VII.

Wir haben gesehen, daß der Massenstreik in Rußland nicht ein künstliches

Produkt einer absichtlichen Taktik der Sozialdemokratie, sondern eine

natürliche geschichtliche Erscheinung auf dem Boden der jetzigen

Revolution darstellt. Welche sind nun die Momente, die in Rußland diese

neue Erscheinungsform der Revolution hervorgebracht haben?

Die russische Revolution hat zur nächsten Aufgabe die Beseitigung

des Absolutismus und die Herstellung eines modernen

bürgerlich-parlamentarischen Rechtsstaates. Formell ist es genau

dieselbe Aufgabe, die in Deutschland der Märzrevolution, in Frankreich

der großen Revolution am Ausgang des 18. Jahrhunderts bevorstand. Allein

die Verhältnisse, das geschichtliche Milieu, in dem diese formell

analogen Revolutionen stattfanden, sind grundverschieden von den

heutigen Rußlands. Das Entscheidende ist der Umstand, daß zwischen jenen

bürgerlichen Revolutionen des Westens und der heutigen bürgerlichen

Revolution im Osten der ganze Cyklus der kapitalistischen Entwicklung

abgelaufen ist. Und zwar hatte diese Entwicklung nicht bloß die

westeuropäischen Länder, sondern auch das absolutistische Rußland

ergriffen. Die Großindustrie mit allen ihren Konsequenzen, der modernen

Klassenscheidung, den schroffen sozialen Kontrasten, dem modernen

Großstadtleben und dem modernen Proletariat, ist in Rußland die

herrschende, d. h. in der sozialen Entwicklung ausschlaggebende

Produktionsform geworden. Daraus hat sich aber die merkwürdige,

widerspruchsvolle, geschichtliche Situation ergeben, daß die nach ihren

formellen Aufgaben bürgerliche Revolution in erster Reihe von einem

modernen klassenbewußten Proletariat ausgeführt wird, und in einem

internationalen Milieu, das im Zeichen des Verfalls der bürgerlichen

Demokratie steht. Nicht die Bourgeoisie ist jetzt das führende

revolutionäre Element, wie in den früheren Revolutionen des Westens,

während die proletarische Masse, aufgelöst im Kleinbürgertum, der

Bourgeoisie Heerbanndienste leistet, sondern umgekehrt, das

klassenbewußte Proletariat ist das führende und treibende Element,

während die großbürgerlichen Schichten teils direkt kontrerevolutionär,

teils schwächlich-liberal, und nur das ländliche Kleinbürgertum nebst

der städtischen kleinbürgerlichen Intelligenz entschieden oppositionell,

ja revolutionär gesinnt sind. Das russische Proletariat aber, das

dermaßen zur führenden Rolle in der bürgerlichen Revolution bestimmt

ist, tritt selbst frei von allen Illusionen der bürgerlichen Demokratie,

dafür mit einem stark entwickelten Bewußtsein der eigenen spezifischen

Klasseninteressen, bei einem scharf zugespitzten Gegensatz zwischen

Kapital und Arbeit, in den Kampf. Dieses widerspruchsvolle Verhältnis

findet seinen Ausdruck in der Tatsache, daß in dieser formell

bürgerlichen Revolution der Gegensatz der bürgerlichen Gesellschaft zum

Absolutismus von dem Gegensatz des Proletariats zur bürgerlichen

Gesellschaft beherrscht wird, daß der Kampf des Proletariats sich mit

gleicher Kraft gleichzeitig gegen den Absolutismus und gegen die

kapitalistische Ausbeutung richtet, daß das Programm der revolutionären

Kämpfe mit gleichem Nachdruck auf die politische Freiheit und auf die

Eroberung des Achtstundentages sowie einer menschenwürdigen materiellen

Existenz für das Proletariat gerichtet ist. Dieser zwiespältige

Charakter der russischen Revolution äußert sich in jener innigen

Verbindung und Wechselwirkung des ökonomischen mit dem politischen

Kampf, die wir an der Hand der Vorgänge in Rußland kennen gelernt haben,

und die ihren entsprechenden Ausdruck eben im Massenstreik findet.

