Ich war erst vierzehn Jahre alt, als mein Vater starb. Meine Kindheit
war die glücklichste Zeit meines Lebens. Ich verbrachte sie nicht hier,
sondern fern in der Provinz, auf dem Lande. Mein Vater war der Verwalter
eines großen Gutes, das dem Fürsten P. gehörte. Und dort lebten wir –
still, einsam und glücklich ... Ich war ein richtiger Wildfang: oft tat
ich den ganzen Tag nichts anderes, als in Feld und Wald umherzustreifen,
überall wo ich nur wollte, denn niemand kümmerte sich um mich. Mein
Vater war immer beschäftigt und meine Mutter hatte in der Wirtschaft zu
tun. Ich wurde nicht unterrichtet – und darüber war ich sehr froh. So
lief ich schon frühmorgens zum großen Teich oder in den Wald, oder auf
die Wiese zu den Schnittern – je nachdem –: was machte es mir aus, daß
die Sonne brannte, daß ich selbst nicht mehr wußte, wo ich war und wie
ich mich zurechtfinden sollte, daß das Gestrüpp mich kratzte und mein
Kleid zerriß: zu Hause würde man schelten, aber was ging das mich an!
Und ich glaube, ich wäre ewig so glücklich geblieben, wenn wir auch das
ganze Leben dort auf dem Lande verbracht hätten. Doch leider mußte ich
schon als Kind von diesem freien Landleben Abschied nehmen und mich von
all den trauten Stellen trennen. Ich war erst zwölf Jahre alt, als wir
nach Petersburg übersiedelten. Ach, wie traurig war unser Aufbruch! Wie
weinte ich, als ich alles, was ich so lieb hatte, verlassen mußte! Ich
weiß noch, wie krampfhaft ich meinen Vater umarmte und ihn unter Tränen
bat, er möge doch wenigstens noch ein Weilchen auf dem Gute bleiben, und
wie mein Vater böse wurde und wie meine Mutter auch weinte. Sie sagte,
es sei notwendig, es seien geschäftliche Angelegenheiten, die es
verlangten. Der alte Fürst P. war nämlich gestorben und seine Erben
hatten meinen Vater entlassen. So fuhren wir nach Petersburg, wo einige
Privatleute lebten, denen mein Vater Geld geliehen hatte – und da wollte
er denn persönlich seine Geldangelegenheiten regeln. Das erfuhr ich
alles von meiner Mutter. Hier mieteten wir auf der Petersburger Seite[1]
eine Wohnung, in der wir dann bis zum Tode des Vaters blieben.
Wie schwer es mir war, mich an das neue Leben zu gewöhnen! Wir kamen im
Herbst nach Petersburg. Als wir das Gut verließen, war es ein sonnig
heller, klarer, warmer Tag. Auf den Feldern wurden die letzten Arbeiten
beendet. Auf den Tennen lag schon das Getreide in hohen Haufen, um die
ganze Scharen lebhaft zwitschernder Vögel flatterten. Alles war so hell
und fröhlich!
Hier aber, als wir in der Stadt anlangten, war statt dessen nichts als
Regen, Herbstkälte, Unwetter, Schmutz, und viele fremde Menschen, die
alle unfreundlich, unzufrieden und böse aussahen! Wir richteten uns ein,
so gut es eben ging. Wieviel Schererei das gab, bis man den Haushalt
endlich eingerichtet hatte! Mein Vater war fast den ganzen Tag nicht zu
Hause und meine Mutter war immer beschäftigt, – mich vergaß man ganz. Es
war ein trauriges Aufstehen am nächsten Morgen – nach der ersten Nacht
in der neuen Wohnung. Vor unseren Fenstern war ein gelber Zaun. Auf der
Straße sah man nichts als Schmutz! Nur wenige Menschen gingen vorüber,
und alle waren so vermummt in Kleider und Tücher, und alle schienen sie
zu frieren.
Bei uns zu Hause herrschten ganze Tage lang nur Kummer und entsetzliche
Langeweile. Verwandte oder nahe Bekannte hatten wir hier nicht. Mit Anna
Fedorowna hatte sich der Vater entzweit. (Er schuldete ihr etwas.) Es
kamen aber ziemlich oft Leute zu uns, die mit dem Vater Geschäftliches
zu besprechen hatten. Gewöhnlich wurde dann gestritten, gelärmt und
geschrien. Und wenn sie wieder fortgegangen waren, war Papa immer so
unzufrieden und böse. Stundenlang ging er dann im Zimmer auf und ab, mit
gerunzelter Stirn, ohne ein Wort zu sprechen. Auch Mama wagte dann
nichts zu sagen und schwieg. Und ich zog mich mit einem Buch still in
einen Winkel zurück und wagte mich nicht zu rühren.
