Die ersten kühlenden Atemstöße des Abendwindes kamen vom Rhein her über
die Felder. Es roch nach reifem Korn, nach Staub, nach Leder und
Pferden. Die Kutsche schwankte, das eintönige Geräusch der knirschenden
Federn, der ächzenden Räder, der trottenden Hufe, war so einschläfernd.
Eine Stunde vor Mainz etwa raffte George sich zusammen, machte es sich
klar, daß er nun nachhause kam und sich zu freuen hatte, -- rätselhafter
Druck auf seinem Herzen, der Freude nicht aufkommen lassen wollte! --
bürstete an sich herum, erfrischte Gesicht und Hände mit ^Eau de
lavande^ und sank schließlich wieder in hoffnungsloser Ermüdung
vornübergebeugt auf seinem Sitz zusammen.
Auf einmal fuhr er auf, starrte auf die Straße, blickte verstört um
sich, sprang auf, lehnte sich aus dem Wagenschlag, die Strecke
zurückblickend, die sie gekommen, setzte sich wieder, fuhr mit der Hand
über das Gesicht und lachte.
»Wie man so lebhaft träumen kann! Schlief ich denn überhaupt?«
»Ich weiß es nicht sicher.« Der junge Humboldt hielt mit Pflaumenessen
inne und betrachtete ihn interessiert. »Träumten Sie denn schön?«
George sagte langsam:
»Es kam uns eine Kutsche entgegen. Therese saß darin -- und die Kinder.
Aber das Clairchen schon groß, wie zweijährig. Und noch eine Frau fuhr
mit, die ich nicht erkannte. Ich dachte, wie schön, da sind sie mir
entgegen gefahren! Aber indem fuhr die Kutsche sehr schnell an uns
vorüber, Therese sah geradeaus und niemand sah mich an ...«
Er schüttelte den Kopf und blickte tief beunruhigt auf Humboldt. Der
murmelte verlegen: »Sonderbar? Nun, es war eben ein Traum und« ... er
lächelte, -- »unsere Sehnsucht beflügelt die Imagination.«
»Es war aber ganz anderes Wetter, es war Herbst, -- oder Winter ...«
Der Postillon blies und durch das neue Tor rasselte der Wagen hinein auf
das Pflaster von Mainz.
* * * * *
Gewiß, er wäre auf keinen Fall diesen ersten Abend allein mit Therese
und den Kindern gewesen, auch wenn die biedere Gestalt Sömmerrings im
braunen Schoßrock und die leichtgeschürzte der Madame Forkel in
überblümtem Mousseline da nicht seine Haustür flankiert hätten, wie die
Penaten der Heiterkeit und des Fleißes. Auf alle Fälle wäre Humboldt
zugegen gewesen, da er nun einmal bei ihnen logierte, -- _einen_ Fremden
hätte es also unvermeidlich am Tisch gegeben, trotz des Fernbleibens des
guten Huber, der aus Delikatesse an der ^Table d'hôte^ im Hôtel National
speiste, um das Wiedersehen nicht zu stören. Immerhin hätte sich der
guterzogene Reisegenosse vielleicht früh zurückgezogen, und wenn dann
eben Sömmerring und die Forkel nicht dagewesen wären ...
Aber warum verdarb er sich die erste Stunde der Heimkehr mit solchen
Reflexionen! Hatte Therese diese Gäste zu seiner Begrüßung eingeladen,
so war es geschehen aus demselben Grunde, aus dem sie die Türen mit
Buchs bekränzt und den Abendtisch im Saal mit Rosen geschmückt hatte,
aus dem sie im weißen Kleide mit Blumen in den Haaren ihm
entgegengekommen war, aufgeregt fröhlich und das winzige Clairchen ihm
hinhaltend wie ein Weihegeschenk. Therese freute sich, daß er wiederkam,
Therese lachte, Therese tanzte, Therese feierte ein Fest, -- konnte ein
Fest von Therese ohne Gäste sein? Er ging durch die Räume, das
glückliche Röschen an der Hand, das im gelben rotpunktierten Kleidchen
manierlich einherschritt wie eine junge Dame und zuweilen behutsam zu
ihm auflächelte, -- ja, er lächelte auch, aber warum fühlte er sein
Lächeln schmerzlich wie eine Grimasse? Es gab da kleine Veränderungen in
den Zimmern, die er mit dem Spürsinn seines überreizten Gehirns auf den
ersten Blick wahrnahm, wie die neue Anordnung von Bücherreihen in der
Wohnstube und dies, daß sein Portrait, das von Tischbein gemalte, einen
anderen Platz bekommen hatte und im Saal hing, nicht mehr dem grünen
Kanapee gegenüber. Ja, das mochte ganz gut sein, war es ihm nicht selbst
oft ridikül gewesen, daß er da von der Wand herab sich selber zugesehen
hatte, wenn er hier mit Therese gesessen hatte, abends, auf dem grünen
Kanapee? Freilich, die letzten Monate, da hätte Therese das Bild wohl
hängen lassen können, sich zur Gesellschaft, die Monate, die sie hier
allein gesessen hatte ... Er ging umher, ruhelos, trotz der
Reisemüdigkeit. Waren es diese kleinen Veränderungen, die die Wohnung so
fremd erscheinen ließen? War er zu lange weg gewesen? Ach, die große
englische Uhr im Saal war stehen geblieben, er öffnete die gläserne Tür
und während er aufziehend die schweren Messinggewichte im Gehäuse
emporleierte, fiel sein Blick auf die kleine Scheibe im Zifferblatt,
die, von Mond und Sternen umgeben, das Datum anzeigte. Sie stand auf dem
6. Mai, dem Tag nach seiner Abreise. Machte es ihn denn so mutlos, daß
die Uhr hier geschwiegen hatte, die ganze lange Zeit über, daß er weg
gewesen war?
