VIII.

Das wichtigste Erfordernis in der früher oder später kommenden

Periode der großen Kämpfe, die der deutschen Arbeiterklasse harren,

ist, neben der vollen Entschlossenheit und Konsequenz der Taktik, die

möglichste Aktionsfähigkeit, also mögliche Einheit des führenden

sozialdemokratischen Teils der proletarischen Masse. Indes bereits die

ersten schwachen Versuche zur Vorbereitung einer größeren Massenaktion

haben sofort einen wichtigen Übelstand in dieser Hinsicht aufgedeckt:

die völlige Trennung und Verselbständigung der beiden Organisationen der

Arbeiterbewegung, der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften.

Es ist klar aus der näheren Betrachtung der Massenstreiks in Rußland

sowie aus den Verhältnissen in Deutschland selbst, daß irgend eine

größere Massenaktion, wenn sie sich nicht bloß auf eine einmalige

Demonstration beschränken, sondern zu einer wirklichen Kampfaktion

werden soll, unmöglich als ein sogenannter politischer Massenstreik

gedacht werden kann. Die Gewerkschaften würden an einer solchen Aktion

in Deutschland genau so beteiligt sein wie die Sozialdemokratie. Nicht

aus dem Grunde, weil, wie die Gewerkschaftsführer sich einbilden, die

Sozialdemokratie angesichts ihrer viel geringeren Organisation auf die

Mitwirkung der 1¼ Million Gewerkschaftler angewiesen wäre und ohne sie

nichts zu stande bringen könnte, sondern aus einem viel tiefer liegenden

Grunde: weil jede direkte Massenaktion oder Periode offener

Klassenkämpfe zugleich eine politische und ökonomische sein würde. Wird

es in Deutschland aus irgend einem Anlaß und in irgend einem Zeitpunkt

zu großen politischen Kämpfen, zu Massenstreiks kommen, so wird das

zugleich eine Ära gewaltiger gewerkschaftlicher Kämpfe in Deutschland

eröffnen, wobei die Ereignisse nicht im mindesten danach fragen werden,

ob die Gewerkschaftsführer zu der Bewegung ihre Zustimmung gegeben haben

oder nicht. Stehen sie auf der Seite oder suchen sich gar der Bewegung

zu widersetzen, so wird der Erfolg dieses Verhaltens nur der sein, daß

die Gewerkschaftsführer, genau wie die Parteiführer im analogen Falle,

von der Welle der Ereignisse einfach auf die Seite geschoben und die

ökonomischen wie die politischen Kämpfe der Masse ohne sie ausgekämpft

werden.

In der Tat. Die Trennung zwischen dem politischen und dem ökonomischen

Kampf und die Verselbständigung beider ist nichts als ein künstliches,

wenn auch geschichtlich bedingtes Produkt der parlamentarischen Periode.

Einerseits wird hier, bei dem ruhigen, »normalen« Gang der bürgerlichen

Gesellschaft, der ökonomische Kampf zersplittert, in eine Vielheit

einzelner Kämpfe in jeder Unternehmung, in jedem Produktionszweige

aufgelöst. Anderseits wird der politische Kampf nicht durch die Masse

selbst in einer direkten Aktion geführt, sondern, den Formen des

bürgerlichen Staates entsprechend, auf repräsentativem Wege, durch den

Druck auf die gesetzgebenden Vertretungen. Sobald eine Periode

revolutionärer Kämpfe eintritt, d. h. sobald die Masse auf dem

Kampfplatz erscheint, fallen sowohl die Zersplitterung des ökonomischen

Kampfes wie die indirekte parlamentarische Form des politischen Kampfes

weg; in einer revolutionären Massenaktion sind politischer und

ökonomischer Kampf eins und die künstliche Schranke zwischen

Gewerkschaft und Sozialdemokratie als zwei getrennten, ganz

selbständigen Formen der Arbeiterbewegung wird einfach weggeschwemmt.

Was aber in der revolutionären Massenbewegung augenfällig zum Ausdruck

kommt, trifft auch für die parlamentarische Periode als wirkliche

Sachlage zu. Es gibt nicht zwei verschiedene Klassenkämpfe der

Arbeiterklasse, einen ökonomischen und einen politischen, sondern es

gibt nur _einen_ Klassenkampf, der gleichzeitig auf die Einschränkung

der kapitalistischen Ausbeutung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft

und auf die Abschaffung der Ausbeutung mitsamt der bürgerlichen

Gesellschaft gerichtet ist.

Wenn sich diese zwei Seiten des Klassenkampfes auch aus technischen

Gründen in der parlamentarischen Periode voneinander trennen, so stellen

sie doch nicht etwa zwei parallel verlaufende Aktionen, sondern bloß

zwei Phasen, zwei Stufen des Emanzipationskampfes der Arbeiterklasse

dar. Der gewerkschaftliche Kampf umfaßt die Gegenwartsinteressen, der

sozialdemokratische Kampf die Zukunftsinteressen der Arbeiterbewegung.

Die Kommunisten, sagt das kommunistische Manifest, vertreten gegenüber

verschiedenen Gruppeninteressen (nationalen, lokalen Interessen) der

Proletarier die gemeinsamen Interessen des gesamten Proletariats und in

den verschiedenen Entwicklungsstufen des Klassenkampfes das Interesse

der Gesamtbewegung d. h. die Endziele der Befreiung des Proletariats.

