„Przygorowen, am Ostermontag.
Mein lieber Peter!
All die gleichgültigen Menschen, die eine halbe Stunde lang die Hügel
auf unserem kleinen Kirchhof zertrampelt haben, sind fort. Mein liebes
Mütterchen liegt draußen in der kühlen Erde, und ich sitze allein mit
Brigitte in dem alten Hause der Bergkems. Es geht ans Abschiednehmen.
Es waren schwere Tage, und mich drückten sie doppelt nieder, denn ich
stand als ein Schuldbeladener an dem Sarge meiner Mutter, aber all
meine Reue weckte sie nicht mehr auf. Auch kein Schwur, von jetzt an
ein neues Leben zu beginnen. Ein einziger Trost hielt mich aufrecht:
daß sie noch nicht allen Glauben an mich verloren hatte, als sie sanft
hinüberging. Daß ich mein Examen nicht bestehen könnte, war ihr ein
unmöglicher Gedanke, und den Verdacht, daß ich ein rettungslos in
seine Leidenschaft verstrickter Spieler geworden wäre, hatte die gute
Brigitte ihr wieder ausgeredet. Ich hab’ dem lieben Mädel die Hand
geküßt, und ich glaube, ich bin in dieser Stunde ein anderer Mensch
geworden. Auch vor Dir, lieber Peter, möchte ich mich nicht heftig
verschwören, sondern nur sagen, Du darfst mich Deinem Herrn Oheim ruhig
empfehlen. Ich will ihm ein treuer Mitarbeiter sein, soweit es in
meinen Kräften steht, und hoffe, mir seine Zufriedenheit zu erwerben.
Zu dem Begräbnis war, was man so sagt, der gesamte Adel der Umgegend
erschienen. Es war wenig echte Teilnahme dabei, aber viel Neugierde.
Die meisten waren wohl gekommen, um zu sehen, was der durchgefallene
Heino Bergkem für ein Gesicht machen wird bei dem gänzlichen
Zusammenbruch seines Hauses. Da war mir Dein lieber Brief eine rechte
Stütze, ich trug meinen Kopf hoch und konnte auf alle mitleidigen
Fragen nach meinen Zukunftsplänen eine den Hörern mißliebige Antwort
geben. Ich träte als nationalökonomischer und juristischer Beirat in
ein großes Berliner Bankhaus, gegen Gehalt und Tantième, und hoffte,
in nicht allzu langer Zeit eine ausnehmend einträgliche Stellung zu
haben. Darauf sagten sie: „Sieh mal an, was es in diesem Berlin doch
für dolle Sachen gibt, und gratuliere herzlich“. Du aber, Peterlein,
verzeih, wenn ich nicht ganz der Wahrheit gemäß meine Lehrlingsstellung
in dem Hause Deines Oheims mit so hochtrabendem Titel bezeichnete.
Nichts ist mir verhaßter als geheucheltes Mitleid, hinter dem sich die
Schadenfreude birgt, und sollte ich vor diesen Menschen, über die ich
mich mein Leben lang lustig gemacht hatte, wie ein Bettler dastehen?
Da ersetzte ich also, wie es in dem alten Studentenspruche heißt, den
mangelnden Sommerüberzieher durch eine schneidige Haltung und schnurrte
sie ein wenig an.
Unter den Leidtragenden befand sich auch die Gräfinmutter aus
Hellingenau mit ihrer Tochter. Der große Hanns war aus Dir ja bekannten
Gründen ferngeblieben. Die Wunschmaid ist womöglich noch größer und
stärker geworden, sah mich freundlich an und schüttelte mir fast den
Arm aus dem Schultergelenk. Ich glaube, ich würde noch heute bei ihr
eine günstige Aufnahme finden, wenn ich fragen wollte: „na, Hella,
wie ist’s mit uns beiden?“ Aber mir fehlt zu der Rolle einer Art von
Prinzgemahl jeder Beruf. Ich möchte mir mein bißchen Geld selbst
verdienen, habe außerdem ein viel zu schönheitsdurstiges Auge für das,
was alle Tage um mich sein soll bis an mein seliges Ende, und wenn ich
die Mutter ansehe, schaudert’s mich. Aber auch die Wunschmaid liebt
mich wohl nur aus proportionalen Gründen. Wenn sie einen Jüngling
findet, der zu ihrer Länge ebenso gut paßt wie ich, wird sie sich
trösten.
Also der große Hanns war nicht gekommen, um meiner Schwester eine
peinliche Begegnung zu ersparen. Dafür hat er seine Teilnahme anders
gezeigt und sich dabei als ein anständiger Kerl erwiesen. Am Tage nach
meiner Ankunft ließ er mich zu einer Unterredung entbieten. Wir trafen
uns auf der Grenzscheide zwischen Przygorowen und Hellingenau und haben
dort manches besprochen. Er will meine zweitausend Morgen kaufen und
zahlt einen ordentlichen Preis. Meine Schwester und ich brauchen nicht
ganz als Bettelleute in die Welt hinauszuziehen. Morgen vormittag ist
die gerichtliche Auflassung, das letzte Stück Bergkemsche Erde geht
den Weg seiner Vorgänger, und eins der altansässigen Geschlechter,
die dieses Land einst erobern halfen, verliert wieder einmal seine
Bodenständigkeit. Vielleicht daß der Letzte dieses Geschlechtes sich
auf einem anderen Feld tüchtiger erweist. Und -- lach nicht -- ich habe
mir einen Vorbehalt ausbedungen, das Recht, in einem Zeitraum von fünf
Jahren dieses Stück Erde mit angemessenem Aufschlage für stattgehabte
Meliorationen zurückzukaufen. Das klingt heute in meiner Lage sehr
vermessen, aber ich habe ein Ziel und einen Ansporn. Und es tut zu
wehe, hier von allem und für immer scheiden zu müssen.
