28. Juli.

Warinka, mein Liebes!

Ach, Warinka, Warinka! Jetzt ist aber die Schuld auf Ihrer Seite und

wird auf Ihrem Gewissen lasten bleiben. Mit Ihrem Brief hatten Sie mich

um den Rest von Überlegungskraft gebracht, den ich noch besaß, und mich

ganz und gar vor den Kopf gestoßen: erst jetzt, nachdem ich in Muße

nachgedacht und mir bis ins innerste Herz hineingeblickt habe, sehe ich

und weiß ich wieder, daß ich doch im Recht war, vollkommen im Recht. Ich

rede jetzt nicht von meinen drei wüsten Tagen (lassen wir das gut sein,

Kind, reden wir nicht mehr davon!), sondern sage nur immer wieder, daß

ich Sie liebe und daß es keineswegs unvernünftig von mir war, Sie zu

lieben, nein, durchaus nicht unvernünftig! Sie, mein Kind, wissen ja

doch noch nichts: aber wenn Sie wüßten, wie das alles kam, warum ich Sie

lieben muß, so würden Sie ganz anders reden. Sie sagen ja dies alles nur

so, und ich bin überzeugt, daß Sie in Ihrem Herzen ganz anders denken.

Mein Kind, ich weiß es ja selbst nicht mehr ganz genau, was ich mit

jenen Offizieren eigentlich hatte. Ich muß Ihnen nämlich gestehen, mein

Engelchen, daß ich mich bis dahin in der schrecklichsten Lage befand.

Stellen Sie sich vor, mein Kind, daß ich mich schon einen ganzen Monat

sozusagen nur noch an einem Fädchen hielt. Meine Bedrängnis war so groß,

daß ich gar nicht mehr wußte, wo ich mich lassen sollte. Vor Ihnen

versteckte ich mich, und hier zu Haus versteckte ich mich gleichfalls,

aber meine Wirtin schrie trotzdem allen Menschen die Ohren voll. Ich

hätte mir nicht viel daraus gemacht, ich hätte sie ja schreien lassen,

die schändliche Person, so viel sie wollte, aber erstens war es doch

eine Schande, und zweitens kam hinzu, daß sie Gott weiß woher von

unserer Freundschaft erfahren hatte, und da schrie sie denn im ganzen

Hause solche Sachen über uns aus, daß mir Hören und Sehen verging und

ich mir die Ohren zuhielt. Die anderen aber hielten sich ihre Ohren

nicht zu, sondern rissen sie ganz im Gegenteil sperrangelweit auf. Auch

jetzt noch weiß ich nicht, mein Kind, wo ich mich vor ihnen verbergen

soll ...

Und nun, sehen Sie mein Engelchen, diesem Ansturm von Unglück in allen

seinen Arten war ich eben nicht gewachsen. Und da hörte ich nun

plötzlich von Fedora, daß ein Nichtswürdiger zu Ihnen gekommen sei und

Sie mit unverschämten Anträgen beleidigt habe. Daß er Sie tief und

grausam beleidigt haben mußte, das konnte ich schon nach mir selbst

beurteilen, mein Kind, denn auch ich fühlte mich dadurch tief beleidigt.

Ja – und da, mein Engelchen, da verlor ich eben den Verstand, verlor den

Kopf und verlor mich selbst vollständig dazu. Ich lief in einer solchen

Wut fort, Warinka, wie ich sie mein Lebtag noch nicht empfunden. Ich

wollte sogleich zu ihm, zu diesem Verführer, dem nichts mehr heilig war!