Die Gewerkschaften vertreten nun die Gruppeninteressen und eine

Entwicklungsstufe der Arbeiterbewegung. Die Sozialdemokratie vertritt

die Arbeiterklasse und ihre Befreiungsinteressen im ganzen. Das

Verhältnis der Gewerkschaften zur Sozialdemokratie ist demnach das eines

Teiles zum Ganzen, und wenn unter den Gewerkschaftsführern die Theorie

von der »Gleichberechtigung« der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie

soviel Anklang findet, so beruht das auf einer gründlichen Verkennung

des Wesens selbst der Gewerkschaften und ihrer Rolle im allgemeinen

Befreiungskampfe der Arbeiterklasse.

Diese Theorie von der parallelen Aktion der Sozialdemokratie und der

Gewerkschaften und von ihrer »Gleichberechtigung« ist jedoch nicht

völlig aus der Luft gegriffen, sondern hat ihre geschichtlichen Wurzeln.

Sie beruht nämlich auf einer Illusion der ruhigen, »normalen« Periode

der bürgerlichen Gesellschaft, in der der politische Kampf der

Sozialdemokratie in dem _parlamentarischen_ Kampf aufzugehen scheint.

Der parlamentarische Kampf aber, das ergänzende Gegenstück zum

Gewerkschaftskampf, ist ebenso wie dieser ein Kampf ausschließlich auf

dem Boden der bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Er ist seiner Natur

nach politische Reformarbeit, wie die Gewerkschaften ökonomische

Reformarbeit sind. Er stellt politische Gegenwartsarbeit dar, wie die

Gewerkschaften ökonomische Gegenwartsarbeit darstellen. Er ist, wie sie,

auch bloß eine Phase, eine Entwicklungsstufe im Ganzen des

proletarischen Klassenkampfes, dessen Endziele über den

parlamentarischen Kampf wie über den gewerkschaftlichen Kampf in

gleichem Maße hinausgehen. Der parlamentarische Kampf verhält sich zur

sozialdemokratischen Politik denn auch wie ein Teil zum Ganzen, genau so

wie die gewerkschaftliche Arbeit. Die Sozialdemokratie ist eben heute

die Zusammenfassung sowohl des parlamentarischen wie des

gewerkschaftlichen Kampfes in einem auf die Abschaffung der bürgerlichen

Gesellschaftsordnung gerichteten Klassenkampf.

Die Theorie von der »Gleichberechtigung« der Gewerkschaften mit der

Sozialdemokratie ist also kein bloßes theoretisches Mißverständnis,

keine bloße Verwechslung, sondern sie ist ein Ausdruck der bekannten

Tendenz jenes opportunistischen Flügels der Sozialdemokratie, der den

politischen Kampf der Arbeiterklasse auch tatsächlich auf den

parlamentarischen Kampf reduzieren und die Sozialdemokratie aus einer

revolutionären proletarischen in eine kleinbürgerliche Reformpartei

umwandeln will.[4] Wollte die Sozialdemokratie die Theorie von der

»Gleichberechtigung« der Gewerkschaften akzeptieren, so würde sie damit

in indirekter Weise und stillschweigend jene Verwandlung akzeptieren,

die von den Vertretern der opportunistischen Richtung längst angestrebt

wird.

[Fußnote 4: Da das Vorhandensein einer solchen Tendenz innerhalb der

deutschen Sozialdemokratie gewöhnlich geleugnet wird, so muß man die

Offenherzigkeit begrüßen, mit der die opportunistische Richtung neulich

ihre eigentlichen Ziele und Wünsche formuliert hat. In einer

Parteiversammlung in Mainz am 10. September d. J. wurde folgende von Dr.

_David_ vorgelegte Resolution angenommen:

»In der Erwägung, daß die sozialdemokratische Partei den Begriff

»Revolution« nicht im Sinne des gewaltsamen Umsturzes, sondern im

friedlichen Sinne der Entwicklung, d. h. der allmählichen Durchsetzung

eines neuen Wirtschaftsprinzips, auffaßt, lehnt die Mainzer öffentliche

Parteiversammlung jede »Revolutionsromantik« ab.

»Die Versammlung sieht in der Eroberung der politischen Macht nichts

anderes als die Eroberung der Mehrheit des Volkes für die Ideen und

Forderungen der Sozialdemokratie; eine Eroberung, die nicht geschehen

kann mit gewaltsamen Mitteln, sondern nur durch die Revolutionierung der

Köpfe auf dem Wege der geistigen Propaganda und der praktischen

Reformarbeit auf allen Gebieten des politischen, wirtschaftlichen und

sozialen Lebens.

In der Überzeugung, daß die Sozialdemokratie weit besser gedeiht bei den

gesetzlichen Mitteln als bei den ungesetzlichen und dem Umsturz, lehnt

die Versammlung die »_direkte Massenaktion_« als taktisches Prinzip ab

und hält an dem Prinzip der _parlamentarischen Reformation_ fest, d. h.,

sie wünscht, daß die Partei nach wie vor ernstlich bemüht ist, _auf dem

Wege der Gesetzgebung und der organischen Entwicklung allmählich unsere

Ziele zu erreichen_.

Die fundamentale Voraussetzung dieser reformatorischen Kampfesmethode

ist freilich, daß die _Möglichkeit der Anteilnahme der besitzlosen

Volksmasse an der Gesetzgebung_ im Reiche und in den Einzelstaaten nicht

verkürzt, sondern bis zur _vollen Gleichberechtigung_ erneuert wird. Aus

diesem Grunde hält es die Versammlung für ein unbestreitbares Recht der

Arbeiterschaft, zur Abwehr von Attentaten auf ihre gesetzlichen Rechte

sowie zur Erringung weiterer Rechte, wenn alle anderen Mittel versagen,

auch die Arbeit für kürzere oder längere Dauer zu verweigern.

