Und die Damen sagten: »Wie muß die ausgucke, die #den# genomme hat!«

Denn der Mensch ist ein edles Wesen und freut sich darüber, wenn sein

Nächster glücklich ist.

Und dann kam die Trauung und eines Montags Morgen geleitete Vater

Bindegerst das frischgebackene Ehepaar zum Bahnhof, um es zwecks

Hochzeitsreise der Eisenbahn anzuvertrauen.

Der schöne Odenwald war das Reiseziel, und der glückliche Adolf stand in

Gedanken bereits auf dem Gipfel des Melibokus und zeigte seiner zarten

Gattin die Welt und sagte: »Guck, Kättche, des alles geheert uns! Wann's

aach net unser Eigedum is, merr hawwe doch e Hypothek druff, e

Herzenshypothek! Unn die Wälder misse uns ihrn Duft unn ihr Anemone als

Hypothekezinse gewwe, unn die Quelle ihr Rausche unn ihrn silwerige

Glanz, unn die Vögelcher ihrn Gesang. Guck, lieb Kättche, des Alles, was

de guckst, haww ich Derr mit in die Eh' gebracht! Die Nadur, die is e

groß' Sparkass', viel greeßer wie die Offebächer Städtisch' Sparkass',

unn noch dausendmal sicherer. Und wann merr emal in Not komme dhäte, in

#Seelennot# maan ich, dann gehn merr eifach enaus in die Nadur unn hewe

in dere Sparkass' en Poste Erquickung unn Trost ab, -- unn wann merr

aach noch so viel abhewe, #des# Guthawe nemmt kaa End!«

Solche Träumereien pflegten dem kleinen Adolf schon von Kindsbeinen an

nicht gut zu bekommen, und auch diesmal führten sie einen unerwünschten

Zwischenfall herbei. Er stolperte nämlich beim Besteigen des Kupees, und

das Köfferchen polterte auf den Bahnsteig zurück.

»Kannstde net achtbasse, dappischer Olwel?!« fuhr ihn Katharina heftig

an. »Net emal e Handtasch' kann der dumm Mensch drage!«

Tieferschrocken sah Adolf sie an. Und blickte in zwei Katzenaugen, die

höhnisch und unheilkündend funkelten.

Da senkte er den Kopf.

Der alte Bindegerst aber dachte: »Es geht schonn los! Se fängt schonn

aa! -- No, viel Vergniege!!«

Während Adolf das Köfferchen, das aufgegangen und seinen Inhalt auf den

Bahnsteig verstreut hatte, zusammenraffte, machte sich Katharina im

Innern des Abteils zu schaffen. Sie nahm den Herrenhut, mit dem der eine

Ecksitz belegt war, und warf ihn mit energischer Geste ins Gepäcknetz.

Dann setzte sie sich selbst auf den Platz.

Und als kurz vor der Abfahrt des Zuges ein älterer Herr einstieg und

verwundert bemerkte: »Diesen Platz hatte ich mit meinem Hut belegt!«,

erhielt er mit bösartiger Betonung die Antwort: »Dann hätte Se Ihrn

Deckel uff den Blatz, unn net da owwe hie lege solle!«

Adolf hielt es für seine Pflicht, seiner Frau beizuspringen, und

betonte, der Platz sei allerdings unbelegt gewesen. Es war ihm nicht

wohl bei dieser Lüge.

Aber Katharina hatte keinen Sinn für solche ritterliche Beihilfe. »Halt

Dei Maul!« herrschte sie ihn gereizt an. »Ich wer' mit dem Herrche da

schonn allaans fertich! Da bin ich schonn mit ganz annern Leut fertich

worn!«

Der Herr lächelte und schwieg.

Und auch Adolf schwieg. Aber er lächelte nicht dabei. In seinen

Kinderaugen standen zwei große Tränen.

Und dann pfiff die Lokomotive, und der Zug fuhr ab.

Vater Bindegerst winkte noch einmal kurz mit der Hand, dann drehte er

sich um und ging heim. Das Gewissen schlug ihm, er verfiel in

Selbstvorwürfe und indem er die Bahnsteigkarte abgab, murmelte er, zum

Erstaunen des Schaffners: »Ich hätt's #doch# net dhun solle!«

Katharina schmiegte sich trotzig in den Eckplatz, starrte die Decke an

und schmollte. Denn dies ist die Universalwaffe aller Frauen, die im

Unrecht sind.

Mit diesem Zug fuhr Adolf Borges direkt in die Hölle.

Vater Bindegerst saß einsam in seiner Werkstatt und drechselte an einem

Spazierstock. Es sollte ein kleines Kunstwerk werden: den Griff bildete

ein Affenkopf mit fletschenden Zähnen, und gerade war Meister Bindegerst

dabei, in diesen Kopf die braungelben Glasaugen einzusetzen.

Unser Meister fühlte sich mehr als Künstler denn als Zoologe, und so ist

es begreiflich, daß man den Affenkopf auch recht gut für einen

Kaninchenschädel oder eine Bulldogge halten konnte; ja, der

geschmackvolle Käufer dieses Spazierstockes äußerte sogar, als er ihn

erstand: »Schad, daß der Rehbock kaa Geweih hat!«

Vier Tage schon war Bindegerst nun Junggeselle. Das junge Paar hatte

noch nichts von sich hören lassen, und er war darüber keineswegs

erstaunt. Kannte er doch sein holdes Töchterlein viel zu gut, als daß er

hätte befürchten können, sie werde die Verschwendung einer

Ansichtspostkarte an ihn dulden.

Katharina war geizig. Noch viel geiziger, als es die Natur bei der

Verteilung weiblicher Reize gegen sie gewesen war.

Der liebe Gott und der Teufel sind scharfe Konkurrenten, und hat der

liebe Gott den Adam nach seinem Ebenbilde geschaffen, so ließ es sich

der Teufel nicht nehmen, manche Eva nach dem seinigen zu bilden. In der

Person Katharinas war ihm ein Prachtexemplar gelungen, und alle in der

Hölle schmorenden Kunstkritiker (und das waren nicht wenige) stimmten

darin überein, er habe zu Katharina seine eigene Großmutter als Modell

genommen.

Bindegerst nutzte die Abwesenheit seiner Tochter nach Kräften aus. Er

ließ an dem Glaslüster seiner Werkstatt sämtliche Flammen brennen, denn

nun war ja niemand da, der sie ihm bis auf eine vor der Nase

ausschraubte und dabei keifte: »Du findst wohl Dei Geld uff der Gass'?

Odder bistde vielleicht an dere Gasgesellschaft #bedeiligt#?! Ei, ich

dhät merr an Deiner Stell noch e Petroliumlamp uff de #Hinnern# binde,

daß die Illumination fertich is!«

Gott sei Dank, jetzt war niemand da, der so etwas sagte.

Und er konnte jetzt auch, wie Hans Sachs in den »Meistersingern«, zu

seiner Arbeit sein Lieblingslied singen, ohne daß sich plötzlich ein

bissiger Kopf in der Türe zeigte und ihn anschrie: »Hör uff mit dem

Gegröhl! Sonst laaft die Milch zusamme!«

Und Meister Bindegerst sang doch so schön! Nur konnte man bei seinem

Lied, wie bei dem Affenkopf des Spazierstocks, nicht recht

unterscheiden, was es eigentlich vorstellen sollte! Dafür aber sang er

stets fortissimo. Denn was ein richtiger Musiker ist, der ist nicht

zimperlich.

Vor allem aber konnte sich der unbeaufsichtigte Herr Papa jetzt einmal

gründlich seiner heimlichen Geliebten widmen.

Ja, Vater Bindegerst hatte eine stille Liebe. Nicht etwa, wie schlechte

Menschen vermuten werden, ein weibliches Wesen, -- o nein, seine

Geliebte war keines der Geschöpfe, die unsere Liebe so oft mit Undank

lohnen, die einen Herkules an den Spinnrocken demütigen, einem Simson

die Haare schneiden und als Honorar für ein bißchen Schleiertanz einen

Heiligenkopf fordern, nein, seine Geliebte war jenes Wesen, das noch

keinen Anbeter unerhört gelassen hat und dem dennoch jeder Liebhaber

dauernd treu bleibt: seine Geliebte war der Alkohol.

Was für eine musterhafte Geliebte ist doch der Schnaps! Sie beansprucht

keine neuen Röckchen, Blusen und Spitzenhemdchen, sie ist jahrein,

jahraus mit dem schlichten Gewande einer alten Glasflasche zufrieden.

Sie beansprucht nicht, ins Theater, Kino und Kabarett geführt zu werden,

sie begnügt sich mit dem dunklen Plätzchen unter einer Drechslerbank.

Sie sucht sich keine modernen Hüte aus und läßt dir die

schreckenerregende Rechnung schicken, nein, sie trägt im Frühling,

Sommer, Herbst und Winter denselben abgebrochenen Korkstopfen.

