Agnes Sapper

Erstes Kapitel.

Im gemütlichen Wohnzimmer eines Forsthauses in Ostpreußen saß ein

kleiner Familienkreis eng und traulich beisammen: der Förster Stegemann

mit seiner noch ganz jungen, lieblichen Frau, die ihr Kindchen in den

Armen hielt und versuchte, mit zärtlichen Worten und dem Spiel ihrer

Finger dem kleinen Geschöpf das erste Lächeln zu entlocken. Neben ihr

lehnte Gebhard, ein kräftiger, etwa zehnjähriger Junge; er sah nach dem

Schwesterchen, das so wohlig in der Mutter Armen ruhte, und wartete

gespannt, ob es noch einmal gelänge, das Lächeln hervorzuzaubern, das

vorhin wie ein Sonnenstrahl über das Kindergesichtchen gehuscht war. Als

es gelang, sah er die Mutter beglückt an und wandte sich lebhaft an

seinen Vater: "Hast du es diesmal gesehen?"

Nein, er hatte es wieder nicht gesehen, weil ihm etwas anderes noch

anziehender war, als das erste Lächeln seines Töchterchens. Er hatte auf

Mutter und Sohn gesehen. Ihn freute, daß diese beiden sich so gut

verstanden. Es war noch nicht lange her, daß er diese junge Frau

heimgeführt hatte, nachdem seine erste Frau, Gebhards Mutter, gestorben

war. Eine lange Reihe stiller Jahre hatte er mit dem Knaben verlebt, den

eine treue Magd schlicht und streng erzog. Innig nah standen sich Vater

und Sohn, ernst und pflichttreu war der Förster, anspruchslos der Junge.

Kräftig wuchs er in der frischen Waldluft heran und machte von seinem

sechsten Lebensjahr an täglich einen stundenlangen Weg, um auf einem

benachbarten Gut an dem Unterricht mit den Knaben des Gutsbesitzers

teilzunehmen. Auf diesem Weg begleitete ihn ein treuer Hund des

Försters, der schon immer sein Spielkamerad gewesen und jetzt sein

Beschützer auf einsamen Waldwegen war.

Bei einem Besuch seiner Mutter, die in Süddeutschland lebte, hatte der

Förster das fröhliche, liebevolle Mädchen kennen gelernt, das dann seine

zweite Frau geworden war. Noch immer war's ihm wunderbar und erfreute

ihn in tiefster Seele, daß solch ein neues Familienglück in seinem

Forsthaus erblüht war; und so sah er auch jetzt mit Wonne auf die junge

Frau, ohne daß diese es bemerkte, denn sie war ganz von der Kleinen

hingenommen.

Jetzt stund sie auf und legte das Töchterchen sorgsam in den Korbwagen.

"So Jüngferlein," sagte sie, "nach dieser großen Leistung, nachdem du

zweimal gelächelt hast, wirst du herrlich schlafen, draußen am offenen

Fenster!" Sie fuhr sachte den Wagen in das Schlafzimmer.

Gebhard wandte sich dem Vater zu. "Es ist so nett, wenn die Mutter

"Jüngferlein" sagt zu einem so kleinen Kind, hörst du das nicht auch so

gern, Vater? Überhaupt ist es jetzt so eine schöne Zeit! So soll's immer

bleiben, wie es jetzt ist!"

Stegemanns Gedanken wurden durch diesen Wunsch herausgerissen aus der

friedlichen Umgebung.

"Gebhard, du denkst nicht an den Krieg, sonst könntest du nicht von

einer schönen Zeit reden, die bleiben soll."

"Aber wir siegen doch, und das gibt dann die allergrößte Freude."

"Vorher werden viele Tausende von unsern deutschen Soldaten sterben!"

