Ein Erzschelm

Lieber Leser! -- Ich traf diesen Mann auf einem Friedhof. Ich

that nichts, um ins Einvernehmen mit ihm zu gelangen, er aber

legte gleich Beschlag auf mich. Ich setzte mich nur auf eine

Bank, wo er vor mir gesessen hatte, und sagte:

»Störe ich auch?«

Da fing er an:

»Sie stören gar nicht,« sagte er und machte mir Platz. -- »Ich

sah nur hier über all diesen toten Reichtum hin.« Er zeigte mit

einer Handbewegung auf die Gräber.

Wir waren auf dem Krist-Friedhof.

Je weiter der Morgen vorschritt, um so lebhafter war es da oben

geworden; Maurer und Arbeiter waren einer nach dem anderen

gekommen, der alte Wächter saß schon in seinem Kiosk und las

Zeitungen. Hier und da sah man Frauen in Schwarz, die Blumen

pflanzten oder begossen, oder Gras abschnitten, das zu lang

geworden war. Und die Vögel zwitscherten laut in den großen

Kastanienbäumen.

Er war mir ganz unbekannt. Es war ein junger Mann,

breitschulterig, unrasiert und in etwas abgetragenem Anzug. Die

Runzeln auf der Stirn, die gewichtige Stimme, seine Gewohnheit,

nachdenklich zu blinzeln, wenn er sprach, das alles machte ihn,

wie man zu sagen pflegt, »alt und erfahren«.

»Sie sind fremd hier?«

»Ich bin neun Jahre außer Landes gewesen.«

Er lehnte sich zurück, streckte die Beine vor und sah auf den

Kirchhof hinaus. Aus seiner Rocktasche guckten deutsche und

französische Zeitungen hervor.

»Wie traurig ist es auf einem Friedhof wie dieser hier!« sagte

er. »So viel Totes auf einem Fleck! So viel Kraft ertötet und so

wenig ausgerichtet.«

»Wie meinen Sie das?«

»Dies ist der Militär-Begräbnisplatz.«

Ach so, der ewige Friede! dachte ich bei mir.

Er fuhr fort:

»Aber das Schändlichste von allem ist doch dieser Kultus, der mit

den Toten getrieben wird, diese Art und Weise zu beweinen!«

»Eine fromme Zwecklosigkeit!«

Er machte eine hastige Bewegung und richtete sich auf.

»Wissen Sie, daß ein Vermögen von Granit auf diesen Gräbern

steht? Dann streut man kostbare Blumen über den Sand, schafft

sich bequeme Bänke an, um darauf zu sitzen und zu weinen,

errichtet heilige Götzensteine aus den Brüchen da oben in den

Grefsenbergen, -- ein versteinertes Vermögen. Der Friedhof ist

einer der am wenigsten bankerotten Plätze in der Stadt. -- -- Ja,

nicht wahr, das giebt Ihnen zu denken,« fuhr er fort. »Einmal

hierhergesetzt, bleibt dieser Reichtum hier stehen, er ist

unantastbar, denn er ist tot. Er erfordert nur noch seine

Verwaltung, das heißt seine Aufsicht, seine Thränen, seine

Blumen, die rings umher auf den Sandhügeln liegen und welken.

Kränze bis zu fünfzig Kronen das Stück!«

Ein Socialist! dachte ich, -- ein reisender Handwerksbursche, der

im Ausland gewesen ist und den Schrei nach dem Kapital gelernt

hat, -- nach dem Kapital.

»Sind Sie auch fremd hier in der Stadt?« fragte er.

»Ja!«

Dann legte er sich wieder zurück gegen die Lehne der Bank,

blinzelte und dachte, blinzelte und dachte.

Ein paar alte Gestalten gleiten vorüber, beide mit einem Stock,

krummgebeugt, andächtig, miteinander flüsternd, -- vielleicht

Eltern auf dem Wege zu einem Grabe. Ein Windstoß fährt über den

Friedhof hin, wirbelt Staub und welke Blumenüberreste auf und

raschelt leise mit dem gefallenen Laub, das die Gänge bedeckt,

und das von der Sonne getrocknet ist.

»Sehen Sie!« sagt er plötzlich, ohne seine Stellung zu verändern,

nur mit einer Bewegung der Augen, »sehen Sie die Dame, die auf uns

zu kommt? Geben Sie einmal acht, wenn sie an uns vorüberkommt.«

Nichts war leichter als das. Sie streifte uns fast mit ihrem

schwarzen Kleide, und ihr Schleier berührte unsere Hüte. Ein

kleines Mädchen, das Blumen trug, folgte ihr, hinter ihr her trug

eine Frau Rechen und Gießkanne. Sie verschwanden alle drei in der

Biegung, die zu dem unteren Teil des Friedhofes führte.

»Nun?« fragte er.