In den früheren bürgerlichen Revolutionen, wo einerseits die politische

Schulung und Anführung der revolutionären Masse von den bürgerlichen

Parteien besorgt wurde und wo es sich anderseits um den nackten Sturz

der alten Regierung handelte, war die kurze Barrikadenschlacht die

passende Form des revolutionären Kampfes. Heute, wo die Arbeiterklasse

sich selbst im Laufe des revolutionären Kampfes aufklären, selbst

sammeln und selbst anführen muß, und wo die Revolution ihrerseits ebenso

gegen die alte Staatsgewalt wie gegen die kapitalistische Ausbeutung

gerichtet ist, erscheint der Massenstreik als das natürliche Mittel, die

breitesten proletarischen Schichten in der Aktion selbst zu rekrutieren,

zu revolutionieren und zu organisieren, ebenso wie es gleichzeitig ein

Mittel ist, die alte Staatsgewalt zu unterminieren und zu stürzen und

die kapitalistische Ausbeutung einzudämmen. Das städtische

Industrieproletariat ist jetzt die Seele der Revolution in Rußland. Um

aber irgend eine direkte politische Aktion als Masse auszuführen, muß

sich das Proletariat erst zur Masse wieder sammeln und zu diesem Behufe

muß es vor allem aus Fabriken und Werkstätten, aus Schächten und Hütten

heraustreten, muß es die Pulverisierung und Zerbröckelung in den

Einzelwerkstätten überwinden, zu der es im täglichen Joch des Kapitals

verurteilt ist. Der Massenstreik ist somit die erste natürliche,

impulsive Form jeder großen revolutionären Aktion des Proletariats, und

je mehr die Industrie die vorherrschende Form der sozialen Wirtschaft,

je hervorragender die Rolle des Proletariats in der Revolution und je

entwickelter der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, um so mächtiger

und ausschlaggebender müssen die Massenstreiks werden. Die frühere

Hauptform der bürgerlichen Revolutionen, die Barrikadenschlacht, die

offene Begegnung mit der bewaffneten Macht des Staates, ist in der

heutigen Revolution nur ein äußerster Punkt, nur ein Moment in dem

ganzen Prozeß des proletarischen Massenkampfes.

Und damit ist in der neuen Form der Revolution auch jene Zivilisierung

und Milderung der Klassenkämpfe erreicht, die von den Opportunisten der

deutschen Sozialdemokratie, von den Bernstein, David u. a. prophetisch

vorausgesagt wurde. Die Genannten erblickten freilich die ersehnte

Milderung und Zivilisierung des Klassenkampfes, im Geiste

kleinbürgerlich-demokratischer Illusionen, darin, daß der Klassenkampf

ausschließlich zu einem parlamentarischen Kampf beschränkt und die

Straßenrevolution einfach abgeschafft wird. Die Geschichte hat die

Lösung in einer etwas tieferen und feineren Weise gefunden: in dem

Aufkommen des revolutionären Massenstreiks, der freilich den nackten

brutalen Straßenkampf durchaus nicht ersetzt und nicht überflüssig

macht, ihn aber bloß zu einem Moment der langen politischen Kampfperiode

reduziert und gleichzeitig mit der Revolutionsperiode ein enormes

Kulturwerk im genauesten Sinne dieses Wortes verbindet: die materielle

und geistige Hebung der gesamten Arbeiterklasse durch die

»Zivilisierung« der barbarischen Formen der kapitalistischen Ausbeutung.

So erweist sich der Massenstreik also nicht als ein spezifisch

russisches, aus dem Absolutismus entsprungenes Produkt, sondern als eine

allgemeine Form des proletarischen Klassenkampfes, die sich aus dem

gegenwärtigen Stadium der kapitalistischen Entwicklung und der

Klassenverhältnisse ergibt. Die drei bürgerlichen Revolutionen: die

große französische, die deutsche Märzrevolution und die jetzige

russische bilden von diesem Standpunkt eine Kette der fortlaufenden

Entwicklung, in der sich das Glück und Ende des kapitalistischen

Jahrhunderts spiegelt. In der großen französischen Revolution geben die

noch ganz unentwickelten inneren Widersprüche der bürgerlichen

Gesellschaft für eine lange Periode gewaltiger Kämpfe Raum, wo sich alle

die erst in der Hitze der Revolution rasch aufkeimenden und reifenden

Gegensätze ungehindert und ungezwungen mit rücksichtslosem Radikalismus

austoben. Ein halbes Jahrhundert später wird die auf halbem Wege der

kapitalistischen Entwicklung ausgebrochene Revolution des deutschen

Bürgertums schon durch den Gegensatz der Interessen und das

Gleichgewicht der Kräfte zwischen Kapital und Arbeit in der Mitte

unterbunden und durch einen bürgerlich-feudalen Kompromiß erstickt, zu

einer kurzen, kläglichen, mitten im Worte verstummten Episode abgekürzt.

