VII.

„Przygorowen, am Ostermontag.

Mein lieber Peter!

All die gleichgültigen Menschen, die eine halbe Stunde lang die Hügel

auf unserem kleinen Kirchhof zertrampelt haben, sind fort. Mein liebes

Mütterchen liegt draußen in der kühlen Erde, und ich sitze allein mit

Brigitte in dem alten Hause der Bergkems. Es geht ans Abschiednehmen.

Es waren schwere Tage, und mich drückten sie doppelt nieder, denn ich

stand als ein Schuldbeladener an dem Sarge meiner Mutter, aber all

meine Reue weckte sie nicht mehr auf. Auch kein Schwur, von jetzt an

ein neues Leben zu beginnen. Ein einziger Trost hielt mich aufrecht:

daß sie noch nicht allen Glauben an mich verloren hatte, als sie sanft

hinüberging. Daß ich mein Examen nicht bestehen könnte, war ihr ein

unmöglicher Gedanke, und den Verdacht, daß ich ein rettungslos in

seine Leidenschaft verstrickter Spieler geworden wäre, hatte die gute

Brigitte ihr wieder ausgeredet. Ich hab’ dem lieben Mädel die Hand

geküßt, und ich glaube, ich bin in dieser Stunde ein anderer Mensch

geworden. Auch vor Dir, lieber Peter, möchte ich mich nicht heftig

verschwören, sondern nur sagen, Du darfst mich Deinem Herrn Oheim ruhig

empfehlen. Ich will ihm ein treuer Mitarbeiter sein, soweit es in

meinen Kräften steht, und hoffe, mir seine Zufriedenheit zu erwerben.

Zu dem Begräbnis war, was man so sagt, der gesamte Adel der Umgegend

erschienen. Es war wenig echte Teilnahme dabei, aber viel Neugierde.

Die meisten waren wohl gekommen, um zu sehen, was der durchgefallene

Heino Bergkem für ein Gesicht machen wird bei dem gänzlichen

Zusammenbruch seines Hauses. Da war mir Dein lieber Brief eine rechte

Stütze, ich trug meinen Kopf hoch und konnte auf alle mitleidigen

Fragen nach meinen Zukunftsplänen eine den Hörern mißliebige Antwort

geben. Ich träte als nationalökonomischer und juristischer Beirat in

ein großes Berliner Bankhaus, gegen Gehalt und Tantième, und hoffte,

in nicht allzu langer Zeit eine ausnehmend einträgliche Stellung zu

haben. Darauf sagten sie: „Sieh mal an, was es in diesem Berlin doch

für dolle Sachen gibt, und gratuliere herzlich“. Du aber, Peterlein,

verzeih, wenn ich nicht ganz der Wahrheit gemäß meine Lehrlingsstellung

in dem Hause Deines Oheims mit so hochtrabendem Titel bezeichnete.

Nichts ist mir verhaßter als geheucheltes Mitleid, hinter dem sich die

Schadenfreude birgt, und sollte ich vor diesen Menschen, über die ich

mich mein Leben lang lustig gemacht hatte, wie ein Bettler dastehen?

Da ersetzte ich also, wie es in dem alten Studentenspruche heißt, den

mangelnden Sommerüberzieher durch eine schneidige Haltung und schnurrte

sie ein wenig an.

Unter den Leidtragenden befand sich auch die Gräfinmutter aus

Hellingenau mit ihrer Tochter. Der große Hanns war aus Dir ja bekannten

Gründen ferngeblieben. Die Wunschmaid ist womöglich noch größer und

stärker geworden, sah mich freundlich an und schüttelte mir fast den

Arm aus dem Schultergelenk. Ich glaube, ich würde noch heute bei ihr

eine günstige Aufnahme finden, wenn ich fragen wollte: „na, Hella,

wie ist’s mit uns beiden?“ Aber mir fehlt zu der Rolle einer Art von

Prinzgemahl jeder Beruf. Ich möchte mir mein bißchen Geld selbst

verdienen, habe außerdem ein viel zu schönheitsdurstiges Auge für das,

was alle Tage um mich sein soll bis an mein seliges Ende, und wenn ich

die Mutter ansehe, schaudert’s mich. Aber auch die Wunschmaid liebt

mich wohl nur aus proportionalen Gründen. Wenn sie einen Jüngling

findet, der zu ihrer Länge ebenso gut paßt wie ich, wird sie sich

trösten.

Also der große Hanns war nicht gekommen, um meiner Schwester eine

peinliche Begegnung zu ersparen. Dafür hat er seine Teilnahme anders

gezeigt und sich dabei als ein anständiger Kerl erwiesen. Am Tage nach

meiner Ankunft ließ er mich zu einer Unterredung entbieten. Wir trafen

uns auf der Grenzscheide zwischen Przygorowen und Hellingenau und haben

dort manches besprochen. Er will meine zweitausend Morgen kaufen und

zahlt einen ordentlichen Preis. Meine Schwester und ich brauchen nicht

ganz als Bettelleute in die Welt hinauszuziehen. Morgen vormittag ist

die gerichtliche Auflassung, das letzte Stück Bergkemsche Erde geht

den Weg seiner Vorgänger, und eins der altansässigen Geschlechter,

die dieses Land einst erobern halfen, verliert wieder einmal seine

Bodenständigkeit. Vielleicht daß der Letzte dieses Geschlechtes sich

auf einem anderen Feld tüchtiger erweist. Und -- lach nicht -- ich habe

mir einen Vorbehalt ausbedungen, das Recht, in einem Zeitraum von fünf

Jahren dieses Stück Erde mit angemessenem Aufschlage für stattgehabte

Meliorationen zurückzukaufen. Das klingt heute in meiner Lage sehr

vermessen, aber ich habe ein Ziel und einen Ansporn. Und es tut zu

wehe, hier von allem und für immer scheiden zu müssen.

