»Mich mit Herrn von Brinckenwurff geschossen!«
»Und was ist herausgekommen?«
»Nicht allzu viel. Immerhin wird es einige Monate dauern, bis mein
Komparent seinen rechten Arm wieder zum Pistolenschießen gebrauchen
kann. Der Knochen ist gesplittert, und die Kugel sitzt irgendwo in der
Schulter. Der Doktor buddelt noch danach. Vielleicht aber benutzt Herr
von Brinckenwurff die unfreiwillige Muße zu innerer Einkehr und wird
wieder friedlich.«
Gaston schwoll die Ader auf der Stirn.
»Hat er Sie gefordert, oder Sie ihn?«
»Das letztere. Gleich nachdem Herr Rittmeister von Kalinzinnen
abgefahren waren, rief mich nämlich meine Cousine Annemarie telephonisch
an, Herr von Brinckenwurff hätte sich in despektierlicher Weise über die
ganze Sippe derer von Gorski erhoben. Das verdroß mich natürlich als
Mitglied dieser ehrenwerten Familie, und da benutzte ich die
segensreiche Erfindung des Fernsprechers, um meinem ehemaligen
Jugendfreunde auf diesem ungeheuer viel Zeit ersparenden Wege aufs Dach
zu steigen. Er verfuhr am anderen Ende der Leitung auch nicht
sänftiglich mit mir, und da einigten wir uns rasch. Eine Stunde später
trafen wir uns mit dem nötigen Apparat an Sekundanten, Unparteiischem
und so weiter an den idyllischen Ufern des Tatarensees -- das Ergebnis
habe ich Herrn Rittmeister schon gemeldet.«
Gaston hatte mit zornigen Augen zugehört.
»Herr von Gorski, ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß Sie mir da in
höchst unerfreulicher Weise in die Quere gekommen sind. _Mir_ gehörte der
Mann, der es sich herausgenommen hatte, gegen meine ... gegen eine junge
Dame, die mir nahesteht, also der es sich erlaubt hatte, ungezogen zu
werden. Wie soll ich's jetzt Fräulein Annemarie erklären, daß ich nicht
sofort im Augenblick dazwischentrat? Weil es mir als billige Renommage
erschienen wäre. Jetzt muß sie denken, es hätte mir vielleicht an dem
erforderlichen Mute gefehlt. Und alles nur, weil es mir nicht gelungen
ist, Herrn von Lüttritz zu erreichen, der die Uebermittlung meiner
Forderung ohne lange Auseinandersetzungen übernommen hätte!«
Der Kleine machte ein möglichst zerknirschtes Gesicht.
»Ich sehe ein, Herr Rittmeister, ich bin leider Gottes noch immer ein
vorlauter und unbesonnener Knabe. Aber da ich schon längst die
Befürchtung hegte, diese Untugenden könnten mich vielleicht einmal in
Konflikte stürzen, paukte ich mich in meinen Mußestunden auf Pistolen
ein. Durch Fleiß und Eifer brachte ich's im Laufe der Jahre dahin, daß
ich sogar um ein weniges besser schoß als der lange Brinckenwurff. Und
der konnte es eklig, produzierte manchmal, wenn wir im Park von Orlowen
übten, recht nette Kunststücke. Da sagte ich mir in diesem Falle, es ist
doch nicht gerade nötig, daß er diese Fertigkeit zur Ausrottung meiner
ganzen Verwandtschaft mißbraucht. Nicht nur meines verehrungswürdigen
Onkels in Kalinzinnen, sondern auch eines, allerdings erst
anzuheiratenden Cousins.«
Gaston hatte verstanden, die Augenwinkel wurden ihm feucht.
»Na ja, schön! Aber ich kann nun reden und reden ...«
Karl von Gorski schluckte ein wenig, sah zum Fenster hinaus, vor dem ein
plötzlich einsetzender Windstoß die fruchtbehangenen Kronen der
Obstbäume bog.
