»Der Weg ist nicht weit,« meinte Stanhope, »wir können zu Fuß gehen;
wenn du es aber wünschest und die Zudringlichkeit der Menschen scheust,
die zu erwarten ist, kann ich den Wagen bestellen.«
»Nein,« erwiderte Caspar freundlich, »ich gehe lieber; die Leute werden
sich schon trösten, wenn sie sehen, daß ich auch auf zwei Beinen
spaziere.«
Da fiel Stanhopes Blick auf den Ring. Erstaunt nahm er ihn in die Hand,
sah Caspar an, sah den Ring an, überlegte mit zusammengezogenen Brauen,
lächelte flüchtig und wild, dann legte er den Ring schweigend in eine
Lade, die er verschloß. Als ob nichts geschehen wäre, zog er den Mantel
an und sagte: »Ich bin bereit.«
Das Aufsehen in den Gassen war erträglich; es spielte sich alles in Ruhe
ab, das Volk hier war gutmütig und scheu.
Über dem Tor des Quandtschen Hauses war ein Kranz aus Immergrün
aufgehängt, in dessen Mitte auf einem Pappendeckel ein gemaltes
»Willkommen« prangte. Quandt trat den Ankömmlingen im braunen Bratenrock
entgegen, sonntäglich aussehend, seine Frau hatte einen schottischen
Schal umgehängt, damit ihr körperlicher Zustand weniger auffällig
hervortrete.
Zuerst wurde Caspars Zimmerchen besichtigt, das im obern Flur lag. Der
Raum hatte auf einer Seite eine schiefe Mansardenwand, bot aber sonst
ein nettes Ansehen. Über dem altväterisch-bunten Kanapee hing ein
schwarzgerahmter Stich; das Bild stellte ein unsagbar schönes Mädchen
vor, das die Arme schmerzlich nach einem Jemand ausstreckte, von dem man
gerade noch zwischen Gebüschen die Beine und einen fliegenden Mantel
sah. An der andern Wand hingen zwei längliche Deckchen, worauf
Sinnsprüche eingestickt waren; auf dem einen: »Früh auf, spät nieder
bringt verlorene Güter wieder«; auf dem andern: »Hoffnung ist des Lebens
Stab von der Wiege bis zum Grab«. Auf dem Sims standen Töpfe mit
Winterblumen, und über niedriges Dächerwerk hinweg konnte sich der Blick
an einer lieblich geschlossenen Landschaft ergötzen; schneeweiße Hügel
begrenzten in nicht zu großer Weite das ansteigende Tal.
Caspar war es beim Hinschauen recht jämmerlich zumute; er dachte
gewisser Vorstellungen von ehedem, die jetzt keinen Bezug mehr hatten:
eine Fahrt mit weitgestecktem Ziel; die Straße läuft fröhlich dem Wagen
voran; Wolken teilen sich beim Näherkommen; Berge treten gefällig zur
Seite; die Luft schwirrt vom Gesang der Fremde; Wälder und Wiesen,
Dörfer und Städtchen hüpfen im besonnten Nebel vorüber, und unter dem
schließenden Ring des Himmels strömt Welt auf Welt hervor.
Es war nicht mehr an dem.
Unten im Wohnzimmer dunsteten die frischgefegten Dielen noch von
Feuchtigkeit. Quandt setzte dem Lord die wichtigsten Punkte seines
Programms auseinander. Bisweilen schaute er Caspar dabei an, und sein
Blick war dann durchdringend wie bei einem Schützen, der das Ziel
fixiert, ehe er die Flinte anlegt.
Stanhope sagte, er schätze sich glücklich, daß Caspar endlich Aussicht
auf eine geregelte Bildung habe, alles bisherige sei ja nur Willkür und
Ungefähr gewesen. Wenn der Herr Staatsrat nicht so fest darauf bestanden
hätte, daß Caspar in Ansbach bleibe -- dies sollte offenbar eine
Erklärung gegen den still zuhörenden Jüngling sein --, wären sie ohne
Zweifel heute schon in England oder doch auf dem Weg dahin. »Da ich ihn
aber in so guten Händen weiß,« fügte er hinzu, »bin ich
nichtsdestoweniger froh; man sieht daraus, daß auch ein unerwünschter
Zwang oft die ersprießlichsten Folgen hat.«
Seine Worte waren trocken; es war, als rede sein Hut oder sein Stock.
Das Kompliment, das sie enthielten, war schal, oft gebraucht wie
Spülwasser. Aber für Quandt waren sie eine Herzenserquickung. Er belebte
sich zusehends und meinte eifrig, es sei am geratensten, wenn Caspar
noch heute einziehe. Stanhope schaute Caspar fragend an; dieser senkte
den Kopf, worauf sich der Lord zu einem nachsichtigen Lächeln zwang.
»Wir wollen nichts überstürzen,« sagte er. »Ich lasse morgen früh das
Gepäck herschaffen, heute soll er noch bei mir bleiben.«
Es war dunkel geworden, als beide das Haus verließen. Quandt begleitete
sie bis auf die Straße. Zurückkehrend schloß er ganz leise und langsam
die Tür, wie er immer zu tun pflegte, dann stellte er sich in die Mitte
des Zimmers, legte beide Hände flach gegen die Brust und schüttelte
mindestens eine Viertelminute lang in lautlosem Erstaunen den Kopf.
»Warum schüttelst du denn so den Kopf?« fragte Frau Quandt.
»Ich begreife nicht, ich begreife nicht,« antwortete der Lehrer
bekümmert und schlich herum, als suche er etwas auf dem Boden.
»Was begreifst du denn wieder nicht?« fragte die Frau verdrießlich.
Quandt zog einen Stuhl herbei, setzte sich neben seine Gattin und
schaute sie aus seinen blassen Augen fest an, bevor er fortfuhr: »Hast
_du_ vielleicht etwas Wunderbares an dem Menschen bemerkt? Sprich dich
nur aus, liebe Jette, hast du etwas, irgend etwas Außergewöhnliches
bemerkt, irgend etwas, das ihn von einem andern Menschen unterscheidet?«
Frau Quandt lachte. »Ich habe nur bemerkt, daß er nicht besonders
höflich war und daß er seidene Strümpfe trägt wie ein Marquis,«
entgegnete sie leichthin.
»Ja, nicht wahr? nicht besonders höflich, wie? und seidene Strümpfe,
ganz recht,« sagte Quandt mit sonderbarer Hast, als sei er einer
Entdeckung auf der Spur. »Na, die seidenen Strümpfe werden wir ihm schon
abgewöhnen und das Modewestchen auch; dergleichen schickt sich nicht für
unser einfaches Haus. Aber ich frage dich: verstehst du die Menschen?
verstehst du die Welt? Davon hört man nun seit Jahren als von einem
noch nie dagewesenen Wunder reden! Dafür erhitzen sich geistreiche
Männer, Männer von Geschmack, von Welt, von Kenntnissen; ist es zu
fassen? Gibt es denn keinen, der mit seinen eignen, ihm von Gott
eingesetzten Augen sehen kann? Ist es zu fassen?«
Mittlerweile waren Caspar und der Lord zum Gasthof zurückgekehrt.
Stanhope war nicht gerade rosig gestimmt. Die Schweigsamkeit seines
Begleiters erboste ihn; es war ihm, als werde hinter einem Vorhang eine
Pistole gegen ihn gerichtet.
Er war unruhig, fühlte sich in die Enge getrieben. Es gibt einen Punkt,
wo die Schicksale sich wie auf einem schmalen Pfad zwischen Abgründen
begegnen und wo es zum Austrag kommen muß. Da stellen sich Worte
ungerufen ein; die Dämonen erheben sich aus dem Schlummer.
Stanhope schellte dem Diener, ließ die Lichter anzünden und Holz ins
Kaminfeuer legen. Gleich darauf wurde der Hofrat Hofmann gemeldet; der
Lord sagte, er sei nicht zu sprechen, gab auch Befehl, niemand mehr
vorzulassen. Er machte sich unter seinen Papieren zu schaffen und fragte
dabei Caspar: »Wie haben dir die Lehrersleute gefallen?«
Caspar wußte nicht recht, wie, und gab eine unbestimmte Antwort. In
Wahrheit wußte er überhaupt gar nicht mehr, wie Herr Quandt oder dessen
Frau oder das Haus aussahen. Er erinnerte sich bloß, daß Frau Quandt
ihren Kaffee aus der Untertasse getrunken und den Zucker dazu abgebissen
hatte, was ihm sehr albern erschienen war.
Plötzlich kehrte sich Stanhope um und fragte mit der Miene eines
Menschen, der die Geduld verliert: »Also, was ist es mit dem Ring? Was
wolltest du damit sagen?«
Caspar antwortete nicht; in traurigem Trotz schaute er ins Leere.
Stanhope näherte sich ihm, tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die
Schulter und sagte scharf: »Sprich; sonst wehe dir!«
»Mir ist schon weh genug,« entgegnete Caspar eintönig, und sein Blick
glitt von der Gestalt des Grafen wie von etwas Schlüpfrigem hinweg auf
die dunkelrote Tapete, auf welcher das Kaminfeuer Schatten malte.
