OFFENER BRIEF AN EINEN UNBEKANNTEN

SEHR geehrter Herr! Ich nehme mir die Freiheit, in aller Öffentlichkeit ein

Schreiben an Sie zu richten, weil ich Sie nicht länger darüber im Unklaren

lassen möchte, wie unsympathisch Sie mir sind.

Mit Erstaunen werden Sie fragen, welche Gründe um alles in der Welt mich,

der ich Sie nicht kenne, bewegen, Sie einen mir unsympathischen Menschen zu

heißen.

So hören Sie denn, daß ich nicht den winzigsten Grund habe, um so mehr, als

ich Sie, wie gesagt, nicht kenne.

Trotzdem sind Sie mir in tiefster Seele und aus einem, wenn ich mich so

ausdrücken darf, allgemeinen Gefühl heraus unausstehlich, und ich

versichere laut, daß ich jeden Zug Ihres Wesens, jede Spur Ihres Seins

widerlich finde, mögen Sie existieren oder nicht.

Ich bin überzeugt, daß Ihre sauber genähten Krawatten mir nicht minder auf

die Nerven fallen würden als die Handbewegungen, womit Sie Ihrer jüngsten

Tochter, wenn Sie eine hätten, über den Scheitel fahren, wenn sie einen

hätte, und daß mich die Geschwulst hinter Ihrem rechten Ohre, gesetzt, Sie

hätten eine, ebenso peinlich berühren würde wie die Art, in der Sie über

Angelegenheiten der inneren Politik sprechen -- wenn Sie darüber sprechen.

Warum übrigens in drei Teufels Namen lassen Sie sich jene Geschwulst hinter

dem rechten Ohre nicht endlich operieren -- für den Fall, Sie haben eine?

Sie gelten mir, klipp und klar, in jedweder Hinsicht als vollendeter Typus

eines Proleten -- herrisch, ordinär, albern, rücksichtslos und seicht, wie

Sie hoffentlich sind. Um das Maß voll zu machen, lieben Sie -- Sie werden

mich darin nicht enttäuschen -- das Skatspiel und die Lektüre infamer

Schmöker, die nicht angeführt sein mögen, und entrüsten sich womöglich als

sogenannter Gegner des Fremdwortes, daß ich Wörter wie «Lektüre» und

«infam» anwende.

Ich gebe zu, daß ich meinem Vorurteil, das am Äußerlichen haftet, allzu

willfährig bin und besser daran täte, Ihr Inneres zu prüfen, muß indessen

zu meiner Rechtfertigung erklären, daß ich die «Unsympathischkeit» auf den

ersten Blick, die sich jederzeit in das Gegenteil verkehren könnte, bei

weitem der «Sympathischkeit», um nicht zu sagen «Liebe» auf den ersten

Blick den Vorzug gebe, welche kritischen Erschütterungen nur in seltenen

Fällen standzuhalten vermag.

Mit Freuden bin ich bereit, mich mit Ihnen, den ich gottlob nicht kenne,

und von dem ich nicht weiß, ob er überhaupt auf Erden wandelt, an drittem

Orte zu treffen, um die wenig erquicklichen Beziehungen, die uns

verknüpfen, in erfreulichere oder sogar erfreuliche zu verändern, obwohl

ich meine Besorgnis nicht verhehlen möchte, daß Sie gerade bei naher

Bekanntschaft und nach Preisgabe Ihres Inwendigen ein gräßliches Subjekt,

unter Umständen sogar ein hierorts als «Mistvieh» zu bezeichnendes

Individuum abgeben dürften, dem ich besser aus dem Wege trete.

Lassen wir es also zu beiderseitigem Vorteile bei der bestehenden

Unbekanntschaft verbleiben, und bauen wir auf unser Vorurteil, das

sicherlich wohl begründet ist, sei es auch nur gefühlsmäßig. «Unser»

Vorurteil schreibe ich, da ich allzu gut weiß, wie wenig Sie Ihrerseits

mich leiden mögen -- mich, den es gibt.

Mit dem Ausdrucke vollkommener Hochachtung bin ich Ihnen, den es nicht

gibt, ergeben und schließe mit dem Bemerken, daß die letztgebrauchte

Redewendung eine leere Phrase ist und nichts weiter.

Kobolz: Grotesken · 第 12 / 57 题