»Ja natürlich! Diese kleinen Frauenzimmer ... pardon, ich wollte sagen,
jungen Damen ... ja also, es ist zu merkwürdig. Mit der einen Hälfte des
Herzens zittern sie um den Geliebten, in der anderen Hälfte aber regt
sich allerhand Unklares, Romantisches ... Ich hab' sie gründlich
angebrüllt per Telephon, meine Cousine Annemarie. Und zufällig traf ich
die richtigen Argumente, die ihr einleuchteten: daß Herr Rittmeister
nämlich keiner von denen wären, die gleich einer eilegenden Henne kakeln
und spektakeln würden, wenn sie sich etwas vorgenommen hätten.«
Gaston atmete tief auf, streckte die Hand aus.
»Junge, wie soll ich Dir das alles mal vergelten?«
Der Kleine schnüffelte mit der Nase, aber sein Mund lachte schon wieder.
»Privatdiskursch, Herr Rittmeister, wie unsere österreichischen
Bundeskollegen sagen?«
»Aber natürlich!«
»Dann, lieber Vetter Gaston, machen Sie um Unbeträchtlichkeiten kein
Brimborium! Ein Pistolenvirtuose wie ich, der auf dreißig Schritt und
Kommando Eins 'nen Hosenknopp trifft, hat's verdammt billig, Mut zu
zeigen. Immerhin, wenn ich in Weichselmünde sitze und Ihr auf der
Hochzeitsreise seid im schönen Land Italia, bitt' ich um eine
Ansichtskarte. Die kleb' ich dann mit einem leichten Seufzer an die
kahle Zellenwand und beseh' sie von Zeit zu Zeit mit neiderfülltem
Herzen.«
Das Telephon schrillte an der Wand, Gaston hob den Hörer ab.
»Ja, hier Rittmeister von Foucar.«
»Die Antwort aus Eßlingen ist da,« sagte das Fräulein auf dem Amte,
»darf ich vorlesen?«
»Ja, bitte!«
»Also: Rittmeister von Foucar, Ordensburg. Sehr erstaunt über Anfrage.
Ihre Mutter vor Wochen unpäßlich gewesen, jetzt wieder ganz gesund.
Spielen abends Bézigue wie immer und zanken uns, hoffen, Sie nach
Manöver längere Zeit hier zu sehen. Gruß von Mutter und Justizrat
König.«
»Danke verbindlichst,« sagte Gaston. Seine Stimme klang heiser vor
Erregung. Die Beweiskette war geschlossen. Er deckte die Hand über die
Augen, lehnte sich ein Weilchen lang mit der Schulter gegen die Mauer.
Die überreizten Nerven gehorchten nicht mehr, er schluchzte leicht auf.
Karl von Gorski sprang hinzu.
»Um Gottes willen, Herr Rittmeister, haben Sie eine traurige Nachricht
gekriegt?«
Da sammelte er sich langsam.
»Nein, lieber Kleiner. Nur, ich mache hier eben 'was durch ... das
könnte auch einen Stärkeren umwerfen. Wenn mir nicht der liebe Gott
geholfen hätte, als es vielleicht noch Zeit war, war ich morgen ein
verfemter Mann.« Und er fing an, zu erzählen, wie es angefangen hatte,
was jetzt in einem grausigen Werk der Vernichtung endigen sollte.
Als er alles herunter hatte von der Seele, kehrte auch seine Ruhe
wieder. Ganz kaltblütig traf er seine Dispositionen. Am Abend reiste er
natürlich ab, als wenn er nicht den geringsten Argwohn geschöpft hätte,
stieg auf der ersten Station wieder aus und fuhr mit vorher bestelltem
Wagen zurück. Mit Dunkelwerden rückte die fünfte Schwadron zu einer
Nachtfelddienstübung aus, stellte sich am Eisenbahndamme auf, und dann
gab es ein Kesseltreiben um das kleine Häuschen. Eine einzige
Schwierigkeit war nur zu überwinden. Wie man nämlich einen zuverlässigen
Mann im Hause unterbrachte, ohne daß der Bursche Wichotta argwöhnisch
wurde. Es war vielleicht nur eine Vermutung, daß er dem geplanten
Anschlag Vorschub leistete, aber sicher war sicher. Und irgend jemand
mußte doch da sein, der den weit fort am Bahndamm haltenden Dragonern
ein Zeichen gab, den Ring zu schließen, wenn die Verbrecher am Werke
waren.