Und überkommt dich die Stunde der Zärtlichkeit und du kneifst sie zur

Einleitung in die Wangen, so murrt sie niemals: »Laß mich! Ich bin jetzt

nicht aufgelegt!«, sondern sie lächelt dich, verführerisch wie immer,

an: »Trinke merr noch e Tröppche!«

Herr Drechslermeister Bindegerst war nicht der Joseph, einer solchen

Verführungskunst zu widerstehen. Alle Viertelstunde hörte er es unter

der Drechslerbank hervorkichern, und galant und ritterlich faßte er

alsdann die Geliebte um die glatte Taille, hob sie ans Tageslicht oder

ans Gaslicht, drückte auf ihren Hals seine trockenen Lippen, wischte

sich nach einem langen, langen Kuß mit dem Handrücken den Schnabel und

stellte fest: »Es schmeckt scheußlich, awwer 's is nahrhaft! Der Mensch

is e Maschin unn muß von Zeit zu Zeit geölt wern! No, öle merr noch e

Tröppche!« ...

Seine Hoffnung, das neue Ehepaar dauernd ausquartieren zu können und

Alleinherrscher im Hause zu werden, hatte sich freilich nicht erfüllt.

Wohl hatte Adolf, der Nachgiebige, dem Vorschlag beigestimmt, aber

Katharina hatte höhnisch erklärt: »Nix do! Die Wohnung nemme #mir#! Unn

du ziehst enuff ins Dachstibbche!«

Und mit gewohnter Tatkraft hatte sie sogleich mit dem Umräumen begonnen.

Sie brauchte dazu keinen Dienstmann, ihre robusten Arme bewältigten die

schwersten Kisten und Kästen mühelos.

Adolfs Habseligkeiten wanderten treppabwärts in die kleine

Dreizimmerwohnung, und des Vaters kleine Schätze stiegen hinauf in den

Giebel.

Bei dieser günstigen Gelegenheit unterzog sie das Eigentum ihres Papas

einer gründlichen Musterung, und sie machte dabei allerhand

überraschende Entdeckungen. Nicht nur stieß sie zu ihrer Wut in einer

Westentasche auf zwei Kinobillets, die für den gleichen Tag gültig waren

und auf zwei nebeneinander gelegene Plätze lauteten, sondern sie fand

auch die kleine Bibliothek, die sich der verschwenderische »alte Esel«

zugelegt hatte.

Um ihn nicht in falschen Verdacht zu bringen, sei festgestellt, daß

diese Bücherei nur aus drei Werken bestand, nämlich: »Der bayrische

Hiasl«, »Das Geschlechtsleben des Menschen« und »Was muß der Jüngling

vor der Ehe wissen?«

Und noch etwas anderes fand sie: einen Mahnbrief der Firma, die ihm das

Holz für seine Drechslerarbeiten lieferte. Wann sie endlich ihr Geld

bekommen werde, frug sie an und drohte in unerquicklichen Wendungen mit

einer Klage.

Im ersten Augenblick dachte Katharina, die niemals sprachlose, daran,

ihrem Vater eine Szene zu machen, eine jener Szenen, die sich bei ihr zu

einem fünfaktigen Monolog auszuwachsen pflegten und beim geringsten

Widerspruch sogar zu einer Trilogie anschwollen.

Aber sie befürchtete eine Trübung ihres Brautstandes, denn die weibliche

Zungenfertigkeit ist etwas, was der Jüngling #nicht# vor der Ehe zu

wissen braucht.

Sie begnügte sich daher damit, in großen Bleistiftzügen unter den Brief

zu schreiben: »Gelesen. Katharina.«

Dann legte sie ihn wieder in die Schublade, in der sie ihn gefunden

hatte. Das genügte. Nun würde der Vater schon merken, daß sie eine neue

Waffe gegen ihn besaß, und sein Verhalten danach einrichten.

Hierin täuschte sie sich allerdings. Der alte Sünder empfand keineswegs

das Bedürfnis, den Mahnbrief wiederholt zu lesen, und ließ ihn ruhig in

der Schublade schlummern, bis ihn die Mäuse fraßen.

So war es gekommen, daß Vater Bindegerst sein eigener Zimmerherr wurde.

Er hatte damals, als er Adolf die Dachhöhle anpries, viel Gutes von der

Behausung da droben zu erzählen gewußt und sie »e schee Zimmerche«

genannt, -- nun, da er selbst darin wohnen mußte, fand er, daß sie ein

Saustall ersten Ranges sei.

Ihm mangelte die edle Selbstbescheidung seines Schwiegersohnes, er

verspürte nicht die geringste Lust, seinen Kopf zum Dachfenster

hinauszustrecken und an den Anblick der kleinen Menschlein da unten

philosophierende, lächelnde Betrachtungen zu knüpfen. Er benutzte das

Fenster lediglich dazu, manchmal höchst unbekümmert hinauszuspucken. Für

den Mondschein hatte er gar nichts übrig, und den musikalischen Katzen

konnte ein so hervorragender Sänger wie er, schon aus künstlerischem

Grundsatz nicht wohlgesinnt sein.

»Wann nor der Blitz die ganz Bud' zusammehaage wollt'!« dachte er, wenn

er in dem wackeligen Bett lag. »Nächstens quardiert mich mei

liewenswerdig Dochter noch in eme #Luftballon# ei'! Odder se zieht merr

e Schnor dorch die Nos unn läßt mich als Drache steie! Die Kränk soll se

kriehe! Awwer gleich!!«

Nun, Gott sei Dank, jetzt hatte er vorerst seine Ruhe vor dem

vermaledeiten Familienglück!

Gerade hatte Bindegerst in seiner festlich beleuchteten Werkstatt wieder

traute Zwiesprache mit seiner heimlichen Geliebten gehalten und wischte

sich den Schnabel ab, um seiner schnapsologischen Ernährungstheorie

Ausdruck zu geben, als es leise an die Türe klopfte.

»Erei, wer drauße is!« rief er.

Und herein schlich die klägliche Gestalt seines Schwiegersohns.

Quer über der Stirne prangte eine breite Kratzwunde und sein rechtes

Auge war merkwürdig verschwollen.

Mit gesenktem Kopf blieb er in der Türe stehen.

Erstaunt sah Bindegerst von seiner Arbeit auf und gab heimlich mit dem

Fuß seiner stillen Liebe einen Tritt, damit sie tiefer unter die

Drechslerbank schlupfe.

»Ich bin widder da!« seufzte Adolf tonlos.

»Ich guck's!« bestätigte der Alte, und ein boshaftes Lächeln spielte um

seine Mundwinkel. Er bedurfte keiner Erläuterung, er erriet alles. Nicht

ohne Spott frug er: »Unn wo is dann 's Kättche?«

Hilflos zuckte Adolf die Achseln.

Ein Engel ging durchs Zimmer, -- eine in dieser Behausung höchst

ungewohnte Erscheinung. Bindegerst wartete, ob sein Schwiegersohn nicht

anfangen würde, die Geschichte seiner unterbrochenen Hochzeitsreise zu

erzählen.

Aber Adolf schien völlig geistesabwesend. Er empfand nicht einmal das

Beschämende seiner tragikomischen Lage; nur traurig war ihm zu Mute,

traurig wie einem Kind, dem ein böser Hund die Lieblingspuppe entrissen

hat und in Fetzen beißt.

Beinahe leid tat er seinem Schwiegervater.

»No, komm nor her!« sagte Bindegerst schließlich. »Vor #mir# braachstde

kaa Angst zu hawwe: ich kratz net! Unn scheniern braachstde Dich #aach#

net: die Handschrift is aach schonn uff #mei'm# Kopp zu lese gewese!

Wann aach net mit so große Aafangsbuchstawe! -- Wie is'n des komme?«

Adolf machte eine müde, abwehrende Handbewegung.

Er wollte nicht darüber sprechen. Er hätte auch gar nicht so genau sagen

können, wie sich die Unglücksszene entwickelt hatte. Mit einem ganz

unbedeutenden Wortwechsel war es angegangen, er hatte die

Unvorsichtigkeit besessen, in einer nebensächlichen Angelegenheit

anderer Ansicht zu sein als das ihm angetraute Turteltäubchen, und

plötzlich sah er sich einer tobenden Furie gegenüber und hörte zum

ersten Mal den Aufschrei: »Prinze unn Korferschte hätt' ich heierate

könne, unn Dich Schlappschwanz muß ich nemme!!« Und ehe er noch dazu

kam, einzulenken, die grundlos Erregte zu beruhigen, und alles, was er

gar nicht gesagt hatte, zurückzunehmen und um Verzeihung zu bitten,

spürte er schon zehn Fingernägel im Gesicht.

Als er die Augen, seine erschrockenen blauen Kinderaugen, wieder

öffnete, war Katharina verschwunden.

Da war er traurig zum Bahnhof gewankt und hatte sich eine Fahrkarte nach

Offenbach gelöst.

Mit dem Wirt hatte er nicht erst abzurechnen brauchen, denn die Kasse

führte Katharina.

Während der ganzen Eisenbahnfahrt hatte er zum Fenster hinausgestarrt,

aber er hatte nichts gesehen von den Dörfern, Städten, Wiesen, Wäldern

und Bergen, die vorbeihuschten.

