Der Mutter graute. Sie konnte das Kind nicht verstehen, und war im
tiefsten Herzen gekränkt durch seine Antwort. Aber weiter mit ihm zu
reden war nicht möglich; denn unter der Türe erschien die Magd,
schreckensbleich mit verweinten Augen: "Der Knecht sagt, wir müssen
eilen, daß wir fortkommen, der Herr hat's ihm noch zugerufen. Unser
armer, armer Herr, sie haben ihn fortgeführt! Auf einem Russenpferd,
mitten unter den Feinden ganz allein! Und er hat sich noch so tapfer
umgeschaut, so todesmutig ist er davon geritten! Der arme Herr, was
werden sie mit ihm tun?"
Helene hatte auf den Lippen zu sagen: "Es geschieht ihm nichts, morgen
wird er uns nachkommen;" aber sie unterdrückte die Worte. Die Leute
durften nicht wissen, daß der Herr sich bereit erklärt hatte, mit den
Feinden zu gehen. Schwer fiel ihr auf die Seele: Kein Deutscher durfte
das je erfahren. Es war ja Verrat, was ihr Mann beging. Ihr zuliebe tat
er's; nicht aus Angst ums eigene Leben, der tapfere, treue Mann! Wie
wollte sie ihm das danken ihr Leben lang!
Die Magd mahnte noch einmal zur Eile. "Was ist noch aufzuladen?" Hastig
griff Helene nach diesem und jenem, beladen eilte die Magd die Treppe
hinunter, rief Gebhard zur Hilfe; wie im Traum nahm er, was ihm
hingereicht wurde. Die Mutter aber suchte in Eile nach einem Blatt
Papier, sie mußte ihm noch ein Wort schreiben, das sollte er finden,
wenn er in sein verödetes Haus zurückkäme, mit einer schweren Last auf
dem Gewissen, einer Last, die er ihr zuliebe durchs ganze Leben tragen
mußte. In fliegender Eile schrieb sie mit zitternder Hand: "Komm bald zu
mir, herzliebster Schatz, hab tausendmal Dank, daß Du uns das Leben
gerettet hast!" Mitten auf den Tisch legte sie das Blatt, dann noch
daneben, was ihn stärken sollte, Brot und eine Flasche Wein. Wieder kam
die Magd unter die Türe: "Jetzt ist angespannt."
"Ich komme!" Sie nahm ihr Kindchen, das liebevoll eingehüllte. Die Magd
bemerkte Brot und Wein, wollte beides mitnehmen. Helene ließ sie nicht
an den Tisch. "Das bleibt!" rief sie.
"Kein Wunder, daß die arme, junge Frau ganz verwirrt ist," dachte das
Mädchen.
Im Hof war alles zur Flucht bereit. Die Hunde sprangen um den Wagen. Sie
sollten mitlaufen bis zum Haus des Straßenwärters, meinte der Knecht,
der solle sie aufnehmen. "Aber Leo gebe ich nicht her, den nehme ich
mit!" erklärte Gebhard. Der Knecht machte Einwendungen. Unmöglich sei
das auf der langen Reise, bei den überfüllten Zügen. Ein Unverstand wäre
es. Die Mutter sah ein, daß er recht hatte, aber sie wußte auch, was es
für Gebhard bedeutete, sich von seinem Leo zu trennen. Der Vater hatte
ihm vor Jahresfrist das junge Tier geschenkt; ihm gelehrt, es zu
behandeln; zu einem folgsamen, anhänglichen Kameraden war es
herangewachsen und von seinem kleinen Herrn unzertrennlich gewesen. Auch
jetzt standen sie dicht beisammen, Gebhard und sein Hund, sahen sich an
und das kluge Tier schien zu merken, daß über sein Schicksal entschieden
wurde. Ein ungewohntes, kurzes Bellen gab es von sich.
Die Mutter wandte sich an den Knecht. "Wir wollen es doch versuchen, ob
wir Leo mitnehmen können!"
"O ja, bitte, Mutter!"
Der Wagen setzte sich in Bewegung. Das Töchterlein auf der Mutter Schoß,
weich gebettet, schlief sanft ein. Gebhard saß der Mutter gegenüber. Sie
hielten bald bei dem Straßenwärter, dann ging die Fahrt weiter, der Bahn
zu. Längs der Straße zog sich der Wald hin, aus dem jeden Augenblick die
Feinde auftauchen und die Wehrlosen überfallen konnten. Und in den
Händen dieser Feinde war der geliebte Mann, der treue Vater.
"Gebhard," sagte die Mutter leise, daß es der Knecht auf dem Bock nicht
höre, "Gebhard, du hast doch auch gehört, daß der russische Offizier
gesagt hat: 'auf Offiziersehre.'"
"Ja. Zweimal hat er das gesagt."
"Solch ein Schwur wird doch sicher auch im Krieg gehalten," sagte Helene
und fügte bei: "Also kommt der Vater sicher morgen oder spätestens
übermorgen. Wenn es nur schon morgen wäre!"
Gebhard wandte sich ab und sagte kein Wort darauf. Mit fest
geschlossenem Mund sah er durchs Fenster.
Die Stille bedrückte die Mutter. Sie redete ihn nach einer Weile wieder
an: "Warum bist du so still, Gebhard? Hast du Angst, daß die Russen aus
dem Wald kommen? Wir sind jetzt schon nahe der Station, hier ist's nicht
mehr so gefährlich."
"Ich habe keine Angst."
"Hast du Heimweh nach dem Forsthof? Nach dem Frieden kommen wir alle
wieder zurück."
Aber Gebhard schwieg und die Mutter sah wohl, daß er kämpfte, die
Tränen zurückzuhalten, die ihm in die Augen kamen.
Sie streckte die Hand nach ihm aus. "Komm, setze dich neben mich,
Gebhard; komm her zu mir, sage mir, was dir so traurig ist. Der Vater
kommt uns doch morgen nach."
Nun kam es unter lautem Schluchzen bebend heraus: "Ich kann mich ja
nicht auf den Vater freuen. Ich kann jetzt doch den Vater nie mehr lieb
haben und habe ihn doch so lieb!"
Helene erschrak in tiefster Seele. Sie selbst war so voll Liebe und
Sehnsucht nach ihrem Mann, sie hatte das innigste Verlangen nach ihm und
Gebhard, sein geliebter Bub, sprach solche Worte!
"Wie darfst du so reden, Gebhard," rief sie erregt, "wo er doch alles
nur uns zuliebe getan hat. Er konnte ja auch gar nicht anders!"
"Doch, Mutter, weißt du nicht mehr? Zuerst hat er ganz fest nein gesagt;
aber dann hast du die Türe aufgemacht und hast gerufen 'rette uns'. Dann
hat dich der Vater angesehen. O hättest du doch die Türe nicht
aufgemacht, dann wäre der Vater kein Verräter!"
Die Mutter erblaßte und ließ seine Hand los. Nach einer kleinen Weile
sagte sie in einem ernsten, fremden Ton: "Wenn der Vater zurückkommt, so
sage so etwas nie zu ihm, sonst machst du ihn ganz unglücklich. Nie
sollst du zu irgend jemand wieder so reden!" Dann wandte sie sich ab und
er fühlte, daß es ihr jetzt lieb wäre, wenn er nicht neben ihr säße,
ging auf seinen ersten Platz zurück und dachte: "Die Mutter kann mich
jetzt nicht mehr lieben und ich kann den Vater nicht mehr lieb haben,
alles, was schön war, ist vorüber." Er saß wieder an seinem
Fensterplatz, Wald war nicht mehr zu sehen, unbekanntes Land, alles,
alles anders.
Eine Stunde darnach langten sie an der Station an, waren bald im ärgsten
Gewühl, hatten aber noch die Hilfe von Knecht und Magd, die erst später
in anderer Richtung abfahren konnten. Am Schalter drängten sich die
Leute. Helene verlangte Karten für sich und Gebhard. "Und eine
Hundekarte."
"Das gibt's jetzt nicht."
"Darf er mit in den Personenwagen?"
"Keine Rede. Wir sind froh, wenn wir die Menschen unterbringen. Weiter!"
Helene wurde von den Nachdrängenden ungeduldig weggeschoben.
Was war nun zu tun mit Leo? Der Knecht tröstete Gebhard, versprach ihm,
den Hund gut unterzubringen. Und Gebhard sah ein, daß es nicht anders
sein konnte; die Reisenden umdrängten Mutter und Kinder, im Strom wurden
sie fortgeschoben, keine Zeit zum Abschiednehmen von den treuen
Dienstboten, auch nicht von dem geliebten Hund. Ein Winseln hörte
Gebhard noch--er wußte, das galt ihm.
Eingepfercht in den Wagen saßen unsere Flüchtlinge, mit Mühe hatten sie
noch Sitzplätze erlangt. Immer mehr Reisende drängten herein. Gebhard
sah durchs Fenster in das Gewühl. Endlich leerte sich der Bahnsteig,
das Zeichen zur Abfahrt wurde gegeben und eben in diesem Augenblick sah
Gebhard plötzlich noch einmal seinen Leo auftauchen. Er hatte sich von
der Hand des Knechts losgerissen, raste auf den Wagen zu, aus dem
Gebhard sah, sprang blitzschnell auf und über alle Hindernisse hinweg
zwischen scheltenden Menschen hindurch bis in das Abteil, wo er sich
sofort unter den Sitz seines kleinen Herrn duckte und so für sich selbst
die Frage löste, ob Hunde mitfahren dürften.
Gebhard war so außer sich vor Freude, daß auch Helene, die zuerst über
den Eindringling erschrocken war, freundlich dem Tier zunickte, das ihr
gegenüber unter dem Sitz ängstlich hervorsah, nicht ganz sicher, ob es
geduldet würde. Allerdings versuchte auch ein Herr Einsprache zu
erheben. "Es gehört sich nicht, daß solch ein großer Hund in den Wagen
genommen wird." Aber ein älterer Mann ergriff Partei für das Tier oder
mehr noch für die Familie.
"Freilich gehört sich's nicht," bemerkte er, "aber es gehört sich auch
nicht, daß so ein junges Frauchen mit dem kleinen Kind flüchten muß. Und
um eine Flucht wird sich's wohl handeln. Nach Vergnügungsreisenden sehen
sie nicht aus. Habe ich's erraten?"
Helene konnte nur gegen Tränen ankämpfend mit unsicherer Stimme bejahen.
"Nun also; dann wird Ihnen auch niemand den Hund absprechen; so ein
treues Tier ist auch ein Schutz."
