Eines Nachmittags im Hochsommer erschien Hickel und reichte Caspar einen
an ihn, den Polizeileutnant, gerichteten, aber im Grunde für Caspar
bestimmten Brief des Grafen Stanhope, in welchem dieser dem Jüngling
klipp und klar befahl, das Tagebuch an Hickel auszuliefern.
Caspar überlas das Schreiben dreimal, ehe er endlich Worte fand; er
weigerte sich zu gehorchen.
»Ja, mein Bester,« sagte Hickel, »wenn es nicht gutwillig geht, muß ich
leider Gewalt anwenden.«
Caspar besann sich, dann sagte er mit trüber Stimme, der einzige, dem er
das Tagebuch geben könne, sei der Präsident, und dem wolle er es morgen
bringen, wenn man darauf bestehe.
»Gut,« entgegnete der Polizeileutnant, »ich werde Sie morgen früh
abholen, und dann gehen wir mit dem Heft zum Präsidenten.«
Hickel wollte Zeit gewinnen. Er hatte natürlich keine Lust, das Tagebuch
in die Hände Feuerbachs kommen zu lassen, gerade dies zu verhindern,
hatte er Auftrag, und er überlegte, was zu tun sei. Was Caspar betrifft,
so stahl er sich gegen Mittag aus dem Haus und lief in die Wohnung des
Präsidenten, um sich zu beschweren. Feuerbach war im Senat; Caspar
vertraute seine Sorge der Tochter an, und diese versprach dem Vater
Bericht zu geben.
Nachmittags läutete es bei Quandts, und der Präsident trat ins Zimmer.
Mittlerweile hatte Caspar, um auch diesem sonst verehrten Mann den
gehüteten Schatz nicht ausliefern zu müssen, sich eine Ausrede erdacht,
und als der Präsident im Beisein Quandts nach dem Tagebuch fragte und ob
es wahr sei, daß er es nicht zeigen wolle, sagte er schnell, er habe es
verbrannt.
Da gab es dem Lehrer einen Ruck, und er konnte sich eines zornigen
Ausrufs nicht enthalten.
»Wann haben Sie es verbrannt?« fragte Feuerbach ruhig.
»Heute.«
»Und warum?«
»Damit ich's nicht hergeben muß.«
»Warum wollen Sie es nicht hergeben?«
Caspar schwieg und starrte zu Boden.
»Das ist eine Lüge, er hat es nicht verbrannt, Exzellenz,« zeterte
Quandt, bebend vor Ärger. »Und wenn er überhaupt ein Tagebuch geführt
hat, so muß es schon länger beiseitegebracht sein. Von Weihnachten an
hab' ich es überall gesucht, in jedem Winkel seines Zimmers hab' ich
Umschau gehalten, und nie, niemals war eine Spur davon zu finden.«
Der Präsident schaute Quandt aus großen Augen stumm und verwundert an;
es war ein Blick, der etwas Mattes und Gramvolles hatte. »Wo war denn
das Tagebuch aufbewahrt, Caspar?« fuhr er dann zu fragen fort.
Caspar antwortete zaudernd, er habe es bald da, bald dort versteckt;
bald unter den Büchern, bald im Schrank, zuletzt an einem Nagel hinter
der Schreibkommode. Quandt schüttelte dabei unaufhörlich den Kopf und
lächelte böse. »Haben Sie denn den Nagel selbst eingeschlagen?«
inquirierte er.
»Ja.«
»Wer hat Ihnen die Erlaubnis dazu erteilt?«
»Gehen Sie jetzt, Caspar,« schnitt der Präsident das Zwiegespräch
gebieterisch ab. »Ich begreife nicht,« wandte er sich, als Caspar
draußen war, an den Lehrer, »weshalb Lord Stanhope plötzlich so großes
Gewicht auf das Tagebuch legt; wahrscheinlich überschätzt er die ohne
Zweifel harmlosen Schreibereien. Mit Güte und Überredung wäre man
übrigens besser gefahren als durch einen kategorischen Befehl.«
»Güte, Überredung?« versetzte Quandt händeringend. »Da haben Euer
Exzellenz einen schlechten Begriff von diesem Menschen. Durch Güte
entfesselt man nur seine Selbstsucht, und jeder Versuch, ihn zu
überreden, vergrößert seine Bockbeinigkeit. Ja, er dünkt sich schon
etwas, stellt sich auf die Hinterfüße, hält Widerpart und ist fähig, mir
eine Antwort zu geben, daß ich dastehe wie vor den Mund geschlagen. Euer
Exzellenz mögen verzeihen, aber ich bin der Meinung, daß sogar Sie durch
Güte und Überredung nichts mehr bei ihm ausrichten können.«
»Na, na,« machte Feuerbach, schritt zum Fenster und sah düster in die
regentriefenden Zweige des Birnbaums, der an der Hofmauer wuchs.
»Ich getraue mich auch, Euer Exzellenz auf das allerbestimmteste zu
versichern, daß er das Tagebuch nicht verbrannt hat,« schloß Quandt mit
beschwörender Stimme.
Der Präsident antwortete nichts. Wie widerwärtig war es ihm, all den
kleinen Hader austragen zu sollen, den sie ihm da herbeischleppten. Ihn
dürstete nach Frieden. Das eine Werk noch, vollendet mußte es werden,
dann -- Friede.
