Er beklagte sich dann mehrere Abende hintereinander, daß er mir
mein Geld nicht zurückgeben könne. Ich bat ihn, mir nicht so weh
zu thun. Er sagte es so laut, daß alle es hören konnten, und
mehrere lachten deshalb über ihn.
»Ich bin ein Schurke und ein Spitzbube,« sagte er. »Ich habe Geld
von Ihnen geliehen und kann es Ihnen nicht zurückgeben. Ich ließe
mir die rechte Hand für einen Fünfzigmarkschein abhauen.«
Es schmerzte mich, ihn so reden zu hören, und ich dachte darüber
nach, wie ich ihm wohl Geld verschaffen könnte. Aber ich konnte
es nicht.
Er sagte ferner zu mir: »Wenn Sie mich übrigens fragen, wie es
mir geht, so ... Die gelbe Dame und der Cirkus sind abgereist.
Ich habe sie vergessen. Ich denke gar nicht mehr an sie.«
»Und doch hast Du ihr heute noch einen Brief geschrieben,« sagte
einer seiner Freunde.
»Das war der letzte,« entgegnete Wladimierz.
Ich kaufte eine Rose von dem Blumenmädchen und steckte sie ihm in
das Knopfloch an der linken Seite. Ich fühlte seinen Atem auf
meinen Händen, während ich es that, und es war mir fast
unmöglich, die Stecknadel zu befestigen.
»Danke!« sagte er.
Ich forderte mir drei Mark, die ich noch an der Kasse gut hatte,
und gab sie ihm. Das war eine Kleinigkeit.
»Danke!« sagte er abermals.
Ich war den ganzen Abend glücklich, bis Wladimierz plötzlich
sagte:
»Für die drei Mark reise ich auf eine Woche fort. Wenn ich
zurückkomme, sollen Sie Ihr Geld wieder haben.« Als er meine
Bewegung sah, fügte er hinzu: »Sie allein liebe ich!« Und er
ergriff meine Hand.
Ich war ganz bestürzt, daß er fortreisen und nicht sagen wollte,
wohin, obgleich ich ihn fragte. Alles, das ganze Café und die
vielen Gäste, tanzte um mich herum; ich konnte es nicht länger
aushalten und ergriff flehend seine beiden Hände.
»In einer Woche kehre ich zu Ihnen zurück,« sagte er und erhob
sich.
Ich hörte den Oberkellner zu mir sagen: »Sie verlassen uns also
in vierzehn Tagen!«
Meinetwegen, dachte ich bei mir; was macht das? In einer Woche
ist Wladimierz wieder bei mir! Und ich wollte ihm dafür danken,
ich wandte mich um, -- er war schon gegangen.
* * * * *
Eine Woche später fand ich, als ich nach Haus kam, einen Brief
von ihm. Er schrieb so trostlos, er erzählte, er sei der gelben
Dame nachgereist, er könne mir nie mein Geld zurückbezahlen,
niemals, er sei ganz gebrochen durch die Not. Dann schalt er sich
wieder eine niederträchtige Seele und unter den Brief hatte er
geschrieben: »Der Sklave der gelben Dame.«
Ich trauerte Tag und Nacht und konnte nichts weiter thun. Eine
Woche später verlor ich meine Stellung und mußte mich nach einer
neuen umsehen. Am Tage stellte ich mich in anderen Cafés und
Hotels vor; ich schellte auch bei Privatpersonen und bot ihnen
meine Dienste an. Es glückte mir aber nicht. Spät am Abend kaufte
ich dann ganz billig alle Zeitungen und las die Annoncen
sorgfältig, wenn ich nach Haus kam. Ich dachte: vielleicht kann
ich Wladimierz und mich retten ...
Gestern abend fand ich seinen Namen in einem Blatt und las von
ihm. Ich ging gleich darauf aus, durch viele Straßen, und kam
erst heute morgens zurück. Vielleicht habe ich irgendwo
geschlafen oder auch auf einer Treppe gesessen, ohne weiter gehen
zu können; aber das weiß ich jetzt nicht.
Ich habe es heute wieder gelesen; aber gestern abends, als ich
nach Haus kam, habe ich es zuerst gelesen. Ich rang die Hände;
dann setzte ich mich auf einen Stuhl. Nach einer Weile setzte ich
mich auf die Erde und lehnte mich gegen den Stuhl. Ich schlug mit
den flachen Händen auf den Fußboden, während ich nachdachte.
Vielleicht dachte ich gar nicht; aber es sauste mir so im Kopf und
ich wußte nichts von mir selbst. Dann bin ich wohl aufgestanden
und hinausgegangen. Unten an der Straßenecke, dessen entsinne ich
mich, gab ich der alten Bettlerin einen Groschen und sagte: »Das
ist von dem Herrn mit dem grauen Anzug. Sie wissen ja!«
»Sind Sie vielleicht seine Braut?« fragte sie.