Warinka, mein Liebes!
Ach, Warinka, Warinka! Jetzt ist aber die Schuld auf Ihrer Seite und
wird auf Ihrem Gewissen lasten bleiben. Mit Ihrem Brief hatten Sie mich
um den Rest von Überlegungskraft gebracht, den ich noch besaß, und mich
ganz und gar vor den Kopf gestoßen: erst jetzt, nachdem ich in Muße
nachgedacht und mir bis ins innerste Herz hineingeblickt habe, sehe ich
und weiß ich wieder, daß ich doch im Recht war, vollkommen im Recht. Ich
rede jetzt nicht von meinen drei wüsten Tagen (lassen wir das gut sein,
Kind, reden wir nicht mehr davon!), sondern sage nur immer wieder, daß
ich Sie liebe und daß es keineswegs unvernünftig von mir war, Sie zu
lieben, nein, durchaus nicht unvernünftig! Sie, mein Kind, wissen ja
doch noch nichts: aber wenn Sie wüßten, wie das alles kam, warum ich Sie
lieben muß, so würden Sie ganz anders reden. Sie sagen ja dies alles nur
so, und ich bin überzeugt, daß Sie in Ihrem Herzen ganz anders denken.
Mein Kind, ich weiß es ja selbst nicht mehr ganz genau, was ich mit
jenen Offizieren eigentlich hatte. Ich muß Ihnen nämlich gestehen, mein
Engelchen, daß ich mich bis dahin in der schrecklichsten Lage befand.
Stellen Sie sich vor, mein Kind, daß ich mich schon einen ganzen Monat
sozusagen nur noch an einem Fädchen hielt. Meine Bedrängnis war so groß,
daß ich gar nicht mehr wußte, wo ich mich lassen sollte. Vor Ihnen
versteckte ich mich, und hier zu Haus versteckte ich mich gleichfalls,
aber meine Wirtin schrie trotzdem allen Menschen die Ohren voll. Ich
hätte mir nicht viel daraus gemacht, ich hätte sie ja schreien lassen,
die schändliche Person, so viel sie wollte, aber erstens war es doch
eine Schande, und zweitens kam hinzu, daß sie Gott weiß woher von
unserer Freundschaft erfahren hatte, und da schrie sie denn im ganzen
Hause solche Sachen über uns aus, daß mir Hören und Sehen verging und
ich mir die Ohren zuhielt. Die anderen aber hielten sich ihre Ohren
nicht zu, sondern rissen sie ganz im Gegenteil sperrangelweit auf. Auch
jetzt noch weiß ich nicht, mein Kind, wo ich mich vor ihnen verbergen
soll ...
Und nun, sehen Sie mein Engelchen, diesem Ansturm von Unglück in allen
seinen Arten war ich eben nicht gewachsen. Und da hörte ich nun
plötzlich von Fedora, daß ein Nichtswürdiger zu Ihnen gekommen sei und
Sie mit unverschämten Anträgen beleidigt habe. Daß er Sie tief und
grausam beleidigt haben mußte, das konnte ich schon nach mir selbst
beurteilen, mein Kind, denn auch ich fühlte mich dadurch tief beleidigt.
Ja – und da, mein Engelchen, da verlor ich eben den Verstand, verlor den
Kopf und verlor mich selbst vollständig dazu. Ich lief in einer solchen
Wut fort, Warinka, wie ich sie mein Lebtag noch nicht empfunden. Ich
wollte sogleich zu ihm, zu diesem Verführer, dem nichts mehr heilig war!
