Viele kleine Kinder litten doch an Krämpfen und überstanden es. --

Es lohnte sich nicht, in diesen Wochen viel zu arbeiten, da doch

fortwährend Besuch kam und außerdem mehrere Eisen im Feuer lagen,

Projekte, die sich auf die Unterstützung des Pflanzenwerkes durch den

Wiener Hof, auf eine Anstellung in Preußen, auf eine Reise mit Brand

nach dem Süden bezogen. Und es kamen wirklich unaufhörlich Menschen ins

Haus, Offiziere, Ärzte, Feldprediger der durchziehenden Truppenteile,

die an der Grenze Aufstellung nehmen sollten, -- alte Bekannte aus den

Casseler Jahren, mit denen man einst den ^lapis philosophorum^ gesucht

hatte und die Sömmerring ungern wiedersah, -- Reisefreunde aus Berlin,

aus Dresden, aus Wien, aus Warschau, alles Leute von Welt und von

geschmeidiger politischer Einstellungsfähigkeit, keine bramarbasierenden

Preußen, Eisenfresser und Despotenbüttel. Es gab ein ungeheuer lustiges

Politisieren um den Teetisch herum.

Hatte nun nicht die große Katharina mit ihren Deklamationen gegen Paris

Preußen und Österreich endlich auf die Beine gebracht und so weit fort

auf die Hasenjagd geschickt, daß sie selbst jetzt in Polen ungestörtes

Spiel hatte? Und was sickerte alles von Preußens und Österreichs

Absichten über die Teilung der Beute durch, noch ehe der Braten erlegt

war? -- Es war besser, nicht zu dem kleinen Jungen hineinzugehen, wenn

er einmal eingeschlafen war, hatte Therese gesagt. Es störte den kleinen

Jungen, -- ja, Therese hatte natürlich Recht! --

Ein Glas Wein auf den Abend war gut; zwei Gläser machten sogar heiter.

Hörte man auf, die Gläser zu zählen, so stellte sich ein Zustand von

Zufriedenheit ein, der auf der Fähigkeit leicht, elegant und interessant

zu demonstrieren basierte, einer ungewohnten Fähigkeit, die glücklich

machte. Er tat es den anderen gleich, war feurig in der Verteidigung der

Neufranken wie Therese, begründete sein Urteil mühelos mit Belegen aus

der Historie, wie Huber, fand kleine Scherzworte, nicht wahr, war ein

wenig schalkhaft wie Karoline, -- spielte mit, kurzum, spielte mit und

stand nicht daneben.

Der kleine Junge begann ja auch zu gedeihen. Er hatte ihn heute heimlich

aus der Wiege genommen und ihn herumgetragen, als er schrie. Er war in

seinem Arm still geworden, er war so warm und süß. Hatte er einmal etwas

besessen, was ähnlich gewesen war, ähnlich hilflos, zart, ganz auf ihn

angewiesen? Einen kleinen Vogel vielleicht? Sein kleiner Junge war sein

Freund, er hatte ihn angelächelt mit diesem bebenden zahnlosen kleinen

Munde. Wem glich sein kleiner Sohn doch, wenn er lächelte, -- wem glich

er doch? --

Archenholz kam auf der Durchreise und brachte mit seinen Berichten aus

Paris Hoffnungen auf einen gemäßigten und glücklichen Verlauf der

inneren Entwirrung, die jedoch bald von den Berichten neuer Greuel

vereitelt wurden. Die Teuerung in dem von Emigranten und Truppen

übervölkerten Rheingau wuchs von Tag zu Tag und mit ihr allgemeine rat-

und ziellose Erbitterung. Nebenher wurden die Zurüstungen zu dem großen

^concert des puissances^, das nach der Krönung des neuen Kaisers zu

Frankfurt in Mainz stattfinden sollte, heiter und großartig betrieben,

als gälte es schon ein Siegesfest. George fuhr in den Krönungstagen mit

Huber und Brand nach Frankfurt hinüber, sah den jungen Franz, wie er so

gutartig und unschuldig aussehend, die Hauskrone auf dem Haupt zu Pferde

in die Kirche zog, und ließ sich von diesem Anblick bis zu Tränen

rühren, was er seinem Herzen unbeschadet seiner despotenfeindlichen

Grundsätze gönnen zu dürfen glaubte. Dem Schauspiel der fürstentrunkenen

Mainzer, der Ehrenpforten, Illuminationen, Feuerwerke, der

spalierbildenden Rotröcke, -- dem Lärm der Janitscharenmusiken und

feierlichen Hochämter indessen ging er aus dem Wege, indem er die guten

Freunde Reichardts aus Gotha nach ihrem Reiseziel Koblenz

weiterbegleitete, nachdem sie einige Tage unter seinem Dach geweilt

hatten. --

Er machte es sich klar, daß er von einer fürchterlichen Müdigkeit

befallen war, als er bei der Heimkehr vom Anlegeplatz des Schiffes vor

dem Raimonditor durch die Stadt nachhause ging, -- daß die Julihitze ihn

krank gemacht habe, daß diese entsetzliche Schwermut folglich nicht böse

Ahnung, sondern körperlich und im übrigen gegenstandslos sei. Die

Straßen waren wie ausgestorben. In Eltville fand ein Volksfest statt,

bekränzte Schaluppen mit türkischer Musik waren ihm den Rhein hinunter

entgegengekommen. Die große Welt mochte in den Gärten der Favorite

feiern. Die fremden Truppen lagerten im Glacis. Wie er so schlaffen

Schrittes dahinschritt, den Hut in der Hand, den Kopf gesenkt und nichts

empfindend, als eine peinliche Unlust, nachhause zu kommen, eine Unlust,

die ihn trotz aller Ermüdung nicht den nächsten Weg suchen ließ, sondern

ihn immer wieder durch fremde Straßen und Gäßchen trieb, stieß er am

Karmeliterplatz fast mit einem Leichenzug zusammen, der zum St.

