12. Juni.

Mein Täubchen Warwara Alexejewna!

Ich dachte, mein Kind, Sie würden mir den gestrigen Ausflug in lauter

Gedichten beschreiben, und da erhalte ich nun von Ihnen so ein einziges

kleines Blättchen! Doch will ich damit nicht tadeln, daß Sie mir nur

wenig geschrieben haben: dafür haben Sie alles ungewöhnlich gut und

schön beschrieben. Die Natur, die verschiedenen Landschaftsstimmungen,

was Sie selber empfanden – das haben Sie mit einem Worte kurz, aber ganz

wunderbar geschildert. Ich habe dagegen ganz und gar kein Talent, irgend

etwas zu beschreiben: wenn ich auch zehn Seiten vollkritzele, es kommt

dabei doch nichts heraus und nichts ist wirklich beschrieben. Das weiß

ich selbst nur zu genau.

Sie schreiben mir, meine Liebe, daß ich ein guter Mensch sei,

sanftmütig, voll Wohlwollen für alle, unfähig, dem Nächsten etwas Böses

zuzufügen, und daß ich die Güte des himmlischen Schöpfers, wie sie in

der Natur zum Ausdruck kommt, wohl verstehe, und Sie beehren mich noch

mit verschiedenen anderen Lobsprüchen. – Das ist gewiß alles wahr, mein

Kind, nichts als die reine Wahrheit, denn ich bin wirklich so, wie Sie

sagen, ich weiß das selbst: und es freut einen auch, wenn man von

anderen so etwas geschrieben sieht, wie das, was Sie mir da geschrieben

haben: es wird einem unwillkürlich froh und leicht zumut – aber

schließlich kommen einem doch wieder allerlei schwere Gedanken. Nun

hören Sie mich mal an, mein Kind, ich will Ihnen jetzt mal etwas

erzählen.

Ich beginne damit, daß ich auf die Zeit zurückgreife, als ich erst

siebzehn Lenze zählte und in den Staatsdienst trat: nun werden es bald

runde dreißig Jahre sein, daß ich als Beamter tätig bin! Ich habe in der

Zeit, was soll ich sagen, genug Uniformröcke abgetragen, bin darüber

Mann geworden, auch vernünftiger und klüger, habe Menschen gesehen und

kennen gelernt, habe auch gelebt, ja, warum nicht – ich kann schon

sagen, daß ich gelebt habe –, und einmal wollte man mich sogar zur

Auszeichnung vorschlagen: man wollte mir nämlich für meine Dienste ein

Kreuz verleihen. Sie werden mir das letztere vielleicht nicht glauben,

aber es war wirklich so, ich lüge Ihnen nichts vor. Nun, was kam dabei

heraus, mein Kind? Ja, sehen Sie, es finden sich immer und überall

schlechte Menschen. Aber wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, meine

Liebe: ich bin zwar ein ungebildeter Mensch, meinetwegen sogar ein

dummer Mensch, aber das Herz, das in mir schlägt, ist genau so, wie das

Herz anderer Menschen. Also wissen Sie, Warinka, was ein böser Mensch

mir antat? Man schämt sich ordentlich, es zu sagen. Sie fragen, warum er

es tat? Einfach darum, weil ich so ein Stiller bin, weil ich bescheiden

bin, weil ich ein guter Kerl bin. Ich war ihnen nicht nach ihrem

Geschmack, und so wurde denn alles mir, und immer mir, in die Schuhe

geschoben. Anfangs hieß es, wenn jemand etwas schlecht gemacht hatte:

„Eh, Sie da, Makar Alexejewitsch, dies und das!“ – Daraus wurde mit der

Zeit:

„Ach, natürlich Makar Alexejewitsch, wer denn sonst!“

Jetzt aber heißt es ganz einfach:

„Na, selbstverständlich doch Makar Alexejewitsch, was fragen Sie noch!“

Sehen Sie, Kind, so kam die ganze Geschichte. An allem war Makar

Alexejewitsch schuld. Sie verstanden weiter nichts, als „Makar

Alexejewitsch“ sozusagen zum Schlagwort im ganzen Departement zu machen.

