Wir haben gesehen, daß der Massenstreik in Rußland nicht ein künstliches
Produkt einer absichtlichen Taktik der Sozialdemokratie, sondern eine
natürliche geschichtliche Erscheinung auf dem Boden der jetzigen
Revolution darstellt. Welche sind nun die Momente, die in Rußland diese
neue Erscheinungsform der Revolution hervorgebracht haben?
Die russische Revolution hat zur nächsten Aufgabe die Beseitigung
des Absolutismus und die Herstellung eines modernen
bürgerlich-parlamentarischen Rechtsstaates. Formell ist es genau
dieselbe Aufgabe, die in Deutschland der Märzrevolution, in Frankreich
der großen Revolution am Ausgang des 18. Jahrhunderts bevorstand. Allein
die Verhältnisse, das geschichtliche Milieu, in dem diese formell
analogen Revolutionen stattfanden, sind grundverschieden von den
heutigen Rußlands. Das Entscheidende ist der Umstand, daß zwischen jenen
bürgerlichen Revolutionen des Westens und der heutigen bürgerlichen
Revolution im Osten der ganze Cyklus der kapitalistischen Entwicklung
abgelaufen ist. Und zwar hatte diese Entwicklung nicht bloß die
westeuropäischen Länder, sondern auch das absolutistische Rußland
ergriffen. Die Großindustrie mit allen ihren Konsequenzen, der modernen
Klassenscheidung, den schroffen sozialen Kontrasten, dem modernen
Großstadtleben und dem modernen Proletariat, ist in Rußland die
herrschende, d. h. in der sozialen Entwicklung ausschlaggebende
Produktionsform geworden. Daraus hat sich aber die merkwürdige,
widerspruchsvolle, geschichtliche Situation ergeben, daß die nach ihren
formellen Aufgaben bürgerliche Revolution in erster Reihe von einem
modernen klassenbewußten Proletariat ausgeführt wird, und in einem
internationalen Milieu, das im Zeichen des Verfalls der bürgerlichen
Demokratie steht. Nicht die Bourgeoisie ist jetzt das führende
revolutionäre Element, wie in den früheren Revolutionen des Westens,
während die proletarische Masse, aufgelöst im Kleinbürgertum, der
Bourgeoisie Heerbanndienste leistet, sondern umgekehrt, das
klassenbewußte Proletariat ist das führende und treibende Element,
während die großbürgerlichen Schichten teils direkt kontrerevolutionär,
teils schwächlich-liberal, und nur das ländliche Kleinbürgertum nebst
der städtischen kleinbürgerlichen Intelligenz entschieden oppositionell,
ja revolutionär gesinnt sind. Das russische Proletariat aber, das
dermaßen zur führenden Rolle in der bürgerlichen Revolution bestimmt
ist, tritt selbst frei von allen Illusionen der bürgerlichen Demokratie,
dafür mit einem stark entwickelten Bewußtsein der eigenen spezifischen
Klasseninteressen, bei einem scharf zugespitzten Gegensatz zwischen
Kapital und Arbeit, in den Kampf. Dieses widerspruchsvolle Verhältnis
findet seinen Ausdruck in der Tatsache, daß in dieser formell
bürgerlichen Revolution der Gegensatz der bürgerlichen Gesellschaft zum
Absolutismus von dem Gegensatz des Proletariats zur bürgerlichen
Gesellschaft beherrscht wird, daß der Kampf des Proletariats sich mit
gleicher Kraft gleichzeitig gegen den Absolutismus und gegen die
kapitalistische Ausbeutung richtet, daß das Programm der revolutionären
Kämpfe mit gleichem Nachdruck auf die politische Freiheit und auf die
Eroberung des Achtstundentages sowie einer menschenwürdigen materiellen
Existenz für das Proletariat gerichtet ist. Dieser zwiespältige
Charakter der russischen Revolution äußert sich in jener innigen
Verbindung und Wechselwirkung des ökonomischen mit dem politischen
Kampf, die wir an der Hand der Vorgänge in Rußland kennen gelernt haben,
und die ihren entsprechenden Ausdruck eben im Massenstreik findet.
