Mein Täubchen Warwara Alexejewna!
Ich dachte, mein Kind, Sie würden mir den gestrigen Ausflug in lauter
Gedichten beschreiben, und da erhalte ich nun von Ihnen so ein einziges
kleines Blättchen! Doch will ich damit nicht tadeln, daß Sie mir nur
wenig geschrieben haben: dafür haben Sie alles ungewöhnlich gut und
schön beschrieben. Die Natur, die verschiedenen Landschaftsstimmungen,
was Sie selber empfanden – das haben Sie mit einem Worte kurz, aber ganz
wunderbar geschildert. Ich habe dagegen ganz und gar kein Talent, irgend
etwas zu beschreiben: wenn ich auch zehn Seiten vollkritzele, es kommt
dabei doch nichts heraus und nichts ist wirklich beschrieben. Das weiß
ich selbst nur zu genau.
Sie schreiben mir, meine Liebe, daß ich ein guter Mensch sei,
sanftmütig, voll Wohlwollen für alle, unfähig, dem Nächsten etwas Böses
zuzufügen, und daß ich die Güte des himmlischen Schöpfers, wie sie in
der Natur zum Ausdruck kommt, wohl verstehe, und Sie beehren mich noch
mit verschiedenen anderen Lobsprüchen. – Das ist gewiß alles wahr, mein
Kind, nichts als die reine Wahrheit, denn ich bin wirklich so, wie Sie
sagen, ich weiß das selbst: und es freut einen auch, wenn man von
anderen so etwas geschrieben sieht, wie das, was Sie mir da geschrieben
haben: es wird einem unwillkürlich froh und leicht zumut – aber
schließlich kommen einem doch wieder allerlei schwere Gedanken. Nun
hören Sie mich mal an, mein Kind, ich will Ihnen jetzt mal etwas
erzählen.
Ich beginne damit, daß ich auf die Zeit zurückgreife, als ich erst
siebzehn Lenze zählte und in den Staatsdienst trat: nun werden es bald
runde dreißig Jahre sein, daß ich als Beamter tätig bin! Ich habe in der
Zeit, was soll ich sagen, genug Uniformröcke abgetragen, bin darüber
Mann geworden, auch vernünftiger und klüger, habe Menschen gesehen und
kennen gelernt, habe auch gelebt, ja, warum nicht – ich kann schon
sagen, daß ich gelebt habe –, und einmal wollte man mich sogar zur
Auszeichnung vorschlagen: man wollte mir nämlich für meine Dienste ein
Kreuz verleihen. Sie werden mir das letztere vielleicht nicht glauben,
aber es war wirklich so, ich lüge Ihnen nichts vor. Nun, was kam dabei
heraus, mein Kind? Ja, sehen Sie, es finden sich immer und überall
schlechte Menschen. Aber wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, meine
Liebe: ich bin zwar ein ungebildeter Mensch, meinetwegen sogar ein
dummer Mensch, aber das Herz, das in mir schlägt, ist genau so, wie das
Herz anderer Menschen. Also wissen Sie, Warinka, was ein böser Mensch
mir antat? Man schämt sich ordentlich, es zu sagen. Sie fragen, warum er
es tat? Einfach darum, weil ich so ein Stiller bin, weil ich bescheiden
bin, weil ich ein guter Kerl bin. Ich war ihnen nicht nach ihrem
Geschmack, und so wurde denn alles mir, und immer mir, in die Schuhe
geschoben. Anfangs hieß es, wenn jemand etwas schlecht gemacht hatte:
„Eh, Sie da, Makar Alexejewitsch, dies und das!“ – Daraus wurde mit der
Zeit:
„Ach, natürlich Makar Alexejewitsch, wer denn sonst!“
Jetzt aber heißt es ganz einfach:
„Na, selbstverständlich doch Makar Alexejewitsch, was fragen Sie noch!“
Sehen Sie, Kind, so kam die ganze Geschichte. An allem war Makar
Alexejewitsch schuld. Sie verstanden weiter nichts, als „Makar
Alexejewitsch“ sozusagen zum Schlagwort im ganzen Departement zu machen.
