Ich nahm die Karte, ehe er ausgesprochen hatte und brachte sie
der gelben Dame. Unterwegs las ich seinen Namen: Wladimierz F.
Als ich zurückkam, sah er mich fragend an.
»Ja, ich habe sie hingebracht,« sagte ich.
»Und Sie haben keine Antwort erhalten?«
»Nein.«
Er gab mir eine Mark und sagte lächelnd:
»Keine Antwort ist auch eine Antwort.«
Den ganzen Abend blieb er sitzen und starrte zu der Dame und
ihren Begleitern hinüber. Um elf Uhr stand er auf und ging an
ihren Tisch. Sie empfing ihn kühl, ihre beiden Herren aber ließen
sich näher mit ihm ein und schienen ihn zu foppen. Er blieb
einige Minuten, und als er wiederkam, sagte ich ihm, daß in die
eine Tasche seines Sommerüberziehers Bier gegossen sei. Er zog
ihn aus, wandte sich hastig um und sah einen Augenblick nach dem
Tisch der Cirkusdame hinüber. Ich trocknete ihm den Überzieher ab
und er sagte lächelnd zu mir: »Danke, Sklavin!«
Als er ihn wieder anzog, half ich ihm und strich ihm heimlich
über den Rücken.
Er setzte sich, zerstreut. Einer seiner Freunde bestellte noch
Bier, ich nahm das Seidel und wollte auch F.s Seidel nehmen. Er
sagte aber: »Nein« und legte seine Hand auf die meinige. Bei
dieser Berührung sank mein Arm plötzlich herab, er merkte es und
zog seine Hand sofort zurück.
Am Abend betete ich zweimal vor meinem Bett auf den Knieen für
ihn. Und ich küßte ganz glücklich meine rechte Hand, die er
berührt hatte.
* * * * *
Einmal schenkte er mir Blumen, eine Menge Blumen. Er kaufte sie
bei dem Blumenmädchen, als er hereinkam; sie waren frisch und rot
und fast ihr ganzer Vorrat. Er ließ sie bei sich auf dem Tisch
liegen. Keiner seiner Freunde war mit da. Ich stand, so oft ich
Zeit hatte, hinter einer Säule und starrte ihn an, und ich dachte
bei mir: Wladimierz F. heißt er.
Es mochte vielleicht eine Stunde vergangen sein. Er sah
fortwährend nach der Uhr. Ich fragte ihn:
»Erwarten Sie jemand?«
Er sah mich wie geistesabwesend an und sagte plötzlich:
»Nein, ich erwarte niemand. Was fragen Sie?«
»Ich meinte nur, ob Sie vielleicht jemand erwarteten.«
»Kommen Sie her,« erwiderte er. »Das ist für Sie.«
Und er gab mir die Blumen.
Ich dankte ihm, aber ich konnte nicht gleich ein Wort
hervorbringen, ich flüsterte nur. Eine blutrote Freude überkam
mich; atemlos stand ich vor dem Buffet, wo ich etwas holen
sollte.
»Was wünschen Sie?« fragte die Mamsell.
»Ja, was glauben Sie?« fragte ich. Ich wußte es selbst nicht.
»Was ich glaube?« sagte die Mamsell. »Sind Sie verrückt?«
»Raten Sie einmal, von wem ich diese Blumen bekommen habe.«
Der Oberkellner ging vorüber. »Sie vergessen das Bier für den
Herrn mit dem Stelzfuß,« hörte ich ihn sagen.
»Ich habe sie von Wladimierz bekommen,« sagte ich und eilte mit
dem Bier davon.
F. war noch nicht gegangen. Ich dankte ihm abermals, als er sich
erhob, um zu gehen. Er stutzte und sagte:
»Ich kaufte sie eigentlich für eine andere.«
Nun ja. Er hatte sie vielleicht für eine andere gekauft. Aber ich
bekam sie. Ich bekam sie, nicht die, für die er sie gekauft
hatte. Und so durfte ich ihm auch dafür danken. Gute Nacht,
Wladimierz.
Am Morgen darauf regnete es.
»Soll ich heute mein schwarzes oder mein grünes Kleid anziehen?«
dachte ich. »Das grüne, denn das ist das neueste; das ziehe ich
also an.« Ich war sehr heiter.
Als ich an die Haltestelle kam, stand eine Dame im Regen und
wartete auf die Pferdebahn. Sie hatte keinen Schirm. Ich bot ihr
an, mit unter meinem zu stehen, aber sie lehnte es dankend ab. Da
spannte ich meinen Regenschirm auch herunter, während ich
wartete. Dann wird die Dame doch nicht allein naß, dachte ich bei
mir.