Lustig, lustig, Therese feierte ein Fest! Hatte er unterwegs etwa
gedacht, er wollte sich früh niederlegen, den schmerzenden Kopf auf
kühle Kissen betten und dann sollte Therese in der dämmerigen
Sommernacht an seinem Bett sitzen und er wollte ihr erzählen und fühlen,
daß er wieder daheim war? Nun, das ging jetzt freilich nicht. Er mußte
hier in guter Haltung den liebenswürdigen Hausherrn spielen, der Forkel
ein wenig die Cour machen und Sömmerring in die ärztlichen Forscheraugen
blicken, ihm Bericht erstatten von den Kollegen in Harlem, in Oxford. Er
hielt nicht still Theresens Hand. Jedoch es hielt Therese seine Hand,
das war ja wahr. In den Essenspausen und als abgespeist war, suchte ihre
fiebrige kleine Rechte seine Linke, die schlaff und müde auf dem
Tischtuch lag, und während Therese über den Tisch hinüber lachende Rede
und Gegenrede mit Humboldt tauschte und mitten darin die Funken ihrer
Heiterkeit in seine Unterhaltung mit Sömmerring sprühen ließ und der
Forkel eine Rose an den Kopf warf und der aufwartenden Marianne zurief:
»Hurtig, Mädchen, der Herr ist wieder da!« -- ja, während der ganzen
Zeit fühlte er sich geliebkost, hastig gestreichelt, hörte sich zum
Essen, zum Trinken ermuntert.
»Bin ich denn auch ein Gast hier?« dachte er in schrecklicher
Benommenheit, -- »was ist dies nur? Was blickt mich Sömmerring so an?«
Er trank hastig hintereinander ein paar Gläser Wein. O ja, nun war er
zuhause! Er legte den Arm um Therese, fühlte das Beben ihrer Schultern
und alle Müdigkeit war dahin. Eine reißende Beredsamkeit entfesseln, die
Holländer loben, die Engländer schmähen, die Franzosen in alle Himmel
erheben, -- Ditters Gassenhauer zitieren und von der göttlichen Miß
Siddons schwärmen, -- aufspringen, die kleine Spieluhr aus Paris mit dem
eingelegten Rosenkränzchen auf dem polierten Deckel herbeiholen, die dem
Röschen mitgebracht worden war, sie aufziehen und das kleine Menuett von
Rameau tränenden Auges mitsummen, -- dann von den indischen Shawls der
englischen Damen fabulieren und Therese anblinzeln, auch von einem
weißen Kreppflor zum Kleide Andeutungen machen und von einem Teppich,
der unter ^The Resolution^ liegen sollte und kleinen Füßen im Winter zur
Erwärmung dienen, -- kurzum, gesprächig sein, munter, munter, und
Humboldt zum Trinken nötigen! Sömmerring, der vertrug das ja nicht, --
aber stand da nicht Huber unter der Türe? »Endlich, endlich, teurer
Freund und Bruder!« Redete ihm Huber zu, doch Platz zu behalten, führte
er ihn zu seinem Stuhl zurück, weil er ein wenig taumelte? Saß dieser
Huber in seinen prall anliegenden Escarpins und im bordeauxroten Frack
nun lächelnd an seiner Rechten und legte die Hand auf seine Schulter,
wie Therese es im gleichen Augenblick an seiner Linken tat, und sagte
sie da nicht mit überschlagender Stimme: »Huber, Huber, wie ist Ihnen?
