Sie sann ein wenig. „Wie soll ich das erklären? Fühlst du es nicht?“

Er schüttelte wild den Kopf.

„Nein? Du hast doch empfunden, daß ich dein Leben verdorben hätte...

wenn...“

„Empfunden? Doch nicht! Nur einen Augenblick lang gefürchtet. Das, was

dir gehört, hatte gar nichts damit zu schaffen. Das andere in mir,

das für das Recht steht und fällt, schrieb dir den Brief. Mein Herz

hat dich auch in diesem Augenblick keinen Deut weniger geliebt als zu

Anfang und jetzt!“

Mit leicht geschlossenen Augen lauschte sie ihm. „Es klingt schön. --

Ich glaube es aber nicht!“

„Dann muß ich vollenden. Ich verstehe, daß du mich niemals geliebt hast

wie ich dich...“

In ihrem Gesicht begann es zu zucken. Sie war am Ende ihrer Kraft.

Noch ein Wort -- eine Wiederholung der alten Bitte -- ein

Entgegenrecken seiner Arme und... Sah er denn ihre große, heiße Liebe,

daß er nicht müde wurde, sie zu verlangen? Er durfte sie nicht gewahr

werden. Nie mehr... Sein Leben mußte hell und rein bleiben. Würde sie

sein Weib, machte sie ihn zum Mitschuldigen und vernichtete ihn langsam

damit. Was lag an ihr? Mochte sie nachher zusammenbrechen. Bis sie es

ausgesprochen hatte, würde sie sich aufrecht erhalten.

„Ich gehe also. Du und die alte Pauline, Ihr werdet alles nach deinem

Willen einrichten. Den Schlüssel kannst du danach unten bei der

Hausmeistersfrau abgeben. Ich hole ihn mir später schon...“

„Soll das deine Antwort auf meine Anschuldigung sein?“

„Verlangst du wirklich eine?“

„Eva,“ stöhnte er, „laß es genug der Folter sein. Ich bitte dich nach

diesem nicht mehr!“

Sanft streichelte sie die gefalteten Hände der Toten. Und es war, als

bringe ihr die eisige Kühle die Besinnung zurück -- -- als sei sie nun

gegen alle Sehnsucht gefeit.

„Ich kann nicht,“ gestand sie leise, „und wenn ich mich halbtot quälen

würde.“

„Quälen sollst du dich nicht. Nein -- das hast du nicht um uns

verdient.“ Es klang hart und fest. „Du hast uns genug geopfert. -- Noch

heute Abend werde ich meine kleine Schwester zu mir holen. Verzeih dies

Letzte. Ich muß dich solange aus deiner eigenen Wohnung vertreiben.

Danach aber -- ich hoffe gegen zehn Uhr -- ist jede Spur von uns

verwischt.“

Sie fühlte mit kaltem Schrecken, wie sie zu taumeln begann. Wenn er sie

jetzt noch einmal ansehen würde -- -- Seine Augen mieden ihr Gesicht,

während er, nach kurzer Pause, wieder zu sprechen begann.

„Du hast mir am Schluß deines letzten Briefes etwas schreiben können,

was ich lange nicht begriffen habe. Vielleicht hast du es wirklich so

gemeint. Daß ich glücklich werden soll ohne dich. Jetzt beginne ich

deinen Wunsch zu begreifen. Du wirst und willst ohne mich glücklich

werden. Das weiß ich nun -- --“

Sie widersprach ihm nicht. Einen Herzschlag lang wartete er darauf. --

„Lebe wohl, Eva.“

Hatte sie den gleichen Abschiedsgruß für ihn gehabt? Mit vorgeneigtem

Oberkörper stand sie und lauschte, wie sein Schritt auf dem

teppichlosen Stückchen Parkett zwischen Sterbezimmer und Musikraum

hörbar wurde -- -- wie er über den langen Korridor tappte -- die Hand

auf den Drücker schlug, der stets ein wenig schwer gehorchte und die

Tür hinter sich zuklappte.