Der Kleine hatte in einer Art von Erstarrung zugehört.
»Grauenhaft ist das,« sagte er endlich, »und wenn die gefälschte
Depesche da nicht wäre ... na schön! Den Wagen in Kalinzinnen stelle
ich. Ich will es auch übernehmen, mich nach Dunkelwerden hier in den
Garten zu pürschen, aber einen Rat möchte ich mir noch erlauben: es
dürfte sich doch sehr empfehlen, auch den Herrn Oberstleutnant ins
Vertrauen zu ziehen. Es urteilt sich bedeutend leichter, wenn man schon
vor der Verhandlung Partei ergriffen hat.«
Gaston konnte nicht mehr antworten, der Bursche trat ins Zimmer, brachte
den Bescheid vom Regimentsbureau. Er riß das Kuvert auf und sagte mit
gespieltem Erstaunen: »Denken Sie sich bloß, Herr von Gorski, der
Kommandeur will mich noch sprechen, ehe ich auf Urlaub gehe!«
Der Kleine heuchelte mit: »Wahrscheinlich handelt es sich um den Bericht
wegen des Zwischenfalles an der Grenze. Aber da müssen Herr Rittmeister
sich beeilen. Um acht Uhr geht der Zug.«
»Ja natürlich. Also, Wichotta, packen Sie fertig! Den Krümperwagen
bestelle ich selbst im Vorbeigehen. Und in einem zweiten Koffer
Paradeanzug mit allem, was dazu gehört. Für den Fall, daß ich ihn da
unten gebrauchen sollte.«
Der Bursche machte ein betrübtes Gesicht. Er verriet sich in seiner
Dummheit, ohne es selbst zu merken.
»Ich wünsch' Herrn Rittmeister,« sagte er, »die traurigen Nachrichten
sollen sich nicht bewahrheiten.«
Da wechselte Gaston mit seinem Leutnant einen kurzen Blick. Es stimmte.
Der Schweinehund da war mit im Komplott.
Und ein paar Stunden später kannte der Rittmeister von Foucar alle
Einzelheiten des gegen ihn gerichteten Anschlages.
Der Zug setzte sich schon in Bewegung, da wurde im letzten Augenblick
die Coupétür aufgerissen, ein Reisender stieg noch ein. Gaston blickte
auf, es war der pensionierte Kanzleibeamte, der sich auf der anderen
Straßenseite angesiedelt hatte! Da wußte er Bescheid. Der Kerl fuhr mit,
um seine Spießgesellen zu warnen, falls irgend ein unerwarteter
Zwischenfall einträte. Und in einer Viertelstunde mußte er mit ihm ins
Reine kommen, denn fünfzehn Minuten fuhr der Zug nur bis zu der ersten
Station. Da eröffnete er kurzerhand die Feindseligkeiten.
»Sehr nett von Ihnen, Herr Nachbar, daß Sie sich persönlich davon
überzeugen, ob ich auch wirklich abgefahren bin. Wie weit sollen Sie
mich nun eigentlich begleiten, damit die Schweinerei in meinem
Schreibtisch fertig ist?«
Der andere sah ihn ganz entgeistert an.
»Wie ... wie meinen Sie das, Herr Rittmeister?«
Da mußte er auflachen. Der Kerl sah komisch aus mit dem vor Erstaunen
geöffneten Munde.