Also meine Heimat will ich mir wiedererobern in fünf Jahren Arbeit, der

weiße Wappenvogel meines Geschlechts, der Falke, der nach einer alten

Familiensage einst über den Bergen Thüringens flog, soll in gemessener

Frist den Platz wiederfinden, an dem er vierhundert Jahre lang und

noch etliche mehr gehorstet hat. Und ich fühle, es wird mir gelingen.

Arbeiten will ich von früh bis spät, aber ich weiß es gewiß, es wird

auch ein Quentchen Glück dabei sein. Besinnst Du Dich noch auf das alte

Märchen, das ich Dir erzählte, als ich Dir zum ersten Male das Stück

kärglichen Sandbodens zeigte, von dem mir heute der Abschied so schwer

wird? --

Mit Brigitte hab’ ich gesprochen. Sie kommt gern nach Berlin. Was soll

sie anders tun? Wo ich meinen Zeltpfahl einstecke, ist ihre Heimat.

In dem Berufe einer Krankenpflegerin hat sie sich in diesen schweren

Wochen geübt, und er bedeutet für sie keine Entsagung. Ich aber stehe

dabei und schüttle manchmal den Kopf, wenn ich denke, das soll der

letzte Ausgang für ein Mädel sein, das einst mit lachenden Augen ins

Leben sah. Aber ich mag ihr nicht dreinreden, denn ich habe schon

einmal mit ungeschickter Faust in ihr Leben gegriffen. Wir gedenken

eine bescheidene Vierzimmerwohnung zu nehmen -- vielleicht hast Du

die Güte, Dich nach einem passenden Losament mit guter Verbindung zur

Behrenstraße umzusehen -- und morgen geht von hier ein Möbelwagen mit

dem Notwendigsten fort. Altes Gerümpel zum großen Teil, das kaum noch

die Transportkosten verlohnt, und ein paar Bilder, aber man kann sich

dazwischen vielleicht manchmal einbilden, man wäre immer noch zu Hause.

Bei dem Preise der Wohnung bitte ich tausend Mark pro Jahr nicht zu

überschreiten, wir leben vom Kapital und müssen sparsam sein. Nur

etwas Grünes müßte vor den Fenstern sein, damit meiner Schwester der

Uebergang nicht allzu schwer wird.

Auch in Stradaunen war ich in diesen Tagen, weil ich auf dem

Amtsgericht wegen der Auflassung zu tun hatte. Fräulein Trudchen liebt

nach wie vor den jeweilig jüngsten Referendarius, aber ich glaube

nicht, daß sie bei dieser Tätigkeit den gewünschten Erfolg erzielen

wird. Die jungen Juristen heutzutage sind flatterhaften Sinnes,

schwärmen nicht mehr für Chopin und wissen ein gediegenes Herz unter

unscheinbarer Hülle nicht zu schätzen. Ich glaube, sie wird ihre Tage

als Klavierlehrerin beschließen.

Das Grand Hotel steht noch immer, und Herr Popiella läßt Dich in

hochachtungsvoller Erinnerung an die trotz achttägigen Aufenthalts

voll bezahlte Vierteljahrsmiete bestens grüßen. Er hat sich von dem

Sündengeld eine neue Veranda gebaut.

An dem langen Stammtische der Mittagsgesellschaft lauter neue

Gesichter, nur der Herr Provisor thront nach wie vor auf dem

Präsidentensitz als letzte Säule entschwundener Pracht. Das Wiedersehen

war schmerzlich bewegt, und seine erste Frage galt Dir! Du bist

seine glorreichste Erinnerung, und ich glaube, er wartet nur auf das

Hinscheiden des letzten lebenden Augenzeugen -- Herr Popiella ist

stark asthmatisch geworden von seinen ewigen Erwärmungsgrogs, aber

erfreut sich immer noch eines ungetrübten Gedächtnisses -- also Herr

Kellmigkeit wartet auf sein seliges Ende, um seiner Erzählung von dem

mit Dir ausgefochtenen Pistolenduell einen explosiven Schlußeffekt

geben zu dürfen. Ich teilte ihm mit, ich hätte damals zur Verhinderung

jedes blutigen Ausganges die Pistons der beiden Mordinstrumente

feuersicher verstopft, und wir schieden in erheblicher Verstimmung.

Aber ich vermute, nach einigen Jahren wird man Dich schwerverwundet

von dem Schauplatze des Zweikampfes tragen, und nur seinem Edelmute

wird es zu danken sein, daß er seine berühmte Schießfertigkeit nicht

besser ausnützte, Dir die wohlverdiente Todesstrafe erließ. Ich habe

selbst genug Jagdgeschichten erzählt in meinem Leben und glaube ihr

allmähliches Wachstum aus schüchternen Anfängen zu kennen.

Ich bin ins Plaudern geraten, aber ich plaudere gern mit Dir,

Peterlein, und ich meine, die Freundschaften sind nicht immer nach dem

Scheffel Salz zu messen. Vielleicht wirst Du in Deinem ernsthaften

Sinn denken, welche Unbeträchtlichkeiten in so schwerer Stunde! Aber

wenn es ans Abschiednehmen geht, werden die Kleinigkeiten wertvoller

als große Erlebnisse.

Brigitte läßt Dich herzlich grüßen und freut sich, Dich wiederzusehen.

