20. Mai.

Mein Täubchen Warinka!

Ich sende Ihnen ein paar Weintrauben, mein Herzchen, die sind gut für

Genesende, sagt man, und auch der Arzt hat sie empfohlen, gegen den

Durst, – also dann essen Sie mal die Träubchen, Warinka, wenn Sie

durstig sind. Sie wollten auch gern ein Rosenstöckchen besitzen, Kind,

da schicke ich Ihnen denn jetzt welche. Haben Sie aber auch Appetit,

Herzchen? – Das ist doch die Hauptsache. Gott sei Dank, daß nun alles

vorüber und überstanden ist, und daß auch unser Unglück bald ein Ende

nehmen wird. Danken wir dafür dem Schöpfer! Was aber nun die Bücher

betrifft, so kann ich vorläufig nirgendwo welche auftreiben. Es soll

hier jemand ein sehr gutes Buch haben, hörte ich, eines, das in sehr

hohem Stil geschrieben sei; man sagt, es sei wirklich ein gutes Buch,

ich habe es selbst nicht gelesen, aber es wird hier sehr gelobt. Ich

habe gebeten, man möge es mir geben, und man wollte es mir auch

verschaffen. Nur – werden Sie es wirklich lesen? Sie sind ja so

wählerisch in solchen Sachen, daß es schwer hält, für Ihren Geschmack

gerade das Richtige zu finden, ich kenne Sie doch, mein Täubchen, ich

weiß schon, wie Sie sind! Sie wollen wohl nur Poesie haben, die von

Liebe und Sehnsucht handelt, – deshalb werde ich Ihnen auch Gedichte

verschaffen, alles, alles, was Sie nur haben wollen. Hier gibt es ein

ganzes Heft mit abgeschriebenen Gedichten.

Ich lebe sehr gut. Sie müssen sich über mich beruhigen, Kind. Was Ihnen

die Fedora wieder erzählt hat, ist alles gar nicht wahr, sie soll nicht

immer lügen, sagen Sie ihr das. Ja, sagen Sie es ihr wirklich, der

Klatschbase! ... Ich habe meinen neuen Uniformrock gar nicht verkauft,

ist mir nicht eingefallen! Und weshalb sollte ich ihn verkaufen, sagen

Sie doch selbst? Ich habe noch vor kurzem gehört, wie man davon sprach,

daß man mir eine Gratifikation von vierzig Rubeln zusprechen werde,

weshalb sollte ich da verkaufen? Nein, Kind, Sie sollen sich wirklich

nicht beunruhigen. Sie ist argwöhnisch, die Fedora, und mißtrauisch, das

ist gar nicht gut von ihr. Warten Sie nur, auch wir werden noch mal gut

leben, mein Täubchen! Nur müssen Sie erst gesund werden, mein Engelchen,

das müssen Sie um Christi willen: das ist doch mein größter Kummer,

damit betrüben Sie mich Alten doch am meisten. Wer hat Ihnen gesagt, daß

ich abgemagert sei? Das ist auch eine Verleumdung! Ich bin ganz gesund

und munter und habe sogar so zugenommen, daß ich mich schon selbst zu

schämen anfange. Bin satt und zufrieden und mir fehlt nichts, – wenn nur

Sie wieder gesund wären! Nun, und jetzt leben Sie wohl, mein Engelchen;

ich küsse alle Ihre Fingerchen und verbleibe

Ihr ewig treuer, unwandelbarer Freund

Makar Djewuschkin.

P. S. Ach, Herzchen, was haben Sie da nur wieder geschrieben! Daß Sie

sich doch immer etwas ins Köpfchen setzen müssen! Wie soll ich denn so

oft zu Ihnen kommen, Kind – das frage ich Sie, – wie? Etwa im Schutze

der nächtlichen Dunkelheit? Aber wo die Nächte hernehmen, jetzt gibt es

ja gar keine, in dieser Jahreszeit. Ich habe Sie aber auch so,

Engelchen, während Ihrer Krankheit fast gar nicht verlassen, als Sie

bewußtlos im Fieber lagen. Doch eigentlich weiß ich es selbst nicht

mehr, wie ich meine Zeit einteilte und mit allem doch noch fertig wurde.

Aber dann stellte ich meine Besuche ein, denn die Leute wurden neugierig

und begannen zu fragen. Und es sind ohnehin schon Klatschgeschichten

entstanden. Ich verlasse mich aber ganz auf Theresa, sie ist zum Glück

nicht schwatzhaft. Aber immerhin müssen Sie es sich doch selbst sagen,

Kind, wie wird denn das sein, wenn alle über uns schwatzen? Was werden

sie denn von uns denken und was sagen? Deshalb beißen Sie mal die

Zähnchen zusammen, Herzchen, und warten Sie, bis Sie ganz gesund

geworden sind: dann werden wir uns schon irgendwo außerhalb des Hauses

treffen können.

Sämtliche Werke 14 · 第 18 / 102 题