»Kommt Ihnen ein bißchen überraschend? Na, dann lassen Sie sich sagen,
wir beide werden schon in Kalinzinnen aussteigen. Und sehen Sie mich
nicht so ungläubig an: Sie werden _wirklich_ mit aussteigen! Nur ich werde
natürlich dafür sorgen, daß Sie mit keinem Telephon in Verbindung
kommen. Um -- na sagen wir mal -- nach der Waldschenke Nachricht zu
geben!«
Das letzte hatte er nur aufs Geratewohl gesprochen, aber die Wirkung war
niederschmetternd. Der angebliche Kanzleibeamte bog sich vor.
»Herr, woher wissen ... Das heißt, ja« -- er nahm sich gewaltsam
zusammen -- »das ist nämlich alles Unsinn. Und ich weiß wirklich nicht,
was Sie von mir wollen. Ich fahr' ganz harmlos nach Berlin, und da
kommen Sie her ...«
»Ganz recht,« sagte Gaston gemütlich, »und da komme ich her, ersuche Sie
höflichst, mit mir schon in Kalinzinnen auszusteigen! Und nun wollen wir
unser Geschäft in Ruhe erledigen. Bitte, greifen Sie nicht immer nach
Ihrer rückwärtigen Hosentasche ... ich kann mir denken, daß Sie da was
bei sich tragen, aber ich glaube, ich bin beträchtlich stärker als Sie.
Ich verdresche Sie unbarmherzig, wenn Sie nicht sofort die Hand wieder
nach vorn nehmen. So! Und nun beantworten Sie mir gefälligst die Frage:
Was haben Sie eigentlich davon, daß Sie mich bis Berlin begleiten,
indessen Frau Ursula Blazitschek mit Herrn Burdeyko die gefälschten
russischen Briefe in meinen Schreibtisch praktiziert? Ich habe Ihnen
persönlich doch nie 'was getan?«
Der andere saß wie vor den Kopf geschlagen da.
»Herr, das ist ... das ist ...«
»Na, über die Bezeichnung des gegen mich gerichteten Anschlages wollen
wir nicht streiten, nennen wir ihn niederträchtig meinetwegen. Aber ich
bin gesonnen, Sie ungeschoren laufen zu lassen, wenn Sie mir
wahrheitsgemäß ein paar Fragen beantworten.«
»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, Herr Rittmeister?«
Gaston mußte unwillkürlich lächeln.
»Damit muß man sparsam sein, Herr Nachbar! Aber so etwas Aehnliches gebe
ich Ihnen. Also: Wer hat nun die Gemeinheit, die ich im letzten
Augenblick noch -- Gott sei Dank -- vereiteln konnte, angezettelt?«
»Das habe ich erst in diesen Tagen erfahren, Herr Rittmeister. Dieses
alte Weib ... So oft sie Ihren Namen nannte, spie sie aus vor Haß. Ich
selbst war vor Wochen von meinem Bureau aus Berlin hierher geschickt, um
Sie zu beobachten. Nichts weiter. Ich kannte Sie nämlich schon. Von der
Königsallee her, wie der Herr von Wodersen sich totschoß. Da stand ich
auch auf Posten. Aber im Auftrage des verstorbenen Herrn Rheinthaler.
Also jetzt gingen die Berichte an die Witwe. Wissen Sie, da stören wir
uns nicht daran. Es kommt oft genug vor, daß wir zwei Parteien
gleichzeitig bedienen. Den Mann beobachten im Auftrag der Frau, und die
Frau im Auftrag vom Mann. Das ist eben unser Geschäft.«
»Kann ich verstehen,« sagte Gaston, »aber, Herr, hat Ihnen nicht ein
bißchen wenigstens das Gewissen geschlagen, als Sie erfuhren, was man
gegen mich plante?«
Der andere zuckte die Achseln.
»Meinen Sie, Herr Rittmeister, ein Berliner Detektivbureau sucht sich
seine Angestellten in den Kreisen der Herren Reserveoffiziere? Und
dieses alte Frauenzimmer aus Berlin schmiß nur so mit dem Geld. Der
Burdeyko kriegt hunderttausend Mark, wenn die Briefe in Ihrem
Schreibtisch liegen, Ihr Bursche sechstausend. Das sind doch Vermögen
für solche Leute! Und der Wirt Burdeyko hat lange mit sich gekämpft.
