Ein Reisebrief

Jetzt, drei Wochen nachdem ich in Amerika gelandet bin, komme ich

endlich dazu, Ihnen diesen Bericht über die Reise dahin zu

senden. Ich bedaure, daß ich es nicht früher habe thun können, --

der Geist ist willig gewesen, aber das Fleisch war schwach. Mitte

August verließ ich Norwegen, wo wir schon seit längerer Zeit

einen Überzieher getragen hatten, und kam drei Wochen später in

eine Hitze von über 90 Grad Fahrenheit im Schatten hinein. Dies

griff mich nicht wenig an und störte meine sonst so gute

Septembergesundheit.

Ich will versuchen, aus dem Kopf, ganz nach dem Gedächtnis

zu schreiben. Ich habe auch nicht einen Buchstaben mehr von

allen meinen wichtigen Papieren vom Schiff. Alles ist weg.

Meine sämtlichen Notizen sind eines Nachts am Rande der

Newfoundlandsbanks verschwunden. Jeder andere würde wohl den

Verstand verloren haben, -- mir entfuhr nicht einmal ein Schrei.

Ich setzte mich nur auf meinen gelben Handkoffer und fand mich wie

ein Mann in das Unvermeidliche. Und gegen Vormittag ermannte ich

mich so weit, daß ich sogar eine Tasse Thee herunterzuschlucken

vermochte.

* * * * *

So ließen wir denn die Brücke von Kristiania hinter uns, nachdem

wir unsere Abschiedsgrüße geweht, und der Schiffer die Quittung

für die Emigrantenladung abgelegt hatte.

»Kann man jetzt nicht mehr umkehren,« fragte mein junger

Reisegefährte mit weinerlicher Stimme.

»Ja, in Kristianssand. Aber das wirst du nicht thun.«

»Dann betrinke ich mich und segele viele viele Meilen von der

Heimat fort,« schluchzte er.

Ach, dieser blutjunge Mann! Er war siebzehn Jahre alt und war

noch nie von Hause fort gewesen.

Es entstand ein Lärmen und ein Geräusch. Sechshundert Menschen

wimmelten auf Deck durcheinander, schleppten ganze Fuder von

Gepäck in das Zwischendeck hinab. Da waren die verarmten

Gebirgsbewohner aus unseren Thälern, Bauern von den dänischen

Inseln, grobknochige Schweden, -- Bettler und arme Leute,

bankerotte Kaufleute aus den Städten, Handwerker, -- Frauen,

junge Mädchen und Kinder. Es war das auswandernde Skandinavien.

»Ja, jetzt schwimmen wir,« sagte ein Mann neben mir. »Sie waren

schon früher drüben?«

»Ja!«

Er war ein Mann von dreißig Jahren, fett, sommersprossig und ohne

Bart. Eine blonde Haarschnur mit runden Gliedern hing ihm von der

Brust herab, um den Hals trug er einen weißen, fettigen Schlips.

Er hatte Ohrlöcher in den Ohren.

»Ein schönes Land, das wir verlassen!« sagte er. »Das schönste

auf der Erde!« -- Seine gutmütigen Augen wurden ganz blank.

»Weshalb verlassen Sie es denn?«

Das hatte seine besondere Bewandtnis. Er war Seminarist, war

Lehrer gewesen, hieß übrigens Nyke, Kristen Nyke. Dann war er in

eine theologische Streitigkeit mit dem Pfarrer C. F. Magnus

geraten, und diese Streitigkeit endete damit, daß er seine

Lehrerstellung verlor. Er erzählte von seinem Appell an

die Öffentlichkeit, von seinen vier langen Artikeln in der

Stiftszeitung, was er dem Bischof unverzagt auf dessen Brief

geantwortet hatte: »Herr Bischof, Ew. Hochwürden können das

Unmögliche von mir verlangen, erfüllen kann ich es aber nicht.«

»Und um was hat sich denn der Streit gedreht?«

Aus dem Gesicht des Lehrers strahlte eine unglaubliche

Begeisterung:

»Um was sich der Streit gedreht hat? Ich lese viele Bücher, ich

durchforsche Zeitungen und Schriften und werde für meine

Verhältnisse ein gelehrter Mann. Ich katechisiere die Kinder nach

den Forderungen der Zeit und nach meinen eigenen natürlichen

Vernunftschlüssen. Da steht von Noah, daß er ein Paar von allen

den Tieren mit sich in die Arche nahm, die nicht im Wasser leben

konnten. Das soll mir jemand einreden! Hatte er etwa ein Paar

Mastodonten, ein Paar Mammuttiere, ein Paar Elefanten bei sich,

von denen ein einziges Paar genügt hätte, um sein kleines

Fahrzeug zu füllen? Auf der anderen Seite: Besaß Noah ein

Vergrößerungsglas und ein Mikroskop? Ich frage so einfältig, weil

ich es nicht besser weiß. Konnte Noah alle die Millionen von

Millionen unsichtbarer Tiere und Gewürm mitnehmen, die dem

menschlichen Auge verborgen sind? Und konnte er sie ohne

Vergrößerungsglas untersuchen und ein männliches und ein

weibliches Tier von jeder einzigen Art herausfinden?«

Es hatten sich noch mehr Menschen zu uns gesellt, die dem

eifrigen Redner lauschten. Hier fingen einige an zu kichern,

andere standen in tiefem Sinnen da und hielten an ihrer

Kinderlehre fest. Herr Nyke hatte Blut geleckt, er fuhr fort,

über die Unwahrscheinlichkeiten der Bibel zu räsonnieren:

»Ebenso verhält es sich mit Jesu Göttlichkeit,« sagte er. »Vor

der Kirchenversammlung zu Nicäa stand es jedem frei, darüber zu

glauben, was man wollte; da aber wurde es festgestellt. Dies

geschah im 4. Jahrhundert nach Christo. Und seither ist es so

gewesen. Forscht man aber in Büchern und Schriften, findet man

keine Begründung für diesen menschlichen Lehrsatz. Ich habe in

einem schwedischen Buch gelesen, das Ganze beruhe auf der

fälschlichen Auslegung eines griechischen Buchstabens. Ich will

euch das alles zeigen, wenn ich nur erst zu meinem Koffer

gelangen kann; da habe ich eine Menge Bücher.«

Oben auf Deck war es jetzt einigermaßen ruhig geworden, so daß

Herr Nyke ganz ungestört reden konnte; durch die Luken des

Zwischendecks stieg ein Gesurre von Stimmen von allen den

geschäftigen Menschen da unten auf, die ihre Kojen mit geballten

Fäusten verteidigten und ihr Gepäck beiseite stauten.

Vier junge Damen in flottgeschürzten Karl-Johann-Toiletten und

blauen Ringen unter den Augen gingen plaudernd je zu zweien

vorüber. Sie orientierten sich für die kommenden Tage an Bord,

starrten mit großen, blauen Augen um sich, redeten jeden

sündhaften Matrosen an und stiegen unerschrocken über all das

Gepäck, das ihnen im Wege lag, ohne auch nur die fetten, kleinen

Hände aus den Manteltaschen zu ziehen. Strauchelte eine von

ihnen, so lachten sie alle vier und meinten, es sei ein recht

vergnügliches Leben an Bord.

Ich ging hinunter, um mir eine Koje in einer einigermaßen

reinlichen Nachbarschaft auszusuchen. Das hatte indessen mein

junger Reisegefährte schon besorgt; er saß wie ein Kaiser oben

auf seiner Strohmatratze und warf allen, die ihm seine Koje

nehmen wollten, wütende Worte an den Kopf.

* * * * *

In der Nähe unserer Koje hatten auch Kristen Nyke und seine

Kameraden Unterkommen gefunden. Zwei von ihnen seien »gewöhnliche

Handwerker«, sagte Herr Nyke, sie hatten einen gemeinsamen

Geldbeutel und einen gemeinsamen Koffer, ohne doch Brüder zu sein;

der dritte hatte feinere Hände und ein lustiges, verschmitztes

Gesicht, er war aus einer Kaufmannsfamilie. Dieser Mann sollte uns

während der Überfahrt viele Unterhaltung verschaffen. Nie

seekrank, immer lustig, hilfsbereit und immer parat, fuhr er

zwischen den Passagieren umher und streute seine Scherze willig

über das ganze Zwischendeck aus. Seinerseits schien dieses kleine

drollige Männchen nur _ein_ Vergnügen hier im Leben zu kennen:

nämlich seinen Reisegenossen Nyke, den er immer bei seinem

Vornamen Kristen nannte, tüchtig zu necken, und es kam nur selten

vor, daß diese beiden Frieden hielten. Zuweilen weckte er den

Seminaristen mitten in der Nacht, um sich nach seinem Befinden zu

erkundigen, oder er erzählte ihm, wieviel die Uhr war, während

Nyke wütend erwachte und ihm schreckliche Rache für diesen

»Schurkenstreich« schwur. Und dann schliefen sie beide wieder ein.

Jetzt standen sie da und warteten auf das Mittagessen.

»Nyke soll drüben Pastor werden,« sagte der Kaufmann.

Da lachte Nyke. Pastor, er! Dazu war er ein viel zu aufgeklärter

Mensch! Und er wandte sich nach mir um und fragte, was ein Mann

mit seiner Ausbildung eigentlich anfangen sollte. Er gehöre nicht

zu denen, die körperliche Arbeit verachteten, aber man müsse ihm

wohl recht geben, daß er die Bedingungen zu etwas anderem in sich

trüge. Er habe an die Stellung eines Professors an einem College

gedacht.

Als die Essensglocke ertönte und die großen Eimer mit

Emigrantenspeise auf das Zwischendeck herabgelassen wurden, wurde

das Gedränge so groß und der Lärm so stark, daß ich es für das

Geratenste hielt, eine Weile auf Deck hinaufzufliehen. Es ging

über die Glieder der Mitmenschen her. Der Matrose, der als

Zwischendecks-Polizist angestellt war, fand den Zustand derartig,

daß auch er es vor seinem Gewissen verantworten zu können

glaubte, jetzt seiner Wege zu gehen, -- jetzt, so lange er noch

ohne andere Hilfe gehen _konnte_.

Freie und ledige Leute konnten die Schlacht ja wagen, er aber

hatte Frau und Kinder in Kopenhagen.

Nachdem ich mich auf dem obersten Deck eine halbe Stunde

herumgetrieben und das Getöse unten sich ein wenig gelegt hatte,

ging ich wieder hinab. Meine neuen Bekannten, sowie mein junger

Reisegenosse von daheim saßen alle um eine Kiste herum und

schnitten ein Stück herrlichen, gelblichen Speck, der ganz danach

angethan schien, um Seekrankheit zu erzeugen, in Stücke und

verzehrten es. Und überall in jeder Koje, in jedem Schlupfwinkel

war man mit dem Mittagsessen beschäftigt. Ach ja, der Mensch lebt

_für_ das, _wovon_ er lebt! Auch nicht _ein_ Gesicht verriet

Spuren von den Thränen, die für das Vaterland gefallen waren, das

man verlassen hatte. Speck lag auf den Kisten, trieb sich am

Fußboden und auf den Matratzen herum, Kinder spielten damit,

Jünglinge bombardierten einander damit, man saß da, Speck in den

Zähnen, zwischen den Fingern, auf den Knieen, -- überall glänzte

dieser fette, gelbe Stoff, der überall Flecke hinterließ.