Eben tritt sie in Hut und Mantel an meinen Schreibtisch, um mich

abzuholen. Wir wollen an einen frischen Hügel gehen, unserm Mütterchen

gute Nacht sagen.

In Treue Dein Freund

Heino.“

Diesen Brief teilte Peter in bereits stark zerlesenem Zustande seinem

Oheim mit, damit er sich daraus vielleicht ein besseres Bild seines

künftigen Privatsekretärs entnähme als aus langatmigen Schilderungen.

Aber der Erfolg entsprach eigentlich nicht recht seinen Erwartungen.

Der alte Herr las zwar aufmerksam und lange, am Schlusse jedoch sagte

er nichts weiter als:

„Du hast mich recht neugierig gemacht. Ein sehr sympathischer junger

Mann, dem es anscheinend mit seinen Vorsätzen ernst ist, und ich liebe

die Draufgänger, die an sich und ihren Stern glauben. Ob er aber ein

tüchtiger Geschäftsmann wird, darüber wollen wir uns nach einem Jahre

sprechen!“

Danach begab sich Peter auf die Wohnungssuche, lief treppauf und

treppab, und wenn er sich prüfend in den Räumen umsah, zog er einen

Brief aus der Tasche, anscheinend um nachzusehen, ob das Gelaß auch den

gestellten Anforderungen entspräche. In Wirklichkeit war es ihm nur um

zwei Zeilen zu tun, die er schier tausendmal wohl schon gelesen hatte,

ohne sich an ihnen satt sehen zu können: „Brigitte läßt Dich herzlich

grüßen und freut sich, Dich wiederzusehen.“ Sie freute sich darauf, ihn

wiederzusehen, also hatte sie doch seiner zuweilen gedacht, die blonde

Brigitte! ...

Und nichts war ihm gut genug, was er prüfte, als er aber endlich zu

dem vorgeschriebenen Preise eine leidlich passende Wohnung gefunden

hatte, weit draußen am Charlottenburger Bahnhofe mit dem Blicke auf

buschbepflanzte Rasenböschungen, ließ er eine Wagenladung frischer

Blumen in die Zimmer schleppen, um ihr im Augenblicke der Ankunft

wenigstens einen Ersatz für die kümmerliche Aussicht zu bieten. Und

unter Hangen und Bangen kam die Stunde heran, in der er sich endlich,

viel zu spät für seine zehrende Ungeduld, an den Bahnhof begeben

durfte.

Der Zug fuhr donnernd und dröhnend in die hohe Halle, er stand mit

einem Blumenstrauß in der Hand auf dem Bahnsteig, und das Herz schlug

ihm bis in den Hals vor banger und freudiger Erwartung. Ein langer Arm

winkte aus einem offenen Fenster. „Halloh, Peter, hier sind wir,“ aber

der Wagen rollte weiter, er mußte sich erst durch eine drängende Menge

mühsam den Weg bahnen, um an den richtigen Platz zu gelangen. Und da

kam er um einiges zu spät, die Geschwister waren schon ausgestiegen,

und die Begrüßung verlief nüchterner, als er sich’s erhofft hatte. Der

lange Heino umarmte ihn herzlich, Fräulein Brigitte jedoch hatte ein

Gepäckstück im Coupé zurückgelassen, das sich hinterher zwar schon

im Besitze des Trägers wiederfand, immerhin aber einige Aufregung

verursachte. Und Peter vermehrte noch ihre Beschwerden, denn der mit

einigen stotternden Worten überreichte Blumenstrauß war neben einigen

Schirmen, einem Täschchen und vielerlei kleinen Paketen nur schwer

unterzubringen.

Da streckte sie ihm bloß einen Finger entgegen im schwarzen Handschuh,

„ich danke *sehr*, lieber Herr Brenitz,“ und der Augenblick, dem er mit

Herzklopfen entgegengesehen hatte, war vorüber. Rührend sah sie aus in

ihrem schwarzen Trauerkleidchen, wie eine holdselige Verkörperung allen

Schmerzes, aber es verletzte ihn tief, daß sie in diesem feierlichen

Momente keine andere Sorge kannte als die Wiedererlangung eines

wertlosen Gepäckstückes.

In befangener Stimmung wurde die Fahrt nach dem Hotel zurückgelegt.

Die Geschwister begaben sich nach oben, und Peter wunderte sich nicht

weiter, als nach einiger Zeit Heino allein wieder herunterkam und die

Schwester entschuldigte, sie wäre von der langen Fahrt zu müde. Da

empfahl er sich nach einigen belanglosen Reden und ging still nach

Hause. Schalt unterwegs sich einen Toren, der in dem Wirrwarr einer

Ankunft nach anstrengender Reise Unmögliches erwartet hatte. Eines aber

blieb trotz aller Beschönigungsversuche haften: Um eine kleine Spur

herzlicher hätte die blonde Brigitte ihn wohl begrüßen dürfen, wenn

es ihr ähnlich zumute war wie ihm! Und auf allerhand leise Wünsche,

die in diesen Tagen des Wartens emporgerankt waren, fiel jählings ein

erkältender Reif ...