Christophs-Friedhof wollte, -- mit ein paar preußischen Grenadieren, die

einen kleinen weißen Kindersarg trugen, der mit Rosenketten bekränzt,

das traurig-prunkvolle Gefolge eines Priesters mit seinen Knaben und

einiger preußischer Offiziere in großer Uniform hatte. George erkannte

einen jungen Hauptmann von Eltz, einen geborenen Mainzer in preußischen

Diensten, der, wie er wußte, auf dem Weg ins Feld seine Frau und deren

Schwester, Töchter eines Generals von Tracht, mit seinem kleinen Sohn

für die Dauer der Campagne zu seiner hier lebenden Mutter gebracht

hatte. Betroffen verweilend und alles an sich vorüberlassend, stand er

noch immer von der Ahnung eines Schicksals durchschauert da, als der Zug

und die kleine Schar von Frauen und Kindern, die ihm nachlief, längst

verschwunden war, -- raffte sich dann plötzlich zusammen, blickte

verstört um sich und preßte die Hand auf die Brust. Dies, sagte er sich,

nun hastig in der Richtung auf die Große Bleiche hinstrebend und diese

Straße hinauf und nachhause zu schreitend, dies war Wirklichkeit, kein

Spuk und keine Vision. Es hatte keine Ähnlichkeit mit irgend etwas schon

Erlebtem, denn, -- so tröstete er sich sinnlos: als wir das Louischen

begruben, war es an einem nebeligen Novembermorgen und Huber und ich

außerdem nicht in preußischer Uniform. Dies also war nicht die

Spiegelung eines mir bevorstehenden Ereignisses. Hier gurren Tauben auf

dem Dach, diese Kinder spielen so vergnügt, die Frau dort hängt so

friedlich Wäsche auf. Die Leute könnten doch nicht alle so ruhig sein,

wenn ... Ich bin außer aller Contenance, fühlte er, und wischte sich den

Schweiß von der Stirne. Einem Leichenzug zu begegnen, bedeutet außerdem

doch immer Glück. Nun bog er in die Tiermarktstraße ein, rannte fast die

letzten Schritte bis zu den Universitätshäusern, ging dann wieder

langsamer, drückte zögernd, zögernd die Haustür auf. Wie kühl war doch

die Luft im Flur! Ach, natürlich, -- welche Einbildungen! Er atmete

erleichtert auf, wovor hatte er sich eigentlich gefürchtet. Er erinnerte

sich, daß Therese und die Kinder nun in der Nachmittagshitze ruhten, daß

die Mägde in der Küche beschäftigt waren, daß es deshalb so still, so

seltsam still im Hause sei. Auch schrie kein kleines Stimmchen, wie er

doch, -- er war sich dessen sicher, -- erwartet hatte. Um so besser,

dachte er. Wir werden einen belebten Abendzirkel haben, machte er sich

klar, indem er die Treppe hinaufstieg, und besann sich, daß auch der

Besuch Herrn von Goethes aus Weimar, der seinen Herzog ins Feld

begleitete, in Aussicht stand. Das Gespräch darf nicht auf den

»Groß-Kophta« kommen, entschied er und drückte nun mit einem Gefühl der

Kälte in Wangen und Lippen, mit einem Krampf in der Brust die Klinke der

Wohnstubentür hinunter.

Er sah: da stand der offene kleine Sarg. Da lag sein kleiner Junge tot.

Und da saß Therese vorgebeugt, den Ellbogen auf den Knien, den Kopf auf

die Hand gestützt mit einem auf ihrem Antlitz erstarrten Ausdruck irrer

Fassungslosigkeit über diesen Sarg ins Leere starrend, und da saß Huber

neben ihr, den Arm schlaff um sie gelegt, zusammengesunken, zerschlagen,

furchtsam vor sich niederblickend, Tränenspuren auf den Wangen, -- da

saßen zwei Zusammengefesselte, zwei Miteinanderverurteilte ...

Therese hatte sich erhoben. Huber stand auf. Sie schienen beide noch

nicht ganz erfaßt zu haben, daß er da war, obgleich sie ihn anblickten.

Plötzlich unter diesen Augen, die zwischen ihm und Therese hin- und

herglitten in stummer entsetzlicher Frage, legte Huber die Hand über

sein Gesicht, machte eine taumelnde Bewegung auf George zu und ging

wankenden Schrittes zur Tür.

* * * * *

O nein, o nein, den Abgrund nicht! Den Abgrund zwischen ihnen beiden

nicht! War er noch zu füllen mit dem Schutt des Alltags? Reichten die

Brücken der großen Ereignisse noch von einem Rand zum anderen?

Wohnten sie denn nicht beieinander, hatten die Mahlzeiten, die Zimmer,

die Kinder, die Freunde gemeinsam, gemeinsam die lauten festlichen

Abende und die Nächte, Bett an Bett mit dem stundenlangen Belauschen des

anderen im Finstern? Oder lauschte Therese nicht so auf ihn, wie er auf

ihre Atemzüge, die ihm verrieten, daß auch sie nicht schlief, daß sie

... Oh, wartete sie etwa darauf, daß er -- nun endlich einschliefe? Aber

ihre Hand war sanft gegen ihn gewesen, er hatte alle Pflege gehabt,

deren sein kranker Leib bedurfte, er hatte das Lächeln ihrer Augen über

sich gesehen und nichts war ihm verwehrt worden. Nicht wahr, jene

Stunde, jene furchtbare, am Sarg des kleinen Jungen, sie hatte im

höllischen falschen Lichte seiner Ermüdung und Überreizung gestanden,

und sie war doch vorübergegangen, wesenlos geworden wie das furchtbare

Wort, das er gesprochen hatte, -- oder hatte er es nicht gesprochen? Das

er hinter Huber drein gesprochen zu haben meinte, der die Türe so

entsetzlich sanft geschlossen hatte: »Ihr werdet wohl nicht ruhen, bis

auch ich ...« Oh, nein, nicht in seinem Herzen wohnten Worte mit solchen

Widerhaken! Sein Herz war sanft, geduldig, wollte tragen. Es tat sich

auf, sobald die Sonne wieder schien, und da war die geliebte Frau und da

war der Freund und sie beide so voll Milde und Kraft, bereit, ihn, den

Schwachen, zu stützen, ihm alles zu verzeihen ...

Er war gefaßt. Er arbeitete wieder. Und was arbeitete er? Er faßte die

Erinnerungen des glorreichen Jahres 1790 in Kalenderform zusammen,

machte aus jenen unvergeßlichen ^évènements^ und den Silhouetten der

großen Männer ein allerliebstes Büchlein im Publikumsgeschmack, das mit

vorzüglichen Kupfern geziert zur Michaelismesse bei Voß herauskommen

sollte. Im übrigen fügte er Bild an Bild zum dritten Bändchen der

»Ansichten«, ließ sich von Karolines klugem Zureden bewegen, etwas

gefälliger und weniger pathetisch zu schreiben, saß mit dieser guten

Freundin und Zuhörerin über neuen Übersetzungsplänen und nahm sich

täglich in den Morgenstunden sein Röschen mit ihrem Augustchen zusammen

vor, um diesem kleinen Gesindel ein paar Anfangsgründe der

Wissenschaften beizubringen. Sie waren keine Knaben, -- allerdings ...