Wie ein Fiebernder das Buch, das aufgeschlagen auf seiner Bettdecke

liegt, liest, ohne daß die gedruckten Buchstaben sich seinem wirren

Geiste zu Worten und Sätzen verbinden, so starrte er in das

weitaufgeschlagene Bilderbuch der Natur und ward sich keines Schauens

bewußt.

Ein Riesenspielzeug war die weite Landschaft, aufgestellt von der

täppischen Hand eines Gigantenjungen, und ein hämischer Kobold blies nun

das schöne Spielzeug mit dicken Backen um, so daß es in tollem Wirbel an

dem Eisenbahnzug vorbeisauste.

Ein Traumwandler, ging Adolf durch die Straßen Offenbachs, instinktiv

den Weg nach Hause findend, und nur einmal, in der Nähe der

Schloßstraße, war er zu dem erschreckten Gedanken erwacht: »Wann Dich

nor niemand aus'm Geschäft guckt! Was dhäte die sonst denke!«

Und schnell war er in eine Seitengasse eingebogen.

Und nun stand er in seiner Wohnung, die ihm mit einem Mal so fremd

vorkam, und wurde von einer unbeschreiblichen Sehnsucht zerrissen, sich

an eine mitfühlende Brust zu werfen, um sich den Schmerz von der Seele

zu weinen.

Aber der alte Bindegerst mit seiner heimlichen Geliebten war dazu nicht

die geeignete Persönlichkeit. Das empfand der arme Adolf nur allzu

deutlich. Und so harrte er in der Türe, mit den Tränen kämpfend, und ihm

war, eine eherne Faust würge ihm die Gurgel.

»Mach wenigstens die Dhür zu!« forderte ihn Bindegerst auf und wandte

sich wieder seiner Arbeit zu. »Zugluft is net gut for so'n

Schwerverwundete!«

Mechanisch gehorchte Adolf Borges und trat neben ihn an die

Drechslerbank, stumpf seinem Beginnen zuschauend.

Vater Bindegerst war mit dem Einsetzen der Glasaugen fertig, er gab

jetzt seinem Meisterwerk den letzten Glanz, indem er den Affenkopf mit

Sandpapier abrieb. Er ließ sich Zeit dazu, und als er die Arbeit für

vollendet hielt, hob er stolz den Spazierstock seinem Schwiegersohn

unter die Nase und frug selbstbewußt: »No, for was for e Viech hältstde

des?«

Dabei fiel sein Blick in Adolfs Augen und entrüstet fuhr er fort:

»Bistde iwwergeschnappt? Ich glaab gar, Du willst flenne? Bistde e

Mannsbild odder bistde e Schulbub, dem der Vadder 's Loch versohlt hat?

Waastde, was #ich# an deiner Stell dhät?«

Adolf wußte es nicht.

Und deshalb belehrte ihn der alte Bindegerst, der sich dank der

Abwesenheit seiner Tochter und durch den eingehenden Umgang mit seiner

stillen Geliebten in sehr heldenhafter Stimmung befand, weiter: »Soll

ich Derrsch sage? -- Baß emal uff!«

Und er ließ den Spazierstock mit dem

Affen-Kaninchen-Bulldoggen-Rehbockkopf sausend durch die Luft pfeifen.

»Verschdehstde 's? Bedappelstde 's? #So# mußtde 's mache! Mobilisier

Dich, Adolf! Des is die aanzig vernimftig Nadurheilmethod! Haag se, daß

die Lappe fliehe! Mein Sege hastde derrzu! Gebb'r die Prichel zurück,

net mit fimf Prozent, net mit zeh Prozent, sonnern verdreifach'r des

Kapital! Verklopp se, bis ihr Buckel schillert wie e Regeboge! Sonst

kriehstde Dei Lebtag in Deiner Eh' kaan Sonneschei!«

Und er begann eine Schimpfrede auf seine Tochter, eine Racherede, wie

sie selbst der selige Cato senior in seinen besten Stunden nicht gegen

Karthago zusammengebracht hat, er ließ kein gutes Haar an Katharina,

nicht einmal ihren Quetschekuche ließ er mehr gelten, und er schloß

seine Predigt mit der, durch einen Faustschlag auf die Drechslerbank

unterstrichenen Pointe: »Hättstde liewer dem Deiwel sei Großmudder

geheierat' statt dem Satansweib! Ihr ganz Mudder is se! Die war grad so

aane! Gott, was ich mit der Fraa ausgestanne habb! No, der Deiwel habb

se selig!«

Adolf Borges verstand von diesem ganzen Vortrag kein Wort.

Seine feuchten Kinderaugen starrten unverwandt auf den Fußboden, als

erwarte er, daß jeden Augenblick aus einer Ritze des Fußbodens ein Zwerg

hervorschlüpfen müsse, ein weißbärtiger, greiser Märchenzwerg mit einem

goldenen Krönlein auf dem Kopf, um zu sprechen: »Adolf, das alles ist

gar nicht Wirklichkeit! Hokuspokus tickeltackel, geh hinauf ins

Schlafzimmer, dort wirst Du Dein liebes Weibchen im Bett finden, die

schon lange auf Dich wartet, um Dich abzuküssen!«

Aber kein Zwerglein kam hervorgekrochen, und als Adolf endlich in das

Schlafzimmer ging, da war es leer, und ach, so still.

Ein einziges Mal regte sich etwas, aber das war nicht im Schlafzimmer,

sondern ein Stockwerk tiefer: Vater Bindegerst hatte im Schwips seine

Schnapsflasche fallen lassen und war gegen die Drechslerbank getaumelt.

Am nächsten Vormittag traf Katharina ein.

Sie tat, als sei gar nichts vorgefallen, stellte das Handköfferchen auf

den Vorplatzschrank, legte Hut und Mantel ab, schlüpfte in einen alten

Rock und begann in der Küche zu wirtschaften.

Adolf war schon frühzeitig aufgestanden, er saß zerknirscht im

Wohnzimmer, nachdenkend darüber, mit welchem Kitt er seine in die Brüche

gegangene Ehe wieder zusammenheften könne.

»Ach Gott«, sagte er sich bekümmert, »was hilft des jedz alls? Unn wann

ich se mit der zähste Zärtlichkeit zusammebabb, so hat #doch# en Sprung

unn bleibt invalid! Ich habb merr die Eh' vorgestellt wie en

wunnerscheene Borzellandeller, von dem ich mit meim Kättche nix wie

lauder Sießigkeite fresse wollt', -- unnn jedz is der Deller kapores,

unn e Eck is abgestumbt, unn merr derf'n vor fremde Leut gar net mehr

gucke lasse! Unn die Sießigkeite, -- ach, ich glaab als, 's werd nix wie

Handkäs, unn Handkäs eß ich gar net gern...«

Plötzlich war es ihm, als höre er in der Küche Jemanden hantieren. Ein

freudiger Schreck elektrisierte ihn, er sprang auf und eilte hinaus.

Da stand Katharina am Herd und rührte einen brodelnden Kochtopf.

»Kättche!« frohlockte er, glückselig, sie wieder zu sehen, »mei lieb

Kättche, wannstde wißt, was ich for Angst um Dich gehabbt habb! Bistde

dann gut gefahrn? Willstde Dich net e bissi umlege? Du werst mied sei'!«

Aber Katharina würdigte ihren Gatten keiner Antwort. Mit einem

verächtlichen Seitenblick auf ihn rührte sie weiter den Kochtopf.

»Willstde merr net wenigstens Gu'n Morsche sage?« bat Adolf.

»Gu'n Morsche, Hansworscht!« sagte Katharina. Aber nicht scherzhaft,

sondern bissig und gehässig, in einem Tonfall, der keine Fortsetzung des

Gesprächs zuließ.

Da schlich Adolf geknickt wieder ins Wohnzimmer.

»Was habb ich'r nor gedhaa?« jammerte er vor sich hin. »Ich habb'r doch

kaa aanzig bees Wörtche gewwe! -- No ja, ich bin kaa Kavalier, ich kann

kaa so scheene Sprüch mache wie die nowle Leut, ich kann kaa Affedänz

uffiehrn unn erumhippe wie die Judde ums goldene Kalb, -- awwer des hat

se doch #vorher# gewißt!

Unn daß ich se lieb habb, des #muß# se doch spiern! Ich habb's doch

#aach# gespiert, wie se merr uff de Kopp gehaage hat!

Unn die Lieb is doch, waaß Gott, e dausendmal stärker Instrument als wie

e Faust! Unn ich maan als, so e werklich Lieb als wie die meinigt, die

#muß# se doch merke!

Wann merr in so e Menscheherz ereiruft: »Ich lieb Dich!«, dann kann doch

des Echo net zurickrufe: »Steih merr de Buckel enuff!« Des wär doch gege

die ganz Nadurgeschicht!

Awwer vielleicht habb ich se #doch# beleidigt, unn waaß es gar net?