Kaum war Feuerbach gegangen, so eilte Quandt in Caspars Zimmer, rückte
die Schreibkommode von der Wand und sah nach, ob dort ein Nagel stecke.
In der Tat war ein Nagel ins Holz geschlagen. Quandt rief die Magd
herauf. »Hat der Hauser in letzter Zeit den Hammer gehabt und haben Sie
ihn klopfen gehört?« fragte er. Die Magd bejahte; er habe vorige Woche
Hammer und Nägel aus der Küche geholt, und sie habe ihn klopfen gehört.
Plötzlich hatte Quandt eine Erleuchtung. Wir sind ja im Sommer, dachte
er, und wenn er das Heft wirklich verbrannt hat, muß die Asche noch im
Ofen zu finden sein. Er ging zum Ofen, kniete nieder, öffnete das
Türchen und scheuerte mit gierigen Händen alles, was von verbrannten und
verkohlten Resten in dem Loch war, heraus auf den Boden.
Es kam viel Papierasche zum Vorschein. Quandt gab acht, daß die größeren
Stücke nicht zerbrachen, da man auf Asche eine Schrift noch lesen kann.
Sorgsam schob er die Trümmer auseinander. Er fürchtete das eine oder das
andre mit dem Finger anzugreifen und blies es mit dem Atem seines Mundes
zur Seite; wenn es beschrieben war, versuchte er die Worte zu lesen,
fand aber keinen Zusammenhang.
Da näherten sich Schritte und Caspar trat ein, nicht wenig erstaunt über
die Lage, in der er den Lehrer sah, dessen Hände und Gesicht von Ruß
geschwärzt waren, indes ihm der Schweiß von den Haaren troff.
Quandt ließ sich nicht stören. »So viel Asche kann doch unmöglich von
dem einen Tagebuch herrühren,« sagte er.
»Ich hab' auch alte Briefe und Schriften damit verbrannt,« erwiderte
Caspar.
Die kühlsachliche Antwort trieb Quandt die Zornröte ins Gesicht; er
stand hastig auf, murmelte etwas durch die Zähne und verließ das Zimmer,
die Tür hinter sich zudonnernd. »Sie kommen mir heut abend nicht mit auf
die 'Ressource',« schrie er auf der Stiege.
In der »Ressource« war ein Gartenfest, das der Schützenverein
veranstaltete. Quandt hatte eigentlich keine Lust, hinzugehen,
dergleichen kostete immer Geld. Aber die Frau wollte auch einmal ein
Amüsement haben, war des verdrießlichen Zuhausehockens satt. Sie hatte
sich schon vor acht Tagen ein Kattunkleid für diesen Zweck gemacht, und
so mußte denn der Lehrer sich fügen und, wie er sich ausdrückte, der
Unvernunft seinen Zoll entrichten, zumal das Wetter gegen Abend schön
geworden war.
Caspar blieb, bis die Dunkelheit anbrach, am offenen Fenster sitzen und
genoß der Stille. Dann machte er Licht, und ein Lächeln umspielte seine
Lippen, als er zur Wand ging, den Stahlstich über dem Kanapee
herunternahm, die hinter dem Bild befestigte Holztafel loslöste und nun
das so verborgene Tagebuch hervorzog. Er setzte sich damit zum Tisch,
blätterte nachdenklich in dem Heft herum und überlas einige Stellen.
Hier war ein Lebensalter, eine Menschwerdung zusammengepreßt in den
Verlauf von nicht mehr als vier Jahren, mit unheimlicher
Geschwindigkeit Epoche an Epoche drängend. Was es an mangelhaft
Ausgesprochenem, Geschildertem enthielt, die unschuldigen Ergüsse erster
Freuden und Schmerzen, das erste bange Welterkennen, knabenhafte
Philosophie und trotziges Hadern mit ahnungsvoll als feindlich
empfundenen Mächten irdischer und überirdischer Natur, alles das hätte
die auf diese Beute versessenen Jäger bitter enttäuscht. Aber es war
nicht für jene, es war für die Mutter, ihr war es zugelobt ein für
allemal, und mit der ihm eignen Wunderlichkeit war Caspar der Gedanke
ganz unfaßlich, daß ein andres Auge je auf diesen Blättern ruhen sollte.
Es mag auch sein, daß ihm das Heft nach und nach in der Einbildung zu
seinem einzigen wirklichen Besitz geworden war; das einzige Ding, das
ihm völlig zugehörte und sein ganzes Vertrauen besaß.
Auf einer der ersten Seiten stand: »Neulich hab' ich aus Gartenkresse
meinen Namen gesäet, ist recht schön gewachsen und hat mir große Freude
gemacht. Ist einer in den Garten hereingekommen, hat Birnen gestohlen,
der hat mir meinen Namen zertreten, da hab' ich geweint. Herr Daumer hat
gesagt, ich soll ihn wieder machen, hab' ich ihn wieder gemacht, am
andern Morgen haben ihn Katzen zertreten.«
Es folgten in demselben unbeholfenen Stil einige Versuche, seine
Kerkerhaft zu beschreiben, etwa so: »Die Geschichte von Caspar Hauser;
ich will es selbst erzählen, wie hart es mir ergangen. Zwar da, wo ich
eingesperrt war in dem Gefängnis, ist es mir recht gut vorgekommen, weil
ich von der Welt nichts gewußt und keinen Menschen niemals gesehen
habe.«
In diesem Ton ging es weiter; späterhin kamen einige zum
Schönrednerischen strebende Stellen, und eine begann mit dem Satz:
»Welcher Erwachsene gedächte nicht mit trauriger Rührung an meine
unverdiente Einsperrung, in der ich meine blühendste Lebenszeit
zugebracht habe, und wo so manche Jugend in goldenen Vergnügungen lebte,
da war meine Natur noch gar nicht erwecket.«
Träume, Hoffnungen, Sehnsuchtsbilder, Berichte über kleine Ausflüge,
über Unterhaltungen mit Fremden; hier und da ein beherzigenswertes Wort,
in einem Buch gefunden oder aus einem Wust sonst inhaltloser Gespräche
geklaubt; allmählich Sätze, an denen etwas wie persönlicher Schliff
hervortrat und eine merkwürdige verhüllte Düsterkeit des Stils.