Noch ein halbes Jahrhundert, und die heutige russische Revolution steht

auf einem Punkt des geschichtlichen Weges, der bereits über den Berg,

über den Höhepunkt der kapitalistischen Gesellschaft hinweggeschritten

ist, wo die bürgerliche Revolution nicht mehr durch den Gegensatz

zwischen Bourgeoisie und Proletariat erstickt werden kann, sondern

umgekehrt zu einer neuen, langen Periode gewaltigster sozialer Kämpfe

entfaltet wird, in denen die Begleichung der alten Rechnung mit dem

Absolutismus als eine Kleinigkeit erscheint gegen die vielen neuen

Rechnungen, die die Revolution selbst aufmacht. Die heutige Revolution

realisiert somit in der besonderen Angelegenheit des absolutistischen

Rußland zugleich die allgemeinen Resultate der internationalen

kapitalistischen Entwicklung und erscheint weniger ein letzter

Nachläufer der alten bürgerlichen, wie ein Vorläufer der neuen Serie der

proletarischen Revolutionen des Westens. Das zurückgebliebenste Land

weist, gerade weil es sich mit seiner bürgerlichen Revolution so

unverzeihlich verspätet hat, Wege und Methoden des weiteren

Klassenkampfes dem Proletariat Deutschlands und der vorgeschrittensten

kapitalistischen Länder.

Demnach erscheint es, auch von dieser Seite genommen, gänzlich verfehlt,

die russische Revolution als ein schönes Schauspiel, als etwas

spezifisch »Russisches« von weitem zu betrachten und höchstens das

Heldentum der Kämpfer, d. h. die äußeren Akzessorien des Kampfes zu

bewundern. Viel wichtiger ist es, daß die deutschen Arbeiter die

russische Revolution _als ihre eigene Angelegenheit_ zu betrachten

lernen, nicht bloß im Sinne der internationalen Klassensolidarität mit

dem russischen Proletariat, sondern vor allem als _ein Kapitel der

eigenen sozialen und politischen Geschichte_. Diejenigen

Gewerkschaftsführer und Parlamentarier, die das deutsche Proletariat als

»zu schwach« und die deutschen Verhältnisse als zu unreif für

revolutionäre Massenkämpfe betrachten, haben offenbar keine Ahnung

davon, daß der Gradmesser der Reife der Klassenverhältnisse in

Deutschland und der Macht des Proletariats nicht in den Statistiken der

deutschen Gewerkschaften oder in den Wahlstatistiken liegt, sondern --

in den Vorgängen der russischen Revolution. Genau so, wie sich die Reife

der französischen Klassengegensätze unter der Julimonarchie und die

Pariser Junischlacht in der deutschen Märzrevolution, in ihrem Verlauf

und ihrem Fiasko spiegelte, ebenso spiegelt sich heute die Reife der

deutschen Klassengegensätze in den Vorgängen, in der Macht der

russischen Revolution. Und während die Bureaukraten der deutschen

Arbeiterbewegung den Nachweis ihrer Kraft und ihrer Reife in den

Schubfächern ihrer Kontore auskramen, sehen sie nicht, daß das Gesuchte

gerade vor ihren Augen in einer großen historischen Offenbarung liegt,

denn geschichtlich genommen ist die russische Revolution ein Reflex der

Macht und der Reife der internationalen, also in erster Linie der

deutschen Arbeiterbewegung.

Es wäre deshalb ein gar zu klägliches, grotesk winziges Resultat der

russischen Revolution, wollte das deutsche Proletariat aus ihr bloß die

Lehre ziehen, daß es -- wie die Gen. Frohme, Elm und andere wollen --

von der russischen Revolution die äußere Form des Kampfes, den

Massenstreik entlehnt und zu einer Vorratskanone für den Fall der

Kassierung des Reichstagswahlrechts, also zu einem passiven Mittel der

parlamentarischen Defensive kastriert. Wenn man uns das

Reichstagswahlrecht nimmt, dann wehren wir uns. Das ist ein ganz

selbstverständlicher Entschluß. Aber zu diesem Entschluß braucht man

sich nicht in die heldenhafte Pose eines Danton zu werfen, wie es z. B.

