Anfangs, so lange wir uns noch nicht eingelebt hatten, empfanden wir
beide, Mama und ich, eine gewisse Bangigkeit in der Wohnung Anna
Fedorownas, wie man sie zu empfinden pflegt, wenn einem etwas nicht ganz
geheuer erscheint. Anna Fedorowna lebte in ihrem eigenen Hause an der
Sechsten Linie[2]. Im ganzen Hause waren nur fünf bewohnbare Zimmer. In
dreien von ihnen wohnte Anna Fedorowna mit meiner Kusine Ssascha, die
als armes Waisenkind von ihr angenommen war und erzogen wurde. Im
vierten Zimmer wohnten wir, und im letzten Zimmer, das neben dem
unsrigen lag, wohnte ein armer Student, Pokrowskij, der einzige Mieter
im Hause.
Anna Fedorowna lebte sehr gut, viel besser, als man es für möglich
gehalten hätte, doch ihre Geldquelle war ebenso rätselhaft wie ihre
Beschäftigung. Und dabei hatte sie immer irgend etwas zu tun und lief
besorgt umher, und jeden Tag fuhr und ging sie mehrmals aus. Doch wohin
sie ging, mit was sie sich draußen beschäftigte und was sie zu tun
hatte, das vermochte ich nicht zu erraten. Sie war mit sehr vielen und
sehr verschiedenen Leuten bekannt. Ewig kamen welche zu ihr gefahren und
immer in Geschäften und nur auf ein paar Minuten. Mama führte mich
jedesmal in unser Zimmer, sobald es klingelte. Darüber ärgerte sich Anna
Fedorowna sehr und machte meiner Mutter beständig den Vorwurf, daß wir
gar zu stolz seien: sie wollte ja nichts sagen, wenn wir irgendeinen
Grund, wenn wir wirklich Ursache hätten, stolz zu sein, aber so! ... und
stundenlang fuhr sie dann in diesem Tone fort. Damals begriff ich diese
Vorwürfe nicht, und ebenso habe ich erst jetzt erfahren, oder richtiger,
erraten, weshalb Mama sich anfangs nicht entschließen konnte, Anna
Fedorownas Gastfreundschaft anzunehmen.
Sie ist ein schlechter Mensch, diese Anna Fedorowna. Ewig quälte sie
uns. Aber eins ist mir auch jetzt noch ein Rätsel: wozu lud sie uns
überhaupt zu sich ein? Anfangs war sie noch ganz freundlich zu uns, dann
aber kam bald ihr wahrer Charakter zum Vorschein, als sie sah, daß wir
vollständig hilflos und nur auf ihre Gnade angewiesen waren. Später
wurde sie zu mir wieder freundlicher, vielleicht zu freundlich: sie
sagte mir dann sogar plumpe Schmeicheleien, doch vorher hatte ich
ebensoviel auszustehen wie Mama. Ewig machte sie uns Vorwürfe und sprach
zu uns von nichts anderem, als von den Wohltaten, die sie uns erwies.
Und allen fremden Leuten stellte sie uns als ihre armen Verwandten vor,
als mittellose, schutzlose Witwe und Waise, die sie nur aus Mitleid und
christlicher Nächstenliebe bei sich aufgenommen habe und nun ernähre.
Bei Tisch verfolgte sie jeden Bissen, den wir zu nehmen wagten, mit den
Augen, wenn wir aber nichts aßen, oder gar zu wenig, so war ihr das auch
wieder nicht recht: dann hieß es, ihr Essen sei uns wohl nicht gut
genug, wir mäkelten, sie gebe eben, was sie habe und begnüge sich selbst
damit – vielleicht könnten wir uns selbst etwas Besseres leisten, das
könne sie ja nicht wissen, usw., usw. Über Papa mußte sie jeden
Augenblick etwas Schlechtes sagen, anders ging es nicht. Sie behauptete,
er habe immer nobler sein wollen, als alle anderen, und das habe man nun
davon: Frau und Tochter könnten nun zusehen, wo sie blieben, und wenn
sich nicht unter ihren Verwandten eine christlich liebevolle Seele – das
war sie selbst – gefunden hätte, so hätten wir gar noch auf der Straße
Hungers sterben können. Und was sie da nicht noch alles vorbrachte! Es
war nicht einmal so bitter, wie es widerlich war, sie anzuhören.
Mama weinte jeden Augenblick. Ihr Gesundheitszustand verschlimmerte sich
mit jedem Tage, sie welkte sichtbar hin, doch trotzdem arbeiteten wir
vom Morgen bis zum Abend. Wir nähten auf Bestellung, was Anna Fedorowna
sehr mißfiel. Sie sagte, ihr Haus sei kein Putzgeschäft. Wir aber mußten
uns doch Kleider anfertigen und mußten doch etwas verdienen, um auf alle
Fälle wenigstens etwas eigenes Geld zu haben. Und so arbeiteten und
sparten wir denn immer in der Hoffnung, uns bald irgendwo ein Zimmerchen
mieten zu können. Doch die anstrengende Arbeit verschlimmerte den
Zustand der Mutter sehr: mit jedem Tage wurde sie schwächer. Die
Krankheit untergrub ihr Leben und brachte sie unaufhaltsam dem Grabe
näher. Ich sah es, ich fühlte es und konnte doch nicht helfen!
Die Tage vergingen und jeder neue Tag glich dem vorhergegangenen. Wir
lebten still für uns, als wären wir gar nicht in der Stadt. Anna
Fedorowna beruhigte sich mit der Zeit – beruhigte sich, je mehr sie ihre
unbegrenzte Übermacht einsah und nichts mehr für sie zu fürchten
brauchte. Übrigens hatten wir ihr noch nie in irgend etwas
widersprochen. Unser Zimmer war von den drei anderen, die sie bewohnte,
durch einen Korridor getrennt, und neben unserem lag nur noch das Zimmer
Pokrowskijs, wie ich schon erwähnte. Er unterrichtete Ssascha, lehrte
sie Französisch und Deutsch, Geschichte und Geographie – d. h. „alle
Wissenschaften“, wie Anna Fedorowna zu sagen pflegte, und dafür brauchte
er für Kost und Logis nichts zu zahlen.
Ssascha war ein sehr begabtes Mädchen, doch entsetzlich unartig und
lebhaft. Sie war damals erst dreizehn Jahre alt. Schließlich sagte Anna
Fedorowna zu Mama, daß es vielleicht ganz gut wäre, wenn ich mit ihr
zusammen lernen würde, da ich ja in der Pension den Kursus sowieso nicht
beendet hatte. Mama war natürlich sehr froh über diesen Vorschlag, und
so wurden wir beide gemeinsam ein ganzes Jahr von Pokrowskij
unterrichtet.
Pokrowskij war ein armer, sehr armer Mensch. Seine Gesundheit erlaubte
es ihm nicht, regelmäßig die Universität zu besuchen, und so war er
eigentlich gar kein richtiger „Student“, wie er aus Gewohnheit noch
genannt wurde. Er lebte so still und ruhig in seinem Zimmer, daß wir im
Nebenzimmer nichts von ihm hörten. Er sah auch recht eigentümlich aus,
bewegte und verbeugte sich so linkisch und sprach so seltsam, daß ich
ihn anfangs nicht einmal ansehen konnte, ohne über ihn lachen zu müssen.
Ssascha machte immer ihre unartigen Streiche, und das besonders während
des Unterrichts. Er aber war zum Überfluß auch noch heftig, ärgerte sich
beständig, jede Kleinigkeit brachte ihn aus der Haut: er schalt uns,
schrie uns an, und sehr oft stand er wütend auf und ging fort, noch
bevor die Stunde zu Ende war, und schloß sich wieder in seinem Zimmer
ein. Dort aber, in seinem Zimmer, saß er tagelang über den Büchern. Er
hatte viele Bücher, und alles so schöne, seltene Exemplare. Er gab noch
an ein paar anderen Stellen Stunden und erhielt dafür Geld, doch kaum
hatte er welches erhalten, so ging er sogleich hin und kaufte sich
wieder Bücher.
Mit der Zeit lernte ich ihn näher kennen. Er war der beste und
ehrenwerteste Mensch, der beste von allen, die mir bis dahin im Leben
begegnet waren. Mama achtete ihn ebenfalls sehr. Und dann wurde er auch
mein treuer Freund und stand mir am nächsten von allen, – natürlich nach
Mama.
In der ersten Zeit beteiligte ich mich – obwohl ich doch schon ein
großes Mädchen war – an allen Streichen, die Ssascha gegen ihn
ausheckte, und bisweilen überlegten wir stundenlang, wie wir ihn wieder
necken und seine Geduld auf eine Probe stellen könnten. Es war furchtbar
spaßig, wenn er sich ärgerte – und wir wollten unser Vergnügen haben.