Also meine Heimat will ich mir wiedererobern in fünf Jahren Arbeit, der
weiße Wappenvogel meines Geschlechts, der Falke, der nach einer alten
Familiensage einst über den Bergen Thüringens flog, soll in gemessener
Frist den Platz wiederfinden, an dem er vierhundert Jahre lang und
noch etliche mehr gehorstet hat. Und ich fühle, es wird mir gelingen.
Arbeiten will ich von früh bis spät, aber ich weiß es gewiß, es wird
auch ein Quentchen Glück dabei sein. Besinnst Du Dich noch auf das alte
Märchen, das ich Dir erzählte, als ich Dir zum ersten Male das Stück
kärglichen Sandbodens zeigte, von dem mir heute der Abschied so schwer
wird? --
Mit Brigitte hab’ ich gesprochen. Sie kommt gern nach Berlin. Was soll
sie anders tun? Wo ich meinen Zeltpfahl einstecke, ist ihre Heimat.
In dem Berufe einer Krankenpflegerin hat sie sich in diesen schweren
Wochen geübt, und er bedeutet für sie keine Entsagung. Ich aber stehe
dabei und schüttle manchmal den Kopf, wenn ich denke, das soll der
letzte Ausgang für ein Mädel sein, das einst mit lachenden Augen ins
Leben sah. Aber ich mag ihr nicht dreinreden, denn ich habe schon
einmal mit ungeschickter Faust in ihr Leben gegriffen. Wir gedenken
eine bescheidene Vierzimmerwohnung zu nehmen -- vielleicht hast Du
die Güte, Dich nach einem passenden Losament mit guter Verbindung zur
Behrenstraße umzusehen -- und morgen geht von hier ein Möbelwagen mit
dem Notwendigsten fort. Altes Gerümpel zum großen Teil, das kaum noch
die Transportkosten verlohnt, und ein paar Bilder, aber man kann sich
dazwischen vielleicht manchmal einbilden, man wäre immer noch zu Hause.
Bei dem Preise der Wohnung bitte ich tausend Mark pro Jahr nicht zu
überschreiten, wir leben vom Kapital und müssen sparsam sein. Nur
etwas Grünes müßte vor den Fenstern sein, damit meiner Schwester der
Uebergang nicht allzu schwer wird.
Auch in Stradaunen war ich in diesen Tagen, weil ich auf dem
Amtsgericht wegen der Auflassung zu tun hatte. Fräulein Trudchen liebt
nach wie vor den jeweilig jüngsten Referendarius, aber ich glaube
nicht, daß sie bei dieser Tätigkeit den gewünschten Erfolg erzielen
wird. Die jungen Juristen heutzutage sind flatterhaften Sinnes,
schwärmen nicht mehr für Chopin und wissen ein gediegenes Herz unter
unscheinbarer Hülle nicht zu schätzen. Ich glaube, sie wird ihre Tage
als Klavierlehrerin beschließen.
Das Grand Hotel steht noch immer, und Herr Popiella läßt Dich in
hochachtungsvoller Erinnerung an die trotz achttägigen Aufenthalts
voll bezahlte Vierteljahrsmiete bestens grüßen. Er hat sich von dem
Sündengeld eine neue Veranda gebaut.
An dem langen Stammtische der Mittagsgesellschaft lauter neue
Gesichter, nur der Herr Provisor thront nach wie vor auf dem
Präsidentensitz als letzte Säule entschwundener Pracht. Das Wiedersehen
war schmerzlich bewegt, und seine erste Frage galt Dir! Du bist
seine glorreichste Erinnerung, und ich glaube, er wartet nur auf das
Hinscheiden des letzten lebenden Augenzeugen -- Herr Popiella ist
stark asthmatisch geworden von seinen ewigen Erwärmungsgrogs, aber
erfreut sich immer noch eines ungetrübten Gedächtnisses -- also Herr
Kellmigkeit wartet auf sein seliges Ende, um seiner Erzählung von dem
mit Dir ausgefochtenen Pistolenduell einen explosiven Schlußeffekt
geben zu dürfen. Ich teilte ihm mit, ich hätte damals zur Verhinderung
jedes blutigen Ausganges die Pistons der beiden Mordinstrumente
feuersicher verstopft, und wir schieden in erheblicher Verstimmung.
Aber ich vermute, nach einigen Jahren wird man Dich schwerverwundet
von dem Schauplatze des Zweikampfes tragen, und nur seinem Edelmute
wird es zu danken sein, daß er seine berühmte Schießfertigkeit nicht
besser ausnützte, Dir die wohlverdiente Todesstrafe erließ. Ich habe
selbst genug Jagdgeschichten erzählt in meinem Leben und glaube ihr
allmähliches Wachstum aus schüchternen Anfängen zu kennen.
Ich bin ins Plaudern geraten, aber ich plaudere gern mit Dir,
Peterlein, und ich meine, die Freundschaften sind nicht immer nach dem
Scheffel Salz zu messen. Vielleicht wirst Du in Deinem ernsthaften
Sinn denken, welche Unbeträchtlichkeiten in so schwerer Stunde! Aber
wenn es ans Abschiednehmen geht, werden die Kleinigkeiten wertvoller
als große Erlebnisse.
Brigitte läßt Dich herzlich grüßen und freut sich, Dich wiederzusehen.