* * * * *

Heino von Bergkem stand in dem kleinen altmodisch eingerichteten

Privatkontor in der Behrenstraße, und die erste Musterung war zu

gegenseitigem Wohlgefallen ausgegangen. „Bitte, nehmen Sie Platz, Herr

Baron,“ hatte der kleine Handelsherr gesagt, und der lange Abkömmling

eines alten Rittergeschlechtes erwiderte in geziemender Haltung:

„Bitte, nur Bergkem, Herr Geheimrat. Ein Lehrling steht vor Ihnen,

der zuweilen wohl einen groben Rüffel verdienen wird, und da wäre der

Freiherrntitel vielleicht ein gänzlich unangebrachtes Hindernis.“

„So, so,“ sagte der alte Herr Geheimrat und ein Strahl von Wohlwollen

blitzte in seinen klugen Augen auf. „Das ist ja sehr nett von Ihnen,

aber Sie irren sich. Der Freiherrntitel würde mich durchaus nicht

stören, falls ich Veranlassung hätte, mit Ihnen grob zu werden. Wollen

beide hoffen, daß es nicht nötig sein wird! Na, und nun schießen Sie

mal los, Herr Baron, wie haben Sie sich eigentlich Ihre Stellung in

meinem Hause gedacht?“

Heino hob die Achseln.

„Keinen Schimmer, Herr Geheimrat. Ich will lernen und arbeiten. Ob ich

Ihnen irgendwie nützlich sein kann, wird sozusagen der Sektionsbefund

ergeben. Meine Freunde rühmen meinen gesunden Menschenverstand, daneben

verfüge ich noch von meinem vergeblichen Jurastudium her über einige

Kenntnisse im Handelsrecht, aber ich weiß nicht, ob das reichen wird.“

„Hm,“ sagte der Herr Geheimrat wohlwollend, denn der Lange in seinem

herzhaft-unbekümmerten Wesen gefiel ihm mehr und mehr. „Für einen

intelligenten Menschen sind die technischen Kniffe unseres Handwerks

ein Kinderspiel, mancher freilich lernt sie nie. Einem andern aber

fliegen sie zu, wenn er sechsmal durch ein ordentlich geführtes Bureau

geht. Aber das ist nicht das Wesentliche. Ich habe da zum Beispiel in

meinem Kontor einen Buchhalter, der sieht ’ne ellenlange Zahlenreihe

bloß an, schreibt ohne Rechnen die Summe unter den Strich. Ich irr’

mich dreimal, wenn ich bei ’ner Bridgepartie -- Sie können doch

hoffentlich Bridge? -- das Resultat ausrechnen soll, aber dennoch

bilde ich mir ein, ein leidlicher Bankier zu sein, und würde mich

immerhin bedanken, das Additionsphänomen von einem Buchhalter zu Rate

zu ziehen, wenn sich’s um eine neue argentinische Anleihe handelt. Also

ich werde Sie sechs Wochen unter meinen alten Markuse stecken, damit

Sie lernen, ‚Geld‘ von ‚Brief‘ zu unterscheiden, die übrige Erziehung

soll meine Sorge sein.“

Und ein wenig ernster fuhr er fort: „Herr von Bergkem, ich fange

an, alt zu werden und sehne mich nach einem, der mir die schwere

Last der Geschäfte ein wenig erleichtert. Der dazu am nächsten wäre,

geht anderen Zielen nach, und die übrigen aus der entfernteren

Verwandtschaft, die sich dazu drängen, mag ich nicht. Kaum daß sie

recht auf allen Vieren kriechen können, fangen sie mit den hier

aufgeschnappten Tips auf eigene Faust zu spekulieren an. Ich möchte

einen haben, dem ich glauben könnte wie mir selbst, seine Brust müßte

wie ein Grab sein. Ich will Ihnen vertrauen, denn mein Neffe empfiehlt

Sie. Ehe Sie aber einschlagen, bedenken Sie sich noch einmal. Die

Enttäuschung könnte mich nicht nur Geld kosten -- das läßt sich

verschmerzen -- sondern vielleicht noch einiges mehr. Und dazu bin ich

zu alt, das möchte ich nicht mehr erleben.“

Heino sah den alten Herrn voll an.

„Herr Geheimrat, was soll ich Ihnen darauf erwidern? Ich habe manchen

dummen Streich gemacht in meinem Leben, aber keinen schlechten,

und noch nie hat ein Bergkem die Treue gebrochen. Ich will mich

ehrlich zu Ihnen halten, und mein Wort muß Ihnen genug sein. Andere

Bekräftigungsmittel habe ich nicht. Wenn’s Ihnen also recht ist,

schlagen Sie ein!“

Und er streckte dem kleinen, gewaltigen Handelsherrn in ehrfürchtiger

Haltung die Hand entgegen. Der Geheimrat Brenitz aber ergriff die

gebotene Hand, schüttelte sie herzlich, und in seinen Augenwinkeln

schimmerte es feucht. Die Gesinnung war lobenswert, und wenn die

Leistungen sich auf der gleichen Höhe hielten, konnte er vielleicht auf

seine späten Tage einen Lehrling finden, bei dem das Unterrichten eine

Freude war ...

Er wandte sich zum Fenster, sah eine Weile lang in Gedanken durch das

schwere Eisengitter des Erdgeschosses hinaus und sagte schließlich:

„Es ist da noch ein Punkt zwischen uns zu erörtern. Aus den Erzählungen

meines Neffen weiß ich nämlich, Sie haben sich durch das Spiel in

schwere Ungelegenheiten gebracht, und ich möchte Ihnen meine Meinung

darüber nicht verhehlen. Ein großer Teil dessen, was wir heut’ in

unserem Geschäfte treiben, ist auch nichts anderes als Spiel, nur daß

wir uns einbilden, wir könnten die Chancen besser berechnen als bei

den Karten. Und ich sage, wer nicht ein wenig Spielerblut in den Adern

hat, ist auch kein rechter Bänker. Nur muß man immer den klaren Kopf

oben behalten, genau wissen, wie weit man zu gehen hat. Das haben Sie

anscheinend eine Zeitlang vergessen und sich in schwere Ungelegenheiten

gebracht. Das ist doch aber nicht der Zweck dabei, denn das Spiel soll

doch immer ein Vergnügen bleiben. Wenn Sie mir also versprechen, in

dieser Hinsicht vorsichtiger zu werden, bin ich zufrieden.“

„Ich verspreche es,“ sagte Heino und atmete erleichtert auf. Nicht ohne

Herzklopfen war er zu diesem Examen hingegangen, aber der Gewaltige

des Bankhauses Samuel Brenitz sel. Witwe Söhne erwies sich als ein

wohlwollender Prüfer, dem nichts Menschliches fremd war ...