Was hätte er sagen sollen? War doch sein Gefühl fast ungemindert gegen
den, der ihm den Weg gewiesen, der zum erstenmal wie ein Mensch zu ihm
geredet. Sollte er von der furchtbaren Nacht im Tucherschen Haus
erzählen, wo er gesessen, die Fäuste in der Brust, das Herz zerrieben,
einsam und der Welt beraubt? Wie er angefangen hatte zu suchen, zu
suchen, wie er die Zeit aufgegraben, gleichwie man im Garten Erde
aufgräbt, wie es Tag geworden und er enteilt war, wie er Kinder gesehen,
den Fluß gesehen, an einem Baume gekniet, alles wie nie zuvor, alles
anders, er selbst verwandelt, mit neuen Augen, von Unwissenheit
erlöst ... Unmöglich, solches mitzuteilen; dafür gab es keine Worte.
Er fuhr fort, ins Leere zu starren, indes Stanhope, die Hände auf dem
Rücken, auf und ab wanderte und widerwillig, hastig, stoßweise zu reden
begann. »Willst du mich etwa anklagen? Soll ich mich rechtfertigen?
Goddam, ich habe für dich gekämpft wie für mein eigen Fleisch und Blut,
Vermögen und Ehre zum Pfand gesetzt, keine Demütigung gescheut, mich
unter Pöbelvolk und Pedanten herumgeschlagen, was denn noch? Wer das
Unmögliche von mir verlangt, ist mir nicht wohlgesinnt. Noch ist nicht
aller Tage Abend, das Garn ist noch nicht abgewickelt, ich stelle noch
immer meinen Mann, aber ich muß mir verbitten, daß du mich wie den
Aussteller eines Schuldscheins beim Buchstaben packst und meine schöne
Freiwilligkeit unter moralischen Druck setzest. Wenn du von mir
forderst, anstatt das Gewährte dankbar zu erkennen, dann sind wir
geschiedene Leute.«
Was er doch alles spricht, dachte Caspar, der kaum zu folgen vermochte.
Der nächste Gedanke Stanhopes war, Caspar habe vielleicht eine geheime
Verbindung und von daher Lehre und Ermunterung empfangen, denn er sah
wohl, und mit Angst nahm er es wahr, daß er nicht mehr das willenlose
Geschöpf von ehedem vor sich hatte. Aber auf seine rauh zufahrende Frage
machte Caspar ein so verwundertes Gesicht, daß er den Argwohn sogleich
fallen ließ. Caspar legte die Hände flach zusammen und sagte nun in
seiner um Deutlichkeit bemühten Weise, er habe Stanhope nicht kränken
wollen, auch mit dem Ring nicht; es sei nur etwas geschehen, was die
Geschichten betreffe; man habe ihm immer Geschichten erzählt,
Geschichten von ihm selbst, er habe zugehört und doch nicht ordentlich
verstanden. Es sei wie mit dem Holzpferdchen gewesen, mit dem er in
seinem Kerker geredet und gespielt und das doch nichts Lebendiges
gewesen sei. »Aber jetzt,« fügte er stockend hinzu, »jetzt ist das
Holzpferdchen lebendig geworden.«
Stanhope warf den Kopf zurück. »Wie? was denn?« rief er schnell und
furchtsam, »sprich deutlich.« Er nahm die Lorgnette und schaute Caspar
stirnrunzelnd durch die Gläser an, eine Gebärde, die Hochmut ausdrücken
sollte, aber im Grunde nur Verlegenheit war.
»Ja, das Holzpferdchen ist lebendig geworden,« wiederholte Caspar
bedeutungsvoll.
Ohne Zweifel glaubte er mit diesem kindlichen Sinnbild alles dargelegt
zu haben, was ihm das entschleierte Antlitz der Vergangenheit verraten
hatte. Er mochte die Gewalten ahnen, die sein Schicksal geformt hatten,
und jedenfalls begriff er das Wirkliche, das schwer von Gründen
Wirkliche seiner langen Gefangenschaft, die ihn, außerhalb der Gesetze,
bis über das Jünglingsalter hinaus zum Zustand eines Halbtiers
verurteilt hatte. Es mochte ihm klar geworden sein, daß es sich dabei um
eine Sache handelte, der in den Augen der Menschen ein hoher, ja der
höchste Wert zukam; daß sein Anrecht auf diese Sache ungeschmälert
fortbestand und daß, wenn er nur hinginge, um zu zeigen, daß er lebe, um
zu sagen, daß er wisse, aller Widerstand und Willkür zu Ende sei und er
besitzen durfte, wessen er freventlich beraubt.
Das war es etwa, aber es war noch mehr. Und es fügte sich, daß der Lord
selbst, in Angst für sich, für seine Auftraggeber, für die Zukunft, für
das ganze Gebäude, an dem er mitgezimmert und von dem er, wenn es
zusammenbrach, vielleicht mit zerschmetterten Gliedern in eine bodenlose
Tiefe stürzen mußte, daß er selbst das Wort fand und aussprach, welches
dies andre, Größere, Unsagbare für Caspar zauberhaft und schrecklich
erleuchtete.
Beinahe fühlte sich Stanhope besiegt, und er hatte nur noch wenig Lust,
gegen eine Macht zu kämpfen, die gleichsam aus dem Nichts entstanden war
und wie der Ifrid aus Salomons Wunderflasche den ganzen Himmel
verfinsterte. Ich war zu großmütig, dachte er; ich war zu lau; Wankelmut
trägt die eigne Haut zu Markt; läßt man die Träumer aufwachen, so
greifen sie nach den Zügeln und machen die Rosse scheu; das süße Zeug
schmeckt nicht länger, nun gilt es Salz in den Brei zu tun.
Er setzte sich an den Tisch, Caspar gegenüber, und indem er beim
Sprechen kaum die Zähne voneinander entfernte und fortwährend düster und
blicklos lächelte, sagte er: »Ich glaube dich zu verstehen. Man kann es
dir nicht verübeln, daß du Schlüsse aus meinen, wie ich bekennen muß,
ein wenig unvorsichtigen Erzählungen gezogen hast. Ich werde in diesem
Augenblicke sogar noch weiter gehen und dir an Deutlichkeit nichts zu
wünschen übriglassen. Ich will dein lebendig gewordenes Holzpferdchen
aufzäumen, und wenn du dann Lust hast, kannst du es meinetwegen reiten.
Ich habe dich nicht getäuscht: du bist durch deine Abkunft den
mächtigsten unter den Fürsten ebenbürtig, du bist das Opfer der
scheußlichsten Kabale, die Satans Bosheit je ersonnen hat; hättest du
keine andre Instanz zu fürchten als die der Tugend und des moralischen
Rechts, dann säßest du nicht hier, und ich wäre nicht gezwungen, dich so
zu warnen, wie ich es jetzt tue. Denn merk auf. So gegründet deine
Ansprüche, deine Hoffnungen sind, so verderblich müssen sie dir werden,
sobald sie dich nur den ersten Schritt zum vorgefaßten Ziele lenken. Die
erste Handlung, das erste Wort besiegelt unabänderlich deinen Tod. Du
wirst vernichtet sein, eh du noch den Finger ausgestreckt hast, um zu
nehmen, was dir gebührt. Vielleicht kommt eine Stunde, morgen oder in
einem Monat oder in einem Jahr, wo du an der Aufrichtigkeit dessen, was
ich dir sage, zweifeln könntest; nun, so beschwöre ich dich: glaube mir!
Laß deine Lippen siebenfach vernietet sein. Fürchte die Luft und den
Schlaf, daß sie dich nicht verraten. Möglich, daß einst der Tag kommt,
an dem du sein darfst, was du bist, aber bis dahin halte still, wenn dir
dein Leben lieb ist, und laß dein Holzpferdchen hübsch im Stall.«
Langsam hatte sich Caspar erhoben. Ein übergewaltiger Schrecken
donnerte, vielgestaltig wie die Blöcke eines Felssturzes, um ihn her. Um
seine Gedanken anderswo hinzulenken, betrachtete er mit einer an
Wahnsinn grenzenden Aufmerksamkeit die leblosen Gegenstände: Tisch,
Schrank und Stühle, den Leuchter, die Gipsfiguren am Kamin, den
krummgebogenen Schürhaken. War ihm dies alles neu oder nur unerwartet?
Keineswegs. Es hatte, wie giftige Luft, schon lange um ihn her gebrütet.
Aber ein andres das bloße Ahnen und Spüren und ein andres das
zermalmende Wissen.
Auch Stanhope war aufgestanden; er trat nahe vor Caspar hin und fuhr mit
eigentümlich näselnder Stimme fort: »Es hilft nichts; in diesem Zeichen
bist du eben geboren; in diesem Zeichen hat dich deine Mutter geboren.
Das ist das Blut. Es richtet dich und rechtfertigt dich; es ist dein
Führer und dein Verführer.«
Und nach einer Weile: »Laß uns nun schlafen gehen, es ist spät. Morgen
früh wollen wir in die Kirche und beten. Vielleicht schickt uns Gott
eine Erleuchtung.«
Caspar schien nicht zu hören. Blut! das war das Wort. Das war die Kraft,
die alle Poren seines Wesens durchdrang. Schrie nicht sein Blut aus ihm,
und von fernher wurde der Schrei erwidert? Blut trug aller Erscheinungen
Grund, verborgen, wie es war, in Adern, im Gestein, in Blättern und im
Licht. Liebte er sich nicht in seinem Blut, spürte er nicht die eigne
Seele wie einen Spiegel aus Blut, in dem er sich ruhend beschauen
konnte? Wieviel Menschen in der Welt, so nahe beieinander, so reich
bewegt, so fremd und stumm, und alle durch einen Strom von Blut
wandelnd, und sein Blut doch besonders rauschend, ein besonderes Ding,
in einsamem Bette fließend, voll von Geheimnissen, unbekannter
Schicksale voll!