Es war ihm, als müßte er ganz leise und behutsam weitergehen. Als könnte

ein hastiger Schritt, eine heischende Gebärde, -- als könnte schon ein

ungeduldiger Gedanke die Schneeflocke lösen und mit ihr die Lawine, die

alles begraben würde.

Lächeln also. Waren Therese und Huber nicht Kinder, liebenswürdige

Kinder? War es nicht gut, mit ihnen zu leben, zu fühlen, daß sie ihn

trugen und dennoch seiner nicht entraten konnten, seiner Arbeit

bedurften, seiner Erfahrung, seines Rates? Lächeln, oh, und nicht

mißtrauen, wenn sie auf den Spaziergängen zurückblieben, wenn sie dann

Hand in Hand wie die Träumenden herankamen, -- wenn sie in der

Abendstunde still zusammen am Fenster saßen. War es nicht Unschuld, wenn

sich ihre Hände nicht lösten? Wenn Huber den Blick nicht von Theresens

über die Arbeit gesenkten Scheitel ließ, auch jetzt nicht, da George

hinzugetreten war? -- Lächeln also! Lächeln auch über den Klatsch, den

der um des Freundes Ehre so redlich besorgte Sömmerring nicht unterließ,

ihm zu hinterbringen.

»Ach, guter Sömmerring, -- wir wollen lieber anderer Dinge gedenken! Die

Moral des Mainzer Professorenklüngels in Ehren. Aber ich denke, für uns

ist anderes maßgeblich ...«

Lächeln also! Lächeln auch über jenes Gedicht im letzten Göttinger

Almanach, der ihm im Oktober in der Universitätsbuchhandlung in die Hand

kam, in dem er blätterte, verwundert, ihn nicht wie jedes Jahr gleich

bei seinem Erscheinen von Dietrich zugesandt bekommen zu haben. Er

stutzte beim Titel eines der Beiträge, der »^Huberulus Murzuphlos^ oder

der poetische Kuß« überschrieben war, las weiter, las ein kleines,

infames Machwerk voller Anzüglichkeiten, las den Verfassernamen Bajazzo

Romano, meinte sich zu erinnern, daß Meyer gelegentlich unter diesem

Pseudonym veröffentlichte, legte das Bändchen beiseite -- und lächelte.

Hatte man ihm zu Hause das Buch unterschlagen, um ihn zu schonen? Er

sprach mit Karoline darüber, die er gleich darauf in ihrer Wohnung in

der Welschen Nonnengasse aufsuchte, um ihr einige Journale zu bringen.

Die gute Freundin errötete heftig, -- o ja, sie sei mit Therese

übereingekommen, den Almanach vor ihm nicht zu erwähnen, da er diesmal

durch und durch faul und wurmstichig sei, von pöbelhaften, kleinen

Gemeinheiten wimmele, zu denen auch Bürgers Epigramme zählten. Der

»^Huberulus Murzuphlos^« übrigens, sprach sie nach einer Pause mit

verzweifelter Tapferkeit weiter, so wie man eine Wunde berührt, um sie

zu heilen, dieser elende Angriff auf den guten Huber sei nun Gott sei

Dank durchaus nicht von Meyer, wie sie zuerst mit Entrüstung hätte

annehmen müssen, -- oh, dazu sei Meyer nicht fähig, sagte George sehr

ruhig und -- lächelte; er selbst wäre nie auf diese Annahme verfallen,

sprach er, bückte sich und rückte an der Schnalle seines Schuhs, --

sondern von Bouterweck, der sich für Hubers herbe Kritik seines

»Donamar« in der Jenaischen Literaturzeitung in dieser feinen Weise

rächte. Indem sie ihn ängstlich anblickte und -- er fühlte es, -- gern

nach seiner Hand gegriffen und sie gestreichelt hätte, sagte sie ganz

zaghaft und leise: »Lieber Forster, nicht wahr, es ist nun alles gut?«

Und als er ihr darauf mit einem kraftlosen Heben und Senken der leeren

Hände sein Antlitz zuwandte, bemerkte er Tränen in ihren Augen,

murmelte: »Liebe Karoline ...«, und wußte es nicht, daß es seine Gebärde

war und dieses arme Lächeln seines müden, gealterten Gesichtes, die jene

Tränen stürzen ließen. --

Was bedeuteten übrigens auch solche, im Bereich der ^Belles lettres^

hin- und hersausenden Giftpfeile in diesen Tagen, da Mainz mehr denn je

einem aufgestörten Ameisenhaufen glich, nachdem jener General Custine,

der, in Landau stehend, seine Soldaten aus purer Langeweile einmal ein

wenig ins Rheingau spazierengeführt und so spazierengehenderweise Worms

und Speyer eingesteckt hatte, sich mit dem berühmten Appetit, der im

Essen wächst, Mainz zu nähern begann und gewillt schien, des heiligen

römischen Reiches Schlüssel seiner siegreichen Republik zu Füßen zu

legen? Es mochte seinen besonderen Reiz haben, die Zurückwerfung der

deutschen Armeen, die seit dem für die Koalitionstruppen so unseligen

Tage von Valmy eine vollkommene war, mit der Eroberung der Stadt zu

krönen, von der das renommistische Manifest des Braunschweigers

ausgegangen war. Wer sich für den Geist jenes Manifestes irgendwie auch

nur im entferntesten mitverantwortlich fühlte, dem schien das

Heranziehen des Bürgergenerals jedenfalls außerordentlich peinlich zu

sein und während wenige Meilen nördlich das Zurückwandern der

geschlagenen deutschen Truppen über den Rhein begann, setzte über die

Schiffsbrücke von Mainz eine sonderbare Piroutchade sich in Bewegung und

auf einer unabsehbaren Kette von Wagen aller Art schaffte ein hoher Adel

sich selbst und sein bewegliches Eigentum so eilfertig aus der Stadt,

daß schon vor dem 10. Oktober die Mainzer Bürgerschaft ganz unter sich

war. Denn auch die obere Geistlichkeit und die Emigranten waren nicht

zurückgeblieben, beileibe, diese am allerwenigsten. Seine Eminenz hatte

die Stadt nächtlicherweise und durchaus unauffällig verlassen, wie es

hieß in einem Wagen, an dessen Schlägen die Wappenschilder in aller Eile

abgekratzt worden waren, und hatte sich nach dem Eichsfeld begeben,

baldigst gefolgt von Ihrer Eminenz, die indessen das Tageslicht nicht

gescheut hatte und am frühen Morgen mit allem Pomp und großem Gepäck,

gezogen von den vier Apfelschimmeln abgereist war. --

George stand am Morgen des nächsten Tages an der Brücke und sah dem

Schauspiel der abrollenden Berlinen und Kaleschen zu, unter denen

endlich das Kabriolett kam, in dem Huber mit dem Archiv seiner

Gesandtschaft nach Frankfurt fuhr, -- nicht aus Furcht, wie er zu

versichern kaum nötig gehabt hätte, aber wegen dieser überflüssigen

Königlich Sächsischen Staatspapiere, für die er nun einmal

verantwortlich war. Da war er hingefahren, in unbegreiflicher Erregung

bleicher aussehend, als sich mit dem Anlaß dieses Abschieds vertrug, und

hatte fremd und ernst zu George hinübergegrüßt, als er ihn am

Brückenkopf stehen sah. George war dann zurückgegangen, als sei der

Zweck seines Ausgangs erfüllt: er hatte Huber abfahren sehen.