Doch ich weiß selbst nicht, was ich wollte. Ich wollte jedenfalls, mein
Engelchen, daß man Sie nicht beleidigte! Nun, traurig war es! Regen und
Schmutz draußen und Weh und Kummer im Herzen! ... Ich gedachte schon
zurückzukehren ... Aber da kam das Verhängnis, mein Kind. Ich begegnete
dem Jemeljä, dem Jemeljan Iljitsch, – er ist ein Beamter, d. h. er war
Beamter, jetzt aber ist er es nicht mehr, denn er wurde aus irgendeinem
Grunde davongejagt. – Ich weiß eigentlich nicht, womit er sich jetzt
beschäftigt – irgendwie wird er sich wohl schon durchzuschlagen wissen
und so gingen wir denn beide. Gingen. – Und dann, – ja, was soll man da
reden, Warinka, es ist für Sie doch keine Freude, von den Verirrungen
und Prüfungen Ihres Freundes zu lesen – und den Bericht von all dem
Unglück mit anzuhören, das er gehabt hat. Am dritten Tage, gegen Abend –
der Jemeljä, Gott verzeih ihm, hatte mich aufgehetzt – ging ich
schließlich hin zu dem Leutnant. Seine Adresse hatte ich von unserem
Hausknecht erfahren. Ich hatte ja doch – da nun einmal die Rede davon
ist – schon lange diesen jungen Helden ins Auge gefaßt, hatte ihn schon
lange beobachtet, als er noch in unserem Hause wohnte. Jetzt sehe ich ja
ein, daß ich mich nicht richtig benommen habe, denn ich war nicht in
einem klaren Zustande, als ich mich bei ihm melden ließ, Warinka. Und
dann mein Kind, ja dann, offengestanden, davon weiß ich nichts mehr, was
dann noch geschah. Ich erinnere mich nur noch, daß sehr viele Offiziere
bei ihm waren, oder vielleicht auch, Gott weiß es, sahen meine Augen
alles doppelt. Auch weiß ich nicht mehr, was ich dort eigentlich tat,
ich weiß nur, daß ich viel sprach, und zwar in ehrlicher Entrüstung. Nun
und da wurde ich denn schließlich hinausbefördert und die Treppe
hinabgeworfen, d. h. nicht gerade, daß sie mich wortwörtlich
hinabgeworfen hätten, aber immerhin: ich wurde hinausbefördert. Wie ich
wieder nach Hause kam, das wissen Sie ja schon. Nun und das ist alles,
Warinka. Ich habe mir natürlich viel vergeben und meine Ehre hat
darunter gelitten, aber von dem ganzen weiß ja doch niemand, von fremden
Menschen niemand, außer Ihnen kein Mensch, nun und das ist doch ebenso
gut, als wäre überhaupt nichts gewesen. Ja, vielleicht ist es auch
wirklich so, Warinka, was meinen Sie? Was ich nämlich ganz genau weiß,
das ist, daß im vorigen Jahr Akssentij Ossipowitsch sich bei uns ganz
ebenso an Pjotr Petrowitsch vergriff, aber er tat es nicht öffentlich,
tat es unter vier Augen. Er ließ ihn in die Wachtstube bitten, ich aber
sah alles zufällig mit an: dort nun verfuhr er dann mit ihm, wie er es
für richtig befand, jedoch unter voller Wahrung von Ehre und Haltung:
denn wie gesagt, es sah niemand etwas davon – außer mir. Ich aber – nun,
ich bin doch nichts, d. h. ich will damit nur sagen, daß ich nichts
davon habe verlauten lassen, es ist also ganz so, als hätte auch ich
nichts gewußt. Nun und nachher haben Pjotr Petrowitsch und Akssentij
Ossipowitsch immer so zueinander gestanden, als wäre nie etwas zwischen
ihnen vorgefallen. Pjotr Petrowitsch ist, wissen Sie, solch ein
Ehrgeiziger, daher hat er denn auch niemand etwas gesagt, und jetzt
grüßen sie sich, als ob nichts vorgefallen wäre, und reichen sich sogar
die Hand.
Ich widerspreche ja nicht, Warinka, ich wage ja gar nicht, Ihnen zu
widersprechen, ich sehe es selbst ein, daß ich tief gesunken bin und ich
habe sogar, was am schrecklichsten ist, an Selbstachtung viel, ach, sehr
viel verloren. Doch das wird mir wahrscheinlich schon von Geburt an so
bestimmt gewesen sein: das war eben mein Schicksal, – dem Schicksal aber
entgeht man nicht, wie Sie wissen.
So, das wäre jetzt die ausführliche Erzählung alles dessen, was mich in
meiner Not und meinem Elend noch heimgesucht hat, Warinka. Wie Sie
sehen, ist es von der Art, daß es besser wäre, gar nicht daran zu
denken. Ich bin krank, mein Kind, und da sind mir alle bessern Gefühle
abhanden gekommen. Ich schließe, indem ich Sie, verehrte Warwara
Alexejewna, meiner Anhänglichkeit, Liebe und Hochachtung versichere, und
verbleibe
Ihr ergebenster Diener
Makar Djewuschkin.