In den früheren bürgerlichen Revolutionen, wo einerseits die politische
Schulung und Anführung der revolutionären Masse von den bürgerlichen
Parteien besorgt wurde und wo es sich anderseits um den nackten Sturz
der alten Regierung handelte, war die kurze Barrikadenschlacht die
passende Form des revolutionären Kampfes. Heute, wo die Arbeiterklasse
sich selbst im Laufe des revolutionären Kampfes aufklären, selbst
sammeln und selbst anführen muß, und wo die Revolution ihrerseits ebenso
gegen die alte Staatsgewalt wie gegen die kapitalistische Ausbeutung
gerichtet ist, erscheint der Massenstreik als das natürliche Mittel, die
breitesten proletarischen Schichten in der Aktion selbst zu rekrutieren,
zu revolutionieren und zu organisieren, ebenso wie es gleichzeitig ein
Mittel ist, die alte Staatsgewalt zu unterminieren und zu stürzen und
die kapitalistische Ausbeutung einzudämmen. Das städtische
Industrieproletariat ist jetzt die Seele der Revolution in Rußland. Um
aber irgend eine direkte politische Aktion als Masse auszuführen, muß
sich das Proletariat erst zur Masse wieder sammeln und zu diesem Behufe
muß es vor allem aus Fabriken und Werkstätten, aus Schächten und Hütten
heraustreten, muß es die Pulverisierung und Zerbröckelung in den
Einzelwerkstätten überwinden, zu der es im täglichen Joch des Kapitals
verurteilt ist. Der Massenstreik ist somit die erste natürliche,
impulsive Form jeder großen revolutionären Aktion des Proletariats, und
je mehr die Industrie die vorherrschende Form der sozialen Wirtschaft,
je hervorragender die Rolle des Proletariats in der Revolution und je
entwickelter der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, um so mächtiger
und ausschlaggebender müssen die Massenstreiks werden. Die frühere
Hauptform der bürgerlichen Revolutionen, die Barrikadenschlacht, die
offene Begegnung mit der bewaffneten Macht des Staates, ist in der
heutigen Revolution nur ein äußerster Punkt, nur ein Moment in dem
ganzen Prozeß des proletarischen Massenkampfes.
Und damit ist in der neuen Form der Revolution auch jene Zivilisierung
und Milderung der Klassenkämpfe erreicht, die von den Opportunisten der
deutschen Sozialdemokratie, von den Bernstein, David u. a. prophetisch
vorausgesagt wurde. Die Genannten erblickten freilich die ersehnte
Milderung und Zivilisierung des Klassenkampfes, im Geiste
kleinbürgerlich-demokratischer Illusionen, darin, daß der Klassenkampf
ausschließlich zu einem parlamentarischen Kampf beschränkt und die
Straßenrevolution einfach abgeschafft wird. Die Geschichte hat die
Lösung in einer etwas tieferen und feineren Weise gefunden: in dem
Aufkommen des revolutionären Massenstreiks, der freilich den nackten
brutalen Straßenkampf durchaus nicht ersetzt und nicht überflüssig
macht, ihn aber bloß zu einem Moment der langen politischen Kampfperiode
reduziert und gleichzeitig mit der Revolutionsperiode ein enormes
Kulturwerk im genauesten Sinne dieses Wortes verbindet: die materielle
und geistige Hebung der gesamten Arbeiterklasse durch die
»Zivilisierung« der barbarischen Formen der kapitalistischen Ausbeutung.
So erweist sich der Massenstreik also nicht als ein spezifisch
russisches, aus dem Absolutismus entsprungenes Produkt, sondern als eine
allgemeine Form des proletarischen Klassenkampfes, die sich aus dem
gegenwärtigen Stadium der kapitalistischen Entwicklung und der
Klassenverhältnisse ergibt. Die drei bürgerlichen Revolutionen: die
große französische, die deutsche Märzrevolution und die jetzige
russische bilden von diesem Standpunkt eine Kette der fortlaufenden
Entwicklung, in der sich das Glück und Ende des kapitalistischen
Jahrhunderts spiegelt. In der großen französischen Revolution geben die
noch ganz unentwickelten inneren Widersprüche der bürgerlichen
Gesellschaft für eine lange Periode gewaltiger Kämpfe Raum, wo sich alle
die erst in der Hitze der Revolution rasch aufkeimenden und reifenden
Gegensätze ungehindert und ungezwungen mit rücksichtslosem Radikalismus
austoben. Ein halbes Jahrhundert später wird die auf halbem Wege der
kapitalistischen Entwicklung ausgebrochene Revolution des deutschen
Bürgertums schon durch den Gegensatz der Interessen und das
Gleichgewicht der Kräfte zwischen Kapital und Arbeit in der Mitte
unterbunden und durch einen bürgerlich-feudalen Kompromiß erstickt, zu
einer kurzen, kläglichen, mitten im Worte verstummten Episode abgekürzt.