Viele aber langten mit herzerfreuendem Appetit zu. Die

Gebirgsbewohner aus den engen Thälern hatten wohl jetzt zum

ersten Mal in ihrem Leben Gelegenheit, nach Herzenslust in Zukost

zu ihrem Brot zu schwelgen.

Aber mein junger Reisegefährte, der übrigens von ebenso armer

Herkunft war wie ich selber, sollte sein erstes Mittagessen an

Bord eines Oceandampfers teuer bezahlen. Er lag den ganzen

Nachmittag in seiner Koje und befand sich schlecht, und ich

konnte nicht an ihm vorübergehen, ohne daß er nicht eine

Unterhaltung über trockne Schiffszwieback anfing, so recht

trockne, gute Zwieback, auf denen man kauen konnte, oder daß er

mich um ein Mittel gegen Übelkeit um Rat fragte.

Herr Nyke dahingegen litt infolge der gefährlichen Gärung im

Magen an einer gewissen Verdauungsträgheit. Er nähme die Sache

mit Ruhe, sagte er, und habe keine Lust, etwas vorzunehmen.

Späterhin am Abend sollte er indessen genug zu thun bekommen. Wir

hörten ihn eifrig nach einem gewissen Schlüssel suchen, dessen er

denn schließlich auch habhaft wurde, den er dann aber gar nicht

wieder abgeben wollte, obwohl es der Schlüssel zu einer gewissen

Bequemlichkeit war, zu der auch andere Zutritt haben sollten.

* * * * *

Indessen war die Stimmung unter den Auswanderern ganz vorzüglich.

Sie hatten vor Abgang des Schiffes in Kristiania eine größere

Menge Abschiedsbier getrunken und hatten noch einen Schluck in

der Reiseflasche. Nach Tische kamen dann die Handharmonikas auf

Deck und es entspann sich gleich ein so lebhafter Tanz, daß

schwache Leute unter die Starken gerieten; einige von den Frauen

flehten sicher aufrichtig um Geduld im Leiden.

Eine kleinere Gruppe von Menschen hatte sich am Vordersteven

gesammelt, dort sang ein schwedischer Methodistenprediger aus

Amerika geistliche Lieder von Sankey und betete um gutes Wetter

für die Überfahrt. Man ist so gottlos als junger Auswanderer --

bis zu dem Augenblick, wo die Gefahr im Anzuge ist. Hier waren

es nur ein paar ältere Sünder, die in sich gingen, während da

unten auf dem Zwischendeck ein Schwarm lustiger Leute Mazurka

tanzten und sich nicht um den lieben Gott kümmerten.

Herr Nyke und der Kaufmann kamen vorüber. Herr Nyke schimpfte. Er

trug seinen Speiseneimer in der Hand, ein sonderbares, verbogenes

Blechgefäß mit einem eisernen Henkel. Es war sehr mitgenommen.

»Er hat es gethan!« sagte Herr Nyke. »Er hat es absichtlich

gethan, sich daraufgesetzt, es zerbrochen. Sehen Sie nur!«

Der Kaufmann that sein Bestes, um ernsthaft zu bleiben. Es sei

versehentlich geschehen, sagte er. Es sei da unten so dunkel

gewesen, da habe er sich, ohne es zu wollen, darauf gesetzt.

Und beide gingen weiter und redeten mit lauter Stimme über die

Sache.

Der Tanz wurde bis an den dunklen Abend fortgesetzt, wo das Deck

geräumt werden sollte. Das Reglement schrieb vor, daß wir

Passagiere vom Zwischendeck bis zu einem gewissen Glockenschlag

in unserer Koje sein sollten, und sobald der Zeitpunkt gekommen

war, sah man den Proviantverwalter und einen der Offiziere, jeder

mit einer kleinen Diebslaterne unter dem Rock, in allen Winkeln

und Ecken herumstöbern, um plötzlich einen Lichtstrahl auf ein

verspätetes Paar zu werfen, das noch im Verborgenen dasaß und

sich in flüsterndem Zwiegespräch vergessen hatte. Ein kleiner

erschreckter Schrei, zwei Paar entsetzte Augen starrten die

Laterne an, dann eine hastige Flucht über das Deck -- in ein

besseres Versteck. Die vier Karl-Johann-Damen forderten sogar,

das Reglement zu sehen, das ihnen verbieten konnte, auf Deck zu

sitzen, bis der Morgen dämmerte. Das möchten sie sich denn doch

ausbitten!

Und dann bekamen sie das Reglement zu sehen.

* * * * *

Wir dampften in die Nordsee hinein.

In Kristianssand waren wir an Bord gewesen und hatten ein paar

Briefe geschrieben, eßbare Speisen gekauft, so gut sie zu haben

waren und so weit es unsere Mittel erlaubten, ein wenig Bier

getrunken. Das war das letzte, was wir auf europäischem Festland

verzehrten. Jetzt dampften wir in die Nordsee hinein.

Es war am Morgen, rings umher erwachten die Leute, die Uhr war

sieben, in einer Stunde kam das Frühstück. Mehrere von uns hatten

schon Stiefel an.