Auch als er den Blick wieder gegen den Grafen kehrte, war es, als wandle
der durch Blut, eine Vorstellung, die freilich durch die
scharlachfarbene Tapete begünstigt, wenn nicht erzeugt wurde. Wenn man
die Kerzen verlöscht, dachte Caspar, wird alles tot sein, das Blut und
die Worte, er und ich; ich will nicht schlafen diese Nacht, nicht
sterben. Ja, Caspar hätte, was sein Mund geredet, gern wieder in sich
hineingeschluckt, in jenen Kerker des Leibes gesperrt, der Schweigen
hieß. Gehorsam sein, unwissend sein, unglücklich sein, Schande und
Schimpf ertragen, die Stimme des Blutes ersticken, nur nicht sterben
müssen, nur leben, leben, leben. Ei, man wird sich fürchten, man wird
feig sein wie eine Maus, man wird Türen und Fenster verriegeln, man wird
die Träume vergessen, den Freund vergessen, man wird sich klein machen,
man wird das Holzpferdchen vergraben, aber man wird leben, leben,
leben ...
Der Lord wünschte, daß Caspar nicht in seiner Mansarde, sondern hier
unten nächtige. Er befahl dem Aufwärter, ein Bett auf dem Sofa zu
richten. Indes Caspar sich entkleidete, ging er hinaus, kam jedoch nach
einiger Zeit wieder, überzeugte sich, daß der Jüngling ruhig lag, und
verlöschte die Lichter. Die Verbindungstür zu seinem Zimmer ließ er
offen stehen.
Ungeachtet seines Vorsatzes schlief Caspar bald ein und nahm sein
aufgewühltes Gemüt in den Schlummer hinüber. Er mochte vier bis fünf
Stunden geschlafen haben, als sich sein bleiernes Daliegen in ein
ruheloses Herumwälzen verwandelte. Plötzlich erwachte er mit einem
tiefen Seufzer und starrte brennenden Auges in die Finsternis. An den
Fensterscheiben war ein Kribbeln und Tasten, das von den anprallenden
Schneeflocken herrührte und dem leisen Pochen einer Hand ähnlich war.
Aus dem Nebenraum hörte er die gleichmäßigen Atemzüge des schlafenden
Stanhope; höchst befremdlich klang dies Atmen des andern Menschen in der
Nacht, wie ein drohendes Geflüster: hüte dich, hüte dich.
Er ertrug es nicht mehr im Bett. Es war, als sei ihm der Körper mit
tausend Fäden umschnürt, und als er aufstand, geschah es nur, weil er
sich vergewissern wollte, ob er sich noch frei bewegen könne. Er schlug
die Wolldecke um die Schultern und trat barfüßig ans Fenster.
Das ganze große All war angefüllt mit den gesprochenen Worten, die wie
rote Beeren in der Dunkelheit hingen. Überall Gefahr; bloß zu denken,
war schon Gefahr; jeder Anhauch aus fremdem Munde Gefahr.
Er fing an zu zittern. Die Knie saßen loser in den Gelenken, es war ihm
so leicht und schwer zugleich; sein Nachdenken hatte eine andre, nähere
Folge, auch alle Gegenstände waren näher, und das Ganze der Erde und des
Himmels, Wolken, Wind und Nacht hatten etwas eingebüßt, etwas
unbegreiflich Flüchtiges und Wandelbares. Alles ist nun so wunderlich
wahr. Caspar hält die Scherben eines kostbaren Gefäßes in der Hand, und
seine Phantasie will nicht einmal die schöne Form, wie sie gewesen,
zurückgestalten.
Unten auf der Gasse geht lautlos der Nachtwächter. Der zuckende Schein
seiner Laterne vergoldet den Schnee. Caspar folgt ihm mit den Blicken,
denn es ist, als ob der Mann in irgendeinem unerklärlichen Zusammenhang
mit seinem Schicksal stehe. Sie wandeln miteinander über ein
verschneites Feld, jener fragt Caspar, ob ihn friere, und wirft ihm
einen Teil seines Mantels um die Schultern, so daß sie beide unter
derselben Hülle gehen. Auf einmal gewahrt Caspar, daß es kein
Männergesicht ist, das sich so mild erbarmend zu ihm kehrt, sondern das
schöne, traurige Gesicht einer Frau. Es enthalten diese Trauer und diese
Schönheit etwas Redendes, und daß sie zusammen unter demselben Mantel
wandern, hat den allertiefsten Sinn, etwas, das mit Qual und Freuden
eines ist und vom Anfang der Dinge stammt.
Da tönte das ungeheure Wort des Grafen neuschallend in die Nacht: »In
diesem Zeichen hat dich deine Mutter geboren.«
Dich geboren! Welcher Laut! Was war darin beschlossen! Caspar legte
beide Hände vors Gesicht; ihm schwindelte.
Da hörte er ein Geräusch von Schritten. Jäh drehte er sich um, es war
ein Emportauchen aus finsterer Flut; der Graf stand im Schlafrock vor
ihm. Wahrscheinlich hatte Caspars nächtliches Wachsein ihn aufgeweckt,
er hatte einen leisen Schlummer.
»Was treibst du?« fragte Stanhope mürrisch.
Caspar machte einen Schritt auf ihn zu und sagte dringlich, atemlos,
drohend und flehend: »Führ mich zu ihr, Heinrich! Einmal laß mich die
Mutter sehen, nur einmal, nur sehen; nicht jetzt, später vielleicht.
Einmal, nur einmal! Nur sehen! Nur einmal!«
Stanhope wich zurück. Dieser Aufschrei hatte etwas Überirdisches.
»Geduld,« murmelte er, »Geduld.«
»Geduld? Wie lange noch? Hab' schon lange Geduld.«
»Ich verspreche dir --«
»Du versprichst es, aber wie soll ich glauben?«
»Setzen wir die Frist eines Jahres fest.«
»Ein Jahr ist lang.«
»Lang und kurz. Ein kleines, kurzes Jahr und dann --«
»Dann --?«
»Dann will ich wiederkommen --«
»Und mich holen?«
»Dich holen.«
»Gelobst du das?« Caspar heftete einen suchenden und wie ein mattes
Flämmchen erlöschenden Blick auf den Grafen. Da der Widerschein des
Schnees die Nacht erhellte, konnte jeder des andern Züge deutlich
unterscheiden.
»Ich gelob' es.«
»Du gelobst es, aber wie kann ich's wissen?«
Stanhope geriet in eine sonderbare Bedrängnis; dies Gegenüberstehen zu
solcher Stunde, die immer herrischer, stürmischer werdenden Fragen des
Jünglings wirkten wie Gespensterschauer auf seine Einbildungskraft.
»Reiß mich aus deinem Herzen aus, wenn es nicht geschieht,« murmelte er
dumpf; er mußte in diesem Augenblick lebhaft des Mannes gedenken, der
vom Teufel lebendigen Leibes in den feuerspeienden Vesuv geschleudert
wurde.
Und Caspar darauf: »Was kann mir das nützen? Sag mir den Namen, sag mir
ihren Namen, sag mir meinen Namen.«
»Nein! niemals! niemals! Aber glaube mir nur. Es wacht ein Gott über
dir, Caspar. Es kann dir nichts versagt sein, denn du hast die Kaufsumme
für das Glück zum voraus entrichtet, die wir andern täglich in kleiner
Münze bezahlen müssen. Und bezahlt muß werden, alles muß bezahlt werden,
das ist der Sinn des Lebens.«
»Du versprichst also, in einem Jahr wieder dazusein?«
»In einem Jahr.«
Caspar bohrte die Finger in Stanhopes Hand und richtete einen tiefen,
seltsam seelenhaften, seltsam stolzen Blick auf den Lord, der
seinerseits die Augen senkte, während sein Gesicht steinalt aussah. Als
er in sein Zimmer zurückging, begann er plötzlich leise plappernd das
Vaterunser zu beten.
Erst gegen Morgen entschlief er wieder. Als er sich mittags erhob, war
Caspar längst auf; er saß am Fenster und schien die Eisblumen zu
studieren.
Um ein Uhr verließ er mit ihm das Hotel. Arm in Arm, ein Schaugepränge
für die Einwohnerschaft, spazierten sie über den hochliegenden Schnee
durch das Herrieder Tor zum Markt. Dort war eine große Versammlung von
Bauern und Händlern. Vor dem Portal der Gumbertuskirche blieb Stanhope
stehen und forderte Caspar auf, mit hineinzugehen. Caspar zögerte,
folgte jedoch dem Grafen in den hohen, schmucklosen, von schwarzem
Gebälk überdachten Raum.
Mit raschen Schritten eilte Stanhope zum Altar, warf sich mit den Knien
auf die steinernen Stufen, beugte die Stirn herab und verblieb so in
vollkommener Unbeweglichkeit.