Da der politische Massenstreik aber nur dann siegreich für die

Arbeiterschaft durchgeführt werden kann, wenn er sich _in streng

gesetzlichen Bahnen_ hält und seitens der Streikenden kein berechtigter

Anlaß zum Eingreifen der bewaffneten Macht geboten wird, so erblickt die

Versammlung die einzig notwendige und wirksame Vorbereitung auf den

Gebrauch dieses Kampfmittels in dem weiteren Ausbau der politischen,

gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Organisation. Denn nur

dadurch können die Voraussetzungen in der breiten Volksmasse geschaffen

werden, die den erfolgreichen Verlauf eines Massenstreiks garantieren:

zielbewußte Disziplin und einen geeigneten wirtschaftlichen Rückhalt.«]

Indes ist in Deutschland eine solche Verschiebung des Verhältnisses

innerhalb der Arbeiterbewegung unmöglicher als in irgend einem anderen

Lande. Das theoretische Verhältnis, wonach Gewerkschaften bloß ein Teil

der Sozialdemokratie sind, findet gerade in Deutschland seine klassische

Illustration in den Tatsachen, in der lebendigen Praxis, und zwar äußert

sich dies nach drei Richtungen hin. Erstens sind die deutschen

Gewerkschaften direkt ein Produkt der Sozialdemokratie; sie ist es, die

die Anfänge der jetzigen Gewerkschaftsbewegung in Deutschland geschaffen

hat, sie ist es, die sie großgezogen, sie liefert bis auf heute

ihre Leiter und die tätigsten Träger ihrer Organisation. Zweitens

sind die deutschen Gewerkschaften ein Produkt der Sozialdemokratie

auch in dem Sinne, daß die sozialdemokratische Lehre die Seele der

gewerkschaftlichen Praxis bildet, die Gewerkschaften verdanken ihre

Überlegenheit über alle bürgerlichen und konfessionellen Gewerkschaften

dem Gedanken des Klassenkampfes; ihre praktischen Erfolge, ihre Macht

sind ein Resultat des Umstandes, daß ihre Praxis von der Theorie des

wissenschaftlichen Sozialismus erleuchtet und über die Niederungen eines

engherzigen Empirismus gehoben ist. Die Stärke der »praktischen Politik«

der deutschen Gewerkschaften liegt in ihrer Einsicht in die tieferen

sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhänge der kapitalistischen

Ordnung; diese Einsicht verdanken sie aber niemand anderem, als der

Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus, auf der sie in ihrer Praxis

fußen. In diesem Sinne ist jenes Suchen nach der Emanzipierung der

Gewerkschaften von der sozialdemokratischen Theorie nach einer anderen

»gewerkschaftlichen Theorie« im Gegensatz zur Sozialdemokratie vom

Standpunkte der Gewerkschaften selbst und ihrer Zukunft nichts anderes,

als ein Selbstmordversuch. Die Loslösung der gewerkschaftlichen Praxis

von der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus würde für die

deutschen Gewerkschaften einen sofortigen Verlust der ganzen

Überlegenheit gegenüber allen bürgerlichen Gewerkschaftssorten, einen

Sturz von ihrer bisherigen Höhe auf das Niveau eines haltlosen Tastens

und reinen platten Empirismus bedeuten.