Eben tritt sie in Hut und Mantel an meinen Schreibtisch, um mich
abzuholen. Wir wollen an einen frischen Hügel gehen, unserm Mütterchen
gute Nacht sagen.
In Treue Dein Freund
Heino.“
Diesen Brief teilte Peter in bereits stark zerlesenem Zustande seinem
Oheim mit, damit er sich daraus vielleicht ein besseres Bild seines
künftigen Privatsekretärs entnähme als aus langatmigen Schilderungen.
Aber der Erfolg entsprach eigentlich nicht recht seinen Erwartungen.
Der alte Herr las zwar aufmerksam und lange, am Schlusse jedoch sagte
er nichts weiter als:
„Du hast mich recht neugierig gemacht. Ein sehr sympathischer junger
Mann, dem es anscheinend mit seinen Vorsätzen ernst ist, und ich liebe
die Draufgänger, die an sich und ihren Stern glauben. Ob er aber ein
tüchtiger Geschäftsmann wird, darüber wollen wir uns nach einem Jahre
sprechen!“
Danach begab sich Peter auf die Wohnungssuche, lief treppauf und
treppab, und wenn er sich prüfend in den Räumen umsah, zog er einen
Brief aus der Tasche, anscheinend um nachzusehen, ob das Gelaß auch den
gestellten Anforderungen entspräche. In Wirklichkeit war es ihm nur um
zwei Zeilen zu tun, die er schier tausendmal wohl schon gelesen hatte,
ohne sich an ihnen satt sehen zu können: „Brigitte läßt Dich herzlich
grüßen und freut sich, Dich wiederzusehen.“ Sie freute sich darauf, ihn
wiederzusehen, also hatte sie doch seiner zuweilen gedacht, die blonde
Brigitte! ...
Und nichts war ihm gut genug, was er prüfte, als er aber endlich zu
dem vorgeschriebenen Preise eine leidlich passende Wohnung gefunden
hatte, weit draußen am Charlottenburger Bahnhofe mit dem Blicke auf
buschbepflanzte Rasenböschungen, ließ er eine Wagenladung frischer
Blumen in die Zimmer schleppen, um ihr im Augenblicke der Ankunft
wenigstens einen Ersatz für die kümmerliche Aussicht zu bieten. Und
unter Hangen und Bangen kam die Stunde heran, in der er sich endlich,
viel zu spät für seine zehrende Ungeduld, an den Bahnhof begeben
durfte.
Der Zug fuhr donnernd und dröhnend in die hohe Halle, er stand mit
einem Blumenstrauß in der Hand auf dem Bahnsteig, und das Herz schlug
ihm bis in den Hals vor banger und freudiger Erwartung. Ein langer Arm
winkte aus einem offenen Fenster. „Halloh, Peter, hier sind wir,“ aber
der Wagen rollte weiter, er mußte sich erst durch eine drängende Menge
mühsam den Weg bahnen, um an den richtigen Platz zu gelangen. Und da
kam er um einiges zu spät, die Geschwister waren schon ausgestiegen,
und die Begrüßung verlief nüchterner, als er sich’s erhofft hatte. Der
lange Heino umarmte ihn herzlich, Fräulein Brigitte jedoch hatte ein
Gepäckstück im Coupé zurückgelassen, das sich hinterher zwar schon
im Besitze des Trägers wiederfand, immerhin aber einige Aufregung
verursachte. Und Peter vermehrte noch ihre Beschwerden, denn der mit
einigen stotternden Worten überreichte Blumenstrauß war neben einigen
Schirmen, einem Täschchen und vielerlei kleinen Paketen nur schwer
unterzubringen.
Da streckte sie ihm bloß einen Finger entgegen im schwarzen Handschuh,
„ich danke *sehr*, lieber Herr Brenitz,“ und der Augenblick, dem er mit
Herzklopfen entgegengesehen hatte, war vorüber. Rührend sah sie aus in
ihrem schwarzen Trauerkleidchen, wie eine holdselige Verkörperung allen
Schmerzes, aber es verletzte ihn tief, daß sie in diesem feierlichen
Momente keine andere Sorge kannte als die Wiedererlangung eines
wertlosen Gepäckstückes.
In befangener Stimmung wurde die Fahrt nach dem Hotel zurückgelegt.
Die Geschwister begaben sich nach oben, und Peter wunderte sich nicht
weiter, als nach einiger Zeit Heino allein wieder herunterkam und die
Schwester entschuldigte, sie wäre von der langen Fahrt zu müde. Da
empfahl er sich nach einigen belanglosen Reden und ging still nach
Hause. Schalt unterwegs sich einen Toren, der in dem Wirrwarr einer
Ankunft nach anstrengender Reise Unmögliches erwartet hatte. Eines aber
blieb trotz aller Beschönigungsversuche haften: Um eine kleine Spur
herzlicher hätte die blonde Brigitte ihn wohl begrüßen dürfen, wenn
es ihr ähnlich zumute war wie ihm! Und auf allerhand leise Wünsche,
die in diesen Tagen des Wartens emporgerankt waren, fiel jählings ein
erkältender Reif ...