Caspar, peinlich berührt, schaute sich unwillkürlich um, ob niemand
Zeuge dieser demütigen Handlung sei. Aber die Kirche war leer. Warum
krüppelt er sich so zusammen, dachte er verstimmt, Gott kann doch nicht
im Boden drinnen sein. Allmählich ward ihm bange; das Schweigen des
riesigen Raumes strömte bis in seine Brust. Und wie er nun in die Höhe
blickte, sah er oben, durch ein geöffnetes Bogenfenster, wie die Sonne
mit Macht die winterlichen Nebel zu gewältigen suchte. Da rötete sich
sein bläßliches Gesicht zu schüchterner Freude und das Schweigen in
seiner Brust wandelte sich zu einer hinaufziehenden Verehrung.
»O Sonne,« sagte er halblaut und mit einfältiger Inbrunst, »mach doch,
daß alles nicht so ist, wie es ist. Mach es doch anders, Sonne. Du weißt
ja, wie es ist; du weißt ja, wer ich bin. Scheine nur, Sonne, daß meine
Augen dich immer sehen können, immer wollen dich meine Augen sehen.«
Indem er so sprach, flutete eine goldene Lichtwelle bis auf die
kreidig-weißen Fliesen, und Caspar, sehr zufrieden, meinte, die Sonne
hätte ihm damit auf ihre Weise eine Antwort erteilt.
Man erfährt einiges über Herrn Quandt sowie über eine vorläufig noch
ungenannte Dame
Die Übersiedlung Caspars ins Lehrerhaus fand ohne Zwischenfälle statt.
»Nun wohlan denn,« sagte Quandt während der ersten gemeinsamen Mahlzeit,
als die Suppenschüssel aufgetragen wurde, »jetzt beginnt für Sie ein
neues Leben, Hauser. Hoffentlich ist es ein Leben der Gottesfurcht und
des Fleißes. Wenn wir uns lobenswert betätigen und in unsern Gedanken
nicht den Schöpfer aller Dinge vergessen, wird unser irdisches Bemühen
stets von Erfolg gekrönt sein.«
Nach Tisch mußte Quandt zur Schule, und als er um vier Uhr zurückkam,
erkundigte er sich beflissen, was Caspar die Zeit über getrieben habe.
Seine Frau konnte ihm nur ungenügenden Bescheid geben, und er tadelte
sie deshalb. »Wir müssen aufpassen, liebe Jette,« sagte er, »wir müssen
die Augen offen halten.«
In der Tat, Quandt paßte auf. Wie ein emsiger Buchhalter legte er in
seinem Innern ein Konto an, um alle Worte und Handlungen seines
Pflegebefohlenen zu verzeichnen. Bei dieser umsichtigen Geschäftsführung
stellte es sich bald heraus, daß Soll und Haben einander nicht die Wage
hielten, daß die Schuldseite nach und nach bedenklich überlastet wurde.
Das betrübte den Lehrer aufrichtig; jedoch gab es ein geheimes
Winkelchen in seiner Brust, worin er sich dessen freute.
Es war nämlich mit diesem Manne derart beschaffen, daß er in einer
merkwürdigen Zweiheit existierte. Der eine Teil war die öffentliche
Person, der Bürger, der Steuerzahler, der Kollege, das Familienhaupt,
der Patriot; der andre Teil war sozusagen der Quandt an sich. Jener war
ein Heros der Tugend, eine wahre Mustersammlung von Tugenden; dieser lag
versteckt in einer stillen Ecke und belauerte die liebe Gotteswelt. Die
öffentliche Person, der Bürger, der Patriot nahm herzlichen Anteil an
den allgemeinen Angelegenheiten, wohingegen der Quandt an sich vergnügt
die Hände rieb, wenn irgendwo irgendwas passierte: sei es nun ein
unerwarteter Todesfall oder nur ein Beinbruch oder die Kaltstellung
eines verdienten Beamten oder ein Diebstahl bei einer Vereinskassa oder
ein Radschaden an der Postkutsche oder eine kleine Feuersbrunst beim
reichen Bauern Soundso oder die skandalöse Heirat der Gräfin Ypsilon mit
ihrem Stallburschen. So unverbrüchlich der Steuerzahler, das
Familienhaupt, der Kollege seinen Pflichten nachkam, der Quandt an sich
hatte etwas von einem Revolutionär und war immer auf dem Posten, um der
Weltregierung auf die Finger zu schauen, und stets besorgt, daß keinem
mehr Ehre geschah, als er nach genauer Bilanz über seine Verdienste und
Mängel, seine Vorzüge und Laster füglich beanspruchen durfte. Der
öffentliche Quandt schien zufrieden mit seinem Los, der geheime fand
sich allerorten und zu jeder Zeit zurückgesetzt, beleidigt, vor den
Kopf gestoßen und in seinen vornehmsten Rechten gekränkt.
Nun sollte man denken, mit zwei so verschieden gesinnten Kostgängern
unter einem Dach sei schwer zu wirtschaften. Nichtsdestoweniger kamen
die beiden Quandts trefflich nebeneinander aus. Freilich, der Neid ist
ein boshaftes Tier; er durchlöcherte manchmal die Scheidewand zwischen
den zwei Seelen, und wie oft der stärkste Damm nicht genügt, um eine
verheerende Überschwemmung zu verhindern, so brach eben dieser Neid
bisweilen ein in die reinlichen, fruchtbaren und wohlbestellten Gefilde
des Gottes- und Menschenfreundes Quandt.
Und was gab es doch nicht alles in der Welt, worüber das tückische
Untier sich gefräßig hermachen konnte! Da hatte einer einen Orden
bekommen, der das ganze Leben lang hinterm Ofen hockte und Maulaffen
feilhielt; dort hatte ein andrer zehntausend Taler geerbt, der schon
ohnehin die Woche zweimal Pasteten aß und Moselwein trank; da wurde ein
Name lobend in der Zeitung erwähnt, ohne daß man erforschen konnte, ob
ihm eine solche Auszeichnung von Rechtswegen zukam, dort hatte ein
Ichweißnichtwer eine Entdeckung gemacht, auf die man, hätte man sich
zufällig mit dem Gegenstand beschäftigt, leichterdings auch hätte
verfallen können. Warum denn der? Warum nicht ich? murrte dann der
heimlich aufrührerische Quandt. Es war ein beständiger und unsichtbarer
Zweikampf mit dem Schicksal unter der Parole: Warum der andre, warum
nicht ich?
Vielleicht litt der gute Quandt unter seiner Abstammung; sein Vater war
Pastor gewesen, mütterlicherseits kam er von Bauern her. Er besaß viel
vom Bauern und vom Pastor: sein sehr irdisches Streben war rundherum mit
Theologie behangen. Dabei war der Bauer dem Pastor beständig im Wege,
denn wo hätte man je gehört, daß ein auf Religion und Friedfertigkeit
gestimmtes Gemüt rachsüchtig, mißgünstig und ehrgeizig gewesen wäre? Die
Wahrheit liebte Quandt über alles; er sagte es, er beteuerte es und es
war auch so. Nichts war ihm offenbar genug; nirgends stimmte die
Rechnung; überall hatten die Menschen eine falsche Addition gemacht oder
den Kasus verwechselt. Er sagte und beteuerte, daß er niemals in seinem
Leben gelogen hatte. Ein bewundernswerter Fall; und wirklich stand es
fest und war nachzuweisen, daß er mit dem einzigen Busenfreund, den er
je besessen, einem Schulamtskandidaten in Tauberbischofsheim, deshalb
für immer gebrochen hatte, weil er ihm auf eine Lüge gekommen war.
Wie ratlos mußte nun Caspar einer so ernsten Wachsamkeit, einer solchen
Vereinigung von seltenen und vorbildlichen Eigenschaften, wie sie der
bessere Teil des Lehrers bot, gegenüberstehen. Wir, der Leser und ich,
haben darin leichtes Spiel, uns kann man nicht betrügen, uns sind die
Kleiderfalten offen und die Haut über dem Herzen ist uns durchsichtig;
wir weilen auf einer höheren Warte, wir sind Seher und Humoristen; wir
verfolgen Herrn Quandt, wenn er in einen Krämerladen tritt, mit
höflicher Gemessenheit ein halbes Pfund Käse verlangt und dabei mit
unruhig-eifrigen Augen die Einkäufe seiner Nebenmenschen, gleichviel ob
es Köchinnen oder Generale sind, in seinem Innern notiert; wir hören
ihn, wenn er mit dem Oberinspektor Kakelberg spricht und sich mit
Schmerz über die zunehmende Verlotterung der Schuljugend beklagt; wir
sehen ihn jeden Sonntagmorgen gebürstet, frisiert, gewaschen zum
Gottesdienst eilen und mit Bescheidenheit sein Gebetbüchlein
aufschlagen; wir wissen, daß er respektvoll gegen Höhere und
unnachsichtig gegen Geringere ist, denn sein Pflichtbewußtsein nach
beiden Seiten unterliegt keinem Zweifel. Aber wir wissen auch, daß er
jeden Abend vor dem Schlafengehen im Nachthemd auf der Kante seines
Bettes sitzt und sich mit düsterer Miene erinnert, daß ihn der
Regierungsrat Hermann heute ziemlich nachlässig gegrüßt hat; mit
Bedauern nehmen wir von der Tatsache Kenntnis, daß er seine Schüler,
selbstverständlich nur die faulen und störrischen, mit einem sorgsam
getrockneten spanischen Rohrstock empfindlich zu züchtigen pflegt, und
leider dürfen wir nicht verhehlen, daß er seine gutmütige Frau nicht
immer so zart und rücksichtsvoll behandelt, wie es vor Fremden
geschieht, die nach ihren Beobachtungen ohne weiteres der Ansicht sind,
daß diese Ehe als das leuchtende Beispiel eines guten Einvernehmens
zwischen Gatten zu betrachten sei.