Endlich aber drittens sind die Gewerkschaften, wovon ihre Führer

allmählich das Bewußtsein verloren haben, auch direkt in ihrer

_zahlenmäßigen_ Stärke, ein Produkt der sozialdemokratischen Bewegung

und der sozialdemokratischen Agitation. Gewiß ging und geht die

gewerkschaftliche Agitation in manchen Gegenden der sozialdemokratischen

voran und überall ebnet die gewerkschaftliche Arbeit auch der

Parteiarbeit die Wege. Vom Standpunkte ihrer _Wirkung_ arbeiten Partei

und Gewerkschaften einander völlig in die Hand. Allein, wenn man das

Bild des Klassenkampfes in Deutschland im ganzen und in seinen tiefer

liegenden Zusammenhängen überblickt, so verschiebt sich das Verhältnis

erheblich. Manche Gewerkschaftsleiter pflegen gern mit einigem Triumph

von der stolzen Höhe ihrer 1¼ Millionen Mitglieder auf die armselige,

noch nicht volle halbe Million der organisierten Mitglieder der

Sozialdemokratie herabzublicken und sie an jene Zeiten vor 10 bis 12

Jahren zu erinnern, wo man in den Reihen der Sozialdemokratie über die

Perspektiven der gewerkschaftlichen Entwicklung noch pessimistisch

dachte. Sie bemerken gar nicht, dass zwischen diesen zwei Tatsachen: der

hohen Ziffer der Gewerkschaftsmitglieder und der niedrigen Ziffer der

sozialdemokratisch Organisierten in gewissem Maße _ein direkter kausaler

Zusammenhang besteht_. Tausende und Abertausende von Arbeitern treten

den Parteiorganisationen nicht bei, eben _weil_ sie in die

Gewerkschaften eintreten. Der Theorie nach müßten alle Arbeiter zweifach

organisiert sein: zweierlei Versammlungen besuchen, zweifache Beiträge

zahlen, zweierlei Arbeiterblätter lesen usw. Um dies jedoch zu tun, dazu

gehört schon ein hoher Grad der Intelligenz und jener Idealismus, der

aus reinem Pflichtgefühl gegenüber der Arbeiterbewegung tägliche Opfer

an Zeit und Geld nicht scheut, endlich auch jenes leidenschaftliche

Interesse für das eigentliche Parteileben, das nur durch die

Zugehörigkeit zur Parteiorganisation befriedigt werden kann. All das

trifft bei der aufgeklärtesten und intelligentesten Minderheit der

sozialdemokratischen Arbeiterschaft in den Großstädten zu, wo das

Parteileben ein inhaltreiches und anziehendes, wo die Lebenshaltung der

Arbeiter eine höhere ist. Bei den breiteren Schichten der

großstädtischen Arbeitermasse aber, sowie in der Provinz, in den

kleineren und kleinsten Nestern, wo das lokale politische Leben ein

unselbständiges, ein bloßer Reflex der hauptstädtischen Vorgänge, wo das

Parteileben folglich auch ein armes und monotones ist, wo endlich die

wirtschaftliche Lebenshaltung des Arbeiters meistens eine sehr

kümmerliche, da ist das doppelte Organisationsverhältnis sehr schwer

durchzuführen.

Für den sozialdemokratisch gesinnten Arbeiter aus der Masse wird dann

die Frage von selbst in der Weise gelöst, daß er eben seiner

Gewerkschaft beitritt. Den unmittelbaren Interessen seines

wirtschaftlichen Kampfes kann er nämlich, was durch die Natur dieses

Kampfes selbst bedingt ist, nicht anders genügen, als durch den Beitritt

zu einer Berufsorganisation. Der Beitrag, den er hier vielfach unter

bedeutenden Opfern seiner Lebenshaltung zahlt, bringt ihm unmittelbaren,

sichtlichen Nutzen. Seine sozialdemokratische Gesinnung aber vermag er

auch ohne Zugehörigkeit zu einer speziellen Parteiorganisation zu

betätigen: durch Stimmabgabe bei den Parlamentswahlen, durch den Besuch

sozialdemokratischer Volksversammlungen, durch das Verfolgen der

Berichte über sozialdemokratische Reden in den Vertretungskörpern, durch

das Lesen der Parteipresse -- man vergleiche zum Beispiel die Zahl der

sozialdemokratischen Wähler sowie die Abonnentenzahl des »Vorwärts« mit

der Zahl der organisierten Parteimitglieder in Berlin. Und, was das

Ausschlaggebende ist: der sozialdemokratisch gesinnte durchschnittliche

Arbeiter aus der Masse, der als einfacher Mann kein Verständnis für die

komplizierte und feine sogenannte »Zweiseelentheorie« haben kann, fühlt

sich eben auch in der Gewerkschaft _sozialdemokratisch_ organisiert.

Tragen die Zentralverbände auch kein offizielles Parteischild, so sieht

doch der Arbeitsmann aus der Masse in jeder Stadt und jedem Städtchen an

der Spitze seiner Gewerkschaft als die tätigsten Leiter diejenigen

Kollegen, die er auch als Genossen, als Sozialdemokraten aus dem

öffentlichen Leben kennt: bald als sozialdemokratische Reichstags-,

Landtags- oder Gemeindeabgeordnete, bald als sozialdemokratische

Vertrauensmänner, Wahlvereinsvorstände, Parteiredakteure,

Parteisekretäre, oder einfach als Redner und Agitatoren. Er hört ferner

in der Agitation in seiner Gewerkschaft meistens dieselben ihm lieb und

verständlich gewordenen Gedanken über die kapitalistische Ausbeutung,

über Klassenverhältnisse, die er auch aus der sozialdemokratischen

Agitation kennt; ja die meisten und beliebtesten Redner in den

Gewerkschaftsversammlungen sind eben bekannte Sozialdemokraten.

So wirkt alles dahin, dem klassenbewußten Durchschnittsarbeiter das

Gefühl zu geben, daß er, indem er sich gewerkschaftlich organisiert,

dadurch auch seiner Arbeiterpartei angehört, sozialdemokratisch

organisiert ist. _Und darin liegt eben die eigentliche Werbekraft der

deutschen Gewerkschaften_. Nicht dank dem Schein der Neutralität,

sondern dank der sozialdemokratischen Wirklichkeit ihres Wesens,

haben es die Zentralverbände vermocht, ihre heutige Stärke zu

erreichen. Dies ist einfach durch dieselbe Mitexistenz verschiedener

bürgerlich-parteilicher: katholischer, Hirsch-Dunckerscher &c.