Vielleicht is merr doch erjend so e Wörtche erausgerutscht, was ich

besser erunnergeschluckt hätt, unn was err weh gedhaa hat? Der Mensch

babbelt ja soviel dumm Zeug, unn aach der Keenig Salomo hat gewiß in

seim Lewe 'n ganze Haufe Stuß geredt, -- es steht bloß net in der Biwel

drin. Awwer was kann ich'r bloß Verkehrtes gesacht hawwe?«

Er sann und sann und kam zu keinem Ergebnis. Er trat vor den Spiegel und

betrachtete wehmütig seine Kratzwunde an der Stirn und das verschwollene

Auge und flüsterte: »Schee guck ich aus! Wunnerschee! Wann des so

weitergeht, laß ich mich bei meiner silwerne Hochzeit in Spiritus

setze!«

Und da Katharina nicht zu ihm hereinkam, tappte er die Treppe hinunter

in die Werkstatt seines Schwiegervaters und meldete: »Gu'n Morsche,

Vadder! Unn se wär' widder da!«

»E Erdbewe wär merr liewer!« sagte Bindegerst.

Aber Adolf wunderte sich schon nicht mehr über diese liebenswürdige

väterliche Äußerung. Er hockte sich auf einen Schemel, stützte den Kopf

in die Hände und frug erschöpft: »Is se immer so?«

»Immer!« bestätigte der Alte. »Immer! Nor manchmal net! Manchmal is se

noch schlimmer. Bis jedz hastde se nor Schottisch danze sehe, awwer baß

emal uff, wann se erscht Galopp danzt! Da kannstde Dei blau Wunner

erlewe! Des Rezept zu dem Danz hat se von ihrer selig Mudder geerbt,

grad wie des Rezept zum Quetschekuche! Ich sag Derrsch, Adolf, des Lewe

is e Gemeinheit! E groß Gemeinheit! Zeit wärsch, daß e neue Sintflut

komme dhät, awwer #ohne# Arche Noah! Vier Woche sollt's nix als wie

Schnaps regne, daß merr all drin versaufe, -- des wär wenigstens e

scheener Dod!«

Es entstand eine Pause, die Bindegerst dazu benutzte, seiner stillen

Geliebten zuzusprechen. Er genierte sich jetzt gar nicht mehr vor seinem

Schwiegersohn.

»Warum hastde merr dann des net frieher gesacht?« stöhnte Adolf.

Bindegerst lachte dröhnend. »Warum ich Derr des net frieher gesacht

habb? -- Guck Derr emal den ahle Schrank in der Eck aa! Des Schloß is

kabutt, unn in der Rickwand is e Mordsriß, ich habb'n bloß e bissi

zugebabbt. Wann jedz e Kundschaft käm unn wollt den Bawel kaafe,

maanstde, ich wer' sage: »Lasse Se die Finger dervoo! Der Schrank is de

Transbort net wert!« Maanstde, ich bin so meschugge? Naa, mei Liewer!

Aapreise wer' ich'm de Schrank unn hunnert Jahr Garandie geww ich'm, dem

Olwel! Unn so mach ich's mit #alle# Möwel, -- aach mit de lewennige!

Braach ich mit #fremde# Aage zu gucke? Ich guck mit meine eigne nix!«

Da fühlte Adolf Borges, daß er auch von seinem Schwiegervater verlassen

war.

Das Herz krampfte sich ihm zusammen und er hatte ein bitteres Wort auf

der Zunge.

Aber noch ehe er es aussprechen konnte, kreischte eine Stimme von oben:

»Macht, daß'r enuffkimmt! Der Kaffee is fertich!«

Es war Katharina, deren Ahnungsvermögen ihr gesagt hatte, daß sie es

nicht zu einem Bündnis der beiden Männer kommen lassen dürfe, und daß es

unklug sei, sie zu lange allein beisammen zu lassen.

Ein schweigsames Frühstück war es. Keines wollte ein Wort sprechen. Nur

der alte Bindegerst bemerkte einmal zwischen zwei Schlucken Kaffee: »Im

Odewald soll's frieher Hexe gewwe hawwe!«

Da warf ihm Katharina einen bitterbösen Blick zu. Erst kaute sie den

Bissen fertig, den sie im Mund hatte, dann erwiderte sie: »Unn in

Offebach, da gibbts sogar heut noch Rindviecher!«

Jede dieser Bosheiten Katharinas, auch wenn sie nicht gegen ihn selbst

gerichtet war, verwundete Adolf wie ein Schlangenbiß. Er konnte es

begreifen, daß ein Mensch in plötzlicher Erregung sich vergaß, schrie

und tobte, wie das zuweilen der dicke Herr Schröder tat, wenn er seinen

nervösen Tag hatte, aber unfaßbar war ihm diese sich ewig

gleichbleibende, kaltblütige Bosheit.

Wie konnte ein Mensch so bis zum Rande vollgeladen sein mit Tücke und

Streitsucht? Und gar ein weibliches Wesen?

Die wenigen Frauen, die er, der Frauenfremde, bisher hatte beobachten

können, waren alle ganz anders gewesen.

Da waren die Geschäftsfräuleins, kleine Kücken, die sorglos-heiter

herumpiepsten und in dem großen Hof des Lebens nach Liebschaften

pickten; da waren die Gattinnen seiner Chefs, solide gutgenudelte

Hennen, die würdevoll gackerten und herablassend mit dem Kopf zu nicken

verstanden; da waren die Damen der Kundschaft, Federvieh von allen

Sorten, jeden Alters und jeder Rasse, -- aber so ein giftgeschwollener

Truthahn wie Katharina war ihm noch nie unter die Augen gekommen.

Als das Frühstück abgeräumt war und er wieder allein im Zimmer saß,

grübelte er von neuem über sein Schicksal nach. Und mit der kindlichen

Gutmütigkeit, die ihn für jede menschliche Schlechtigkeit eine

Entschuldigung suchen ließ, redete er sich ein: »Vielleicht kann se gar

nix dafor, daß se so is? Ihr Mudder soll ja e bees Reibeise' gewese

sei', unn iwwer ihrn Vadder geht merr aach allmählich e Petroliumlamp

uff! Wie hätt des arm Mädche da annerschter wern könne? In eme

Eisschrank kann kaa Veilche gedeihe. Wer waaß, wie se mei Kättche mit

Schmiß unn Schenne uffgezoge hawwe! Unn jetz hält se die ganz Welt for e

Generalversammlung von Verbrecher und Bösewichter. Ich muß recht lieb zu

err sei unn recht gut, dann werd se sich gewiß ännern. Geduld muß ich

hawwe, daß se Vertraue zu merr krieht! Unn wann se erscht merkt, ich

maan's werklich gut mit err, ich will se net ausnitze, dann werd

zuerscht e Wandlung mit ihrm #Herzche# vor sich gehe, unn dann, so Gott

will, aach e Wandlung mit ihr'm #Schnawwel#!«

Und er begann sogleich, einen Versuch auf diesem Wege zu machen; leise

schlich er in die Küche hinaus, trippelte auf den Zehenspitzen von

hinten an Katharina heran und drückte blitzschnell einen Kuß auf ihren

Nacken.

Ein heftiger Ellbogenstoß in die Magengegend war die Antwort. »Du bist

wohl net bei Trost? Was soll dann des haaße? Scher dich zum Deiwel,

Faulenzer!«

Dieses Wort verletzte Adolf Borges tief. Faulenzer hatte ihn noch

niemand genannt. Daß ihn Herr Feldmann und der eklige Kassierer mit

allerhand Kosenamen aus Brehms Tierleben belegten, war er gewohnt, aber

Faulheit, -- nein, dieses Laster hatte ihm noch niemand vorgeworfen.

Hatte er nicht sein Leben lang geschafft wie ein Packesel? Und jetzt

sagte seine eigene Frau ...

»Ja, glotz mich nor aa!« schrie Katharina. »Du hast mich wohl noch net

richtich beguckt? Soll ich Derr e Fodografie schenke? -- Jawohl, e

Fauldier bistde! Was gehstde net in Dei Geschäft?«

»Awwer Kättche«, verteidigte sich Adolf, »awwer Kättche, ich habb doch

noch fimf Däg Urlaub! Was solle se dann von merr denke, wann ich mitte

in meiner Hochzeitsreis zurickkomm!«

»Die wern schonn sowieso wisse, was se von Derr zu denke hawwe! Bildste

Derr vielleicht ei', ich will Dich die fimf Däg hier erumlungern hawwe?

Zum Nixdhun haww ich Dich net geheierat!«

Und plötzlich im Ton umschlagend fing sie an zu jammern: »O Gott, ich

unglicklich Fraa! Prinze unn Korferschte hätt ich hawwe könne, unn so en

Schlappschwanz, so'n draurige, muß ich nemme!«

Adolf wartete nicht, bis der Ton zum zweiten Mal umschlug und wieder die

keifende Roheit zum Vorschein kam. Er ging hinaus, setzte seine Mütze

auf und lief ins Geschäft.