„Na schön,“ erwiderte der alte Herr Geheimrat, „und haben Sie heute

vormittag noch was Besonderes vor? Nicht? ... Na, um so besser, dann

können wir gleich anfangen. Da drüben ist Papier, Feder und Tinte,

bitte, schreiben Sie. Es handelt sich nämlich um ein Projekt, bei

dessen Finanzierung unter Umständen ein großer Nutzen abfallen kann.

Also oben drüber: „Streng vertraulich“. Und dann die Adresse: „Herrn

Salomon Eisenberg in Chrzánow, Galizien. Im Besitze Ihres Geehrten

vom 17. ds. betreffend Vorkommen von Petroleumquellen auf den Gütern

des Herrn Grafen von Chelminski auf Chelmien, bin ich auf Grund der

beigefügten Gutachten von Sachverständigen nicht abgeneigt, der

Angelegenheit näher zu treten. Eventuell wäre ich bereit, in nächster

Zeit persönlich dorthin zu kommen, um mich an Ort und Stelle näher zu

informieren“ ...

„Verzeihung, Herr Geheimrat,“ sagte Heino und hielt im Schreiben

inne, „würden Sie vielleicht die Güte haben, mich auf diese Exkursion

mitzunehmen?“

„Mit Vergnügen, aber Sie müßten vorher ‚Franzefuß‘ lernen, denn Bridge

en deux ist für zwölf Stunden Bahnfahrt zu langweilig. Und glauben Sie,

daß Sie mir da unten irgendwie von Nutzen sein könnten?“

„Vielleicht, Herr Geheimrat. Ich verstehe Polnisch und kenne etwas

Aehnliches aus meiner Heimat her. Ein spekulativer Bauer, der seine

Klitsche loswerden wollte, schüttete ein Dutzend Zentner Steinsalz

in den Brunnen, zog auch einen Sachverständigen hinzu, der ihm

bescheinigte, daß das Wasser stark salzhaltig wäre, und fand danach

richtig einen Dummen, der ihm das Grundstück weit über den landläufigen

Preis bezahlte. Ob er auch außerhalb des Brunnens Salz gefunden hat,

weiß ich nicht. Vielleicht noch ein bißchen in der Speisekammer, aber

nach dem Gutachten des Sachverständigen hatte er wohl mehr erwartet.“

„Nicht übel,“ meinte der alte Herr und sah seinen eben engagierten

Geheimsekretär mit neuen Augen an. „Mir erschien bei der Sache

auch noch nicht alles richtig, denn Chrzánow liegt von dem

eigentlichen Petroleumdistrikt Galiziens ziemlich weit entfernt, die

Sachverständigen aber erklärten das plötzliche Vorkommen von Oel mit

einem unterirdischen Durchbruch. Na, dann wollen wir Herrn Salomon

Eisenberg ein wenig anders schreiben. Wenn’s nicht stimmt, wird er

schon schreien.“

Und mit einem Schmunzeln um den bartlosen Mund fing er wieder an zu

diktieren: „näher zu informieren, aber ich würde mir gestatten, auch

meinerseits einen Sachverständigen mitzubringen, der ... der ... na,

nun machen Sie mal einen guten Witz, Herr Baron! Je niederträchtiger,

desto besser.“

„Hm,“ sagte Heino eifrig, denn das versprach ein Brief nach

seinem Herzen zu werden, „man könnte vielleicht so sagen: Einen

Sachverständigen mitzubringen, der in unterirdischen Durchbrüchen

eine große Erfahrung besitzt. Es wird ihm bei näherer Prüfung der

geologischen Formation ein leichtes sein festzustellen, wohin der

Ihrerseits angenommene Durchbruch führt, ob nach dem galizischen

Oelgebiet oder nach einem mehr in der Nähe befindlichen Lager, das

sich jedoch ebenfalls mühelos ermitteln lassen wird, wenn man aus der

Topographie von Chrzánow die dortigen Petroleumhandlungen kennt.“

Der Geheimrat lachte laut auf.

„Ausgezeichnet, und ich sehe, wir werden uns verstehen. Nun nichts

weiter als eine recht höfliche Schlußwendung ... Ihrer sehr geschätzten

Rückäußerung gern entgegensehend, zeichne mit vorzüglicher Hochachtung

... Was gibt’s?“ unterbrach er sich selbst und hob den Kopf, denn der

Bureaudiener war mit einem diskreten Räuspern in der Tür erschienen.

„Herr Geheimrat, die gnädige Frau sind draußen und wünschen den Herrn

Geheimrat zu sprechen.“

„Bedaure, ich bin sehr beschäftigt.“

„Die gnädige Frau haben aber gesagt, es wäre sehr dringend.“

Der alte Herr seufzte leicht auf.

„Also ich lasse bitten!“

Heino hatte sich erhoben, ging ein wenig zur Seite und sah eine Dame

das Allerheiligste des Privatkontors betreten, die ihm merkwürdig

bekannt vorkam, ohne daß er sich im Augenblick zu entsinnen vermochte,

wo und wann er sie getroffen hatte.