Gewerkschaften begründet, durch die man eben die Notwendigkeit jener

politischen »Neutralität« zu begründen sucht. Wenn der deutsche

Arbeiter, der die volle freie Wahl hat, sich einer christlichen,

katholischen, evangelischen oder freisinnigen Gewerkschaft

anzuschließen, keine von diesen, sondern die »freie Gewerkschaft«

wählt, oder gar aus jenen in diese übertritt, so tut er dies nur,

weil er die Zentralverbände als ausgesprochene Organisationen des

modernen Klassenkampfes, oder, was in Deutschland dasselbe, als

sozialdemokratische Gewerkschaften auffaßt. Kurz: der Schein der

»Neutralität«, der für manche Gewerkschaftsführer existiert, besteht für

die Masse der gewerkschaftlich Organisierten nicht. Und dies ist das

ganze Glück der Gewerkschaftsbewegung. Sollte jener Schein der

»Neutralität«, jene Entfremdung und Loslösung der Gewerkschaften von der

Sozialdemokratie zur Wahrheit und namentlich in den Augen der

proletarischen Masse zur Wirklichkeit werden, dann würden die

Gewerkschaften sofort ihren ganzen Vorzug gegenüber den bürgerlichen

Konkurrenzverbänden und damit auch ihre Werbekraft, ihr belebendes

Feuer, verlieren. Das Gesagte wird durch allgemein bekannte Tatsachen

schlagend bewiesen. Der Schein der partei-politischen »Neutralität« der

Gewerkschaften konnte nämlich als Anziehungsmittel hervorragende Dienste

leisten in einem Lande, wo die Sozialdemokratie selbst keinen Kredit bei

den Massen besitzt, wo ihr Odium einer Arbeiterorganisation in den Augen

der Masse noch eher schadet als nützt, wo mit einem Wort die

Gewerkschaften ihre Truppen erst aus einer ganz unaufgeklärten,

bürgerlich gesinnten Masse selbst rekrutieren müssen.

Das Muster eines solchen Landes war das ganze vorige Jahrhundert

hindurch und ist auch heute noch in gewissem Maße -- _England_. In

Deutschland jedoch liegen die Parteiverhältnisse ganz anders. In einem

Lande, wo die Sozialdemokratie die mächtigste politische Partei ist, wo

ihre Werbekraft durch ein Heer von über drei Millionen Proletariern

dargestellt wird, da ist es lächerlich, von dem abschreckenden Odium der

Sozialdemokratie zu sprechen und von bei Notwendigkeit einer

Kampforganisation der Arbeiter, die politische Neutralität zu wahren.

Die bloße Zusammenstellung der Ziffer der sozialdemokratischen Wähler

mit den Ziffern der gewerkschaftlichen Organisationen in Deutschland

genügt, um für jedes Kind klar zu machen, daß die deutschen

Gewerkschaften ihre Truppen nicht, wie in England, aus der

unaufgeklärten bürgerlich gesinnten Masse, sondern aus der Masse der

bereits durch die Sozialdemokratie aufgerüttelten und für den Gedanken

des Klassenkampfes gewonnenen Proletarier, aus der sozialdemokratischen

Wählermasse werben. Manche Gewerkschaftsführer weisen mit Entrüstung --

dies ein Requisit der »Neutralitätstheorie« -- den Gedanken von sich,

die Gewerkschaften als Rekrutenschule für die Sozialdemokratie zu

betrachten. Tatsächlich ist diese ihnen so beleidigend erscheinende, in

Wirklichkeit höchst schmeichelhafte Zumutung in Deutschland durch den

einfachen Umstand zur Phantasie gemacht, weil die Verhältnisse meistens

umgekehrt liegen; es ist die Sozialdemokratie, die in Deutschland die

Rekrutenschule für die Gewerkschaften bildet. Wenn auch das

Organisationswerk der Gewerkschaften meistens noch ein sehr schweres und

mühseliges ist, so ist, abgesehen von manchen Gegenden und Fällen, im

großen und ganzen nicht bloß der Boden bereits durch den

sozialdemokratischen Pflug urbar gemacht worden, sondern die

gewerkschaftliche Saat selbst und endlich der Säemann müssen auch noch

»rot«, sozialdemokratisch sein, damit die Ernte gedeiht. Wenn wir aber

auf diese Weise die gewerkschaftlichen Stärkezahlen nicht mit den

sozialdemokratischen Organisationen, sondern, was das einzig richtige

ist, mit der sozialdemokratischen Wählermasse vergleichen, so kommen wir

zu einem Schluß, der von der landläufigen Vorstellung in dieser Hinsicht

bedeutend abweicht. Es stellt sich nämlich heraus, daß die »freien

Gewerkschaften« heute tatsächlich noch die Minderheit der

klassenbewußten Arbeiterschaft Deutschlands darstellen, haben sie doch

mit ihrer 1¼ Million Organisierter noch nicht die Hälfte der von der

Sozialdemokratie aufgerüttelten Masse ausschöpfen können.

Der wichtigste Schluß aus den angeführten Tatsachen ist der, daß die für

die kommenden Massenkämpfe in Deutschland unbedingt notwendige völlige

_Einheit_ der gewerkschaftlichen und der sozialdemokratischen

Arbeiterbewegung _tatsächlich vorhanden ist_, und zwar ist sie

verkörpert in der breiten Masse, die gleichzeitig die Basis der

Sozialdemokratie wie der Gewerkschaften bildet und in deren Bewußtsein

beide Seiten der Bewegung zu einer geistigen Einheit verschmolzen sind.

Der angebliche Gegensatz zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften

schrumpft bei dieser Sachlage zu einem Gegensatz zwischen der

Sozialdemokratie und einem gewissen Teil der Gewerkschaftsbeamten

zusammen, der aber zugleich ein Gegensatz innerhalb der Gewerkschaften

zwischen diesem Teil der Gewerkschaftsführer und der gewerkschaftlich

organisierten proletarischen Masse ist.