Unmittelbar war nie ein Kummer, ein Urteil, eine Meinung ausgedrückt; er
hatte es eben, wie Quandt diese Eigenschaft formulierte, hinter den
Ohren. Von einem bedeutungsvollen Tag stand oft nur das Datum vermerkt
und daneben ein Sternchen; manches Ereignisses war nur in scheuen
Umschreibungen gedacht; auch Lakonismen waren diesem Geist nicht fremd;
so hieß es von dem Mordanfall in Daumers Hause kurz: »Der Erntemonat
wäre bald mein Sterbemonat worden.«
Kleine Vorfälle des täglichen Lebens: »Gestern hat mich eine Biene
gestochen, das Fräulein von Stichaner hat mir die Wunde ausgesaugt, sie
sagte, wen die Biene sticht, der hat Glück.« Oder: »Gestern war eine
Feuersbrunst, über Dautenwinden hat der Wald gebrannt, ich bin die halbe
Nacht am Fenster gesessen und hab' gedacht, die Welt geht unter.«
Sinnliche Empfindlichkeiten kamen zu lapidarem Ausdruck: »Herr Quandt
riecht nach alter Luft, die Lehrerin nach Wolle, der Hofrat nach Papier,
der Präsident nach Tabak, der Polizeileutnant nach Öl, der Herr Pfarrer
nach Kleiderschrank. Fast alle Menschen riechen schlecht, nur der Graf
hat wie ein Leib gerochen, an dem nichts ist als guter Odem.«
Dem Grafen war manche Seite gewidmet; hier wurde der Ton poetisch und
nicht selten drängend in der Art eines Gebets. Stanhope und die Sonne
wurden zu Bildern von verwandter Kraft. Seit dem Abschied aus Nürnberg
hatte das aufgehört, der Name des Lords wurde nicht mehr erwähnt, nur
das Gelöbnis vom achten Dezember war aufgeschrieben.
Aus den letzten Tagen stammte eine Zeichnung, welche über die Hälfte
einer Seite füllte: die Umrisse eines männlichen Kopfes, mit auffallend
geschickter Hand festgehalten. Es war ein fremdartiges Gesicht, keinem
irdischen ähnlich, eher dem einer Statue, doch wie aus einer
schauerlichen Vision gerissen, von schmerzlicher Unbewegtheit. Darunter
war geschrieben:
O großer Mensch, was tuest du mir an?
Du folgest mir, und meine Spur ist blind,
Und so du mich erschaust, bin ich verwandelt.
Dem Kerker ist entflohn das arme Kind,
Der Mantel fehlt und Krone auch und Schwert,
Und ohne Reiter läuft das weiße Pferd.
Die Zeichnung war in der Nacht gefertigt worden; aus einem Traum
auffahrend, hatte Caspar das Gesicht vor sich gesehen; er war aus dem
Bett gesprungen und hatte es beim Mondlicht gezeichnet. Die Verse hatte
er am Morgen beim Erwachen fertig auf den Lippen gefunden. Ihrem Sinn
hatte er nicht weiter nachgegrübelt, erst jetzt wurde er stutzig und
flüsterte die Worte mehrere Male vor sich hin.
Mittlerweile war es spät geworden, Caspar wollte gerade vom Tisch
aufstehen, da hörte er das Haustor knarren, rasche Schritte näherten
sich, es klopfte an die Tür, und Quandts Stimme befahl zu öffnen.
Erschrocken blies Caspar das Licht aus. Im Finstern tastete er sich zum
Sofa, brachte das Tagebuch wieder in sein Versteck, und während Quandt
immer stärker pochte, gelang es ihm, das Bild an den Nagel zu hängen.
Quandt hatte nämlich, vom Spitalweg kommend, schon aus der Ferne in
Caspars Zimmer Licht bemerkt. Er packte seine Frau am Arm und rief:
»Sieh mal, Frau, sieh mal!«
»Was gibt's denn schon wieder?« murrte die Frau, die voll Ärger darüber
war, daß Quandt ihr mit seiner übeln Laune den ganzen Abend verdorben
hatte.
»Jetzt hast du doch den Beweis, daß er bei der Kerze sitzt,« sagte
Quandt.