»Nun?«

»Haben Sie nichts bemerkt?«

»Nichts ungewöhnliches. Sie sah uns an.«

»Bitte sehr, sie sah mich an. Sie lächeln und wollen mir die

Versicherung geben, daß darüber kein Streit zwischen uns

entstehen soll. Die Sache ist die, daß sie vor einigen Tagen hier

vorüberging. Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber, ich war

bemüht, ihm ein klein wenig Verachtung für sein ehrenwertes

Handwerk einzuimpfen.« --

»Aber weshalb denn nur?«

»Weil er unnützerweise die Erde aufwühlt zum großen Schaden für

die Lebenden, die davon leben sollen.«

Ein armer, verirrter Freigeist also! dachte ich bei mir; wo

steht es in Gottes Wort geschrieben, daß die Leichen nicht in der

Erde bestattet werden sollen? Jetzt fängst du an, mich zu

langweilen.

»Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber. Es ist unrecht,

sagte ich. Die Dame ging vorüber, sie hörte meine Worte und sah

mich an. Ich sprach von Unrecht an einem heiligen Ort. Apropos:

haben Sie wohl die alte Frau mit dem Rechen und der Gießkanne in

den abgearbeiteten Händen beachtet? Und ihr Rücken, wie gebeugt

der war? Dies Geschöpf hat sich wirklich um ihre Gesundheit

gebracht in dem Streben, die Erde, die Quelle des Lebens,

aufzuwühlen und brach zu legen. Aber sahen Sie es wohl: drei bis

vier Schritte hinter der vornehmen Frau, die zu einem Grabe

wollte um ihre Trauer zu verrichten. Ja, das war es eigentlich

nicht. Sahen Sie, was das kleine Mädchen trug?«

»Blumen.«

»Kamelien. Rosen. Haben Sie das wohl gesehen? Blumen zu einer

Krone das Stück. Feine Blumen, die ein ganz außerordentlich

empfindliches Leben haben; wenn die Sonne ein wenig sengt,

sterben sie. In vier Tagen werden sie über das Gitter in die

Gärtnerei da unten geworfen, dann werden sie durch neue ersetzt.«

Da antwortete ich dem Freigeist und sagte:

»Die Pyramiden waren doch noch teurer.«

Das übte nicht die Wirkung aus, die ich erwartet hatte. Er schien

die Einwendung bereits früher gehört zu haben.

»In jener Zeit herrschte keine Armut,« sagte er. »Ägypten war

obendrein die Kornkammer des ganzen römischen Reichs, die Welt

war damals noch nicht so eng. Ich kann aus Erfahrung mitreden,

wie eng sie jetzt ist. Nicht ich persönlich habe diese Erfahrung

gemacht, sondern ein anderer. Aber ich weiß nur, die Pyramide in

der Wüste ist eins und ein wohlgepflegtes, modernes Grab ist

etwas ganz anderes. Sehen Sie sich hier um! hunderte von Gräbern,

Monumente für große Summen, Granitrahmen aus den Grefsenbergen zu

drei Kronen sechzig Öre die Elle. Grassoden aus Egeberg zu zwei

Kronen fünfzig Öre das Quadratmeter. Ich will gar nicht reden

von den Inschriften und dem Raffinement, das in Bezug auf

steinerne Säulen getrieben wird in polierter oder roher Arbeit,

ausgehauen oder gefügt, rot, weiß und grün. Sehen Sie nur einmal

diese Unmenge Grassoden an! Ich sprach mit dem Totengräber

hierüber, der Handel damit hat dermaßen um sich gegriffen, daß

kaum mehr Soden zu haben sind. Nun bitte ich Sie, bedenken Sie

doch nur, was Grassoden auf der Erde bedeuten: sie sind das

Leben!«

Da erlaubte ich mir zu entgegnen, daß dies Leben nicht aller

Idealität beraubt werden könne und dürfe; es habe doch wohl sein

bißchen ethische Bedeutung, daß die Menschen noch ein paar

Grassoden für ihre lieben Toten übrig hätten. Und der Ansicht bin

ich auch heutigen Tages noch.

»Sehen Sie,« sagte der Mann heftig, »von dem, was täglich hier

vergeudet wird, könnten Familien leben, Kinder erzogen,

schiffbrüchige Existenzen gerettet werden. Jetzt sitzt die junge

Frau da unten und gräbt Kamelien in die Erde, die den Wert von

zwei Kinderkleidern repräsentieren. Wenn der Kummer die Mittel zu

so etwas hat, wird er Gourmand.«

Er war ganz sicher Socialdemokrat, vielleicht war er gar ein

Anarchist, dem es Vergnügen machte, ernste Dinge auf den Kopf zu

stellen. Ich hörte ihm mit schwindendem Interesse zu.

Er fuhr fort:

»Und dann sitzt da oben ein Mann, der Wächter. Wissen Sie, was

der zu thun hat? In erster Linie buchstabiert er seine Zeitung,

und dann bewacht er die Gräber. Es herrscht Ordnung im Kultus der

Toten. Heute, als ich kam, sagte ich zu ihm, wenn ich ein Kind

sähe, das hier Blumen stähle, um sich Schulbücher für den Erlös

zu kaufen, ein kleines Mädchen, mager und ängstlich, das eine

Kamelie wegnähme, um Essen dafür zu kaufen, so würde ich sie

nicht anmelden, ich würde ihr behilflich sein. Das nenne ich

Unrecht, sagte der alte Wächter. Unrecht, sagte er. Ein hungriger

Mann hält Sie eines Tages auf der Straße an und bittet Sie, ihm

zu sagen, wie viel die Uhr ist. Sie holen Ihre Uhr heraus, --

beachten Sie dann einmal seine Augen! Dann entreißt er Ihnen

blitzschnell die Uhr und läuft davon. Ihnen bleiben zwei Auswege.