Und als er vor dem Geschäftshaus stand und in die großen Schaufenster

blickte, in denen die Modellpuppen standen, die er so oft abgestaubt

hatte, da war ihm, als sei dieses Haus seine eigentliche Heimat, als sei

#hier# seine Familie, und sein Heim bei Katharina sei nur eine

Schlafstätte, in der er aus Mitleid geduldet wurde.

Er ward beinahe gutgelaunt, als er vor den erstaunten Herrn Schröder

hintrat, um sich zurück zu melden. Er freute sich auf die erlösende

Arbeit.

Und es ging ihm durch den Kopf: »Die Arweit is doch des wahre Baradies!

Unn die ganz Geschicht mit dem Ebbelbaam, die glaaw ich iwwerhaapts net!

Die Sach werd ganz annerschter gewese sei'. Der Adam-selig hat sich

aafach #gelangweilt# in dem baradiesische Palmegarte unn hat zum liewe

Gott gesacht: »Mensch«, hat'r zum liewe Gott gesacht, »Mensch, ich komm

um vor Langweil! Schmeiß mich enaus aus dem Garte, odder ich vertrampel

Derr 's Gras!« Unn weil der liewe Gott e gescheider Mann is, hat er

erwiddert: »Adamche, ich will Derr e Uniwersalmedizin erfinne gege die

Langweil unn gege jeddes Unbehage unn jedde Unzufriddenheit!« Unn er hat

die #Arweit# erfunne. Unn da war die Schöpfung erscht richtich fertich!«

»No??« sagte Herr Schröder. »No, schonn widder zurick? Was is dann?«

»Ach, wisse Se«, meinte Adolf verlegen, »es war so schleecht Wetter, da

bin ich liewer widder haam!«

»Hm!« machte Herr Schröder bedenklich. »Hm ... ich habb immer gemaant,

bei Regewetter liebt sich's am scheenste!«

Aber weil der dicke Herr Schröder mit Recht fand, Adolfs

Privatangelegenheiten gingen ihn eigentlich nichts an, forschte er nicht

weiter.

Weniger zartfühlend waren die Angestellten der Firma. Sie kicherten, als

sie das »scheppe Adolfche« wieder auftauchen sahen, sie machten Witze,

daß die Damen rot wurden, und der erste Reisende stichelte, mit einer

Anspielung auf Adolfs Stirnwunde: »Merr sollt dem Odewald widder emal

die Fingernägel schneide! Maane Se net aach?«

Der eklige Kassierer aber grinste: »E schee Aussicht misse Se gehabbt

hawwe vom Melibokus! Ihr Aag is #jedz# noch ganz geschwolle!«

An diesen schmerzhaften Stichelreden beteiligte sich nur ein einziges

Mitglied der Firma nicht, der zweite Buchhalter Heinrich Baldrian. Das

war überhaupt ein eigentümliches Männlein, eines von den

Menschenkindern, denen das Leben so ziemlich alles schuldig geblieben

ist, und die dennoch mit einer Miene herumlaufen, als seien sie selbst

jedermann etwas schuldig. Dieses alte Buchhalterchen war ein

unglückseliges Geschöpf, ein Kunstenthusiast, dessen Talent zu seinem

großen Schmerz nicht ausreichte, selbstschöpferisch zu sein. Er hatte in

seinen jungen Jahren dicke Hefte voll Gedichte geschrieben, ja sogar

Dramen verfaßt, und hatte wohl auch eine Zeitlang, ermuntert durch den

Beifall kritikloser Freunde, an sich geglaubt wie der Schneider von Ulm

an seine Flügel.

Bis ihm mit zunehmendem Alter die Erkenntnis dämmerte, daß er in den

Gärten der Poesie auf geliehenen Stelzen herumstolperte. Da hatte er

seine sämtlichen Werke verbrannt. Aber seine große Sehnsucht hatte er

nicht mitverbrennen können.

Heinrich Baldrian war ein einsamer Mensch geworden; stolz und

unglücklich zugleich in seiner Einsamkeit. Das Wissen, das er sich durch

fieberhaftes Lesen angeeignet hatte, die stille Würde, die die

Beschäftigung mit ewiger Kunst dem Jünger verleiht, ließen ihn die

Beteiligung an den billigen Späßen der übrigen Angestellten verschmähen;

Adolf Borges war einer der wenigen Menschen, in denen er verwandte

Anlagen zu ahnen glaubte. Von dem aber trennte ihn die tiefe Kluft des

Bildungsunterschiedes. Er mußte sich damit begnügen, dem »scheppe

Adolfche« stets ein freundliches Benehmen zu zeigen und im

unvermeidlichen geschäftlichen Umgang ihm jene kleinen Höflichkeiten des

Herzens zu beweisen, die so wohl tun.

Adolf kümmerte sich nicht um die Spötteleien, die ihn empfingen. Mit

einer wahren Wollust stürzte er sich in seine Arbeit. Noch nie war ihm

das Paketschnüren so köstlich erschienen.

Ihm war zumute wie einem verlaufenen Hund, der wieder heimgefunden hat.

Und als er bei der Arbeit in einem der hohen Wandspiegel zufällig seine

Kratzwunde erblickte, lächelte er vor sich hin: »Guck emal: e Kron haww

ich aach! Mit zwaa Zinke! Der aa Zinke is schonn fast verheilt! Wie

weit's der Mensch doch bringe kann!«

Und als ihn Herr Feldmann zum ersten Male wieder ein Kamel nannte, da

war ihm wie einem aus der Fremde Heimgekehrten, der zum ersten Mal die

Muttersprache wieder hört.

»Alles uff der Welt is Gewohnheit!« sagte er sich. »Unn ich wer' mich

schonn aach am Kättche sei Grobheite geweehne! Ich habb mich ja aach an

des Gekrisch von dene Katze geweehnt! Unn wer waaß: vielleicht is es

beim Kättche gradso wie bei de Katze, unn se kreischt bloß #aus Lieb#

so? -- Gewohnheit is alles, unn ich bin iwwerzeigt: wann der Mensch mit

Zahnweh uff die Welt käm', dhät 'r se gar net spiern, sonnern er käm'

sich krank vor, wann er emal #kaa# Zahnweh hätt'!«

Einige Tage später erlebte Adolf Borges eine neue eheliche Überraschung.

Als er abends aus dem Geschäft heimkam, empfing ihn Katharina mit der

kurzen, aber vielsagenden Frage: »No??«

»Was is, lieb Kättche?« fragte Adolf.

»Wannsde noch emal »Lieb Kättche« sagst, haag ich Derr 'n Kochlöffel uff

die Schnut!« gab Katharina diese Zärtlichkeit zurück. »Des dumm Gebabbel

mecht mich ganz nervös! Nächsdens kimmstde noch mit Glacehandschuh unn

Frack in die Kich! Des misse ja schee iwwerspannte Weiwer gewese sei',

mit dene Du Dich frieher erumgedriwwe hast!«

»Awwer Kättche, ich schwör Derrsch: Du bist des erscht weiblich Wese,

des wo --

»Halt's Maul! Heut is doch Gehaltsdag gewese? Wo is 's Geld?«

»Awwer Kättche, --«

»Gebb's Geld eraus! Maanstde vielleicht, ich kann von der #Luft#

wertschafte? Mach kaa lange Umschdänd, des kann ich net verdrage!«

Adolf sah ein, daß sie nicht von der Luft wirtschaften könne.

Widerspruchslos zog er seine Geldbörse hervor und zählte den Inhalt auf

den Tisch.

»Is des alles?«

»Ja! Mehr haww ich net!«

»For so en schäwige Gehalt dhät ich dene was peife! S' is zum

Haar-Ausroppe! Prinze unn Korferschte hätt' ich heierate könne! -- Da

sin fimf Mark, des muß lange! Merk Derrsch!«

So ähnlich muß es den Kaufleuten im 16. Jahrhundert zu Mute gewesen

sein, wenn Herr Götz von Berlichingen oder ein anderer Raubritter sie

auf der Landstraße ausplünderte.

Aber lange hielt die Bitterkeit bei Adolf Borges nicht an. Er war ja

eine der harmlosen Seelen, die sogar zu einem Raubritter gesagt hätten:

»Von Ihr'm Standpunkt hawwe Se recht! Entschuldige Se nor, daß ich net

mehr bei merr habb! Könnte Se merr vielleicht sage, Herr Raubridder, wie

ich am schnellste widder haamkomm?«

»Des Kättche hat vielleicht ganz recht«, dachte er. »Sparsamkeit is e

Dugend. Vielleicht is des Geld bei ihr besser uffgehowwe wie bei mir. Es

is ja aach als Mann mei Plicht unn Schuldigkeit, daß ich se ernähr.

Dadafor soll ich aach ihr Herr sei'!«

Aber unbehaglich war es doch, nicht mehr frei über seine Einnahmen

verfügen zu können und über jeden Pfennig Rechenschaft ablegen zu

müssen. Fünf Mark, -- das reichte ja kaum, das Fläschchen Bier zum

Frühstück und zur Vesper zu bezahlen. Fünf Mark, damit konnte er doch

unmöglich seine kleinen Ausgaben bestreiten. Wie würde das werden, wenn

er einmal eine neue Mütze brauchte oder einen neuen Hosenträger? Sollte

er dann Katharina um Geld bitten? Um das Geld, das er selbst verdient

hatte?