(Noch jetzt schäme ich mich, wenn ich daran zurückdenke.) Einmal hatten
wir ihn so gereizt, daß ihm Tränen in die Augen traten, und da hörte ich
deutlich, wie er zwischen den Zähnen halblaut hervorstieß: „Nichts
grausamer als Kinder!“ Das verwirrte mich: zum erstenmal regte sich in
mir so etwas wie Scham und Reue und Mitleid. Ich errötete bis über die
Ohren und bat ihn fast unter Tränen, sich zu beruhigen und sich durch
unsere dummen Streiche nicht kränken zu lassen, doch er klappte das Buch
zu und ging in sein Zimmer, ohne den Unterricht fortzusetzen.
Den ganzen Tag quälte mich die Reue. Der Gedanke, daß wir Kinder ihn
durch unsere boshaften Dummheiten bis zu Tränen geärgert hatten, war mir
unerträglich. So hatten wir es nur auf seine Tränen abgesehen! So
verlangte es uns, uns an seiner sicher krankhaften Gereiztheit auch noch
zu weiden! So war es uns nun also doch gelungen, ihn um den Rest von
Geduld zu bringen! So hatten wir ihn, diesen unglücklichen, armen
Menschen, gezwungen, unter seinem grausamen Los noch mehr zu leiden!
Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen – wie mich die Reue quälte!
Man sagt, Reue erleichtere das Herz. Im Gegenteil! Ich weiß nicht, wie
es kam, daß sich in meinen Kummer auch Ehrgeiz mischte. Ich wollte
nicht, daß er mich für ein Kind halte. Ich war damals bereits fünfzehn
Jahre alt.
Von diesem Tage an lebte ich beständig in Plänen, wie ich Pokrowskij
veranlassen könnte, seine Meinung über mich zu ändern. Doch an der
Ausführung dieser meiner tausend Pläne hinderte mich meine
Schüchternheit: ich konnte mich zu nichts entschließen, und so blieb es
denn bei den Plänen und Träumereien (und was man nicht alles so
zusammenträumt, mein Gott!). Nur beteiligte ich mich hinfort nicht mehr
an Ssaschas unartigen Späßen, und auch sie wurde langsam artiger. Das
hatte zur Folge, daß er sich nicht mehr über uns ärgerte. Doch das war
zu wenig für meinen Ehrgeiz.
Nun einige Worte über den seltsamsten und bemitleidenswertesten
Menschen, den ich jemals im Leben kennen gelernt habe. Ich will es
deshalb an dieser Stelle tun, weil ich mich mit ihm, den ich bis dahin
so gut wie gar nicht beachtet hatte, von jenem Tage an aufs lebhafteste
in meinen Gedanken zu beschäftigen begann.
Von Zeit zu Zeit erschien bei uns im Hause ein schlecht und unsauber
gekleideter, kleiner, grauer Mann, der in seinen Bewegungen unsagbar
plump und linkisch war und überhaupt sehr eigentümlich aussah. Auf den
ersten Blick konnte man glauben, daß er sich gewissermaßen seiner selbst
schäme, daß er für seine Existenz selbst um Entschuldigung bäte.
Wenigstens duckte er sich immer irgendwie, oder er versuchte wenigstens
immer irgendwie sich zu drücken, sich gleichsam in nichts zu verwandeln,
und diese ängstlichen, verschämten, unsicheren Bewegungen und Gebärden
erweckten in jedem den Verdacht, daß er nicht ganz bei vollem Verstande
sei. Wenn er zu uns kam, blieb er gewöhnlich im Flur hinter der Glastür
stehen und wagte nicht, einzutreten. Ging zufällig jemand von uns – ich
oder Ssascha – oder jemand von den Dienstboten, die ihm freundlicher
gesinnt waren – durch den Korridor und erblickte man ihn dort hinter der
Tür, so begann er zu winken und mit Gesten zu sich zu rufen und
verschiedene Zeichen zu machen: nickte man ihm dann zu – damit erteilte
man ihm die Erlaubnis, und gab ihm zu verstehen, daß keine fremden Leute
im Hause waren – oder rief man ihn, dann erst wagte er endlich, leise
die Tür zu öffnen und lächelnd einzutreten, worauf er sich froh die
Hände rieb und sogleich auf den Zehenspitzen zum Zimmer Pokrowskijs
schlich. Dieser Alte war sein Vater.
Später erfuhr ich die Lebensgeschichte dieses Armen. Er war einmal
irgendwo Beamter gewesen, hatte aus Mangel an Fähigkeiten eine ganz
untergeordnete Stellung bekleidet. Als seine erste Frau (die Mutter des
Studenten Pokrowskij) gestorben war, hatte er zum zweitenmal geheiratet,
und zwar eine halbe Bäuerin. Von dem Augenblick an war im Hause kein
Friede mehr gewesen: die zweite Frau hatte das erste Wort geführt und
war mit jedem womöglich handgemein geworden. Ihr Stiefsohn – der Student
Pokrowskij, damals noch ein etwa zehnjähriger Knabe – hatte unter ihrem
Haß viel zu leiden gehabt, doch zum Glück war es anders gekommen. Der
Gutsbesitzer Bükoff, der den Vater, den Beamten Pokrowskij, früher
gekannt und ihm einmal so etwas wie eine Wohltat erwiesen hatte, nahm
sich des Jungen an und steckte ihn in irgendeine Schule. Er
interessierte sich für den Knaben nur aus dem Grunde, weil er seine
verstorbene Mutter gekannt hatte, als diese noch als Mädchen von Anna
Fedorowna „Wohltaten“ erfahren und von ihr an den Beamten Pokrowskij
verheiratet worden war. Damals hatte Herr Bükoff, als guter Bekannter
und Freund Anna Fedorownas, der Braut aus Großmut eine Mitgift von
fünftausend Rubeln gegeben. Wo aber dieses Geld geblieben war – ist
unbekannt. So erzählte es mir Anna Fedorowna. Der Student Pokrowskij
selbst sprach nie von seinen Familienverhältnissen und liebte es nicht,
wenn man ihn nach seinen Eltern fragte. Man sagt, seine Mutter sei sehr
schön gewesen, deshalb wundert es mich, daß sie so unvorteilhaft und
noch dazu einen so unansehnlichen Menschen geheiratet hat. – Sie ist
schon früh gestorben, etwa im vierten Jahre nach der Heirat.
Von der Schule kam der junge Pokrowskij auf ein Gymnasium und von dort
auf die Universität. Herr Bükoff, der sehr oft nach Petersburg zu kommen
pflegte, ließ ihn auch dort nicht im Stich und unterstützte ihn. Leider
konnte Pokrowskij wegen seiner angegriffenen Gesundheit sein Studium
nicht fortsetzen, und da machte ihn Herr Bükoff mit Anna Fedorowna
bekannt, stellte ihn ihr persönlich vor, und so zog denn Pokrowskij zu
ihr, um für Kost und Logis Ssascha in „allen Wissenschaften“ zu
unterrichten.
Der alte Pokrowskij ergab sich aber aus Kummer über die rohe Behandlung,
die ihm seine zweite Frau zuteil werden ließ, dem schlimmsten aller
Laster: er begann zu trinken und war fast nie ganz nüchtern. Seine Frau
prügelte ihn, ließ ihn in der Küche schlafen und brachte es mit der Zeit
so weit, daß er sich alles widerspruchslos gefallen ließ und sich auch
an die Schläge gewöhnte. Er war noch gar nicht so alt, aber infolge
seiner schlechten Lebensweise war er, wie ich bereits erwähnte,
tatsächlich nicht mehr ganz bei vollem Verstande.
Der einzige Rest edlerer Gefühle war in diesem Menschen seine
grenzenlose Liebe zu seinem Sohne. Man sagte mir, der junge Pokrowskij
sei seiner Mutter so ähnlich, wie ein Tropfen Wasser dem anderen. War es
dann vielleicht die Erinnerung an die erste, gute Frau, die im Herzen
dieses heruntergekommenen Alten eine so grenzenlose Liebe zu seinem
Sohne erweckt hatte? Der Alte sprach überhaupt von nichts anderem, als
von diesem Sohn. In jeder Woche besuchte er ihn zweimal. Öfter zu
kommen, wagte er nicht, denn der Sohn selbst konnte diese väterlichen
Besuche nicht ausstehen. Diese Nichtachtung des Vaters war gewiß sein
größter Fehler. Übrigens konnte der Alte mitunter auch mehr als
unerträglich sein. Erstens war er furchtbar neugierig, zweitens störte
er den Sohn durch seine müßigen Gespräche und nichtigen, sinnlosen
Fragen beim Arbeiten, und drittens erschien er nicht immer ganz
nüchtern. Der Sohn gewöhnte dem Alten mit der Zeit seine schlechten
Angewohnheiten, seine Neugier und seine Schwatzhaftigkeit ab, und zu
guter Letzt gehorchte ihm der Vater wie einem Gott und wagte ohne seine
Erlaubnis nicht einmal mehr, den Mund aufzutun.