Unerklärliche Befriedigung füllte schwankend sein Herz bis zum Rand.

Gewiß, und er gab es sich zu: leichter war es zu lächeln, zu lächeln

auch in der Vorstellung, daß nun die deutsche literarische Welt aus

jenen Bajazzo-Versen hämisch die Runen seines Schicksals zu deuten

suchen würde, -- leichter war es zu lächeln, wenn Huber einmal für Tage,

für Wochen nicht mit am Tisch saß. Es war möglich, mit der Vorstellung

zu spielen, daß die Flut politischen Geschehens ihn auf

Nimmerwiedersehen entführen könnte, -- kamen doch schon wenige Tage nach

seiner Abreise kummervolle Briefe von ihm, des Inhaltes, daß er Befehle

aus Dresden habe, den gefährdeten Boden von Mainz nicht eher wieder zu

betreten, bis die alte Ordnung dort hergestellt, der Kurfürst

zurückgekehrt sei.

Therese nahm das so gelassen hin, sie äußerte keine Vermutungen, keine

Hoffnungen für die Zukunft, -- Therese war blaß, aber heiter, von einer

Fassung, der er demütig begegnete. Sie folgte der Entwicklung seiner

Pläne mit Aufmerksamkeit und nur mit geringen Einwänden, -- gewiß, es

war kein übles Projekt, baldmöglichst nach Paris überzusiedeln und dort

zunächst als freier ^homme de lettres^, später im Dienst der

freiheitlichen Regierung zu leben. Sie hatte alle Auffassung dafür, daß

es nun an der Zeit sei, mit einer langsam gereiften freiheitlichen

Anschauung Ernst zu machen, daß es unmöglich sein würde, der alten

Mainzer Regierung, die sich so verächtlich gemacht hatte, weiter zu

dienen, -- falls sie denn wieder ans Ruder kommen sollte. Aber der

Hausstand hatte sich so vergrößert in den letzten Jahren, -- wie dachte

er es sich denn mit dieser Menge beweglichen Eigentums? Die Möbel

sollten wieder verkauft werden? Nun ja, -- _ihr_ Herz hing nicht an

Gegenständen. Immerhin möge er bedenken, daß in irregulären Zeiten die

Konjunktur für derartige Verkäufe keine günstige sei. Es war Abend und

sie saßen zusammen auf dem grünen Kanapee, Therese untätig in einer

Sofaecke lehnend und ihr Armband am linken Handgelenk unablässig hin-

und herschiebend. Ihr Blick, nur zuweilen mit scheinbarer Sammlung in

seinen Augen ruhend, durchforschte unruhig die Dämmerung der

unbeleuchteten Zimmertiefe und hing dann wieder wie plötzlich gebannt in

nächster Nähe, an einer Fehlstelle in der Politur des Tisches, die sie

spielend berührte, -- an einem kleinen braunen Fleck ihres Unterarms.

»George, --« fragte sie plötzlich, als er schon seit einer Weile von

einer Bibliotheksangelegenheit sprach, -- »könntest du denn daran

denken, zu den Franzosen überzugehen?«

Sie sah ihn von der Seite an, -- fast lauernd. Er nahm den Anlaß wahr

und holte sehr weit aus. Er sei in Polnisch-Preußen geboren, habe diesen

Boden verlassen, noch ehe er wieder in preußische Hände

übergegangen sei, und hätte alsdann von seinem elften Jahre an

nacheinander, -- er zählte es an den Fingern her, -- der russischen,

englischen, hessen-casselschen, polnischen und nun endlich der

kurfürstlich-mainzischen Regierung gedient. Hätte als Gelehrter das

ungeheure russische Reich, fast alle Länder Europas und die halbe Erde

bereist ... Hier flocht Therese ein: »Zwischen deinem elften und

zwanzigsten Jahr, -- ach, Georgie, du Gelehrter!« lachte ein kleines,

gurrendes Lachen und streichelte spielend seine Rechte. Jawohl, fuhr er

mit ernsthaftem Eifer fort, er habe eben auf diese Weise, wenn nicht die

ganze Erde, so doch Europa als sein Vaterland betrachten gelernt und die

Menschheit als sein Volk, sei zudem nie einer Kirche hörig gewesen,

sondern von frühester Jugend an durchdrungen und geleitet von der

königlichen Kunst, mit dem Maßstab der Wahrheit, mit dem Winkelmaß des

Rechtes und mit dem Zirkel der Pflicht in der erdumfassenden Vereinigung

aller Guten zum Guten zu wirken, deren Ziele nie andere gewesen wären,

als die, die nun auf den Fahnen der glücklichen Neufranken stünden ...

»Mit dem Maßstab der Wahrheit, mit dem Winkelmaß des Rechtes, mit dem

Zirkel der Pflicht ...« wiederholte er sich lächelnd die alten

wohlgefälligen Symbole. Therese, die übrigens keineswegs zugehört hatte,

obgleich sie mit dem Ausdruck des Lauschens dagesessen hatte, aber dem

eines angestrengten Lauschens über seine Ausführungen hinweg, zuckte

plötzlich auf, sagte: »Horch!« und »Also doch!« sank aber gleich wieder

in Gleichgültigkeit zurück, denn das war Sömmerrings Stimme, die jetzt

nach dem Geräusch der sich schließenden Haustüre unten im Flur hörbar

ward, und Sömmerrings schwerer Schritt, der da die Treppe hinauf kam.

»Sömmerring«, murmelte George, nach der Tür blickend, von einer

unerklärlichen Unruhe überschauert, und dachte dabei, diese Tage seien

geeignet, einen zum Geisterseher zu machen, immer dächte man, es stünde

ein Schicksalsbote draußen oder auch -- Huber.