Er nahm sich vor, nur einen Teil der Trinkgelder, die er hie und da

bekam, an Katharina abzuliefern und den Rest für sich zu behalten. Die

ganzen Beträge seinem kleinen Geheimfond einzuverleiben, hätte ihm sein

Gewissen nie erlaubt. Wie eine Unterschlagung wäre ihm das erschienen.

Und dann hatte er ja auf der Sparkasse noch etwas über viertausend Mark

stehen. Katharina wußte wohl darum, aber es wurde nie davon gesprochen,

so wenig, wie je von einer Mitgift die Rede gewesen war.

Und doch kam im dritten Jahre seiner Schmerzensehe die Rede auf diese

Ersparnisse: der alte Bindegerst war es, der sich plötzlich lebhaft für

das Sparkassenguthaben Adolfs interessierte.

Ihm bekam die Ehe seines Schwiegersohnes ausgezeichnet. Einen besseren

Blitzableiter für die häuslichen Gewitter hatte er sich gar nicht

wünschen können. Mit einer gewissen inneren Befriedigung sah er mit an,

wie sich alle die Donnerwetter und Hagelschläge, denen bisher er selbst

preisgegeben gewesen war, auf Adolfs Haupt entluden, während er im

Trockenen saß. Er machte sich sogar das Vergnügen, heimlich ein bißchen

zu hetzen, indem er einerseits Katharinas Ansprüche aufstachelte,

andrerseits seinem Schwiegersohn soufflierte: »Laß Derr nix gefalle!

Mach en Stormaagriff! Soll ich merr e Trombet' kaafe unn zor Attack

blose? Mensch, du blamierst unser ganz Geschlecht!«

Da Katharina nicht viel Zeit und Lust fand, sich um den Alten zu

kümmern, wurde er geradezu übermütig. Eines Tages heftete er an die

Treppentüre seiner Werkstatt ein Plakat: »Weibern ist der Eintritt

strengstens verboten!«

Und amüsierte sich königlich, als Katharina diesen, auf sie gemünzten

Zettel wütend in tausend Fetzen riß.

Aber wenn er der Knechtschaft seiner Tochter entronnen war, so war er

dafür um so schimpflicher unter eine andere Tyrannei geraten: unter die

Knute seiner stillen Geliebten. Er trank nicht mehr, er soff.

Er feierte an seiner Drechslerbank und oben im Dachstübchen stille

Gelage, trank dem Mann im Monde und den Katzen zu und hielt mit sich

selbst Volksversammlungen ab, in denen er das Thema: »Das Leben ist eine

Gemeinheit!« von allen Seiten beleuchtete.

Überkam ihn der Weltschmerz, so sang er mit den Katzen Duette, die erst

ein Ende nahmen, wenn zwei Fäuste an die Türe donnerten und die

bissigste Katze des Hauses schrie: »Willstde Dei Maul halte, ahl

Volleul! Schämstde Dich net vor der Nachbarschaft?«

Dann versicherte Bindegerst, die Nachbarschaft könne ihn sonst etwas.

Aber er stellte seinen Meistersang ein.

»Ich glaab, Du riechst nach Schnaps?« sagte einmal Adolf seinem

Schwiegervater.

»Hastde gedenkt, ich wer' nach Veilcher rieche?« erwiderte Bindegerst.

»Wann Derr mei Duft net baßt, hättstde halt in e Bodanisierbüchs

heierate solle, statt in unser Familje! Steck Dei Nos net in mein

Privatgeruch, des bitt ich merr aus!«

Und Adolf hatte, wie immer, geschwiegen.

Bindegersts Hände waren jetzt öfters #unter# als #über# der

Drechslerbank. Und die Affenköpfe seiner Spazierstöcke nahmen immer

seltsamere Formen an. Die Glasaugen saßen jetzt mitunter an Stellen, an

denen ein Naturforscher weit eher die Ohren vermutet hätte, und sein

letztes Meisterwerk besaß sogar wie weiland Polyphem nur ein einziges

Auge mitten auf der Stirn.

Für solche Mißgeburten von Spazierstöcken fanden sich begreiflicherweise

wenig Käufer, und dies war der Grund, weshalb sich Bindegerst plötzlich

für Adolfs Sparkassenbuch zu interessieren begann.

Schon beim Abendessen hatte Bindegerst mit Adolf zu fußeln angefangen.

Nicht zärtlich und kosend, sondern mit Offenbächer Derbheit. Er trat ihm

wider das Schienbein, daß sein Schwiegersohn sämtliche Engel im Himmel

und sämtliche Teufel in der Hölle gleichzeitig _fortissimo_ singen hörte.

Und als Katharina einen Augenblick hinausgegangen war, um eine neue

Schüssel Kartoffeln zu holen, flüsterte er geschwind: »Adolf, komm

nachher emal enuff in die Dachstubb, ich habb mit Derr zu redde!«

Währen Katharina das Geschirr abspülte, schlich Adolf hinauf.

»Was is dann, Vadder?«

»Hock dich emal uffs Bett! Da sitzstde weich unn fällst net so leicht

um!«

Es wurde Adolf unbehaglich. Was konnte sein Schwiegervater von ihm

wollen? Bindegerst machte ein so feierliches Gesicht. Sicherlich hatte

er keine erfreuliche Mitteilung in Bereitschaft.

»Wannstde Dich vielleicht erst emal stärke willst?« frug der Alte und

hielt ihm die Schnapsflasche hin.

»Ich sauf kaan Schnaps, Vadder!«

»Weilsde net waaßt, was gut is! Schnaps is gut for die Cholera, secht e

ahl Sprichwort. Ich will net draa schuld sei', wann e neu Epidemie

ausbricht!«

Er hob die Flasche und labte sich. Wischte sich den Mund und zog aus der

rechten Hosentasche ein zerknittertes Papier.

»Hockstde gut? -- Dann les emal!«

Adolf entfaltete den Wisch, strich ihn glatt und las.

Es war eine gerichtliche Vorladung. Gast & Co. gegen Konrad Bindegerst

wegen Forderung.

»E Gemeinheit!« erwiderte Bindegerst Adolfs fragenden Blick. »Des ganz

menschlich Lewe is e Gemeinheit! Wege lumbige dreidausendfimfhunnert

Mark verklagt aan die Lumbegesellschaft! Da gibbts Barone, die hawwe e

Milljon Schulde unn kaa Mensch verklagt se! Awwer der Middelstand, der

muß ja immer draa glaawe! Uff uns solide Berjersleut, da reit' ja der

Staat erum wie e dressierter Aff uff'me Kamel!«

Und er hielt eine lange Entrüstungsrede über die unerhörten Zustände,

die nach seiner Ansicht in Mitteleuropa, und zwar #nur# in Mitteleuropa

herrschten.

»Ja, Vadder, bistde dann des viele Geld #schuldig#?«

»#Nadierlich# bin ich's schuldig! Maanstde, die verklage mich aus Jux?

Merr hawwe doch kaa Fastnacht! Freilich bin ich's ihne schuldig, dere

Saubagasch! For Holzlieferunge!«

»Dann mußtde's aach zahle!« entschied Adolf.

Bindegerst beguckte ihn spöttisch. »Merr könnt glaawe, Du hättst

studiert! Du reddst wie e Amtsrichter! Awwer zahl emal, wannsde kaa Geld

hast! Kann ich hexe? Hokuspokus, da is e Milljard? Kann ich merr

Goldsticker aus der Nos ziehe, odder Dausendmarkschei aus 'me ahle

Zylinner? -- Ich habb 'n Dalles, den könnt merr for Geld gucke lasse!

Pleite bin ich! Unn da verklagt mich die Saubande uff so en Haufe Geld!

Kaum zwaa Jahr bin ich'r des bissi Geld schuldig, kaum siwwe Mal hawwe

se mich gemahnt, unn gleich wern se so ricksichtslos!«

Adolf dachte nach. Das war ja eine schöne Überraschung. Er hatte seinen

Schwiegervater nie reich geschätzt, er hatte nie auf eine Erbschaft

spekuliert, aber er hatte es als Selbstverständlichkeit betrachtet, daß

die Drechslerei gut ging und ihren Mann ernährte. Nie hatte er

wahrgenommen, daß seinen Schwiegervater Schulden bedrückten, -- und nun

plötzlich diese Eröffnung.

»Ja, wie is dann des nor meeglich?« stotterte er.

»Bei Gott is kaa Ding unmeeglich!« gab Bindegerst mit Würde zurück.

»Schuldemache is e ganz aafach Sach: du braachst bloß nix zu bezähle!

Des annner kimmt dann ganz von selwer!«

Es entstand eine Pause.

Der Alte beobachtete seinen Schwiegersohn mit verschmitzten, lauernden

Augen. »Wart nor,« dachte er, »wart nor, ich krieh Dich schonn draa!«

»Waaß es des Kättche?« frug Adolf nach einer Weile.

