern. Das hat er selbst gesagt, und mir
deuteten es einige gute Freunde im Bureau an. Ich kann jetzt an nichts
mehr denken, mein Kind, und weiß nicht einmal, wozu ich mich
entschließen muß. Ja, – soll man da noch länger seine Sünde in Abrede
stellen, wir haben doch wohl beide Gott den Herrn erzürnt, mein
Engelchen!
Sie wollten mir, mein Kind, ein Buch schicken, damit ich mich nicht
langweile. Lassen Sie es gut sein, Liebling, was mach ich damit! Und was
ist denn solch ein Buch? Das ist doch alles nichts Wirkliches! Und auch
Satiren und Romane sind Unsinn, nur so um des Unsinns willen
geschrieben, nur so, damit müßige Leute etwas zu lesen haben. Glauben
Sie mir, mein Kind, was ich Ihnen sage, glauben Sie meiner langjährigen
Erfahrung. Und wenn sie Ihnen da von Shakespeare anfangen – in der
Literatur, siehst du, gibt es einen Shakespeare! – so ist ja doch auch
ihr ganzer Shakespeare Unsinn, nichts als barer Unsinn, und nichts
weiter als ein Spott- und Schmähgeschreibe und nur zu solchem Zweck von
diesem Pasquillanten verfaßt!
Ihr
Makar Djewuschkin.