"Viele Tausende?" Gebhard wiederholte sinnend diese Worte und blieb eine

Weile ganz nachdenklich. Dann aber trat er dicht an den Vater heran und

begann mit eifrigen Worten: "Das darf man doch nicht so traurig sagen,

Vater? Die Soldaten ziehen doch gern in die Schlacht und wollen fürs

Vaterland sterben? Wenn ich nur schon älter wäre, und wenn du noch

jünger wärst, dann zögen wir miteinander in den Krieg, du wärst ein

Offizier und ich dein liebster Soldat und wenn du befiehlst:

'Freiwillige vor!' komme ich zu allererst. Aber mit zehn Jahren geht das

noch nicht, und du, Vater, gelt du bist schon zu alt, du hast doch schon

ein wenig graue Haare!"

"Die grauen Haare machen nichts; vielleicht komme ich doch noch daran.

Aber sei still, wir wollen damit der Mutter nicht angst machen."

Sie sahen beide nach der Türe, durch die die junge Frau eben wieder

hereintrat. Es lag noch der Schimmer mütterlicher Zärtlichkeit auf ihrem

Gesicht, als sie sagte: "Mein Jüngferlein schlummert schon."

"_Dein_ Jüngferlein, Helene? Mir gehört es auch!" Er zog seine Frau

zärtlich an sich.

"Und ein wenig gehört es auch mir, nicht, Mutter?"

"Freilich. Du wirst sehen, die kleinen Mädchen mögen die großen Brüder

am allerliebsten, lustig wird's, wenn sie erst mit dir spielen kann!"

Das konnte sich nun Gebhard noch nicht recht vorstellen, aber lustig

war's ihm schon jetzt zumute und er sprang hinaus und hinunter in den

Hof, mit seinem Leo zu tollen, seinem liebsten Kameraden. Bald ging auch

der Förster, den sein Beruf oft halbe Tage lang abrief, und Helene blieb

allein.

Der Forsthof lag einsam am Waldessaum, nahe der russischen Grenze; nur

ein paar Niederlassungen waren in der Nähe, von denen die eine dem

Straßenwärter gehörte, der die Grenzstraße zu hüten hatte, die andere

einem alten Waldhüter, der mit seiner Familie da hauste. Sonst waren

weit und breit keine menschlichen Ansiedelungen zu sehen, dunkler Wald

nach allen Seiten und große Stille.

Die da heimisch waren--wie der Förster und sein Junge--, die liebten

diese Waldeinsamkeit, aber Fremden kam sie unheimlich vor. Auch Helene,

als sie aus ihrer süddeutschen Heimat, aus städtischen Verhältnissen

hieher versetzt worden war, hatte anfangs furchtsam nach dem

Waldesdunkel hinübergeschaut und die Stille, während ihres Mannes und

Gebhards Abwesenheit, hatte sie bedrückt. Aber in ihren vier Wänden war

es ihr doch bald wohl geworden, denn da war sie von rührender Liebe und

Verehrung umgeben. Nicht nur Mann und Sohn, auch Knecht und Magd, ja

sogar die Hunde, vom großen Kettenhund bis herunter zum kleinen Dackel,

alle zeichneten sie aus, wie wenn sie sich immer daran freuten, daß

etwas so feines, sonniges, fröhliches in ihre Waldeinsamkeit gekommen

war. Und jetzt, seitdem sie Mutter geworden und ihr Kindchen jede Stunde

um sich hatte, jetzt konnte das Gefühl der Einsamkeit gar nicht mehr

aufkommen. Sie war voll Glück und Wonne, ja so sehr, daß sie manchmal

das schwere Geschick des Vaterlandes fast vergaß. Kam es ihr dann in den

Sinn, so machte sie sich im stillen Vorwürfe, sagte sich: kannst du denn

gar nicht unglücklich sein mit den vielen, die jetzt in Sorge und

Herzeleid sind? Dann legte sie schnell das Tragröckchen beiseite, das

sie besticken wollte, nahm den groben Soldatenstrumpf zur Hand, setzte

sich neben den Kinderwagen, strickte und strickte, sah dabei auf das

kleine Menschenknöspchen, das neben ihr schlummerte, und war eben wider

Willen doch glücklich. Aber der Krieg mit seinen Schrecken und Ängsten,

mit Sorgen und Jammer kam bald genug, ihr Glück zu stören.