Sie können den Raub melden, und dann bekommen Sie ein paar Tage

später Ihre Uhr wieder, die bei einem Pfandleiher gefunden ist,

und im Laufe von vierundzwanzig Stunden pflegt dann der Sünder zu

folgen. Oder Sie können schweigen. Das ist der zweite Ausweg. Sie

können schweigen. -- -- Ich bin eigentlich ein wenig müde, denn

ich habe die ganze Nacht gewacht.«

»So, Sie haben gewacht! Nun der Tag schreitet vor. Ich habe meine

Arbeit.«

Ich erhob mich, um zu gehen.

Er zeigte hinab auf die See und die Brücken.

»Ich bin da unten in den Spelunken umhergegangen, um ausfindig zu

machen, wie die Not und das Elend des Nachts schlafen. Hören Sie

nur einmal zu! Es geschehen so sonderbare Dinge! Eines Abends vor

neun Jahren, als ich hier an diesem selben Fleck saß, -- ich

glaube, auf dieser selben Bank -- geschah etwas, was ich nicht

vergessen kann. Es war allmählich ganz spät geworden. Die

Friedhofbesucher waren nach Hause gegangen; ein Steinhauer, der

auf dem Bauch auf einer Marmorplatte da hinten lag und die

Inschrift einmeißelte, hatte endlich seine Arbeit beendet, er zog

die Jacke wieder an, steckte das Werkzeug in die verschiedenen

Taschen und entfernte sich. Es fing an zu wehen, die Kastanienbäume

rauschten schon ganz laut, und ein kleines eisernes Kreuz, das

hier in der Nähe stand, -- es ist jetzt, glaube ich, weg --

schwankte ein wenig im Winde. Ich knöpfte auch meine Jacke zu und

war eben im Begriff zu gehen, als der Totengräber die Biegung dort

heraufkommt und im Vorübergehen hastig frägt, ob hier ein kleines

Mädchen in gelbem Kleide mit einer Schultasche vorübergekommen

sei.

Ich erinnerte mich nicht, sie gesehen zu haben. Was für eine

Bewandtnis hatte es denn mit dem kleinen Mädchen?

»Sie hat Blumen gestohlen,« sagte der Totengräber und ging

weiter.

Ich saß ganz still hier und wartete, bis er zurückkam.

»Nun? haben Sie sie gefunden?«

»Nein! Aber ich habe die Pforte verschlossen.«

Es sollte eine ordentliche Jagd veranstaltet werden. Das kleine

Mädchen war sicher noch auf dem Friedhof, und jetzt mußte

endlich Ernst aus der Sache gemacht werden. Dies war nun heute

die dritte, die gestohlen hatte. Schulkinder, kluge kleine

Mädchen, die sehr wohl wußten, daß es unrecht war. Wie? Sie

stehlen die Blumen, binden Sträuße daraus und verkaufen sie. Ja,

nette Kinder! das mußte man sagen!

Ich begleitete den Totengräber und half ihm eine Zeitlang, die

Kleine suchen. Aber sie hatte sich gut versteckt. Wir nahmen den

Wächter mit, wir suchten zu dreien und fanden sie nicht. Es fing

an zu dämmern und wir gaben das Suchen auf.

»Wo ist das bestohlene Grab?«

»Dort. Noch dazu ein Kindergrab! Hat man je so etwas erlebt?«

Ich ging dahin. Jetzt stellte es sich heraus, daß ich dies Grab

kannte. Das kleine verstorbene Mädchen hatte ich ganz gut

gekannt, und am nämlichen Vormittag hatten wir sie begraben. Die

Blumen waren verschwunden, auch meine eigenen. Ich sah sie

nirgends mehr.

»Wir müssen weiter suchen,« sagte ich zu den anderen. »Dies ist

schändlich!«

Der Totengräber hatte eigentlich nichts hiermit zu schaffen, aber

er nahm doch der Sache wegen teil. Und nun fingen wir alle drei

an, von neuem zu suchen. Plötzlich unten an der Biegung des Weges

gewahrte ich ein kleines Menschenkind, ein Mädchen, das

zusammengekrochen hinter Brigadevogt With's großer polierter

Grabsäule an der Erde kauerte und mich anstarrte. Sie hatte sich

so klein gemacht, daß ihr Hals ganz in den Rücken hineingeschoben

war.

Aber ich kannte sie ja! Es war die Schwester der Verstorbenen.

»Mein liebes Kind! Weshalb sitzest du denn hier noch so spät?«

fragte ich.

Sie antwortete nicht und rührte sich nicht. Ich hob sie in die

Höhe, nahm ihre Schultasche in die Hand und hieß sie, mit mir

nach Hause zu gehen. »Klein Hanna mag gar nicht, daß du um

ihretwillen noch zu so später Stunde hier bist.«

Dann kam sie mit mir und ich sprach zu ihr:

»Weißt du denn auch, daß ein böses Mädchen die Blumen von Hannas

Grab gestohlen hat? Ein kleines Mädchen in gelbem Kleid. Hast du

die nicht gesehen? Nun, wir werden sie schon finden!«

Und sie ging ruhig neben mir, ohne zu antworten.