Das Haus hatte durch ein Gartenpförtchen auch einen Zugang von der
Rückseite. Quandt wählte den, und als er mit der Frau im Hof stand, fiel
ihm ein, ob er nicht zuerst den Jüngling auf irgendwelche Art belauschen
und sehen könne, was er treibe. Der Birnbaum an der Mauer war wie
geschaffen dazu. Quandt war geschickt und kräftig, ohne Mühe erklomm er
die Mauer und dann einen breiten Ast, von wo er Caspars Zimmer
überschauen konnte. Was er sah, genügte. Nach kurzer Weile kam er
aufgeregt herab, raunte seiner Frau zu: »Ich hab' ihn erwischt, Jette,«
und stürzte ins Haus und die Stiege empor.
Da sich auf sein Klopfen drinnen nichts rührte, geriet er in Wut. Er
fing an, mit den Fäusten, sodann mit den Absätzen an die Tür zu
trommeln, und als auch dies nichts half, beschloß der beklagenswerte
Mann in seiner Raserei, ein Beil zu holen und die Türe einzuschlagen.
Vorher lief er noch geschwind in den Hof zurück und sah, daß es in
Caspars Zimmer indessen finster geworden war, ein Umstand, der seinen
Zorn nur noch steigerte.
Von dem Lärm waren die Kinder und die Magd aufgewacht; die Lehrerin trat
Quandt jammernd entgegen, als er mit der Holzhacke aus der Küche rannte.
Er stieß sie weg, schäumte: »Ich will's ihm schon zeigen,« und stürzte
wieder hinauf.
Nach dem ersten Schlag mit dem Beil öffnete sich die Tür, und Caspar
trat im Hemd auf die Schwelle. Der Anblick der ruhigen Gestalt hatte
etwas so Unerwartetes und Ernüchterndes für den Lehrer, daß er förmlich
znsammenklappte, nichts zu sagen und zu tun wußte und nur sonderbar mit
den Zähnen knirschte. »Machen Sie Licht,« murmelte er nach einem langen
Stillschweigen. Doch schon kam die Frau mit einem Licht, leise heulend,
die Stiege herauf. Caspar erblickte das Beil im gesenkten Arm des
Lehrers und fing an, heftig zu zittern. Bei diesem Zeichen von Furcht
verlor Quandt vollends die Haltung. Er schämte sich, und tief
aufseufzend sagte er: »Hauser, Sie bereiten mir großen Kummer.« Damit
drehte er sich um und ging langsam hinunter.
Caspar schlief erst ein, als der Tag dämmerte. Beim Frühstück, vor der
gewohnten Unterrichtsstunde, erfuhr er, daß Quandt schon ausgegangen
sei. Es wurde Mittag, und während des Essens war der Lehrer vollkommen
stumm; mit dem letzten Bissen erhob er sich und sagte. »Um fünf Uhr
seien Sie auf Ihrem Zimmer, Hauser. Der Polizeileutnant will mit Ihnen
sprechen.«
Caspar legte sich oben aufs Kanapee. Es war ein heißer Augusttag,
Gewitterwolken lagerten am Himmel, am offenen Fenster flogen Schwalben
ängstlich zwitschernd vorüber, die schwül erhitzte Luft surrte und sang
im engen Gemach. Noch müde von der Nacht, entschlummerte Caspar alsbald,
und erst ein heftiges Rütteln an seiner Schulter weckte ihn. Hickel und
der Lehrer standen neben ihm, er setzte sich auf, rieb die Augen und sah
die beiden Männer schweigend an. Hickel knöpfte mit einer amtlichen
Gebärde seinen Uniformrock zu und sagte: »Ich fordere Sie hiermit auf,
Hauser, mir Ihr Tagebuch abzuliefern.«
Caspar erhob sich tiefatmend und antwortete mit einer mehr von innerem
Zwang als Mut eingegebenen Festigkeit: »Herr Polizeileutnant, ich werde
Ihnen mein Tagebuch nicht geben.«
Quandt schlug die Hände zusammen und rief klagend: »Hauser! Hauser! Sie
treiben Ihre unkindliche Widersetzlichkeit zu weit.«
Caspar schaute sich verzweifelt um und erwiderte zuckenden Mundes: »Ja,
bin ich denn ein Eigentum von einem andern? Bin ich denn wie ein Tier?
Was wollen Sie denn noch? Ich hab' ja schon gesagt, daß ich das Buch
verbrannt habe!«
»Wollen Sie etwa leugnen, Hauser, daß Sie heute nacht bei der Kerze
geschrieben haben?« fragte Quandt dringlich. »Briefe haben Sie doch
nicht zu schreiben gehabt und mit den Exerzitien waren Sie fertig.«
Caspar schwieg. Er wußte nicht ein noch aus.
»Ein guter Mensch hat überhaupt die Einsicht in sein Tagebuch nicht zu
scheuen,« fuhr Quandt fort, »im Gegenteil, sie muß ihm erwünscht sein,
da doch seine Unbescholtenheit damit bezeugt wird. Sie am
allerwenigsten, lieber Hauser, haben Grund, ein geheimes Tagebuch zu
führen.«
»Wie lange werden Sie uns noch warten lassen?« fragte Hickel mit
höflicher Kälte.
»Da will ich doch lieber sterben, als daß ich das alles aushalten soll!«
rief Caspar und hob den Arm, um sein Gesicht darin zu verbergen.