So blieb der Hund unbeanstandet und bewährte sich auf der Fahrt als
kluges Tier. "Hast du bemerkt, Mutter, wie Leo so schlau ist und sich
still hält, wenn der Schaffner hereinkommt?" fragte Gebhard.
Nein, Helene hatte das nicht beachtet. Sie saß in schwere Gedanken
versunken. Zuerst hatte nur die Sorge sie bedrückt, ob auch gewiß der
geliebte Mann morgen zurückkäme. Allmählich aber legte sich ihr schwer
aufs Herz der Gedanke, daß er wohl zurückkommen könnte, aber mit einer
Schuld auf dem Gewissen, die nie, nie mehr zu tilgen war. Wenn schon
Gebhard diesen Verrat so tief empfand, wieviel mehr sein Vater! Und dazu
hatte _sie_ ihn veranlaßt! Sein ganzes Leben hatte sie verdorben!
Und nun kamen noch andere schwere Überlegungen. Sie konnte sich nicht
entschließen--wie es ihres Mannes Wunsch gewesen--zu seiner Mutter zu
gehen. Diese war eine tapfere aber auch strenge Frau. Helene fühlte
nicht den Mut, ihr zu erzählen, was vorgefallen war, und es kam ihr
unmöglich vor, ihr unter die Augen zu treten. So überlegte sie und
beschloß, bei ihrem Bruder Zuflucht zu suchen. Er und seine Frau hatten
sich schon bei Kriegsausbruch freundlich erboten, Helene mit dem
Töchterchen aufzunehmen. Damals hatte sie sich nicht von ihrem Manne
trennen wollen. Jetzt war es anders. Sie wollte dorthin, aber wohin
würde ihr Mann sich wenden?
In diesen Gedanken hatte Gebhards Frage sie unterbrochen. Nun sah er die
Mutter aufmerksam an und seinem teilnehmenden Blick fiel auf, wie
verändert sie aussah. Sie hatte doch immer so helle Augen gehabt und
einen fröhlichen Mund. Nun waren die Augen trübe und der Mund zuckte wie
von verhaltenem Schmerz. Gebhard dachte an seinen Vater. Wenn der jetzt
erschiene, ja dann würde die Mutter wieder so strahlend aussehen wie
sonst. Gerne hätte er das auch so zustande gebracht wie der Vater, aber
das konnte er nicht; im Gegenteil: daß sie so verändert aussah, war wohl
seine Schuld; seit dem Gespräch im Wagen war sie so still. Er hätte
vielleicht das nicht sagen sollen, was er gesagt hatte. Was konnte er
aber jetzt machen? Lauter fremde Leute saßen herum, man konnte gar
nichts Liebes zu der Mutter sagen. Eine ganze Weile blieb er still und
nachdenklich, aber auf einmal kam ihm, was er suchte. "Mutter, unser
Jüngferlein schläft so sanft, sieh nur, wie rosig ihre Bäckchen sind!"
Die Mutter blickte auf das Kind, streichelte die weichen Bäckchen, aber
dabei füllten sich ihre Augen mit Tränen.
Auch das Jüngferlein konnte die Freude nicht hervorlocken? Ja, dann
wußte Gebhard keinen Rat. Es ging eben nicht ohne den Vater!
Drittes Kapitel.
Im Verlauf der langen, mühseligen Reise erfuhr Gebhard, daß nicht der
Großmutter Haus das Reiseziel sein sollte; in der Mutter Heimat, bei
Onkel und Tante Kurz, sollten sie ihre Zuflucht suchen. Es war eine
Enttäuschung für ihn; die Großmutter kannte und liebte er, die
Verwandten der Mutter waren ihm fremd. Helene suchte ihm Lust zu machen.
"Onkel und Tante haben uns längst eingeladen; sie können uns viel
leichter aufnehmen als die Großmutter; sie haben ein eigenes Landhaus
vor der Stadt, mit einem Garten; du wirst sehen, daß wir's gut bei ihnen
haben."
"Aber wenn der Vater zurückkommt, der wird uns bei der Großmutter
suchen!"
"Wir schreiben der Großmutter, wo wir sind!"
"Kommt dann der Vater zu uns, weiß er, wo das ist?"
"Aber freilich weiß er das, Gebhard. Bei meinem Bruder und seiner Frau
war ja unsere Hochzeit, dort hat mich der Vater geholt, weil ich keine
Eltern mehr habe. Mein Bruder hat mich auch so lieb, weißt du, fast wie
wenn ich sein Kind wäre. Er ist viel älter als ich." Gebhard überlegte.
"Ja, dann kann ich das schon begreifen, daß du zu ihm möchtest."
Seufzend ergab er sich.
Nach manchem unfreiwilligen Aufenthalt und schier unerträglicher Fahrt
kam Helene mit den beiden Kindern am späten Abend an ihrem
Bestimmungsort an. Wohl hatte sie ihr Kommen angekündigt, aber Tag und
Stunde voraus anzugeben, war in dieser Zeit unmöglich. So stand sie nun
in dunkler Nacht, mit den übermüdeten Kindern, mit dem Hund und vielem
Gepäck auf dem Bahnsteig, und wußte nicht, wie sie nun bis in ihres
Bruders Haus kommen sollte. Alles an dem Bahnhof hatte ein anderes
Aussehen als früher. Befremdet sah Helene um sich. Sie hatte nicht
gedacht, daß auch auf dem Bahnhof dieser kleineren Stadt die Kriegszeit
sich so bemerklich machte. An ihr vorbei eilte eine weibliche Gestalt in
großer, weißer Schürze, am Ärmel mit dem Roten Kreuz gezeichnet. Einen
Eimer heißen Tee am Arm ging sie von Wagen zu Wagen und bot den
durchreisenden Soldaten die Labung an. Einer derselben, ein
Landwehrmann, lehnte dankend ab. "Wir haben erst in der vorigen Station
Tee bekommen, aber wenn Sie sich um die junge Frau mit den Kindern da
drüben annehmen wollten, die haben mich schon lang gedauert, sie sind
aus ihrer Heimat vertrieben!"
Die Helferin wandte sich nach der bezeichneten Stelle, sah die hilflose
Gruppe und ging sofort darauf zu. "Reihen Sie noch weiter, kann ich
Ihnen helfen?" frug sie Helene. Aber als sie dicht voreinander standen,
erkannten sich die beiden Frauen. Sie waren einst zusammen in die Schule
gegangen.
"Ich habe dich gar nicht gleich erkannt, Helene; ist das dein Kindchen?
Hast du allein reisen müssen? Dein Mann ist wohl einberufen? Du Ärmste,
du siehst so angegriffen aus. Wirst du nicht abgeholt? Nein? Warte nur
ein klein wenig, ich helfe dir. Sieh, dort ist eine Bank, setzt euch
einstweilen!" Sie eilte wieder an den Zug, da und dort wurde sie
angerufen und um Tee gebeten.
Ein blutjunger Freiwilliger reichte eine Postkarte heraus, bat, man
möchte ihm die Liebe erweisen, sie einzuwerfen, weil seine Mutter sich
gar so sehr um ihn sorge. So war sie voller Tätigkeit, bis der Zug
wieder davon fuhr. Dann aber eilte sie zu der kleinen Gruppe müder
Menschen, die auf sie harrten, und es gelang ihr, einen Wagen für sie
aufzutreiben und sie samt Gepäck und Hund glücklich darin
unterzubringen. "Zu Fabrikant Kurz," lautete die Anweisung für den
Kutscher.
Die Fahrt ging durch dunkle Straßen, denn an den Laternen wurde gespart
in dieser Kriegszeit. Fast Mitternacht war es, bis sie am Haus hielten,
aber doch war ein Fenster noch erleuchtet und wurde bei dem Anfahren des
Wagens geöffnet. "Wer kommt?" rief eine Stimme von oben. "Wir sind's,
Bruder!"
Einen Augenblick später wurde die Haustüre geöffnet und der Bruder,
Fabrikant Kurz, hieß seine nächtlichen Gäste willkommen. "Verzeih, daß
wir euch so spät bei Nacht ins Haus fallen," sagte Helene, "es ließ sich
nicht ändern."
"Es ist für mich nicht spät, ich habe jetzt oft bis in die Nacht hinein
zu arbeiten. Aber gehört denn der Hund auch zu euch? Den habt ihr mit
hieher gebracht?" Mißfällig betrachtete er Leo, der sich an Gebhard
drängte.
"Es ist Gebhards Liebling, sie sind so anhänglich aneinander!" Herr Kurz
beachtete jetzt erst seinen kleinen Neffen.
"Das ist also Gebhard? Wir waren eigentlich der Meinung, er käme zu
seiner Großmutter; aber kommt nur herauf, es sind zwei Gastzimmer
gerichtet. Was ist mit deinem Mann, ist er einberufen?"
"Nein; er wird bald nachkommen."
"Warum hat er dich nicht auf der langen Reise begleitet? Muß er noch im
Forsthaus bleiben?"
Helene zögerte mit der Antwort. "Ich erzähle dir das morgen. Wir sind so
müde, wenn wir uns vielleicht gleich legen dürften!"
"Ihr müßt doch vorher essen!"
"Danke, wir bekamen unterwegs was wir brauchten, nur Ruhe möchten wir."
Der Hausherr hatte dem Stubenmädchen geklingelt, das erschien nun um an
Stelle der Hausfrau, die nicht gestört werden sollte, für die Gäste zu
sorgen.
Ein schönes Gastzimmer mit allen Bequemlichkeiten war für Helene
gerichtet, auch ein Kinderwagen stand bereit. Gerührt dankte sie dem
Bruder für diese Fürsorge. Die Kleine, die schlafend angekommen war,
erwachte jetzt und fing kräftig an zu schreien. Der Hausherr, der selbst
keine Kinder hatte, sah ratlos auf das kleine, ungebärdige Wesen, befahl
dem Mädchen alles weitere zu besorgen und wünschte der Schwester gute
Nacht. Gebhard nahm er mit sich, Leo folgte. "Wenn nur der Hund die
Nachtruhe nicht stört!" sagte der Onkel, während sie die Treppe hinauf
gingen.
"Vor meiner Tür wird er gewiß ruhig liegen bleiben," versicherte
Gebhard.
"Das wird sich zeigen. Wenn Hunde in fremde Umgebung kommen, heulen sie
oft. Mich wundert, daß dir dein Vater erlaubt hat ihn mitzunehmen!"
"Der Vater war gar nicht da, als wir abgereist sind." Gebhard hatte das
kaum gesagt, so merkte er, daß er besser darüber geschwiegen hätte.
"Wo ist denn dein Vater?" Was sollte Gebhard darauf antworten? Er wußte
es nicht.
"Ich meine wo dein Vater war, als ihr flüchten mußtet? Blieb er im
Forsthaus zurück?"