Und noch nicht genug damit, daß sie in dieser Weise aus mir ein

geflügeltes Wort, fast sogar einen geflügelten Tadel, wenn nicht gar ein

Schmähwort machten – nein, sie hatten auch noch an meinen Stiefeln,

meinem Rock, meinen Haaren und Ohren, kurz, an allem, was an mir war,

etwas auszusetzen: alles war ihnen nicht recht, alles mußte anders

gemacht werden! Und das wiederholt sich nun schon seit undenklichen

Zeiten jeden Tag! Ich habe mich daran gewöhnt, weil ich mich an alles

gewöhne, weil ich ein stiller Mensch bin, weil ich ein kleiner Mensch

bin. Aber, fragt man sich schließlich, womit habe ich denn das alles

verdient? Wem habe ich je etwas Schlechtes getan? Habe ich etwa jemandem

den Rang abgelaufen? Oder jemanden bei den Vorgesetzten angeschwärzt, um

dafür belohnt zu werden? Oder habe ich sonst eine Kabale gegen jemanden

angestiftet? Sie würden sündigen, Kind, wenn Sie so etwas auch nur

denken wollten! Bin ich denn einer, der so etwas überhaupt fertig

brächte? So betrachten Sie mich doch nur genauer, meine Liebe, und dann

sagen Sie selbst, ob ich auch nur die Fähigkeit zu Intrigen und zum

Strebertum habe? Also wofür treffen mich dann diese Heimsuchungen? Doch

vergib, Herr! Sie, Warinka, halten mich für einen ehrenwerten Menschen,

Sie aber sind auch unvergleichlich besser, als alle die anderen, jawohl

Warinka!

Was ist die größte bürgerliche Tugend? Über diese Frage äußerte sich

noch vor ein paar Tagen Jewstafij Iwanowitsch in einem Privatgespräch.

Er sagte: Die größte bürgerliche Tugend sei – Geld zu schaffen. Er sagte

es natürlich im Scherz (ich weiß, daß er es nur im Scherz sagte), was

aber in dem Worte für eine Moral lag (die er eigentlich im Sinne hatte),

das war, daß man mit seiner Person niemandem zur Last fallen solle. Ich

aber falle niemandem zur Last! Ich habe mein eigenes Stück Brot. Es ist

ja wohl nur ein einfaches Stück Brot, mitunter sogar altes, trockenes

Brot, aber _ich_ habe es doch, es ist _mein_ Brot, durch _meine_ Arbeit

rechtlich und redlich erworben!

Nun ja, was ist da zu machen! Ich weiß es ja selbst, daß ich nichts

sonderlich Großes vollbringe, wenn ich in meinem Bureau sitze und

Schriftstücke abschreibe. Trotzdem bin ich stolz darauf: ich arbeite

doch, leiste doch etwas, tue es durch meiner Hände Arbeit. Nun, und was

ist denn dabei, daß ich nur abschreibe? Ist denn das etwa eine Sünde?

„Na ja, doch eben immer nur ein Schreiber!“ – Aber was ist denn dabei

Unehrenhaftes? Meine Handschrift ist so eingeschrieben, so leserlich,

jeder Buchstabe wie gestochen, daß es eine Freude ist, so einen ganzen

Bogen zu sehen, und – Se. Exzellenz sind zufrieden mit mir. Ich muß die

wichtigsten Papiere für Se. Exzellenz abschreiben. Ja, aber ich habe

keinen Stil! Das weiß ich selbst, daß ich ihn nicht habe, den

verwünschten Stil! Mir fehlen die Redewendungen! Ich weiß es, und

deshalb habe ich es auch im Dienst zu nichts gebracht ... Auch an Sie,

mein Kind, schreibe ich jetzt, wie es gerade so kommt, ohne alle Kunst

und Feinheit, wie es mir aus dem Herzen in den Sinn strömt ... Das weiß

ich selbst ganz genau: aber schließlich: wenn alle nur Selbstverfaßtes

schreiben wollten, wer würde dann – abschreiben?

Das ist die Frage. Sehen Sie, und nun, bitte, beantworten Sie sie mir,

meine Liebe.

So sehe ich denn jetzt selbst ein, daß man mich braucht, daß ich

notwendig, daß ich unentbehrlich bin, und daß kein Grund vorliegt, sich

durch müßiges Geschwätz irre machen zu lassen. Nun schön, meinetwegen

bin ich eine Ratte, wenn sie glauben, eine Ähnlichkeit mit ihr

herausfinden zu können. Aber diese Ratte ist nützlich, ohne diese Ratte

käme man nicht aus, diese Ratte ist sogar ein Faktor, mit dem man

rechnet, und dieser Ratte wird man bald sogar eine Gratifikation

zusprechen, – da sehen Sie, was das für eine Ratte ist!

Doch jetzt habe ich genug davon geredet. Ich wollte ja eigentlich gar

nicht davon sprechen, aber nun – es kam mal so zur Sprache, und da hat’s

mich denn hingerissen. Es ist doch immer ganz gut, von Zeit zu Zeit sich

selbst etwas Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Leben Sie wohl, mein Täubchen, meine gute kleine Trösterin! Ich werde

schon kommen, gewiß werde ich kommen und Sie besuchen, mein Sternchen,

um zu sehen, wie es Ihnen geht und was Sie machen. Grämen Sie sich bis

dahin nicht gar zu sehr. Ich werde Ihnen ein Buch mitbringen. Also leben

Sie wohl bis dahin, Warinka.

Wünsche Ihnen von Herzen alles Gute!

Ihr

Makar Djewuschkin.

Sämtliche Werke 14 · 第 24 / 102 题