22. Juni.

Liebe Warwara Alexejewna!

Ich will Ihnen nur mitteilen, meine Gute, daß bei uns im Hause etwas

sehr Trauriges geschehen ist, etwas, das jedes Menschen Mitleid erwecken

muß. Heute um fünf Uhr morgens starb Gorschkoffs kleiner Sohn. Ich weiß

nicht recht, woran, – an den Masern oder, Gott weiß, vielleicht war es

auch Scharlach. Da besuchte ich sie denn heute, diese Gorschkoffs. Ach,

Liebe, was das für eine Armut bei ihnen ist! Und was für eine Unordnung!

Aber das ist ja schließlich kein Wunder: die ganze Familie lebt doch nur

in diesem einen Zimmer, das sie nur anstandshalber durch einen

Bettschirm so ein wenig abgeteilt haben.

Jetzt steht bei ihnen schon der kleine Sarg, – ein ganz einfacher,

billiger, aber er sieht doch ganz nett aus, sie haben ihn gleich fertig

gekauft. Der Knabe war neun Jahre alt und soll, wie man hört, zu schönen

Hoffnungen berechtigt haben. Es tut weh, weh vor Mitleid, sie anzusehen,

Warinka. Die Mutter weint nicht, aber sie ist so traurig, die Arme. Es

ist für sie ja vielleicht eine Erleichterung, daß ihnen ein Kindchen

abgenommen ist: es bleiben ihnen noch zwei, die sie zu ernähren haben:

ein Brustkind und ein kleines Töchterchen so von etwa sechs Jahren, viel

älter kann das zarte Ding noch nicht sein.

Wie muß einem doch zumute sein, wenn man sieht, wie ein Kindchen leidet,

und noch dazu das eigene, leibliche Kindchen, und man hat nichts, womit

man ihm helfen könnte! Der Vater sitzt dort in einem alten, schmutzigen

und fadenscheinigen Rock auf einem halb zerbrochenen Stuhl. Die Tränen

laufen ihm über die Wangen, aber vielleicht gar nicht vor Leid, sondern

nur so, aus Gewohnheit – die Augen tränen eben. Er ist so ein

Sonderling! Immer wird er rot, wenn man mit ihm spricht, und niemals

weiß er, was er antworten soll. Das kleine Mädchen stand dort an den

Sarg gelehnt, stand ganz still und ernst und ganz nachdenklich. Ich

liebe es nicht, Warinka, wenn ein Kindchen nachdenklich ist: es

beunruhigt einen. Eine Puppe aus alten Zeugstücken lag auf dem Fußboden,

– sie spielte aber nicht mit ihr. Das Fingerchen im Mund: so stand sie,

– stand und rührte sich nicht. Die Wirtin gab ihr ein Bonbonchen: sie

nahm es, aß es aber nicht. Traurig das alles – nicht wahr, Warinka?

Ihr

Makar Djewuschkin.

Sämtliche Werke 14 · 第 28 / 102 题