Sie mochte kaum älter als fünfundvierzig Jahre sein, sah noch immer

auffallend hübsch aus und trug einen kostbaren Zobelpelz, der Heino

ebenfalls sehr bekannt vorkam. Und mit einem Male wußte er, wen er

vor sich hatte. Da trat er noch ein paar Schritte zurück, bis er im

Schatten der breiten Fenstervorhänge leidliche Deckung fand, denn

er wollte eine, womöglich dramatisch bewegte Wiedererkennungsszene

vermeiden, ehe er dem alten Herrn nicht mit ein paar Worten erklärt

hatte, daß er unwissentlich seiner Gattin in einem unangenehmen

Abenteuer Beistand geleistet hatte.

Der Frau Geheimrätin folgten zwei jüngere Damen auf dem Fuße, offenbar

die beiden Töchter. Die Kleinere blond und mit einem nichtssagenden,

gutmütigen Gesichte, die Größere aber brünett, eine schlanke, biegsame

Figur mit einem geradezu frappierend schönen Kopfe. Ein zierliches

Näschen über einem vollen roten Munde, große dunkle Augen mit schweren

Wimpern und über einer hohen weißen Stirn bläulich-schwarz schimmerndes

Haar.

Das Reizvollste aber dünkte Heino ein Zug leiser Schwermut, der sich

über das herrliche Gesicht breitete, und unwillkürlich sog er das Bild

mit durstigen Augen ein. Gleich danach aber flog ihm ein lustiger

Gedanke durch den Kopf, und er mußte wieder lächeln. Ja, wenn die

Schwarze da mit in dem Auto gesessen hätte, wäre er wohl kaum von

dannen gegangen, ohne auf der Stelle gebührenden Dank zu heischen! ...

Die Frau Geheimrätin war ohne Begrüßung nähergetreten.

„Sag’ mal, Brenitz, was soll das eigentlich bedeuten? Ich vergehe fast

vor Aufregung, und Du gibst mir keine Nachricht? Eben telephoniert mir

Dein Chauffeur, schon vor einer Stunde hätte er „ihn“ hier hineingehen

sehen, und Du rufst mich nicht an?“

„Entschuldige, liebe Ada,“ erwiderte der alte Herr etwas kleinlaut,

„aber ich habe keine Ahnung, was Du meinst!“

„Geh, verstell Dich doch nicht, Du weißt es sehr gut. Den heldenmütigen

jungen Mann, der uns vor vierzehn Tagen im Tiergarten“ ...

Die Frau Geheimrätin brach ab, denn plötzlich bemerkte sie, daß noch

jemand außer ihrem Gatten im Zimmer war. Und Heino trat hervor, machte

seine korrekteste Verneigung.

„Verzeihung, gnädigste Frau, wenn ich jetzt erst nachhole, was

vielleicht früher meine Pflicht gewesen wäre. Ich heiße Heino Bergkem,

muß aber zu meiner Schande gestehen, es war mir bisher unbekannt, daß

man hierzulande sich vorstellen muß, wenn man einer Dame einen zufällig

aus der Hand geglittenen Schirm aufhebt. Mehr war’s wirklich nicht

wert, was ich damals im Tiergarten für Sie tun durfte.“

Die Frau Geheimrätin stand ein wenig perplex da, der alte Herr

aber schmunzelte. Im ersten Augenblicke, als der Herr von Bergkem

so plötzlich, wie auf Verabredung hervortrat, war er mißtrauisch

geworden, denn er kannte seine Gattin und wußte aus Erfahrung, daß

sie in abgekarteten Intrigenspielen groß war. Gleich danach aber sah

er, daß es diesmal ehrlich zuging, denn die „geborene Guggenheimer“

machte *wirklich* ein verlegenes Gesicht. Und deutlich las er darauf

die Enttäuschung, die sie bei dem anscheinend bürgerlichen Namen des

„Lebensretters“ empfand.

Nun aber konnte es sich der Geheimrat nicht mehr versagen, ihr einen

kleinen Hieb zu versetzen.

„Siehst Du, Ada, was habe ich Dir gesagt? Der Herr Baron macht sich

nichts aus Deinen Danksagungen! Und jetzt gestatte, daß ich richtig

vorstelle: Meine Frau nebst Töchtern -- Herr Edler und Freier Herr

von Bergkem-Przygorowski aus dem Hause Bergheim. Seit heute vormittag

aber Angehöriger des Hauses Brenitz. Wir wollen hoffen, daß es beiden

Häusern zum Segen gereicht.“

Schon bei dem Worte Baron hatte die Frau Geheimrätin den Kopf gehoben,

jetzt ging sie mit ausgestreckten Händen auf Heino zu.

„Welch eine freudige Nachricht, Herr Baron! Und lassen Sie sich endlich

von Herzen Dank sagen für Ihre ritterliche Tat. Ihnen erscheint’s

vielleicht wenig, hundert Räuber in die Flucht zu schlagen, wir aber

verzagten schon an unserem Leben, und danach geht’s doch, nicht wahr?“

So sprach sie geläufig fort und fort, schloß mit einer dringlichen

Einladung zum Mittagessen am selben Tage, und Heino konnte trotz aller

Zurückhaltung nicht ablehnen, denn auf eine kurz zuvor gestellte

geschickte Frage, ob er heute noch etwas Besonderes vorhätte, hatte er

harmlos mit nein geantwortet.