* * * * *
Heino von Bergkem stand in dem kleinen altmodisch eingerichteten
Privatkontor in der Behrenstraße, und die erste Musterung war zu
gegenseitigem Wohlgefallen ausgegangen. „Bitte, nehmen Sie Platz, Herr
Baron,“ hatte der kleine Handelsherr gesagt, und der lange Abkömmling
eines alten Rittergeschlechtes erwiderte in geziemender Haltung:
„Bitte, nur Bergkem, Herr Geheimrat. Ein Lehrling steht vor Ihnen,
der zuweilen wohl einen groben Rüffel verdienen wird, und da wäre der
Freiherrntitel vielleicht ein gänzlich unangebrachtes Hindernis.“
„So, so,“ sagte der alte Herr Geheimrat und ein Strahl von Wohlwollen
blitzte in seinen klugen Augen auf. „Das ist ja sehr nett von Ihnen,
aber Sie irren sich. Der Freiherrntitel würde mich durchaus nicht
stören, falls ich Veranlassung hätte, mit Ihnen grob zu werden. Wollen
beide hoffen, daß es nicht nötig sein wird! Na, und nun schießen Sie
mal los, Herr Baron, wie haben Sie sich eigentlich Ihre Stellung in
meinem Hause gedacht?“
Heino hob die Achseln.
„Keinen Schimmer, Herr Geheimrat. Ich will lernen und arbeiten. Ob ich
Ihnen irgendwie nützlich sein kann, wird sozusagen der Sektionsbefund
ergeben. Meine Freunde rühmen meinen gesunden Menschenverstand, daneben
verfüge ich noch von meinem vergeblichen Jurastudium her über einige
Kenntnisse im Handelsrecht, aber ich weiß nicht, ob das reichen wird.“
„Hm,“ sagte der Herr Geheimrat wohlwollend, denn der Lange in seinem
herzhaft-unbekümmerten Wesen gefiel ihm mehr und mehr. „Für einen
intelligenten Menschen sind die technischen Kniffe unseres Handwerks
ein Kinderspiel, mancher freilich lernt sie nie. Einem andern aber
fliegen sie zu, wenn er sechsmal durch ein ordentlich geführtes Bureau
geht. Aber das ist nicht das Wesentliche. Ich habe da zum Beispiel in
meinem Kontor einen Buchhalter, der sieht ’ne ellenlange Zahlenreihe
bloß an, schreibt ohne Rechnen die Summe unter den Strich. Ich irr’
mich dreimal, wenn ich bei ’ner Bridgepartie -- Sie können doch
hoffentlich Bridge? -- das Resultat ausrechnen soll, aber dennoch
bilde ich mir ein, ein leidlicher Bankier zu sein, und würde mich
immerhin bedanken, das Additionsphänomen von einem Buchhalter zu Rate
zu ziehen, wenn sich’s um eine neue argentinische Anleihe handelt. Also
ich werde Sie sechs Wochen unter meinen alten Markuse stecken, damit
Sie lernen, ‚Geld‘ von ‚Brief‘ zu unterscheiden, die übrige Erziehung
soll meine Sorge sein.“
Und ein wenig ernster fuhr er fort: „Herr von Bergkem, ich fange
an, alt zu werden und sehne mich nach einem, der mir die schwere
Last der Geschäfte ein wenig erleichtert. Der dazu am nächsten wäre,
geht anderen Zielen nach, und die übrigen aus der entfernteren
Verwandtschaft, die sich dazu drängen, mag ich nicht. Kaum daß sie
recht auf allen Vieren kriechen können, fangen sie mit den hier
aufgeschnappten Tips auf eigene Faust zu spekulieren an. Ich möchte
einen haben, dem ich glauben könnte wie mir selbst, seine Brust müßte
wie ein Grab sein. Ich will Ihnen vertrauen, denn mein Neffe empfiehlt
Sie. Ehe Sie aber einschlagen, bedenken Sie sich noch einmal. Die
Enttäuschung könnte mich nicht nur Geld kosten -- das läßt sich
verschmerzen -- sondern vielleicht noch einiges mehr. Und dazu bin ich
zu alt, das möchte ich nicht mehr erleben.“
Heino sah den alten Herrn voll an.
„Herr Geheimrat, was soll ich Ihnen darauf erwidern? Ich habe manchen
dummen Streich gemacht in meinem Leben, aber keinen schlechten,
und noch nie hat ein Bergkem die Treue gebrochen. Ich will mich
ehrlich zu Ihnen halten, und mein Wort muß Ihnen genug sein. Andere
Bekräftigungsmittel habe ich nicht. Wenn’s Ihnen also recht ist,
schlagen Sie ein!“
Und er streckte dem kleinen, gewaltigen Handelsherrn in ehrfürchtiger
Haltung die Hand entgegen. Der Geheimrat Brenitz aber ergriff die
gebotene Hand, schüttelte sie herzlich, und in seinen Augenwinkeln
schimmerte es feucht. Die Gesinnung war lobenswert, und wenn die
Leistungen sich auf der gleichen Höhe hielten, konnte er vielleicht auf
seine späten Tage einen Lehrling finden, bei dem das Unterrichten eine
Freude war ...
Er wandte sich zum Fenster, sah eine Weile lang in Gedanken durch das
schwere Eisengitter des Erdgeschosses hinaus und sagte schließlich:
„Es ist da noch ein Punkt zwischen uns zu erörtern. Aus den Erzählungen
meines Neffen weiß ich nämlich, Sie haben sich durch das Spiel in
schwere Ungelegenheiten gebracht, und ich möchte Ihnen meine Meinung
darüber nicht verhehlen. Ein großer Teil dessen, was wir heut’ in
unserem Geschäfte treiben, ist auch nichts anderes als Spiel, nur daß
wir uns einbilden, wir könnten die Chancen besser berechnen als bei
den Karten. Und ich sage, wer nicht ein wenig Spielerblut in den Adern
hat, ist auch kein rechter Bänker. Nur muß man immer den klaren Kopf
oben behalten, genau wissen, wie weit man zu gehen hat. Das haben Sie
anscheinend eine Zeitlang vergessen und sich in schwere Ungelegenheiten
gebracht. Das ist doch aber nicht der Zweck dabei, denn das Spiel soll
doch immer ein Vergnügen bleiben. Wenn Sie mir also versprechen, in
dieser Hinsicht vorsichtiger zu werden, bin ich zufrieden.“
„Ich verspreche es,“ sagte Heino und atmete erleichtert auf. Nicht ohne
Herzklopfen war er zu diesem Examen hingegangen, aber der Gewaltige
des Bankhauses Samuel Brenitz sel. Witwe Söhne erwies sich als ein
wohlwollender Prüfer, dem nichts Menschliches fremd war ...