Aber er hat Kinder, und mit dem Geld kann er sich in Südrußland ein
ganzes Rittergut kaufen. Da fiel er natürlich um.«
»Natürlich! Und nur eins noch: Haben Sie aus den Gesprächen mit dieser
Frau Blazitschek vielleicht erfahren, wer eigentlich den Plan gegen mich
geschmiedet hat? Die alte Hexe allein, oder war auch Frau Rheinthaler
daran beteiligt?«
»Da muß ich ehrlich gestehen, Herr Rittmeister, das weiß ich nicht. Die
Alte hat nur gelegentlich mal erzählt, ihre Herrin hätte tagelang
geweint, als von Ihnen plötzlich der Brief mit der Absage kam.«
»Es ist gut,« sagte Gaston heiser. »Und schließlich ist es auch egal.
Gewußt hat sie jedenfalls darum. Woher sollte sonst wohl das Geld
stammen?«
Die Wagenbremsen zogen kreischend an, der Zug hielt an der kleinen
Station. Der Schaffner lief den Bahnsteig entlang: »Kalinzinnen, eine
Minute.«
Gaston stand auf.
»Kommen Sie, Verehrtester!«
»Ich denke, Herr Rittmeister wollten mich doch laufen lassen?«
»Sehr richtig, hatte ich versprochen. Aber erst, wenn Sie keinen Unfug
mehr anrichten können. Also vorwärts!«
Sie standen auf dem Perron, Gaston rief den rotbemützten Stationsbeamten
an:
»Herr Vorsteher, kennen Sie mich?«
»Sehr wohl, Herr Rittmeister.«
»Na, dann heben Sie mir diesen Gentleman hier auf, bis Sie von mir
persönlich Nachricht kriegen, ihn wieder freizulassen! Es handelt sich
um eine militärische Angelegenheit von einiger Wichtigkeit, und Sie
haben doch gewiß ein sicheres Gelaß, in dem Sie ihn unterbringen
können?«
»Sehr wohl, Herr Rittmeister. Einen Güterwagen. Wenn wir von außen die
großen Riegel vorlegen!«
Der »pensionierte Kanzleibeamte« begehrte auf.
»Da protestiere ich! Das ist Freiheitsberaubung.«
»Ganz recht, lieber Freund. Es sieht verdammt danach aus. Aber ich
stelle Ihnen anheim: Wollen Sie lieber mit mir nach Ordensburg
zurückfahren, zu Ihren Spießgesellen? Sie ziehen es vor, in dem
Güterwagen zu übernachten? Ist mir auch recht. Viel Vergnügen.«
Hinter dem ziegelgedeckten Schuppen, der die Wartehalle der Station
Kalinzinnen darstellte, hielt ein geschlossener Wagen. Gaston trat heran
und fragte den Kutscher: »Sind Sie von Herrn Leutnant von Gorski
bestellt? Für den Rittmeister von Foucar?«
Aus dem Wageninnern antwortete eine helle Stimme:
»Zu Befehl! Steigen Sie nur ein, Herr Rittmeister.«
Da schrie er fast auf:
»Annemarie!«
»Ja, ich, natürlich. Aber jetzt rasch. Ich schätze nämlich, mein lieber
Papa hat mittlerweile seinen alten Perkuhn bestiegen, um mich von einem
Schritt zurückzuhalten, den er für höchst unpassend ansehen würde. Ich
hatte unserer alten Repräsentationsdame den Auftrag gegeben, ihn zwanzig
Minuten nach meiner Abfahrt davon zu unterrichten, daß ich im Begriffe
wäre, mich unrettbar mit Dir zu kompromittieren ... Wegen Beschleunigung
des Jawortes.«
»O, Du ... Du himmlischer Kerl von Mädel, Du!«
Sie saßen eng aneinandergeschmiegt in dem dunklen Wagen, der bei der
raschen Fahrt in den Gleisen des holperigen Landweges stuckerte und
schleuderte. Wenn sie sich küssen wollten, stießen sie mit den Köpfen
gegeneinander. Da lachten sie wie fröhliche Kinder. Und es ergab sich,
daß Gaston nicht viel mehr zu erzählen hatte. Das telephonische
Gespräch, das Karl von Gorski mit seiner Cousine geführt hatte, war
ausführlich genug gewesen. Und plötzlich schlang Annemarie ihre Arme um
den Verlobten und drängte ihr Gesicht ganz nahe an das seinige.