Zweites Kapitel.

Es war eine stille Sommernacht zu Ende August, der Forsthof lag

friedlich, Mensch und Tiere hatten sich zur Ruhe begeben. Der Förster

allein war noch auf; die Zeitungen, die er diesen Abend erhalten hatte,

lagen vor ihm. Sie sagten ihm, wie nahe die Gefahr eines feindlichen

Einbruchs für das Grenzland war. Auch einen amtlichen Brief hatte er von

seiner vorgesetzten Behörde erhalten, den Befehl, zunächst noch auf

seiner Stelle zu verharren.

"Zunächst;" demnach konnte in Bälde die Anweisung kommen, den Forsthof

zu verlassen. Darauf wollte er alles vorbereiten. Er ordnete Papiere und

Wertsachen, um im Notfall alles Wichtige rasch bei der Hand zu haben,

und dann schrieb er an seine Mutter. Sie stand ihm sehr nahe, hatte

jedes Jahr in der Zeit seiner Vereinsamung die weite Reise von

Süddeutschland unternommen, um nach ihm und seinem mutterlosen Kleinen

zu sehen. Bei ihr fragte er an, ob Frau und Kinder Zuflucht finden

könnten, wenn sie die Heimat verlassen müßten und er selbst sich dem

Vaterland zur Verfügung stellen würde. Er hatte einst gedient und es war

ihm selbstverständlich, daß er an dem großen Kampf Teil nehmen würde,

sobald ihn sein Amt im Forsthaus nicht mehr zurück hielt.

So saß er heute bis spät in die Nacht hinein am Schreibtisch, während

seine Frau sorglos schlief. Er hatte ihr nichts mitgeteilt von seinen

Vorbereitungen. Sie kam ihm so jung und zart vor, besaß nicht die starke

Natur, die er selbst von seiner Mutter geerbt hatte, schien so recht für

Glück und Sonnenschein geschaffen. Wie sie mit Schwerem zurecht käme,

wie sie Leid und Entbehrungen ertragen würde, konnte er sich nicht

vorstellen. So wollte er ihr keine Last auflegen, so lange er allein sie

tragen konnte.

Mitternacht war es geworden, aber nun lagen auch alle Briefe und

Papiere geordnet und überschrieben vor ihm. Er hatte getan was geschehen

konnte und griff nun nach dem Neuen Testament; denn es trieb ihn, eines

von den Jesusworten zu lesen, die ihm oft schon Kraft gegeben hatten.

"Nicht mein sondern dein Wille geschehe." Er versenkte sich in die

Erzählung vom Kampf Jesu in Gethsemane.

Plötzlich wurde die Stille des Forsthofes gestört durch das Bellen des

Hofhunds. Stegemann horchte auf, hörte nichts, was den Hund beunruhigt

haben konnte. Aber das Bellen wurde lauter und auch die andern Hunde

taten mit. Stegemann öffnete das Fenster, schaute hinaus in die stille

Sommernacht, ging dann hinunter in den umzäunten Hof, rief die Hunde,

die unwillig knurrten, zur Ruhe und lauschte. Jetzt unterschied auch

sein Ohr das Geräusch von sich nähernden schweren Tritten draußen auf

der Landstraße. Wer kam da bei Nacht? War es Freund oder Feind? Ihm

ahnte nichts Gutes. Er eilte rasch ins Haus zurück und nahm den Revolver

zu sich. Auch den Knecht wollte er rufen; der war aber durch das Gebell

schon wach geworden und trat mit der Laterne in der Hand zum Förster.

"Wenn's Russen sind, dann gnad uns Gott!" sagte der Knecht.