»Kaan Dunst! Dhät se sonst so ruhig des Gescherr spüle? En Schlagaafall

dhät se kriehe, -- des haaßt: #sie# krieht de Aafall, unn #mir# kriehe

die Schläg! Nix waaß se, unn se #derf# aach nix wisse!«

»Naa, se derf nix wisse!« echote Adolf. Er hatte es sich zur Pflicht

gemacht, alle Unannehmlichkeiten, alle Aufregungen von Käthchen

fernzuhalten.

Bindegerst schmunzelte. Das Gespräch nahm ganz die Wendung, die er ihm

zu geben beabsichtigt hatte.

Oh, er war ein Schlaufuchs, und Adolf ein gutmütiger Narr!

Er nahm ein bekümmertes Gesicht an und klagte: »Awwer se werd's halt

#doch# erfahrn! Wann erscht der Gerichtsvollzieher kimmt unn fängt aa,

unser Möwel als Briefmarke-Album zu benitze, dann merkt se's!«

Er seufzte und beobachtete listig die Wirkung seiner Worte.

»Wann se nor net krank werd von dem Schrecke!« fügte er hinzu.

»Se #derf# nix erfahrn!« sagte Adolf geknickt. »Unner kaane Umständ derf

se ebbes erfahrn!«

»Ja, des sag ich ja aach! Awwer wie soll ich's verhinnern, Herr

Rechtsgelehrter? -- Guck, Adolf, ich steh ja gar net so schlecht, -- mei

Geschäft is unner Brieder immer noch en Batze wert, -- no, unn mei Häusi

hat aach noch sein Wert, wann merr die Hipotheke abzieht, -- ich bräucht

halt nor en Mensch, der merr uff die Sicherheit hie so momendan

vierdausend Mark bumbe dhät!«

Er machte wieder eine Effektpause.

Ganz dicht stand er nun vor seinem Schwiegersohn und sah ihm scharf in

die Augen, während er sagte: »Dhätst #Du# merr kaan wisse, der wo merr

so vierdausend Emmcher leihe könnt?«

Adolf erhob sich vom Bett und begann im Zimmer auf und ab zu wandeln.

Viertausend Mark, dachte er. So viel hatte er gerade auf der

Sparkasse... Und schließlich war es doch sein Schwiegervater... Den

konnte er doch nicht in der Patsche sitzen lassen... Und das Entsetzen,

das er Katharina ersparte... Wenn der Gerichtsvollzieher ins Haus

käme!... Und eine Sicherheit bot ja das Geschäft schließlich auch...

Er dachte in diesem Augenblick nicht daran, wie mühsam er seine

Ersparnisse gemacht hatte, wieviel Jahre seines armen Lebens er dafür

gefrohnt hatte, wie er sich jedes Vergnügen versagt hatte, um nur

pünktlich den programmäßigen kleinen Betrag am Sparkassenschalter

abliefern zu können.

Er dachte nicht daran, daß er auch jetzt noch sich nicht die kleinste

Extraausgabe leistete, während Bindegerst in schnapsfröhlichem

Faulenzertum dahindöste.

Er sah nur, daß er hier helfen konnte, und je mehr er darüber

nachdachte, desto klarer erschien es ihm eine ganz einfache Pflicht, dem

Alten seine Ersparnisse anzubieten.

Bindegerst ließ ihm Zeit. Er sagte sich, daß er jetzt die Gedankengänge

Adolfs nicht stören durfte.

»Da laaft er hie unn her,« kicherte er in sich hinein, »unn bildt sich

ei', er dhät sich de Fall iwwerlege! Dabei laaft er nor in dem Käfig

erum, den ich 'm mit meim Gebabbel gebaut habb! Unn was'r sich in seim

dumme Kopp zusammereimt, des is all grad so, als ob #ich#'s em in die

Fedder diktiert hätt! Adolf, was bistde e Olwel!«

Ach ja, Adolf #war# ein Olwel. Denn alle guten Menschen sind Olwel. Ein

gutes Herz ist eine klare, reine Quelle, -- aber aus einer Quelle

trinken nicht nur die fröhlichen Wanderer, nicht nur die lieben

Singvöglein, sondern auch die raublüsternen Marder sättigen sich darin,

und jedes vorbeitrampelnde Schwein steckt seinen Rüssel hinein. Es ist

nicht wahr, daß man durch Schaden klug wird. Durch Schaden wird man

höchstens #schlecht#. Und es gibt so gutmütige »Olwels«, daß sie durch

Schaden immer dummer statt klüger werden, weil sie nie auf Dank

gerechnet haben, sondern in dem Bewußtsein, etwas Gutes zu tun, eine

Belohnung empfinden, die kein Schaden mindern kann.

Und so ein Olwel war auch Adolf Borges.

»Ich waaß aan', der wo Derr des Geld bumbe kann!« sagte er und freute

sich seines Entschlusses. »Adolf Borges haaßt er, unn morje gehn merr

zusamme uff die Sparkaß!«

»Awwer naa!« sagte Bindegerst. »Des kann ich doch net verlange! Des kann

ich gar net aanemme!«

»Warum dann net?« sagte Adolf und war beinahe beleidigt. »Es bleibt doch

in der Familje! Erbt halt emal der Vadder vom Sohn, statt umgekehrt!«

»Awwer des mußtde merr wenigstens zugewwe: ich habb Dich net drum

#gebete#«, sagte Bindegerst.

»#Nadierlich# hastde mich net drum gebete!« lächelte Adolf herzlich.

»Ich dhu's aus merr selwer! Unn ich dhu's gern!«

Und der alte Bindegerst dachte: »Der is noch viel dümmer, wie ich

geglaabt habb! Schad, daß er net #achtdausend# hat!«

Er streckte ihm die Hand hin: »Adolf, des vergeß ich Derr net! Adolf,

wannsde emal en Mensch braachst, der for Dich dorchs Feuer geht, dann

braachstde merr nor zu telefoniere!«

Und Adolf war ganz gerührt.

»Jedz muß ich awwer widder erunner bei's Kättche!«

»Unn gell, Dei Fraa braacht nix davoo zu wisse!«

»Naa, se erfeehrt nix! -- Wann se mich awwer freegt, was merr so lang da

owwe gebabbelt hawwe?«

»Dann sagstde eifach ... dann sagstde halt ... ach was, es werd Derr

schonn e Ausredd eifalle! Du bist ja verheierat'!«

Adolf bedurfte keiner Ausrede. Als er herunterkam, lag Katharina schon

schlafend im Bett. Sie sah in ihrer knochigen Dürre, mit dem

unfrisierten Haar, mit dem schnarchend halbgeöffneten Mund und den

gelbbraunen Zähnen abstoßend häßlich aus. Aber Adolf betrachtete sie mit

gerührter Zärtlichkeit.

»Wie e Engelche leiht se da!« murmelte er. »So friedlich! Vielleicht

fliegt se jedz grad im Draum im Himmel erum odder se bäckt for die

Heilige Quetschekuche! Se is doch e gudes Weib. Heut hat se mich nor

zwaamal en Saukerl genennt. Se bessert sich schonn. Langsam, awwer

sicher.«

Und er zog sich behutsam aus, um sie nicht zu wecken, und schlief in dem

Bewußtsein einer guten Tat zufrieden ein.

Das Engelchen Katharina aber entwickelte sich immer offenkundiger zum

Fafner. Sie hätte auf jedem Drachenwettbewerb den ersten Preis

ergattert.

Ich mag es meiner Schreibmaschine gar nicht zumuten, all die Schikanen,

die Katharina ersann, aufzuzeichnen. Es genügt zu sagen: gegen sie war

Edison als Erfinder ein Waisenknabe.

An einem Samstag Mittag wandte sich Heinrich Baldrian, der Buchhalter,

an Adolf mit der Frage: »Adolf, wollen Se morgen ins Theater?«

»Wieso, Herr Baldrian?«

»Weil ich zwei Billette hab. Aber es is mir was dazwischen gekommen.

Vielleicht gehn Sie mit Ihrer Frau hin?«

»Ei, mit Vergniege! Ich dank Ihne aach schee, Herr Baldrian!«

»Bitte, bitte!«

-- Auf dem Nachhauseweg malte sich Adolf aus, wie Käthchen sich freuen

werde.

»Vielleicht geht se mit'm Vadder 'rei?« dachte er. »Ich dhät's zwar gern

selwer gucke, awwer dem ahle Bindegerst mecht's sicher noch viel mehr

Spaß wie mir! -- Dheader, -- Gott, wie lang bin ich in kaam Dheader mehr

gewese! Ich kann doch'm Kättche werklich gar nix biete! Annern Madamme,

die hocke jed' Woch e baar Mal im Dheader unn kenne die Sänger unn

Schauspieler schonn von weitem an der Nos. Ja, 's is doch was Scheenes

um die Bildung! -- Ich freu mich uff'm Kättche sei Gesicht!«

Aber diese Freude war verfrüht.