Das starke Wachstum der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland im Laufe

der letzten 15 Jahre, besonders in der Periode der wirtschaftlichen

Hochkonjunktur 1895-1900, hat von selbst eine große Verselbständigung

der Gewerkschaften, eine Spezialisierung ihrer Kampfmethoden und ihrer

Leitung und endlich das Aufkommen eines regelrechten gewerkschaftlichen

Beamtenstandes mit sich gebracht. All diese Erscheinungen sind ein

vollkommen erklärliches und natürliches geschichtliches Produkt des

fünfzehnjährigen Wachstums der Gewerkschaften, ein Produkt der

wirtschaftlichen Prosperität und der politischen Windstille in

Deutschland. Sie sind, wenn auch von gewissen Übelständen

unzertrennlich, doch zweifellos ein historisch notwendiges Übel. Allein

die Dialektik der Entwicklung bringt es eben mit sich, daß diese

notwendigen Förderungsmittel des gewerkschaftlichen Wachstums auf einer

gewissen Höhe der Organisation und bei einem gewissen Reifegrad der

Verhältnisse in ihr Gegenteil, in Hemmnisse des weiteren Wachstums

umschlagen.

Die Spezialisierung ihrer Berufstätigkeit als gewerkschaftlicher Leiter

sowie der naturgemäß enge Gesichtskreis, der mit den zersplitterten

ökonomischen Kämpfen in einer ruhigen Periode verbunden ist, führen bei

den Gewerkschaftsbeamten nur zu leicht zum Bureaukratismus und zu einer

gewissen Enge der Auffassung. Beides äußert sich aber in einer ganzen

Reihe von Tendenzen, die für die Zukunft der gewerkschaftlichen Bewegung

selbst höchst verhängnisvoll werden könnten. Dahin gehört vor allem die

Überschätzung der Organisation, die aus einem Mittel zum Zweck

allmählich in einen Selbstzweck, in ein höchstes Gut verwandelt wird,

dem die Interessen des Kampfes untergeordnet werden sollen. Daraus

erklärt sich auch jenes offen zugestandene Ruhebedürfnis, das vor einem

größeren Risiko und vor vermeintlichen Gefahren für den Bestand der

Gewerkschaften, vor der Ungewißheit größerer Massenaktionen

zurückschreckt, ferner die Überschätzung der gewerkschaftlichen

Kampfesweise selbst, ihrer Aussichten und ihrer Erfolge. Die beständig

von dem ökonomischen Kleinkrieg absorbierten Gewerkschaftsleiter, die

es zur Aufgabe haben, den Arbeitermassen den hohen Wert jeder noch

so geringen ökonomischen Errungenschaft, jeder Lohnerhöhung oder

Verkürzung der Arbeitszeit plausibel zu machen, kommen allmählich

dahin, daß sie selbst die größeren Zusammenhänge und den Überblick

über die Gesamtlage verlieren. Nur dadurch kann erklärt werden, daß

manche Gewerkschaftsführer z. B. mit so großer Genugtuung auf die

Errungenschaften der letzten 15 Jahre, auf die Millionen Mark

Lohnerhöhungen hinweisen, anstatt umgekehrt den Nachdruck auf die andere

Seite der Medaille zu legen: auf die gleichzeitig stattgefundene

ungeheure Herabdrückung der proletarischen Lebenshaltung durch den

Brotwucher, durch die gesamte Steuer- und Zollpolitik, durch den

Bodenwucher, der die Wohnungsmieten in so exorbitanter Weise in die Höhe

getrieben hat, mit einem Wort, auf all die objektiven Tendenzen der

bürgerlichen Politik, die jene Errungenschaften der 15jährigen

gewerkschaftlichen Kämpfe zu einem großen Teil wieder wett machen. Aus

der _ganzen_ sozialdemokratischen Wahrheit, die neben der Betonung der

Gegenwartsarbeit und ihrer absoluten Notwendigkeit das Hauptgewicht auf

die _Kritik_ und die Schranken dieser Arbeit legt, wird so die _halbe_

gewerkschaftliche Wahrheit zurechtgestutzt, die nur das Positive des

Tageskampfes hervorhebt. Und schließlich wird aus dem Verschweigen der

dem gewerkschaftlichen Kampfe gezogenen objektiven Schranken der

bürgerlichen Gesellschaftsordnung eine direkte Feindseligkeit gegen jede

theoretische Kritik, die auf diese Schranken im Zusammenhang mit den

Endzielen der Arbeiterbewegung hinweist. Die unbedingte Lobhudelei, der

grenzenlose Optimismus werden zur Pflicht jedes »Freundes der

Gewerkschaftsbewegung« gemacht. Da aber der sozialdemokratische

Standpunkt gerade in der Bekämpfung des kritiklosen gewerkschaftlichen

Optimismus, ganz wie in der Bekämpfung des kritiklosen parlamentarischen

Optimismus besteht, so wird schließlich gegen die sozialdemokratische

Theorie selbst Front gemacht: man sucht tastend nach einer »neuen

gewerkschaftlichen Theorie«, d. h. nach einer Theorie, die den

gewerkschaftlichen Kämpfen im Gegensatz zur sozialdemokratischen Lehre

auf dem Boden der kapitalistischen Ordnung ganz unbeschränkte

Perspektiven des wirtschaftlichen Aufstiegs eröffnen wurde. Eine solche

Theorie existiert freilich schon seit geraumer Zeit: es ist dies die

Theorie von Prof. _Sombart_, die ausdrücklich mit der Absicht

aufgestellt wurde, einen Keil zwischen die Gewerkschaften und die

Sozialdemokratie in Deutschland zu treiben und die Gewerkschaften auf

bürgerlichen Boden hinüberzulocken.