So war für Caspar, der den Vorteil unsrer Allwissenheit und Allgegenwart
natürlich nicht genießt, Herr Quandt eine zwar dunkle und unfrohe, aber
durchaus imponierende Gestalt. Ein bißchen Alpdruck spürte er jedesmal,
wenn Quandt in wunderlich forschendem Ton und mit unabgewandtem Blick zu
ihm sprach. Er fühlte sich anfangs bedrückt in dieser gar engen
Häuslichkeit, in der man fast nicht einmal mit seinen Gedanken allein
sein konnte, und der einzige Trost war, daß der Graf, der schon anfangs
Dezember hatte reisen wollen, noch immer in der Stadt war. Stanhope
behauptete zwar, auf wichtige Briefe warten zu müssen, in Wirklichkeit
harrte er jedoch der Rückkehr des Präsidenten Feuerbach, da ihn das
Beginnen des Mannes, der Grund seines Fernseins beunruhigte wie den
Wanderer ein drohendes Gewitter.
Auch Caspar hielt ihn, und das in eigner Weise. Er pflegte den Jüngling
jeden Nachmittag für eine oder anderthalb Stunden zum Spazierengehen
abzuholen; sie gingen dann gewöhnlich den Weg zum Schloßberg hinauf und
gegen das Bernadotter Tal, das in schöner Abgeschiedenheit wie eine
Vorhalle zu den finster umschließenden und weitgedehnten Wäldern lag.
Caspar empfand einen sehr wohltuenden Einfluß von der Bewegung in der
kalten, meist frostklaren Luft.
Ihre Gespräche strebten stets von einem unverbindend persönlichen Punkt
aus ins Allgemeine, wo das zu Sagende gefahrlos wurde und doch das
Lehrhafte wie das Erzählende nicht den Reiz einer anmutenden
Vertraulichkeit entbehrte. Es schien dem ein Übereinkommen zugrunde zu
liegen, ein Friedensschluß vor einer dumpf gefühlten Wandlung, welche
die vergangene Schönheit ihres Verhältnisses vollends zerstören mußte.
So gingen sie dahin, anzusehen wie Freunde, in einer ihrem
Schicksalskreis fremden Region aufrichtig einander ergeben, den
Unterschied der Jahre und der Erfahrung ausgleichend durch ein williges
Schenken von der einen und ein nicht minder williges Empfangen von der
andern Seite.
Der Lord fand sich durch diese Form eines Verkehrs lebhaft angezogen,
ja im wahrsten Sinn ergriffen. Durfte er sich doch auch einmal wieder
unbefangen fühlen, ohne Joch, von keiner Peitsche zu ausbedungenem Ziel
gezwungen; in sich selber ruhend, betrachtsam und nicht ohne Wehmut
überschauend, wie das Leben in seiner Brust gehaust und was es dem
zwecklos spielenden Geist übrig gelassen, der ja das eigentliche Element
ist, in welchem der Mensch den Menschen erkennt. Er ging über die Tiefen
seines Daseins hin wie über eine gebrechliche Brücke, die der leichteste
Windhauch in den Abgrund stürzen kann.
Am liebsten redete er über Menschenlos und Menschendinge: erzählte, wie
der begonnen, wie jener geendet, was diesen ins Unheil gestürzt und
jenem zu Ansehen verholfen; wie er einen im Glück gewahrt, an der Tafel
des Königs schwelgend, und wie selbiger zwei Jahre später in einer
Dachkammer elend krepiert war. Ungleich ging es zu auf Erden; in schwer
erklimmbarer Höhe blühten die Blumen; nichts sicher, nichts von Bestand,
nirgends Verlaß. Gewisse Regeln durften nicht unbeachtet bleiben, nach
welchen das Wirken des einzelnen sich zu fügen hatte. Stanhope erwähnte
das Buch des Lord Chesterfield, eines Vorfahrs und weitläufigen
Verwandten, der in berühmten Briefen an seinen Sohn gar treffliche
Maximen gegeben hatte; ganze Seiten daraus wußte er aus dem Gedächtnis
herzusagen. Derselbe Chesterfield habe, um den Ahnenstolz des Adels zu
verspotten, in seinem Schloß zwei Bilder aufhängen lassen, einen nackten
Mann und ein nacktes Weib, und darunter geschrieben: Adam Stanhope, Eva
Stanhope.
Der Graf gab seiner Überraschung darüber oft drastischen Ausdruck,
einen wie klugen Kopf er in Caspar bei aller Einfalt und Schweigsamkeit
entdeckte: immer zutreffend im Widerpart, durchaus weltlich gestimmt, in
Frage und Antwort aus erster Hand, das Gegensätzliche mühelos erfassend
und phantasievoll verknüpfend.
Die Wandlung kam bald. Ein unbedeutender Anlaß führte sie herbei.
Eines Tages, während der Rückkehr nach der Stadt, sprach sich Stanhope
darüber aus, wie fruchtbar es für die innere Haltung eines Menschen sei,
wenn er seine Erlebnisse nicht leichtsinnig vorüberfließen lasse,
sondern sie moralisch zu nützen suche, indem er durch schriftliche oder
mündliche Mitteilung den Stoff seines Nachdenkens bereichere. Caspar
fragte, wie er das meine; statt der Antwort stellte der Graf, den dieser
Umstand längst beunruhigte, die lauernde Gegenfrage, ob Caspar noch ein
Tagebuch führe.
Caspar bejahte.
»Und willst du mir nicht gelegentlich daraus vorlesen?«
Caspar erschrak, überlegte und antwortete zögernd, ja, er wolle es tun.
»So nehmen wir die gute Stunde wahr und machen uns gleich daran,« sagte
Stanhope. »Ich wünsche nur einen ungefähren Einblick zu erhalten und bin
neugierig, wie du so etwas anpackst.«
Zu Hause angelangt, begleitete der Lord Caspar auf dessen Zimmer und
nahm, der Erfüllung des Versprechens gewärtig, auf dem Kanapee Platz. Im
Ofen prasselte Feuer; draußen herrschte seit dem Mittag starker Tauwind;
es dämmerte schon, die Hügel waren violett umschleiert.
Caspar machte sich unter seinen Büchern zu schaffen, doch Minute auf
Minute verging, ohne daß er sich im geringsten anschickte zu tun, was
Stanhope erwartete.
»Nun, Caspar,« meldete sich endlich ungeduldig der Graf, »ich bin
bereit.«
Da gab sich Caspar einen Ruck und sagte, er könne nicht.
Stanhope sah ihn groß an; Caspar schlug die Augen nieder. Das Tagebuch
sei unter vielen andern Sachen versteckt, und es sei unbequem, es zu
erreichen, murmelte er stockend.
»So so,« versetzte der Lord und lachte fast lautlos durch die Nase. »Wie
flink du in Ausflüchten bist, Caspar; ich hätte nicht geglaubt, daß du
so flink in ... Ausflüchten bist. Ei, sieh doch!«
In diesem Moment klopfte und scharrte es an der Tür, der Lord rief und
die Gestalt Quandts schob sich langsam ins Zimmer. Er tat erstaunt, den
Herrn Grafen hier zu finden, und fragte, ob Seiner Lordschaft eine
kleine Erfrischung gefällig sei. Der Lord dankte stumm und heftete den
Blick fortgesetzt auf Caspar.
Quandt merkte gleich, daß da was auf der Pfanne brodelte. Er erkundigte
sich, ob Seine Herrlichkeit Anlaß habe, mit dem Hauser unzufrieden zu
sein. Stanhope entgegnete, er habe allerdings einigen Grund, sich zu
ärgern, und in kurzen Worten teilte er dem Lehrer mit, worum es sich
handle. Hierauf, zu Caspar gewandt, sagte er laut und markiert: »Wenn es
von vornherein nicht in deiner Absicht lag, mir von deinen Intimitäten
Kenntnis zu geben, so hättest du es nicht versprechen dürfen. Und wenn
du dein Versprechen bereut hast, so durftest du es schicklich wieder
zurücknehmen. Aber statt dessen zu einer solchen« -- eine beredte kleine
Pause -- »Ausflucht zu greifen, das scheint mir deiner und meiner nicht
würdig.«
Er erhob sich und verließ das Zimmer. Quandt folgte ihm. Unten im Flur
blieb Stanhope stehen und fragte den Lehrer kurz angebunden, ob er sich
in der verflossenen Zeit schon ein Urteil über die Fähigkeiten und den
guten Willen Caspars gebildet habe.
»Eben wollte ich Eure Lordschaft ergebenst ersuchen, mir zur Besprechung
dieses Punktes eine Viertelstunde Gehör zu schenken,« erwiderte Quandt.
Er nahm das Öllämpchen vom Nagel und bekomplimentierte den Lord in sein
Studio. Indes sich Stanhope in den Lederstuhl setzte, Bein auf Bein
kreuzte und gelangweilt in die Luft starrte, ramschte Quandt seine
Notizblätter zusammen und sagte, er habe den Hauser gleich vom ersten
Tag an tüchtig vorgenommen, ihm diktiert, ihn lesen und rechnen lassen,
die deutsche und lateinische Grammatik abgefragt, alles aus dem Gröbsten
und nur des Überblicks halber.