»Ich geh in kaa Dheader!« fauchte Katharina. »Ich habb dahaam Dheader

genuch! Mich indressiert der Stuß net!«

So benutzten denn Adolf und Bindegerst die Karten.

Bindegerst machte sich hochfein. Er schien sich den König David zum

Vorbild genommen zu haben, von dem zweimal geschrieben steht »und sie

salbten ihm das Haupt«, er ließ sich von Herrn Hippenstiel eine geradezu

feudale Frisur zurechtkleben, zog den schwarzen Gehrock an und tanzte

reichlich eine halbe Stunde vor dem Spiegel, ehe er mit sich zufrieden

war.

»Der Widerspenstigen Zähmung« wurde gegeben.

»Des muß in Amerika spiele,« sagte Bindegerst beim Lesen des

Theaterzettels. »Nor in Amerika hawwe die Leut so verrickte Name'!

Vincentio, Lucentio, Petruchio, -- so haaßt in ganz Offebach kaa

Mensch!«

Plötzlich fing er an zu lachen. »Da, les emal: Katharina, die

Widerspenstige, Baptistas Tochter. Gut, daß merr's Kättche dahaam

gelasse hawwe! Die hätt sich am End' noch bedroffe gefiehlt! -- Du, ich

bin neugierig, ob die mit #unserm# Kättche konkurriern kann?«

Auch Adolf mußte lächeln.

»Adolf, des is sicher e lehrreich Stick! Adolf, da haaßt's die Ohrn

spitze! Des hat sicher e #Verheierater# geschriwwe!«

Sie hatten zwei gute Plätze im ersten Rang, inmitten vornehmer Leute.

Bindegerst fühlte sich infolgedessen als Aristokrat, dem kleinen Adolf

aber war in dieser noblen Umgebung nicht sonderlich wohl. Er hätte

lieber auf der Galerie gesessen, unter seinesgleichen.

»Ich komm merr vor, wie e Köchin, die ihrer Gnädige ihr Schleppekleid

aagezoge hat. Da schwebt se drin erum unn dänzelt wie e Wackelpudding,

awwer wann se de Schnawwel uffmecht, schmeckt's wie Kardoffelschale.«

Doch bald ließ ihn das Stück das Publikum vergessen.

Das Käthchen auf der Bühne war ein schlimmes Frauenzimmer, das sah er

gleich. Aber ihr Vater war wenigstens so ehrlich, es den Freiern im

voraus zu sagen. Der pries seine böse Tochter nicht als

Quetschenkuchenvirtuosin an, wie Bindegerst. Er warnte Heiratslustige.

Und dennoch hielt Petruchio um ihre Hand an.

Herrgott, gibt's mutige Menschen!

Eines freute Adolf: es wuchsen also auch in den vornehmen, reichen

Kreisen weibliche Teufel! Nicht nur unter den Proletariern. Das

Schicksal ist doch nicht so ungerecht, wie man ihm nachsagt. Die höhere

Töchterbildung tut's also doch nicht!

Er schmunzelte.

Bindegerst stieß ihn wiederholt mit dem Ellbogen an. Jedes Mal, wenn die

Bühnen-Katharina eine bösartige Antwort gab, oder von ihrer Störrigkeit

die Rede war, versetzte er dem Schwiegersohn einen Rippenstoß und

flüsterte: »Wie dahaam!«

Am lieblichsten zeigte sich Katharina im zweiten Akt. Gleich in der

ersten Szene prügelte sie, ohne Ursache, ihre sanfte Schwester Bianka.

»Wie dahaam!« zischelte Bindegerst und schlug sich vor Freude aufs Knie.

Drei Minuten später haute sie dem Musiklehrer die Laute am Kopf entzwei.

»Die is großartig!« jauchzte Bindegerst. »Ganz wie

dahaam! So e Kanallje!«

»Psssst!« machten die Umsitzenden.

Adolf kümmerte sich wenig um Katharinas Böswilligkeiten, ihn

interessierte weit mehr Petruchios Stellungnahme. Mit beifälligem

Kopfnicken vernahm er dessen Rezept:

»Schmält sie, so sag' ich ihr ins Angesicht,

Sie singe lieblich, gleich der Nachtigall.

Blickt sie mit Wut, sag' ich, sie schaut so klar

Wie Morgenrosen, frisch vom Tau gewaschen.«

Ja, das war auch seine Ansicht: nur mit Güte ist etwas zu erreichen. So

wollte auch er es halten.

Aber -- o weh! -- schon beim nächsten Zusammentreffen erntete Petruchio

eine Backpfeife, die aus dem Vorrat des #Offenbacher# Käthchens hätte

stammen können.

»Ganz wie dahaam!« jubelte der Drechslermeister. »In des Stick muß 's

Kättche erei! Unn wann's hunnert Dhaler kost'!«

Trotz der Ohrfeige erklärte Petruchio die Widerspenstige für seine

Verlobte.

Im dritten Akt aber begann er die Pferdekur.

Bindegerst geriet außer sich vor Entzücken, als Petruchio absichtlich zu

spät und zerlumpt zur Trauung erschien, in der Kirche wie ein Roßknecht

fluchte, dem Priester auf die Frage, ob er Katharina heiraten wollte,

mit einem gebrüllten »Zum Donnerwetter, ja!« antwortete, dem Küster den

Weinbecher ins Gesicht warf, seine Braut in der Kirche laut abschmatzte,

kurz die Widerspenstige auf jede erdenkliche Weise demütigte.

»So mußtde's mache!« rief der Drechslermeister. »Des is mei Mann! Der

krieht se klaa! Baß uff, er krieht se klaa, des Oos!«

Die Logenbesucher begannen, sich über den Begeisterten zu belustigen.

Aber Bindegerst ließ sich nicht stören.

»Des mißt' merr bei jedder Hochzeit gewwe, des Stick!« schwärmte er in

der Pause. »Des is mehr wert wie die scheenst Preddigt! Des is aus'm

Lewe gegriffe! Wannn's aach in Amerika spielt!«

Er zog im Foyer die Schnapsflasche aus dem Gehrock und labte sich.

»Nemm Derr e Beispiel«, hetzte er. »Adolf, mach's wie der Amerikaner!

Ich garandier Derr for de Erfolg! Ich habb Derrsch schonn emal gesacht:

haag se, daß die Lappe fliehe!«

Und als im vierten Akte Petruchio sein Käthchen durch Hunger und

Grobheit vollends zähmte, als sie in ihm ihren Meister erkannte, sich

aufs Bitten verlegte und zuletzt so mäuschenklein ward, daß sie auf

Petruchios Befehl die Sonne für den Mond, einen Mann für ein Weib

erklärte, da kannte Bindegersts Wonne keine Grenzen mehr.

»Adolf, wannsde kaa Hansworscht bist, mechstde's gradso! Adolf, ich guck

Dich net mehr aa, wannsde's net gradso mechst!«

Adolf war durch das Theaterstück nachdenklich gestimmt worden.

Hatte Petruchio Recht? Mußte der Dichter mit dem seltsamen Namen die

Frauen nicht besser kennen als er?

Sollte er dem Rat Bindegersts, der unablässig auf dem Heimweg in ihn

hineinredete, folgen?

Ja, er wollte es versuchen.

Auch wenn es bitter weh tat.

Er beschloß, Petruchios Vorbild nachzuahmen.

An einer Straßenecke verabschiedete sich sein Schwiegervater.

»Ich geh noch e Schöppche drinke! Unn morje frieh geht die Dressur los!

Adolf, sei e Mann!«

Er verschwand in einer Seitengasse, die sich nicht des besten Rufes

erfreute.

... Adolf Borges schloß in dieser Nacht kein Auge.

Grob sein sollte er, wie ein Wüterich auftreten, -- wie schwer das sein

mußte!

Schreien sollte er, -- er, der Sanftmütige.

Und gar schlagen.

Ach Gott! Ach Gott!

Am liebsten wäre er mitten in der Nacht zu dem Schauspieler gelaufen und

hätte sich Unterricht geben lassen.

Wie würde Käthchen erschrecken! Von dieser Seite kannte sie ihn doch gar

nicht!

Weinen würde sie, gerade wie die Widerspenstige in dem Theaterstück, --

und er konnte doch Niemanden weinen sehen!

Oh, welch furchtbare Aufgabe!

Aber es mußte sein. Er konnte sich doch nicht vor Bindegerst lächerlich

machen und seinen Vorsatz wieder aufgeben? Und vielleicht half die

bittere Medizin tatsächlich?

Am nächsten Morgen erschien Bindegerst ungewohnt pünktlich zum Kaffee.

Während Katharina das braune Getränk aus der Küche holte, zwinkerte er

dem Schwiegersohn vielsagend zu.

»Sei stark!« bedeutete dieser Blick. »Adolf, jetzt gilt's!«

Und Adolf bemühte sich, stark zu sein.

Kaum hatte er einen Schluck getrunken, so setzte er die Tasse energisch

ab und behauptete: »Des soll Kaffee sei'? E Gesöff is des!«

Der Widerspenstigen Zähmung · 第 9 / 15 题