»Du, sie tut mir leid! Ich wüßte auch nicht, was ich anfangen würde,
wenn ich Dich wieder hergeben sollte. Vielleicht würde ich mich
ebenfalls rächen! Aber was machen wir nur mit meinem Vetter Karl? Dem
müssen wir eine ganz besonders feine Dedikation stiften, denn ohne ihn
wären wir doch nie zusammengekommen?«
Da zog er sie fester an sich, raunte an ihrem Ohr, halb mit Lachen:
»Bei den Foucars war es Sitte, den Erstgeborenen Gaston zu taufen. Ich
heiße auch noch so, aber das Geschlecht wird immer mehr verdeutscht. Da
dürfte es sich vielleicht empfehlen, den nächsten Foucar Karl zu
nennen.«
Sie barg ihr Gesicht an seiner Brust und schloß ihm mit der kleinen,
festen Hand den Mund. Wohlweislich aber erst, als er ausgesprochen
hatte ...
* * * * *
Es ging schon auf Mitternacht, als der Bursche Wichotta dem Wirt der
Waldschenke die Tür öffnete, in dem kleinen Häuschen vor dem Tor. Er
zitterte vor Aufregung am ganzen Körper.
»Ach Gott, Herr Burdeyko, wenn's nu aber schief geht? Sie sind morgen
früh schon längst über der Grenz', aber ich muß hierbleiben. Und dann
fängt die Fragerei an nach allem möglichen! Da bricht nur der
Angstschweiß schon jetzt aus am ganzen Leib.«
Der andere zischelte leise: »Dummer Kerl, zweitausend Taler verdient man
vielleicht im Schlaf? Und wer kann Dir was beweisen, wenn Du nur immer
sagst, Du weißt von nichts? Du hast hinten im Pferdestall geschlafen.
Wie sollst Du da hören, ob hier vorne einer die Tür aufschließt?«
Die alte Frau mit dem bunten Kopftuche löste sich von dem Staketenzaun
wie ein Schatten.
»Vorwärts, vorwärts. Da hinten aus dem Dunkeln zieht sich 'was heran.
Ich riech' es, Pferde sind unterwegs.«
Herr Burdeyko horchte mit angehaltenem Atem in die Nacht hinaus.
»Ach Unsinn, es ist nichts zu hören. Und der Rittmeister ist harmlos
unterwegs nach Eßlingen. Sonst hätten wir doch längst schon Nachricht,
wenn er Verdacht geschöpft hätte.«
Der Bursche Wichotta ging vorsichtig voran, sie standen zu dritt am
Schreibtisch. Eine abgeblendete Kerze verbreitete einen matten Schimmer.
Herr Burdeyko holte den nach einem Wachsabdruck zurechtgefeilten
Schlüssel aus der Tasche.
»Na nu, verehrte Frau Blazitschek ... erst das Geld! Sonst streik' ich.
Es ist eine fürchterliche Schweinerei.«
Die Alte zog ein dickes Paket brauner Scheine aus dem Brusttuche. Herr
Burdeyko fing an, sorgfältig zu zählen. Der Bursche stand dabei, sah mit
gierigen Augen zu.
»Na, das ist doch aber ... Sie sollen so viel kriegen, und ich so wenig?