"Mach die Kettenhunde los; sie lassen keinen über den Zaun."--

Wütend bellten die zwei großen losgelassenen Hunde und liefen aufgeregt

am Zaun hin und her. Von außen am geschlossenen Hoftor ertönte die

Glocke. Herr und Knecht sahen sich an. Wie aus einem Munde riefen sie:

"Russen sind das nicht, die klingeln nicht, die schlagen mit dem Kolben

an."

Der Förster trat näher.

"Wer ist draußen?" rief er. Und gut deutsch klang die Antwort:

"Preußische Infanteristen mit einem Befehl an den Förster."

Noch ein paar Fragen und Antworten wurden zu größerer Sicherheit

gewechselt. Dann rief der Förster dem Knecht zu: "Mach die Hunde fest."

Erst als die aufgeregten Tiere angekettet waren, konnte man wagen, das

Hoftor zu öffnen und die Soldaten einzuladen, die draußen harrten. Eine

Patrouille von fünf Männern war es, angeführt von einem jungen Leutnant.

Statt der gefürchteten Feinde unverhofft einen Trupp wackerer Feldgrauer

auf dem einsamen Forsthof zu haben, das war ein Hochgefühl, vor allem

auch für die geängstigte junge Frau, die wie auch Gebhard vom Lärm der

Hunde erwacht war und mit dem Knaben am Fenster stehend den Vorgang im

Hof beobachtet hatte.

"Preußen sind's, Preußen!" rief Gebhard, der zuerst beim Laternenschein

die Uniform erkannte.

"Wirklich! Gott Lob und Dank," antwortete die Mutter und machte sich in

fliegender Eile zurecht, um die unverhofften Gäste zu begrüßen und für

sie zu sorgen. Aber noch ehe sie so weit war, suchte ihr Mann sie auf.

"Ich komme schon," rief sie ihm eifrig entgegen, "wollen die Soldaten

bei uns übernachten? Soll ich Betten richten?"

"Das nicht, sie halten nur kurze Rast; dann geht ihr Marsch weiter und

ich, ich muß sie begleiten."

"In der Nacht? Wohin?"

"Das darf ich dir nicht sagen; es ist eine Vertrauenssache, ein geheimer

Befehl, von dem auch nur der Offizier weiß."

"Wie unheimlich, Rudolf! Wann kommst du wohl wieder?"

"Vielleicht schon in ein paar Stunden.--Wenn du nur schnell helfen

wolltest, Tee für die Leute zu machen. Die Soldaten haben schon Auftrag

erhalten, den Herd zu heizen und Wasser aufzusetzen."

"Die Soldaten heizen unsern Herd? Das muß ich sehen. Komm, Gebhard, geh'

mit mir hinunter! Ich habe noch nie Soldaten kochen sehen. Mit fünf

Köchen, das muß ja schnell gehen!"

Ja, nach zehn Minuten war der Tee auf dem Tisch und nach weiteren zehn

Minuten war gegessen und getrunken, was eiligst aufgetragen worden; und

die fünf Mann bedankten sich bei der jungen, fröhlichen Förstersfrau.

Der Förster mit Flinte und Jagdhund sah aus, als wenn er auf die Jagd

ginge. Im letzten Augenblick nahm er seine Frau beiseite: "Behalte

Knecht und Magd bei dir, stelle dich ängstlich, rufe sie herein, laß sie

Tee trinken. Ich will nicht, daß uns jemand folgt. Kein Mensch soll

wissen, in welcher Richtung wir gehen."