Im engen Zusammenhang mit diesen theoretischen Tendenzen steht ein

Umschwung im Verhältnis der Führer zur Masse. An Stelle der kollegialen

Leitung durch lokale Kommissionen mit ihren zweifellosen

Unzulänglichkeiten tritt die geschäftsmäßige Leitung des

Gewerkschaftsbeamten. Die Initiative und die Urteilsfähigkeit werden

damit sozusagen zu seiner Berufsspezialität, während der Masse

hauptsächlich die mehr passive Tugend der Disziplin obliegt. Diese

Schattenseiten des Beamtentums bergen sicherlich auch für die Partei

bedeutende Gefahren in sich, die sich aus der jüngsten Steuerung, aus

der Anstellung der lokalen Parteisekretäre, seht leicht ergeben können,

wenn die sozialdemokratische Masse nicht darauf bedacht sein wird, daß

die genannten Sekretäre reine Vollziehungsorgane bleiben und nicht etwa

als die berufenen Träger der Initiative und der Leitung des lokalen

Parteilebens betrachtet werden. Allein dem Bureaukratismus sind in der

Sozialdemokratie durch die Natur der Sache, durch den Charakter des

politischen Kampfes selbst engere Grenzen gezogen, als im

Gewerkschaftsleben. Hier bringt gerade die technische Spezialisierung

der Lohnkämpfe, z. B. der Abschluß von komplizierten Tarifverträgen und

dergleichen, mit sich, daß der Masse der Organisierten häufig der

»Überblick über das gesamte Gewerbsleben« abgesprochen und damit ihre

Urteilsunfähigkeit begründet wird. Eine Blüte dieser Auffassung ist

namentlich auch die Argumentation, mit der jede theoretische Kritik an

den Aussichten und Möglichkeiten der Gewerkschaftspraxis verpönt wird,

weil sie angeblich eine Gefahr für die gewerkschaftsfromme Gesinnung der

Masse darstelle. Es wird dabei von der Ansicht ausgegangen, daß die

Arbeitermasse nur bei blindem, kindlichen Glauben an das Heil des

Gewerkschaftskampfes für die Organisation gewonnen und erhalten werden

könne. Im Gegensatz zur Sozialdemokratie, die gerade auf der Einsicht

der Masse in die Widersprüche der bestehenden Ordnung und in die ganze

komplizierte Natur ihrer Entwicklung, auf dem kritischen Verhalten der

Masse zu allen Momenten und Stadien des eigenen Klassenkampfes ihren

Einfluß basiert, wird der Einfluß und die Macht der Gewerkschaften nach

dieser verkehrten Theorie auf der Kritik- und Urteilslosigkeit der Masse

gegründet. »Dem Volke muß der Glaube erhalten werden« -- dies der

Grundsatz, aus dem heraus manche Gewerkschaftsbeamten alle Kritik an den

objektiven Unzulänglichkeiten der Gewerkschaftsbewegung zu einem

Attentat auf diese Bewegung selbst stempeln. Und endlich ein Resultat

dieser Spezialisierung und dieses Bureaukratismus unter den

Gewerkschaftsbeamten ist auch die starke Verselbständigung und die

»Neutralität« der Gewerkschaften gegenüber der Sozialdemokratie. Die

äußere Selbständigkeit der gewerkschaftlichen Organisation hat sich mit

ihrem Wachstum als eine natürliche Bedingung ergeben, als ein

Verhältnis, das aus der technischen Arbeitsteilung zwischen der

politischen und der gewerkschaftlichen Kampfform erwächst. Die

»Neutralität« der deutschen Gewerkschaften kam ihrerseits als ein

Produkt der reaktionären Vereinsgesetzgebung, des preußisch-deutschen

Polizeistaates auf. Mit der Zeit haben beide Verhältnisse ihre Natur

geändert. Aus dem polizeilich erzwungenen Zustand der politischen

»Neutralität« der Gewerkschaften ist nachträglich eine Theorie ihrer

freiwilligen Neutralität als einer angeblich in der Natur des

Gewerkschaftskampfes selbst begründeten Notwendigkeit zurechtgemacht

worden. Und die technische Selbständigkeit der Gewerkschaften, die

auf praktischer Arbeitsteilung innerhalb des einheitlichen

sozialdemokratischen Klassenkampfes beruhen sollte, ist in die

Lostrennung der Gewerkschaften von der Sozialdemokratie, von ihren

Ansichten und von ihrer Führung, in die sogenannte »Gleichberechtigung«

mit der Sozialdemokratie umgewandelt.

Dieser Schein der Lostrennung und der Gleichstellung der Gewerkschaften

mit der Sozialdemokratie wird aber hauptsächlich in den

Gewerkschaftsbeamten verkörpert, durch den Verwaltungsapparat der

Gewerkschaften genährt. Äußerlich ist durch die Nebenexistenz eines

ganzen Stabes von Gewerkschaftsbeamten, einer gänzlich unabhängigen

Zentrale, einer zahlreichen Berufspresse und endlich der

gewerkschaftlichen Kongresse der Schein einer völligen Parallelität mit

dem Verwaltungsapparat der Sozialdemokratie, dem Parteivorstand, der

Parteipresse und den Parteitagen geschaffen. Diese Illusion der

Gleichstellung zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften hat auch

u. a. zu der monströsen Erscheinung geführt, daß auf den

sozialdemokratischen Parteitagen und den gewerkschaftlichen Kongressen

zum Teil ganz analoge Tagesordnungen behandelt und zu derselben Frage

verschiedene, ja, direkt entgegengesetzte Beschlüsse gefaßt werden. Aus

der natürlichen Arbeitsteilung zwischen dem Parteitag, der die

allgemeinen Interessen und Aufgaben der Arbeiterbewegung vertritt, und

den Gewerkschaftskonferenzen, die das viel engere Gebiet der speziellen

Fragen und Interessen des beruflichen Tageskampfes behandeln, ist der

künstliche Zwiespalt zwischen einer angeblichen gewerkschaftlichen und

einer sozialdemokratischen Weltanschauung in bezug auf _dieselben_

allgemeinen Fragen und Interessen der Arbeiterbewegung konstruiert

worden.