»Da haben Sie sie ja!« rief der Totengräber plötzlich. »Da haben

wir die Diebin!«

»Wie?«

»Wie? Sie halten sie ja an der Hand!«

Da mußte ich lächeln.

»Nein, da irren Sie. Sie ist die Diebin nicht. Dies ist die

kleine Schwester von dem Kinde, das heute begraben wurde. Sie

heißt Elina, ich kenne sie.«

Der Totengräber aber war seiner Sache sehr sicher. Auch der

Wächter erkannte sie wieder; namentlich an der roten Narbe, die

sie an der einen Seite des Kinnes hatte. Sie hatte Blumen von dem

Grabe ihrer Schwester gestohlen, und die Ärmste konnte nicht

einmal ein Wort zu ihrer Entschuldigung vorbringen.

Jetzt bitte ich Sie eins zu beachten: ich hatte diese beiden

Schwestern lange gekannt; wir hatten eine ganze Zeit in demselben

elenden Hinterhof gewohnt und sie hatten oft unter meinem

Fenster gespielt. Sie zankten sich oft sehr und prügelten sich

auch, aber es waren ein paar nette Kinder, und anderen gegenüber

nahmen sie sich gegenseitig stets in Schutz. Das hatten sie nicht

gut von jemand lernen können. Die Mutter war eine schlechte

Person, die selten zu Hause war, und den Vater -- sie hatten,

glaube ich, jede ihren eigenen -- hatten sie nie gekannt. Diese

beiden Kinder hatten ein kleines Loch, in dem sie lebten, und das

kaum größer war als die Grabplatte dort, und da meine Stube der

ihren gerade gegenüberlag, stand ich oft am Fenster und sah zu

ihnen hinein. Hanna hatte in der Regel das Übergewicht, sie war

auch ein paar Jahre älter und war oft so verständig wie eine

Erwachsene. Sie holte immer den Blecheimer heraus, wenn sie eine

Schnitte Brot haben wollten, und im Sommer, wenn es auf dem Hofe

heiß war, hatte Hanna den guten Einfall, eine alte Zeitung an das

Fenster zu befestigen, um die ärgste Sonne fern zu halten. Oft

habe ich auch gehört, daß sie ihrer Schwester die Schularbeiten

überhörte, ehe sie zur Schule gingen. Hanna war ein verwachsenes,

ernstes Kind und ihr Leben war nur von kurzer Dauer.

»Lassen Sie uns die Tasche untersuchen,« sagte der Totengräber.

Und richtig, in der Tasche lagen die Blumen. Ich kannte sogar

meine eigenen zwei, drei wieder.

Was sollte ich sagen? Und da stand sie, die kleine Sünderin, und

sah uns ganz verhärtet an. Ich schüttelte sie und fragte sie aus,

sie aber schwieg. Dann nannte der Totengräber die Polizei und

nahm das Kind mit sich.

Oben an der Pforte ward ihr plötzlich klar, was geschehen sollte,

sie sagte plötzlich:

»Nein, wo soll ich denn hin?«

Der Totengräber antwortete:

»Auf die Polizeistation!«

»Ich habe sie nicht gestohlen,« sagte sie.

Hatte sie sie nicht gestohlen? Sie hatte sie ja in der Tasche,

wir hatten es sozusagen gesehen. Sie aber wiederholte ängstlich,

sie habe sie nicht gestohlen.

In der Pforte hing der Kleiderärmel der kleinen Elina am Schloß

fest, und der dünne Ärmel wurde beinahe ausgerissen. Und

dadrinnen schimmerte der magere kleine Arm.

Auf die Polizeistation ging es. Ich begleitete sie. Es wurden

einige Erklärungen abgegeben, aber so viel ich weiß, geschah der

kleinen Elina nichts weiter. Ich selber sah sie nicht wieder,

denn ich reiste fort und blieb neun Jahre weg.

Jetzt aber habe ich mehr Einsicht in die Sache bekommen. Es war

ganz verkehrt, was wir da thaten. Sie hatte die Blumen natürlich

nicht gestohlen, aber selbst wenn sie es gethan hätte? Ich sage

mir: warum nicht? Hat man je so etwas Verkehrtes gehört, als wie

wir uns mit ihr benahmen? Aber kein Richter kann uns deswegen

verurteilen, wir nahmen sie nur fest und führten sie vor das

Gericht. Ich kann Ihnen sagen, ich habe Elina wieder gesehen und

kann Sie zu ihr führen!«

Er machte eine Pause.

»Wenn Sie verstehen wollen, was ich erzählen werde, müssen Sie

zuhören! Ja, sagt das kranke Kind, wenn ich jetzt sterbe, so

werde ich schon Blumen bekommen, vielleicht viele Blumen, denn

die Lehrerin wird gewiß ein Bouquet schicken und Frau Bendiche

sendet vielleicht gar einen Kranz.