»Da wären wir!« sagte Sömmerring ein wenig schnaufend, wie er nun im

Türrahmen stand, schwarz sich abhebend gegen das Licht des Lämpchens

draußen auf dem Flur, »und da bringe ich die wandelnde Hieroglyphe.«

Vollends eintretend ließ er einen hohen, schmalen Schatten hinter sich

ins Zimmer gleiten und, -- »ja, ich wußte es!« dachte George, -- dies

war Huber! Huber, der zögernd in den Lichtkreis des Armleuchters trat,

mit hängenden Schultern, den dunklen Blick aus fast weißem Antlitz auf

Therese geheftet, die ihn ansah, ja, die ihn ansah und lächelte, George

wußte es, -- Huber, der nun murmelte: »Ja, -- hier bin ich wieder. Ich

dachte, ihr könntet meiner bedürfen. Es braucht ja keiner zu wissen. Wem

sollte es auffallen? Ich will ein paar Tage verweilen, die Ereignisse

abwarten ...«

War es möglich, alle diese Dinge zu sagen, als seien sie Zärtlichkeiten?

Sömmerring, in seinen gewohnten Armstuhl niedergelassen, sagte mürrisch,

indem er seine großen Hände ineinanderrieb: »Was ist da viel abzuwarten?

Morgen oder übermorgen sind sie da.«

Huber war in das Dämmer zurückgewichen und lehnte irgendwo an der Wand.

Er lachte nervös.

»Fama geht in vieler Gestalt um. Gestern ein Weisenauer Marktweib, heute

ein betrunkener Weilheimer Husar. Und der Stephanstürmer stößt ins Horn,

die Alarmschüsse knallen, Kriegsrat wird abgehalten und wer ein

schlechtes Gewissen gegen die unterdrückte Majestät des Volkes hat,

läuft, was er laufen kann. Und Custine ist längst wieder in Landau.«

»Die Stadt ist entvölkert,« sagte Sömmerring düster, »da!« Er hob den

Finger. Unaufhörliches Wagenrollen kam fernher durch die Nacht.

»Ah bah, -- der Adel geht auf Reisen und die Emigranten suchen andere

Weideplätze.« George erhob sich und begann ungeduldig auf und ab zu

gehen. »Custine ist nicht wieder in Landau! Warum sollte er auch?«

»Hoffst du, daß er nicht wieder in Landau ist?« Therese saß, das Kinn in

die Hand gestützt, und zog die Augenbrauen hoch.

»Ich hoffe gar nichts. Ich vertraue der Stoßkraft dieser Idee ...«

»Welcher Idee?«

»Wie kann man fragen? Der Idee der Freiheit!«

»Esterhazys Armee soll in der Bergstraße stehen,« sagte Huber sanft,

»dies dürfte die Stoßkraft dämpfen.«

»So? Und wenn die Sansculotten morgen vor unsern Toren stehn? Was nützen

uns da die Esterhazys in der Bergstraße? Sollen uns unsere dreihundert

Mainzer und Weilburger Kerls verteidigen? O Gott, o Gott! O Gott, o

Gott! Eine Festung wie Mainz und bei solchen Zeitläuften von Truppen

evacuiert! Ist es zu glauben?« Sömmerring rang buchstäblich die Hände.

»Frankfurt schickt Sukkurs.«

»Wie unterrichtet Sie sind! Dann lassen Sie sich nur sagen und erzählen

Sie es den Frankfurtern, daß man hier nicht an Verteidigung denkt, gar

nicht daran denkt! Eikmeyer ist imstande und geht Custine mit den

Schlüsseln der Festung nach Weisenau entgegen und die Intelligenz der

Stadt schreit: ^Vive la nation!^«

»Nun, nun, mein Alter! Und du schreist nicht mit?«

»Oh, hier ist nichts zu scherzen! Ich wünsche meinen Hausstand nicht

während eines Erdbebens zu begründen. Und du bist von Demagogen verführt

und hast das Gefühl für Maß und Bürgerwürde eingebüßt, -- laß dir es

sagen, Freund!«

Sömmerring stand im Begriffe, sich zu verheiraten. George nickte ihm mit

schwermütiger Freundlichkeit zu. Seine Hand spielte mit dem kleinen

^globus terrae^ aus Kristall, den er wie auch Sömmerring an der Uhrkette

trugen, einem rosenkreuzerischen Abzeichen aus der Casseler Zeit. Er

zitierte träumerisch die alte Formel: »>Wenn die Hauptzahl erfüllt sein

wird, so wird der Größte der Kleinste und der Herr der Diener seines

Dieners und der Knecht seines Knechtes sein ... Die Sünden der Profanen

werden vor den Augen des Jehova die Wagschale überwerfen und ihr Maß

wird voll sein ... Ein Hirt und ein Schafstall, ein Herr und ein Knecht

-- und die Weisen werden gehen auf Rosen aus Eden,< -- oh, Bruder, war

das nicht auf _diese_ Zeit gesagt?«

»Willst du nicht auch wieder anfangen, Tote zu beschwören und den

Sternen zu gebieten, ihren Ort zu wechseln? Still, ich will nicht

erinnert werden. Der Teufel versucht dich, laß dich warnen und weck den

Schwärmer Amadeus nicht auf!«

Forster lächelte wehmütig.

»Fürchte nichts!« sagte er. »Amadeus ist tot.«

»Hätte ich wieder einen Sohn,« sagte Therese leise, »er sollte Amadeus

heißen, -- oder ^Aimé^, -- Geliebter!«

Das Wort zog bunte Kreise durch den Raum. Die drei Männer lächelten.

Therese blickte unbefangen auf, fand Hubers Augen mit einem

leidenschaftlichen Triumphieren auf sich ruhn, lächelte verwirrt und sah

auf ihre Hände. -- -- --

Den Prophezeiungen eines veritablen ^chargé d'affaires^ zum Trotz hatte

die Idee der Freiheit in der Gestalt des Bürgergenerals Adam Philippe de

Custine ihre Macht bewiesen und war am 21. Oktober ganz ohne besonderer

Stoßkraft zu bedürfen, in einem Tressenrock aus Scharlachtuch, einen

gewaltigen Federhut auf dem ^à la chien^ frisierten Haupte mit großem

Gefolge in Mainz eingezogen. »So sieht er aus, der Wüterich, -- ^mon

dieu^!« sagte die kleine Forkel ganz enttäuscht, neben Therese und

Karoline in einem Fenster der Bibliothek an der Großen Bleiche lehnend,

-- »ein Mann mit Haar am Mund, -- ^fi donc^ und Philipopel!« Ein

stumpfnasiger, ein undämonischer Mann, fand Therese, der wie im Traum

zum Ruf eines Attila gekommen sein müsse; er gliche einem gutmütigen

Schlächterhund, der allzu reichlich von fettem Abfall lebte.