»Und das Ergebnis?« fragte Stanhope, wobei die Langweile seine
Nasenflügel auseinander dehnte.
»Das Ergebnis? Leider ziemlich trostlos, leider!«
Es mußte ein Schmerz für Herrn Quandt sein, denn in diesem »leider« lag
ein tiefgefühlter Ton. Es mußte ein Schmerz für ihn sein, daß Caspars
Handschrift so viel zu wünschen übrigließ. »Er hat nichts Freies und
Zügiges in seiner Hand, und mit der Orthographie steht er auf
gespanntem Fuß,« sagte er. Es mußte ein Schmerz für Quandt sein, wenn
ein Mensch den Dativ nicht in allen Fällen vom Akkusativ unterscheiden
konnte. »Von der funktionellen Bedeutung des Konjunktivs hat er nicht
die geringste Vorstellung,« sagte Quandt und fuhr fort: »Im sprachlichen
Ausdruck scheint er nicht ungewandt, hier ragt er sogar über seine
sonstige Bildungsstufe hinaus, und er kennt die Sätze und ihre
Verbindungen so weit, daß er den Punkt, das Kolon, das Anführungs-,
Frage- und Ausrufungszeichen genau und das sogar von Sprachforschern so
verschieden in Anwendung gebrachte Semikolon manchmal richtig zu setzen
weiß.«
Immerhin ein Lichtstrahl. Hingegen die Arithmetik, o weh! Er beherrscht
die vier Grundrechnungen in gleichbenannten Zahlen noch nicht mit
Sicherheit. »Eine Null wird für ihn bald da, bald dort zum
unüberwindlichen Hindernis,« sagte Quandt. Die Lehre von den Brüchen,
vom Kettensatz, von den einfachen und zusammengesetzten Proportionen:
ein hoffnungsloses Dunkel. »Erstaunlicherweise arbeitet er jedoch in
diesen Dingen am willigsten,« sagte Quandt.
»Wie erklären Sie sich das?« erkundigte sich der Lord mit der Neugierde
eines Verschlafenen, den man an den Füßen kitzelt.
»Ich erkläre mir das so: Jedes Exempel stellt sich als ein für sich
bestehendes Ganzes dar. Ein solches zu gestalten, dazu hat er immer Lust
und Verlangen, und es macht ihm Spaß, wenn er es vollendet sieht. Was
ihn aber lange beschäftigt, erregt sein Mißbehagen und kann ihn sogar zu
allerlei unwahren Entschuldigungen veranlassen. Daher zeigt er sich
auch verdrießlich bis zum Zorn, wenn er ein leichtes Exempel falsch
gerechnet hat und den Fehler der Oberflächlichkeit nicht finden kann.«
Weiter, weiter: Geschichte, Geographie, Malen, Zeichnen ... Was die
Geschichte betreffe, so habe Quandt noch niemals und bei keinem Menschen
eine ähnliche Gleichgültigkeit gefunden, sowohl gegen vaterländische
Begebenheiten wie gegen welthistorische Fakta, gegen Monarchen,
Staatsmänner, Schlachten, Umwälzungen, Helden und Entdecker. »Nur die
Anekdote fesselt ihn, ein Geschichtlein, damit kann man ihn ködern.«
Traurig! Und die Geographie? »Auf der Erdkugel fühlt er sich keineswegs
zu Hause,« sagte Quandt. »Auch ist er oft zerstreut; er merkt nicht auf.
Die nürnbergische Schwärmerei über sein wunderbares Gedächtnis ist mir
ein Rätsel, ein unsagbares Rätsel, Mylord.«
Mylord hatte genug. Vom Malen und Zeichnen wollte Mylord nichts mehr
wissen; er unterbrach den Lehrer, der Proben zeigen wollte, und warf
ein, daß ihm die Ausbildung in diesen Nebenfächern zwar wünschenswert
erscheine, daß er aber kein großes Gewicht darauf lege.
»Wünschenswert, jawohl,« versetzte Quandt, »und das Wünschenswerte
sollte doch gepflegt werden. Der Geist eines Menschen ist wie ein
Zuchtgarten, in welchem das Schöne und das Nützliche nebeneinander
gedeihen dürfen. Ich glaube, der mächtigste Ansporn für den Hauser ist
seine Eitelkeit. Wenn man es versteht, seine Eitelkeit zu befriedigen,
kann man ihn zu allem haben. Noch eine Frage, Mylord, haben Sie
besondere Wünsche wegen des Religionsunterrichts? Ich habe schon mit
Herrn Pfarrer Fuhrmann gesprochen, der sich erboten hat, zweimal
wöchentlich Caspar eine Stunde zu geben. Die Bibel habe ich selbst mit
ihm durchzunehmen begonnen.«
Stanhope hatte nichts dawider; er wollte aufbrechen, aber mit verlegenem
Stottern brachte Quandt jetzt das Quartiergeld aufs Tapet, seine Frau
liege ihm über die zunehmende Teuerung am Hals. Der Lord, ganz Seigneur,
bewilligte kurzerhand einen Zuschuß; es wurde vereinbart, daß Caspar
einen Mittagstisch für zwölf und einen Abendtisch für acht Kreuzer
erhalten solle.
Um den übeln Eindruck dieser Erörterung zu verwischen, die ihn beschämte
und demütigte, äußerte Quandt den Wunsch, Seiner Lordschaft nach deren
Abreise periodischen Bericht über die Fortschritte Caspars zu senden.
Stanhope, schon völlig ergeben, stellte dies seinem Belieben anheim. »Es
wäre ratsam,« schlug Quandt vor, »Hausers Briefe an Eure Herrlichkeit
zugleich als Stilübungen zu betrachten. Ich könnte, ohne natürlich am
Gedanken etwas zu verändern, die Hauptfehler korrigieren und mit roter
Tinte eine Zensur darunter schreiben. So hätten Sie immer ein Bild
seiner derzeitigen Fähigkeiten.«
Stanhope fand diesen Gedanken unvergleichlich. Sie traten nun in den
Flur, Quandt trug wieder das Öllämpchen voran. Auf einmal prallte er
zurück und hielt das Lämpchen hoch. Am Stiegengeländer stand eine dunkle
Gestalt. Es war Caspar.
Aha, der hat gehorcht, fuhr es Quandt durch den Kopf. Er drehte sich um
und sah den Lord beziehungsvoll an.
Caspar trat auf Stanhope zu und bat ihn mit bewegter Stimme, noch
einmal auf sein Zimmer zu kommen. Der Graf antwortete kalt, er habe
wenig Zeit, Caspar möge sein Anliegen hier vorbringen. Caspar schüttelte
den Kopf; der Lord dachte, Caspar habe sich eines Bessern besonnen, er
stellte sich, als ob es ihn Überwindung koste, dem Wunsch zu willfahren,
dann ging er mit kleinen, wie gezählten Schritten die Stiege hinan.
Quandt folgte unaufgefordert und blieb im Zimmer oben als stumme Person
neben der Tür stehen.
Caspar sagte, er wolle dem Lord das Tagebuch gerne zeigen, aber dieser
möge ihm versprechen, nichts darin zu lesen.
Der Lord verschränkte die Arme über der Brust. Dies wurde ihm denn doch
zu bunt. Aber er antwortete mit der Ruhe einer vollendeten
Selbstbeherrschung: »Du kannst mir wohl glauben, daß ich ohne deine
Einwilligung nicht in deine Privatangelegenheiten dringen werde.«
Caspar öffnete die Schublade des Kommodekästchens und hob den Zipfel
eines Seidentüchleins, unter welchem das blaue Heft lag. Der Graf
näherte sich und blickte in wortloser Befremdung bald auf das Heft, bald
auf Caspar. »Was für eine kindische Zeremonie!« stieß er finster heraus.
»Ich hatte nicht die geringste Begierde geäußert, deinen papierenen
Schatz zu sehen. Soviel ich weiß, wolltest du mir daraus vorlesen; mit
Flunkereien bitte ich mich zu verschonen.«
Auch Quandt war nun herangekommen, und mit zweifelnden Blicken maß er
das mysteriöse Heft. Caspar schaute währenddem, auch indes der Lord das
Zimmer schweigend verließ, mit einem chinesisch-schiefen,
schief-besinnenden Blick vor sich hin, einem Blick der Versunkenheit
und Jenseitigkeit, wie ihn manche Köpfe auf sehr alten Bildern haben.
»Wenn ich meine unmaßgebliche Meinung äußern darf,« sagte Quandt, der
den Grafen zum Tor begleitete, »so muß ich gestehen, ich glaube nicht an
dieses Tagebuch. Ich glaube nicht, daß ein Charakter wie der des Hauser
von sich selbst aus den Antrieb findet, ein Tagebuch zu führen. Ich kann
mir nicht helfen, Mylord, aber ich glaube nicht daran.«
»Ja, denken Sie denn, daß er uns da bloß leeres Papier gezeigt hat?«
versetzte Stanhope schroff.
»Das nicht, aber ...«
»Was also?«
»Je nun, man muß der Sache nachgehen, man muß sich damit beschäftigen,
man muß sehen, was dahinter steckt.«
Stanhope zuckte die Achseln und ging. Er hatte gehofft, aus den
Aufzeichnungen des Jünglings mancherlei über sich selbst zu hören; dies
lockte; er wußte, daß er dort auf einem hohen Postament stand und daß er
vergöttert worden war; es ist schön, vergöttert zu werden, wie wenig
Ähnlichkeit man auch mit einem Gott haben mag, und wenngleich das
Götterbild vom Sockel gestürzt war, um seine Trümmer mußte noch eine
reizende Romantik blühen. Dies lockte. An das Verräterische des
Büchleins dachte er nicht, wollte er nicht denken, damit mochten sich
die Schergen abfinden.
