1. August.

Warwara Alexejewna, meine Liebe!

Sie freuen sich, mein Kind, daß Gott der Herr Ihnen jetzt Gelegenheit

gegeben hat, Gutes mit Gutem zu vergelten und mir Ihre Dankbarkeit zu

beweisen. Ich glaube daran, Warinka, und glaube an die Engelsgüte Ihres

Herzchens, und will Ihnen keinen Vorwurf machen, nur müssen auch Sie mir

nicht wie damals vorwerfen, daß ich auf meine alten Tage ein

Verschwender geworden sei. Nun, ich habe eben mal gesündigt, was ist da

zu machen! – wenn Sie durchaus wollen, daß es eine Sünde sei. Nur sehen

Sie, Warinka, gerade von Ihnen das zu hören, das tut weh!

Aber seien Sie mir deshalb nicht böse, daß ich Ihnen das sage. In meinem

Herzen ist alles krank, mein Kind. Arme sind eigensinnig: – das ist von

der Natur selbst so eingerichtet. Ich habe es auch früher schon

beobachtet und selbst gefühlt. Der arme Mensch ist empfindlich: Gottes

Welt sieht er anders an, auf jeden Vorübergehenden sieht er mißtrauisch

von der Seite, und schaut sich überall argwöhnisch und verwirrt um, und

horcht auf jedes Wort – ob da nicht etwa von ihm gesprochen wird? Ob man

sich nicht gerade zuflüstert, wie unansehnlich und abgerissen er

ausschaue? Ob man sich nicht frage, was er gerade in diesem Augenblick

wohl empfinde? Vielleicht auch, wie er denn eigentlich von dieser, und

wie er wohl von jener Seite sich ausnehme? Das weiß doch ein jeder,

Warinka, daß ein armer Mensch schlechter als ein alter Lappen ist und

keinerlei Achtung von anderen Menschen verlangen kann, was man da auch

immer schreiben mag! Denn was diese Buchmenschen da schreiben: es bleibt

am armen Menschen doch alles so, wie es war. Und weshalb bleibt es so,

wie es war? Nun, weil bei einem armen Menschen alles sozusagen mit der

linken Seite nach außen sein muß, er darf da nichts tiefinnerlich

Verborgenes besitzen, keinen Ehrgeiz beispielsweise oder sonst sowas,

das duldet man einfach nicht. Noch neulich sagte mir der Jemeljä, daß

man einmal irgendwo eine Kollekte für ihn gemacht habe, und daß er dabei

für jeden Heller gewissermaßen einer Besichtigung unterzogen worden sei.

Die Menschen waren der Meinung, daß sie ihm ihre Almosen nicht umsonst

geben müßten – oh nein: sie zahlten dafür, daß man ihnen einen armen

Menschen zeigte. Heutzutage, Kind, werden auch die Wohltaten ganz

eigenartig erwiesen ... vielleicht auch, daß sie immer so erwiesen

worden sind, wer kann das wissen! Entweder verstehen es die Leute nicht

oder sie sind schon gar zu große Meister darin – eins von beiden.

Sie haben das vielleicht noch nicht gewußt? Dann merken Sie es sich!

Glauben Sie mir, Warinka, wenn ich auch über manches nicht mitreden kann

– hierüber weiß ich besser Bescheid, als so mancher andere! Woher aber

weiß ein armer Mensch alles dies? Und warum denkt er überhaupt so etwas?

Ja, woher weiß er es? – Nun, eben so – aus Erfahrung! Ebensogut wie er

weiß, daß dort der feine Herr, der neben ihm geht und sogleich in ein

Restaurant treten wird, bei sich selbst denkt: „Was wird wohl dieser

arme Beamte da heute zu Mittag speisen? Ich werde mir jedenfalls _sauté

aux papillotes_ bestellen, er aber wird vielleicht einen Brei ohne

Butter essen!“ – Aber was geht es denn ihn an, daß ich Brei ohne Butter

essen werde? Ja, es gibt nun einmal solche Menschen, Warinka, es gibt

wirklich solche Menschen, die nur an so etwas denken. Und die gehen dann

noch umher, diese nichtsnutzigen Pasquillanten, und schnüffeln überall

und sehen nach, ob einer mit dem ganzen Fuß auftritt, oder nur mit der

Fußspitze, und notieren es sich noch, daß der und der Beamte in dem und

dem Ressort Stiefel trägt, aus denen die nackten Zehen hervorgucken, daß

die Ärmel seiner Uniform an den Ellenbogen durchgescheuert sind und

Löcher aufweisen – und das beschreiben sie dann alles ganz genau, und

obendrein wird’s gedruckt ... Was geht das dich an, daß meine Ellenbogen

zerrissen sind? Ja, wenn Sie mir das grobe Wort verzeihen, Warinka, so

sage ich Ihnen, daß ein armer Mensch in dieser Beziehung ganz dieselbe

Scham empfindet, wie Sie beispielsweise Ihre Mädchenscham empfinden. Sie

werden sich doch auch nicht vor allen Leuten – verzeihen Sie mir das

grobe Beispiel – auskleiden. Nun, und sehen Sie, genau so ungern sieht

es der arme Mensch, daß man in seine Hundehütte hineinblickt, etwa um zu

sehen, wie denn da seine Familienverhältnisse sind. Was lag aber für ein

Grund vor, mich, Warinka, zusammen mit meinen Feinden, die es auf die

Ehre und den guten Ruf eines ehrlichen Menschen abgesehen haben, so zu

beleidigen?