Noch ein halbes Jahrhundert, und die heutige russische Revolution steht
auf einem Punkt des geschichtlichen Weges, der bereits über den Berg,
über den Höhepunkt der kapitalistischen Gesellschaft hinweggeschritten
ist, wo die bürgerliche Revolution nicht mehr durch den Gegensatz
zwischen Bourgeoisie und Proletariat erstickt werden kann, sondern
umgekehrt zu einer neuen, langen Periode gewaltigster sozialer Kämpfe
entfaltet wird, in denen die Begleichung der alten Rechnung mit dem
Absolutismus als eine Kleinigkeit erscheint gegen die vielen neuen
Rechnungen, die die Revolution selbst aufmacht. Die heutige Revolution
realisiert somit in der besonderen Angelegenheit des absolutistischen
Rußland zugleich die allgemeinen Resultate der internationalen
kapitalistischen Entwicklung und erscheint weniger ein letzter
Nachläufer der alten bürgerlichen, wie ein Vorläufer der neuen Serie der
proletarischen Revolutionen des Westens. Das zurückgebliebenste Land
weist, gerade weil es sich mit seiner bürgerlichen Revolution so
unverzeihlich verspätet hat, Wege und Methoden des weiteren
Klassenkampfes dem Proletariat Deutschlands und der vorgeschrittensten
kapitalistischen Länder.
Demnach erscheint es, auch von dieser Seite genommen, gänzlich verfehlt,
die russische Revolution als ein schönes Schauspiel, als etwas
spezifisch »Russisches« von weitem zu betrachten und höchstens das
Heldentum der Kämpfer, d. h. die äußeren Akzessorien des Kampfes zu
bewundern. Viel wichtiger ist es, daß die deutschen Arbeiter die
russische Revolution _als ihre eigene Angelegenheit_ zu betrachten
lernen, nicht bloß im Sinne der internationalen Klassensolidarität mit
dem russischen Proletariat, sondern vor allem als _ein Kapitel der
eigenen sozialen und politischen Geschichte_. Diejenigen
Gewerkschaftsführer und Parlamentarier, die das deutsche Proletariat als
»zu schwach« und die deutschen Verhältnisse als zu unreif für
revolutionäre Massenkämpfe betrachten, haben offenbar keine Ahnung
davon, daß der Gradmesser der Reife der Klassenverhältnisse in
Deutschland und der Macht des Proletariats nicht in den Statistiken der
deutschen Gewerkschaften oder in den Wahlstatistiken liegt, sondern --
in den Vorgängen der russischen Revolution. Genau so, wie sich die Reife
der französischen Klassengegensätze unter der Julimonarchie und die
Pariser Junischlacht in der deutschen Märzrevolution, in ihrem Verlauf
und ihrem Fiasko spiegelte, ebenso spiegelt sich heute die Reife der
deutschen Klassengegensätze in den Vorgängen, in der Macht der
russischen Revolution. Und während die Bureaukraten der deutschen
Arbeiterbewegung den Nachweis ihrer Kraft und ihrer Reife in den
Schubfächern ihrer Kontore auskramen, sehen sie nicht, daß das Gesuchte
gerade vor ihren Augen in einer großen historischen Offenbarung liegt,
denn geschichtlich genommen ist die russische Revolution ein Reflex der
Macht und der Reife der internationalen, also in erster Linie der
deutschen Arbeiterbewegung.
Es wäre deshalb ein gar zu klägliches, grotesk winziges Resultat der
russischen Revolution, wollte das deutsche Proletariat aus ihr bloß die
Lehre ziehen, daß es -- wie die Gen. Frohme, Elm und andere wollen --
von der russischen Revolution die äußere Form des Kampfes, den
Massenstreik entlehnt und zu einer Vorratskanone für den Fall der
Kassierung des Reichstagswahlrechts, also zu einem passiven Mittel der
parlamentarischen Defensive kastriert. Wenn man uns das
Reichstagswahlrecht nimmt, dann wehren wir uns. Das ist ein ganz
selbstverständlicher Entschluß. Aber zu diesem Entschluß braucht man
sich nicht in die heldenhafte Pose eines Danton zu werfen, wie es z. B.