Am Abend kam Wladimierz ins Café.
»Ich danke Ihnen für die Blumen,« sagte ich stolz.
»Welche Blumen?« fragte er. »Ach so: schweigen Sie doch von den
Blumen.«
»Ich wollte mich dafür bedanken,« sagte ich.
Er zuckte die Achseln und entgegnete:
»Sie liebe ich nicht, Sklavin!«
Er liebte mich nicht, nein. Ich hatte es auch nicht erwartet und
war nicht enttäuscht. Aber ich sah ihn jeden Abend; er setzte
sich an meinen Tisch und ich brachte ihm Bier. Auf Wiedersehen,
Wladimierz!
Am nächsten Abend kam er sehr spät. Er fragte:
»Haben Sie viel Geld, Sklavin?«
»Nein, leider nicht«, antwortete ich. »Ich bin ein armes
Mädchen.«
Da sah er mich an und sagte lächelnd:
»Sie mißverstehen mich. Ich brauche bis morgen etwas Geld.«
»Ich habe etwas Geld,« entgegnete ich. »Ich habe viel Geld, ich
habe hundertunddreißig Mark zu Hause.«
»Zu Hause? Nicht hier?«
Ich antwortete: »Warten Sie eine Viertelstunde und kommen Sie mit
mir, wenn wir schließen.«
Er wartete die Viertelstunde und ging mit mir.
»Nur hundert Mark,« sagte er. Er hielt sich die ganze Zeit an
meiner Seite und ließ mich weder voran noch hinterdrein gehen.
»Ich habe nur eine kleine Kammer,« sagte ich, als wir an meiner
Hausthür stehen blieben.
»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er. »Ich warte hier.«
Er wartete.
Als ich wieder herunterkam, zählte er das Geld und sagte:
»Das sind mehr als hundert Mark. Ich gebe Ihnen zehn Mark als
Trinkgeld. -- Ja, ja, hören Sie, ich will Ihnen zehn Mark als
Trinkgeld geben.«
Und er reichte mir das Geld, wünschte Gute Nacht und ging. An der
Ecke sah ich ihn stehen bleiben und der alten, lahmen Bettlerin
eine Mark geben.
Er bedauerte am nächsten Abend, daß er mir das Geld nicht
zurückzahlen könne. Ich dankte ihm dafür, daß er es nicht konnte.
Er gestand offen, daß er es durchgebracht habe.
»Was soll man dazu sagen, Sklavin,« sagte er lächelnd. »Sie
wissen: die gelbe Dame!«
»Weshalb nennst du unsere Kellnerin Sklavin?« sagte einer seiner
Freunde. »Du bist ja mehr Sklave als sie.«
»Bier?« fragte ich und unterbrach sie.
Bald darauf trat die gelbe Dame ein. F. erhob und verbeugte sich.
Sie ging an ihm vorüber und setzte sich an einen leeren Tisch,
lehnte aber zwei Stühle umgekehrt dagegen. F. ging sofort zu ihr
hin, nahm den einen Stuhl und setzte sich. Nach zwei Minuten
erhob er sich wieder und sagte sehr laut: »Gut, ich gehe. Und ich
kehre nie wieder zurück.«
»Danke,« entgegnete sie.
Ich fühlte vor lauter Freude kaum meine Füße, lief ans Büffett
und sagte etwas. Ich erzählte wohl, daß er nie wieder zu ihr
zurückkehren werde. Der Oberkellner ging vorüber; er erteilte mir
einen scharfen Verweis, aber ich machte mir nichts daraus.
Als das Lokal um elf Uhr geschlossen wurde, begleitete mich F.
bis an meine Hausthür.
»Fünf von den zehn Mark, die ich Ihnen gestern gab,« sagte er.
Ich wollte ihm alle zehn geben und er nahm sie an, gab mir aber
trotz meines Sträubens fünf als Trinkgeld zurück.
»Ich bin heute abend so vergnügt,« sagte ich. »Wenn ich Sie
bitten dürfte, mit hinauf zu kommen! ... Aber ich habe nur eine
kleine Kammer.«
»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er. »Gute Nacht!«
Er ging. Er kam wieder an der alten Bettlerin vorüber, vergaß
aber, ihr etwas zu geben, obwohl sie ihm einen Knix machte. Ich
lief zu ihr hin, gab ihr einige Groschen und sagte: »Das ist von
dem Herrn, der eben vorüber ging, von dem Herrn im grauen Anzug.«
»Von dem Herrn im grauen Anzug?« fragte die Frau.
»Von dem mit dem schwarzen Haar, Wladimierz.«
»Sind Sie seine Frau?«