Aber die kleine Kranke ist klug wie eine Alte. Sie ist zu stark

gewachsen, um am Leben bleiben zu können, und seither hat die

Krankheit ihr Nachdenken unglaublich geschärft. Wenn sie spricht,

schweigt die andere, die kleinere Schwester, die angestrengt

bemüht ist, sie zu verstehen. Sie wohnen allein dort, und die

Mutter ist niemals zu Hause, hin und wieder aber schickt ihnen

Frau Bendiche Essen, und sie verhungern nicht. Jetzt zanken sich

die Schwestern nie mehr, es ist lange, lange her, seit sie Streit

miteinander hatten, und ihre früheren Streitigkeiten aus früheren

Zeiten auf dem Spielplatz sind längst vergessen.

Aber die Blumen sind nichts übertrieben Herrliches, fährt die

Kranke fort. Sie welken. Und welke Blumen sind nicht schön auf

einem Grab zu haben. Und wenn sie tot war, konnte sie sie doch

nicht sehen, und wärmen thaten sie auch nicht. Ob Elina aber wohl

noch an die Schuhe dächte, die sie einmal im Bazar gesehen

hatten? Sie waren warm!

Elina erinnerte sich der Schuhe noch. Und um ihrer Schwester zu

zeigen, wie klug sie war, beschrieb sie ihr die Schuhe ganz

genau.

Es war jetzt nicht mehr lange bis zum Winter. Und durch das

Fenster zog es so schrecklich, daß der Waschlappen dort am Nagel

ganz steif fror. Elina könnte so ein Paar Schuhe bekommen.

Die beiden Schwestern sahen sich an. Elina ist gar nicht so dumm.

Ja, sie konnte ihre Blumen nehmen und sie verkaufen. Das konnte

sie. Es gingen am Sonntag so viele Leute auf der Straße

spazieren. Sie fuhren oft mit Blumen im Knopfloch aufs Land, und

oft sah man Herren mit einer Blume im Knopfloch in einer Droschke

fahren. Sie kauften gewiß Blumen.

Elina fragte, ob sie nicht eine kleine Katze kaufen könne.

Ja, wenn sie Geld übrig behielt. Erst aber sollte sie die Schuhe

kaufen.

Das verabredeten sie miteinander. Niemand hatte etwas darüber zu

sagen, die beiden Kinder hatten es unter sich abgemacht. Elina

mußte aber acht geben und die Blumen noch am selben Abend

abholen, ehe sie verwelkten.«

»Wie alt mochte die Kranke wohl sein?«

»Zwölf, dreizehn Jahre, denke ich. Es ist nicht allemal das

Alter, worauf es ankommt. Ich hatte eine Schwester, sie lernte

Griechisch als sie noch _so_ klein war.

Aber Elina erging es ja nicht gut bei der Sache. Bestraft wurde

sie gerade nicht, aber die Polizei jagte ihr doch einen

unschuldigen kleinen Schrecken ein, und damit war sie

verhältnismäßig gut davon gekommen. Dann nahm die Lehrerin sich

ihrer an. Sich eines Kindes annehmen, heißt es auszeichnen, es

auf die Probe stellen, es heimlich beobachten. Elina wird in den

Pausen herangerufen: Liebe Elina, warte doch einen Augenblick,

ich möchte mit dir sprechen! Dann wird sie ermahnt, liebevoll und

bestimmt, zur unrechten Zeit an die Sache erinnert, aufgefordert,

Gott um Verzeihung zu bitten.

Da zerbricht etwas in ihr.

Elina erschlafft, sie kommt mit ungewaschenem Gesicht, vergißt

ihre Bücher zu Hause. Verdächtigt, von forschenden Augen

verfolgt, nimmt sie die Gewohnheit an, sich dem Blick der

Lehrerin zu entziehen, es zu vermeiden, den Leuten in die Augen

zu sehen. Sie gewöhnt sich die verstohlenen, hastigen Blicke an,

die ihr einen scheuen Ausdruck verleihen. Und dann, eines Tages,

wird sie konfirmiert, der Pastor giebt ihr einen Spruch gegen ein

gewisses Gebot, alle Leute machen sich ihre Gedanken über ihre

Vergangenheit. Und dann verläßt sie die Kirche und sie verläßt

ihre kleine Stube. Die Sonne scheint golden auf die Stadt hinab,

die Leute schlendern mit Blumen im Knopfloch auf der Straße

herum, sie macht selber eine Fahrt aufs Land in einer Droschke --

-- --

Und diese Nacht bin ich ihr wieder begegnet. Sie wohnt da unten.

Sie stand in einem Thorweg und redete mich flüsternd an. Ich

konnte mich nicht irren, ich hatte ihre Stimme gehört, und ich

kannte die rote Narbe. Aber, großer Gott, wie stark sie geworden

war!«

»Kommen Sie her! Ich bin es!« sagte sie.

»Ja, ich bin es auch,« entgegnete ich. »Wie groß du geworden

bist, Elina!«

Groß? Was für ein Schnack war das? Sie hatte keine Zeit zum

Plaudern. Wenn ich nicht mit hereinkommen wollte, so brauchte ich

nicht länger stehen zu bleiben und andere zu verscheuchen.