»Meine Lieben,« sagte Karoline erheitert, »ich staune über eure

^espérancen^! Seid ihr vielleicht auch enttäuscht über das ausgefallene

Bombardement? Lise soll ja gesagt haben: beigewohnt haben möchte ich dem

doch einmal, -- und so mag wohl auch der neugierige Goethe gedacht

haben, als er bei Valmy in den Kugelregen ritt!«

»Ich habe gar nichts erwartet«, sagte Therese hochmütig und zog sich vom

Fenster zurück. »Ein Edelmann, der sich dieser Zeit fügt, taugt nichts,

-- da waren die Emigranten mir lieber!«

»Potztausend!« Dora Forkel war pikiert. »Und Sie weinten doch vor

Entzücken beim Anblick der ersten ^cocardes tricolores^ in der

Schustergasse, -- wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, meine

Teure.«

»Und ich werde immer weinen, wo ich sie erblicke als Abzeichen einer

großen Gesinnung, einer freiheitsgläubigen Seele ... Wir wollen gehen,

George, -- wir wollen ins Lager gehen und die echten Söhne Frankreichs

und der Freiheit begrüßen. Dies ist kein führender, -- dies ist ein

_geschobener_ Mann!«

Sie lachte schrill. George bot ihr stumm den Arm.

* * * * *

Das Herz voll aufjubelnder Erinnerung an das Volk, das er vor zwei

Jahren auf den ^Champs d'Elysée^ sein großes Bruderfest hatte zurüsten

sehen, ja, möglicherweise in dem Gefühl, hier handele es sich um eine

Fortsetzung jenes Festes, in das nun auch er und was um ihn war,

einbegriffen sei, -- sie waren in größerer Gesellschaft dem Zuge der

vors Tor hinausströmenden Bürger gefolgt, -- in dieser nicht

gewöhnlichen Stimmung also, einem Rausch der Menschenliebe, des

Freiheitsfrühlings, -- konnte sich George nicht enthalten, einem der

ersten Söhne der Freiheit, die ihm in den Weg kamen, unter Schwenkung

des Hutes ein aufrichtiges: »^Vive la république!^« zuzurufen. Der

Soldat, ein langer brauner Kerl, auf seine Flinte gelehnt und die

Vorübertreibenden nicht eben freundlich musternd, spuckte aus, strich

sich den Schnauzbart und rief herzlich: »^Sacré! Elle vivra bien sans

vous!^« worauf er sich abwandte. In der sonderbaren, ahnungsvollen

Bewegtheit seines Gemütes ging das Wort George tagelang nach. ^Elle

vivra bien sans vous!^ Oh, dies war eine Warnung des Schicksals! Nein,

er würde nicht dem Klub, der Gesellschaft der Freunde der Freiheit und

Gleichheit beitreten, die sich schon am ersten Tage nach dem Einzug der

Franzosen um einige allgemein bekannte Revolutionsschwärmer zu

kristallisieren begann, um den Dr. Metternich etwa und den Professor

Blau, einen der lebenslustigen Priester, denen das Beispiel des Kollegen

Dorsch in die Augen stach, der vor einem Jahr in das freiheitliche

Straßburg übergesiedelt war und dort die ihm nachfolgende Demoiselle

Strohmeier, zu der er allgemein bekannte, anstößige Beziehungen

unterhalten hatte, nunmehr ehelichte. Der Kollege Dorsch übrigens kam,

noch ehe der Oktober um war, wieder in Mainz an und brachte die

geehelichte Strohmeiern mit, desgleichen kam der Professor Böhmer

angereist, ebenfalls aus Straßburg und nicht eben zum Entzücken seiner

Schwägerin Karoline. Niemand wußte recht, hatte Custine diese Herren

wirklich herbeigerufen, wie sie in Umlauf zu setzen nicht unterließen,

oder waren sie seinen Spuren gefolgt, kleine Schakale der Fährte des

Löwen? Nun, jedenfalls, sie wußten ihr ^air^ zu behaupten, waren nicht

mehr Dilettanten der Sache der Freiheit gegenüber, sondern verstanden es

von Grund aus, eine larmoyante und träge deutsche Bürgerschaft, die am

Ende gar noch mit ihrem Despoten zufrieden gewesen war, zu

elektrisieren. Dergleichen Leute also, wie jener Metternich, wie der

dicke Blau mit Dorsch und Böhmer, zu denen sich etwa noch der Historiker

Hofmann und Wedekind gesellten, bildeten den Kern der Mainzer

Jakobinergesellschaft, -- und, wie gesagt, -- George verzichtete. Nicht

allein, weil Marianne in Gestalt jenes Getreuen ihm einen Korb gegeben

habe, sagte er lachend zu Therese und Karoline. Sei nicht der erste Korb

einer Spröden immer mit den Blumen der Hoffnung gefüllt? Nein, -- er

verzog das Gesicht und schob die Schultern hin und her, -- diese

Gesellschaft war nicht sein Geschmack. Sie gebärdete sich allzu sehr wie

eine Schulklasse, die der Lehrer verlassen hat. Sie war nicht durchpulst

von dem ursprünglichen heißen Quell der Empörung. Sie gefiel sich in

einer äffischen Nachahmung von Paris, war tollgewordnes Spießbürgertum.

Huber, der ihn aufmerksam ansah, meinte zögernd, als taste er im Dunkeln

nach der Klinke einer verschlossenen Tür, ob es denn nicht vielleicht

gerade aus diesen Gründen die Pflicht eines Mannes von wahrem

Weltbürgersinn sei, die große Sache auf deutschem Boden würdig zu

vertreten? Dies sagte Huber, indem er nun nicht mehr George, sondern

Therese ansah und Therese, den Blick unsicher und fragend erwidernd,

nickte plötzlich mit Heftigkeit Beifall: »Freilich, George, -- hier

kommt es auf den Standpunkt an.«

»Ich bin kein führender Mann«, sagte George gedankenverloren, Tags zuvor

gehörte Worte wiederholend, ohne es zu wissen, und nicht wahrnehmend,

daß die Blicke Hubers und Theresens sich hastig kreuzten, um einander

wieder zu fliehen, während Karoline ihn voll Schwermut ansah.