Ich schloß die Augen wieder. Das Schiff rollte. Die stampfende

Bewegung hatte meinen Kopf schon etwas schwer gemacht. Ich

schlief wieder ein.

Ich erwachte von einem schallenden Gelächter meiner Kameraden,

die schon unten auf den Kisten saßen, im Begriff ihr Frühstück

einzunehmen, und ich richtete mich gerade früh genug auf, um

Herrn Nykes Beine die Treppe zum Deck hinauf verschwinden zu

sehen.

Was gab es denn nur?

Herr Nyke hatte einen Heringskopf in seinem Kaffee-Eimer

gefunden, und deswegen war er jetzt auf dem Wege zum Kapitän, um

sich zu beklagen.

Der Haugesunder an meiner linken Seite fragte gähnend, wieviel

die Uhr sei, alle Leute erwachten und sprangen zu beiden Seiten

des Ganges im Mitteldeck aus den Kojen; aus der Abteilung der

verheirateten Leute drang das unangenehme Geräusch seekranker

Frauen, in meinem eigenen Kopf machte sich ein verdächtiges

Gefühl bemerkbar. Ich zog schnell die Stiefel an und begab mich

auf Deck.

Hier und da, im Schutz gegen den Wind, saßen bleiche Menschen,

denen offenbar übel war; einige hingen schon trostlos über der

Schanzverkleidung. Und der Wind stand uns gerade entgegen. Die

See wurde immer unruhiger.

Herr Nyke kehrte in höchster Erregung zurück und erging sich

über den Heringskopf. War das vielleicht mit den modernen

Gesundheitsregeln der Hygiene zu vereinen?

Ein leidender Mitreisender, der offenbar genug zu thun hatte, um

sich auf den Beinen zu halten, mußte trotz alledem über die Wut

des Seminaristen lachen. Er gab sich sogar Mühe, über die Sache

nachzudenken.

»Der Heringskopf ist ein Schelmstück von einem Ihrer Kameraden,«

sagte er. »Der ist nicht aus dem Eimer des Stewarts gekommen, er

wäre gar nicht durch den Guß hindurch gegangen!«

Nyke senkte sinnend das Haupt.

»Was Sie da sagen, hat etwas für sich, und ich habe auch schon

daran gedacht. Die Öffnung in dem Eimer des Stewarts war wirklich

zu eng dazu. Deshalb bin ich auch nicht zum Kapitän gegangen, das

wäre zu dumm gewesen --« Und Herr Nyke meinte, was er sagte. Es

wäre doch wirklich ein abscheulicher Scherz. Schließlich sprach

er seine Besorgnis vor einem »gewissen Fall« aus, der bei ihm

einzutreten pflege, wenn er »solchen Schweinkram« gegessen hatte.

Und die See ward immer bewegter, die Seekrankheit griff mehr und

mehr um sich. Ein Emigrant nach dem andern brach jammervoll

zusammen, und unten in den Kajüten der ersten und zweiten Klasse

hatten die dienstbaren Geister genug mit dem Reinigen zu thun.

Mit welcher Unbarmherzigkeit greift diese Krankheit nicht den

stärksten Mann an! Ich war sehr viel auf See gewesen, und doch

war ich jetzt ohnmächtig, totkrank achtundvierzig Stunden lang.

Bis zu der schottischen Küste hielt ich mich einigermaßen, dann

lag ich da! Einmal, als mein Elend seinen Höhepunkt erreicht

hatte, und ich hilflos in einem Winkel des Decks zusammen mit ein

paar andern Leidensgefährten lag, kam mein Kamerad aus der Koje

links, der Haugesunder, vorüber, dieser dicke, unbehilfliche

Mensch, der in seinen eigenen Stiefeln stolpern konnte, und trat

ohne die geringste Notwendigkeit auf meinen Fuß, -- ich war nicht

imstande, mich aufzurichten und ihn nach Verdienst zu züchtigen.

Er entkam mir. Im übrigen war der Haugesunder ein hilfreicher

Mann. Er stahl gelbe Wurzeln für mich aus einem Vorratsschrank

während der Zeit, wo ich seekrank war, er ergriff Herrn Nykes

Partei, als dieser eines Tages mit dem Methodistenprediger über

die Wunder in Streit geriet, und auf den Newfoundlandsbanks, als

ich alle meine wichtigen Notizen verloren hatte, erklärte er, er

empfinde das als ein persönliches Unglück, das könne ich ihm

glauben.

* * * * *

Mein junger Reisegefährte, Herr Nyke und die beiden Handwerker

saßen unten und belustigten sich mit einer Flasche Rum. Der

Kaufmann war gerade von der schwarzen Victoria in Anspruch

genommen, einer ganz jungen Mexikanerin, die ihren Herzensfreund,

einen Schiffer aus Sandefjord auf seinem Schiff nach Norwegen

begleitet hatte -- und sich nun auf dem Rückwege in ihre ferne

Heimat befand. Gleich einem seltenen, fremdartigen Tier ging sie

an Bord umher, zärtlich, sehr empfänglich für Aufmerksamkeiten;

sie sang spanische Lieder und rauchte Cigaretten wie ein Mann.