Ich nannte meinen Namen, erinnerte sie an den Hinterhof, an die

kleine Hanna, an alles, was ich wußte. Lassen Sie uns hineingehen

und ein wenig zusammen plaudern, sagte ich.

Als wir hineinkamen, sagte sie:

»Spendieren Sie etwas zu trinken?«

So war sie.

»Denken Sie doch, wenn Hanna jetzt auch hier gewesen wäre! Dann

hätten wir drei wieder zusammengesessen und über dies und jenes

geschwatzt.«

Sie lachte schrill.

»Was schwatzen Sie da für Unsinn? Sie werden wohl schon wieder

kindisch!«

»Denken Sie denn gar nicht mehr an Hanna?« fragte ich.

Da spie sie wütend vor sich hin.

Hanna und immer Hanna! Ob ich denn glaubte, daß sie noch ein Kind

sei? Dies mit Hanna lag viel zu weit zurück, was für ein

Geschwätz war das doch! Ob sie uns etwas zu trinken holen solle.

»Ja, gern.«

Sie steht auf und geht hinaus.

Rings umher in den Nebenzimmern höre ich Stimmen, Korkenknallen,

Fluchen, leise Schreie. Thüren werden geöffnet und wieder

zugeschlagen, hin und wieder wurde draußen auf dem Gang nach

einer Aufwärterin gerufen, die einen Befehl erhielt.

Elina kehrte zurück. Sie wollte bei mir sitzen, auf meinem Schoß,

sie zündete sich auch eine Cigarette an.

»Warum darf ich nicht bei dir sitzen?« fragte sie.

»Wie lange sind Sie hier gewesen?«

»Ich weiß nicht recht. Es ist auch einerlei. Prost!«

Wir tranken. Sie sang eine Melodie ohne Stimme, den blühendsten

Blödsinn, irgend etwas aus einem Tingeltangel.

»Wo haben Sie das gelernt?«

»Im Tivoli.«

»Gehen Sie oft dahin?«

»Ja, wenn ich so viel Geld habe. Jetzt habe ich aber nie mehr

was. Die Wirtin wollte heute Geld von mir haben. Sie nimmt eine

so große Abgabe, sie muß wohl so viel Geld haben, -- und dann

bleibt für uns nichts übrig. -- Könntest du mir nicht noch etwas

Geld geben?«

Ich hatte Gottlob noch etwas, das ich ihr geben konnte.

Sie nahm es ohne Dank und ohne alle Bewegung, aber vielleicht

empfand sie doch eine kleine innere Freude. Sie bat mich, noch

eine Flasche Wein zu bestellen. Ich sollte wohl gründlich

ausgepumpt werden.

Der Wein kam.

Aber nun wollte sie auch Staat mit mir machen. Sie wollte ein

paar von den anderen Mädchen hereinrufen und ihnen von dem Wein

abgeben. Die Mädchen kamen. Sie hatten kurze, gesteifte Röcke an,

die raschelten, wenn sie sich rührten; ihre Arme waren nackend,

und sie trugen abgeschnittenes Haar.

Elina stellte mich vor, und sie wußte meinen Namen noch ganz

genau. Sie erzählte in blasiertem Ton, ich hätte ihr viel Geld

gegeben, ich sei ein guter alter Freund von ihr, sie könne mich

um so viel Geld bitten, wie sie wollte. Es sei immer so gewesen.

Die Mädchen tranken und wurden nun auch vergnügt, sie überboten

sich in unglaublichen Zweideutigkeiten, und krähten allerlei

Lieder gegeneinander auf. Elina wurde eifersüchtig, wenn ich das

Wort auch einmal an eine der anderen richtete, sie wurde mürrisch

und unangenehm. Aber ich sprach absichtlich auch mit den anderen,

um Elina zu größerer Mitteilsamkeit zu zwingen, denn ich wollte

gern einen Einblick in ihren Gemütszustand gewinnen. Ich

verfehlte indes meinen Zweck, sie warf den Kopf in den Nacken und

machte sich etwas zu thun. Schließlich griff sie nach Hut und

Jacke und schickte sich an auszugehen.

»Wollen Sie gehen?« fragte ich.

Sie antwortete nicht, summte mit überlegener Miene eine Melodie

vor sich hin und setzte den Hut auf. Plötzlich öffnete sie die

Thür nach dem Gang und rief:

»Gina!«

Das war ihre Mutter.

Sie kam, mit schweren Schritten, in weiten Pantoffeln schlurfend.

Sie klopfte an, trat ein, blieb an der Thür stehen.

»Ich habe dir doch gesagt, daß du den Staub von der Kommode jeden

Tag abwischen sollst!« sagte Elina sehr bestimmt. »Was für eine

Schweinerei ist das! Mit der Art Reinmachen komm mir nicht

wieder, verstehst du! Und die Photographien da hinten sollen auch

jeden Tag mit einem Tuch abgewischt werden!«

Die Mutter sagte: »Ja« und wollte wieder gehen. Sie hatte

unzählige Runzeln im Gesicht und eingefallene Wangen. Sie hörte

die Tochter gehorsam an und sah sie an, um nichts zu überhören.