Trotzdem begab er sich am nächsten Mittag ins Lehrerhaus, trat in
Caspars Zimmer und forderte kurz und streng von dem Jüngling die
Ablieferung der Briefe, die er ihm während ihrer Trennung nach Nürnberg
geschrieben. Caspar gehorchte ohne zu fragen. Die Briefe, es waren nur
drei, darunter der gefährliche, geschwätzige, den der Graf zu fürchten
hatte, lagen in einer besonderen Mappe in einer Hülle von Goldpapier.
Stanhope zählte sie nach, steckte sie in die Brusttasche und sagte dann
etwas milderen Tons: »Du holst mich heute abend um acht Uhr vom Hotel
ab. Wir sind aufs Schlößchen zu Frau von Imhoff geladen. Zieh dich gut
an.«
Caspar nickte.
Stanhope schritt zur Tür. Die Klinke in der Hand, drehte er sich noch
einmal um: »Morgen reise ich.« In der Krümmung seines Mundes lag
Überdruß und Grauen. Ihm graute plötzlich vor dieser Stadt und vor ihren
Menschen, ihm graute vor etwas, das er wie eine höllische Unholdfratze
über sich in der Luft hängen sah und dem er durch die Geschwindigkeit
seiner Pferde zu entrinnen hoffte. Den Präsidenten zu erwarten hatte er
aufgegeben, denn Feuerbach hatte seinem Stellvertreter geschrieben, er
käme erst nach Neujahr.
»Morgen schon?« flüsterte Caspar betrübt; und nach einer Pause fügte er
scheu hinzu: »Was abgemacht ist, das gilt aber?«
»Was abgemacht ist, das bleibt bestehen.«
Die Einladung der Imhoffs war zugleich eine Abschiedsfeier für den
Grafen. Es waren gebeten: der Regierungspräsident Mieg, der Hofrat
Hofmann, der Direktor Wurm, Generalkommissär von Stichaner mit Frau und
Töchtern und einige andre Herrschaften; alle kamen in großer Gala. Man
war sehr gespannt auf Caspars erstes Erscheinen in der hiesigen
Gesellschaft.
Sein Auftreten enttäuschte nicht. Wie fetierte man ihn, bemühte man
sich um ihn; man sagte ihm Komplimente, die lächerlichsten Komplimente,
lobte seine kleinen Ohren und schmalen Hände, fand, daß ihm die Narbe
auf der Stirn, die vom Schlage des Vermummten herrührte, interessant zu
Gesicht stehe, bestaunte sein Reden und sein Schweigen und wähnte damit
den Lord zu entzücken, der sich jedoch über eine gemessene Höflichkeit
hinaus nicht verpflichtete und dem überschwenglichen Wesen der Damen
seinen verbindlichsten Sarkasmus entgegensetzte.
Nachdem die Tafel aufgehoben war, erschien der Kämmerling des Lords und
brachte ein Paket, welches in ungefähr einem Dutzend Exemplaren das in
Kupfer gestochene Porträt Stanhopes enthielt, worauf er in Pairstracht
mit der Grafenkrone dargestellt war. Er verteilte die Bilder an »die
lieben Ansbacher Freunde«, wie er mit bezauberndem Lächeln sagte.
Das Kunstwerk erfuhr die lauteste Bewunderung, sowohl in bezug auf die
Ähnlichkeit wie auf die Ausführung; als jeder seinen Dank gezollt, kam
das Gespräch auf Bilder überhaupt, und es entstand eine
Meinungsverschiedenheit darüber, ob man aus den Zügen eines Porträts auf
die Charaktereigenschaften der betreffenden Person schließen könne. Der
Hofrat Hofmann, als der negative Geist, der er überhaupt war, bestritt
es mit großer Lebhaftigkeit und mit Aufwand von vielen Gründen; er
sagte, jedes Bildnis gebe schließlich doch nur eine Essenz der besten
oder einschmeichelndsten oder am offensten sich darbietenden
Eigenschaften, es komme dem Maler oder Stecher nur darauf an, einen
besonderen, seinem Kunstwesen verwandten Zug bis zur vorgesetzten
Wirkung zu übertreiben, so daß von der wahren Art des betreffenden
Menschen kaum noch etwas übrigbleibe. Dem wurde heftig widersprochen;
das hänge ja vor allem von dem Genie des Künstlers ab, wurde erwidert,
und Lord Stanhope, der die Äußerungen des Hofrats bei diesem Anlaß als
einen Mangel an Delikatesse empfinden mußte, ereiferte sich sehr gegen
seine sonstige Gepflogenheit und behauptete, er seinerseits getraue sich
aus jedem Bildnis, wen es auch darstelle und von wessen Hand auch immer
es gefertigt sei, die seelische Beschaffenheit der abgebildeten Person
zu erraten.
Bei diesen Worten lächelte die Hausfrau bedeutungsvoll. Sie verschwand
in einem Nebenraum und kehrte alsbald mit einem goldgerahmten ovalen
Ölbild zurück, das sie, noch immer lächelnd, in kurzer Entfernung von
dem Grafen aufrecht auf den Tischrand stellte. Die Gäste drängten sich
herzu, und fast von allen Lippen erscholl ein Ausruf der Bewunderung.
Es war ein äußerst lebendig und natürlich gemaltes Bild, welches eine
junge Frau von verblüffender Schönheit darstellte: ein Gesicht weiß wie
Alabaster und überhaucht von zartem Rosenrot; klare und ebenmäßige Züge,
einen Blick, dem offenbar die Kurzsichtigkeit etwas Poetisches und
Schüchternes gab, und im ganzen der Physiognomie ein himmlisches
Leuchten von Gefühl.
»Nun, Mylord?« fragte Frau von Imhoff schelmisch.
Stanhope nahm eine neunmalweise Miene an und ließ sich vernehmen:
»Wahrlich, in diesem Geschöpf verbindet sich orientalische Weichheit
mit andalusischer Grazie.«
Frau von Imhoff nickte, als ob sie das Gesagte vortrefflich fände.
»Schön, Mylord,« meinte sie, »wir wollen etwas über den Charakter der
Dame wissen.«
»O, man will mich attrappieren!« versetzte Stanhope heiter. »Nun gut.
Ich denke, es ist das eine Frau, welche jede Art von Leiden oder
Ungemach mit außerordentlicher Langmut zu ertragen versteht. Sie ist
sanft, sie ist gottesfürchtig, sie liebt den idyllischen Frieden des
Landlebens, ihre Neigungen gehören den schönen Künsten --«
Frau von Imhoff konnte nicht mehr an sich halten und brach in
belustigtes Lachen aus. »Ich bin sicher, Graf, daß Sie nur, um mich zu
necken, eine so falsche Deutung unternommen haben,« sagte sie.
Der Hofrat machte ein mokantes Gesicht, Stanhope errötete. »Wenn ich
mich blamiert habe, so belehren Sie mich eines Bessern, gnädige Frau,«
antwortete er galant.
»Um das zu können, müßte ich Ihre Geduld länger als wünschbar in
Anspruch nehmen,« sagte Frau von Imhoff plötzlich ernst. »Ich müßte
Ihnen von dem ungewöhnlichen Schicksal dieser Frau erzählen, die meine
beste Freundin ist, und ich würde Gefahr laufen, die gute Stimmung zu
zerstören, in der Sie sich alle befinden.«
Aber man wollte sich nicht damit zufriedengeben, und Frau von Imhoff
mußte schließlich dem allgemeinen Drängen willfahren.
»Meine Freundin kam als Mädchen von achtzehn Jahren an den Hof einer
mitteldeutschen Residenz,« begann sie mit einer reizenden Befangenheit.
»Sie war vater- und mutterlos und in ihrer Existenz ganz auf ihren
Bruder angewiesen. Dieser Bruder, ich will ihn der Kürze wegen den
Freiherrn nennen, galt trotz seiner Jugend, er war nur um zehn Jahre
älter denn seine schöne Schwester, für einen Mann von hervorragenden
Talenten; der Fürst, obwohl schwächlich und ausschweifend, wußte seine
Fähigkeiten vollauf zu würdigen, gab eine der höchsten Stellen des
Landes unter seine Verwaltung und überhäufte ihn mit Ehren und
Auszeichnungen. Doch nahm der Freiherr an den Vergnügungen des Hofes nur
insofern teil, als er die Schwester in die Salons und Gesellschaften des
Adels einführte, und er hatte auch die Genugtuung, daß sie nicht nur
durch ihre Schönheit, sondern auch durch Geist, Anmut und ein selten
befeuertes Naturell der Mittelpunkt jedes Kreises wurde, in dem sie sich
sehen ließ.
»Eines Tages nun wurde das ruhige Zusammenleben der beiden Menschen auf
eine furchtbare Weise zerstört. Fast zufällig machte der Freiherr die
Entdeckung, daß in der Finanzverwaltung des Landes ganz ungeheuerliche
Unterschleife stattgefunden hatten, es handelte sich um viele
Hunderttausende von Talern, und daß der Fürst selbst, in Bedrängnis
geraten durch eine arge Mätressen- und Protektionswirtschaft, bei diesen
zum Nachteil des Volkes ausgeführten Manipulationen beteiligt war. Der
Freiherr wußte sich keinen Rat. Er vertraute sich der Schwester an.