Der arme Alte konnte sich über seinen Petinka[3] – so nannte er den Sohn
– nicht genug wundern und freuen. Wenn er zu ihm kam, sah er immer
bedrückt, besorgt, sogar ängstlich aus – wahrscheinlich deshalb, weil er
noch nicht wußte, wie der Sohn ihn empfangen werde. Gewöhnlich konnte er
sich lange nicht entschließen, einzutreten, und wenn er mich dann
erblickte, winkte er mich schnell zu sich heran, um mich oft eine ganze
halbe Stunde lang auszufragen, wie es dem Petinka gehe, was er mache, ob
er gesund sei und in welcher Stimmung, und ob er sich nicht mit etwas
Wichtigem beschäftige. Vielleicht schreibe er? oder studiere wieder ein
philosophisches Werk? Und wenn ich ihn dann genügend beruhigt und
ermutigt hatte, entschloß er sich endlich, ganz, ganz leise und
vorsichtig die Tür zu öffnen und den Kopf ins Zimmer zu stecken: sah er,
daß der Sohn nicht böse war, daß er ihm vielleicht sogar zum Gruß
zunickte, dann trat er ganz behutsam ein, nahm den Mantel und den Hut ab
– letzterer war ewig verbeult und durchlöchert, wenn nicht gar mit
abgerissener Krempe – und hängte beides an einen Haken. Alles tat er so
vorsichtig und lautlos wie nur möglich. Dann setzte er sich vorsichtig
auf einen Stuhl und verwandte keinen Blick mehr von seinem Sohn,
verfolgte jede seiner Bewegungen, jeden Blick, um nur ja die Stimmung
seines Petinka zu erraten. Sah er, daß der Sohn verstimmt und schlechter
Laune war, so erhob er sich sogleich wieder von seinem Platz und sagte,
daß er eben „nur so, Petinka, nur auf ein Weilchen“ zu ihm gekommen sei.
„Ich bin, sieh mal, ja, ich bin weit gegangen, kam zufällig hier
vorüber, und da trat ich eben auf ein Weilchen ein, um mich etwas
auszuruhen. Jetzt will ich wieder gehen.“ Und dann nahm er still und
ergeben seinen alten dünnen Mantel und den alten, abgetragenen Hut,
klinkte vorsichtig wieder die Tür auf und ging – indem er sich noch zu
einem Lächeln zwang, um das aufwallende Leid im Herzen zu unterdrücken
und den Sohn nichts merken zu lassen.
Doch wenn der Sohn ihn freundlich empfing, dann wußte er sich vor Freude
kaum zu lassen. Sein Gesicht, seine Bewegungen, seine Hände – alles
sprach dann von seinem Glück. Und wenn der Sohn mit ihm gar zu sprechen
begann, erhob sich der Alte stets ein wenig vom Stuhle, antwortete leise
und gleichsam untertänig, fast sogar ehrfürchtig, und immer bestrebt,
sich der gewähltesten Ausdrücke zu bedienen, die in diesem Fall
natürlich nur komisch wirkten. Hinzu kam, daß er entschieden nicht zu
sprechen verstand: nach jeden paar Worten verwickelte er sich im Satz,
wurde verlegen, wußte nicht, wo er die Hände, wo er sich selbst lassen
sollte – und nachher flüsterte er dann noch mehrmals die Antwort vor
sich hin, wie um das Gesagte zu verbessern. War es ihm aber gelungen,
gut zu antworten, so war er ganz stolz, zog die Weste glatt, rückte an
der Krawatte, zupfte den Rock an den Aufschlägen, und seine Miene nahm
sogar den Ausdruck eines gewissen Selbstbewußtseins an. Bisweilen aber
fühlte er sich dermaßen ermutigt, daß er geradezu kühn wurde: er stand
vom Stuhl auf, ging zum Bücherregal, nahm irgendein Buch und begann zu
lesen, gleichviel was für ein Buch es war. Und alles das tat er mit
einer Miene, die größte Gleichmut und Kaltblütigkeit vortäuschen sollte,
als habe er von jeher das Recht, mit den Büchern des Sohnes nach
Belieben umzugehen, und als sei ihm dessen Freundlichkeit nichts
Ungewohntes. Einmal aber sah ich zufällig, wie der Alte erschrak, als
der Sohn ihn bat, die Bücher nicht anzurühren: er verlor vollständig den
Kopf, beeilte sich, sein Vergehen wieder gut zu machen, wollte das Buch
zwischen die anderen wieder hineinzwängen, verdrehte es aber, schob es
mit dem Kopf nach unten hinein, zog es dann schnell wieder hervor,
drehte es um und dann nochmals um und schob es von neuem falsch hinein,
diesmal mit dem Rücken voran und dem Schnitt nach außen, lächelte dabei
hilflos, wurde rot und wußte entschieden nicht, wie er sein Verbrechen
sühnen sollte.
Nach und nach gelang es dem Sohn, den Vater durch Vorhaltungen und gutes
Zureden von seinen schlechten Gewohnheiten abzubringen, und wenn der
Alte etwa dreimal nach der Reihe nüchtern erschienen war, gab er ihm das
nächste Mal fünfundzwanzig oder fünfzig Kopeken, oder noch mehr.
Bisweilen kaufte er ihm Stiefel, oder eine Weste, oder eine Krawatte,
und wenn der Alte dann in seinem neuen Kleidungsstück erschien, war er
stolz wie ein Hahn. Mitunter kam er auch zu uns und brachte Ssascha und
mir Pfefferkuchen oder Äpfel und sprach dann natürlich nur von seinem
Petinka. Er bat uns, während des Unterrichts aufmerksam und fleißig zu
sein, und unserem Lehrer zu gehorchen, denn Petinka sei ein guter Sohn,
sei der beste Sohn, den es überhaupt geben könnte, und obendrein, „ein
so gelehrter Sohn“. Wenn er das sagte, zwinkerte er uns ganz komisch mit
dem linken Auge zu, und sah uns so wichtig und bedeutsam an, daß wir uns
gewöhnlich nicht bezwingen konnten und herzlich über ihn lachten. Mama
hatte den Alten sehr gern. Anna Fedorowna wurde von ihm gehaßt, obschon
er vor ihr „niedriger als Gras und stiller als Wasser“ war.
Bald hörte ich auf, mich an dem Unterricht zu beteiligen. Pokrowskij
hielt mich nach wie vor nur für ein Kind, für ein unartiges kleines
Mädchen, wie Ssascha. Das kränkte mich sehr, denn ich hatte mich doch
nach Kräften bemüht, mein früheres Benehmen wieder gut zu machen. Aber
vergeblich: ich wurde überhaupt nicht beachtet. Das reizte und kränkte
mich noch mehr. Ich sprach ja fast gar nicht mit ihm, außer während des
Unterrichts, – ich konnte einfach nicht sprechen. Ich wurde rot und
nachher weinte ich irgendwo in einem Winkel – vor Ärger über mich
selbst.
Ich weiß nicht, zu was das noch geführt haben würde, wenn uns nicht ein
Zufall einander näher gebracht hätte. Das geschah folgendermaßen:
Eines Abends, als Mama bei Anna Fedorowna saß, schlich ich mich heimlich
in Pokrowskijs Zimmer. Ich wußte, daß er nicht zu Hause war, doch vermag
ich wirklich nicht zu sagen, wie ich auf diesen Gedanken kam, in das
Zimmer eines fremden Menschen zu gehen. Ich tat es zum erstenmal,
obschon wir über ein Jahr Tür an Tür gewohnt hatten. Mein Herz klopfte
so stark, als wollte es zerspringen. Ich sah mich mit einer
eigentümlichen Neugier im Zimmer um: es war ganz einfach, sogar ärmlich
eingerichtet, von Ordnung war nicht viel zu sehen. Auf dem Tisch und auf
den Stühlen lagen Papiere, beschriebene Blätter. Überall nichts als
Bücher und Papiere! Ein seltsamer Gedanke überkam mich plötzlich: es
schien mir, daß meine Freundschaft, selbst meine Liebe wenig für ihn
bedeuten könnten. Er war so gelehrt und ich so dumm, ich wußte nichts,
las nichts, besaß kein einziges Buch ... Mit einem gewissen Neid blickte
ich nach den langen Bücherregalen, die fast zu brechen drohten unter der
schweren Last. Ärger erfaßte mich, und Groll und Sehnsucht und Wut! –
Ich wollte gleichfalls Bücher lesen, seine Bücher, und alle ausnahmslos,
und das so schnell als möglich! Ich weiß nicht, vielleicht dachte ich,
daß ich, wenn ich alles wüßte, was er wußte, eher seine Freundschaft
erwerben könnte, als so, da ich nichts wußte. Ich ging entschlossen zum
ersten Bücherregal und nahm, ohne zu zögern, ohne auch nur nachzudenken,
den ersten besten Band heraus – zufällig ein ganz altes, bestaubtes Buch
– und brachte es, zitternd vor Aufregung und Angst, in unser Zimmer, um
es in der Nacht, wenn Mama schlief, beim Schein des Nachtlämpchens zu
lesen.