Er gab rasch seiner jungen Frau einen Abschiedskuß--das war nichts

besonderes; aber daß er im Vorbeigehen auch Gebhard einen Kuß gab, das

kam dem Kind sehr verwunderlich vor, denn Zärtlichkeiten waren zwischen

Vater und Sohn nicht üblich.--

"Wegen ein paar Stunden Trennung küßt man sich doch nicht?" sagte sich

Gebhard und war sehr nachdenklich, während er in sein Schlafzimmer ging,

um sich wieder zu legen. Zum erstenmal waren Soldaten ins Haus gekommen;

der Offizier hatte mit dem Vater Kriegsgeheimnisse besprochen, die kein

anderer Mensch erfahren durfte. Ein wenig unheimlich war die Sache, aber

doch sehr spannend. Heute Nacht war der Krieg ins eigene Haus gedrungen,

jetzt erst fing er so recht an für Gebhard.

Und die junge Mutter konnte, nachdem sie Knecht und Magd entlassen,

lange nicht wieder den Schlaf finden. An der Seite ihres Mannes hatte

sie noch nie den Krieg gefürchtet; aber ohne ihn überkam sie eine große

Angst. Es war so finster, so still und schwül. Vielleicht konnte sie

besser schlafen, wenn sie die Türe aufmachte ins Nebenzimmer, zu

Gebhard. Sie tat es leise, um ihn nicht zu wecken, und freute sich doch,

als sie bemerkte, daß er noch nicht schlief.

"Bist du es, Mutter?" rief er und richtete sich ganz munter auf.

"Ja, es ist so schwül; ich will die Türe ein wenig offen lassen."

"Das ist nett, dann können wir plaudern. Ich möchte so gerne erraten,

warum der Vater mit den Soldaten gegangen ist. Aber vielleicht ist es

besser, wenn wir es nicht erraten; weil es doch ein Kriegsgeheimnis ist.

Nur der Vater darf es wissen; er muß stolz darauf sein. Ich wäre auch

stolz darauf und würde das Kriegsgeheimnis niemand verraten; außer

vielleicht dir, Mutter. Oder darf ich's auch dir nicht verraten?"

"Du weißt es ja gar nicht, Gebhard," sagte die Mutter und lachte

fröhlich. Die Luft kam ihr schon nicht mehr schwül vor; und bald

schliefen Mutter und Sohn ebenso ruhig wie das Kindchen im Korbwagen und

ahnten so wenig wie dieses, daß sie zum letzten Mal im Forsthaus

schliefen.

Am Morgen des folgenden Tages kam, angestrengt von langem, eiligem

Marsch, Stegemann zurück. Nach der schlaflosen Nacht sollte er sich mit

einem guten Frühstück stärken und die verlorene Nachtruhe nachholen, das

war der Wunsch seiner jungen Frau; ungesäumt wollte sie für seine

Bewirtung sorgen. Er aber hielt sie zurück: "Das ist jetzt Nebensache,"

sagte er eilig, "wir haben viel Wichtigeres zu tun. Leutnant N. riet mir

dringend, heute noch mit Frau und Kind und, soweit möglich, mit Hab und

Gut abzuziehen. Erschrick nicht so, Liebste, die Straße ist noch frei

von Feinden; aber wir wollen auch gar keine Zeit verlieren. Jetzt gilt

es aufpacken, was das Nötigste und Wertvollste ist, um so schnell es nur

irgend geht, an die Bahn zu kommen. Ich sage gleich den Leuten, sie

sollen helfen, auch sie müssen fliehen. Es kann sein, daß die Russen der

Spur der Patrouille folgen, die heute nacht hier war. Nun, Gebhard,

hilf der Mutter!"

In wenigen Minuten war der stille Forsthof erfüllt von lärmendem,

hastigem Treiben. Der Knecht fuhr den Wagen vor und lud auf, was ihm

zugereicht wurde: Betten, Kleider, Wäsche, auch allerlei Vorräte aus

Küche und Kammer. Gebhard lief aus und ein, fast fröhlich in der

eifrigen Tätigkeit. Knecht und Magd trugen ihre Bündel herbei.

Keine halbe Stunde war verflossen; da suchte der Förster seine Frau auf,

die an ihrem Wäscheschrank stand und trieb zur Abfahrt: "Es ist genug,

laß alles andere, wir fahren!"