* * * * *

Es war ein Herbst, so herbstlich wie noch nie. Der Nebel kam durch die

Haustüren hinein und wallte still über die Treppen; er quoll in die

Fenster, wie der Odem einer ungeheuren kranken Brust. Es roch nicht nach

Nebel allein, es war nicht nur jener fast süße feuchte Geruch nach

frischen modrigen Blättern und überblühten Veilchen, den man an

Novemberabenden zwischen den Heckenwegen spürt, -- dieser Herbst war

Krankheit. Es lag Fäulnis und Verwesung in der Luft, die Ausdünstungen

des Heeres, seiner Menschen und Tiere, -- es lag Lähmung, verzweifelte

Unentschlossenheit über dem öffentlichen Leben, die den Bürger

hinderten, die Stadt für den neuen Herrn im alten Stand der gepflegten

Sauberkeit zu halten. Es war zu dem allen der sonderbar aufregende Duft

nach Leder, nach Pferden, nach Schnaps, nach holländischem Tabak, nach

parfümiertem Puder, waren die Dünste ungewöhnlicher Mahlzeiten, von

denen die Atmosphäre durchwittert war. Es war das ständige Signalblasen

der Hörner, das durch den Nebel drang, der Marschtritt auf den Gassen,

die neuen Lieder und Tänze, die abends aus den Häusern schollen, der

Wohlklang und Rhythmus der fremden aber geliebten Sprache an allen Ecken

und Enden. Es war der Zustand des Krieges, den George als quälend

herbstlich empfand, als spukhaft, als eine unerträgliche, laue, schlaffe

Entspannung der Nerven, diesen Zustand, in dem die Aufhebung allen

Rechtes zur Sünde herauszufordern scheint, denn jede Handlung, die der

Mensch unternehmen könnte, um den fürchterlichen Stillstand des Lebens

zu unterbrechen, hieß noch eben Sünde. Es war das lautlose Abbröckeln

der Welt von gestern mit ihren Gesetzen, es war dies furchtbare stille

Scheinen der gelben, tropfenden Lindenbäume draußen vor den Fenstern,

das George fast rasend machte. --

Wünschte der General seine Dienste oder lag ihm nichts daran? Er hatte

sich überreden lassen als Wortführer einer Deputation von Professoren

dem Gewaltigen seine Aufwartung zu machen und hatte die Interessen der

Universität erfolgreich vertreten. Custine jedenfalls erließ dem

Institut alle Zwangsabgaben und ließ sich durch Böhmer, der sich mit

einem Individuum Namens Daniel Stumme in die Sekretärsdienste im

Schlosse teilte, die Rede des ^pp.^ Forster in der Niederschrift

ausbitten. »Hier hätten Sie hinterhaken müssen, mein Teurer, hehe! Sie

hatten den Fuß im Bügel und sind nicht aufgesessen. Der General hatte

ein flüchtiges Interesse für Sie gefaßt, es hätte leicht ein ^faible^

werden können, -- aber Sie nahmen den Augenblick ja nicht wahr. Ich

fürchte, der General ist verstimmt.« Böhmer, der George als Abschluß

eines kurzem Pflichtbesuches diese Mitteilung machte, sah ihn mit

widerlich offenstehendem Munde, hochgezogener Stirne und aufgerissenen

Augen an, indem er wichtig mit dem Finger drohte. Da er einem Schweigen

begegnete, sammelte er sein Gesicht, sagte: »Es ist noch nichts

verloren, da ich Ihr aufrichtiger Freund bin«, und verabschiedete sich.

Sein Besuch war einer unter den hunderten in diesen Tagen, die alle mehr

oder weniger deutlich Georges Eintritt in den Klub forderten. Dies war

geeignet, ihn nachdenklich und schwankend zu stimmen. Böhmer war ein

Hanswurst, ganz ohne alle Frage, aber dem General beliebte es nun

einmal, ihn zu seinem Sprachrohr zu machen, der General stellte die

republikanische Regierung dar, und war er, George, einmal auf die Gunst

dieser Regierung, deren Grundsätze er als seine eigensten, innersten

fühlte, angewiesen, ging sein Herz in _einem_ Takt mit dem großen

heiligen Herzen der Republik und dachte er nicht daran, dem im Eichsfeld

händeringenden Kurfürsten eine sentimentale Treue zu halten, -- nun

wohl, -- was hinderte ihn eigentlich, ausgesprochenen und

unausgesprochenen Wünschen Rechnung zu tragen? Übrigens war es von

eigentümlichem Reiz zu fühlen, daß erschrockene Bürgeraugen auf einen

sahen, als auf den Mann von Weltblick und Contenance; daß kleine

Anregungen, die man unter der Hand gab, wohltätige Folgen zeitigten, so

wie etwa auf seine ursprüngliche Veranlassung hin das Theater wieder zu

spielen anfing, damit die französischen Offiziere sich amüsieren und das

Publikum sich wieder humanisieren möge. Es war von eigentümlichem Reiz

zu wissen, daß Menschen auf einem ungewissen Wege nicht weiter gehen

wollten, ohne ihn, -- denn drinnen heulte der Minotauros. Es war fast

unwiderstehlich, zu denken, daß eine Aufgabe wartete, die seines Kopfes

erst in zweiter Linie, vor allem aber seines Herzens, seiner

Menschlichkeit bedurfte. »Es ist nicht der Ruhm, den ich suche, sondern

die Liebe meiner Brüder«, redete er inbrünstig in Brands große blaue

Kinderaugen hinein, die gläubig auf ihn gerichtet, in diesen Tagen

fortwährend politische Unterweisung von ihm forderten und mit Monologen

privater Natur abgespeist wurden. »Zudem scheint Preußen endgültig auf

mich zu verzichten ...«

Oh, Preußen taumelte mit sehenden Augen in sein Verderben. Der König

ließ den Herrn von Bischoffswerder unentwegt weiter Geister zitieren,

denen alle staatsmännischen Künste des Grafen Herzberg nicht gewachsen

waren. Dem König fehlte, kurz und gut, ein Mann in seiner Umgebung,

dessen Grundsätze, Charakter und Wandel bis ^dato^ für die

Rechtschaffenheit seiner Absichten zeugten, dessen Laufbahn Gelegenheit

zur Entwicklung eines großen Überblicks, einer gesunden Einschätzung der

Zeichen der Zeit geboten hätte. Einen deutschen Fürsten von weitem

Machtbereich jetzt leiten, einen wesentlichen Teil des deutschen Volkes

jetzt durch vernünftige Reformationen ohne blutige Revolution zu einer

gesunden Staatsverfassung führen zu dürfen ...