Wie groß aber war mein Verdruß, als ich, in unserem Zimmer glücklich
angelangt, das geraubte Buch aufschlug und sah, daß es ein uraltes,
vergilbtes und von Würmern halb zerfressenes lateinisches Werk war. Ich
besann mich nicht lange und kehrte schnell in sein Zimmer zurück. Doch
gerade wie ich im Begriff war, das Buch wieder auf seinen alten Platz
zurückzulegen, hörte ich plötzlich die Glastür zum Korridor öffnen und
schließen und dann Schritte: jemand kam! Ich wollte mich beeilen, doch
das abscheuliche Buch war so eng in der Reihe eingepreßt gewesen, daß
die anderen Bücher, als ich dieses herausgenommen, unter dem
verringerten Druck sogleich wieder dicker geworden waren, weshalb der
frühere Schicksalsgenosse nicht mehr hineinpaßte. Mir fehlte die Kraft,
um das Buch hineinzuzwängen. Die Schritte kamen näher: ich stieß mit
aller Kraft die Bücher zur Seite, und – der verrostete Nagel, der das
eine Ende des Bücherregals hielt und wohl nur auf diesen Augenblick
gewartet hatte, um zu brechen, – brach. Das Brett stürzte krachend mit
dem einen Ende zu Boden und die Bücher fielen mit Geräusch herab. Da
ging die Tür auf und Pokrowskij trat ins Zimmer.
Ich muß vorausschicken, daß er es nicht ausstehen konnte, wenn jemand in
seinem Zimmer sich zu tun machte. Wehe dem, der gar seine Bücher
anzurühren wagte! Wie groß war daher mein Entsetzen, als alle die großen
und kleinen Bücher, die dicken und dünnen, eingebundenen und
uneingebundenen herabstürzten, übereinander kollerten und unter dem
Tisch und unter Stühlen und an der Wand in einem ganzen Haufen lagen.
Ich wollte fortlaufen, doch dazu war es zu spät. „Jetzt ist es aus,“
dachte ich, „für immer aus! Ich bin verloren! Ich bin unartig, wie eine
Zehnjährige, wie ein kleines dummes Mädchen! Ich bin kindisch und
albern!“
Pokrowskij ärgerte sich entsetzlich.
„Das fehlte gerade noch!“ rief er zornig. „Schämen Sie sich denn nicht!
Werden Sie denn niemals Vernunft annehmen und die Kindertollheiten
lassen?“ Und er machte sich daran, die Bücher aufzuheben.
Ich bückte mich gleichfalls, um ihm zu helfen, doch er verbot es mir
barsch:
„Nicht nötig, nicht nötig, lassen Sie das jetzt! Sie täten besser, sich
nicht da einzufinden, wohin man Sie nicht gerufen!“
Meine stille Hilfsbereitschaft, die vielleicht mein Schuldbewußtsein
verriet, mochten ihn etwas besänftigen, wenigstens fuhr er in milderem,
ermahnendem Tone fort, so wie er noch vor kurzer Zeit als Lehrer zu mir
gesprochen:
„Wann werden Sie endlich Ihre Unbesonnenheiten aufgeben, wann endlich
etwas vernünftiger werden? So sehen Sie sich doch selbst an, Sie sind
doch kein Kind, kein kleines Mädchen mehr, – Sie sind doch schon
fünfzehn Jahre alt!“
Und da – wahrscheinlich um sich zu überzeugen, ob ich auch wirklich
nicht mehr ein kleines Mädchen sei – sah er mich an und plötzlich
errötete er bis über die Ohren. Ich begriff nicht, weshalb er errötete:
ich stand vor ihm und sah ihn mit großen Augen verwundert an. Er wußte
nicht, was tun, trat verlegen ein paar Schritte auf mich zu, geriet in
noch größere Verwirrung, murmelte irgend etwas, als wolle er sich
entschuldigen – vielleicht deswegen, weil er es erst jetzt bemerkt
hatte, daß ich schon ein so großes Mädchen sei! Endlich begriff ich. Ich
weiß nicht, was dann in mir vorging: ich sah gleichfalls verwirrt zu
Boden, errötete noch mehr als Pokrowskij, bedeckte das Gesicht mit den
Händen und lief aus dem Zimmer.
Ich wußte nicht, was ich mit mir anfangen, wo ich mich vor Scham
verstecken sollte. Schon das allein, daß er mich in seinem Zimmer
vorgefunden hatte! Ganze drei Tage konnte ich ihn nicht ansehen. Ich
errötete bis zu Tränen. Die schrecklichsten und lächerlichsten Gedanken
jagten mir durch den Kopf. Einer der verrücktesten war wohl der, daß ich
zu ihm gehen, ihm alles erklären, alles gestehen und offen alles
erzählen wollte, um ihm dann zu versichern, daß ich nicht wie ein dummes
Mädchen gehandelt habe, sondern in guter Absicht. Ich hatte mich sogar
schon fest dazu entschlossen, doch zum Glück sank mein Mut und ich wagte
es nicht, meinen Vorsatz auszuführen. Ich kann mir denken, was ich damit
angestiftet hätte! Wirklich, ich schäme mich auch jetzt noch, überhaupt
nur daran zu denken.
Einige Tage darauf erkrankte Mama – ganz plötzlich und sogar sehr
gefährlich. In der dritten Nacht stieg das Fieber und sie phantasierte
heftig. Ich hatte schon eine Nacht nicht geschlafen und saß wieder an
ihrem Bett, gab ihr zu trinken und zu bestimmten Stunden die vom Doktor
verschriebene Arznei. In der folgenden Nacht versagte meine
Widerstandskraft, ich war vollständig erschöpft. Von Zeit zu Zeit fielen
mir die Augen zu, ich sah grüne Punkte tanzen, im Kopf drehte sich alles
und jeden Augenblick wollte mich die Bewußtlosigkeit überwältigen, doch
dann weckte mich wieder ein leises Stöhnen der Kranken: ich fuhr auf und
erwachte für einen Augenblick, um von neuem, übermannt von der
Mattigkeit, einzuschlummern. Ich quälte mich. Ich kann mich des Traumes,
den ich damals hatte, nicht mehr genau entsinnen, es war aber irgendein
schrecklicher Spuk, der mich während meines Kampfes gegen die mich immer
wieder überwältigende Müdigkeit mit wirren Traumbildern ängstigte.
Entsetzt wachte ich auf. Das Zimmer war dunkel, das Nachtlicht im
Erlöschen: bald schlug die Flamme flackernd auf und heller Lichtschein
erfüllte das Zimmer, bald zuckte nur ein kleines blaues Flämmchen und an
den Wänden zitterten Schatten, um für Augenblicke fast vollständiger
Dunkelheit zu weichen. Ich begann mich zu fürchten, ein seltsames
Entsetzen erfaßte mich: meine Empfindungen und meine Phantasie standen
noch unter dem Eindruck des grauenvollen Traumes und die Angst schnürte
mir das Herz zusammen ... Ich sprang taumelnd vom Stuhl und schrie leise
auf, unter dem quälenden Druck des unbestimmten Angstgefühls. In
demselben Augenblick ging die Tür auf und Pokrowskij trat zu uns ins
Zimmer.
Ich weiß nur noch, daß ich in seinen Armen aus der Bewußtlosigkeit
erwachte. Behutsam setzte er mich auf einen Stuhl, gab mir zu trinken
und fragte mich besorgt irgend etwas, das ich nicht verstand. Ich
erinnere mich nicht, was ich ihm antwortete.
„Sie sind krank, Sie sind selbst sehr krank,“ sagte er, indem er meine
Hand erfaßte. „Sie fiebern, Sie setzen Ihre eigene Gesundheit aufs
Spiel, wenn Sie sich so wenig schonen. Beruhigen Sie sich, legen Sie
sich hin, schlafen Sie. Ich werde Sie in zwei Stunden wecken, beruhigen
Sie sich nur ... Legen Sie sich hin, schlafen Sie ganz ruhig!“ redete er
mir zu, ohne mich ein Wort des Widerspruchs sagen zu lassen. Die
Erschöpfung hatte meine letzten Kräfte besiegt. Die Augen fielen mir vor
Schwäche zu. Ich legte mich hin, um, wie ich mir fest vornahm, nur eine
halbe Stunde zu schlafen, schlief aber bis zum Morgen: Pokrowskij weckte
mich auf, als es Zeit war, Mama die Arznei einzugeben.
Als ich mich am nächsten Tage nach einer kurzen Erholung wieder zur
Nachtwache anschickte, entschlossen, diesmal nicht wieder einzuschlafen,
wurde etwa gegen elf Uhr an unsere Tür geklopft: ich öffnete – es war
Pokrowskij.
„Es wird Sie langweilen, denke ich, so allein zu sitzen,“ sagte er,
„hier, nehmen Sie dieses Buch, es wird Sie immerhin etwas zerstreuen.“
Ich nahm das Buch – ich habe vergessen, was für eines es war –, doch
obschon ich die ganze Nacht nicht schlief, sah ich kaum einmal hinein.