Im dritten Monat nach unserer Ankunft in Petersburg wurde ich in eine
Pension gegeben. War das eine traurige Zeit, anfangs, unter den vielen
fremden Menschen! Alles war so trocken, so kurz angebunden, so
unfreundlich und so gar nicht anziehend: die Lehrerinnen schalten und
die Mädchen spotteten, und ich war so verschüchtert – wie ein Wildling
kam ich mir vor. Diese pedantische Strenge! Alles mußte pünktlich zur
bestimmten Stunde geschehen. Die Mahlzeiten an der gemeinsamen Tafel,
die langweiligen Lehrer – das machte mich anfangs haltlos! Ich konnte
dort nicht einmal schlafen. So manche lange, langweilige, kalte Nacht
habe ich bis zum Morgen geweint. Abends, wenn die anderen alle ihre
Lektionen lernten oder wiederholten, saß ich über meinem Buch oder dem
Vokabelheft und wagte nicht, mich zu rühren, doch mit meinen Gedanken
war ich wieder zu Hause, dachte an den Vater und die Mutter und an meine
alte gute Kinderfrau und an deren Märchen ... ach, was für ein Heimweh
mich da erfaßte! Jedes kleinsten Gegenstandes im Hause erinnert man
sich, und selbst an den noch denkt man mit einem so eigentümlichen,
wehmütigen Vergnügen. Und so denkt man und denkt man denn, – wie gut,
wie schön es doch jetzt zu Hause wäre! Da würde ich in unserem kleinen
Eßzimmer am Tisch sitzen, auf dem der Ssamowar summt, und mit am Tisch
säßen die Eltern: wie warm wäre es, wie traut, wie behaglich. Wie würde
ich, denkt man, jetzt Mütterchen umarmen, fest, ganz fest, o, so mit
aller Inbrunst umarmen! – Und so denkt man weiter, bis man vor Heimweh
leise zu weinen anfängt, und immer wieder die Tränen schluckt – die
Vokabeln aber gehen einem nicht in den Kopf. Wieder kann man die Aufgabe
für den nächsten Tag nicht: die ganze Nacht sieht man nichts anderes im
Traum, als den Lehrer, die Madame und die Mitschülerinnen; die ganze
Nacht träumt man, daß man die Aufgaben lerne, am nächsten Tage aber weiß
man natürlich nichts. Da muß man wieder im Winkel knien und erhält nur
eine Speise. Ich war so unlustig, so wortkarg. Die Mädchen lachten über
mich, neckten mich und lenkten meine Aufmerksamkeit ab, wenn ich die
Aufgabe hersagte, oder sie kniffen mich, wenn wir in langer Reihe
paarweis zu Tisch gingen, oder sie beklagten sich bei der Lehrerin über
mich. Doch welche Seligkeit, wenn dann am Sonnabendabend meine alte gute
Wärterin kam, um mich abzuholen! Wie ich sie umarmte – ich wußte mich
kaum zu lassen vor Freude – mein gutes Altchen! Und dann kleidete sie
mich an, immer „hübsch warm“, wie sie sagte, wenn sie mir die Tücher um
den Kopf band. Unterwegs aber konnte sie mir nie schnell genug folgen
und ich – konnte doch nicht so langsam gehen wie sie! Und die ganze Zeit
erzählte ich und schwatzte ich ohne Unterlaß. Ganz ausgelassen vor
Freude, lief ich ins Haus und warf mich den Eltern um den Hals, als
hätten wir uns seit neun Jahren nicht gesehen. Und dann begann das
Erzählen und Fragen, und ich lachte und lief umher und feierte mit allem
und allem Wiedersehen. Papa begann alsbald ernstere Gespräche: über die
Lehrer, über Mathematik, über die französische Sprache und die Grammatik
von L’Homond, – und alle waren wir so guter Dinge und zufrieden und
gesprächig. Auch jetzt noch ist mir die bloße Erinnerung an jene Stunden
ein Vergnügen.
Ich gab mir die größte Mühe, gut zu lernen, um meinen Vater damit zu
erfreuen. Ich sah doch, daß er das Letzte für mich ausgab, während ihm
selbst die Sorgen über den Kopf wuchsen. Mit jedem Tage wurde er
finsterer, unzufriedener, jähzorniger; sein Charakter veränderte sich
sehr zu seinem Nachteil. Nichts gelang ihm, alles schlug fehl und die
Schulden wuchsen ins Ungeheuerliche.
Die Mutter fürchtete sich, zu weinen oder auch nur ein Wort der Klage zu
sagen, da der Vater sich dann nur noch mehr ärgerte. Sie wurde kränklich
und schwächlich und ein böser Husten stellte sich ein. Kam ich aus der
Pension, so sah ich nur traurige Gesichter: die Mutter wischte sich
heimlich die Tränen aus den Augen und der Vater ärgerte sich. Und dann
kamen wieder Vorwürfe und Klagen: er erlebe an mir keine Freude, ich
brächte ihm auch keinen Trost, und doch gebe er für mich das Letzte hin,
ich aber verstände noch immer nicht, Französisch zu sprechen. Mit einem
Wort, ich war an allem schuld; alles Unglück, alle Mißerfolge, alles
hatten wir zu verantworten, ich und die arme Mama. Wie war es aber nur
möglich, die arme Mama noch mehr zu quälen! Wenn man sie ansah, konnte
einem das Herz brechen! Ihre Wangen waren eingefallen, die Augen lagen
tief in den Höhlen – wie eine Schwindsüchtige sah sie aus.