Der alte Herr aber stand als stiller Beobachter dabei, und plötzlich

fiel es ihm ein, daß er mit seinem neuen Geheimsekretär in leicht

gerührter Stimmung über alles mögliche gesprochen hatte, nur nicht

über die doch eigentlich recht naheliegende Gehaltsfrage. Bei dem

stillen Beobachten jedoch fiel ihm ein Blick auf, mit dem der Herr von

Bergkem bewundernd die schlanke Gestalt seiner ältesten Tochter Ilse

umfaßte. Da seufzte er leicht auf, denn er glaubte zu wissen, daß diese

Gehaltsfrage in absehbarer Zeit in anderer Weise geregelt werden würde

...

Die Damen empfahlen sich, der Herr Geheimrat gab ihnen das Geleit. Und

während seine Gattin mit der Aelteren schon das Auto bestieg, schlang

die Jüngere ihm im leeren Hausflur den Arm um den Hals, preßte ihr

heißes Gesicht an seine Wange:

„Sag’, Pappi, sieht er nicht wirklich aus wie ein Held?“

Da streichelte er ihr leise den blonden Kopf, und das Herz zog sich ihm

zusammen:

„Geh, mein kleines Schlemihlchen, geh! Und schluck’s ’runter! Dieser

‚Held‘ hat Dich wohl gerettet, aber den Dank wird er sich wo anders

holen. Du und noch einer, der mir nahesteht, Ihr seid von der Sorte,

die zusehen müssen, wenn die anderen sich zu Tisch setzen. Also da

muß man sich beizeiten zusammennehmen, ein lustiges Gesicht machen

und immer sagen: dank schön, ich bin satt, habe schon gegessen! Das

tut manchmal sehr weh, aber was ist wohl besser? Sich bemitleiden,

womöglich gar auslachen lassen, oder den Kopf hochtragen und sich ein

Ansehen geben, als hätte man niemals auf die gedeckte Tafel der anderen

einen begehrlichen Blick geworfen?“

So tröstete er mit sanftem Streicheln an seinem Töchterlein herum, bis

es sich mit einem leichten Aufschluchzen seinem haltenden Arm entwand:

„Ich will’s versuchen, Pappi!“ ...

Als der alte Herr in sein Privatkontor zurückkehrte, stand sein neuer

Geheimsekretär am vergitterten Fenster, verneigte sich höflich und sah

mit leuchtenden Augen dem davonfahrenden Auto nach. Da lächelte er

freundlich, denn all diese Geschehnisse der letzten Minuten schienen

ihm wie die Vorherbestimmung eines freundlichen Schicksals. „Herr von

Bergkem, meine Stunde ist gekommen, in der ich in meinem Klub die mir

unbedingt notwendige Partie Bridge spielen muß. Begleiten Sie mich und

sehen Sie zu, Sie können auch dabei von mir etwas lernen. Außerdem aber

beabsichtige ich, Sie mit ein paar älteren Herren bekannt zu machen, an

deren Urteil mir ziemlich viel liegt, und bei denen ich Ihnen gleich

von vornherein eine zukömmliche Stellung anweisen möchte.“

Da sprang Heino eifrig zu und half seinem Chef, der ihm in einer

knappen Stunde aus einem Fremden ein gütiger Freund geworden war, in

den Pelz. Draußen hatte sich der launische Apriltag eine finstere Wolke

vorgezogen, die Regen und Hagel auf die Straßen stäubte. Ihm aber war

zumute, als lachte die helle Sonne über Giebeln und Dächern, und eben

dehnte sich vor ihm ein klarer Pfad, der nach allem Kummer und Ungemach

in eine glückliche Zukunft führte.

Und unwillkürlich fiel es ihm ein: war es nicht ganz wie in dem alten

Märchen? Der Bruder Leichtfuß brauchte nur herzhaft und lachend darauf

loszugehen, um sich das Glück und die verzauberte Prinzessin zu

gewinnen?! ...

* * * * *

Es ging auf den Mai, und die beiden Geschwister Bergkem hatten sich

längst schon in der Charlottenburger Wohnung mit den aus der alten

Heimat stammenden Möbeln behaglich eingerichtet. Peter Brenitz aber

war ihr allabendlicher Stammgast, saß mit ihnen von neun bis halb elf

um den runden Tisch unter der freundlichen Hängelampe, hörte zu, wie

sie von ihrem Tagewerke plauderten, und wünschte sich nichts Besseres.

Seine kühnen Hoffnungen hatte er an dem Tage begraben, als er mit

dem kostbaren Blumenstrauße in der Hand auf dem Bahnsteige stand und

die blonde Brigitte seiner so wenig achtete, daß ihr ein verloren

gegangenes Gepäckstück wichtiger erschien als seine Begrüßung.

Und je mehr er darüber grübelte, desto klarer entschleierte sich ihm,

wie alles gekommen sein mochte in der Zeit, nachdem er Brigitte nicht

wiedergesehen hatte. Als einzige unbestreitbare Tatsache stand fest,

daß sie ihrem Verlobten trotz aller Vorteile, die ihr aus dieser

Verbindung winkten, den Abschied gegeben hatte. Aber wie unziemliche

Selbstüberhebung kam es ihm vor, seine Person mit diesem Entschlusse in

eine irgendwie geartete Verbindung zu bringen. Was war er denn in dem

Leben dieses jungen Mädchens? Eine flüchtige Bekanntschaft von zwei

kurzen Tagen ...