Es war eine eigentümliche innere Aufregung, die mir keine Ruhe ließ: ich
konnte nicht schlafen, ich konnte nicht einmal längere Zeit ruhig im
Lehnstuhl sitzen, – mehrmals stand ich auf, um eine Weile im Zimmer
umherzugehen. Eine gewisse innere Zufriedenheit durchströmte mein ganzes
Wesen. Ich war so froh über die Aufmerksamkeit Pokrowskijs. Ich war
stolz auf seine Sorge, auf seine Bemühungen um mich. Die ganze Nacht
dachte ich nur daran und träumte mit offenen Augen. Er kam nicht wieder
und ich wußte, daß er in dieser Nacht nicht wieder kommen würde, aber
ich malte mir dafür die nächste Begegnung aus.
Am folgenden Abend, als die anderen alle schon zu Bett gegangen waren,
öffnete Pokrowskij seine Tür und begann mit mir eine Unterhaltung, indem
er auf der Schwelle seines Zimmers stehen blieb. Ich entsinne mich
keines Wortes mehr von dem, was wir damals sprachen; ich weiß nur noch,
daß ich schüchtern und verwirrt war, weshalb ich mich entsetzlich über
mich ärgerte, und daß ich mit Ungeduld das Ende der Unterhaltung
erwartete, obschon ich mit allen Fibern an ihr hing und den ganzen Tag
an nichts anderes gedacht und mir sogar schon Fragen und Antworten
zurecht gelegt hatte ...
Mit diesem Gespräch begann unsere Freundschaft. Während der ganzen Dauer
von Mamas Krankheit verbrachten wir jeden Abend einige Stunden zusammen.
Allmählich überwand ich meine Schüchternheit, wenn ich auch nach jedem
Gespräch immer noch Ursache hatte, über mich selbst ungehalten zu sein.
Übrigens erfüllte es mich mit geheimer Freude und stolzer Genugtuung,
als ich sah, daß er um meinetwillen seine unausstehlichen Bücher vergaß.
Einmal kamen wir zufällig darauf zu sprechen, wie sie damals vom
Bücherbrett gefallen waren – natürlich im Scherz. Es war ein seltsamer
Augenblick: ich glaube, ich war _gar_ zu aufrichtig und naiv. Eine
seltsame Begeisterung riß mich mit sich fort und ich gestand ihm alles
... gestand ihm, daß ich lernen wollte, um etwas zu wissen, wie es mich
geärgert, daß man mich für ein kleines Mädchen gehalten ... Wie gesagt,
ich befand mich in einer sehr sonderbaren Stimmung: mein Herz war weich
und in meinen Augen standen Tränen, – ich verheimlichte ihm nichts, ich
sagte ihm alles, alles, erzählte ihm von meiner Freundschaft zu ihm, von
meinem Wunsch, ihn zu lieben, seinem Herzen nahe zu sein, ihn zu
trösten, zu beruhigen ...
Er sah mich eigentümlich an, er schien verwirrt und erstaunt zugleich zu
sein und sagte kein Wort. Das tat mir plötzlich sehr weh und machte mich
traurig. Ich glaubte, er verstehe mich nicht und mache sich in Gedanken
vielleicht sogar über mich lustig. Und plötzlich brach ich in Tränen aus
und weinte wie ein Kind: es war mir unmöglich, mich zu beherrschen, wie
ein Krampf hatte es mich erfaßt. Er ergriff meine Hände, küßte sie,
drückte sie an die Brust, redete mir zu, tröstete mich. Es mußte ihm
sehr nahe gegangen sein, denn er war tief gerührt. Ich erinnere mich
nicht mehr, was er zu mir sprach, ich weinte und lachte und errötete und
weinte wieder vor lauter Seligkeit, und konnte selbst kein Wort
hervorbringen. Dennoch entging mir nicht, daß in Pokrowskij eine gewisse
Verwirrung und Gezwungenheit zurückblieb. Offenbar konnte er sich über
meinen Gefühlsausbruch, über eine so plötzliche, glühende Freundschaft
nicht genug wundern. Vielleicht war zu Anfang nur sein Interesse
geweckt, doch späterhin verlor sich seine Zurückhaltung und er erwiderte
meine Anhänglichkeit, meine freundlichen Worte, meine Aufmerksamkeit mit
ebenso aufrichtigen, ehrlichen Gefühlen, wie ich sie ihm
entgegenbrachte, und war so aufmerksam und freundlich zu mir, wie ein
aufrichtiger Freund, wie mein leiblicher Bruder. In meinem Herzen war es
so warm, so gut ... Ich verheimlichte nichts und verstellte mich nicht:
was ich fühlte, das sah er, und mit jedem Tage trat er mir näher, wurde
seine Freundschaft zu mir größer.
Wirklich, ich vermag es nicht zu sagen, wovon wir in jenen qualvollen
und doch süßen Stunden unseres nächtlichen Beisammenseins beim
zitternden Licht des Lämpchens vor dem Heiligenbilde und fast dicht am
Bett meiner armen, kranken Mutter sprachen ... Wir sprachen von allem,
was uns einfiel, wovon das Herz voll war – und wir waren fast glücklich
... Ach, es war eine traurige und doch frohe Zeit, beides zugleich. Auch
jetzt noch bin ich traurig und froh, wenn ich an sie zurückdenke.
Erinnerungen sind immer quälend, gleichviel ob es traurige oder frohe
sind. Wenigstens ist es bei mir so – freilich liegt in dieser Qual
zugleich auch eine gewisse Süße. Aber wenn es einem schwer wird ums Herz
und weh, und wenn man sich quält und traurig ist, dann sind Erinnerungen
erfrischend und belebend wie nach einem heißen Tage kühler Tau, der am
feuchten Abend die arme, in der Sonnenglut des Tages welk gewordene
Blume erfrischt und wieder belebt.
Mama war bereits auf dem Wege der Besserung – trotzdem fuhr ich fort,
die Nächte an ihrem Bett zu verbringen. Pokrowskij gab mir Bücher:
anfangs las ich sie nur, um nicht einzuschlafen, dann aufmerksamer und
zuletzt mit wahrer Gier. Es war mir, als täte sich eine ganze Welt
neuer, mir bis dahin unbekannter, ungeahnter Dinge auf. Neue Gedanken,
neue Eindrücke stürmten in Überfülle auf mich ein. Und je mehr
Aufregung, je mehr Arbeit und Kampf mich die Aufnahme dieser neuen
Eindrücke kostete, um so lieber waren sie mir, um so freudvoller
erschütterten sie meine ganze Seele. Mit einem Schlage, ganz plötzlich
drängten sie sich in mein Herz und ließen es keine Ruhe mehr finden. Es
war ein eigentümliches Chaos, das mein ganzes Wesen aufzuregen begann.
Nur konnte mich diese geistige Vergewaltigung doch nicht vernichten. Ich
war gar zu verschwärmt und träumerisch, und das rettete mich.
Als meine Mutter die Krankheit glücklich überstanden hatte, hörten
unsere abendlichen Zusammenkünfte und langen Gespräche auf. Nur hin und
wieder fanden wir Gelegenheit, ein paar bedeutungslose, ganz
gleichgültige Worte mit einander zu wechseln, doch tröstete ich mich
damit, daß ich jedem nichtssagenden Wort eine besondere Bedeutung
verlieh und ihm einen geheimen Sinn unterschob. Mein Leben war voll
Inhalt, ich war glücklich, war still und ruhig glücklich. Und so
vergingen mehrere Wochen ...
Da trat einmal, wie zufällig, der alte Pokrowskij zu uns ins Zimmer. Er
schwatzte wieder alles mögliche, war bei auffallend guter Laune,
scherzte und war sogar witzig, so in seiner Art witzig, – bis er endlich
mit der großen Neuigkeit, die zugleich die Lösung des Rätsels seiner
guten Laune war, herauskam, und uns mitteilte, daß genau eine Woche
später Petinkas Geburtstag sei und daß er an jenem Tage unbedingt zu
seinem Sohne kommen werde. Er wolle dann die neue Weste anlegen, und
seine Frau, sagte er, habe versprochen, ihm neue Stiefel zu kaufen.
Kurz, der Alte war mehr als glücklich und schwatzte unermüdlich.
Sein Geburtstag also! Dieser Geburtstag ließ mir Tag und Nacht keine
Ruhe. Ich beschloß sogleich, ihm zum Beweis meiner Freundschaft
unbedingt etwas zu schenken. Aber was? Endlich kam mir ein guter
Gedanke: ich wollte ihm Bücher schenken. Ich wußte, daß er gern die
neueste Gesamtausgabe der Werke Puschkins besessen hätte und so beschloß
ich, ihm dieselbe zu kaufen. Ich besaß an eigenem Gelde etwa dreißig
Rubel, die ich mir mit Handarbeiten verdient hatte. Dieses Geld war
eigentlich für ein neues Kleid bestimmt, das ich mir anschaffen sollte.
Doch ich schickte sogleich unsere Küchenmagd, die alte Matrjona, zum
nächsten Buchhändler, um sich zu erkundigen, wieviel die neueste Ausgabe
der Werke Puschkins koste. O, das Unglück! Der Preis aller elf Bände
war, wenn man sie in gebundenen Exemplaren wollte, etwa sechzig Rubel.
Woher das Geld nehmen? Ich sann und grübelte und wußte nicht, was tun.