Wo ich meine Haut doch am meisten zu Markt trag'?«
Herr Burdeyko hob den Kopf und stieß das unter dem Schreibtisch stehende
Licht mit dem Fuße um.
»Sei still, dummer Kerl, da draußen ist wirklich ...«
Weiter kam er nicht. Zu beiden Türen drang es herein. Er griff nach dem
Browning. Ein greller Lichtstrahl blendete seine Augen, eine schwere
Faust flog gegen seine Schläfe. Im Zusammenbrechen hörte er nur wie von
weitem, daß die Alte, die ihn durch ein ungeheuerliches Geldangebot zu
dem Verrate verführt hatte, wie eine vom Teufel Besessene schrie.
Die Gefangenen waren abgeführt. Gaston von Foucar stand mit den
Offizieren seiner Schwadron in dem hell erleuchteten Zimmer. Die Augen
lagen ihnen tief im Kopfe nach der aufregenden Jagd. Der Kommandeur saß
am Schreibtische und las die Briefe, die man dem Gastwirt Burdeyko
abgenommen hatte. Endlich fuhr er sich mit der Hand über die Stirn.
»Herr von Foucar, wenn ich diese Briefe ohne Vorbereitung gelesen hätte
und in Ihrer Abwesenheit -- ich wüßte nicht, wie ich geurteilt hätte!
Aber jetzt wollen wir ins Kasino gehen, lieber Foucar, und eine
vergnügte Flasche Sekt trinken. Ich spendiere sie mit dankbarem Herzen,
weil meinem geliebten Regiment ein zum Himmel stinkender Skandal erspart
worden ist.«
»Heißen Dank, Herr Oberstleutnant, aber ich möchte im die Erlaubnis
bitten, eine Viertelstunde später erscheinen zu dürfen. Bei Frau von
Lüttritz erwartet mich jemand.«
»Hab' schon 'was läuten hören, von dem Kleinen da, der in den nächsten
Tagen uns auf längere Zeit verlassen wird. Um allerhand Schandtaten
abzusitzen.«
Karl von Gorski klappte die Hacken zusammen und machte sein
respektvolles Gesicht. Nur die in seiner Nähe stehenden Offiziere mußten
das Lachen verbeißen, weil er in seiner bekannten Manier bei der
Antwort mit den Ohren wackelte.
»Sehr wohl, Herr Oberstleutnant,« sagte er, »ich bin tief zerknirscht.
Aber drei Monate Weichselmünde sind rasch herum. Namentlich wenn man sie
in zwei Hälften absitzen kann. Ich schätze nämlich, wenn ich zur
Hochzeit meines lieben Vetters Foucar ein Urlaubsgesuch einreiche,
werden Herr Oberstleutnant die Gnade haben, dies Gesuch zu
befürworten ...«
Der Kommandeur lachte auf.
»Frechdachs! Aber heute abend sollen Sie mein lieber Ehrengast sein beim
Schoppen im Kasino. Und wenn wir über kurz oder lang zu ernsterem
Beginnen reiten, sollen Sie mit Ihrem Zug die Spitze haben, Leutnant von
Gorski! Vorwärts, meine Herren ...«
* * * * *
Anmerkungen zur Transkription:
Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _Unterstrichen_ und
fremdsprachiger Text in Antiqua mit =Gleichheitszeichen= markiert.
Folgende Druckfehler im Original wurden korrigiert:
Er biß sich auf die Lippen und verneigte sich stumm.
Im Original: 'Lipen'
Na, gute
Nacht, Foucar,
Im Original: 'Fucar'
Gaston hatte ihr ärgerlich ins Wort fallen wollen,
Im Original: 'ägerlich'
mit einem himmlischen Kerl
Im Original: 'himmlichen'
Adieu, Herr von Foucar.
Im Original: 'vor'
Herr von Gorski zog die buschigen Augenbrauen zusammen.
Im Original: 'Augenbraunen'
wirklich noch 'ne Weile Skat spielen, was wir hier reden,
Im Original: 'Was'