Ganz erstaunt schaute sie auf: "Daß du so ängstlich bist! Auf eine

Viertelstunde kommt es doch nicht an; die kleine Aussteuer vom

Jüngferlein--" sie unterbrach sich: "Horch!" Die Hunde bellten, der

Förster eilte ans Fenster. Er wandte sich sofort wieder zurück: "Es ist

schon zu spät," sagte er, "die Russen kommen!"

Er sprach ruhig; aber sein Gesicht verlor alle Farbe. Auch seine Frau

trat ans Fenster und fuhr erschreckt zurück: "Um Gottes willen, was

sollen wir tun?" rief sie in Todesangst.

"Geh da hinein und schließe dich ein!" rief ihr Mann. Er faßte sie

schnell, drückte sie an sein Herz, küßte sie stürmisch und führte sie in

das Schlafzimmer zu ihrer Kleinen.

"Gott behüte euch," rief er, "schließe zu!"

Sie schob den Riegel vor.

In diesem Augenblick kam Gebhard atemlos: "Vater, russische Reiter sind

im Hof, sie fragen nach dem Förster. Was wollen sie denn von dir?"

Herr Stegemann zog sein Kind leidenschaftlich an sich: "Sie wollen

vielleicht wissen, wohin unsere Soldaten heute nacht gegangen sind."

"Aber das darfst du ihnen doch nicht sagen?"

"Nein."

"Was wird dann, Vater?"

"Was Gott will."

Der Anführer der russischen Truppe, die aus etwa 15 Mann bestand, trat

in das Zimmer, den Revolver in der Hand; einige seiner Leute folgten,

andere hielten Wacht an der Türe. Es kam, wie der Förster vorausgesehen.

Der russische Offizier wollte wissen, wohin die deutsche Patrouille,

deren Spur sie gefunden hatten, gezogen sei. Offenbar war seine Absicht,

ihr zu folgen, sie abzufangen, ehe sie ihren Zweck erfüllen und über

ihre Erkundung den Deutschen Nachricht geben konnte. Ein polnischer

Waldarbeiter hatte ihm verraten, daß der Förster die Patrouille geführt

hatte. Und nun sollte er die Feinde führen, die zu Pferd die deutschen

Fußgänger leicht einholen würden.

Der Förster, die Rechte auf den Tisch gestützt, hörte die Forderung.

Fest klang seine Antwort: "Sucht sie selbst. Ihr könnt vom deutschen

Mann nicht verlangen, daß er die Deutschen verrate."

Neben dem Vater stand Gebhard mit glühenden Wangen. Wie ein Held

erschien ihm der Vater, da er dem russischen Offizier kurz und fest den

Dienst verweigerte.

Der Russe aber lachte höhnisch, im Gefühl der Übermacht: "Sie sind ein

Tor. Wollen Sie nicht, so sind Sie mit Weib und Kind in 5 Minuten

niedergemacht."

Tief aufatmend antwortete der Förster: "Ich werde nicht zum Verräter."

Dem Offizier stieg der Zorn auf, aber ihm lag daran, einen willigen

Führer zu gewinnen, so bezwang er sich. "Nehmen Sie Vernunft an," sagte

er. "Sie entschuldigt die Not. Sie sind machtlos in unseren Händen.

Entschließen Sie sich rasch, daß uns die kostbare Zeit nicht verloren

geht. Dann sollen Sie, auf Offiziersehre, unversehrt zurückkehren,

sobald wir die Deutschen erreicht und noch ehe sie Sie gesehen haben.

Weib und Kind können Sie in Sicherheit bringen, Ihr Hab und Gut soll

unberührt bleiben."

Der Förster schwieg.