Diese sagte ihm: Hier gibt es kein Schwanken, geh zum Fürsten und mach
ihn ohne Rückhalt auf die Schwere eines solchen Verbrechens aufmerksam.
Es geschah. Der Fürst geriet in Zorn, wies dem jungen Mann die Tür und
deutete ihm an, daß er seinen Abschied zu nehmen habe. Als der Freiherr
seiner Schwester von dem unerwarteten Ausgang seines Unternehmens
Mitteilung machte, drängte sie ihn, die Geschichte vor die versammelten
Landstände zu bringen. Auch dazu erklärte sich der Freiherr bereit,
eröffnete sich aber vorher noch einem seiner Freunde, der den Entschluß
zu billigen schien. Derselbe Freund schrieb ihm am nächsten Abend ein
Briefchen, worin er ihn dringlichst aufforderte, einer wichtigen
Besprechung halber sogleich in ein nahe der Stadt gelegenes Lusthaus zu
kommen. Ohne Zögern folgte der Freiherr dem Ruf, ließ, trotzdem es schon
spät und die Nacht finster war, sein Pferd satteln und ritt davon.
»Seit dieser Stunde wurde er nicht mehr gesehen. Einige Leute wollten
gegen Mitternacht in der Nähe jenes Lusthauses Schüsse gehört haben,
aber wie dem auch sein mochte, der Freiherr war verschwunden, und was
mit ihm geschehen war, blieb ein unerklärtes Rätsel. Den Schmerz der
Schwester kann man sich denken. Doch vom ersten Tag an verschmähte sie
es, diesem Schmerz sich hinzugeben, und entfaltete eine erstaunliche
Tätigkeit. Da sie nach und nach den Tod des Bruders glauben mußte,
setzte sie alles daran, um wenigstens seinen Leichnam ausfindig zu
machen. Sie nahm Arbeiter auf, die in der Umgebung des Lusthauses
wochenlang die Erde aufgraben mußten, mit Güte, mit List, mit Drohungen
beschwor sie den angeblichen Freund des Bruders, zu reden, wenn er etwas
wisse; es war umsonst, er behauptete, nichts zu wissen. Niemand wollte
etwas wissen. Sie warf sich dem Fürsten zu Füßen, der sie huldvoll
anhörte und, anscheinend selbst ergriffen, alles zu tun versprach, um
der Sache auf die Spur zu kommen. Es war umsonst. Einige Tage darauf
erkrankte sie, ohne Zweifel durch Gift; der Versuch wiederholte sich.
Plötzlich aber starb der Fürst an einem Schlagfluß. Ihres Bleibens an
jenem schrecklichen Ort war nun nicht mehr. Sie begann zu reisen und
suchte an allen kleinen und großen Höfen Deutschlands, später sogar in
London und Paris Minister, Monarchen und Männer der Öffentlichkeit zu
gewinnen, um Sühne oder wenigstens Aufklärung zu erlangen. Stellen Sie
sich das Leben vor,« fuhr Frau Imhoff fort, »das meine Freundin auf
solche Weise länger als drei Jahre führte, immer unterwegs, immer in
Hast, mit beständigen Widerwärtigkeiten kämpfend. Ein großer Teil ihres
Vermögens ging nach und nach durch ihre fruchtlosen Anstrengungen
verloren. Als sie nun endlich einsehen mußte, daß sie nichts erreichen
würde, daß die Verbrüderung der Schlechten und Gleichgültigen zu mächtig
ist, entsagte sie mit derselben Entschlossenheit, die sie bisher an den
Tag gelegt, allen weiteren Versuchen, zog in eine kleine
Universitätsstadt und warf sich mit einem wunderbaren Eifer auf das
Studium der Politik, der Jurisprudenz und der Nationalökonomie. Nicht
als ob sie sich damit gegen die Welt verschloß, ganz im Gegenteil. Sie
hatte ihre private Sache mit einer öffentlichen vertauscht. Ihre
glühende Seele, für den Gedanken der Völkerfreiheit und der
Menschenrechte entflammt, suchte Betätigung. Vor zwei Jahren heiratete
sie einen unbedeutenden und keineswegs geliebten Mann; es geschah
deshalb, weil sich der Mann, dem sie sich schon geweigert hatte, aus
Leidenschaft zu ihr im Bade die Adern geöffnet hatte; er wurde gerettet
und sie nahm ihn. Doch wurde die Ehe schon nach wenigen Monaten in
friedlichem Einverständnis gelöst, der Mann ist nach Amerika gegangen
und Farmer geworden. Meine Freundin fing abermals ihr merkwürdiges
Wanderleben an; ich habe Briefe von ihr bald aus Rußland, bald aus Wien,
bald aus Athen; seit einigen Monaten weilt sie in Ungarn. Überall
untersucht sie die Lage der Bauern und die Not des arbeitenden Volkes,
nicht etwa nur oberflächlich und empfindsam, sondern mit sachlicher
Gründlichkeit; ihr profundes Wissen und ihre Kenntnis der Gesetze,
Verfassungen und öffentlichen Einrichtungen hat schon manchem gelehrten
Herrn Bewunderung abgezwungen. Sie ist heute fünfundzwanzig Jahre alt
und sieht fast immer noch so aus wie auf diesem Bild, das vor sechs
Jahren gemalt wurde. Nach alledem werden Sie mir wohl glauben, Mylord,
daß bei ihr von orientalischer Weichheit und sanfter Leidensdemut nicht
wohl die Rede sein kann. Sanft ist sie, ja sie ist sanft, aber ganz
anders, wie man sich das gewöhnlich vorstellt. Ihre Sanftmut hat etwas
Freudiges und Tätiges, denn es ist in ihr ein kühner Geist und ein
erhabenes Vertrauen zu allem, was menschlich ist. Immer ist ihr die
Gegenwart das Höchste.«
Ein lautloses Schweigen bezeugte der Erzählerin die tiefe Wirkung, die
sie hervorgerufen. Und ist es denn nicht prächtig, ist es nicht
prächtig-spannend und angenehm-gruselig, sich dergleichen im
wohldurchheizten, hellerleuchteten Zimmer vorerzählen zu lassen? Der
Mann am Kamin reibt sich gemütlich die Hände, wenn es draußen stürmt und
wettert. Dem Mann am Kamin verursacht es ein süßprickelndes Behagen,
wenn er sich vorstellt, daß draußen einige Leute ohne Überzieher und
Handschuhe herumspazieren. Er, der Mann am Kamin, ist sogar imstande,
mit solchen Unglücklichen auf das lebhafteste zu sympathisieren.
Caspar war, als Frau von Imhoff zu sprechen angefangen, etwas außerhalb
des Zuhörerkreises gesessen, dann hatte er sich langsam erhoben, war
näher gekommen, bis er an ihrer Seite stand, und hatte wie verzaubert
auf ihren redenden Mund geblickt. Jetzt, da sie fertig war, lachte er
plötzlich. Die Züge kamen in Bewegung und erhielten etwas unendlich
Anziehendes. Frau von Imhoff gestand später, daß ihr ein solcher
Ausdruck kindlicher Freude noch nirgends vorgekommen sei; ja, es glich
dem Lachen eines kleinen Kindes, nur daß sich eine höhere und reinere
Kraft des Bewußtseins darin zu erkennen gab und die Empfindung seines
Innern mit den stärksten Farben malte. Die Umsitzenden waren neugierig,
was er sagen würde, und beugten sich vor, doch er stellte nur die
zaghafte Frage: »Wie heißt denn die Frau?«
Frau von Imhoff legte den Arm um seine Schulter und antwortete, gütig
lächelnd, das zu verraten stehe ihr jetzt nicht zu, später vielleicht
werde er es erfahren, auch an ihm nehme sie herzlichen Anteil.
Er blieb nachdenklich. Auch als die Geselligkeit wieder geräuschvoller
wurde und das jüngste Fräulein von Stichaner am Klavier Lieder sang,
behielt er seinen schief-besinnenden Blick. Sonderbar wurde sein Gefühl
durch das so beweglich geschilderte Schicksal jener Unbekannten nach
außen getrieben, und wie durch den Wink eines unsichtbaren Geistes
öffnete sich zum erstenmal sein Herz den Leiden eines andern Ichs, einer
fremden Existenz. Es kann doch nicht so mit den Frauen beschaffen sein,
wie ich's mir immer eingebildet habe, dachte er.
Das gab ihm zu denken. An irgendeinem Punkt erzitterte auf einmal der
Bau der Welt, und ein zwiefaches Antlitz zeigten die Kreaturen: das eine
wohlvertraut und nicht geliebt, das zweite unfaßbar wie Schatten, fern
wie der Mond, verschwistert beinahe dem der nie gesehenen Mutter.
Auf der Brücke zwischen Abend und Abend schreitet das Leben; was es
heute schenkt, wird morgen Besitz. Ohne diese Stunde hätte ein Ereignis
der folgenden Nacht, bei dem er nur der flüchtige und kaum bemerkte
Zeuge war, nicht so gewaltig in sein Inneres gewuchtet, daß er tagelang
danach sich in der schmerzlichsten Verwirrung befand.