„Na schön,“ erwiderte der alte Herr Geheimrat, „und haben Sie heute
vormittag noch was Besonderes vor? Nicht? ... Na, um so besser, dann
können wir gleich anfangen. Da drüben ist Papier, Feder und Tinte,
bitte, schreiben Sie. Es handelt sich nämlich um ein Projekt, bei
dessen Finanzierung unter Umständen ein großer Nutzen abfallen kann.
Also oben drüber: „Streng vertraulich“. Und dann die Adresse: „Herrn
Salomon Eisenberg in Chrzánow, Galizien. Im Besitze Ihres Geehrten
vom 17. ds. betreffend Vorkommen von Petroleumquellen auf den Gütern
des Herrn Grafen von Chelminski auf Chelmien, bin ich auf Grund der
beigefügten Gutachten von Sachverständigen nicht abgeneigt, der
Angelegenheit näher zu treten. Eventuell wäre ich bereit, in nächster
Zeit persönlich dorthin zu kommen, um mich an Ort und Stelle näher zu
informieren“ ...
„Verzeihung, Herr Geheimrat,“ sagte Heino und hielt im Schreiben
inne, „würden Sie vielleicht die Güte haben, mich auf diese Exkursion
mitzunehmen?“
„Mit Vergnügen, aber Sie müßten vorher ‚Franzefuß‘ lernen, denn Bridge
en deux ist für zwölf Stunden Bahnfahrt zu langweilig. Und glauben Sie,
daß Sie mir da unten irgendwie von Nutzen sein könnten?“
„Vielleicht, Herr Geheimrat. Ich verstehe Polnisch und kenne etwas
Aehnliches aus meiner Heimat her. Ein spekulativer Bauer, der seine
Klitsche loswerden wollte, schüttete ein Dutzend Zentner Steinsalz
in den Brunnen, zog auch einen Sachverständigen hinzu, der ihm
bescheinigte, daß das Wasser stark salzhaltig wäre, und fand danach
richtig einen Dummen, der ihm das Grundstück weit über den landläufigen
Preis bezahlte. Ob er auch außerhalb des Brunnens Salz gefunden hat,
weiß ich nicht. Vielleicht noch ein bißchen in der Speisekammer, aber
nach dem Gutachten des Sachverständigen hatte er wohl mehr erwartet.“
„Nicht übel,“ meinte der alte Herr und sah seinen eben engagierten
Geheimsekretär mit neuen Augen an. „Mir erschien bei der Sache
auch noch nicht alles richtig, denn Chrzánow liegt von dem
eigentlichen Petroleumdistrikt Galiziens ziemlich weit entfernt, die
Sachverständigen aber erklärten das plötzliche Vorkommen von Oel mit
einem unterirdischen Durchbruch. Na, dann wollen wir Herrn Salomon
Eisenberg ein wenig anders schreiben. Wenn’s nicht stimmt, wird er
schon schreien.“
Und mit einem Schmunzeln um den bartlosen Mund fing er wieder an zu
diktieren: „näher zu informieren, aber ich würde mir gestatten, auch
meinerseits einen Sachverständigen mitzubringen, der ... der ... na,
nun machen Sie mal einen guten Witz, Herr Baron! Je niederträchtiger,
desto besser.“
„Hm,“ sagte Heino eifrig, denn das versprach ein Brief nach
seinem Herzen zu werden, „man könnte vielleicht so sagen: Einen
Sachverständigen mitzubringen, der in unterirdischen Durchbrüchen
eine große Erfahrung besitzt. Es wird ihm bei näherer Prüfung der
geologischen Formation ein leichtes sein festzustellen, wohin der
Ihrerseits angenommene Durchbruch führt, ob nach dem galizischen
Oelgebiet oder nach einem mehr in der Nähe befindlichen Lager, das
sich jedoch ebenfalls mühelos ermitteln lassen wird, wenn man aus der
Topographie von Chrzánow die dortigen Petroleumhandlungen kennt.“
Der Geheimrat lachte laut auf.
„Ausgezeichnet, und ich sehe, wir werden uns verstehen. Nun nichts
weiter als eine recht höfliche Schlußwendung ... Ihrer sehr geschätzten
Rückäußerung gern entgegensehend, zeichne mit vorzüglicher Hochachtung
... Was gibt’s?“ unterbrach er sich selbst und hob den Kopf, denn der
Bureaudiener war mit einem diskreten Räuspern in der Tür erschienen.
„Herr Geheimrat, die gnädige Frau sind draußen und wünschen den Herrn
Geheimrat zu sprechen.“
„Bedaure, ich bin sehr beschäftigt.“
„Die gnädige Frau haben aber gesagt, es wäre sehr dringend.“
Der alte Herr seufzte leicht auf.
„Also ich lasse bitten!“
Heino hatte sich erhoben, ging ein wenig zur Seite und sah eine Dame
das Allerheiligste des Privatkontors betreten, die ihm merkwürdig
bekannt vorkam, ohne daß er sich im Augenblick zu entsinnen vermochte,
wo und wann er sie getroffen hatte.