»Freilich,« unterbrach Therese sein Schwärmen und bat durch einen Blick

um Brands Teller, den sie mit Suppe füllte, »da indessen weder dein

Freund Voß noch der Minister einen Weg zu finden scheinen, den König auf

sein Glück aufmerksam zu machen, so hielte ich es für ratsam, sich an

das Gegebene zu halten. Huber meinte noch mit dem Fuß auf dem Wagentritt

du -- möchtest dir doch hier durch dein Zaudern keine Chancen entgehen

lassen.«

Eine Estafette seiner Regierung mit einem kräftigen Verweis hatte den

^chargé d'affaires^ vor einigen Tagen wieder nach Frankfurt zu seinen

Staatspapieren zurückbeordert.

»Meinte er das?« George nickte grüblerisch. »Ich gebe so viel auf sein

Urteil in diesen Dingen. Er hat einen eminenten Scharfblick, trotz

seiner Jugend. Er fehlt mir doch unendlich. Was meinst du, Therese, --

fehlt er uns nicht?« Er aß hastig und in sich gekehrt. Brand starrte vor

sich hin. Er hatte verzweifelt viel Takt, obgleich er hier nur halb

begriff. ^Why^, -- hatte Mrs. Forster Kummer? Wozu jetzt diese Tränen?

Therese hatte ihr Gesicht einen Augenblick auf Clairchens Kopf gesenkt,

die sie auf dem Schoß hielt und fütterte. Jetzt sagte sie mit etwas

rauher Stimme: »Deine eigentlichen Gaben liegen auf dem Gebiet des

Menschlichen, Lieber, im Umgang und in der Behandlung der verschiedenen

Individuen.« Sie stockte und blickte vor sich hin, als dächte sie selbst

erstaunt über ihre Worte nach. Dann fuhr sie tastend, aber mit

wachsender Sicherheit fort und unterbrach sich kaum mit einem genickten

Gruß, als Karoline während ihres Redens leise eintrat.

»Du hättest dies am Anfang deiner Laufbahn in Deutschland ins Auge

fassen sollen, George,« sagte sie, das Kinn in die Hand gestützt und die

Augen empor gerichtet, als läse sie eine nachträgliche Weissagung von

der geblümten Tapete ab, -- »du hättest das diplomatische Fach ergreifen

sollen und dein Glück wäre heute gemacht. Du hättest überall Freunde und

Gönner, du hättest Konnexionen an allen Höfen Europas, -- du hast so

charmante Umgangsformen, mein George!«

Sie sah ihn mit spielender Zärtlichkeit an, vermochte es, daß sein

blasses Gesicht kindhaft strahlte, überließ ihm ihre Hand und

phantasierte weiter:

»Du hättest die Naturwissenschaften immer als Liebhaberei nebenher

betreiben können, -- so wie der Goethe es auch tut, -- nicht wahr? Der

Landgraf in Cassel hatte eine Vorliebe für dich, -- ich weiß es. Konnte

er dich nicht in seinem Kabinett anstellen, ebensogut wie an dem

törichten Carolinum? Du hättest dich für die armen hessischen

Landeskinder verwenden können, die er nach Amerika verkaufte, -- sieh,

das wäre gleich ein verdienstlicher Anfang gewesen! Hernach wäre die

Sache schon weiter gegangen und wer weiß, welchen Verlauf die

europäische Politik genommen hätte, wenn ...«

»Nun? Wenn was, meine geliebte Sibylle?«

»Ja, -- wenn George Forster in Wien oder Paris am Steuer gesessen hätte.

Nicht wahr? Nun -- und für Paris -- ist es ja noch nicht zu spät.«

»Ah bah, mein liebes Kind. Worauf willst du eigentlich hinaus? Was meint

sie wohl, Karoline?«

»Daß -- du deine Chancen nicht wieder versäumen sollst, -- George.« --

Die Suppe war abgetragen worden, die Kinder hatten Gute Nacht gesagt.

George ging unruhig auf und nieder, die Hand gegen die schmerzende Stirn

gepreßt. Er murmelte: »Ich dachte dieser Krise als Privatmann

beizuwohnen.« Therese, ohne vom ^Moniteur^ aufzublicken, in dem sie las,

antwortete:

»Du mußt es selbst wissen, was du deinem Namen schuldig bist.«

»Mr. Forster wird mit mir fahren nach Italien als mein Mentor, wir

werden studieren der Urpflanz und führen Mr. Goethe ^ad absurdum, -- is

it not, Mr. Forster^?« erinnerte Brand, in eine Sofaecke gerekelt. »^He

is not made for politics, Madam, not at all. Not hard enough, you

know!^«

»So, -- und Huber, -- dieser sensible Mensch mit dem Herzen einer

Mimose? Oh, wir gehen alle an unsern wahren Bestimmungen vorüber! Und

_das_ ist die Erbsünde!«

»Was wäre denn Hubers Bestimmung gewesen? Oh, ich frage nur beiläufig

...« Karoline war damit beschäftigt, kleine Puppen aus Stoffresten in

den französischen Farben zu machen.

Therese sah in ihren ^Moniteur^. »Huber ist ein Dichter«, sagte sie

leise. --

»Ich habe gehört, daß Dora Stock schwer kränkeln soll«, erzählte

Karoline nach einer Weile unbefangen und hielt ein Püppchen gegen das

Licht. »Schiller und Körner sind sehr schlecht auf Huber zu sprechen.«

»Daß Dora schwer kränkeln soll, -- was heißt das?« wiederholte George.

»Er hat ihr einen Scheidebrief geschrieben, -- Huber.«

»Huber -- hat Dora einen Scheidebrief geschrieben? Therese?«

»Oh -- was sagst du das so fassungslos? Ja. Hat er es nicht erzählt?

Dora würde auch nie einen Menschen an sich binden, der in Bezug auf sie

^désinteressé^ ist.«

»Was meint Scheidebrief?« fragte Brand lernbegierig. »^Does it mean

separation?^«

»Freilich, Vortrefflicher,« lobte Karoline und fügte hinzu: »Es ist ein

Ausdruck aus der deutschen Bibel.«

»^Indeed!^«

Er hatte Karoline durch die dampfende Nacht nach Hause begleitet und kam

hustend in das Schlafzimmer. Er zog sich hastig und leise aus. Therese

lag mit großen, wachen Augen, ohne sich zu rühren. Im Nachtanzug endlich

kniete er an ihrem Bette nieder, ergriff ihre Hand und küßte sie

inbrünstig. Er flüsterte: »Ach Gott, du bist so traurig, mein

Herzenskind, -- ach, kannst du es mir nicht sagen?«

Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert · 第 15 / 24 题