Doch ich weiß selbst nicht, was ich wollte. Ich wollte jedenfalls, mein

Engelchen, daß man Sie nicht beleidigte! Nun, traurig war es! Regen und

Schmutz draußen und Weh und Kummer im Herzen! ... Ich gedachte schon

zurückzukehren ... Aber da kam das Verhängnis, mein Kind. Ich begegnete

dem Jemeljä, dem Jemeljan Iljitsch, – er ist ein Beamter, d. h. er war

Beamter, jetzt aber ist er es nicht mehr, denn er wurde aus irgendeinem

Grunde davongejagt. – Ich weiß eigentlich nicht, womit er sich jetzt

beschäftigt – irgendwie wird er sich wohl schon durchzuschlagen wissen

und so gingen wir denn beide. Gingen. – Und dann, – ja, was soll man da

reden, Warinka, es ist für Sie doch keine Freude, von den Verirrungen

und Prüfungen Ihres Freundes zu lesen – und den Bericht von all dem

Unglück mit anzuhören, das er gehabt hat. Am dritten Tage, gegen Abend –

der Jemeljä, Gott verzeih ihm, hatte mich aufgehetzt – ging ich

schließlich hin zu dem Leutnant. Seine Adresse hatte ich von unserem

Hausknecht erfahren. Ich hatte ja doch – da nun einmal die Rede davon

ist – schon lange diesen jungen Helden ins Auge gefaßt, hatte ihn schon

lange beobachtet, als er noch in unserem Hause wohnte. Jetzt sehe ich ja

ein, daß ich mich nicht richtig benommen habe, denn ich war nicht in

einem klaren Zustande, als ich mich bei ihm melden ließ, Warinka. Und

dann mein Kind, ja dann, offengestanden, davon weiß ich nichts mehr, was

dann noch geschah. Ich erinnere mich nur noch, daß sehr viele Offiziere

bei ihm waren, oder vielleicht auch, Gott weiß es, sahen meine Augen

alles doppelt. Auch weiß ich nicht mehr, was ich dort eigentlich tat,

ich weiß nur, daß ich viel sprach, und zwar in ehrlicher Entrüstung. Nun

und da wurde ich denn schließlich hinausbefördert und die Treppe

hinabgeworfen, d. h. nicht gerade, daß sie mich wortwörtlich

hinabgeworfen hätten, aber immerhin: ich wurde hinausbefördert. Wie ich

wieder nach Hause kam, das wissen Sie ja schon. Nun und das ist alles,

Warinka. Ich habe mir natürlich viel vergeben und meine Ehre hat

darunter gelitten, aber von dem ganzen weiß ja doch niemand, von fremden

Menschen niemand, außer Ihnen kein Mensch, nun und das ist doch ebenso

gut, als wäre überhaupt nichts gewesen. Ja, vielleicht ist es auch

wirklich so, Warinka, was meinen Sie? Was ich nämlich ganz genau weiß,

das ist, daß im vorigen Jahr Akssentij Ossipowitsch sich bei uns ganz

ebenso an Pjotr Petrowitsch vergriff, aber er tat es nicht öffentlich,

tat es unter vier Augen. Er ließ ihn in die Wachtstube bitten, ich aber

sah alles zufällig mit an: dort nun verfuhr er dann mit ihm, wie er es

für richtig befand, jedoch unter voller Wahrung von Ehre und Haltung:

denn wie gesagt, es sah niemand etwas davon – außer mir. Ich aber – nun,

ich bin doch nichts, d. h. ich will damit nur sagen, daß ich nichts

davon habe verlauten lassen, es ist also ganz so, als hätte auch ich

nichts gewußt. Nun und nachher haben Pjotr Petrowitsch und Akssentij

Ossipowitsch immer so zueinander gestanden, als wäre nie etwas zwischen

ihnen vorgefallen. Pjotr Petrowitsch ist, wissen Sie, solch ein

Ehrgeiziger, daher hat er denn auch niemand etwas gesagt, und jetzt

grüßen sie sich, als ob nichts vorgefallen wäre, und reichen sich sogar

die Hand.

Ich widerspreche ja nicht, Warinka, ich wage ja gar nicht, Ihnen zu

widersprechen, ich sehe es selbst ein, daß ich tief gesunken bin und ich

habe sogar, was am schrecklichsten ist, an Selbstachtung viel, ach, sehr

viel verloren. Doch das wird mir wahrscheinlich schon von Geburt an so

bestimmt gewesen sein: das war eben mein Schicksal, – dem Schicksal aber

entgeht man nicht, wie Sie wissen.

So, das wäre jetzt die ausführliche Erzählung alles dessen, was mich in

meiner Not und meinem Elend noch heimgesucht hat, Warinka. Wie Sie

sehen, ist es von der Art, daß es besser wäre, gar nicht daran zu

denken. Ich bin krank, mein Kind, und da sind mir alle bessern Gefühle

abhanden gekommen. Ich schließe, indem ich Sie, verehrte Warwara

Alexejewna, meiner Anhänglichkeit, Liebe und Hochachtung versichere, und

verbleibe

Ihr ergebenster Diener

Makar Djewuschkin.

Sämtliche Werke 14 · 第 40 / 102 题