»Nun, nun,« sagte Quandt beunruhigt, »wir meinen es ja gut mit Ihnen,
auch der Herr Polizeileutnant will nur Ihr Bestes.«
»Freilich,« bestätigte Hickel trocken; »übrigens kann ich Ihnen sagen,
daß das Sterben zurzeit nicht der beste Einfall von Ihnen wäre. Da
könnte man unter Umständen auf Ihrem Grabstein lesen: Hier liegt der
Betrüger Caspar Hauser.«
»Ganz abgesehen davon, daß sich in einem solchen Satz eine höchst
verwerfliche Gesinnung ausdrückt,« fügte Quandt tadelnd hinzu, »eine
feige und unsittliche Gesinnung.«
»Es liegt mir am Leben nichts, wenn man mich immer mit solchen
Geschichten plagt und mir nicht glaubt,« entgegnete Caspar bedrückt;
»ich hab' ja früher auch nicht gelebt und hab' lange nicht gewußt, daß
ich lebe.«
Hickel ging indes an der Wand entlang und klopfte mit den Knöcheln wie
spielend an einige Stellen der Mauer; plötzlich schien sich seine
Aufmerksamkeit gegen das Bild über dem Sofa zu richten. Er nahm es
lächelnd herab, betrachtete es nach allen Seiten und klappte
schließlich die Scharniere auf, um die Holztafel zu entfernen.
Caspar wurde schlohweiß und bebte wie Espenlaub.
Aber als nun Hickel das blaue Heft schmunzelnd in seiner Hand hielt,
ging eine seltsame Verwandlung mit Caspar vor. Es sah aus, als wachse er
plötzlich und werde um Kopfeslänge größer. Mit zwei Schritten stand er
dicht vor dem Polizeileutnant. Sein Gesicht war förmlich aufgerissen. In
seiner Miene war etwas Erhabenes. Sein Blick glühte von einer
leidenschaftlichen und gebieterischen Kraft. Hickel, in dem dumpfen
Gefühl, als werde er zermalmt oder zertreten, wich langsam und
fasziniert gegen die Tür zurück. Der kalte Schweiß brach aus seiner
Haut, als ihm Caspar folgte, Schritt für Schritt, den Arm ausstreckte,
das Heft mit einem Ruck aus seinen umklammernden Fingern zog, es mitten
durchriß, die beiden Hälften noch einmal und noch einmal zerriß, bis
alles in Fetzen auf dem Boden lag.
Wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn die Dazwischenkunft einer
vierten Person in diesem Augenblick nicht die Situation verändert hätte.
Es war der Pfarrer Fuhrmann, der im Vorübergehen Caspar hatte besuchen
wollen, um ihn zu fragen, weshalb er heute vom Unterricht fortgeblieben
war. Als er eintrat, mußte sich ihm eine Ahnung des Geschehenen
aufdrängen; er blickte stumm von einem zum andern. Quandt, der dem
ganzen Vorgang mit entsetzten Augen zugeschaut, gewann nur mühsam seine
Fassung und sagte in verlegenem Ton: »Was haben Sie denn da für ein
Geschnitzel gemacht, Hauser?«
Hickel wanderte mit ein paar großen Schritten durchs Zimmer, dann
grüßte er den Pfarrer militärisch und ging mit kaltem und finsterem
Gesicht. Unter der Tür drehte er sich um, deutete auf den Papierhaufen
und machte eine befehlende Kopfbewegung gegen Quandt. Dieser begriff. Er
bückte sich, um die Schnitzel zusammenzuscharren. Aber Caspar
durchschaute seine Absicht; er stellte sich mit den Füßen darauf und
sagte: »Das kommt ins Feuer, Herr Lehrer.«
Er kniete nieder, raffte das Papier mit zwei Händen auf, trug es zum
Ofen, öffnete mit dem Fuß das Türchen und warf alles hinein. Darauf
schlug er Feuer, und eine Minute später brannte es lichterloh.
Der Pfarrer Fuhrmann war bloß schweigender Zeuge des Auftritts, Hickel
war gegangen, und der Lehrer, beständig hüstelnd, schritt mit der
Gleichmäßigkeit eines Wachpostens vor dem Ofen auf und ab, indes Caspar
kauernd zuschaute, bis das letzte Fünkchen verglommen war; dann nahm er
den Schürhaken und zerschlug die Aschenreste zu Staub.
Der Pfarrer hatte nachher eine Unterredung mit Caspar, welche trotz dem
herabgestimmten Gemütszustande des jungen Menschen und einer schier
krankhaften Unlust zu sprechen doch zu mancherlei Eröffnungen führte,
die den geistlichen Herrn bewogen, sich wegen des Vorgefallenen an den
Präsidenten Feuerbach zu wenden.
»Es ist eigen mit dem Lehrer Quandt,« sagte er im Verlauf seiner
Mitteilungen zu Feuerbach; »ein sonst so vortrefflicher Mann, und in
allem, was den Hauser betrifft, wie verhext. Die Ruhe des Hauser macht
ihn kribblig, seine Sanftheit rauh, seine Schweigsamkeit redselig,
seine Melancholie spöttisch, seine Heiterkeit traurig, und seine
Ungeschicklichkeit gibt ihm die durchtriebensten Listen ein. Aus allem,
was der Hauser tut und sagt, schließt er im stillen das Gegenteil, sogar
das Einmaleins aus diesem Mund scheint ihm eine Lüge. Ich glaube, er
möchte ihm am liebsten die Brust aufschneiden, um zu sehen, was drinnen
ist. Das ist, weiß Gott, kein christlicher Gedanke von mir, aber ich
kann mir nicht helfen, wenn ich sehe, wie da alles verdächtig gemacht
wird. Verdächtig ist, wenn dem Hauser etwas neu erscheint, und
verdächtig, wenn er es schon kennt; verdächtig, wenn er lange schläft,
und verdächtig, wenn er früh aufsteht; daß er das Theater liebt und die
Musik nicht liebt, verdächtig; daß er es hinunterschluckt, wenn man ihn
zankt, hingegen die Streitigkeiten zwischen andern, zum Beispiel
zwischen Quandt und seiner Frau, immer schlichten will: verdächtig.