Genosse Elm in Jena getan; denn die Verteidigung des bereits besessenen

bescheidenen Maßes der parlamentarischen Rechte ist weniger eine

himmelstürmende Neuerung, zu der erst die furchtbaren Hekatomben der

russischen Revolution als Ermunterung notwendig waren, als vielmehr die

einfachste und erste Pflicht jeder Oppositionspartei. Allein die bloße

Defensive darf niemals die Politik des Proletariats in einer

Revolutionsperiode erschöpfen. Und wenn es einerseits schwerlich mit

Sicherheit vorausgesagt werden kann, ob die Vernichtung des allgemeinen

Wahlrechts in Deutschland in einer Situation eintritt, die unbedingt

eine sofortige Massenstreikaktion hervorrufen wird, so ist es anderseits

ganz sicher, daß, sobald wir in Deutschland in die Periode stürmischer

Massenaktionen eingetreten sind, die Sozialdemokratie unmöglich auf die

bloße parlamentarische Defensive ihre Taktik festlegen darf. Den Anlaß

und den Moment vorauszubestimmen, an dem die Massenstreiks in

Deutschland ausbrechen sollen, liegt außerhalb der Macht der

Sozialdemokratie, weil es außerhalb ihrer Macht liegt, geschichtliche

Situationen durch Parteitagsbeschlüsse herbeizuführen. Was sie aber kann

und muß, ist, die politischen Richtlinien dieser Kämpfe, wenn sie einmal

eintreten, klarlegen und in einer entschlossenen, konsequenten Taktik

formulieren. Man hält nicht die geschichtlichen Ereignisse im Zaum,

indem man ihnen Vorschriften macht, sondern indem man sich im voraus

ihre wahrscheinlichen berechenbaren Konsequenzen zum Bewußtsein bringt

und die eigene Handlungsweise danach einrichtet.

Die zunächst drohende politische Gefahr, auf die sich die deutsche

Arbeiterbewegung seit einer Reihe von Jahren gefaßt macht, ist ein

Staatsstreich der Reaktion, der den breitesten Schichten der arbeitenden

Volksmasse das wichtigste politische Recht, das Reichstagswahlrecht,

wird entreißen wollen. Trotz der ungeheuren Tragweite dieses eventuellen

Ereignisses ist es, wie gesagt, unmöglich, mit Bestimmtheit zu

behaupten, daß auf den Staatsstreich alsdann sofort eine offene

Volksbewegung in der Form von Massenstreiks ausbricht, weil uns heute

alle jene unzähligen Umstände und Momente unbekannt sind, die bei einer

Massenbewegung die Situation mitbestimmen. Allein, wenn man die

gegenwärtige äußerste Zuspitzung der Verhältnisse in Deutschland und

anderseits die mannigfachen internationalen Rückwirkungen der russischen

Revolution und weiter des künftigen renovierten Rußlands in Betracht

zieht, so ist es klar, daß der Umsturz in der deutschen Politik, der aus

einer Kassierung des Reichstagswahlrechts entstehen würde, nicht bei dem

Kampf um dieses Wahlrecht allein Halt machen könnte. Dieser

Staatsstreich würde vielmehr in kürzerer oder längerer Frist mit

elementarer Macht eine große allgemeine politische Abrechnung der einmal

empörten und aufgerüttelten Volksmassen mit der Reaktion nach sich

ziehen -- eine Abrechnung für den Brotwucher, für die künstliche

Fleischteuerung, für die Auspowerung durch den uferlosen Militarismus

und Marinismus, für die Korruption der Kolonialpolitik, für die

nationale Schmach des Königsberger Prozesses, für den Stillstand der

Sozialreform, für die Entrechtung der Eisenbahner, der Postbeamten und

der Landarbeiter, für die Bemogelung und Verhöhnung der Bergarbeiter,

für das Löbtauer Urteil und die ganze Klassenjustiz, für das brutale

Aussperrungssystem -- kurz, für den gesamten zwanzigjährigen Druck der

koalierten Herrschaft des ostelbischen Junkertums und des kartellierten

Großkapitals.