"Nein." Die sichtliche Verlegenheit des Knaben fiel dem Manne auf. Es
mußte etwas geschehen sein, was Mutter und Sohn nicht gern sagten.
Er wollte nicht weiter in das Kind dringen. Im oberen Stock des Hauses
war ein zweites Gastzimmer bereitet, fein und vornehm war auch hier die
Einrichtung. "Kommst du allein zurecht?" fragte der Onkel, "oder soll
ich dir das Stubenmädchen heraufschicken?"
"Nein danke, ich kann alles allein machen. Aber bitte, Onkel, wenn ich
Leo eine Strohmatte oder eine Decke vor meine Tür legen dürfte; er
versteht dann, daß er da hingehört."
Es fand sich eine Matte und der Hund nahm verständig seinen Platz ein.
Onkel und Neffe wünschten sich gute Nacht. Gebhard lag bald in dem
feinen Gastbett. Aber unter dem fremden Dach in dem einsamen
Schlafgemach überfiel ihn ein bitteres Heimweh und trotz aller Müdigkeit
konnte er nicht einschlafen. So weit, weit weg war er vom Forsthaus! Und
der Vater, wo war der? Der Vater, von dem man jetzt gar nicht reden
konnte, während man früher so stolz auf ihn war! Dem kleinen Burschen
war zumute, wie wenn ihm der Boden unter den Füßen wankte, da mit der
Heimat zugleich die klaren Verhältnisse der glücklichen Kinderzeit
schwanden, in denen er festgewurzelt war.
Wenn wenigstens die Mutter nebenan schliefe oder etwas von der Kleinen
zu hören wäre, aber gar so einsam war es hier oben! Lange wehrte sich
Gebhard als tapferer, kleiner Mann gegen die Tränen; endlich kamen sie
doch, das Schluchzen ließ sich nicht mehr unterdrücken und schüttelte
seinen Körper.
Mitten in der nächtlichen Stille wurde ein Laut hörbar. Gebhard setzte
sich auf, lauschte und vernahm ein leises Winseln vor der Türe. Sicher
hatte das wachsame Tier seines kleinen Herrn Schluchzen vernommen und
war beunruhigt. Oder hatte es selbst Heimweh? Noch einmal derselbe
ungewohnte Laut. Es klang so traurig! Da mußte Gebhard trösten. Er
tastete sich in der Finsternis an die Türe und hatte kaum einen Spalt
geöffnet, so zwängte sich der Hund herein und drängte sich mit freudigem
Bellen an seinen Herrn.
"Still, still!" mahnte Gebhard und das gut gezogene Tier verstummte
sofort, aber es wedelte und bezeugte seine größte Freude. "Ja, ja, du
darfst hier bleiben," flüsterte Gebhard, "du hast Heimweh; komm her!" Er
holte leise die Matte herein und legte sie neben sein Bett. "So, dann
sind wir beisammen, ganz nahe. Leg dich!"
Vom Bett aus konnte Gebhard seinen Leo streicheln. Nun wich das Gefühl
der Einsamkeit, vorbei war's mit den nächtlichen Tränen. Schon nach
wenigen Minuten hatten die beiden guten Kameraden den Schlaf gefunden.
In der Frühe des nächsten Morgen, noch ehe es heller Tag war, schreckte
Helene auf durch ein Klingeln an der Haustüre. Wer kam so frühe? Sicher
ihr Mann oder doch eine Nachricht von ihm! Im Nu warf sie einen
Morgenrock um, eilte hinaus an die Treppentüre, denn sie selbst wollte
ihm öffnen, ihn hereinführen in ihr Zimmer, ihn lieb haben.
Ach--beschämt stand sie vor dem Milchmann und vor dem Küchenmädchen, die
beide mit erstaunten Augen auf die junge Frau schauten; ohne ein Wort
kehrte sie in ihr Schlafzimmer zurück.
Das war die erste Enttäuschung und es folgten jede Stunde neue, denn der
sehnlich Erwartete kam nicht, und keine Post brachte Nachricht von ihm.
Bruder und Schwägerin ließen sich's einen ganzen Tag gefallen, im
Unklaren zu bleiben über das Schicksal, das die Familie Stegemann
getrennt hatte; sahen sie doch, wie verstört Mutter und Sohn waren und
daß sie sich nicht entschließen konnten, von dem Erlebten zu sprechen.
Die Schwägerin war eine gutmütige Frau, hatte Helene lieb und wollte,
daß die Vertriebenen sich wohl fühlten in ihrem Haus. Es war ja auch
alles in Hülle und Fülle da und keine Kriegsnot zu verspüren; denn in
der Kurz'schen Fabrik, die in Friedenszeit allerlei feine Stahlwaren
herstellte, wurden nun Granaten gemacht; der Betrieb war Tag und Nacht
im Gang und es ging mehr Geld ein als je in früheren Zeiten. Viele
beneideten die Familie Kurz und wollten ihr den wachsenden Reichtum
mißgönnen. So kam es dem Fabrikherrn und seiner Frau ganz erwünscht, daß
die Vertriebenen bei ihnen Zuflucht suchten. Jedermann konnte nun sehen,
daß von diesem Reichtum guter Gebrauch gemacht wurde. Aber unbequem
waren die Fragen der Bekannten nach den Schicksalen der jungen Familie,
nach dem Verbleib des Försters Stegemann. Was sollte man antworten, wenn
man selbst nichts wußte?
Herr Kurz sprach mit seiner Frau. "So kann das nicht weiter gehen;
Helene weicht allen Fragen aus und sieht gleich so unglücklich aus, daß
ich nicht in sie dringen mag; und der Bub hat etwas trotzig
Zurückhaltendes, das einem die Lust nimmt, ihn zu fragen. Helene schrieb
immer so beglückt über ihn, rühmte sein offenes, zutunliches Wesen. Ich
finde nichts davon und wollte, er wäre samt dem Hund anderswo
untergebracht. Aber nun, da er bei uns wie ein Kind vom Haus aufgenommen
ist, kann man wenigstens von ihm Antwort auf berechtigte Fragen
erwarten. Nimm du ihn einmal vor. Er soll sagen, wo sein Vater ist. Ich
will das wissen."
"Du hast ganz recht, habe nur Geduld, ich will es schon herausbringen,"
sagte Frau Kurz beschwichtigend. An diesem Tag, während ihr Mann in der
Fabrik war, und Helene auf Zureden der Schwägerin sich auf ihr Ruhebett
gelegt hatte, ergab sich's, daß Tante und Neffe allein beisammen waren
und sie benützte die Gelegenheit, brachte die Sprache auf das Forsthaus,
fragte, ob dieses nun ganz leer stehe, ob wohl Gebhards Bücher und
Spiele alle mitgekommen seien oder sie ihm neue kaufen solle. Da wurde
Gebhard vertraulich und mitteilsam; schilderte, wie hastig Hab und Gut
aufgepackt worden seien und daß das meiste zurückgeblieben sei.
"Was dir oder der Mutter fehlt, werde ich euch alles neu kaufen," sagte
die Tante gütig, und der kleine, wohlerzogene Mann küßte ihr dankbar die
Hand. Nun fragte die Tante weiter: "Hat dein Vater seine eigenen Sachen
selbst aufgepackt, und hat er euch begleitet bei der Abfahrt?"
"Nein," sagte Gebhard und wandte sich schon von der Tante ab, der Türe
zu. Sie merkte, er wollte weiteren Fragen ausweichen. Aber so hatte sie
es nicht gemeint. Sie griff nach seiner Hand. "Nun bleibe noch da,
Gebhard, und erzähle mir ganz genau, wann dein Vater fortgegangen ist,
warum und wohin. Das müssen wir wissen, dein Onkel und ich."
Da Gebhard schwieg, fuhr sie fort: "Die Mutter ist doch so traurig, das
siehst du ja und wenn sie über den Vater spricht, regt es sie auf, darum
will ich sie nicht fragen. Willst du ihr das abnehmen und ihr zulieb mir
alles sagen?"
"Nein, ich kann nicht!" rief Gebhard gequält und wollte entweichen. Aber
die Tante hielt ihn fest.
"Weißt du, daß du recht unartig bist? Nun haben wir die Mutter mit der
Kleinen und dich und sogar deinen Hund mitten in der Nacht bei uns
aufgenommen und sorgen für euch, weil ihr gar keine Heimat habt und du
willst mir nicht einmal anvertrauen, wo der Vater ist? So undankbar
willst du sein?"
"Nein, ich will nicht undankbar sein, aber ich kann's nicht sagen," rief
der Knabe entschieden und suchte sich loszumachen. Frau Kurz verlor die
Geduld, packte ihn fest und rief: "Gebhard, du mußt!"
Da riß er sich mit Gewalt los, rief in heller Verzweiflung: "Ich will
die Mutter fragen, ob ich muß," und stürzte aus dem Zimmer, hinüber in
das der Mutter. Die schrak aus ihrer Mittagsruhe auf, als Gebhard
ungestüm auf sie zukam und laut schluchzend rief: "Mutter, muß ich den
Vater verraten? Muß ich?" Erschreckt zog Helene das ganz erschütterte
Kind an sich und wollte ihm tröstend zusprechen, aber durch die
offengebliebene Türe war die Tante dem Flüchtling gefolgt und hatte
Gebhards Ausruf gehört. "Du hast ihn ja schon verraten," sagte sie, "geh
jetzt hinaus, ich weiß genug. Geh in dein Zimmer, du machst ja dein
Mütterchen noch krank mit deinem Ungestüm!"
Beschämt und traurig zog Gebhard sich zurück. In seinem Zimmer saß er
still, wußte nicht, wie es gekommen war, daß die Tante sagen konnte, er
habe den Vater verraten und er mache die Mutter krank, mochte sich
selbst nicht mehr leiden und wußte sich keinen Rat.
Inzwischen hatte Frau Kurz sich neben die junge Schwägerin gesetzt,
tröstete sie freundlich und brachte allmählich durch teilnehmende
Fragen und dringendes Zureden alles heraus, was sie wissen und ihrem
Mann berichten wollte.
Dieser empfand wohl volle Teilnahme für seine Schwester, aber er dachte
auch an sich selbst, an die Familienehre und an das Geschäft. Es war
eine böse Sache. Er fürchtete, die militärischen Aufträge könnten ihm
entzogen werden, wenn des Schwagers Verrat ruchbar würde. Aufgeregt ging
er in seinem Zimmer auf und ab, während er seiner Frau diese Gefahr
auseinander setzte. "Nie hätte ich gedacht, daß durch Stegemann Unehre
in die Familie käme. Wie sah Helene an ihm hinauf, wie stolz sprach sie
von seinen und seiner Mutter edlen Grundsätzen! Wie wenn die Familie
Stegemann viel höher stünde als unsere eigene! Nun, wenn wir auch
nüchterne Leute sind und unsern Geschäftsvorteil wahren, einen
Vaterlandsverräter haben wir doch nie in unserer Familie gehabt!"