Alles ist verdächtig. Wie soll das enden!«
Aber, wie man so bezeichnend sagt, ein Wort gab das andre, und zum
Schluß kam nichts heraus.
Der Präsident, merkwürdig zerstreut, versprach, den Polizeileutnant zur
Rede zu stellen. Er ließ Hickel rufen und schrie ihn gleich beim
Eintritt an, daß dem Verdutzten Hören und Sehen verging. Leider diente
die Schimpferei der Sache schlecht; als der Zorn verdampft war, trug
Hickels überlegene Ruhe und berechnete Schmiegsamkeit den Sieg davon. Es
kam nichts heraus. Es blieb alles beim alten. Nur daß der
Polizeileutnant, in seiner Eitelkeit tief gekränkt, doppelt still und
kalt seiner Wege ging.
»Die Bemühung, dem Hauser eine annehmliche Existenz zu verschaffen, muß
man wohl als gescheitert betrachten,« sagte Feuerbach eines Tages zu
seiner Tochter. »Der Mensch leidet in seiner jetzigen Umgebung, und die
Art, wie man ihn behandelt, scheint gegen alle Vernunft und Billigkeit.«
»Mag sein; aber kann man es ändern?« versetzte Henriette achselzuckend.
»Mich beruhigt nur die Zuversicht, daß ja eine Entscheidung ohnehin
fallen muß, wenn die Schrift einmal erschienen ist,« sagte der Präsident
vor sich hin.
»Was schadet es auch dem jungen Menschen, wenn die Wogen des Lebens über
seinem Kopf zusammenschlagen?« fuhr Henriette fort. »Vielleicht lernt er
schwimmen dabei. Es ist nicht an Ihnen, Vater, seinen Präzeptor zu
machen.«
»Vielleicht lernt er schwimmen dabei. Vortrefflich ausgedrückt, meine
Tochter. Dereinst mag er dann der überstandenen Prüfungen dankbar
gedenken. Ein Gekrönter, der eine solche Schicksalsschule erfahren hat,
von der tiefsten Tiefe zur höchsten Höhe gestiegen ist -- ei, das gäbe
Hoffnungen! Fehlte es den Großen der Erde nicht an Lebenskenntnis, so
wäre ihnen das Volk mehr und etwas andres als eine Melkkuh. Lassen wir
also den Stahl glühen, damit er hart werde. Sind heute Korrekturen
gekommen?«
Henriette verneinte und ging seufzend hinaus.
Es gibt eine innere Stimme, die beredsamer ist als die Weisheit der
Sentenzen. Feuerbach erfuhr die Gewalt dieser Stimme stets aufs neue,
wenn er sich Caspar gegenüberbefand. Es war ihm nicht gegeben, sich um
den Appell einer höheren Instanz, als es Vernunft und Erfahrung sind,
herumzulügen. Den Freimut der Verantwortlichkeit, den er vor dem eignen
Herzen empfand, hatte das Alter nicht abgestumpft, sondern geläutert; er
mußte sich bekennen, daß das, was ihn quälte, ganz einfach das schlechte
Gewissen war.
Welch ein Dilemma für einen solchen Mann! Auf der einen Seite die bis
zur Selbstverleugnung getriebene Erfüllung der Idee, auf der andern das
vorwurfsvolle Auge dessen, dem die Idee galt und dem er sich nicht
ergeben konnte und durfte -- aus Furcht vor dem allzu beteiligten Gefühl,
aus Furcht vor der Trübung des Urteils, aus Furcht, daß der Engel der
Gerechtigkeit seiner vorgesetzten Bahn entfliehen würde, wenn Neigung,
Rücksicht und herzliche Annäherung ins Spiel kämen.
So wie an die nächsten Freunde schickte der Präsident in diesen Tagen
die Aushängebogen seiner Caspar-Hauser-Schrift auch an Stanhope, der
sich zurzeit in Rom aufhielt. Der Graf dankte oder antwortete mit keinem
Wort.
Eines schlimmeren Zeichens bedurfte Feuerbach nicht. Wie hatte doch das
große Wort gelautet, das er einst in lebendiger Stunde zu jenem Mann
gesprochen? »Wenn dieses Antlitz trügt, Mylord, mit dem Sie hier vor mir
stehen, dann ...«
Ja, dann! Was dann? Kindliche Anmaßung! Würde die Welt untergehen, weil
ein Feuerbach sich getäuscht? Wie vielfältig ist der Mensch, wie viele
Gesichter sind ihm eigen, wie viele Worte findet er um eines
erbärmlichen Vorteils willen! Für den Bissen Brot ist jeder Bettler
schon ein Fürst der Worte, und was Staatskarossen, was Pairschaft, was
anmutige Manieren und überredendes Gefühl, wenn dem allen nur das Wort
die Schminke ist, das eine aussätzige Haut verschönt? Dazu also Herzen
zergliedert, im Dunkel der Seelen gewühlt, mit Richterkunst und -pathos
Tat und Untat auf ihr menschlich Maß geprüft, damit ein aufgeschmückter
Schelm aus England kam, um damit ein sardonisches Spiel zu treiben und
alles lächelnd ins Absurde zu führen.