Dann erst brach sie mit einem wilden verzweifelten Aufschrei, der

nichts als unsterbliche, ewige Liebe nach ihm war, in die Kniee.

* * * * *

Major a. D. Wullenweber hatte nicht zur Bestattung seiner Tochter

kommen können. Noch bevor der Eilbrief seines Sohnes in Hohen-Klitzig

angekommen war, packte ihn ein neuer Schlaganfall. Lebensgefahr bestand

auch diesmal nach dem Urteil des Arztes nicht. Immerhin war die größte

Schonung und Ruhe erforderlich. Der Amtsrat verschwieg ihm daher den

Inhalt des zur Vorbereitung des Vaters an seine Adresse gerichteten

Briefes. So lag der Kranke -- ahnungslos -- mit leise röchelndem Atem,

ohne zu ahnen, daß in derselben Stunde, in welcher er nach drei Tagen

wieder mit Genuß einer schmackhaften Suppe zusprach, seine kleine

Lieselott an der Seite ihrer Mutter zur letzten Ruhe gebettet wurde.

Die alte Pauline war von Walter Wullenweber so weit ins Vertrauen

gezogen, wie es sich um das traurige Geheimnis seiner kleinen Schwester

handelte. Mehr hatte er ihr auch nicht sagen wollen! Und sprach ihr

dann, als alles vorüber war, doch davon, daß er Eva von Ostried liebte

und sie, nach kurzem unaussprechlichen Glück, verlieren mußte.

„Sie dürfen morgen nun doch nicht zum Geburtstag Ihrer Frau Präsidentin

heraus,“ sagte er am dritten Abend nach der Beisetzung.

„Warum denn nicht, Herr Rechtsanwalt?“

„Weil Sie von rechtswegen längst ins Bett gehören...“

„Da halte ich es gar nicht aus. Mir ist, als müßte ich laufen und immer

blos laufen, um einzuholen, was mir sonst wegflitzt.“

„Ich habe einen schönen großen Kranz bestellt, Pauline. Lauter tiefrote

Astern, von denen Sie mir mal sagten, daß sie Frau Präsidentin von

allen Blumen am liebsten hatte,“ versuchte er sie zu beruhigen.

„Wie gut Sie sind,“ dankte sie gerührt.

„Gut?!“ lachte er gerührt auf. „Sie dürften eigentlich sowas nicht

sagen. Versprechen Sie mir jetzt feierlich, daß Sie sich mit meinem

Vorschlag einverstanden erklären.“

„Was soll ich denn, Herr Rechtsanwalt?“

„Morgen brav daheimbleiben und hier den Tag im Gedächtnis an Ihre Frau

Präsidentin verbringen. Den schönen Kranz trage ich ihr selbst ans

Grab. Es macht mir nichts aus...“

Sie wurde rot wie ein junges Mädchen, das eine Not nicht länger

verbergen kann. „Und wenn Sie mich festbänden, bliebe ich nicht zu

Hause. So gut Sie es wieder mal meinen. Das geht nicht. Wie eine

Meineidige käme ich mir vor. Ich hab’ ihr in die Hand versprochen,

daß ich jedes Jahr, solange ich am Leben bin, ihr Grab an dem Tage

schmücken wollt’, denn sie konnte keine Unordnung leiden. Und wenn ich

mir gleich den Tod holen müßt’ -- jawohl... hin würde ich doch machen.“

Da sagte er kein weiteres Wort dagegen, sondern ließ sie gewähren,

als sie am nächsten Tage in dem feierlichen Schwarzseidenen, mit dem

Kranz auf dem Arm vor ihm stand und leise und beschämt wegen ihres

Ungehorsams um Entschuldigung bat. --

Walter Wullenweber hielt sich mit eisernem Willen aufrecht. Seine stark

entwickelte Pflichttreue, die unermüdlich die angehäufte Arbeit abtrug,

unterstützte ihn. Nur in den kurz bemessenen Freistunden gab er sich

seinen trostlosen Gedanken hin.