Mama um Geld bitten, das wollte ich nicht. Sie würde es mir natürlich
sofort gegeben haben, doch dann hätten alle erfahren, daß wir ihm ein
Geschenk machten. Und außerdem wäre es dann kein Geschenk mehr gewesen,
sondern gewissermaßen eine Entschädigung für seine Mühe, die er das
ganze Jahr mit mir gehabt. Ich aber wollte ihm die Bücher ganz allein,
ganz heimlich schenken. Für die Mühe aber, die er beim Unterricht mit
mir gehabt, wollte ich ihm ewig zu Dank verpflichtet sein, ohne ein
anderes Entgelt dafür, als meine Freundschaft. Endlich verfiel ich auf
einen Ausweg.
Ich wußte, daß man bei den Antiquaren im Gostinnyj Dworr[4] die neuesten
Bücher für den halben Preis erstehen konnte, wenn man nur zu handeln
verstand. Oft waren es nur wenig mitgenommene, oft sogar fast ganz neue
Bücher. Dabei blieb es: ich nahm mir vor, bei nächster Gelegenheit nach
dem Gostinnyj Dworr zu gehen. Diese Gelegenheit fand sich schon am
folgenden Tage: Mama hatte irgend etwas nötig, das aus einer Handlung
besorgt werden sollte, und Anna Fedorowna gleichfalls, doch Mama fühlte
sich nicht ganz wohl und Anna Fedorowna hatte zum Glück gerade keine
Lust zum Ausgehen. So kam es, daß ich mit Matrjona alles besorgen mußte.
Ich fand sehr bald die betreffende Ausgabe, und zwar in einem hübschen
und gut erhaltenen Einbande. Ich fragte nach dem Preise. Zuerst
verlangte der Mann mehr, als die Ausgabe in der Buchhandlung kostete,
doch nach und nach brachte ich ihn so weit – was übrigens gar nicht so
leicht war – daß er, nachdem ich mehrmals fortgegangen und so getan
hatte, als wolle ich mich an einen anderen wenden, nach und nach vom
Preise abließ und seine Forderung schließlich auf fünfunddreißig Rubel
festsetzte. Welch ein Vergnügen es mir war, zu handeln! Die arme
Matrjona konnte gar nicht begreifen, was in mich gefahren war und wozu
in aller Welt ich soviel Bücher kaufen wollte. Doch wer beschreibt
schließlich meinen Ärger: ich besaß im ganzen nur meine dreißig Rubel,
und der Kaufmann wollte mir die Bücher unter keinen Umständen billiger
abtreten. Ich bat aber und flehte und beredete ihn so lange, bis er sich
zu guter Letzt doch erweichen ließ: er ließ noch etwas ab, aber nur
zweieinhalb Rubel, mehr, sagte er, könne er bei allen Heiligen nicht
ablassen, und er schwor und beteuerte immer wieder, daß er es nur für
mich tue, weil ich ein so nettes Fräulein sei, und daß er einem anderen
Käufer nie und nimmer so viel abgelassen hätte. Zweieinhalb Rubel
fehlten mir! Ich war nahe daran, vor Verdruß in Tränen auszubrechen.
Doch da rettete mich etwas ganz Unvorhergesehenes.
Nicht weit von mir erblickte ich plötzlich den alten Pokrowskij, der an
einem der anderen Büchertische stand. Vier oder fünf der Antiquare
umringten ihn und schienen ihn durch ihre lebhaften Anpreisungen bereits
ganz eingeschüchtert zu haben. Ein jeder bot ihm einige seiner Bücher
an, die verschiedensten, die man sich nur denken kann: mein Gott, was er
nicht alles kaufen wollte! Der arme Alte war ganz hilf- und ratlos und
wußte nicht, für welches der vielen Bücher, die ihm von allen Seiten
empfohlen wurden, er sich nun eigentlich entscheiden sollte. Ich trat
auf ihn zu und fragte, was er denn hier suche. Der Alte war sehr froh
über mein Erscheinen; er liebte mich sehr, vielleicht gar nicht so viel
weniger als seinen Petinka.
„Ja, eben, sehen Sie, ich kaufe da eben Büchelchen, Warwara Alexejewna,“
antwortete er, „für Petinka kaufe ich ein paar Büchelchen. Sein
Geburtstag ist bald und er liebt doch am meisten Bücher, und da kaufe
ich sie denn eben für ihn ...“
Der Alte drückte sich immer sehr sonderbar aus, diesmal aber war er noch
dazu völlig verwirrt. Was er auch kaufen wollte, immer kostete es über
einen Rubel, zwei oder gar drei Rubel. An die großen Bände wagte er sich
schon gar nicht heran, blickte nur so von der Seite mit verlangendem
Lächeln nach ihnen hin, blätterte etwas in ihnen – ganz zaghaft und
ehrfurchtsvoll langsam – besah wohl auch das eine oder andere Buch von
allen Seiten, drehte es in der Hand und stellte es wieder an seinen
Platz zurück.
„Nein, nein, das ist zu teuer,“ sagte er dann halblaut, „aber von hier
vielleicht etwas ...“ Und er begann, unter den dünnen Broschüren und
Heftchen, unter Liederbüchern und alten Kalendern zu suchen: die waren
natürlich billig.
„Aber weshalb wollen Sie denn so etwas kaufen,“ fragte ich ihn, „diese
Heftchen sind doch nichts wert!“
„Ach nein,“ versetzte er, „nein, sehen Sie nur, was für hübsche
Büchelchen hier unter diesen sind, sehen Sie, wie hübsch!“ – Die letzten
Worte sprach er so wehmütig und gleichsam zögernd in stockendem Tone,
daß ich schon befürchtete, er werde sogleich zu weinen anfangen – vor
lauter Kummer darüber, daß die hübschen Bücher so teuer waren – und daß
sogleich ein Tränlein über seine bleiche Wange an der roten Nase
vorüberrollen werde.
Ich fragte ihn schnell, wieviel Geld er habe.
„Da, hier,“ – damit zog der Arme sein ganzes Vermögen hervor, das in ein
schmutziges Stückchen Zeitungspapier eingewickelt war – „hier, sehen
Sie, ein halbes Rubelchen, ein Zwanzigkopekenstück, hier Kupfer, auch so
zwanzig Kopeken ...“
Ich zog ihn sogleich zu meinem Antiquar.
„Hier, sehen Sie, sind ganze elf Bände, die alle zusammen zweiunddreißig
Rubel und fünfzig Kopeken kosten. Ich habe dreißig, legen Sie jetzt
zweieinhalb hinzu und wir kaufen alle diese elf Bücher und schenken sie
ihm gemeinsam!“
Der Alte verlor fast den Kopf vor Freude, schüttelte mit zitternden
Händen all sein Geld aus der Tasche, worauf ihm dann der Antiquar unsere
ganze neuerstandene Bibliothek auflud. Mein Alterchen steckte die Bücher
in alle Taschen, belud mit dem Rest Arme und Hände, und trug sie dann
alle zu sich nach Haus, nachdem er mir sein Wort gegeben, daß er sie am
nächsten Tage ganz heimlich zu uns bringen werde.
Richtig, am nächsten Tage kam er zu dem Sohn, saß wie gewöhnlich ein
Stündchen bei ihm, kam dann zu uns und setzte sich mit einer unsagbar
komischen und geheimnisvollen Miene zu mir. Lächelnd und die Hände
reibend, stolz im Bewußtsein, daß er ein Geheimnis besaß, teilte er mir
heimlich mit, daß er die Bücher alle ganz unbemerkt zu uns gebracht und
in der Küche versteckt habe, woselbst sie unter Matrjonas Schutz bis zum
Geburtstage unbemerkt verbleiben konnten.
Dann kam das Gespräch natürlich auf das bevorstehende große „Fest“. Der
Alte begann sehr weitschweifig darüber zu reden, wie die Überreichung
des Geschenkes vor sich gehen sollte, und je mehr er sich in dieses
Thema vertiefte, je mehr und je unklarer er darüber sprach, um so
deutlicher merkte ich, daß er etwas auf dem Herzen hatte, was er nicht
sagen wollte oder nicht zu sagen verstand, vielleicht aber auch nicht
recht zu sagen wagte. Ich schwieg und wartete. Seine geheime Freude und
seine groteske Vergnügtheit, die sich anfangs in seinen Gebärden, in
seinem ganzen Mienenspiel, in seinem Schmunzeln und einem gewissen
Zwinkern mit dem linken Auge verraten hatten, waren allmählich
verschwunden. Er war sichtlich von innerer Unruhe geplagt und schaute
immer bekümmerter drein. Endlich hielt er es nicht länger aus und begann
zaghaft:
„Hören Sie, wie wäre es, sehen Sie mal, Warwara Alexejewna ... wissen
Sie was, Warwara Alexejewna? ...“ Der Alte war ganz konfus. „Ja, sehen
Sie: wenn nun jetzt sein Geburtstag kommt, dann nehmen Sie zehn Bücher
und schenken ihm diese selbst, das heißt also von sich aus, von Ihrer
Seite sozusagen ... ich aber werde dann den letzten Band nehmen und ihn
ganz allein von mir aus überreichen, also sozusagen ausdrücklich von
meiner Seite. Sehen Sie, dann haben Sie etwas zu schenken, und auch ich
habe etwas zu schenken, wir werden dann eben sozusagen beide etwas zu
schenken haben ...“
Hier geriet der Alte ins Stocken und wußte nicht, wie er fortfahren
sollte. Ich sah von meiner Arbeit auf: er saß ganz still und erwartete
schüchtern, was ich wohl dazu sagen werde.