Den alten Mann ekelte. Aber die Vorstellung von der Macht und den
Hilfsmitteln der Feinde, mit denen er sich in ungleichen Kampf
eingelassen, wurde allmählich ungeheuer, und wenn auch sein Vorhaben
nicht die geringste Beeinträchtigung erfuhr und er nicht für die Dauer
eines Augenblicks ins Schwanken geriet, nahm doch eine verdüsternde
Unruhe von ihm Besitz. Seit jenem nächtlichen Einbruch, dessen Anstifter
aller aufgewandten Mühe zum Trotz unentdeckt geblieben waren, entbehrte
er des dauernden Schlafs. Er erhob sich bisweilen aus dem Bett, wanderte
mit dem Licht durch die Zimmer, über Treppen und Flur, rüttelte an den
Fenstern, probierte die Festigkeit der Schlösser und erschrak nicht
selten vor seinem eignen Schatten. Es war für seine Kinder ein
erschütterndes Schauspiel, diesen Mann der Leidenschaft und des
eingefleischten Mutes in dergleichen Gespensterwesen verstrickt zu
sehen. Einstmals am frühen Morgen fand man an der äußeren Seite des
Haustors folgende mit Kreide angeschriebenen Verse:
Anselm, Ritter von Feuerbach!
Lösch 's Feuer unter deinem Dach!
Laß den falschen Freund nimmer ein!
Zieh den Degen und hau drein,
Sonst wird's um dich geschehen sein.
An einem Abend zu Ende Oktober kam Quandt und begehrte den Präsidenten
zu sprechen. Feuerbach ließ ihn eintreten und beobachtete sofort in
seinem Benehmen etwas Verlegenes und Bestürztes, doch zeigte der Lehrer
nicht die gewöhnliche Umständlichkeit, sondern rückte schnell mit seinem
Anliegen heraus. Er berichtete, Caspar habe vorgestern einen Brief des
Grafen erhalten und seitdem habe er sich ganz verändert; ob Seine
Exzellenz nicht eine Stunde erübrigen könne, um mit dem Menschen zu
reden, er selbst bringe kein Wort aus ihm heraus.
Der Präsident fragte, worin die Veränderung bestehe.
»Es ist, als wäre er taubstumm geworden,« versetzte Quandt. »Bei Tisch
läßt er die Speisen unberührt, beim Unterricht ist er äußerst
unaufmerksam, ja geistesabwesend, die Aufgaben macht er nicht mehr, auf
Fragen antwortet er nicht, schleicht herum wie ein Todkranker und starrt
in die Luft. Gestern nachts hab' ich und meine Frau ihn belauscht und
wir haben zugehört, wie er erst eine ganze Weile vor sich hingewimmert,
dann auf einmal hat er einen gräßlichen Schrei ausgestoßen.«
»Wissen Sie vielleicht, was in dem Brief des Grafen gestanden hat?«
forschte der Präsident.
»O ja, das weiß ich wohl,« entgegnete der Lehrer harmlos; »es ist meine
Gepflogenheit, alle Briefe, die er erhält, vorher zu öffnen.«
Feuerbach blickte jäh empor und sah den Lehrer mit finsterer Neugier an.
»Nun, und?« fragte er.
»Ich könnte den Inhalt des Schreibens durchaus nicht mit einer solchen
Wirkung zusammenreimen,« erwiderte Quandt bedächtig.
Der Präsident stampfte ungeduldig mit dem Fuß. »Gut, gut,« rief er
barsch, »aber was stand denn drin, da Sie es doch einmal wissen?«
Quandt erschrak. »Es stand drin, der Graf könne in diesem Jahr nicht
mehr nach Ansbach kommen, unerwartete Zwischenfälle nötigten ihn, diesen
Plan ins Unbestimmte zu verschieben. Nun ist mir freilich bekannt, daß
Hauser mit der Herkunft des Lords stark gerechnet hat, er sprach sogar
immer von einem festen Termin und hielt es für einen Frevel, wenn man
ihm das ausreden wollte; er schien es geradezu für eine Pflicht des
Grafen zu erachten, denn in seinem kindischen Kopf glaubt er noch fix
daran, daß ihn der Graf mit nach England auf seine Schlösser nehmen
werde, und er ahnt gar nicht, daß der Herr Graf schon längst sein Herz
von ihm abgewandt hat --«
»Woher wissen Sie das, Mann?« brauste der Präsident auf und erhob sich
mit solchem Ungestüm, daß der Stuhl hinter ihm umstürzte.
»Eure Exzellenz verzeihen,« stotterte Quandt furchtsam, »aber das ist
doch sonnenklar.« Er ging hin, stellte den Stuhl mit einer höflichen
Grimasse wieder auf, und während der Präsident mit seinen steifen,
kurzen Schritten auf und ab wanderte, sagte er schüchtern: »Trotz allem
ist mir die Wirkung dieser in den urbansten Formen gehaltenen Absage
unerklärlich und besorgniserregend; es muß da etwas dahinter stecken,
und Eure Exzellenz sind vielleicht imstande, es herauszubringen.«
»Ich werde der Sache nachgehen,« schnitt Feuerbach das Gespräch kurz ab.