Sie mochte kaum älter als fünfundvierzig Jahre sein, sah noch immer
auffallend hübsch aus und trug einen kostbaren Zobelpelz, der Heino
ebenfalls sehr bekannt vorkam. Und mit einem Male wußte er, wen er
vor sich hatte. Da trat er noch ein paar Schritte zurück, bis er im
Schatten der breiten Fenstervorhänge leidliche Deckung fand, denn
er wollte eine, womöglich dramatisch bewegte Wiedererkennungsszene
vermeiden, ehe er dem alten Herrn nicht mit ein paar Worten erklärt
hatte, daß er unwissentlich seiner Gattin in einem unangenehmen
Abenteuer Beistand geleistet hatte.
Der Frau Geheimrätin folgten zwei jüngere Damen auf dem Fuße, offenbar
die beiden Töchter. Die Kleinere blond und mit einem nichtssagenden,
gutmütigen Gesichte, die Größere aber brünett, eine schlanke, biegsame
Figur mit einem geradezu frappierend schönen Kopfe. Ein zierliches
Näschen über einem vollen roten Munde, große dunkle Augen mit schweren
Wimpern und über einer hohen weißen Stirn bläulich-schwarz schimmerndes
Haar.
Das Reizvollste aber dünkte Heino ein Zug leiser Schwermut, der sich
über das herrliche Gesicht breitete, und unwillkürlich sog er das Bild
mit durstigen Augen ein. Gleich danach aber flog ihm ein lustiger
Gedanke durch den Kopf, und er mußte wieder lächeln. Ja, wenn die
Schwarze da mit in dem Auto gesessen hätte, wäre er wohl kaum von
dannen gegangen, ohne auf der Stelle gebührenden Dank zu heischen! ...
Die Frau Geheimrätin war ohne Begrüßung nähergetreten.
„Sag’ mal, Brenitz, was soll das eigentlich bedeuten? Ich vergehe fast
vor Aufregung, und Du gibst mir keine Nachricht? Eben telephoniert mir
Dein Chauffeur, schon vor einer Stunde hätte er „ihn“ hier hineingehen
sehen, und Du rufst mich nicht an?“
„Entschuldige, liebe Ada,“ erwiderte der alte Herr etwas kleinlaut,
„aber ich habe keine Ahnung, was Du meinst!“
„Geh, verstell Dich doch nicht, Du weißt es sehr gut. Den heldenmütigen
jungen Mann, der uns vor vierzehn Tagen im Tiergarten“ ...
Die Frau Geheimrätin brach ab, denn plötzlich bemerkte sie, daß noch
jemand außer ihrem Gatten im Zimmer war. Und Heino trat hervor, machte
seine korrekteste Verneigung.
„Verzeihung, gnädigste Frau, wenn ich jetzt erst nachhole, was
vielleicht früher meine Pflicht gewesen wäre. Ich heiße Heino Bergkem,
muß aber zu meiner Schande gestehen, es war mir bisher unbekannt, daß
man hierzulande sich vorstellen muß, wenn man einer Dame einen zufällig
aus der Hand geglittenen Schirm aufhebt. Mehr war’s wirklich nicht
wert, was ich damals im Tiergarten für Sie tun durfte.“
Die Frau Geheimrätin stand ein wenig perplex da, der alte Herr
aber schmunzelte. Im ersten Augenblicke, als der Herr von Bergkem
so plötzlich, wie auf Verabredung hervortrat, war er mißtrauisch
geworden, denn er kannte seine Gattin und wußte aus Erfahrung, daß
sie in abgekarteten Intrigenspielen groß war. Gleich danach aber sah
er, daß es diesmal ehrlich zuging, denn die „geborene Guggenheimer“
machte *wirklich* ein verlegenes Gesicht. Und deutlich las er darauf
die Enttäuschung, die sie bei dem anscheinend bürgerlichen Namen des
„Lebensretters“ empfand.
Nun aber konnte es sich der Geheimrat nicht mehr versagen, ihr einen
kleinen Hieb zu versetzen.
„Siehst Du, Ada, was habe ich Dir gesagt? Der Herr Baron macht sich
nichts aus Deinen Danksagungen! Und jetzt gestatte, daß ich richtig
vorstelle: Meine Frau nebst Töchtern -- Herr Edler und Freier Herr
von Bergkem-Przygorowski aus dem Hause Bergheim. Seit heute vormittag
aber Angehöriger des Hauses Brenitz. Wir wollen hoffen, daß es beiden
Häusern zum Segen gereicht.“
Schon bei dem Worte Baron hatte die Frau Geheimrätin den Kopf gehoben,
jetzt ging sie mit ausgestreckten Händen auf Heino zu.
„Welch eine freudige Nachricht, Herr Baron! Und lassen Sie sich endlich
von Herzen Dank sagen für Ihre ritterliche Tat. Ihnen erscheint’s
vielleicht wenig, hundert Räuber in die Flucht zu schlagen, wir aber
verzagten schon an unserem Leben, und danach geht’s doch, nicht wahr?“
So sprach sie geläufig fort und fort, schloß mit einer dringlichen
Einladung zum Mittagessen am selben Tage, und Heino konnte trotz aller
Zurückhaltung nicht ablehnen, denn auf eine kurz zuvor gestellte
geschickte Frage, ob er heute noch etwas Besonderes vorhätte, hatte er
harmlos mit nein geantwortet.
