DER Schreibtisch liegt im Scheine der flackernden Kerze. Im Ofen knistert
das Holz. Draußen ist kohlrabenschwarze Nacht.
Ephraim schreibt an einer Novellette, die folgendermaßen anhebt:
«Der Schreibtisch liegt im Scheine der flackernden Kerze. Im Kamine
knistert das Holz. Draußen ist kohlrabenschwarze Nacht.»
Der Anfang dieser seiner Novellette hat vielerlei für sich. Vor allen
Dingen ist er von unanfechtbarer Wahrhaftigkeit und Sachlichkeit -- bis auf
den Kamin, der durch einen ordinären Ofen repräsentiert wird.
Ephraim kann nicht weiter. Er nimmt einen auf dem Tische befindlichen
Zirkel (-- _neue_ deutsche Literaten, darunter auch meine Wenigkeit,
brächten es nicht übers Herz, das simple «befindlich» anzuwenden, vielmehr
würden sie sich eines aparten Zeitwortes wie etwa «Vagabundieren» oder
«Dahinträumen» bedienen! --), spreizt dessen Schenkel, daß sie eine Gerade
bilden, faßt ihn mit der Rechten und stochert in einem der hintersten
Backzähne.
Der Mensch tut manches Unschöne, so er sich unbeobachtet glaubt.
Sodann erhebt sich Ephraim, bohrt mit beiden Zeigefingern in beiden
Gehörgängen, lehnt sich rückwärts an die Tischplatte und schaut vor sich
hin.
Mählich gewöhnen sich die Augen an das Halbdunkel des Stübchens und
verweilen auf den Gegenständen.
Ephraim blickt auch auf das Fenster.
Draußen ist Nacht.
Ephraim blickt hinaus in die Nacht.
Er erschrak nicht, er zuckte nicht zusammen, er geriet nicht aus der
Fassung, kein Muskel regte sich in seinem Angesicht, als er den Kopf sah.
Draußen stand ein Mann und hatte seine Pupillen stier auf Ephraim
gerichtet.
Zwei Augenpaare bohrten sich ineinander.
Der in der Stube erschauderte.
Er schwankte. Sollte er tun, als habe er nichts bemerkt, und sich wieder an
den Schreibtisch setzen, -- oder sollte er . . . .
Ach wo, und er schritt zur Tür, öffnete sie, -- zwei, drei Schritte, und er
stand vor dem Fremden.
«Fedor Ignaz Deichsel» stellte sich dieser vor (die Stimme klang piepsig
und dünn) und verbeugte sich trotz der Dunkelheit.
Es war also nicht Sherlock Holmes!
«Sehr erfreut!» entgegnete Ephraim, stellte sich seinerseits vor und lud
den Fremden ein, näher zu treten.
Der Fremde folgte dem Dichter in die Stube.
Erst redeten sie keine Silbe -- späterhin ging es recht lebhaft zu.
Erst standen sich die zwei wie die Pflöcke gegenüber -- -- zuguterletzt
schlossen sie Brüderschaft.
Der Fremde war nämlich auch ein Dichter.
Er wollte eine Novellette schreiben und hatte sich das sehr schön
ausgemalt: wie er den Mann in der Stube beobachten würde, um ihn
abzukonterfeien und sein Tun zu schildern. Der Anfang, den er im Kopfe
trug, lautete:
«Kohlrabenschwarze Nacht. Der Schreibtisch liegt im Scheine der flackernden
Kerze . . .»
Weiter war er nicht gekommen, und es ist fraglich, ob er sich für «Ofen»
oder «Kamin» entschieden hätte.
-- Ich, ich schöpfe das Fett ab.
(Diese Malefizliteraten!)