"Sprich nur nicht laut davon," mahnte seine Frau, "das bleibt ganz
verschwiegen. Ich glaube nicht, daß ihn die Russen frei gegeben haben
und wenn ja, dann kann er nicht wagen, sich in Deutschland blicken zu
lassen, nach dem was er getan. Mach dir keine Sorgen. Wer sollte das
verraten? Helene nicht und der Bub auch nicht, auf den kannst du dich
verlassen!"
So beruhigte sie ihren Mann. Und es kam so, wie sie gesagt, niemand
erfuhr mehr von dem Vermißten als was sie selbst von ihm aussagten: er
sei im Krieg und man warte vergeblich auf Nachrichten.
Viertes Kapitel.
Die Tage, die Wochen vergingen--vom Förster Stegemann drang keine Kunde
zu seiner Frau. Sie lebte still und eingezogen. Vom Krieg wollte sie
nichts hören, nichts lesen und wenn jemand sie darauf hinwies, daß gar
viele Frauen ihre Männer, ihre Söhne vermissen mußten, so war ihr das
kein Trost. Andere Frauen durften stolz sein auf das, was ihre Männer
taten fürs Vaterland--sie mußte sich schämen; die andern waren
unschuldig--sie hatte eine Schuld auf dem Gewissen. Wenn Gebhard sie
traurig ansah, mußte sie an sein Wort denken: Hättest du die Türe nicht
aufgemacht!
Gebhard ging in die Schule, aber er stand einsam unter den Mitschülern,
fremd dem Lehrer gegenüber. Der sprach von Krieg und Sieg, von
Vaterlandsliebe und Heldentod--das konnte Gebhard nur mit bitterer Scham
anhören; und wenn die Kameraden von ihren Angehörigen im Feld erzählten,
dann hatte er Angst vor ihren Fragen, ging ihnen aus dem Weg, spielte
lieber daheim mit Leo, seinem treuen, schweigsamen Freund aus der alten
Heimat.
Eines Abends, als er still und später als sonst an seinen Schulaufgaben
in dem Zimmer neben dem Eßzimmer saß und ihn wohl niemand dort
vermutete, hörte er Onkel und Tante sprechen, was nicht für ihn bestimmt
war. Der Onkel sagte: "Das Beste wäre, Stegemann bliebe verschollen, er
würde doch nur Schande bringen in unsere Familie."
"Ja," sagte die Tante, "aber ich denke, er ist längst tot, wenn man es
nur bestimmt erfahren könnte."
Da tat dem kleinen Burschen nebenan das Herz so weh, wie noch nie und er
fühlte, wie lieb er seinen Vater hatte, trotz allem was geschehen war,
und daß er ganz zu ihm gehörte. Und ein Zorn kochte in ihm auf gegen die
Menschen, die den Vater gern gestorben wüßten. Aber er durfte ja nichts
sagen, denn gar oft schon hatte die Mutter ihm vorgehalten, wie dankbar
sie gegen Onkel und Tante sein müßten.
In diesem Augenblick kam die Mutter zu ihm herein, hatte ihr Töchterchen
im weißen Nachtgewand im Arm und zeigte sie Gebhard: "Sieh, wie die
Kleine nett aussieht, sie soll noch der Tante gute Nacht sagen, komm
mit."
Ungern folgte Gebhard. Im Eßzimmer wurde der kleine Liebling bewundert.
Der Onkel, der für gewöhnlich um diese Zeit nicht da war und das Kind
selten sah, freute sich an dem netten Anblick, wollte auch der Mutter
eine Freude machen und sagte schmeichelnd zu der Kleinen: "Willst du
denn auch einmal zu mir kommen, mein schönes Jüngferlein?"
"Nein, sie soll nicht!" rief plötzlich mit rotem Kopf in aufbrausendem
Zorn Gebhard. Erschrocken wandten sich alle nach ihm um, aber er achtete
nicht auf die vorwurfsvollen Blicke. "Es ist nicht dein Jüngferlein,"
rief er, "es ist dem Vater sein Jüngferlein, und mir gehört sie auch
mit. Gib sie mir, Mutter, mir, nicht dem Onkel!" Er drängte sich an die
Mutter, die ganz blaß geworden war. "Was fällt dir ein, Gebhard!" und
sie wandte sich an den tief gekränkten Bruder: "Verzeih, ich weiß gar
nicht, was dem Kind in den Sinn kommt!"
Die Schwägerin sah, wie ihrem Mann der Zorn aufstieg. Sie wandte sich an
Helene: "Wenn du irgend etwas von Erziehung verstehst, so mußt du das
Töchterchen dem Onkel geben und mußt den unartigen Jungen zur Türe
hinausstecken!"
"Ja freilich, du hast ganz recht," sagte Helene. Sie sah ein, daß sie
einen solchen Ton nicht dulden durfte, aber sie fühlte durch, und sah es
Gebhard an, daß er tief erregt war, und er tat ihr so leid. Sie konnte
ihn nicht verstehen. Es war doch gar nichts vorgefallen, was ihn so
aufbringen und seine Rede entschuldigen konnte. So zog sie das Kindchen
zurück, nach dem er noch immer begehrte, reichte es dem Onkel hin, und
sagte unsicher: "Ich muß dich aus dem Zimmer weisen, Gebhard!" Er sah
sie einen Augenblick erstaunt an, weil er so etwas noch nie von ihr
erfahren hatte, dann folgte er ohne Widerspruch. Unter der Türe blickte
er noch einmal zurück und sah die Mutter mit Onkel und Tante beisammen
stehen, das Schwesterchen auf des Onkels Arm. Da war's ihm, als gehörten
diese vier zusammen, er aber gehörte nicht zu ihnen, sondern zu dem
armen, armen Vater, der so weit fort war und den er doch über alles in
der Welt liebte.
So wuchs allmählich eine Scheidewand zwischen ihm und der Mutter auf. Es
fehlte der Vater, der die beiden so innig verbunden hatte.
Aber es kam Hilfe von anderer Seite. Frau Dr. Stegemann, Gebhards
Großmutter, kannte Helene nur wenig, aber sie hatte sie vor Jahr und Tag
herzlich als Schwiegertochter willkommen geheißen, manchen Brief mit ihr
gewechselt und sich innig gefreut über das Glück, das sie ihrem Sohn und
Enkel von Herzen gönnte. Sie konnte sich vorstellen, wie schwer die
junge Frau unter der Trennung von dem Gatten leiden mußte. Aber sie
begriff nicht, warum die Schwiegertochter ihr jetzt nur selten und kurz
schrieb, ihr, der Mutter, die doch am besten mit ihr fühlen konnte und
die längst gebeten hatte, ihr die genaueren Umstände über die
Verschleppung ihres Sohnes zu berichten. Die Schwiegertochter
entschuldigte sich damit, daß es sie zu sehr angreife, von diesem
schrecklichsten Tag ihres Lebens zu erzählen; aber Frau Dr. Stegemann
gab sich nicht länger mit diesem Bescheid zufrieden. Als es Winter wurde
und immer dieselben dürftigen, traurigen Briefe kamen, schrieb sie der
Schwiegertochter, wofern sie und die Kinder gesund seien, möge sie mit
ihnen in Gebhards Weihnachtsferien zu ihr kommen. Es klang mehr wie ein
Verlangen als wie eine Bitte oder Einladung.
Helene zeigte den Brief ihren Geschwistern.
"Du hättest deiner Schwiegermutter längst den ganzen Sachverhalt
mitteilen sollen," meinte der Bruder, "sie als Mutter kann erwarten, daß
ihr nichts vom Schicksal ihres Sohnes verschwiegen wird."
"Aber es kann ihr doch nur schrecklich sein! Sie hat uns bei Beginn des
Krieges voll glühender Vaterlandsliebe geschrieben. Und dann--ich traue
mich nicht, ihr zu sagen, wie das alles gekommen ist, sie wird mich
verachten, denn sie ist so eine tapfere, strenge Frau!"
Die Schwägerin fiel ihr ins Wort: "Immer quälst du dich wieder so
unnötig mit Vorwürfen. Jede Frau hätte so wie du für ihr und ihrer
Kinder Leben gebeten!"
"_Sie_ nicht!" sagte Helene bestimmt. Der Bruder wurde ärgerlich. Er war
immer ein wenig eifersüchtig gewesen und hatte nie recht vertragen
können, daß seine geliebte Schwester eine so hohe Meinung von der
Familie Stegemann hatte.
"Du bist nicht schuld," sagte er; "ein Mann muß selbst wissen, was er zu
tun hat; es wäre ohne deine Einrede wohl alles ebenso gegangen!"
Aber jetzt ereiferte sich Helene. "Nein, nie, ganz gewiß nicht. Ich
begreife mich selbst nicht mehr, warum ich nicht lieber mit meinem Kind
sterben wollte: der Tod ist nicht das schlimmste!"
Sie brach in Tränen aus. Der Bruder suchte sie zu beruhigen. "Du
brauchst deiner Schwiegermutter nicht zu erzählen, was _du_ bei der
Sache gesprochen hast. Darüber schweigst du einfach!"
"Ach, das kann ich nicht, wenn sie mich mit ihren klaren Augen ansieht,
so muß ich die ganze Wahrheit sagen. Sie würde es doch gleich merken,
daß mir noch etwas auf der Seele liegt."
"Ei, so bleibe hier!" riet die Schwägerin. "Schicke ihr Gebhard allein,
sage, du könnest mit der Kleinen im Winter nicht reisen und ohne das
Kind nicht fort. Zwar wäre sie ja bei mir und dem Mädchen wohl versorgt,
aber es ist doch eine gute Ausrede; versprich deinen Besuch fürs
Frühjahr, dann wollen wir weiter sehen."
"Ja, das wird das Beste sein," sagte der Bruder, "sie kann die
Winterreise und dazu solch eine Aufregung nicht von dir verlangen und
Gebhard wird sehr gern zu seiner Großmutter gehen mit seinem Hund,
na--er kann auch ganz dort bleiben, wenn sie es wünscht."
"Er wird sich nicht gern von mir trennen wollen!"
"Das bildest du dir ein, so ist er nicht."
"Meinst du?" Nachdenklich fügte sie hinzu: "Ja, es kann sein, daß er
mich nicht vermißt. Es ist alles nicht mehr so, wie es war. Aber dann
werden wir uns ganz fremd!"
