Mein Täubchen Warinka!
Ich sende Ihnen ein paar Weintrauben, mein Herzchen, die sind gut für
Genesende, sagt man, und auch der Arzt hat sie empfohlen, gegen den
Durst, – also dann essen Sie mal die Träubchen, Warinka, wenn Sie
durstig sind. Sie wollten auch gern ein Rosenstöckchen besitzen, Kind,
da schicke ich Ihnen denn jetzt welche. Haben Sie aber auch Appetit,
Herzchen? – Das ist doch die Hauptsache. Gott sei Dank, daß nun alles
vorüber und überstanden ist, und daß auch unser Unglück bald ein Ende
nehmen wird. Danken wir dafür dem Schöpfer! Was aber nun die Bücher
betrifft, so kann ich vorläufig nirgendwo welche auftreiben. Es soll
hier jemand ein sehr gutes Buch haben, hörte ich, eines, das in sehr
hohem Stil geschrieben sei; man sagt, es sei wirklich ein gutes Buch,
ich habe es selbst nicht gelesen, aber es wird hier sehr gelobt. Ich
habe gebeten, man möge es mir geben, und man wollte es mir auch
verschaffen. Nur – werden Sie es wirklich lesen? Sie sind ja so
wählerisch in solchen Sachen, daß es schwer hält, für Ihren Geschmack
gerade das Richtige zu finden, ich kenne Sie doch, mein Täubchen, ich
weiß schon, wie Sie sind! Sie wollen wohl nur Poesie haben, die von
Liebe und Sehnsucht handelt, – deshalb werde ich Ihnen auch Gedichte
verschaffen, alles, alles, was Sie nur haben wollen. Hier gibt es ein
ganzes Heft mit abgeschriebenen Gedichten.
Ich lebe sehr gut. Sie müssen sich über mich beruhigen, Kind. Was Ihnen
die Fedora wieder erzählt hat, ist alles gar nicht wahr, sie soll nicht
immer lügen, sagen Sie ihr das. Ja, sagen Sie es ihr wirklich, der
Klatschbase! ... Ich habe meinen neuen Uniformrock gar nicht verkauft,
ist mir nicht eingefallen! Und weshalb sollte ich ihn verkaufen, sagen
Sie doch selbst? Ich habe noch vor kurzem gehört, wie man davon sprach,
daß man mir eine Gratifikation von vierzig Rubeln zusprechen werde,
weshalb sollte ich da verkaufen? Nein, Kind, Sie sollen sich wirklich
nicht beunruhigen. Sie ist argwöhnisch, die Fedora, und mißtrauisch, das
ist gar nicht gut von ihr. Warten Sie nur, auch wir werden noch mal gut
leben, mein Täubchen! Nur müssen Sie erst gesund werden, mein Engelchen,
das müssen Sie um Christi willen: das ist doch mein größter Kummer,
damit betrüben Sie mich Alten doch am meisten. Wer hat Ihnen gesagt, daß
ich abgemagert sei? Das ist auch eine Verleumdung! Ich bin ganz gesund
und munter und habe sogar so zugenommen, daß ich mich schon selbst zu
schämen anfange. Bin satt und zufrieden und mir fehlt nichts, – wenn nur
Sie wieder gesund wären! Nun, und jetzt leben Sie wohl, mein Engelchen;
ich küsse alle Ihre Fingerchen und verbleibe
Ihr ewig treuer, unwandelbarer Freund
Makar Djewuschkin.
P. S. Ach, Herzchen, was haben Sie da nur wieder geschrieben! Daß Sie
sich doch immer etwas ins Köpfchen setzen müssen! Wie soll ich denn so
oft zu Ihnen kommen, Kind – das frage ich Sie, – wie? Etwa im Schutze
der nächtlichen Dunkelheit? Aber wo die Nächte hernehmen, jetzt gibt es
ja gar keine, in dieser Jahreszeit. Ich habe Sie aber auch so,
Engelchen, während Ihrer Krankheit fast gar nicht verlassen, als Sie
bewußtlos im Fieber lagen. Doch eigentlich weiß ich es selbst nicht
mehr, wie ich meine Zeit einteilte und mit allem doch noch fertig wurde.
Aber dann stellte ich meine Besuche ein, denn die Leute wurden neugierig
und begannen zu fragen. Und es sind ohnehin schon Klatschgeschichten
entstanden. Ich verlasse mich aber ganz auf Theresa, sie ist zum Glück
nicht schwatzhaft. Aber immerhin müssen Sie es sich doch selbst sagen,
Kind, wie wird denn das sein, wenn alle über uns schwatzen? Was werden
sie denn von uns denken und was sagen? Deshalb beißen Sie mal die
Zähnchen zusammen, Herzchen, und warten Sie, bis Sie ganz gesund
geworden sind: dann werden wir uns schon irgendwo außerhalb des Hauses
treffen können.