Die größten Vorwürfe wurden mir gemacht. Gewöhnlich begann es mit
irgendeiner kleinen Nebensächlichkeit und dann kam oft Gott weiß was
alles zur Sprache, – oft begriff ich nicht einmal, wovon Papa sprach.
Was er da nicht alles vorbrachte! ... Zuerst die französische Sprache,
daß ich ein großer Dummkopf und unsere Pensionsvorsteherin eine
fahrlässige, dumme Person sei, sie sorge nicht im geringsten für unsere
sittliche Entwickelung; dann – daß er noch immer keine Anstellung finden
könne und daß die Grammatik von L’Homond nichts tauge, die von Sapolskij
sei bedeutend besser; daß man für mich viel Geld verschwendet habe, ohne
Sinn und Nutzen, daß ich ein gefühlloses, hartherziges Mädchen sei, –
kurz, ich Arme, die ich mir die größte Mühe gab, französische Vokabeln
und Gespräche auswendig zu lernen, war an allem schuld und mußte alle
Vorwürfe hinnehmen. Aber er tat es ja nicht etwa deshalb, weil er uns
nicht liebte: im Gegenteil, er liebte uns über alle Maßen! Es war nun
einmal sein Charakter ...
Oder nein: es waren die Sorgen, die Enttäuschungen und Mißerfolge, die
seinen ursprünglich guten Charakter so verändert hatten: er wurde
mißtrauisch, war oft ganz verbittert und der Verzweiflung nahe, begann
seine Gesundheit zu vernachlässigen, erkältete sich und – starb dann
auch nach kurzem Krankenlager, so plötzlich, so unerwartet, daß wir es
noch tagelang nicht fassen konnten! Wir waren wie betäubt von diesem
Schlage. Mama war wie erstarrt, ich fürchtete anfänglich für ihren
Verstand. Kaum aber war er gestorben, da kamen schon die Gläubiger in
Scharen zu uns. Alles, was wir hatten, gaben wir ihnen hin. Unser
Häuschen auf der Petersburger Seite, das Papa ein halbes Jahr nach
unserer Ankunft in Petersburg gekauft hatte, mußte gleichfalls verkauft
werden. Ich weiß nicht, wie es mit dem Übrigen wurde, wir blieben
jedenfalls ohne Obdach, ohne Geld, schutzlos, mittellos ... Mama war
krank – es war ein schleichendes Fieber, das nicht weichen wollte –
verdienen konnten wir nichts, so waren wir dem Verderben preisgegeben.
Ich war erst vierzehn Jahre alt.
Da besuchte uns zum erstenmal Anna Fedorowna. Sie gibt sich immer für
eine Gutsbesitzerin aus und versichert, sie sei mit uns nahe verwandt.
Mama aber sagte, sie sei allerdings verwandt mit uns, nur sei diese
Verwandtschaft eine sehr weitläufige. Als Papa noch lebte, war sie nie
zu uns gekommen. Sie erschien mit Tränen in den Augen und beteuerte, daß
sie an unserem Unglück großen Anteil nehme. Sie bemitleidete uns
lebhaft, äußerte sich dann aber dahin, daß Papa an unserem ganzen
Mißgeschick schuld sei: er habe gar zu hoch hinaus gewollt und gar zu
sehr auf seine eigene Kraft gebaut. Ferner äußerte sie als „einzige
Verwandte“ den Wunsch, uns näher zu treten, und machte den Vorschlag,
Gewesenes zu vergessen. Als Mama darauf erwiderte, daß sie nie
irgendwelchen Groll gegen sie gehegt habe, weinte sie sogar vor lauter
Rührung, führte Mama in die Kirche und bestellte eine Seelenmesse für
den „toten Liebling“, wie sie den Entschlafenen plötzlich nannte. Darauf
versöhnte sie sich in aller Feierlichkeit mit Mama.
Dann, nach langen Vorreden und Randbemerkungen und nachdem sie uns in
grellen Farben unsere ganze hoffnungslose Lage klargemacht, von unserer
Mittel-, Schutz- und Hilflosigkeit gesprochen hatte, forderte sie uns
auf, ihr Obdach mit ihr zu teilen, wie sie sich ausdrückte. Mama dankte
für ihre Freundlichkeit, konnte sich aber lange nicht entschließen, der
Aufforderung Folge zu leisten, doch da uns nichts anderes übrig blieb,
so sah sie sich zu guter Letzt gezwungen, Anna Fedorowna mitzuteilen,
daß sie ihr Anerbieten dankbar annehmen wolle.
Wie deutlich erinnere ich mich noch jenes Morgens, an dem wir von der
Petersburger Seite nach dem anderen Stadtteil, dem Wassilij Ostroff,
übersiedelten! Es war ein klarer, trockener, kalter Herbstmorgen. Mama
weinte. Und ich war so traurig: es war mir, als schnüre mir eine
unerklärliche Angst die Brust zusammen ... Es war eine schwere Zeit ...
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