Der Kaufmann sah ihr von Zeit zu Zeit ins Gesicht und nannte sie

mit liebevoller Betonung sein kleines Ungetüm, sein kleines,

schwarzes Beast, Worte, die sie ja nicht verstand. Einmal geriet

sie in Streit mit einer der Karl-Johann-Damen. Da sprang das

kleine, feurige Ding plötzlich auf und überschüttete ihre

Gegnerin mit einem Strom englischer Schimpfworte und Spottnamen,

die wie die Sonne in ihrem Heimatlande brannten, rohe, blutige

Farben und Gebärden, Worte, die so nackt waren, daß es nicht

möglich ist, sie zu wiederholen -- --

Ein Gesang, ein Mittelding zwischen Gesang und Rede, ertönte

hinter mir. Es war Herr Nyke, der lallte. Herr Nyke war

betrunken, der Rum war ihm zu Kopf gegangen. Mit einem sonnigen,

glücklichen Lächeln erklärte er, nichts sei so schön, als im Mond

spazieren gehn, spazieren gehn! Er setzte sich auf den ersten

besten Platz und lallte weiter.

Jetzt war alles still geworden, nur die Maschine stampfte, und

die Wellen ließen das Schiff erzittern. Die Müden und die Kranken

lagen alle durcheinander in den Kojen oder auf ihren Koffern.

Mein Freund, der Jüngling, war auf einem Sack umgesunken, eine

leere Rumflasche und ein Glas lagen neben ihm; die Handwerker

saßen, den Kopf auf die Brust gesunken, da und schliefen.

Ich schüttelte meinen Freund. Er schlug die Augen auf und fragte

wütend, wer ich sei. Und was wollte ich mit seinem Speck, seinem

eigenen Mittagessen, dem Speck und dem Schiffszwieback? Später

erholte er sich ein wenig von dem Rausch und erklärte, es sei

nicht hübsch von mir gewesen, ganz und gar nicht hübsch! Wir

seien nun so manch lieben Tag Freunde gewesen, sagte er, und

jetzt müsse ich diese Schande über ihn bringen. -- Er litt unter

dem Wahn, daß er mir versprochen habe, sich zu betrinken, ehe er

die Heimat viele, viele hundert Meilen hinter sich gelassen

hatte. Ich hatte ihn jedenfalls nicht davon zurückgehalten.

Der Kaufmann kehrte zurück. Er fragte gleich nach Nyke. Wo Nyke

sei? Er müsse ihn sprechen. Er erzählte weiter, er sei bei seiner

süßen Schwarzen gewesen. »Sehen Sie nur! Da hat sie mich in den

Finger gebissen, das infame Frauensmensch! --« Und er zeigte mir

einen blutenden Finger.

Aber ein paar Stunden später hatten Herr Nyke und mein junger

Freund sich wieder gefunden. Sie standen da und fragten sich

nach ihrem gegenseitigen Befinden. Beide hatten den Rausch ein

wenig verschlafen, sie sahen sich etwas verschämt mit einem

verlegenen Lächeln an, ihre Augen waren rot und sie suchten ihre

Stimmen so klar zu machen, wie es ihnen möglich war.

Wir hatten Schottland hinter uns gelassen. Meine Seekrankheit war

überstanden. Ich hatte achtundvierzig Stunden gehungert, war

achtundvierzig Stunden unmenschlich krank gewesen und war im

letzten Augenblick von dem zweiten Koch mit ein paar Löffeln

Gerstgrütze, in Wasser gekocht, gerettet worden. Nie werde

ich vergessen, wie gut das schmeckte! Überhaupt war die

Schiffsmannschaft sehr gut gegen uns, sie erzeigte uns oft eine

Extra-Freundlichkeit, wenn wir viel ausgestanden hatten. Als wir

uns ein wenig an das Essen an Bord gewöhnt hatten, schmeckte uns

das auch so gut, wie wir es nur wünschen konnten. Das Brot war

auch gut gebacken und wurde uns in reichlicher Menge geliefert.

Wir bekamen jeden Tag Weizenbrot.

Jetzt schwammen wir auf dem Atlantischen Ozean.

Ein finsterer, fast religiöser Ausdruck lag auf den Gesichtern:

Also jetzt! -- In Gottes Namen!

Was meinen Freund, den Jüngling betrifft, so erklärte er, daß ihm

ganz flau werde, wenn er den unendlichen Gedanken -- der

atlantische Ozean -- denke. Kristen Nyke aber antwortete, daß

darüber gar nichts zu denken sei, -- das sei ein Gedanke für

Frauen und Kinder. Ginge die Sache gut, so wäre es gut, ginge sie

schief, so stürbe man.

»Und welche Ansicht haben Sie denn über den Tod, Kristen?« fragte

der Kaufmann.

»Meine Ansicht über den Tod? Sie ist wohl dieselbe wie die

Ansicht anderer gebildeter Menschen. Das Ende des Ganzen, der

Schluß, der Punkt für alle großen Gedanken. Wenn Sie ein Mann

wären, den so etwas interessierte, würde ich Ihnen etwas darüber

aus einem Werk in meinem Koffer vorlesen.«

Ich machte einen Besuch in der Familienabteilung, dem

Aufenthaltsort der verheirateten Leute und der jungen Mädchen.

Das Zwischendeck war hier in größere Kammern abgeteilt, die

durch die offenen Luken im Oberdeck Licht und Luft erhielten, und

wo die besser eingerichteten Kojen, die Eßtische und die Bänke

längs derselben den Aufenthalt für die Familien ganz gemütlich

machten. Es befanden sich drei solche Kammern im Schiff, und in

ihnen allen war die Luft gut, wenn man die vielen kleinen Kinder

und die nicht wenigen seekranken Frauen in Berechnung zog. Zwei

Frauen waren miteinander in Streit geraten, aber von Natur

zurückhaltend, wie sie waren, und in christlichen Familien

erzogen, rissen sie sich gegenseitig nur ein paar Haarbüschel

aus, ja die eine von den beiden, eine Witwe, die in Kristianssand

an Bord gekommen war, kämpfte in ihrer Demut am liebsten mit den

Nägeln.