»Ich bitte mir nun aus, daß du daran denkst!« sagte Elina.

Die Mutter antwortete: »Jawohl!« und ging. Leise schloß sie die

Thür hinter sich, um kein Geräusch zu machen.

Elina stand angekleidet da. Sie wandte sich mir zu und sagte:

»Ja, es wird wohl am besten sein, wenn Sie jetzt den Wein

bezahlen und gehen.«

»Vielen Dank!« sagten die Mädchen und leerten ihre Gläser.

Ich war ganz betroffen.

»Den Wein soll ich bezahlen?« sagte ich. »Warten Sie einmal! Ich

denke doch, ich habe Ihnen das Geld für den Wein gegeben? Aber

vielleicht habe ich noch etwas.« Ich griff wieder in die Tasche.

Die Mädchen fingen an zu lachen.

»Ach, so ist es mit seinem Reichtum bewendet! Du hattest ja so

viel Geld von ihm bekommen, Elina, und jetzt kann er nicht einmal

den Wein bezahlen! Hahaha!«

Da wurde Elina in ihrer Seele wütend.

»Hinaus mit euch!« schrie sie. »Ich will euch hier nicht mehr

haben! Er hat Geld wie Heu! Hier könnt ihr sehen, was er mir

gegeben hat!« -- Und triumphierend warf sie Scheine und

Silbergeld auf den Tisch. -- »Er hat den Wein bezahlt und mich

auch, seht nur her! Ihr habt nie so viel Geld auf einem Haufen

gesehen. Ich kann die Wirtin für zwei Monate bezahlen, versteht

Ihr mich! Ich sagte es nur, um ihn ein wenig zu ärgern, um ihn zu

necken. Ihr sollt aber hinaus!«

Und die Mädchen mußten hinaus.

Elina aber lachte schrill und nervös auf, als sie die Thür hinter

ihnen abschloß.

»Ich mag sie wirklich nicht hier haben,« sagte sie

entschuldigend. »Es sind im Grunde langweilige Dirnen, mit denen

ich gar nicht verkehre. Fandest du nicht auch, daß sie langweilig

waren?«

»Nein, das fand ich nicht,« antwortete ich, um sie noch mehr zu

beschämen. »Sie antworteten, wenn sie gefragt wurden, sie

erzählten mir, was ich von ihnen wissen wollte. Es waren nette

Mädchen.«

»Dann kannst du ja auch gehen!« schrie Elina mir zu. »Geh du

ihnen nur nach, wenn du Lust hast. Ich halte dich nicht.« Der

Sicherheit halber steckte sie jetzt das Geld ein, das sie vorhin

auf den Tisch geworfen hatte.

»Ich wollte Sie gern noch etwas fragen,« sagte ich. »Wenn Sie

sich entschließen könnten, ruhig zu sitzen und mich anzuhören.«

»Mich nach etwas fragen?« antwortete sie höhnisch. »Ich habe

nichts mit dir zu schaffen. Du willst wohl wieder von Hanna

anfangen? Dies Gequatsche von Hanna macht mir ganz schlimm und

übel. Davon kann ich nicht leben!«

»Möchten Sie denn aber nicht aus diesem Leben heraus?« fragte

ich.

Sie that, als höre sie es nicht, sie fing wieder an, im Zimmer

herum zu kramen und zu ordnen, und dazu pfiff sie, um sich Mut zu

machen.

»Aus diesem Leben heraus?« sagte sie und stand plötzlich vor mir

still. »Wozu? Wo soll ich hin? Mit wem soll ich mich wohl

verheiraten? Wer wollte wohl so eine wie mich haben? Und dienen

mag ich nicht.«

»Sie könnten ja versuchen, außer Landes zu gehen und ein ehrbares

Leben anzufangen.«

»Blödsinn! Blödsinn! Schweig davon! Bist du Missionar geworden?

Wozu soll ich von hier fortgehen? Ich befinde mich ganz wohl. Ich

habe nichts auszustehen. Weißt du was? Laß noch eine Flasche

Wein kommen! Aber nur für uns beide ganz allein. Die anderen

sollen nichts abhaben -- -- Gina!« rief sie zur Thür hinaus.

Sie bestellte Wein, trank und wurde immer weniger anziehend. Ein

vernünftiger Bescheid war nicht aus ihr herauszubringen, sie

summte unablässig Bruchstücke von Gassenhauern vor sich hin,

während sie dasaß und sann. Dann trank sie wieder, und ihr

Benehmen wurde geradezu abstoßend. Sie wollte wieder und wieder

auf meinen Schoß, sie streckte die Zunge heraus und sagte: »Da,

sieh!« Schließlich fragte sie geradezu:

»Bleibst du übernacht hier?«

»Nein!« antwortete ich.

»Dann gehe ich aus!« sagte sie. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- --

Der Erzähler schwieg.

»Nun?« fragte ich.

»Was würden Sie thun, wenn Ihnen eine solche Wahl gestellt würde?

Würden Sie bleiben oder gehen? Sehen Sie, das ist die Frage.

Wissen Sie, wozu ich mich entschloß?«

Er sah mich an.

»Ich blieb!« sagte er.