So hat sich der eigenartige Zustand herausgebildet, daß dieselbe

Gewerkschaftsbewegung, die mit der Sozialdemokratie unten, in der

breiten proletarischen Masse, vollständig eins ist, oben, in dem

Verwaltungsüberbau, von der Sozialdemokratie schroff abspringt und sich

ihr gegenüber als eine unabhängige zweite Großmacht aufrichtet. Die

deutsche Arbeiterbewegung bekommt dadurch die eigentümliche Form einer

Doppelpyramide, deren Basis und Körper aus einem Massiv besteht, deren

beide Spitzen aber weit auseinanderstehen.

Es ist aus dem Dargelegten klar, auf welchem Wege allein in natürlicher

und erfolgreicher Weise jene kompakte Einheit der deutschen

Arbeiterbewegung geschaffen werden kann, die im Hinblick auf die

kommenden politischen Klassenkämpfe, sowie im eigenen Interesse der

weiteren Entwicklung der Gewerkschaften, unbedingt notwendig ist. Nichts

wäre verkehrter und hoffnungsloser, als die erstrebte Einheit auf dem

Wege sporadischer oder periodischer Verhandlungen über Einzelfragen der

Arbeiterbewegung zwischen der sozialdemokratischen Parteileitung und der

gewerkschaftlichen Zentrale herstellen zu wollen. Gerade die obersten

Organisationsspitzen der beiden Formen der Arbeiterbewegung verkörpern,

wie wir gesehen, ihre Trennung und Verselbständigung in sich, sind also

selbst Träger der Illusion von der »Gleichberechtigung« und der

Parallelexistenz der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften. Die

Einheit der beiden durch die Verbindung des Parteivorstandes und der

Generalkommission herstellen wollen, hieße eine Brücke gerade dort

bauen, wo der Abstand am weitesten und der Übergang am schwersten ist.

Nicht oben, in den Spitzen der Organisationsleitungen und ihrem

föderativen Bündnis, sondern unten in der organisierten proletarischen

Masse liegt die Gewähr für die wirkliche Einheit der Arbeiterbewegung.

Im Bewußtsein der Million Gewerkschaftsmitglieder sind Partei und

Gewerkschaften tatsächlich _Eins_, sie sind nämlich der

_sozialdemokratische_ Emanzipationskampf des Proletariats in

verschiedenen Formen. Und daraus ergibt sich auch von selbst die

Notwendigkeit, zur Beseitigung jener Reibungen, die sich zwischen der

Sozialdemokratie und einem Teil der Gewerkschaften ergeben haben, ihr

gegenseitiges Verhältnis dem Bewußtsein der proletarischen Masse

anzupassen, d. h. _die Gewerkschaften der Sozialdemokratie wieder

anzugliedern_. Es wird damit nur die Synthese der tatsächlichen

Entwicklung zum Ausdruck gebracht, die es von der ursprünglichen

Inkorporation der Gewerkschaften zu ihrer Ablösung von der

Sozialdemokratie geführt hatte, um nachher durch die Periode des starken

Wachstums sowohl der Gewerkschaften wie der Sozialdemokratie die

kommende Periode großer proletarischer Massenkämpfe vorzubereiten, damit

aber die Wiedervereinigung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften

im Interesse beider zur Notwendigkeit zu machen.

Es handelt sich dabei selbstverständlich nicht etwa um die Auflösung des

jetzigen gewerkschaftlichen Aufbaues in der Partei, sondern es handelt

sich um die Herstellung jenes natürlichen Verhältnisses zwischen der

Leitung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften, zwischen

Parteitagen und Gewerkschaftskongressen, die dem tatsächlichen

Verhältnis zwischen der Arbeiterbewegung im ganzen und ihrer

gewerkschaftlichen Teilerscheinung entspricht. Ein solcher Umschwung

wird, wie es nicht anders gehen kann, eine heftige Opposition eines

Teils der Gewerkschaftsführer hervorrufen. Allein es ist hohe Zeit, daß

die sozialdemokratische Arbeitermasse lernt, ihre Urteilsfähigkeit und

Aktionsfähigkeit zum Ausdruck zu bringen, und damit ihre Reife für jene

Zeiten großer Kämpfe und großer Aufgaben darzutun, in denen sie, die

Masse, der handelnde Chorus, die Leitungen nur die »sprechenden

Personen«, d. h., die Dolmetscher des Massenwillens sein sollen.

Die Gewerkschaftsbewegung ist nicht das, was sich in den vollkommen

erklärlichen, aber irrtümlichen Illusionen einer Minderheit der

Gewerkschaftsführer spiegelt, sondern das, was im Bewußtsein der großen

Masse der für den Klassenkampf gewonnenen Proletarier lebt. In diesem

Bewußtsein ist die Gewerkschaftsbewegung ein Stück der Sozialdemokratie.

»Und was sie ist, das wage sie zu scheinen.«

Druck: Hamburger Buchdruckerei und Verlagsanstalt Auer & Co. in Hamburg.

Massenstreik, Partei und Gewerkschaften · 第 10 / 10 题