Dieser kleine Zeitvertreib erregte die allgemeine Aufmerksamkeit,

und ich beobachtete, wie ein Passagier aus der ersten Kajüte, ein

Schneider aus Kopenhagen, mit seinem goldenen Kneifer dastand und

dem Streit durch die Luke im oberen Deck zuschaute. Er wippte

umher und wechselte fortwährend den Platz, um besser sehen zu

können. Ein paar kleine Kinder dagegen waren ganz teilnahmslos

für diesen Kampf der Frauen; ernst und nachdenklich saßen sie da

und verzehrten eine alte Zeitung, die zwischen ihnen lag und

stießen von Zeit zu Zeit einen unartikulierten Laut aus, wozu sie

die ernsthaftesten Gesichter aufsetzten.

Als ich zu meinen Kameraden zurückkehrte, war Herr Nyke gerade im

Begriff, sich ein wenig »einzurichten«, wie er es nannte. Er

wollte auf der Überfahrt wie ein Mensch wohnen, und wenn sonst

niemand aufräumte, müsse er es thun. Zu diesem Zweck hatte er

alle Kisten und Koffer zu einem Berg aufgestapelt, ein Stück

Gepäck über dem andern, so daß in der Mitte ein freier Gang

entstand, -- »zum Spazierengehen«, erklärte Herr Nyke. Oben auf

dem Oberdeck wehe ein so kalter Wind, der Nebel lege sich so

unangenehm auf das Gesicht, der Kohlenstaub aus dem Schornstein

verunreinige außerdem das Gesicht -- war dies da nicht ein guter

Gedanke von ihm, -- ein Boulevard unter Dach und Fach?

Der Haugesunder war der erste, der seinen Koffer an seinem

gewöhnlichen Platz vermißte, und mit grober Hand riß er Herrn

Nykes Gebäude um. Es stand eine kurze Zeit und versank in

Trümmer.

Das Wetter war kalt und naß, der Nebel verdichtete sich, vom

Schiff aus war nichts zu sehen. Wohin man sich wandte, hing nur

der graue Nebel schwer über dem Meer wie ein rauchender Himmel,

der mit der Erde verschwamm. Und jede halbe Minute zog der

wachthabende Matrose an der Pfeife, diesem starken Instrument,

dessen eiserne Stimme brutal über das Meer dahinschallte.

* * * * *

Und die Tage gingen dahin, die See wurde immer ungestümer, der

Sturm nahm zu, und eine ganze Menge Auswanderer lag halbtot vor

Elend da. Nur ganz ausnahmsweise erblickte man einen gesunden

Menschen, den die Seekrankheit verschont hatte. Mein junger

Reisegefährte hatte mehrere Tage zu Bett gelegen, er sagte, es

sei unnatürlich zu _stehen_, wenn man sterben solle. Und er

stöhnte und gebärdete sich wie ein krankes Kalb. Wenn er jemals

wieder an Land käme, -- was wohl sehr unwahrscheinlich sei, -- so

wolle er nie wieder über Kleinigkeiten wie z. B. den Verlust

eines Fingers oder eines Fußes klagen, denn dies sei weit

ernster.

Ich traf Herrn Nyke einmal auf Deck. Er schien ein wenig unsicher

auf den Beinen, und er war sehr blaß.

»Ist Ihnen nicht wohl?«

»Ach ja, so einigermaßen. Aber hier ist zu viel Ölgeruch,

außerdem wird in der Kombüse Fleisch gebraten, der Geruch macht

einen elend.«

Nachdem wir aber hinuntergekommen waren und der Kaufmann ihn mit

einer Rolle Kautabak traktiert hatte unter dem Vorwand, daß ihn

das kurieren werde, ward Herr Nyke mehr und mehr Leiche, er

lehnte sich hintenüber, steckte die Hände in die Taschen und

schloß die Augen.

»Doch nicht Ihr >Fall<?« fragt der Kaufmann und sieht ihm

lächelnd ins Gesicht.

Aber das hätte der Kaufmann lieber nicht thun sollen, Herrn

Nykes »Fall« saß zu lose, und der nichts ahnende Spaßvogel mußte

seine Unvorsichtigkeit bezahlen.

Der Kaufmann sagte, er glaubte, er ginge hin und wüsche sich.

Seit jenem Tage hütete Herr Nyke beständig das Bett.

Aber als sollte die Sache nie ein Ende nehmen, wurde die See mit

jeder Wache, mit jedem Morgengrauen bewegter. Der Nebel kam und

ging, der Sturm vertrieb ihn einen Augenblick, bald aber umgab er

uns wieder, und das ununterbrochene Kreischen der Takelage tönte

bis in das Zwischendeck hinab. In der Nacht brachen einige Kojen

ein, die Menschen rollten auf die Erde, müde und seekrank zogen

sie die Decken über sich, und halbnackend und verfroren, ohne die

Kraft, ihre Matratzen mitzunehmen, schliefen sie auf einem Sack

oder einer Kiste elendiglich wieder ein.

Gegen Mitternacht steckte eine Frau den Kopf durch unsere

Kojenthür. Sie war mühselig die steile Treppe von dem untersten

Zwischendeck, wo die Familien wohnten, heraufgeklettert. Die

Laternen brannten trübe an ihren Haken, der Kopf der Frau

schimmerte so sonderbar in der Lukenöffnung.