Ob sie ihn wirklich nicht mehr liebte? Tagelang hatte er es als

sicher angenommen. Wie durch ein aufregendes Ereignis Gesicht und

Gehör verloren gehen konnten, mochte auch wohl ihre Liebe dieser

Erschütterung nicht standgehalten haben. Jetzt begann er ihre Scham und

ihren Stolz richtig einzuschätzen. Begriff, so sehr es auch gegen das

starre Gesetz ging, daß eine nachträglich aufgefundene Bestimmung der

Präsidentin zu ihren Gunsten die Last der Tat von ihr abgewälzt hätte.

Damit ward ihm auch das Andere klar. Daß sie mit diesem Augenblick

wieder sein und diesmal auf ewig gewesen wäre. Nun dies unmöglich

geworden war, hatte er keinen Anteil mehr an ihr! Er hatte den Kopf auf

die Platte des Schreibtisches gelegt und litt weit über alle Kraft

unter der Unmöglichkeit, dies jemals zu ändern -- -- --

Das ungestüme Aufreißen der Korridortür, ihr heftiges Zuschlagen,

das Hereinstürzen der feierlich angetanen, alten Pauline, ließ ihn

erschrocken emporfahren. Selbst nach dem Brande war sie nicht so

fassungslos erschienen. Sie stand vor ihm, wie er sie noch nie gesehen

hatte. Ihre welken Lippen zittern.

Augenscheinlich wollte sie etwas berichten und brachte doch nichts

heraus, als ein Aufschluchzen der Freude!

„Das habe ich in der Tasche von unserer Frau Präsidentin

Schwarzseidenem gefunden,“ konnte sie endlich herausbringen.

Er las den Inhalt des gelblich gewordenen Zettels. Ihn voll zu

begreifen, war ihm noch versagt. Es war zu neu, zu gewaltig und

zu schön. Als er sich endlich dazu zwingen konnte und sich auch

überzeugte, daß Unterschrift und Datum diesen Zeilen volle Gültigkeit

verliehen, steckte er ihn zu sich und sprang auf.

Bescheiden, auch jetzt noch, wartete die alte Pauline auf das erste

seiner Worte.

Er preßte nur stumm ihre Hände zwischen den seinen, sodaß sie Mühe

hatte, einen Aufschrei zu unterdrücken und stürzte fort -- -- --

Mit stillem Lächeln sah sie ihm nach. Ihr war nicht verborgen, wohin

ihn jetzt sein Weg führen mußte.

* * * * *

Seit zwei Tagen weilte Eva von Ostried wieder in ihrem Heim. Es kam

ihr grenzenlos öde vor. Der jubelnde Beifall, der ihr ebenso in

Dresden wie in Weimar geworden, lag weit hinter ihr. Ihr Blick galt der

Zukunft. Morgen in der Frühe würde sie den Vertrag unterzeichnen, der

sie auf die Dauer von drei Monaten in die verschiedensten Großstädte

führen sollte. Und dann -- --

Ja -- dann kam endlich doch wohl noch alles, wie sie es einst so heiß

gewünscht und nun längst nicht mehr erstrebt hatte -- -- --.

Wahrscheinlich zum kommenden Herbst würde sie einer schon jetzt

ergangenen dringenden Einladung des Dresdner Intendanten folgend, dort

auf Engagement singen.

Sie kämpfte nicht mehr. Alles schien überwunden zu sein. Das einzige

Gefühl, dessen sie sich für fähig hielt, bestand in einem brennenden

Neid auf die Tote.

Das kleine einfenstrige Zimmer, aus dem sie hinausgetragen war, blieb

seither unbenutzt. Furchtsam wurde es von Eva von Ostried gemieden.

Nicht die Tote allein wehrte ihr den Eintritt, sondern vor allem der

Lebende, der erst langsam für sie sterben mußte.

Sie saß vor dem Flügel, aber sie dachte nicht an das, was einst ihr

höchstes Sehnen gewesen. Wie längst durchlesene Bücher, die kein

Interesse mehr erwecken konnten, betrachtete sie die Stöße von Noten.

Es gab nur noch ein Lied für sie, das sie niemals vergessen würde, das

kleine Lied von der weißen Rose....