"Du mußt dich an dein Töchterchen halten, das wird alle Tage netter und
gehört dir ganz und gar."
Aber die junge Mutter konnte sich nicht gleich mit dem Gedanken trösten,
daß ihr der kleine Liebling blieb. Es tat ihr weh, zu denken, Gebhard
werde sie nicht vermissen. Sie war doch so stolz gewesen auf des Knaben
Liebe und seine rührende Verehrung.
"Ich will selbst Gebhard die Einladung der Großmutter ausrichten," sagte
der Bruder, die Beratung abschließend. "Ruhe du dich ein wenig aus und
dann schreibe deiner Schwiegermutter. Gebhard ist ja bei ihr gut
versorgt und für dich wird es so am besten sein, meinst du nicht?"
"Ich weiß nicht," sagte Helene, "aber ich will es so machen, wie ihr
meint, ich danke euch, ihr seid so nachsichtig gegen mich."
Sie ging in ihr Zimmer und tat, wie man ihr geraten, legte sich auf ihr
Ruhebett. Ach, sie meinten es so gut mit ihr, aber sie hatten ja gar
keine Ahnung, wie traurig sie war, wie heiß ihre Sehnsucht nach dem
verlorenen Glück.
Herr Kurz hatte es gut verstanden, Gebhard die Reise zur Großmutter
verlockend darzustellen. Davon, daß er vermutlich dauernd bei ihr
bleiben sollte, hatte er nichts erwähnt, das hatte noch Zeit. So behielt
der Onkel recht. Gebhard war nur vergnügt über die Einladung für die
Weihnachtsferien, dachte gar nicht an die Trennung von der Mutter. Es
war ja natürlich, daß das Kind sich freute zur Großmutter zu kommen, die
in den Jahren der Einsamkeit im Forsthaus treulich jeden Sommer gekommen
war und ihm längst nahe stand, ehe Helene zur Familie gehörte.
Heute ging die Mutter mit ihm hinauf in sein Zimmer, um mit ihm
einzupacken. Frohgemut reichte er ihr zu, was sie verlangte, aufmerksam
verfolgte Leo dieses ungewohnte Treiben. "Jetzt deine Schulbücher,
Gebhard?"
"Soll ich die mitnehmen?" Verwundert sah er die Mutter an und bedenklich
klang seine Frage: "Muß ich denn lernen in den Weihnachtsferien?"
"In den Ferien nicht, aber nachher, wenn die Schule wieder anfängt, mußt
du doch deine Bücher haben."
"Nach den Ferien komme ich doch wieder hieher?"
"So war's nicht gemeint, Gebhard. Die Großmutter wird dich gerne
behalten. Hat dir davon der Onkel nichts gesagt?"
"Nein." Er wurde sehr nachdenklich. Die Mutter stand vor dem Koffer,
hatte die Hand ausgestreckt nach den Schulbüchern, die nicht kamen. Sie
sah, wie Gebhards Gesicht trübselig wurde. Jetzt schmiegte er sich an
sie. "Mutter, kannst du nicht mitkommen zu der Großmutter? Hat sie bloß
mich ganz allein eingeladen?"
"Nein, aber das Schwesterchen ist noch zu klein für solch eine
Winterreise und sie braucht mich doch!"
"Ja, aber Mutter, du hast viel früher einmal zu mir gesagt, wir blieben
jetzt immer beisammen, der Vater und du und ich; das war so schön. Und
jetzt ist der Vater fort und dann habe ich auch keine Mutter mehr!"
"O doch, Gebhard, ich bleibe ganz gewiß deine treue Mutter!" Aber
Gebhard entgegnete trotzig: "So eine Mutter, die nicht bei mir ist,
hilft mir gar nichts. So eine habe ich immer schon gehabt, im Himmel,
aber ich möchte eine, die bei mir bleibt."
"Später, Gebhard, kommen wir gewiß wieder zusammen, aber jetzt hast du
einstweilen die Großmutter. Bei ihr warst du doch früher so gern; und
hier--warst du denn gerne hier im Haus, bei Onkel und Tante?"
"Nein, gar nicht gern, weil sie den Vater nicht mögen. Neulich haben sie
so etwas Schreckliches über den Vater gesagt, das darfst du gar nicht
hören, Mutter. Darum mag ich sie gar nicht mehr!" Tränen des Zorns
kamen dem Kind bei der Erinnerung.
"Wann war denn das?"
"An dem Abend, wo der Onkel das Jüngferlein wollte!"
"Ach, damals? Gebhard, sieh, du wirst glücklicher sein bei der
Großmutter. Sie hat den Vater so lieb und sie nimmt dich mit deinem Leo
so gerne zu sich!"
"So? hat sie das geschrieben?" Langsam machte er sich von der Mutter
los. "Da sind meine Schulbücher."
Still vollendeten sie das Geschäft des Einpackens; aber beunruhigt lief
der Hund hin und her, er merkte, daß Ungewohntes vor sich ging.
"Du darfst mit mir gehen, Leo, sei nur zufrieden, wir zwei trennen uns
nicht!" Bei diesen Worten nahm Gebhard den schmalen Kopf des Hundes
zwischen seine Hände. Ein leises Bellen bezeugte das Einverständnis des
klugen Tiers; es legte sich nun still neben den Koffer, bereit Hab und
Gut seines kleinen Herrn zu bewachen.
Sie waren fertig, das Zimmer sah öde aus.
"Komm nun, Gebhard," sagte die Mutter und es war ihr wehmütig ums Herz
in dem leeren Zimmer, "komm, wir wollen nach dem Schwesterlein sehen."
Er griff nach ihrer Hand, sah zu ihr auf und merkte, daß sie traurig
war. "Mutter," begann er, "jetzt denkst du an den Vater, das sehe ich
dir immer an. Aber du hast noch dein Jüngferlein, das ist dir doch das
allerliebste und das bleibt bei dir."
Sie drückte fest seine Hand. Nein, sie hatte jetzt eben nicht an ihren
Mann gedacht, sondern an den kleinen Mann, der da so liebevoll an ihrer
Hand ging und sie noch tröstete, obwohl sie ihn von sich schickte.
Schon vor der Zimmertüre hörten sie die Tante, die ihren Spaß hatte mit
der Kleinen. Die lachte laut und übermütig vor Vergnügen. Das lustige
Töchterlein--der traurige Bub--es gab der Mutter zu denken.
Am frühen Morgen des folgenden Tags trat Helene in Gebhards
Schlafzimmer. Er erwachte bei ihrem Eintritt. Frisch und tatkräftig
stand die Mutter vor ihm, wie schon lange nicht mehr. "Gebhard, steh
auf, es ist Zeit, daß wir reisen, wir zwei miteinander!" Und als er sie
mit großen, fragenden Augen ansah, lachte sie hell, setzte sich zu ihm
auf den Bettrand und sagte: "Ich habe mir heute Nacht gedacht: das
Jüngferlein ist schnöde, es macht sich gar nichts daraus, wenn ich
fortgehe, es jauchzt bei der Tante wie bei mir. Aber mein Bub, der
möchte mich gern bei sich haben; so will ich wenigstens für eine Woche
mit ihm gehen!" Da wurde die junge Frau stürmisch umarmt und geküßt und
mußte an ihren Mann denken.
Eine Stunde später waren sie auf der Reise.
Fünftes Kapitel.
Unsere zwei Reisenden waren diesmal allein im Abteil: Leo hatte sich
nicht eingedrängt; ganz verständig hatte er sich darein gefunden, in dem
für seinesgleichen bestimmten Raum Platz zu nehmen. Gebhard stand eine
ganze Weile am Fenster und sah in die Winterlandschaft hinaus; ihm war
so wunderlich glücklich zu Mute, wie wenn ihm erst jetzt die Mutter
wieder gehörte. Er hätte nur gern gewußt, wie es ihr ums Herz war! Schon
einmal hatte er sich nach ihr umgewandt, sie sinnend angeschaut, aber
nicht die Worte finden können zu einer Frage. Nun sah er sie wieder an.
"Willst du etwas?" fragte sie.
"Nein.--Ja doch. Ich möchte nur wissen, ob es dich nicht friert?"
"Nein; warum meinst du? Kommt es dir kalt vor?"
"Mir gar nicht. Der Onkel meinte nur, du könntest dich erkälten; aber
gelt, es ist behaglich warm? Heute gefällt mir das Fahren so gut, dir
auch, Mutter?"
Sie lächelte ihn freundlich an und schob die Reisetasche beiseite, die
neben ihr lag. "Setze dich zu mir her, Gebhard."
Dieser folgte schnell der Aufforderung und sie rückten nahe zusammen.
"Gelt, das Jüngferlein ist ganz vergnügt bei der Tante?" sagte er.
"Ja freilich, das vermißt uns nicht."
"Das gefällt mir eben so besonders gut, daß ich dich einmal ganz für
mich allein habe," erklärte er, "da können wir auch vom Vater sprechen,
wenn wir wollen. Aber die Tante hat gesagt, ich soll dich nicht
aufregen; also reden wir lieber von etwas anderem. Sie hat mir auch
Eßvorrat mitgegeben in meine Büchse; wollen wir das einmal ansehen?"
"Ja, sagte die Mutter, schauen wir nach den guten Sachen, das wird mich
ganz gewiß nicht aufregen." Sie lachte ihn freundlich an.
"Du siehst heute so aus, Mutter, wie früher, so nett." Aber das hätte er
nicht sagen sollen; denn auf einmal kamen ein paar Tränen in ihre hellen
Augen. Da packte er schnell die Büchse aus; und weil ihm dabei ein Apfel
auf den Boden kollerte und während er sich darnach bückte eine ganze
Anzahl Nüsse folgten, mußte sie lachen und er lachte mit und sie waren
zum erstenmal fröhlich miteinander ohne den Vater.
Gegen das Ende der Reise, während Gebhard sich schon ungeduldig auf das
Wiedersehen mit der Großmutter freute, wurde der jungen Frau das Herz
wieder schwer. Sie hatte sich wohl auf ihres Bruders Zureden
vorgenommen, nichts davon zu erzählen, daß sie ihren Mann überredet
hatte, mit den Russen zu gehen, und so durfte sie ja sicher sein, bei
ihrer Schwiegermutter nur Teilnahme zu finden und keinen Vorwurf zu
hören. Aber eben dieses Verschweigen und vorsichtige Ausweichen lag
nicht in ihrer Natur und deshalb bangte ihr vor dem Zusammentreffen mit
der Mutter.