Quandt machte seinen Bückling und entfernte sich. Er ging nicht
heimwärts, sondern wandte sich gegen die Herrieder Vorstadt, da er
seine Frau vom Haus ihrer Mutter abholen wollte. Es war ein heftiger
Sturm, Blätter und Zweige wirbelten durch die Luft, Quandts Mantelumhang
flatterte hochauf, und mit beiden Händen mußte er die Ränder seines
Schlapphuts festhalten.
Kurz nach dem Lehrer hatte Caspar heimlich das Haus verlassen,
eigentlich ohne Ziel. Als er auf der Straße war, fiel ihm ein, ob er
nicht zu Frau von Imhoff gehen könne, und ungeachtet der Dunkelheit und
des bösen Wetters, und obgleich das Imhoffschlößchen eine Viertelstunde
vor der Stadt gelegen war, entschloß er sich dazu. Aber als er angelangt
war, als er am Gittertor stand und zu den erleuchteten Fenstern
hinaufschaute, schwand ihm alle Lust und er fürchtete sich vor den
hellen Zimmern. Sah er sich doch schon droben; hörte er doch schon die
Worte, die ihm nichts waren und nichts galten, er kannte sie alle, er
hätte sie auswendig an der Schwelle hersagen können. Ja, er kannte nun
die Worte der Menschen, er erfuhr nichts Neues durch sie, sie fielen in
das unermeßliche Meer seiner Traurigkeit wie kleine trübe Tropfen, deren
Aufschall die Tiefe verschlang.
Ein Schatten glitt an den Fenstern vorbei, ein andrer folgte. So weilten
sie in ihren Wohnungen, still und emsig, zündeten ihre Lichter an und
wußten nicht, wer draußen stand am Tor.
Mitten im Windgebrause vernahm Caspar Töne wie von einem
Saiteninstrument, das unter den Wolken aufgehängt war. Es befand sich
nämlich auf dem Dach des Schlößchens eine Aeolsharfe, Caspar wußte dies
nicht und hielt es für eine geisterhafte Musik. Als er den Rückweg
antrat, schlugen immer von Zeit zu Zeit die orgelnden Akkorde an sein
Ohr.
Er wünschte noch nicht heimzugehen; der gleiche dumpfe Drang, der ihn
vor das Schlößchen der Imhoffs getrieben hatte, führte ihn noch zum
Hause des Generalkommissärs, dann zum Haus des Regierungspräsidenten,
dann zum Feuerbachschen Haus und schließlich vor ein Gebäude, das
unbewohnt war und das mit seinen verschlossenen Läden, seinen bemosten
Simsen und seinem hochbogigen Tor, über welchem ein Auge in den Stein
und darüber die Worte gemeißelt waren: »Zum Auge Gottes«, schon lang
vorher seine Wißbegier aufgeweckt hatte. Zur Markgrafenzeit sollte ein
Goldmacher darin gewohnt haben.
Es war ihm zumute, wie wenn er in all diesen Häusern zu Gast gewesen
sei, wie wenn er unsichtbar unter ihren Bewohnern oder in ihren leeren
Räumen herumgegangen sei und als ob er dabei eine merkwürdige Kenntnis
von dem vergangenen und gegenwärtigen Leben ihrer Menschen gewonnen
hätte.
Ziemlich müde und dabei tief erregt langte er im Lehrerhaus an. Quandt
und seine Frau waren noch nicht daheim, die Kinder schliefen, die Magd
war nicht zu sehen, es herrschte eine große Stille, nur der Wind
umheulte die Mauern, und das Flurlämpchen flackerte wie vor Furcht. Da,
während Caspar zur Treppe schritt, vernahm er eine langgezogene feine
Stimme, ähnlich dem Zirpen der Sommergrille, und die Stimme rief:
»Stephan!«
Er blieb befremdet stehen und sah sich um. Da alles ruhig war, glaubte
er sich getäuscht zu haben, glaubte, es sei eine Stimme draußen auf der
Straße gewesen. Aber kaum hatte er drei Schritte getan, so erschallte
die Stimme neuerdings, nur unvergleichlich lauter, anscheinend aus
dichterer Nähe:
»Stephan!«
Es war etwas unendlich Ergreifendes in dem Ton; es klang, wie wenn
einer, der zu ertrinken fürchtet, aus dem Wasser ruft. Unverkennbar war
es eine männliche Stimme, die nun zum drittenmal wie von Schluchzen
erstickt ausrief:
»Stephan!«
Kein Zweifel, der Ruf galt ihm, ihm, Caspar. Er streckte die Arme aus
und fragte: »Wo? Wo bist du? Wo bist du?«
Da sah er oben über der Tür, körperlos schwebend, ein fahlleuchtendes
Gesicht. Es war das Gesicht Stanhopes, mit aufgerissenen Augen und
aufgerissenem Mund, wie in äußerstem Schrecken verzerrt, häßlich, schier
unkenntlich häßlich.
Caspar verharrte angewurzelt an seinem Platz, seine Glieder, ja seine
Augen waren wie versteinert. Als er zum zweitenmal hinblickte, war das
Antlitz verschwunden, auch die Stimme ließ sich nicht mehr vernehmen.
Flur und Stiege erleuchtet, alle Türen zu, kein Mensch zu sehen, kein
Laut zu hören.