»Sie blieben?« fragte ich gähnend. »Die Nacht über? Bei dem

Mädchen?«

»Ich bin eine erbärmliche Seele!« sagte er.

»Aber um des Himmels willen! Was dachten Sie sich denn dabei?

Waren Sie betrunken?«

»Das auch. Zuletzt. Aber vor allen Dingen bin ich nicht weniger

widerwärtig und jämmerlich als andere Menschen, das ist die

Sache. Sie war ein Mädchen, deren Geschichte ich kannte. Es war

mir eine solche Wollust, zügellos zu sein. Können Sie das

begreifen? So blieb ich denn. Und in welch ein Meer von

Zügellosigkeit wir versanken!«

Der abscheuliche Cyniker schüttelte den Kopf über sich selber.

»Aber jetzt will ich wieder zu ihr gehen,« fuhr er fort. »Es muß

sich noch etwas thun lassen! Hm! Sie meinen, ich sei nicht die

geeignete Persönlichkeit dazu? Ich bin vielleicht doch nicht so

schlimm wie Sie glauben. Sie denken an die Geschichte von

übernacht. Bedenken Sie, wenn ich nicht geblieben wäre, so wäre

ein anderer gekommen, und bei einem solchen Tausch würde sie

voraussichtlich verloren haben. Wenn sie ihren Umgang wählen

könnte, glaube ich, würde sie unfehlbar mich wählen, ich bin

rücksichtsvoll und habe Verständnis, ich vergesse auch keinen

Augenblick, ihr zu widerstehen. Aber das Sonderbare ist, daß

gerade dieser Zug an mir sie reizte. Das sagte sie selber. >Du

widerstehst mir so herrlich!< sagte sie. Was soll man einem

solchen Mädchen gegenüber anfangen? Und dann muß man auch

bedenken, daß sie einzig und allein um der Blumen willen in ihrem

Herzen so übel zugerichtet ist. Das war der Anfang. Wäre es

erlaubt gewesen, Blumen auf den Gräbern zu pflücken, so wäre sie

jetzt ein anständiges Mädchen. Aber da faßten wir sie ab, und ich

war dabei behilflich! Ich war dabei behilflich!«

Er schüttelte von neuem den Kopf und versank in Sinnen.

Endlich erwachte er wie aus einem Traum.

»Ich habe Sie gewiß aufgehalten. Ich fühle auch selber, daß ich

müde bin. Ahnen Sie, wieviel Uhr es ist?«

Ich wollte meine Uhr herausziehen. Ich hatte sie nicht bei mir,

ich hatte sie zu Hause vergessen.

»Danke, es ist auch einerlei,« sagte er und erhob sich, streckte

seine Beine und zog seine Beinkleider herunter. »Sehen Sie, da

kommt die vornehme Dame zurück, die Trauer ist beendet, das

kleine Mädchen trägt keine Blumen mehr. Die Blumen liegen wieder

da unten, Rosen und Kamelien; in vier Tagen sind sie verwelkt.

Wenn ein kleines Mädchen sich dieser Blumen bemächtigt, um sich

ein Paar Schuhe dafür zu kaufen, so glaube ich, es ist kein

Unrecht!« --

Jetzt sah mich der Mann eine ganze Minute an, trat ganz nahe an

mich heran und brach in ein verhaltenes Lachen aus.

»Sehen Sie, solche Geschichten muß man erzählen,« sagte er. »Für

die findet man willige Ohren. Tausend Dank, verehrter Zuhörer!«

Er nahm den Hut ab, verbeugte sich und ging.

* * * * *

Ich blieb in einem sehr verdutzten Zustand zurück. Er hatte mich

mit einem Schlage in einen Wirbel von Verwirrung versetzt und

meinen klaren Verstand ganz umnebelt. Dieses Schwein! Er hatte

die Nacht bei dem Mädchen zugebracht! Bei dem Mädchen? Eine

verdammte Lügengeschichte! Er hatte mich zum Besten gehabt, seine

erschütternde Erzählung war eine Erfindung von einem Ende bis zum

andern. Wer aber war denn dieser Erzschelm? Wenn ich ihn noch

einmal wieder treffe, so setzt es was! Er hat die Geschichte

vielleicht irgendwo gelesen und sie auswendig gelernt, sie

gehörte nicht zu den schlechtesten, der Bursche hatte Talent.

Hahaha! Weiß Gott, der hat mich an der Nase herumgeführt!

Ich ging in großer Verwirrung nach Hause. Ich suchte nach meiner

Uhr. Sie lag nicht auf dem Tisch. Ich schlug mich gegen die

Stirn: meine Uhr war gestohlen! Natürlich hatte er meine Uhr

gestohlen, als er neben mir saß. Ha! Dieser Schlingel!

Jetzt blieben mir zwei Auswege. Ich konnte eine Anzeige machen und

meine Uhr in ein paar Tagen von einem Pfandleiher wiederbekommen.

Dann wurde der Bursche auch wohl bald hinterher festgenommen.

Oder ich konnte schweigen. Das war der zweite Ausweg.

Ich schwieg.

Sklaven der Liebe, und andere Novellen · 第 29 / 48 题