Trockne Kiesel

Ach, ihr enttäuscht mich, meine Lieder,

Ihr gebt die Farbenpracht nicht wieder!

Sind auch die Worte noch so reich,

Sie scheinen unecht und erlogen,

Vergleiche ich sie mit den Wogen,

Wie sind doch meine Farben bleich!

Was aus dem Herzen mir geflossen,

Das hab ich treu hinein gegossen

In eines Mannes redlich Werk.

Wie fröhlich regte ich die Hände!

Jetzt da die Arbeit ging zu Ende

Erscheine ich mir wie ein Zwerg.

Du kannst nur leere Reime schmieden,

Dir ist ja doch kein Sieg beschieden,

Das freie Meer bezwingst Du nie.

Der Vers, den mühsam Du erdachtest,

Den zu Papier mit Fleiß Du brachtest,

Hat eine andere Melodie.

Sobald die Flut zurückgetreten,

Dann leuchtet, wie aus Blumenbeeten,

In aller Farben frohem Schein,

In weißem, rotem, grünem Schimmer,

In tausendfältig buntem Flimmer

Aus nassem Sand der Kieselstein.

Umrahmt von feuchter Tropfen Kranze

Erstrahlt der Stein im hellsten Glanze,

Er funkelt, wie in Gold gefaßt.

Die Sonne und die Winde kommen,

Schnell ist die Glut verlöscht, verglommen,

Schnell ist der Diamant verblaßt.

So leuchten mir auch die Gedanken,

Wenn meine Träume sie umranken,

Wie Kiesel auf dem feuchten Strand;

Doch ach, die Träume, sie verfliegen,

Seh auf dem Tisch Papier ich liegen,

Das nüchtern allen Glanz verbannt.

Was prächtig eben noch gefunkelt,

Das ist verblichen und verdunkelt,

Die bunten Farben halten nicht;

Die Phantasien, die mich locken,

Entschwinden, grau erscheint und trocken

Der Kieselstein und mein Gedicht.

Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen · 第 154 / 211 题