Da haben wir ihn wieder!« Warum starrte die Forkel so töricht in ihren
Schoß, warum saß Sömmerring so düster da und Humboldt so ratlos? Er,
George, würde jetzt einen Scherz machen, man gebe acht. Er hob den
Zeigefinger: »Huber, Huber, Sie trugen sich doch sonst so dunkel, ei,
ei, sind Sie wie ein Vogelmännchen in der Brunstzeit am schönsten
befiedert?«
Es lacht ja niemand sehr, dachte er, mit schweren Augen in die Runde
spähend, und gleichzeitig: warum übrigens eigentlich Brunstzeit? »Und
singen Sie dann auch?« fügte er zögernd hinzu. Er erwartete durchaus
keine Antwort, gab den Kreiselbewegungen seines Gehirns nach und versank
in ein leeres Vorsichhinbrüten. Endlich wieder zu sich kommend erblickte
er Humboldt mit Sömmerring in angelegentlicher Unterhaltung, sah die
Forkel schläfrig und vereinsamt und hörte über sich weggehen ruhiges
Gespräch zwischen Therese und Huber. »Wenn die Ehemänner des
Mittelalters auf Reisen gingen, legten sie ihren Frauen einen
Keuschheitsgürtel an, zu dem sie allein den Schlüssel besaßen ...« Oh,
mein Gott, hatte er das eben laut ausgesprochen? Nein doch, nein doch,
auf welche Gedanken kam er! Er hatte es nicht gesagt, nein doch, sie
redeten ja alle ruhig fort, er saß da wie im Theater und hörte zu. Aber,
-- nochmals! -- mein Gott, mein Gott! Ich bin doch selber auf der Bühne,
und was ist denn hier nun _meine_ Rolle?
* * * * *
Es war eine Pantomime von fürchterlicher Lautlosigkeit. Dergleichen
erleben wir in Träumen. Vorgänge alltäglichster Art spielen sich um uns
her ab, es lachen Menschen, es trauern Menschen, es tanzen Menschen, sie
winken sich zu, sie gehen Hand in Hand und trennen sich wieder, --
vielleicht pflücken Kinder Blumen und gehen im Ringelreihen, vielleicht
steht irgendwo in einer rätselhaft engen Straße ein Haus in Flammen und
aus den Fenstern beugen sich in Todesangst Gestalten, die wir lieben,
und wir stehen gelähmt in der Ferne, -- holde und doch schreckliche
Masken, die wir nicht deuten können, wandeln an uns vorüber. Es hat
alles eine Beziehung auf uns, eine geheime wahnwitzige Bedeutsamkeit,
auch die geringste Gebärde, das Fallen einer Apfelblüte vom Baum und das
Zerbrechen eines Spielzeugs. Wir stehen und fühlen den Wirbel, der
unsere Ebene mit allem, was unser, ach, _unser_, von _unsern_ Augen,
_unserem_ Schicksalskreis allein bedingter Horizont umschließt,
ergriffen hat, einen Wirbel, so rasend, daß wir ihn empfinden wie
Stillstand, und nur durch den Luftdruck, der uns dem Atem benimmt,
wissen, es geht abwärts, es -- geht unter. Wir stehen und warten auf das
Zeichen, warten auf den Fall der Apfelblüte oder ein ruchloses Lächeln
oder das Nicken eines gigantischen Hauptes, -- auf das Zeichen, das wir
erkennen, auf das hin wir hineinschreiten werden in die stumme
schreckliche Handlung, um unsere Sendung zu erfüllen. --
Durch die innersten Windungen des Labyrinthes führt uns der tödliche
Wirbel der Sinnlosigkeit. --
Riesenhaft und drohend in Unberechenbarkeit wankten die Lenker des
europäischen Geschicks um den äußeren Umkreis der Szene. Mirabeau
versank und mit ihm fiel Bourbon, an ihrer Stelle stieg apokalyptische
Ungestalt, die Souveränität des Volkes. Preußen und Österreich ballten
ihre Macht zusammen. In der Affaire von Lüttich gab es ein
Miniaturvorspiel, eine Ouvertüre, in der alles enthalten war, was die
Zukunft bringen sollte. Die Atmosphäre war mit ungeheurer Spannung
geladen, Funken zuckten hinüber und herüber, irrten ab, erschlugen in
Schweden den König, ließen hier und dort winzige Aufstände aufprasseln
und im grünen gespenstischen Schein des Wetterleuchtens uralte Zustände
fremd und verwest daliegen, wie Tote, die man vergaß zu begraben. Die
Flüchtlinge von Westen mehrten sich und fanden im Kurfürsten von Mainz
einen ^cher père et protecteur^, der seine Sonne aufgehen ließ über
Condé, Artois und allem, was zu ihnen schwur, und der es völlig
überhörte, daß es auch die Bezeichnungen eines ^Abbé de Mayence^ und
eines ^Gentilhomme parvenu^ für ihn gab. Studenten und Zünfte prügelten
sich und altgediente Professoren bekamen blutige Kopfe, die
Pfaffensoldaten, die auf das Volk von Lüttich hatten schießen müssen,
kamen heim und nahmen ihren alten Dienst wieder auf, bei den
Prozessionen und Hoffesten Spalier zu stehen. Die Lesegesellschaft,
zusammengesetzt aus Beamten und Gelehrten, Schullehrern und Kaufleuten,
nährte sich nicht mehr allein vom ^Belles-lettres^-Fach und den
Naturwissenschaften, sondern von Pariser Flugschriften, und im
Universitäts-Kaffeehaus in der Quintinsgasse hob der Kellner Vespery,
der sich selbst gern als einen Polyhistor und Tausendsasa bezeichnete,
den ^Moniteur^ neuesten Datums für seine Günstlinge auf.