Helene wußte, daß sie nicht erwartet wurde; nur Gebhard mit seinem
treuen Gefährten Leo war angekündigt. Als die Reisenden in die
Bahnhofhalle einfuhren, fiel ihnen die Leere des Bahnsteigs auf. Er war
für die Menge gesperrt, da in Kürze ein Lazarettzug mit einer großen
Anzahl Verwundeter ankommen sollte. Eine ganze Reihe Sanitäter mit
Tragbahren erwartete den nächsten Zug; aber mitten unter ihnen stand
eine einzelne große Frau in langem Mantel mit warmem Pelzzeug; unter
ihrem schwarzen Samthut sahen schlichte graue Haare hervor und
forschende Augen blickten dem einfahrenden Zug entgegen. Dies war Frau
Dr. Stegemann, die sich bei dem Kommandanten den Zutritt erbeten hatte,
um ihren allein reisenden Enkelsohn abzuholen.
Gebhard erkannte die Großmutter sofort und eilte auf sie zu.
"Mein lieber, großer Bub!" rief sie, "ich bin froh, daß du zu mir
gekommen bist. Und dein schöner Leo ist auch da! Nun komm nur gleich,
wir müssen möglichst schnell den Bahnsteig verlassen."
"Aber die Mutter ist auch hier, ich bin nur vorausgesprungen!"
"Die Mutter? Kommt sie doch mit?"
Ja, sie kam eben zu den beiden und sah deutlich, daß bei dem
unerwarteten Wiedersehen das ernste Gesicht der Großmutter freudig
aufleuchtete.
"So kommst du doch," sagte sie und streckte der jungen Frau die Hand
entgegen, "dann ist ja alles schön und gut; wir gehören doch zusammen in
dieser Zeit!"
Das empfand auch Helene in diesem Augenblick. Wie wenn sie ihrem Manne
näher wäre, so war ihr zumute. Sie hatte gar nicht mehr gewußt, daß
Mutter und Sohn ganz die gleichen, klaren, seelenvollen Augen und
dieselbe tiefe Stimme hatten. Sie gingen miteinander hinaus auf den
Bahnhofplatz. Dort war die Haltestelle der Elektrischen; das Mitnehmen
von Hunden war aber nicht gestattet.
"Kann Leo nachspringen?" fragte die Großmutter.
"Er kann wohl," sagte Gebhard, "aber der Vater läßt ihn nie gern neben
dem Wagen springen."
"Dann gehst du mit ihm zu Fuß; erinnerst du dich des Weges? Du hast ihn
vor zwei Jahren gemacht."
"Nicht so recht," meinte Gebhard bedenklich.
"Wir sollten vielleicht eine Droschke nehmen und den Hund zu uns
hereinlassen," schlug Helene vor.
"Bewahre. Ein großer Bub mit solch gutem Hund _sucht_ sich eben seinen
Weg. Merke auf, Gebhard. Du folgst den Schienen der Elektrischen immer
zu bis an den Marktplatz. Dann fragst du. Weißt du Straße und Nummer?"
"Jawohl, Johannessteg 5."
Die beiden Frauen stiegen ein und Gebhard ging mit seinem treuen
Begleiter zu Fuß. Helene wunderte sich über die Großmutter, die dem
geliebten Enkel gleich Zumutungen machte. Ja, das war wieder die
Strenge, die sie in Erinnerung hatte; nicht der gutmütige, weichherzige
Ton, den sie von den Ihrigen daheim gewohnt war. Nun wußte sie wieder,
warum ihr bange gewesen, und es überkam sie eine beklemmende Angst vor
der Unterredung, die nicht ausbleiben konnte.
Frau Dr. Stegemann bewohnte den obersten Stock eines Hauses in der
Altstadt. Die schönen, bequemen Einrichtungen der Neuzeit fehlten dieser
Wohnung, hingegen war sie geräumig, hatte viele Zimmer, Kammern und
Gänge. Aus den altmodisch kleinen Fenstern blickte man hinweg über die
Dächer der gegenüberliegenden Häuser, über Gassen und Straßen hinaus ins
Weite, wo Gärten und Felder die Stadt begrenzten. Der letzte
Sonnenstrahl fand noch seinen Weg in die hochgelegene Wohnung.
Außer einem Dienstmädchen hatte Frau Dr. Stegemann noch zwei junge
Hausgenossinnen, zwei Enkeltöchter, die hier in der größeren Stadt eine
Töchterschule besuchten. Von ihnen erzählte sie Helene, nachdem sie die
Elektrische verlassen und dem Haus zugingen, denn beide mochten nicht
auf der Straße von dem sprechen, was ihre Herzen am meisten bewegte.
Während sie im Haus angekommen Stockwerk um Stockwerk hinaufstiegen,
wunderte sich Helene über die Sechzigerin, die nichts von der
Anstrengung zu merken schien.
"Mutter, wie du steigen kannst!"
"Das macht die Gewohnheit."
"Aber ist dir's nicht lästig? Du dürftest dir's wohl auch leichter
machen."
"Warum? Ich bleibe gern in der Übung. Solange ich gesund bin, schadet
mir das Steigen nichts. Es wäre nichts als Bequemlichkeit, wenn ich es
nicht mehr tun wollte."
Rüstig stieg sie voraus.
Oben angekommen wurden sie vom Dienstmädchen empfangen mit der
Nachricht, daß ein fremdes Fräulein schon lange auf sie warte und sie
sprechen möchte. Gleichzeitig kamen eilig und lebhaft die beiden
Schwestern, Grete und Else, große Mädchen mit blonden Zöpfen und
frischen, fröhlichen Gesichtern. Sie waren überrascht, statt des
erwarteten kleinen Vetters ihre Tante Helene zu sehen, die sie nur nach
dem Bild kannten. "Macht es der Tante behaglich, Kinder," sagte die
Großmutter zu ihnen, "und du, Helene, laß dich nicht abschrecken, wenn
es bei mir unruhig zugeht; das ist eben so in diesem Kriegsjahr. Es gibt
so viele Mädchen, die im Ausland waren und jetzt stellenlos sind, die
wenden sich an uns 'Freundinnen der jungen Mädchen'. Um so etwas wird es
sich auch jetzt handeln."
Sie verließ das Zimmer. Helene war verwundert. Sie hatte sich das Leben
der Großmutter still und abgeschlossen gedacht, merkte jetzt, daß diese
noch mitten im Leben und Wirken stand und sah bald, daß auch die beiden
Enkelinnen an allerlei Kriegshilfe teilnahmen und vom Geist der
Großmutter beseelt waren.
Sie wandten sich jetzt lebhaft an die junge Tante, deren liebliche
Erscheinung ihnen gar sehr gefiel, halfen ihr ablegen, plauderten
zutraulich und kamen bald auf das zu sprechen, was sie erfüllte. "Dürfen
wir dir unsere Vorratskammer zeigen? Wir haben einen ganzen Stoß
Kinderwäsche genäht für die vertriebenen Ostpreußen und haben Handschuhe
und Socken für die Soldaten gestrickt, magst du es ansehen?" Gerne
folgte Helene den eifrigen Mädchen in ihre Stube und ließ sich an das
altmodische Pfeilerschränkchen führen, in dem allerlei Arbeiten
aufgestapelt waren. Mitten in dieser Betrachtung kam, von seinem Hund
begleitet, Gebhard an. Er hatte sich nicht gern von seiner Mutter
getrennt; denn er wußte, sie war nur ihm zuliebe hieher gekommen, auch
hatte er so ein unbestimmtes Gefühl, daß ihr bangte vor dem Zusammensein
mit der Großmutter. So war er im Galopp mit seinem Hund der Elektrischen
gefolgt, hatte schnell den Weg zum Haus gesucht und trat nun angeregt
vom raschen Lauf, mit frischen, roten Backen ins Zimmer.
Grete und Else waren gleich für diesen kleinen Vetter eingenommen und
auch der Hund war ihnen anziehend. Sie hatten noch nie einen solchen als
Hausgenossen gehabt, wollten mit ihm Bekanntschaft schließen, wichen ihm
aber doch aus, als er sie beschnüffelte.
Es dauerte aber nicht lang, so streckte sich Leo behaglich mitten unter
der Gesellschaft aus.
"Jetzt ist er schon heimisch," sagte Gebhard befriedigt, "er merkt, daß
wir nicht bei Fremden sind; in einem fremden Haus legt er sich nie von
selbst nieder." Das gefiel den Bäschen und freute Gebhard. Wo er gern
war und wo es Leo behagte, mußte sich doch auch sein Mütterlein heimisch
fühlen.
Nach kurzer Zeit kam auch die Großmutter wieder. Sie hatte dem jungen
Mädchen Bescheid gegeben, das in England Erzieherin gewesen war, in
reichem Haus, bei einem einzigen Knaben; jetzt war ihr eine Stelle
angeboten, in einfacher Familie bei vier Knaben. Den jüngsten sollte
sie selbst ausfahren, das paßte ihr nicht.
"Ich habe ihr Mut gemacht," sagte Frau Dr. Stegemann, "im Krieg muß man
froh sein, wenn man irgendwo unterschlupfen darf, und übrigens möchte
ich jetzt lieber zehn Deutsche erziehen als einen Engländer. Und warum
nicht den kleinen Buben ausfahren? Wir müssen ja froh sein, wenn es
recht viele deutsche Buben gibt! Sie will es nun versuchen und mir am
Sonntag berichten wie es geht. Aber nun kommt zum Tee!"
Sie führte die Schwiegertochter über den langen, dunkeln Gang. Helene
dachte unwillkürlich an die hell erleuchteten Räume in ihres Bruders
Haus.
"Überall merkt man den Krieg," sagte Frau Stegemann. "Das Petroleum wird
bei euch auch knapp sein."
"Ich weiß nicht, es war nicht die Rede davon."
"Nicht? Es ist eine große Entbehrung für viele Leute. Manche Familien
können abends ihr Zimmer gar nicht beleuchten. Für solche ersparen wir
immer etwas von dem Petroleum, das auf uns kommt. Warum sollten wir auch
nicht ein wenig im Dunkeln tappen? Unsere Soldaten müssen sich auf ganz
anders schwierigen Wegen im Finstern zurecht finden."
Gebhard horchte hoch auf bei diesen und ähnlichen Äußerungen der
Großmutter. Während des einfachen Abendessens erklärten ihm die
Schwestern, was kriegsmäßig sei und was nicht; was sich die Familie
zugunsten des Vaterlandes versagte und wie sie beflissen war, sich von
dem zu nähren, was reichlich vorhanden und in Gefahr war, zu verderben.