Genosse Elm in Jena getan; denn die Verteidigung des bereits besessenen
bescheidenen Maßes der parlamentarischen Rechte ist weniger eine
himmelstürmende Neuerung, zu der erst die furchtbaren Hekatomben der
russischen Revolution als Ermunterung notwendig waren, als vielmehr die
einfachste und erste Pflicht jeder Oppositionspartei. Allein die bloße
Defensive darf niemals die Politik des Proletariats in einer
Revolutionsperiode erschöpfen. Und wenn es einerseits schwerlich mit
Sicherheit vorausgesagt werden kann, ob die Vernichtung des allgemeinen
Wahlrechts in Deutschland in einer Situation eintritt, die unbedingt
eine sofortige Massenstreikaktion hervorrufen wird, so ist es anderseits
ganz sicher, daß, sobald wir in Deutschland in die Periode stürmischer
Massenaktionen eingetreten sind, die Sozialdemokratie unmöglich auf die
bloße parlamentarische Defensive ihre Taktik festlegen darf. Den Anlaß
und den Moment vorauszubestimmen, an dem die Massenstreiks in
Deutschland ausbrechen sollen, liegt außerhalb der Macht der
Sozialdemokratie, weil es außerhalb ihrer Macht liegt, geschichtliche
Situationen durch Parteitagsbeschlüsse herbeizuführen. Was sie aber kann
und muß, ist, die politischen Richtlinien dieser Kämpfe, wenn sie einmal
eintreten, klarlegen und in einer entschlossenen, konsequenten Taktik
formulieren. Man hält nicht die geschichtlichen Ereignisse im Zaum,
indem man ihnen Vorschriften macht, sondern indem man sich im voraus
ihre wahrscheinlichen berechenbaren Konsequenzen zum Bewußtsein bringt
und die eigene Handlungsweise danach einrichtet.
Die zunächst drohende politische Gefahr, auf die sich die deutsche
Arbeiterbewegung seit einer Reihe von Jahren gefaßt macht, ist ein
Staatsstreich der Reaktion, der den breitesten Schichten der arbeitenden
Volksmasse das wichtigste politische Recht, das Reichstagswahlrecht,
wird entreißen wollen. Trotz der ungeheuren Tragweite dieses eventuellen
Ereignisses ist es, wie gesagt, unmöglich, mit Bestimmtheit zu
behaupten, daß auf den Staatsstreich alsdann sofort eine offene
Volksbewegung in der Form von Massenstreiks ausbricht, weil uns heute
alle jene unzähligen Umstände und Momente unbekannt sind, die bei einer
Massenbewegung die Situation mitbestimmen. Allein, wenn man die
gegenwärtige äußerste Zuspitzung der Verhältnisse in Deutschland und
anderseits die mannigfachen internationalen Rückwirkungen der russischen
Revolution und weiter des künftigen renovierten Rußlands in Betracht
zieht, so ist es klar, daß der Umsturz in der deutschen Politik, der aus
einer Kassierung des Reichstagswahlrechts entstehen würde, nicht bei dem
Kampf um dieses Wahlrecht allein Halt machen könnte. Dieser
Staatsstreich würde vielmehr in kürzerer oder längerer Frist mit
elementarer Macht eine große allgemeine politische Abrechnung der einmal
empörten und aufgerüttelten Volksmassen mit der Reaktion nach sich
ziehen -- eine Abrechnung für den Brotwucher, für die künstliche
Fleischteuerung, für die Auspowerung durch den uferlosen Militarismus
und Marinismus, für die Korruption der Kolonialpolitik, für die
nationale Schmach des Königsberger Prozesses, für den Stillstand der
Sozialreform, für die Entrechtung der Eisenbahner, der Postbeamten und
der Landarbeiter, für die Bemogelung und Verhöhnung der Bergarbeiter,
für das Löbtauer Urteil und die ganze Klassenjustiz, für das brutale
Aussperrungssystem -- kurz, für den gesamten zwanzigjährigen Druck der
koalierten Herrschaft des ostelbischen Junkertums und des kartellierten
Großkapitals.