„Aber weshalb wollen Sie denn nicht gemeinsam mit mir schenken, Sachar
Petrowitsch?“ fragte ich.
„Ja so, Warwara Alexejewna, das ist schon so, wie gesagt ... – ich meine
ja nur eben sozusagen ...“
Kurz, der Alte verstand sich nicht auszudrücken, blieb wieder stecken
und kam nicht weiter.
„Sehen Sie,“ hub er dann nach kurzem Schweigen von neuem an, „ich habe
nämlich, müssen Sie wissen, den Fehler, daß ich mitunter nicht ganz so
bin, wie man sein muß ... das heißt, ich will Ihnen gestehen, Warwara
Alexejewna, daß ich eigentlich immer dumme Streiche mache ... das ist
nun schon einmal so mit mir ... und ist gewiß sehr schlecht von mir ...
Das kommt, sehen Sie, ganz verschiedentlich ... es ist draußen mitunter
so eine Kälte, auch gibt es da Unannehmlichkeiten, oder man ist eben
einmal wehmütig gestimmt, oder es geschieht sonst irgend etwas nicht
Gutes, und da halte ich es denn mitunter nicht aus und schlage eben über
die Schnur und trinke ein überflüssiges Gläschen. Dem Petruscha aber ist
das sehr unangenehm. Denn er, sehen Sie, er ärgert sich darüber und
schilt mich und erklärt mir, was Moral ist. Also deshalb, sehen Sie,
würde ich ihm jetzt gern mit meinem Geschenk beweisen, daß ich anfange,
mich gut aufzuführen, seine Lehren zu beherzigen und überhaupt mich zu
bessern. Daß ich also, mit anderen Worten, gespart habe, um das Buch zu
kaufen, lange gespart, denn ich habe doch selbst gar kein Geld, sehen
Sie, es sei denn, daß Petinka mir hin und wieder welches gibt. Das weiß
er. Also wird er dann sehen, wozu ich sein Geld benutzt habe: daß ich
alles nur für ihn tue.“
Er tat mir so leid, der Alte! Ich dachte nicht lange nach. Der Alte sah
mich in erwartungsvoller Unruhe an.
„Hören Sie, Sachar Petrowitsch,“ sagte ich, „schenken Sie sie ihm alle.“
„Wie alle? Alle Bände?“
„Nun ja, alle Bände.“
„Und das von mir, von meiner Seite?“
„Ja, von Ihrer Seite.“
„Ganz allein von mir? Das heißt, in meinem Namen?“
„Nun ja doch, versteht sich, in Ihrem Namen.“
Ich glaube, daß ich mich deutlich genug ausdrückte, doch es dauerte eine
Zeitlang, bis der Alte mich begriff.
„Na ja,“ sagte er schließlich nachdenklich, „ja! – das würde sehr gut
sein, wirklich sehr gut, aber wie bleibt es dann mit Ihnen, Warwara
Alexejewna?“
„Ich werde dann einfach nichts schenken.“
„Wie!“ rief der Alte fast erschrocken, „Sie werden Petinka nichts
schenken? Sie wollen ihm kein Geschenk machen?“
Ich bin überzeugt, daß der Alte in diesem Augenblick im Begriff war, das
Angebot zurückzuweisen, nur damit auch ich seinem Sohne etwas schenken
könne. Er war doch ein herzensguter Mensch, dieser Alte!
Ich versicherte ihm zugleich, daß ich ja sehr gern schenken würde, nur
wolle ich ihm die Freude nicht schmälern.
„Und wenn Ihr Sohn mit dem Geschenk zufrieden sein wird,“ fuhr ich fort,
„und Sie sich freuen werden, dann werde auch ich mich freuen.“
Damit gelang es mir, den Alten zu beruhigen. Er blieb noch ganze zwei
Stunden bei uns, vermochte aber in dieser Zeit keine Minute lang ruhig
zu sitzen: er erhob sich, ging umher, sprach lauter als je, tollte mit
Ssascha umher, küßte heimlich meine Hand, und schnitt Gesichter hinter
Anna Fedorownas Stuhl, bis diese ihn endlich nach Hause schickte. Kurz,
der Alte war rein aus Rand und Band vor lauter Freude, wie er es bis
dahin vielleicht in seinem ganzen Leben noch nicht gewesen war.
Am Morgen des feierlichen Tages erschien er pünktlich um elf Uhr, gleich
von der Frühmesse aus, erschien in anständigem, ausgebessertem Rock und
tatsächlich in neuen Stiefeln und mit neuer Weste. In jeder Hand trug er
ein Bündel Bücher – Matrjona hatte ihm dazu zwei Servietten geliehen.
Wir saßen gerade alle bei Anna Fedorowna und tranken Kaffee (es war ein
Sonntag). Der Alte begann, glaube ich, damit, daß Puschkin ein sehr
guter Dichter gewesen sei; davon ging er, übrigens nicht ohne gewisse
Unsicherheit und Verlegenheit und mehr als einmal stockend, aber doch
ziemlich plötzlich, auf ein anderes Thema über, nämlich darauf, daß man
sich gut aufführen müsse: wenn der Mensch das nicht tue, so sei das ein
Zeichen, daß er „dumme Streiche mache“. Schlechte Neigungen hätten eben
von jeher den Menschen herabgezogen und verdorben. Ja, er zählte sogar
mehrere abschreckende Beispiele von Unenthaltsamkeit auf, und schloß
damit, daß er selbst sich seit einiger Zeit vollkommen gebessert habe
und sich jetzt musterhaft aufführe. Er habe auch früher schon die
Richtigkeit der Lehren seines Sohnes erkannt und sie schon lange
innerlich beherzigt, jetzt aber habe er begonnen, sich auch in der Tat
aller schlechten Dinge zu enthalten und so zu leben, wie er es seiner
Erkenntnis gemäß für richtig halte. Zum Beweis aber schenke er hiermit
die Bücher, für die er sich im Laufe einer langen Zeit das nötige Geld
zusammengespart habe.
Ich hatte Mühe, mir die Tränen und das Lachen zu verbeißen, während der
arme Alte redete. So hatte er es doch verstanden, zu lügen, sobald es
nötig war!
Die Bücher wurden sogleich feierlich in Pokrowskijs Zimmer gebracht und
auf dem Bücherbrett aufgestellt. Pokrowskij selbst hatte natürlich
sofort die Wahrheit erraten.
Der Alte wurde aufgefordert, zum Mittagessen zu bleiben. Wir waren an
diesem Tage alle recht lustig. Nach dem Essen spielten wir ein
Pfänderspiel und dann Karten. Ssascha tollte und war so ausgelassen wie
nur je, und ich stand ihr in nichts nach. Pokrowskij war sehr aufmerksam
gegen mich und suchte immer nach einer Gelegenheit, mich unter vier
Augen zu sprechen, doch ließ ich mich nicht einfangen. Das war der
schönste Tag in diesen vier Jahren meines Lebens!
Jetzt, von ihm ab, kommen nur noch traurige, schwere Erinnerungen, jetzt
beginnt die Geschichte meiner dunklen Tage. Wohl deshalb will es mir
scheinen, als ob meine Feder langsamer schreibe, als beginne sie, müde
zu werden und als wolle es nicht gut weiter gehen mit dem Erzählen.
Deshalb habe ich wohl auch so ausführlich und mit so viel Liebe alle
Einzelheiten meiner Erlebnisse in jenen glücklichen Tagen meines Lebens
beschrieben. Sie waren ja so kurz, diese Tage. So bald wurden sie von
Kummer, von schwerem Kummer verdrängt, und nur Gott allein mag wissen,
wann der einmal ein Ende nehmen wird.
Mein Unglück begann mit der Krankheit und dem Tode Pokrowskijs.
Es waren etwa zwei Monate seit seinem Geburtstage vergangen, als er
erkrankte. In diesen zwei Monaten hatte er sich unermüdlich um eine
Anstellung, die ihm eine Existenzmöglichkeit gewährt hätte, bemüht, denn
bis dahin hatte er ja noch nichts. Wie alle Schwindsüchtigen, gab auch
er die Hoffnung, noch lange zu leben, bis zum letzten Augenblick nicht
auf. Einmal sollte er irgendwo als Lehrer angestellt werden, doch hatte
er einen unüberwindlichen Widerwillen gegen diesen Beruf. In den
Staatsdienst zu treten, verbot ihm seine angegriffene Gesundheit.