Da nun Else und Grete sahen, wie neu ihm das alles war und daß er
glühenden Eifer zeigte für alles Gemeinnützige, fragten sie, ob er
mittun würde, wenn sie nächsten Sonntag mit der Rotkreuzbüchse durch die
Straßen gingen, um Karten und Blumen zugunsten der Verwundeten
anzubieten. Er hatte das schon manchmal gesehen, aber nie daran gedacht,
daß man auch ihn irgendwie für solch vaterländische Tätigkeit brauchen
könnte. Stolz war er, glücklich über diese neuen Aussichten.
"Großmutter," rief Else, "das wird fein! Gebhard trägt die Büchse, wir
die Blumen und wir sagen zu allen, die uns begegnen: 'Hier, unser
Vetter, ist selbst ein Vertriebener, ein Flüchtling aus Ostpreußen!' Da
gibt uns jedermann doppelt so gern!"
"Und den Hund nehmen wir auch mit," schlug Grete vor, "er sieht so
polizeimäßig aus, mit ihm können wir uns in alle Winkel der Stadt
wagen!"
Die drei verwandten Kinder verbanden sich nach kurzer Bekanntschaft und
waren glücklich miteinander. Helene staunte, wie schnell Gebhard sich
heimisch fühlte. Am reichbesetzten Tisch ihrer Geschwister hatte sie ihn
nie so befriedigt gesehen, wie hier; das Wohlleben hatte ihm weniger
behagt, als die einfachen Verhältnisse, die er von Hause aus gewöhnt
war, und wie heimische Luft empfand er die vaterländische Gesinnung, die
auch im Forsthaus der herrschende Geist gewesen war.
Sechstes Kapitel.
Die Teestunde war vorüber, endlich mußte auch der Augenblick kommen, auf
den Helene sich gefürchtet hatte, die Aussprache über das, was im
stillen Herzen beide Frauen mehr beschäftigte als all die Dinge, über
die sie sich mit den Kindern unterhalten hatten.
"Ich möchte jetzt ungestört ein Stündchen mit Tante Helene sein," sagte
Frau Dr. Stegemann zu den Schwestern. "Wer etwa kommt und nach mir
fragt, soll warten oder später wiederkommen. Gebhard kann bei euch
bleiben; komm, Helene, wir gehen in dein Zimmer."
Aber Helene griff unwillkürlich nach Gebhards Hand und hielt sie fest.
Die Großmutter sah die fast ängstliche Bewegung der jungen Frau.
"Du möchtest Gebhard mitnehmen?" fragte sie erstaunt.
"O ja, bitte. Wir haben das alles miteinander erlebt."
"So komm mit, Gebhard. Ich zeige dir gleich deine Schlafstätte." Vor der
Türe wartete der Hund, er schloß sich seinem kleinen Herrn an. Frau Dr.
Stegemann ging voran, führte ihre Gäste bis an das Ende eines langen
Ganges. "Hier ist das Gastzimmer, das wird für dich gerichtet, Helene;
wir wußten ja nicht, daß du kommst. Und hier gegenüber, ist deine
Kammer, Gebhard, sieh."
Sie traten in eine große, helle Kammer. Ein schlichtes Feldbett stand
darin. "Wie für einen richtigen Soldaten," sagte die Großmutter, "nur
daß es ein Kopfkissen und ein Federbett hat. Das bekommen ja die
Soldaten nicht, aber du bist ja auch noch keiner, sondern willst erst
einer werden."
"Schlafen sie ganz ohne Federbetten, die Soldaten?" fragte Gebhard
nachdenklich, "dann will ich's doch auch ohne versuchen."
"Willst du? Das ist recht! Weißt du, Federn sind so etwas weiches,
warmes, je weniger ein Bub davon wissen will, um so besser."
"Also weg damit!" rief der kleine Mann, "Großmutter, wohin?"
Er packte das Federbett. Aber Helene legte die Hand darauf. "O, bitte,
Mutter," sagte sie, "es ist doch zu kalt für das Kind, er ist es nicht
gewöhnt."
"So lassen wir das Bett hier. Du kannst es Nachts damit halten wie du
willst. Und sieh, da habe ich Platz gemacht für deine Kleider." Sie
schloß einen großen, altertümlichen Kleiderschrank auf. "Hier herein
kannst du deine Kleider hängen."
"Ich will ihm helfen, sie einzuräumen," sagte Helene. Ihr war jeder
Vorwand erwünscht, die Aussprache weiter hinaus zu schieben. Während sie
nun an den geöffneten Schrank trat, erhob sich Leo, der sich schon neben
Gebhards Bett gelegt hatte, folgte ihr, wurde unruhig, schob seine Nase
in den Schrank und fing an, zu winseln. Sie bemerkten alle das
wunderliche Gebahren. "Was ist da hinten in dem Schrank, Großmutter,"
fragte Gebhard. Sie griff hinein. "Es sind nur Kleidungsstücke." Sie
holte von den Haken, was da hing, ein Regenmantel, ein paar
Sommerkleider; immer aufgeregter folgte der Hund ihren Bewegungen und
jetzt, da sie wieder ein Kleidungsstück hervorzog, eine Herrnjuppe,
jetzt sprang das Tier hoch und steckte seinen Kopf hinein. "Ach, das ist
noch eine Juppe von deinem Vater, ist's möglich, daß er die erkennt?"
"Aber freilich, Großmutter, sieh nur, wie er schnüffelt, wie er sich
freut und daran zerrt!" Ein Ruck--und der Hund hatte die Juppe auf den
Boden gezogen. Er legte sich daneben, streckte die Vordertatzen in
ganzer Länge darüber, wühlte mit Behagen den Kopf in das Kleidungsstück
und nahm so fest Besitz davon, daß es nicht rätlich schien, es ihm
wegzunehmen. Gebhard warf sich neben seinem Hund auf den Boden,
streichelte ihn und redete mit ihm: "Wo ist denn der Herr, wo ist dein
guter Herr? Leo, denkst du an den Herrn?" Das Tier wedelte.
Gerührt von der Treue des Hundes wandte sich Helene ab, ließ sich
überwältigt von Sehnsucht und Schmerz auf dem Feldbett nieder und weinte
bitterlich. Frau Dr. Stegemann setzte sich neben die junge, von
Schluchzen erschütterte Frau und redete ihr in einem weichen,
mütterlichen Ton zu, den Helene noch nie von ihr gehört hatte. Da
schwand allmählich ihre Furcht und es überkam sie der Trieb, der Mutter
ihres Mannes das ganze Leid anzuvertrauen. Sie raffte ihre Kraft
zusammen. "Mutter," sagte sie, "es ist ja alles viel, viel
schrecklicher, als du ahnst!"
"Wie so? Weißt du mehr, als was du mir geschrieben hast? Hast du
Nachricht von Rudolf? Schlechte Nachricht?"
"Nein, nein; kein Wort habe ich von ihm gehört seit jenem Tag. Aber es
war anders als du denkst, ich kann es so schwer über die Lippen
bringen!"
Frau Dr. Stegemann richtete sich stramm auf und der weiche Ton war nicht
mehr in ihrer Stimme als sie, gefaßt auf die schlimmsten Mitteilungen,
zur Schwiegertochter sprach: "Rede endlich, Helene. Wir dürfen nicht
feig sein in dieser harten Zeit. Ich kann alles hören, auch das
grausamste. Und du mußt jede Wahrheit aussprechen können. Sei doch auch
tapfer, was hilft das Weinen?"
Bei diesen Worten stand Gebhard, der neben dem Hund gelegen, auf, trat
rasch an Helenens Seite und streichelte ihre Hand. "Großmutter," rief
er, "die Mutter kann nicht so tapfer sein wie du meinst, der Vater hat
mir gesagt, sie ist nicht aus so hartem Holz geschnitzt wie wir
Stegemanns. Man muß sie immer ganz zart behandeln!" Da schlang die junge
Frau den Arm um ihren Verteidiger und sagte zu ihm: "Die Großmutter hat
aber doch recht und ich will ja auch, daß sie alles erfährt. Gebhard,
erzähle du es, du warst ja dabei und du mußt nicht immer so weinen, wie
ich!"
"Ja," sagte Gebhard, "die Großmutter darf das wissen, sonst niemand auf
der Welt!"
Der kleine Mann gab sich einen Ruck, daß er stramm da stand und fing an:
"Großmutter, so war's: Zuerst kam ein deutscher Offizier mit fünf
Soldaten und besprach etwas ganz im geheimen mit dem Vater. Einstweilen
kochten die Soldaten auf unserm Herd und wir halfen ihnen. Dann sagte
uns der Vater, er müsse sie begleiten, aber kein Mensch dürfte wissen
wohin. Sie zogen bei Nacht miteinander fort. Am nächsten Tag kam der
Vater allein zurück und sagte, wir müßten schnell fliehen, die Russen
könnten bald kommen. Wir fingen gleich an, unsere Sachen auf die Wagen
im Hof zu laden, aber mitten hinein kam ein ganzer Trupp Russen mit
einem Offizier. Sie gingen die Treppe hinauf und ich ihnen nach. Im
Wohnzimmer war der Vater, aber die Mutter mit dem Jüngferlein war nicht
da. Der russische Offizier fragte, wohin die deutsche Patrouille
gegangen sei, die heute Nacht im Forsthaus eingekehrt sei und die der
Vater begleitet habe. Ich weiß nicht mehr genau, was der Vater zuerst
sagte, aber als der Offizier verlangte, er solle mit ihm gehen und ihn
denselben Weg führen, da sagte der Vater: "Nein, ich bin ein guter
Deutscher und werde nicht zum Verräter." Aber der Offizier hat ihm
gesagt: er könne doch nichts machen gegen so viele und er hat ihm
versprochen, er dürfte gleich wieder heimkommen, und uns allen solle gar
nichts geschehen; aber wenn er ihnen den Weg nicht zeige, müßten wir
alle sterben. Der Vater hat aber nicht nachgegeben und es war
schrecklich, wie zornig da der Offizier geworden ist, und weil ich auch
gerufen habe, der Vater soll nichts verraten, haben mich die Soldaten
ganz wütend gepackt und fest gehalten, da oben am Arm, wo es so weh tut,
und ich habe vor lauter Zorn nur immer geschrien: "Vater, tu's nicht!
Aber dann--" Gebhard stockte. Er sah die Mutter an. "Soll ich denn alles
sagen, Mutter, alles?"
"Alles, Gebhard!"
"Dann hat die Mutter die Schlafzimmertüre aufgeriegelt und hat von ferne
gerufen und gebeten, der Vater soll uns nichts geschehen lassen. Der
Vater hat auf die Mutter hingeschaut und dann hat er nicht mehr 'nein'
sagen können. Er ist mit ihnen gegangen und hat versprochen, sie zu
führen. Sie sind dann fortgeritten und wir haben gedacht, der Vater käme
am Abend wieder, der Offizier hat es ihm doch auf Ehrenwort versprochen.
