Mich hat aus meinem warmen Zimmer
Die Langeweile aufgescheucht,
Es war, wie im Dezember immer,
Im Freien neblig, kalt und feucht.
Ich sah, kaum konnt ich es begreifen,
Wie so etwas passieren mag,
Gespenster durch die Straßen streifen,
Gespenster hier am hellen Tag.
Ist dies die Nacht ruchloser Helden,
Wo unerlöste Seelen stumm,
Wie dies die deutschen Märchen melden,
In alten Türmen gehen um?
Ist dies die Nacht, wo Elfen schwärmen,
Wo sie geheimnisvoll und bleich
Im Totentanze seltsam lärmen
Rings um den traumverlornen Teich?
Ist dies die Nacht, die schaurig helle,
Die Er zur Heerschau ausgewählt,
Wo Er inmitten der Marschälle
Die Schatten der Getreuen zählt?
Doch Geister auf Pariser Gassen,
Zwei Schritt nur von den Varietés,
Wie können die sich sehen lassen
Im Straßenkot, im feuchten Schnee?
Ein Anblick, wahrlich, ein aparter!
Kein Zahn, nur Runzeln im Gesicht,
So zeigt der Boulevard Montmartre
Das tolle Volk im Mittagslicht.
So etwas sang noch nie ein Barde!
Den Tschako schwenkt die kleine Schar ...
Die Uniform der alten Garde,
Dazwischen schleicht auch ein Husar.
Sie kommen langsam angezogen,
Mit müden Schritten, ohne Laut,
Ein jeder kennt die Bilderbogen,
Worauf man diese Alten schaut.
Der Tod gab sie nicht wieder heute,
Kein Trommler hat sie aufgeschreckt,
Es hat nur ein paar alte Leute
Des Kaisers Heimkehr aufgeweckt.
Seit sie die letzten Schlachten schlugen
Nahm dieser zu und jener ab,
Die Kleider, die sie damals trugen,
Sind dem zu weit und dem zu knapp.
Armseliger Trödel, heilige Fetzen,
Ihr Lumpen mit dem roten Band,
In keines Königs reichsten Schätzen
Trifft man ein schöneres Gewand!
Ein Haarbusch, der sich mühsam fristet,
Ein Pallasch mit zerbeultem Griff,
Die Motte hat sich eingenistet
Im Loch, durch das die Kugel pfiff.
Die Hosen schlagen tausend Falten,
Die Sporen fraß beinah der Rost,
Es schlottert mancher dieser Alten
Erbärmlich bei dem harten Frost.
Und wieder andere sieht man keuchen,
In ihren Dolman eingezwängt,
Mit wohlgepflegten dicken Bäuchen,
Die Nähte werden fast gesprengt.
Kein Spott! es wäre jammerschade,
Nehmt eure Hüte in die Hand,
Seht Helden einer Iliade,
Wie kein Homer sie je erfand.
Habt Ehrfurcht! diese Bronzefarbe
Hat aller Zonen Hauch gebeizt,
Die Stirn zeigt manch verharschte Narbe,
Die vieler Jahre Furchen kreuzt.
Ägyptens Wüste, heiß und trocken,
Sie dörrte jenen schwachen Greis,
Dem Rußlands kalte Winterflocken
Die braunen Haare färbten weiß.
Es zittern ihre müden Hände ...
Die Beresina weiß, wovon!
Die Füße hinken ... welch ein Ende
Von Moskau bis nach Lissabon!
Der geht gebückt ... in hundert Nächten
Hielt ihn das Fahnentuch nur warm!
Dem fliegt der Ärmel an der rechten ...
Gewiß, ihm fehlt der rechte Arm!
Drum keinen Spott! laßt sie nur gehen,
Die jeder Bube heut verlacht,
Den Morgen haben sie gesehen,
Wir aber sehen nur die Nacht.
Was ihr verlort, hier blieb's erhalten!
Die Grenadiere, der Husar,
Seht vor der Säule diese Alten,
Da steht ihr Gott, ragt sein Altar.
Stolz auf das Leid, das sie getragen,
So hören Frankreichs Herz sie jetzt
Laut unter ihren Lumpen schlagen,
Die längst die Zeit zernagt, zerfetzt.
In Tränen wandelt sich das Lachen,
Rings wird es still mit einem Mal,
Entschlafene Zeiten, sie erwachen,
Das ist ein heiliger Carneval.
Und über diesem Maskenzuge
Und über dieser bunten Schar,
Da breitet noch einmal im Fluge
Den Fittich aus der Kaiseraar.
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[Fußnote 2: Am 15. Dezember 1840 wurde Napoleons Leiche in Paris
beigesetzt. Seitdem zogen alljährlich an diesem Tage die Veteranen der
großen Armee nach dem Invalidendom.]