Nun, und heute saß ich in meinem Bureau ganz mäuschenstill und geduckt,

und kam mir selbst wie ein gerupfter Sperling vor, so daß ich vor Scham

fast vergehen wollte. Ich schämte mich, Warinka! Man verliert ja

unwillkürlich den Mut, wenn man weiß, daß durch das durchgescheuerte

Ärmelzeug die Ellenbogen schimmern und die Knöpfe nur noch an einem

Fädchen baumeln. Und bei mir war doch alles wie behext, alles

buchstäblich wie behext, und in der größten Verwahrlosung! Da verliert

man denn ganz unwillkürlich seinen Mut. Ja, wie auch nicht! Selbst

Stepan Karlowitsch sagte, als er heute über Dienstliches mit mir zu

sprechen begann: er sprach nämlich und sprach, und dann plötzlich

entfuhr es ihm ganz unversehens: „Ach ja, Makar Alexejewitsch!“ sprach

aber das andere nicht aus, nicht das, was er dachte, nur erriet ich es

durch alle seine Gedanken hindurch und errötete so, daß sogar meine

Glatze rot wurde. Es hat ja im Grunde nichts zu bedeuten, aber es ist

doch immer irgendwie beunruhigend und bringt einen auf ganz schwermütige

Gedanken. Sollten Sie vielleicht schon etwas erfahren haben? Gott

behüte, wenn Sie nun doch etwas erfahren haben sollten! Ja, wirklich,

aufrichtig gesagt, ich habe einen gewissen Menschen stark im Verdacht.

Diesen Räubern macht es doch nichts aus! Die verraten einen ohne

weiteres! Sie sind fähig, dein ganzes Privatleben für nichts und wieder

nichts zu verkaufen! Denen ist gar nichts mehr heilig!

Ich weiß jetzt, wessen Streich das ist: Ratasäjeff hat’s getan! Er muß

mit jemandem aus unserem Ressort bekannt sein, und da hat er dem

Betreffenden so gesprächsweise etwas gesagt, vielleicht auch noch seine

Erzählung ganz besonders ausgeschmückt. Oder er hat’s vielleicht in

seinem Bureau erzählt, und von dort ist es dann hinausgetragen worden

und auch zu uns gekommen. Bei uns zu Hause sind alle ganz genau

unterrichtet: sie weisen gar mit dem Finger nach Ihrem Fenster. Ich weiß

schon, daß sie’s tun. Und als ich gestern zum Mittagessen zu Ihnen ging,

steckten sie aus allen Fenstern die Köpfe hinaus, und die Wirtin sagte,

da habe nun der Teufel mit einem Säugling einen Bund geschlossen, und

dann drückte sie sich außerdem noch unanständig über Sie aus.

Aber alles dies ist noch nichts gegen die schändliche Absicht

Ratasäjeffs, uns beide in seine Schriften hineinzubringen und uns in

einer pikanten Satire zu schildern. Das hat er selbst gesagt, und mir

deuteten es einige gute Freunde im Bureau an. Ich kann jetzt an nichts

mehr denken, mein Kind, und weiß nicht einmal, wozu ich mich

entschließen muß. Ja, – soll man da noch länger seine Sünde in Abrede

stellen, wir haben doch wohl beide Gott den Herrn erzürnt, mein

Engelchen!

Sie wollten mir, mein Kind, ein Buch schicken, damit ich mich nicht

langweile. Lassen Sie es gut sein, Liebling, was mach ich damit! Und was

ist denn solch ein Buch? Das ist doch alles nichts Wirkliches! Und auch

Satiren und Romane sind Unsinn, nur so um des Unsinns willen

geschrieben, nur so, damit müßige Leute etwas zu lesen haben. Glauben

Sie mir, mein Kind, was ich Ihnen sage, glauben Sie meiner langjährigen

Erfahrung. Und wenn sie Ihnen da von Shakespeare anfangen – in der

Literatur, siehst du, gibt es einen Shakespeare! – so ist ja doch auch

ihr ganzer Shakespeare Unsinn, nichts als barer Unsinn, und nichts

weiter als ein Spott- und Schmähgeschreibe und nur zu solchem Zweck von

diesem Pasquillanten verfaßt!

Ihr

Makar Djewuschkin.

Sämtliche Werke 14 · 第 42 / 102 题