»Kann nicht jemand von hier hingehen und melden, daß da unten am

Boden des Schiffes ein so unheimliches Geräusch ist?«

Niemand antwortet. Die Frau schreit lauter, um jemand zu wecken:

»Ist hier nicht jemand, der die Meldung machen kann, daß das

Schiff leck ist?«

Jetzt lachen einige laut, und die Frau zieht sich zurück, indem

sie mit großer Beharrlichkeit vor sich hin murmelt, daß das

Schiff geborsten sei.

Herr Nyke lag im tiefsten Elend in seiner Koje. Es war ein

einziger, langer »Fall«. Einer seiner Gefährten fragte ihn

einmal, ob er tot sei. Nein, so gut erginge es ihm nicht,

murmelte er.

Vom Deck herab klangen die Kommandorufe der Offiziere zu uns

herunter, und der Kapitän, dieser über und über mit Goldtressen

bedeckte Herr, der uns Emigranten mit so spöttischer Miene

begegnet war und uns wiederholt befohlen hatte, ihm aus dem Wege

zu gehen, stand nun selber auf der Kommandobrücke. Wir hörten

seine Stimme da oben, schnell und scharf erteilte er seine

Befehle, und niemand zauderte, ihm zu gehorchen. Wir hatten alle

ein Gefühl, daß der Kapitän trotz alledem der beste Mann an Bord

wäre, und diesen Augenblick war kein Spott in seinen Mienen.

In den Familienkammern waren jetzt Luft und Licht in einer

traurigen Verfassung. Der Seegang war nämlich so schwer geworden,

daß man die Luken zu dem obersten Verdeck hatte verrammeln

müssen. Die meisten lagen im Bett, die Mütter mit den Kindern

eng aneinander geschmiegt, die Männer mit stumpfsinnigen Augen

und großen Nasenlöchern, unfähig zu jeder Bewegung. Ganz

oben aber an der obersten Treppe stand der gesunde, frische

Methodistenprediger, der Mann mit den geistlichen Liedern.

Er stand da mit entblößtem Haupt und entblößter Brust, wie

versteinert im Gebet. Und die ganze Nacht, seit gestern abend

hatte er dagestanden, und von Zeit zu Zeit war ein Auswanderer zu

ihm heran gekommen, mit dem er gesprochen hatte. Als es hell

wurde und die Leute erwachten, rief er plötzlich mit lauter

Stimme zu uns hinab: »Ich bin eine Stimme im Namen des Herrn!« --

Und er fing an mit Bekehrungsworten und Höllenstrafen um sich zu

werfen. Aber es war eine schlechte Kirche, dies Schiff mit

sechshundert elenden Auswanderern! Die jungen Mädchen waren nach

einer durchwachten Nacht endlich eingeschlafen, und wer weiß,

vielleicht träumten sie jetzt einen bekannten Traum von einer

flotten Mazurka. Die Mütter und Väter hatten jeder seine Last zu

tragen, deswegen war die Predigt auch in den Wind gesprochen.

Ach, man wollte Ruhe haben. Man war so matt und elend, man

vermochte keinen Gedanken zu denken, konnte sich auf keine Sünde

besinnen.

Der Kaufmann war gesund, von Zeit zu Zeit zündete er sich sogar

heimlich eine ungeheuer übelriechende Pfeife an, obwohl es wegen

der Seekranken und der Feuersgefahr strenge verboten war, hier

unten zu rauchen. Herr Nyke hatte gerade den infamen Tabaksrauch

gespürt und drohte, den Kaufmann anzuzeigen. Dafür begann dieser,

seinen Spott mit dem Seminaristen zu treiben, der so bange war.

Kristen sei bange, Kristen habe vor einem Augenblick ein Neues

Testament unter sein Kopfkissen gesteckt! -- Nyke aber schwur mit

dem letzten Rest seiner Kräfte, daß der Kaufmann lüge. -- -- --

Da geschah es, daß oben etwas mit furchtbarem Getöse zertrümmert

wurde.

Ein Krachen, ein ohrenbetäubender Donner rollte über das Schiff

hin, wir fühlten uns mit plötzlicher Gewalt umgerissen, die See

strömte über die Treppen zu uns herab, von allen Seiten ertönte

Geschrei. Als ich mich endlich selber wiederfand, mit dem Bauch

auf dem Gesicht des Haugesunders, sprang ich schnell auf und sah

mich nach meinem Reisegefährten um. Der war aus seiner Koje

geschleudert und lag wie tot mit zusammengepreßtem Mund und

geballten Fäusten. Als ich ihn anredete, antwortete er nicht, als

ich ihn aber wieder auf die Füße gestellt und nach der Koje

zurückgeführt hatte, stellte es sich heraus, daß ihm nichts

fehlte, der Fall hatte ihm nicht geschadet. »Es ist alles nur

eine Kleinigkeit,« sagte er, »ein Glied mehr oder weniger. --

Nein, aber die Seekrankheit, -- die Seekrankheit!«

Der Kaufmann brüllte mir ins Ohr:

»Sehen Sie sich doch Kristen einmal an! Liegt er da nicht auf den

Knieen in seiner Koje und küßt das Neue Testament!«

Die Handwerker, die beiden guten Freunde, lagen in dem nassen

Zwischendeck am Boden, die See floß über sie hin. In gegenseitiger

liebevoller Umarmung sandten sie weinend der Heimat ein letztes

Lebewohl durch den Orkan hindurch zu. Abermals spülte eine

Sturzsee zu uns herunter und führte Splitter von zertrümmertem

Holz die Treppe hinab. Der Kaufmann wollte sich wirklich die

Bemerkung erlauben, daß es jetzt anfinge, feucht zu werden! Und zu

Herrn Nyke gewandt, dessen Stimme und Miene er nachahmte, sagte

er:

»Der Tod, was ist der Tod? Nur der Schlußpunkt für die großen

Gedanken!«

Und kaum hatte Herr Nyke diese Worte gehört, als er sich beeilte,

daß Neue Testament unter sein Kopfkissen zu legen und sich in

seine Koje zurückzuziehen. So verlegen war er. -- --

Von nun an nahm aber das Unwetter allmählich ab. Am nächsten Tage

konnten wir schon wieder mit voller Fahrt weiterdampfen, mein

Reisegenosse konnte aufrecht in seiner Koje sitzen, und Herr Nyke

befand sich in guter Besserung. Zwölf Stunden nach dem Orkan war

auf keinem Gesicht mehr eine Spur der ausgestandenen Angst und

der stillen Gottergebung, die einige an den Tag gelegt hatten,

zu entdecken. Man stürzte sich dahingegen über die vollen

Speiseeimer mit einer Gier, wie sie nur von der Seekrankheit

genesene Patienten besitzen.

* * * * *

Regen, hoher Wellengang und Sturm waren auf der ganzen Reise

unsere Begleiter gewesen, -- ein Ausnahmewetter im August für den

Atlantischen Ocean! Als wir endlich ein der Jahreszeit und dem

Himmel entsprechendes Wetter bekamen, waren einige von den

Auswanderern so stolz, daß sie sich alle Komplimente verbaten.

Undankbareren Menschen hat der liebe Gott nie seine Wohlthaten

erwiesen. Nur die Seekranken erkannten den Umschlag in der

Witterung dankbar an. Der Methodistenprediger stand mitten auf dem

Schiff und sang seine geistlichen Lieder, ein Schwarm von völlig

neuen Menschen kam zum Vorschein, Leute, die ihre zwölf, vierzehn

Tage in den Kojen gelegen hatten, ohne die Kraft zu besitzen, auch

nur den Kopf zu erheben, wimmelten plötzlich aus dem untersten

Deck herauf, bleich, abgemagert wie Holzpuppen. Jetzt erzählt uns

die zunehmende Hitze, daß wir uns der Küste von Amerika nähern.

Vögel umschwärmen uns, Vögel mit fremdländischem Aussehen und

sonderbarem Geschrei, Segel und qualmende Dampfschiffschornsteine

sieht man in allen Richtungen am Horizont, eine norwegische Bark

fährt auf uns zu und bittet durch Signale um Angabe der Höhe, auf

der wir uns befinden.

Die Handharmonikas, die so lange begraben gelegen haben, werden

wieder hervorgeholt, vergessen sind alle Leiden, alle Angst.

Der Methodistenprediger aber hat eine kleine Schar um sich

versammelt, die am Boden kauert und Gott dankt, weil er unser

Leben geschont hat. Und dazu singt der Koch in der Kombüse und

macht einen Höllenlärm mit den Kochtöpfen.

Das Schiff war gespült und ausgeputzt, der Lootse war an Bord

gekommen, die Passagiere gingen in ihren besten Kleidern umher,

und mein Reisegefährte war wieder auf den Beinen.

Da steigt New-York aus dem Meere auf, schwer, farbenreich,

gigantisch. In dem nebeligen Sonnenlicht zittert die Stadt

marmorweiß, ziegelrot, von den tausenden von Schiffen, die in

allen Richtungen, so weit das Auge reicht, hin und her fahren,

wehen Flaggen. Schon erreicht uns das Getöse von den Walzen und

Rädern der Fabriken, von den Dampfhammerschlägen auf den Werften,

von den unendlichen Maschinen aller Art, die mit den glatten

Gliedern aus Stahl und Eisen arbeiten.

Zwei Herren steigen von einem kleinen Dampfer zu uns an Bord. Es

ist die Gesundheitspolizei, der wir Zwischendeckspassagiere

unsere Zunge zeigen, und von der wir unsern Puls befühlen lassen

sollen. Abermals steigen zwei Herren von einem anderen kleinen

Dampfer an Bord. Es ist der norwegische Konsul in New-York und

ein amerikanischer Detektiv. Sie suchen nach einem Norweger,

einem gewissen Ole Olsen aus Risör, der Wechselfälschungen

begangen hat. Und sie finden den Mann schnell, sein Signalement

ist zu deutlich: er hinkt ein wenig und ist pockennarbig. Er war

auf der ganzen Reise so still und bescheiden gewesen, jetzt stand

er beinahe mit dem Fuß auf Amerikas Grund und Boden und wäre in

wenigen Minuten gerettet gewesen. Da kommen die beiden Herren und

greifen ihn. Ich vergesse nie sein Gesicht, dies entstellte

Gesicht und das hoffnungslose Zittern der Mundwinkel, als der

Konsul ihm den Verhaftungsbefehl vorliest.

Kristen Nyke stand am Vordersteven, er war beiseite gegangen und

konnte sich nicht erholen von seiner Verwunderung über einen

Brief, den er am Morgen in seiner Rocktasche gefunden hatte, und

der eine ganze Menge Kronen enthielt, wirklich eine nette kleine

Summe in Zehnkronenscheinen, als Geschenk für den armen

Seminaristen. Er begriff nicht, woher dies Geschenk kam, und

ahnte wohl am wenigsten, daß die Hälfte allein von seinem

Plagegeist, dem Kaufmann, stammte.

So glitten wir langsam in den Hafen von New-York hinein.

Sklaven der Liebe, und andere Novellen · 第 28 / 48 题