Der alte Herr aber stand als stiller Beobachter dabei, und plötzlich
fiel es ihm ein, daß er mit seinem neuen Geheimsekretär in leicht
gerührter Stimmung über alles mögliche gesprochen hatte, nur nicht
über die doch eigentlich recht naheliegende Gehaltsfrage. Bei dem
stillen Beobachten jedoch fiel ihm ein Blick auf, mit dem der Herr von
Bergkem bewundernd die schlanke Gestalt seiner ältesten Tochter Ilse
umfaßte. Da seufzte er leicht auf, denn er glaubte zu wissen, daß diese
Gehaltsfrage in absehbarer Zeit in anderer Weise geregelt werden würde
...
Die Damen empfahlen sich, der Herr Geheimrat gab ihnen das Geleit. Und
während seine Gattin mit der Aelteren schon das Auto bestieg, schlang
die Jüngere ihm im leeren Hausflur den Arm um den Hals, preßte ihr
heißes Gesicht an seine Wange:
„Sag’, Pappi, sieht er nicht wirklich aus wie ein Held?“
Da streichelte er ihr leise den blonden Kopf, und das Herz zog sich ihm
zusammen:
„Geh, mein kleines Schlemihlchen, geh! Und schluck’s ’runter! Dieser
‚Held‘ hat Dich wohl gerettet, aber den Dank wird er sich wo anders
holen. Du und noch einer, der mir nahesteht, Ihr seid von der Sorte,
die zusehen müssen, wenn die anderen sich zu Tisch setzen. Also da
muß man sich beizeiten zusammennehmen, ein lustiges Gesicht machen
und immer sagen: dank schön, ich bin satt, habe schon gegessen! Das
tut manchmal sehr weh, aber was ist wohl besser? Sich bemitleiden,
womöglich gar auslachen lassen, oder den Kopf hochtragen und sich ein
Ansehen geben, als hätte man niemals auf die gedeckte Tafel der anderen
einen begehrlichen Blick geworfen?“
So tröstete er mit sanftem Streicheln an seinem Töchterlein herum, bis
es sich mit einem leichten Aufschluchzen seinem haltenden Arm entwand:
„Ich will’s versuchen, Pappi!“ ...
Als der alte Herr in sein Privatkontor zurückkehrte, stand sein neuer
Geheimsekretär am vergitterten Fenster, verneigte sich höflich und sah
mit leuchtenden Augen dem davonfahrenden Auto nach. Da lächelte er
freundlich, denn all diese Geschehnisse der letzten Minuten schienen
ihm wie die Vorherbestimmung eines freundlichen Schicksals. „Herr von
Bergkem, meine Stunde ist gekommen, in der ich in meinem Klub die mir
unbedingt notwendige Partie Bridge spielen muß. Begleiten Sie mich und
sehen Sie zu, Sie können auch dabei von mir etwas lernen. Außerdem aber
beabsichtige ich, Sie mit ein paar älteren Herren bekannt zu machen, an
deren Urteil mir ziemlich viel liegt, und bei denen ich Ihnen gleich
von vornherein eine zukömmliche Stellung anweisen möchte.“
Da sprang Heino eifrig zu und half seinem Chef, der ihm in einer
knappen Stunde aus einem Fremden ein gütiger Freund geworden war, in
den Pelz. Draußen hatte sich der launische Apriltag eine finstere Wolke
vorgezogen, die Regen und Hagel auf die Straßen stäubte. Ihm aber war
zumute, als lachte die helle Sonne über Giebeln und Dächern, und eben
dehnte sich vor ihm ein klarer Pfad, der nach allem Kummer und Ungemach
in eine glückliche Zukunft führte.
Und unwillkürlich fiel es ihm ein: war es nicht ganz wie in dem alten
Märchen? Der Bruder Leichtfuß brauchte nur herzhaft und lachend darauf
loszugehen, um sich das Glück und die verzauberte Prinzessin zu
gewinnen?! ...
* * * * *
Es ging auf den Mai, und die beiden Geschwister Bergkem hatten sich
längst schon in der Charlottenburger Wohnung mit den aus der alten
Heimat stammenden Möbeln behaglich eingerichtet. Peter Brenitz aber
war ihr allabendlicher Stammgast, saß mit ihnen von neun bis halb elf
um den runden Tisch unter der freundlichen Hängelampe, hörte zu, wie
sie von ihrem Tagewerke plauderten, und wünschte sich nichts Besseres.
Seine kühnen Hoffnungen hatte er an dem Tage begraben, als er mit
dem kostbaren Blumenstrauße in der Hand auf dem Bahnsteige stand und
die blonde Brigitte seiner so wenig achtete, daß ihr ein verloren
gegangenes Gepäckstück wichtiger erschien als seine Begrüßung.
Und je mehr er darüber grübelte, desto klarer entschleierte sich ihm,
wie alles gekommen sein mochte in der Zeit, nachdem er Brigitte nicht
wiedergesehen hatte. Als einzige unbestreitbare Tatsache stand fest,
daß sie ihrem Verlobten trotz aller Vorteile, die ihr aus dieser
Verbindung winkten, den Abschied gegeben hatte. Aber wie unziemliche
Selbstüberhebung kam es ihm vor, seine Person mit diesem Entschlusse in
eine irgendwie geartete Verbindung zu bringen. Was war er denn in dem
Leben dieses jungen Mädchens? Eine flüchtige Bekanntschaft von zwei
kurzen Tagen ...