So disputierte er fast allnächtlich mit seiner Leidenschaft, nahm sich

hundertmal vor, von nun an die Besuche in Charlottenburg aufzugeben,

weil sie doch zu keinem Ergebnis führen könnten. Wenn es aber auf den

Abend ging, saß er wieder an dem runden Tische unter der freundlichen

Hängelampe und wünschte sich nichts Besseres! Denn zuweilen ging es

recht lustig zu, so lustig, daß auch die blonde Brigitte mitlachte. Der

lange Heino erzählte irgendeinen Scherz, den er in seinem neuen Berufe

an der Börse gehört hatte, machte dem alten Prokuristen Markuse im

Hause Brenitz nach, wie er schnupfte und mit der Nase schnüffelte, oder

kopierte -- frei nach den Fliegenden Blättern -- den unglückseligen

Lehrling, um den das gesamte Personal der Firma ratlos stand, weil

er wegen allzuweit abstehender Ohren den Federhalter nicht an die

vorschriftsmäßige Stelle stecken konnte.

Dann lachte auch Brigitte, obwohl sie sonst meistens schweigend am

Tische saß, müde von der anstrengenden Tätigkeit, die sie tagsüber in

Anspruch nahm.

Und es kam ein Abend, an dem auch sie lebhaft wurde, mit einem Male

aus ihrem Berufe zu erzählen anfing, obwohl das geschilderte Ereignis

eigentlich nichts Besonderes an sich hatte. Ein junger Reiteroffizier

war auf der Rennbahn gestürzt -- Peter hatte den Bericht schon in

der Zeitung gelesen -- man hatte ihn bewußtlos in die Abteilung der

Klinik gebracht, in der sie ihre Lehrlingszeit durchmachte, und selbst

der Herr Geheime Medizinalrat fürchtete für sein Leben. Am nächsten

Abend aber lautete der Bericht schon viel hoffnungsvoller. Der junge

Husar war für ein paar Augenblicke zu Bewußtsein gekommen, hatte

seine hingebende Pflegerin, die unablässig die kühlenden Umschläge

erneuerte, dankbar angelächelt. Und eifrig erörterte sie den ganzen

Fall, schilderte die Besorgnis der Eltern, die vom Rheine her an das

Lager ihres einzigen Sohnes geeilt waren, sprach und sprach von dem,

was ihr Fühlen und Denken erfüllte. Peter aber saß dabei und hörte

aufmerksam zu. Im Innersten seines Herzens jedoch wußte er, das war der

letzte Abend, den er hier am runden Tische mit der blonden Brigitte

verbrachte.

Oder sollte er vielleicht zum zweiten Male mit ansehen, wie eine

grobe Faust ihm in die Brust nach dem Herzen langte und preßte und

preßte, bis der letzte Blutstropfen entwichen war?! ... Er nahm sich

zusammen bis zu der üblichen Zeit, zu der er schicklicherweise und ohne

aufzufallen sich auf den Heimweg begeben konnte. Da küßte er Fräulein

Brigitte wie immer die Hand und wünschte ihr eine gute Nacht nach all

den gehabten Aufregungen. Seine Stimme klang ruhig wie sonst.

Der lange Heino geleitete ihn die Treppe hinab, unten im Flur

schüttelte er ihm die Hand. Sie verstanden sich ohne viel Worte.

„Tut’s sehr weh, kleines Brüderchen?“

Peter griff nach seinem Klemmer, tupfte dabei unauffällig über die

Augenwinkel, in denen sich ein paar dumme, dicke Tränen bilden wollten:

„Nicht mehr so arg wie beim erstenmal! Und es geschieht mir recht. Ich

saß an der Grenze des Königreiches, grübelte und grübelte über dem

Rätsel, indessen schwang sich ein anderer mit leichterem Fuß über den

Graben!“ Und mit einem wehen Lächeln fügte er hinzu: „Wenn ich so klug

gewesen wäre wie heute, hätte ich vor vier Wochen mich überfahren

lassen. Vielleicht daß ich dann dem ... dem andern zuvorgekommen wäre!“

Der Schmerz übermannte ihn, er schluchzte laut auf und lehnte für einen

Augenblick den Kopf gegen die Brust des Freundes. Heino aber schlang

ihm den langen Arm um den Hals und sah besorgt zu ihm hernieder.

„Der Deuwel kennt sich in diesen kleinen Frauenzimmern aus! Manchmal

in diesen Wochen hatte ich die stille Hoffnung, sie würde sich wieder

zu Dir neigen, wie schon einmal, und da muß dieser kleine Husar sich

unversehens dazwischen drängen! Aber sag’, armer Kerl, soll ich diese

Nacht nicht lieber mit Dir zusammenbleiben? Meiner Schwester rede ich

leicht was ein, damit sie keinen Argwohn schöpft.“

Da richtete Peter Brenitz sich auf und warf den Kopf in den Nacken

zurück.

„Arm, sagst Du? Einen ganzen geschlagenen Tag damals bin ich glücklich

gewesen! Reicht das nicht aus für ein kurzes Menschenleben?! Und Du,

Heino von Bergkem, sagst mir, Du hättest mich, den Juden Brenitz, gern

in Deinem Hause aufgenommen. Hab Dank dafür, dieses Wort war mir eine

Wohltat. Es zeigt mir, daß der auf dem richtigen Wege war, der meine

Schritte ins Leben lenkte!“

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß, er trat aufrechten Hauptes in die

stille Straße hinaus. Weit drüben, auf der Zinne des grünen Bahndammes,

fuhr ein hell erleuchteter Zug irgendwohin in die Ferne .... Die

Maschine ächzte und stöhnte, spie feurige Wolken empor, gegen den

nachtdunkeln Himmel nahmen sie sich wie Zeichen der Morgenröte aus. Und

Peter Brenitz sah hoffnungsfrohen Auges das kommende Deutsche Reich,

das Reich, in dem es weder Hader, noch Haß, noch Zwietracht gab. -- --

[Illustration]

Bruder Leichtfuß und Stein am Bein · 第 10 / 10 题