Und noch nicht genug damit, daß sie in dieser Weise aus mir ein
geflügeltes Wort, fast sogar einen geflügelten Tadel, wenn nicht gar ein
Schmähwort machten – nein, sie hatten auch noch an meinen Stiefeln,
meinem Rock, meinen Haaren und Ohren, kurz, an allem, was an mir war,
etwas auszusetzen: alles war ihnen nicht recht, alles mußte anders
gemacht werden! Und das wiederholt sich nun schon seit undenklichen
Zeiten jeden Tag! Ich habe mich daran gewöhnt, weil ich mich an alles
gewöhne, weil ich ein stiller Mensch bin, weil ich ein kleiner Mensch
bin. Aber, fragt man sich schließlich, womit habe ich denn das alles
verdient? Wem habe ich je etwas Schlechtes getan? Habe ich etwa jemandem
den Rang abgelaufen? Oder jemanden bei den Vorgesetzten angeschwärzt, um
dafür belohnt zu werden? Oder habe ich sonst eine Kabale gegen jemanden
angestiftet? Sie würden sündigen, Kind, wenn Sie so etwas auch nur
denken wollten! Bin ich denn einer, der so etwas überhaupt fertig
brächte? So betrachten Sie mich doch nur genauer, meine Liebe, und dann
sagen Sie selbst, ob ich auch nur die Fähigkeit zu Intrigen und zum
Strebertum habe? Also wofür treffen mich dann diese Heimsuchungen? Doch
vergib, Herr! Sie, Warinka, halten mich für einen ehrenwerten Menschen,
Sie aber sind auch unvergleichlich besser, als alle die anderen, jawohl
Warinka!
Was ist die größte bürgerliche Tugend? Über diese Frage äußerte sich
noch vor ein paar Tagen Jewstafij Iwanowitsch in einem Privatgespräch.
Er sagte: Die größte bürgerliche Tugend sei – Geld zu schaffen. Er sagte
es natürlich im Scherz (ich weiß, daß er es nur im Scherz sagte), was
aber in dem Worte für eine Moral lag (die er eigentlich im Sinne hatte),
das war, daß man mit seiner Person niemandem zur Last fallen solle. Ich
aber falle niemandem zur Last! Ich habe mein eigenes Stück Brot. Es ist
ja wohl nur ein einfaches Stück Brot, mitunter sogar altes, trockenes
Brot, aber _ich_ habe es doch, es ist _mein_ Brot, durch _meine_ Arbeit
rechtlich und redlich erworben!
Nun ja, was ist da zu machen! Ich weiß es ja selbst, daß ich nichts
sonderlich Großes vollbringe, wenn ich in meinem Bureau sitze und
Schriftstücke abschreibe. Trotzdem bin ich stolz darauf: ich arbeite
doch, leiste doch etwas, tue es durch meiner Hände Arbeit. Nun, und was
ist denn dabei, daß ich nur abschreibe? Ist denn das etwa eine Sünde?
„Na ja, doch eben immer nur ein Schreiber!“ – Aber was ist denn dabei
Unehrenhaftes? Meine Handschrift ist so eingeschrieben, so leserlich,
jeder Buchstabe wie gestochen, daß es eine Freude ist, so einen ganzen
Bogen zu sehen, und – Se. Exzellenz sind zufrieden mit mir. Ich muß die
wichtigsten Papiere für Se. Exzellenz abschreiben. Ja, aber ich habe
keinen Stil! Das weiß ich selbst, daß ich ihn nicht habe, den
verwünschten Stil! Mir fehlen die Redewendungen! Ich weiß es, und
deshalb habe ich es auch im Dienst zu nichts gebracht ... Auch an Sie,
mein Kind, schreibe ich jetzt, wie es gerade so kommt, ohne alle Kunst
und Feinheit, wie es mir aus dem Herzen in den Sinn strömt ... Das weiß
ich selbst ganz genau: aber schließlich: wenn alle nur Selbstverfaßtes
schreiben wollten, wer würde dann – abschreiben?
Das ist die Frage. Sehen Sie, und nun, bitte, beantworten Sie sie mir,
meine Liebe.
So sehe ich denn jetzt selbst ein, daß man mich braucht, daß ich
notwendig, daß ich unentbehrlich bin, und daß kein Grund vorliegt, sich
durch müßiges Geschwätz irre machen zu lassen. Nun schön, meinetwegen
bin ich eine Ratte, wenn sie glauben, eine Ähnlichkeit mit ihr
herausfinden zu können. Aber diese Ratte ist nützlich, ohne diese Ratte
käme man nicht aus, diese Ratte ist sogar ein Faktor, mit dem man
rechnet, und dieser Ratte wird man bald sogar eine Gratifikation
zusprechen, – da sehen Sie, was das für eine Ratte ist!
Doch jetzt habe ich genug davon geredet. Ich wollte ja eigentlich gar
nicht davon sprechen, aber nun – es kam mal so zur Sprache, und da hat’s
mich denn hingerissen. Es ist doch immer ganz gut, von Zeit zu Zeit sich
selbst etwas Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Leben Sie wohl, mein Täubchen, meine gute kleine Trösterin! Ich werde
schon kommen, gewiß werde ich kommen und Sie besuchen, mein Sternchen,
um zu sehen, wie es Ihnen geht und was Sie machen. Grämen Sie sich bis
dahin nicht gar zu sehr. Ich werde Ihnen ein Buch mitbringen. Also leben
Sie wohl bis dahin, Warinka.
Wünsche Ihnen von Herzen alles Gute!
Ihr
Makar Djewuschkin.