Das Ehrenwort muß doch ein Offizier auch im Krieg halten, nicht,
Großmutter?"
Er bekam keine Antwort. Die Großmutter, die still mit verhaltenem
Schmerz den Bericht angehört hatte, sah ins Weite, wie wenn ihre Augen
den Sohn suchten, den sie verloren hatte. Helene griff nach ihren Händen
und bat leise: "Mutter, verzeih mir und verachte mich nicht ganz. Ich
weiß, du wärest heldenmütig gewesen und ich war feig, war in Todesangst;
das hat er nicht mit ansehen können und mir zuliebe ist er zum Verräter
geworden. Ich bin schuld, daß nun diese Schuld auf seinem Gewissen
liegt. Darum habe ich mich nicht entschließen können, dir zu schreiben.
Ich weiß ja, wie du mich verachten mußt, daß ich deinen edlen Sohn dazu
gebracht habe."
"Du hast ihn _nicht_ dazu gebracht, Helene, du irrst dich. Nichts auf
der Welt hätte ihn dazu bringen können. Ich kenne ihn. Er hat das nicht
getan!"
Heftig erregt erhob sie sich. Ihr Blick fiel auf Gebhard. "Schon als
Kind in deinem Alter hätte er das nicht getan, wie viel weniger als
Mann! Du hast das von deinem Vater geglaubt?"
"Ich habe es gehört, Großmutter, daß er 'ja' gesagt hat, und habe es
selbst gesehen, daß er mit den Russen gegangen ist!"
"Ja. So hat er euch das Leben gerettet und die Bande fortgebracht vom
Forsthof. Eine Kriegslist war das. Ja, er ist mit ihnen geritten, aber
wohin? Dahin, wo die deutsche Patrouille nicht war! Gebhard, kennst du
deinen Vater so wenig?"
Der Knabe senkte nicht den Blick vor dem strengen Ausdruck der
Großmutter; ein glückliches Leuchten flog über sein Gesicht. "So ganz
gewiß weißt du das, Großmutter? kann es gar nicht anders möglich sein?"
"Gebhard, wird es jemandem gelingen, deinen Leo, dies treue Tier, gegen
_dich_ zu hetzen? Wenn man ihn lockt, ihm droht? Schäme dich, zu denken,
daß irgend etwas auf der Welt deinen Vater vermocht hätte, die Deutschen
an ihre Feinde zu verraten!"
Zaghaft warf Helene ein: "Mein Bruder sagt, wer einmal in den Händen der
Russen ist, der wird mürbe gemacht, wenn er noch so tapfer wäre!"
"Dein _Bruder_ kann das sagen, er hat Rudolf kaum gekannt, aber du?"
Nachdenklich sah sie auf Helene und dachte unwillkürlich an die Worte:
"Aus anderem Holz geschnitzt." Wie biegsam war die junge Gestalt, wie
weich die Züge und sanft der Blick! Nachsichtig sprach sie zu ihr.
"Weil du selbst in jener Stunde schwach warst, hast du auch ihn für
schwach gehalten und hast doppelt darunter gelitten. Aber jetzt glaube
du mir und laß dich durch keine Einrede mehr irre machen. Dein Mann ist
_kein_ Verräter. Von den Treusten einer ist er. Glaube an ihn; ein
Märtyrer kann er geworden sein, ein Verräter nicht!" Tief erregt wandte
sie sich an Gebhard. "Gott gebe, daß du so wirst wie dein Vater! Einen
besseren Wunsch weiß ich nicht für dich!"
Erschüttert verließ sie das Gemach, sie mußte jetzt für sich allein
sein.
Ihr starker Glaube ging in dieser Stunde über in die Seele von Mutter
und Kind; die schwerste Last war der jungen Frau vom Herzen genommen.
Es blieb die Trauer um den Helden, aber das war ein edler Schmerz, der
ihr Herz erhob. "Gebhard," sagte sie, "wie waren wir so verblendet und
wie wollen wir von jetzt an stolz sein auf den Vater!" Und die beiden
waren fast glücklich zu nennen in diesem Augenblick. Aber die Mutter des
Helden kämpfte jetzt in ihrem Zimmer allein mit der tiefen Bewegung, in
die diese Unterredung sie versetzt hatte. Sie war überwältigt von dem
Gedanken an das Leiden ihres Sohnes. Was mochten die Feinde ihm angetan
haben in der Wut darüber, daß er ihnen nicht den rechten Weg wies? Das
gräßlichste, das sie ersinnen konnten. O wie grausig waren die Bilder,
die ihr vorschwebten! Hin und her ging sie in ihrem Zimmer und sprach
halblaut mit ihrem Sohn, wie wenn er sie hören könnte: "Du mein guter,
tapferer, treuer Sohn! So ganz allein. So weit fort von mir. Was haben
sie dir getan? Wirst du noch immer gequält und gepeinigt? Oder bist du
erlöst von allem Leid, selig aufgenommen als einer, der reinen Herzens
ist und Gott schauen darf? O, die schreckliche Ungewißheit!"
An der Zimmertüre wurde geklopft, das Dienstmädchen rief: "Frau Doktor,
die Schustersfrau aus dem Hinterhaus ist da und fragt nach Ihnen."
"Sie soll morgen kommen."
"Aber sie tut ganz verzweifelt. Sie hat schlechte Nachrichten."
"Ich habe auch schlechte und kann ihr keine guten verschaffen."
Das Mädchen wagte nichts mehr einzuwenden; aber dem fassungslosen jungen
Weib, das auf Trost und Hilfe wartete, gab sie auf eigene Verantwortung
den Bescheid: "Frau Doktor kommt gleich." Sie kannte ja ihre Frau; die
konnte wohl einmal schroff und abweisend sein, aber schließlich half sie
doch immer. Auch diesmal. Nach kurzer Zeit kam sie ruhig und gefaßt
heraus; kaum war ihr noch anzumerken, wie sie mit sich gekämpft hatte,
um wieder tapfer zu sein. Frau Siebel, die Schustersfrau, merkte
jedenfalls nichts davon; sie war vollständig vom eigenen Leid
hingenommen. Ihr lauter Jammer hatte auch Helene und die Kinder
herbeigerufen. Schluchzend zeigte sie eine Postkarte, die besagte, daß
ihr Mann schwer verwundet in der Pfalz liege und sich nach einem Besuch
von ihr sehne. "Sicher ist er schon tot," rief die junge Frau und hörte
gar nicht auf die ermutigenden Worte, mit denen ihr von allen Seiten
zugesprochen wurde. Sie wußte ganz gewiß, ihr Mann war tot.
"Dann wollen Sie also nicht in das Lazarett reisen?" fragte Frau Dr.
Stegemann kurz.
"Ei doch," sagte Frau Siebel, "deshalb wollte ich ja Frau Doktor um Rat
fragen, ich wäre so gern noch diese Nacht abgereist."
"So, nun sehen Sie, Sie glauben ja selbst, daß Ihr Mann noch lebt. Nun
lassen Sie auch das Weinen, dazu haben Sie Zeit in der Bahn; jetzt
müssen Sie für Ihr Kind sorgen, was machen Sie mit dem?"
"Das ist's ja eben, ohne mein Buberl kann ich nicht fort. Ich habe es
die neun Monate nie aus der Hand gegeben. Ich vergehe vor Angst, wenn
ich das Kind hier lasse!"
"So wollen Sie es mit auf die weite Reise nehmen?"
"Nein, nein, das wäre gar nicht auszuhalten, es zahnt und schreit so
viel!"
"Dann müssen wir eben eine Unterkunft suchen für den Kleinen. Am besten
in der Krippe."
"Mein Kind in die Krippe? Ach Gott, ich vergehe vor Heimweh nach dem
Kind!"
"Wenn Sie unter allen Umständen vergehen, kann ich Ihnen auch nicht
helfen," entgegnete Frau Stegemann ungeduldig. "Entweder mitnehmen oder
hier lassen--eines von beiden müssen Sie doch tun. Oder wissen Sie
einen dritten Weg?"
"Ach nein--aber--"
"Nun also. Seien Sie recht dankbar, daß wir eine Krippe haben, in der
man so einen kleinen Schreihals freundlich aufnimmt. Für heute nacht
will ich das Kind nehmen und morgen in der Krippe nachfragen. Jedenfalls
sorge ich für eine gute Unterkunft."
"Aber kann ich Ihnen denn das zumuten? Es ist doch gar zu viel!"
"Im Krieg hilft man zusammen. Ihr Mann ist ja auch für uns im Kugelregen
gestanden! So sorgen wir auch für sein Kind. Haben Sie denn das
Reisegeld?"
"Ich hoffe, daß es reicht!"
"Mit Hoffnungen kommen Sie am Schalter nicht aus. Ich will im Kursbuch
nachsehen und Ihnen im Notfall etwas vorstrecken. Gehen Sie einstweilen
und richten Sie alles!"
"Ach, ich bin ganz wirr im Kopf vor Schrecken!"
"Das paßt jetzt gar nicht. Im Gegenteil, Sie müssen Ihre Gedanken fest
zusammennehmen, damit Sie nichts vergessen."
Die Frau eilte davon, Frau Dr. Stegemann ging in die Küche zum Mädchen.
Das hatte die Verhandlung gehört. "Frau Doktor," sagte sie, "wenn ich
nur hätte dazwischen reden dürfen. Das Kind ist nicht gut zu haben, die
Frau ist so unvernünftig mit ihm, trägt es und kocht ihm bei Nacht, alle
Leute im Hinterhaus sagen es. Frau Doktor, jetzt wird's doch zuviel für
uns!"
"Zuviel? Liese, im Kriegsjahr gibt's kein 'zuviel' für mich, und für Sie
hoffentlich auch nicht!"
"Aber seine Nachtruhe kann man doch wenigstens verlangen."
"Meinen Sie? Fragen Sie doch Ihren Bräutigam, ob er sagen darf: 'Bei
Nacht wird mir das Schießen zuviel, da will ich meine Ruhe!'"
"Wenn man auch immer an den Krieg denkt! Das tun nur Sie, Frau Doktor!"
"Sie doch auch, Liese? Haben wir nicht miteinander zuerst das Backen
abgestellt, und die Kübel für das Schweinefutter eingeführt, und nicht
geruht, bis sie nach und nach in der ganzen Straße herauskamen? Ich
möchte jetzt gar keinen Menschen um mich haben, der nicht immerfort
fühlt: 'Jetzt ist Krieg, wie helfe ich?'"