Sein Lied! Vorläufig hatte sie sich am Fenster einen Tisch mit allem

Nötigen zum Schreiben zurechtgestellt. Sinnend ruhte ihr Blick auf dem

großen weißen Bogen, der gespenstisch zu ihr hinwinkte. Ehe es Abend

geworden war, wollte sie einen Brief schreiben...

Sie ging hinüber und tauchte die Feder ein. Wenn er fort sein würde,

hatte sie keine Anwartschaft mehr auf das alte stille Schloß in

Waldesruh! Trotzdem schrieb sie ihn hastig! Er wurde kurz.

Ich kann nicht Ihre Gattin werden. Aber ich danke Ihnen warm für

die mir zugedachte Ehre...

Warum konnte sie es nun doch nicht? -- Auf dem Tischchen lag ein Stoß

geöffneter Briefe, die sie in Dresden und Weimar erhalten hatte.

Schwärmerische Ergüsse -- --

Nun brach sie wieder hervor, die alte heiße, wilde Sehnsucht nach dem

Geliebten. Das mühsame Versteckspiel mit den eigenen Gefühlen war

nutzlose Marter. Ihre Seele gehörte ihm auf ewig.

Wie erlöst atmete sie auf, als draußen die Klingel ging. „Wirklich

kommt er,“ dachte sie befriedigt, während sie hinausging.

Sie konnte den Eintretenden in dem Zwielicht nicht sogleich erkennen

und ahnte doch sofort, wer er sei! Ihr Herz begann wie rasend zu pochen.

-- -- -- Gehorsam blickte sie auf ein beschriebenes Blatt nieder,

das er vor sie hingelegt hatte, als sie sich im Musikzimmer

gegenüberstanden.

„Ich kann nicht,“ flüsterte sie, als sie die Handschrift sah. Da las

ihr Walter Wullenweber vor:

Nach einem Anfall großer Herzschwäche, den ich zwar überwunden

habe, dessen Wiederkehr ich aber fühle, bestimme ich hiermit

als Nachtrag zu meinem bereits gemachten Testament, daß meine

geliebte Pflegetochter Eva von Ostried bei meinem Ableben

Einhundertundfünfzigtausend Mark durch Herrn Justizrat Weißgerber

ausgezahlt erhalten soll. Und zwar ist diese Summe von derjenigen

für die Stiftungen festgelegten abzuziehen. An den ausgesetzten

Legaten soll nichts geändert werden. Meine treuesten Grüße gehören

meiner lieben Eva.

Zur Zeit Belgard a. d. Persante, Hinterpommern, im Wartesaal der 2.

Klasse, den 24. August 1918.

Frau Präsident Hanna Melchers.

Als Walter Wullenweber zu Ende gelesen hatte, sah er sie an. Und sah,

daß sie ihre Hände, wie bittend, zu ihm erhoben hatte. Nun lag sie an

seinem Herzen.

„Eva -- jetzt -- bleibst du mein?“

„Ja,“ flüsterte sie, „dein, nur dein!“

Er ließ den Brief der kleinen toten Schwester in ihren Schoß gleiten,

während er sie küßte.

„Den mußt du selbst lesen.“

Wie kurz er war! Die Zeichen fast unleserlich. Und doch der einzige

Satz wundervoll freisprechend -- an dem endlich errungenen Glück

vollendend, was ihm im Augenblick -- vielleicht noch unbewußt -- fehlte.

„Der Uebel größtes ist die +ungesühnte+ Schuld!“

In dieser heiligen Stunde streifte Eva von Ostried alle Bitterkeit ab.

Die Zeit des Leidens erschien ihr als eine Gnade, durch welche sie

pilgern mußte, um des Geliebten würdig zu sein. Während sie ihre Wange

an die seine schmiegte, sagte sie dankbar und demütig:

„Unsere kleine Schwester hat recht! Aber ich will noch weiter in ihrem

Sinne sühnen, um meines großen Glückes auch würdig zu bleiben!“

[Illustration]

Der Uebel grösstes ... · 第 25 / 25 题