Außerdem hätte er dort lange auf das erste etatsmäßige Gehalt warten
müssen. Kurz, Pokrowskij sah überall nichts als Mißerfolge. Das war
natürlich von schlechtem Einfluß auf ihn. Er rieb sich auf. Er opferte
seine Gesundheit. Freilich beachtete er es nicht. Der Herbst kam. Jeden
Tag ging er in seinem leichten Mantel aus, um wieder irgendwo um eine
Anstellung zu bitten, – was ihm dabei eine Qual war. Und so kam er dann
immer müde, hungrig, vom Regen durchnäßt und mit nassen Füßen nach Haus,
bis er endlich so weit war, daß er sich zu Bett legen mußte – um nicht
wieder aufzustehen ... Er starb im Spätherbst, Ende Oktober.
Ich pflegte ihn. Während der ganzen Dauer seiner Krankheit verließ ich
nur selten sein Zimmer. Oft schlief ich ganze Nächte nicht. Meist lag er
bewußtlos im Fieber und phantasierte; dann sprach er Gott weiß wovon,
zuweilen auch von der Anstellung, die er in Aussicht hatte, von seinen
Büchern, von mir, vom Vater ... und da erst hörte ich vieles von seinen
Verhältnissen, was ich noch gar nicht gewußt und nicht einmal geahnt
hatte.
In der ersten Zeit seiner Krankheit und meiner Pflege sahen mich alle im
Hause etwas sonderbar an, und Anna Fedorowna schüttelte den Kopf. Doch
ich blickte allen offen in die Augen, und da hörte man denn auf, meine
Teilnahme für den Kranken zu verurteilen – wenigstens Mama tat es nicht
mehr.
Hin und wieder erkannte mich Pokrowskij, doch geschah das
verhältnismäßig selten. Er war fast die ganze Zeit nicht bei Besinnung.
Bisweilen sprach er lange, lange, oft ganze Nächte lang in unklaren,
dunklen Worten zu irgend jemand, und seine heisere Stimme klang in dem
engen Zimmer so dumpf wie in einem Sarge. Dann fürchtete ich mich.
Namentlich in der letzten Nacht war er wie rasend: er litt entsetzlich
und quälte sich, und sein Stöhnen zerriß mir das Herz. Alle im Hause
waren erschüttert. Anna Fedorowna betete die ganze Zeit, Gott möge ihn
schneller erlösen. Der Arzt wurde gerufen. Er sagte, daß der Kranke wohl
nur noch bis zum nächsten Morgen leben werde.
Der alte Pokrowskij verbrachte die ganze Nacht im Korridor, dicht an der
Tür zum Zimmer seines Sohnes: dort hatte man ihm ein Lager zurecht
gemacht, irgendeine Matte als Unterlage auf den Fußboden gelegt. Jeden
Augenblick kam er ins Zimmer, – es war schrecklich, ihn anzusehen. Der
Schmerz hatte ihn so gebrochen, daß er fast vollkommen teilnahmslos,
ganz gefühllos und gedankenlos erschien. Sein Kopf zitterte. Sein ganzer
Körper zitterte und sein Mund flüsterte mechanisch irgend etwas vor sich
hin. Es schien mir, daß er vor Schmerz den Verstand verlieren werde.
Vor Tagesanbruch sank der Alte auf seiner Matte im Korridor endlich in
Schlaf. Gegen acht Uhr begann der Sohn zu sterben. Ich weckte den Vater.
Pokrowskij war bei vollem Bewußtsein und nahm von uns allen Abschied.
Seltsam! Ich konnte nicht weinen, aber ich glaubte es körperlich zu
fühlen, wie mein Herz in Stücke zerriß.
Doch das Qualvollste waren für mich seine letzten Augenblicke. Er bat
lange, lange um irgend etwas, doch konnte ich seine Worte nicht mehr
verstehen, da seine Zunge bereits steif war. Mein Herz krampfte sich
zusammen. Eine ganze Stunde war er unruhig, und immer wieder bat er um
irgend etwas, bemühte er sich, mit seiner bereits steif gewordenen Hand
ein Zeichen zu machen, um dann wieder mit trauriger, dumpf-heiserer
Stimme um etwas zu bitten – doch die Worte waren nur zusammenhanglose
Laute, und wieder konnte ich nichts verstehen. Ich führte alle einzeln
an sein Bett, reichte ihm zu trinken, er aber schüttelte immer nur
langsam den Kopf und sah mich so traurig an. Endlich erriet ich, was er
wollte: er bat, den Fenstervorhang aufzuziehen und die Läden zu öffnen.
Er wollte wohl noch einmal den Tag sehen, das Gotteslicht, die Sonne.
Ich zog den Vorhang fort und stieß die Läden auf, doch der anbrechende
Tag war trübe und traurig, wie das erlöschende arme Leben des
Sterbenden. Von der Sonne war nichts zu sehen. Wolken verhüllten den
Himmel mit einer dicken Nebelschicht, so regnerisch, düster und
schwermütig war es. Ein feiner Regen schlug leise an die Fensterscheiben
und rann in klaren, kalten Wasserstreifen an ihnen herab. Es war trüb
und dunkel. Das bleiche Tageslicht drang nur spärlich ins Zimmer, wo es
das zitternde Licht des Lämpchens vor dem Heiligenbilde kaum merklich
verdrängte. Der Sterbende sah mich traurig, so traurig an und bewegte
dann leise, wie zu einem müden Schütteln, den Kopf. Nach einer Minute
starb er.
Für die Beerdigung sorgte Anna Fedorowna. Es wurde ein ganz, ganz
einfacher Sarg gekauft und ein Lastwagen gemietet. Zur Deckung der
Unkosten aber wurden alle Bücher und Sachen des Verstorbenen von Anna
Fedorowna beschlagnahmt. Der Alte wollte ihr die Hinterlassenschaft
seines Sohnes nicht abtreten, stritt mit ihr, lärmte, nahm ihr die
Bücher fort, stopfte sie in alle Taschen, in den Hut, wo immer er sie
nur unterbringen konnte, schleppte sie drei Tage mit sich herum und
trennte sich auch dann nicht von ihnen, als wir zur Kirche gehen mußten.
Alle diese Tage war er ganz wie ein Geistesgestörter. Mit einer
seltsamen Geschäftigkeit machte er sich ewig etwas am Sarge zu schaffen:
bald zupfte er ein wenig die grünen Blätter zurecht, bald zündete er die
Kerzen an, um sie wieder auszulöschen und dann wieder anzuzünden. Man
sah es, daß seine Gedanken nicht länger als einen Augenblick bei etwas
Bestimmtem verweilen konnten.
Der Totenmesse in der Kirche wohnten weder Mama noch Anna Fedorowna bei.
Mama war krank, Anna Fedorowna aber, die sich bereits angekleidet hatte,
geriet wieder mit dem alten Pokrowskij in Streit, ärgerte sich und blieb
zu Haus. So waren nur ich und der Alte in der Kirche. Während des
Gottesdienstes ergriff mich plötzlich eine unsagbare Angst – wie eine
dunkle Ahnung dessen, was mir bevorstand. Ich konnte mich kaum auf den
Füßen halten.
Endlich wurde der Sarg geschlossen, auf den Lastwagen gehoben und
fortgeführt. Ich begleitete ihn nur bis zum Ende der Straße. Dann fuhr
der Fuhrmann im Trab weiter. Der Alte lief hinter ihm her und weinte
laut, und sein Weinen zitterte und brach oft ab, da das Laufen ihn
erschütterte. Der Arme verlor seinen Hut, blieb aber nicht stehen, um
ihn aufzuheben, sondern lief weiter. Sein Kopf wurde naß vom Regen. Ein
scharfer, kalter Wind erhob sich und schnitt ins Gesicht. Doch der Alte
schien nichts davon zu spüren und lief weinend weiter, bald an der
einen, bald an der anderen Seite des Wagens. Die langen Schöße seines
fadenscheinigen alten Überrocks flatterten wie Flügel im Winde. Aus
allen Taschen sahen Bücher hervor und im Arm trug er irgendein großes
schweres Buch, das er krampfhaft umklammerte und an die Brust drückte.
Die Vorübergehenden nahmen die Mützen ab und bekreuzten sich. Einige
blieben stehen und schauten verwundert dem armen Alten nach. Alle
Augenblicke fiel ihm aus einer Tasche ein Buch in den Straßenschmutz.
Dann rief man ihn an, hielt ihn zurück und machte ihn auf seinen Verlust
aufmerksam. Und er hob das Buch auf und lief wieder weiter, dem Sarge
nach. Kurz vor der Straßenecke schloß sich ihm eine alte Bettlerin an
und folgte gleichfalls dem Sarge. Endlich bog der Wagen um die
Straßenecke und verschwand.
Ich ging nach Hause. Zitternd vor Weh warf ich mich meiner Mutter an die
Brust. Ich umschlang sie fest mit meinen Armen und küßte sie und
plötzlich brach ich in Tränen aus. Und ich schmiegte mich angstvoll an
die einzige, die mir als mein letzter Freund noch geblieben war, als
hätte ich sie für immer festhalten wollen, damit der Tod mir nicht auch
sie noch entreiße ...
Doch der Tod schwebte damals schon über meiner armen Mutter ...
* * * * *