Ist aber einmal der Stein ins Rollen gekommen, so kann er, ob es die

Sozialdemokratie will oder nicht, nicht mehr zum Stillstand gebracht

werden. Die Gegner des Massenstreiks pflegen die Lehren und Beispiele

der russischen Revolution, als für Deutschland gar nicht maßgebend, vor

allem deshalb abzuweisen, weil ja in Rußland erst der gewaltige Sprung

aus einer orientalischen Despotie in eine moderne bürgerliche

Rechtsordnung gemacht werden mußte. Der formelle Abstand zwischen der

alten und der neuen politischen Ordnung soll für die Vehemenz und die

Gewalt der Revolution in Rußland als ausreichender Erklärungsgrund

dienen. In Deutschland haben wir längst die notwendigsten Formen und

Garantien des Rechtsstaats, weshalb hier ein so elementares Toben der

sozialen Gegensätze unmöglich ist. Die also spekulieren, vergessen, daß

dafür in Deutschland, wenn es einmal zum Ausbruch offener politischer

Kämpfe kommt, eben das geschichtlich bedingte Ziel ein ganz anderes sein

wird, als heute in Rußland. Gerade weil die bürgerliche Rechtsordnung in

Deutschland längst besteht, weil sie also Zeit hatte, sich gänzlich zu

erschöpfen und auf die Neige zu gehen, weil die bürgerliche Demokratie

und der Liberalismus Zeit hatten, auszusterben, kann von einer

_bürgerlichen_ Revolution in Deutschland nicht mehr die Rede sein. Und

deshalb kann es sich bei einer Periode offener politischer Volkskämpfe

in Deutschland als letztes geschichtlich notwendiges Ziel nur noch um

die _Diktatur des Proletariats_ handeln. Der Abstand aber dieser Aufgabe

von den heutigen Zuständen in Deutschland ist ein noch viel

gewaltigerer, als der Abstand der bürgerlichen Rechtsordnung von der

orientalischen Despotie, und deshalb kann diese Aufgabe auch nicht mit

einem Schlag, sondern gleichfalls in einer langen Periode gigantischer

sozialer Kämpfe vollzogen werden.

Liegt aber nicht ein krasser Widerspruch in den von uns aufgezeichneten

Perspektiven? Einerseits heißt es, bei einer eventuellen künftigen

Periode der politischen Massenaktion werden vor allem die

zurückgebliebensten Schichten des deutschen Proletariats, die

Landarbeiter, die Eisenbahner, die Postsklaven, erst ihr Koalitionsrecht

erobern, die ärgsten Auswüchse der Ausbeutung erst beseitigt werden

müssen, anderseits soll die politische Aufgabe dieser Periode schon die

politische Machteroberung durch das Proletariat sein! Einerseits

ökonomische, gewerkschaftliche Kämpfe um die nächsten Interessen, um die

materielle Hebung der Arbeiterklasse, anderseits schon das äußerste

Endziel der Sozialdemokratie! Gewiß, das sind krasse Widersprüche, aber

nicht Widersprüche unseres Raisonnements, sondern Widersprüche der

kapitialistischen Entwicklung. Sie verläuft nicht in einer hübschen,

geraden Linie, sondern im schroffen blitzähnlichen Zickzack. Ebenso wie

die verschiedenen kapitalistischen Länder die verschiedensten Stadien

der Entwicklung darstellen, ebenso innerhalb jedes Landes die

verschiedenen Schichten derselben Arbeiterklasse. Die Geschichte wartet

aber nicht geduldig, bis erst die zurückgebliebenen Länder und Schichten

die fortgeschrittensten eingeholt haben, damit sich das Ganze wie eine

stramme Kolonne symmetrisch weiter bewegen kann. Sie bringt es bereits

in den vordersten exponiertesten Punkten zu Explosionen, sobald die

Verhältnisse hier dafür reif sind, und im Sturme der revolutionären

Periode wird dann in wenigen Tagen und Monaten das Versäumte nachgeholt,

das Ungleiche ausgeglichen, der gesamte soziale Fortschritt mit einem

Ruck in Sturmschritt versetzt.

Wie in der russischen Revolution sich die ganze Stufenleiter der

Entwicklung und der Interessen der verschiedenen Arbeiterschichten in

dem sozialdemokratischen Programm der Revolution und die unzähligen

partiellen Kämpfe in der gemeinsamen großen Klassenaktion des

Proletariats vereinigen, so wird es, wenn die Verhältnisse dafür reif

sind, auch in Deutschland der Fall sein. Und Aufgabe der

Sozialdemokratie wird es alsdann sein, ihre Taktik nicht nach den

zurückgebliebensten Phasen der Entwicklung, sondern nach den

fortgeschrittensten zu richten.

Massenstreik, Partei und Gewerkschaften · 第 9 / 10 题