Ist aber einmal der Stein ins Rollen gekommen, so kann er, ob es die
Sozialdemokratie will oder nicht, nicht mehr zum Stillstand gebracht
werden. Die Gegner des Massenstreiks pflegen die Lehren und Beispiele
der russischen Revolution, als für Deutschland gar nicht maßgebend, vor
allem deshalb abzuweisen, weil ja in Rußland erst der gewaltige Sprung
aus einer orientalischen Despotie in eine moderne bürgerliche
Rechtsordnung gemacht werden mußte. Der formelle Abstand zwischen der
alten und der neuen politischen Ordnung soll für die Vehemenz und die
Gewalt der Revolution in Rußland als ausreichender Erklärungsgrund
dienen. In Deutschland haben wir längst die notwendigsten Formen und
Garantien des Rechtsstaats, weshalb hier ein so elementares Toben der
sozialen Gegensätze unmöglich ist. Die also spekulieren, vergessen, daß
dafür in Deutschland, wenn es einmal zum Ausbruch offener politischer
Kämpfe kommt, eben das geschichtlich bedingte Ziel ein ganz anderes sein
wird, als heute in Rußland. Gerade weil die bürgerliche Rechtsordnung in
Deutschland längst besteht, weil sie also Zeit hatte, sich gänzlich zu
erschöpfen und auf die Neige zu gehen, weil die bürgerliche Demokratie
und der Liberalismus Zeit hatten, auszusterben, kann von einer
_bürgerlichen_ Revolution in Deutschland nicht mehr die Rede sein. Und
deshalb kann es sich bei einer Periode offener politischer Volkskämpfe
in Deutschland als letztes geschichtlich notwendiges Ziel nur noch um
die _Diktatur des Proletariats_ handeln. Der Abstand aber dieser Aufgabe
von den heutigen Zuständen in Deutschland ist ein noch viel
gewaltigerer, als der Abstand der bürgerlichen Rechtsordnung von der
orientalischen Despotie, und deshalb kann diese Aufgabe auch nicht mit
einem Schlag, sondern gleichfalls in einer langen Periode gigantischer
sozialer Kämpfe vollzogen werden.
Liegt aber nicht ein krasser Widerspruch in den von uns aufgezeichneten
Perspektiven? Einerseits heißt es, bei einer eventuellen künftigen
Periode der politischen Massenaktion werden vor allem die
zurückgebliebensten Schichten des deutschen Proletariats, die
Landarbeiter, die Eisenbahner, die Postsklaven, erst ihr Koalitionsrecht
erobern, die ärgsten Auswüchse der Ausbeutung erst beseitigt werden
müssen, anderseits soll die politische Aufgabe dieser Periode schon die
politische Machteroberung durch das Proletariat sein! Einerseits
ökonomische, gewerkschaftliche Kämpfe um die nächsten Interessen, um die
materielle Hebung der Arbeiterklasse, anderseits schon das äußerste
Endziel der Sozialdemokratie! Gewiß, das sind krasse Widersprüche, aber
nicht Widersprüche unseres Raisonnements, sondern Widersprüche der
kapitialistischen Entwicklung. Sie verläuft nicht in einer hübschen,
geraden Linie, sondern im schroffen blitzähnlichen Zickzack. Ebenso wie
die verschiedenen kapitalistischen Länder die verschiedensten Stadien
der Entwicklung darstellen, ebenso innerhalb jedes Landes die
verschiedenen Schichten derselben Arbeiterklasse. Die Geschichte wartet
aber nicht geduldig, bis erst die zurückgebliebenen Länder und Schichten
die fortgeschrittensten eingeholt haben, damit sich das Ganze wie eine
stramme Kolonne symmetrisch weiter bewegen kann. Sie bringt es bereits
in den vordersten exponiertesten Punkten zu Explosionen, sobald die
Verhältnisse hier dafür reif sind, und im Sturme der revolutionären
Periode wird dann in wenigen Tagen und Monaten das Versäumte nachgeholt,
das Ungleiche ausgeglichen, der gesamte soziale Fortschritt mit einem
Ruck in Sturmschritt versetzt.
Wie in der russischen Revolution sich die ganze Stufenleiter der
Entwicklung und der Interessen der verschiedenen Arbeiterschichten in
dem sozialdemokratischen Programm der Revolution und die unzähligen
partiellen Kämpfe in der gemeinsamen großen Klassenaktion des
Proletariats vereinigen, so wird es, wenn die Verhältnisse dafür reif
sind, auch in Deutschland der Fall sein. Und Aufgabe der
Sozialdemokratie wird es alsdann sein, ihre Taktik nicht nach den
zurückgebliebensten Phasen der Entwicklung, sondern nach den
fortgeschrittensten zu richten.