"Vater, tu's nicht!" rief Gebhard leidenschaftlich. Der Offizier wandte

sich heftig gegen den Knaben, packte ihn, schob ihn beiseite und rief:

"Der soll der erste sein, der vor Ihren Augen erstochen wird, wenn Sie

nicht augenblicklich folgen."--"Haltet den Buben!" befahl er den

Soldaten. Die ergriffen Gebhard mit rauher Hand. Wütend setzte er sich

zur Wehr; doch sie packten ihn so fest, daß er kein Glied mehr rühren

konnte; aber das konnten sie nicht hindern, daß er immer lauter rief:

"Vater, tu's nicht!"

Der Förster biß die Zähne aufeinander; noch schien er unentschlossen.

Aber in diesem Augenblick wurde der Türriegel des Nebenzimmers

zurückgeschoben und unter der halbgeöffneten Türe erschien seine Frau.

Ihr junges, rosiges Gesicht war totenblaß; sie hatte gehört, was die

Männer verhandelten und wußte, daß ihr Leben und das von Mann und

Kindern auf dem Spiel stand. Bebend vor Angst wagte sie nicht, die

Schwelle zu überschreiten, hielt die Türklinke in der Hand und rief

ihrem Mann flehend zu: "Ich bitte dich um Gottes Willen, rette uns, o

denke an die Kinder!"

Der Russe nahm seinen Vorteil wahr. Er grüßte die Dame des Hauses: "Ja,

gnädige Frau, sprechen Sie Ihrem Gemahl zu. Geht er mit uns, so mögen

Sie unbehelligt von hier fliehen, und Ihr Mann wird in kurzer Zeit

nachfolgen, auf Offiziersehre. Tut er es nicht, so gebe ich Sie meinen

Soldaten preis."

Schaudernd zog sich die geängstigte Frau vor den Blicken der rohen

Soldaten zurück.

"Ich gehe!" laut und fest sagte es der Förster und wandte sich der Türe

zu.

"Vater, tu's nicht!" Noch einmal kam der Ruf von Gebhard, der noch immer

umklammert war von harten Soldatenfäusten.

Der Vater wandte sich an den Offizier: "Lassen Sie mein Kind frei, nach

Ihrem Ehrenwort."

Ein Wink des Offiziers und die Soldaten ließen den Knaben los; aber sie

drängten sich zwischen ihn und den Förster und ließen die beiden nicht

zueinander kommen. Nur konnten sie nicht verhindern, daß ein letzter

Blick vom Vater zum Sohn ging, ein Blick voll Liebe und Stolz.

"Vorwärts!" befahl der Offizier.

Sie verließen das Zimmer; Gebhard rannte nach der Schlafzimmertüre, die

wieder verriegelt war. "Mach auf, Mutter, sie sind fort!" und außer sich

vor Zorn und Jammer rief er. "Der Vater ist doch mit ihnen gegangen!

Jetzt muß er die Deutschen verraten!"

Helene war erschüttert durch die Verzweiflung des Knaben. Sie versuchte

ihn zu trösten, zog ihn in mütterlicher Zärtlichkeit an sich: "Der Vater

kommt morgen schon zurück, der Offizier hat's auf Ehre versprochen.

Sieh, wenn er nicht nachgegeben hätte, wären wir alle umgebracht worden.

Er hat mitgehen müssen, er hat doch nicht anders gekonnt!"

"Aber der Vater darf doch die Deutschen nicht verraten," schluchzte das

Kind.

"Denke nicht mehr _daran_. Denke, daß wir jetzt alle grausam mißhandelt

und getötet würden. Gott Lob, daß der Vater uns davor behütet hat."

Gebhard konnte sich nicht fassen, zornig stampfte er und rief: "Der

Vater darf doch kein Verräter sein!"

Die Mutter sah den Knaben starr an: "Hast du kein Herz für den Vater,

für mich und für unsere Kleine? Wolltest du, wir wären grausam

hingemetzelt, du und wir alle?"

Ohne den Vater: Erzählung aus dem Kriege · 第 3 / 6 题