So disputierte er fast allnächtlich mit seiner Leidenschaft, nahm sich
hundertmal vor, von nun an die Besuche in Charlottenburg aufzugeben,
weil sie doch zu keinem Ergebnis führen könnten. Wenn es aber auf den
Abend ging, saß er wieder an dem runden Tische unter der freundlichen
Hängelampe und wünschte sich nichts Besseres! Denn zuweilen ging es
recht lustig zu, so lustig, daß auch die blonde Brigitte mitlachte. Der
lange Heino erzählte irgendeinen Scherz, den er in seinem neuen Berufe
an der Börse gehört hatte, machte dem alten Prokuristen Markuse im
Hause Brenitz nach, wie er schnupfte und mit der Nase schnüffelte, oder
kopierte -- frei nach den Fliegenden Blättern -- den unglückseligen
Lehrling, um den das gesamte Personal der Firma ratlos stand, weil
er wegen allzuweit abstehender Ohren den Federhalter nicht an die
vorschriftsmäßige Stelle stecken konnte.
Dann lachte auch Brigitte, obwohl sie sonst meistens schweigend am
Tische saß, müde von der anstrengenden Tätigkeit, die sie tagsüber in
Anspruch nahm.
Und es kam ein Abend, an dem auch sie lebhaft wurde, mit einem Male
aus ihrem Berufe zu erzählen anfing, obwohl das geschilderte Ereignis
eigentlich nichts Besonderes an sich hatte. Ein junger Reiteroffizier
war auf der Rennbahn gestürzt -- Peter hatte den Bericht schon in
der Zeitung gelesen -- man hatte ihn bewußtlos in die Abteilung der
Klinik gebracht, in der sie ihre Lehrlingszeit durchmachte, und selbst
der Herr Geheime Medizinalrat fürchtete für sein Leben. Am nächsten
Abend aber lautete der Bericht schon viel hoffnungsvoller. Der junge
Husar war für ein paar Augenblicke zu Bewußtsein gekommen, hatte
seine hingebende Pflegerin, die unablässig die kühlenden Umschläge
erneuerte, dankbar angelächelt. Und eifrig erörterte sie den ganzen
Fall, schilderte die Besorgnis der Eltern, die vom Rheine her an das
Lager ihres einzigen Sohnes geeilt waren, sprach und sprach von dem,
was ihr Fühlen und Denken erfüllte. Peter aber saß dabei und hörte
aufmerksam zu. Im Innersten seines Herzens jedoch wußte er, das war der
letzte Abend, den er hier am runden Tische mit der blonden Brigitte
verbrachte.
Oder sollte er vielleicht zum zweiten Male mit ansehen, wie eine
grobe Faust ihm in die Brust nach dem Herzen langte und preßte und
preßte, bis der letzte Blutstropfen entwichen war?! ... Er nahm sich
zusammen bis zu der üblichen Zeit, zu der er schicklicherweise und ohne
aufzufallen sich auf den Heimweg begeben konnte. Da küßte er Fräulein
Brigitte wie immer die Hand und wünschte ihr eine gute Nacht nach all
den gehabten Aufregungen. Seine Stimme klang ruhig wie sonst.
Der lange Heino geleitete ihn die Treppe hinab, unten im Flur
schüttelte er ihm die Hand. Sie verstanden sich ohne viel Worte.
„Tut’s sehr weh, kleines Brüderchen?“
Peter griff nach seinem Klemmer, tupfte dabei unauffällig über die
Augenwinkel, in denen sich ein paar dumme, dicke Tränen bilden wollten:
„Nicht mehr so arg wie beim erstenmal! Und es geschieht mir recht. Ich
saß an der Grenze des Königreiches, grübelte und grübelte über dem
Rätsel, indessen schwang sich ein anderer mit leichterem Fuß über den
Graben!“ Und mit einem wehen Lächeln fügte er hinzu: „Wenn ich so klug
gewesen wäre wie heute, hätte ich vor vier Wochen mich überfahren
lassen. Vielleicht daß ich dann dem ... dem andern zuvorgekommen wäre!“
Der Schmerz übermannte ihn, er schluchzte laut auf und lehnte für einen
Augenblick den Kopf gegen die Brust des Freundes. Heino aber schlang
ihm den langen Arm um den Hals und sah besorgt zu ihm hernieder.
„Der Deuwel kennt sich in diesen kleinen Frauenzimmern aus! Manchmal
in diesen Wochen hatte ich die stille Hoffnung, sie würde sich wieder
zu Dir neigen, wie schon einmal, und da muß dieser kleine Husar sich
unversehens dazwischen drängen! Aber sag’, armer Kerl, soll ich diese
Nacht nicht lieber mit Dir zusammenbleiben? Meiner Schwester rede ich
leicht was ein, damit sie keinen Argwohn schöpft.“
Da richtete Peter Brenitz sich auf und warf den Kopf in den Nacken
zurück.
„Arm, sagst Du? Einen ganzen geschlagenen Tag damals bin ich glücklich
gewesen! Reicht das nicht aus für ein kurzes Menschenleben?! Und Du,
Heino von Bergkem, sagst mir, Du hättest mich, den Juden Brenitz, gern
in Deinem Hause aufgenommen. Hab Dank dafür, dieses Wort war mir eine
Wohltat. Es zeigt mir, daß der auf dem richtigen Wege war, der meine
Schritte ins Leben lenkte!“
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß, er trat aufrechten Hauptes in die
stille Straße hinaus. Weit drüben, auf der Zinne des grünen Bahndammes,
fuhr ein hell erleuchteter Zug irgendwohin in die Ferne .... Die
Maschine ächzte und stöhnte, spie feurige Wolken empor, gegen den
nachtdunkeln Himmel nahmen sie sich wie Zeichen der Morgenröte aus. Und
Peter Brenitz sah hoffnungsfrohen Auges das kommende Deutsche Reich,
das Reich, in dem es weder Hader, noch Haß, noch Zwietracht gab. -- --
[Illustration]