Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung
vorbehalten. -- Copyright 1914 by Ullstein & Co.
In den ersten Maitagen hat die »Berliner Illustrirte Zeitung« den
Abdruck meines, im vorigen Jahre geschriebenen Romans begonnen. Als es
Hochsommer war, kam die österreichische Note an Serbien, die
Mobilmachung Rußlands und an dem denkwürdigen vorletzten Julitag die
Erklärung des Kriegszustandes für das deutsche Reichsgebiet. Seitdem hat
sich in all seiner großartigen Wucht das gewaltige Drama verwirklicht,
der europäische Krieg, dessen Nahen die »Sturmzeichen« ankündigten. Aus
der deutsch-russischen Spannung, die die Volkskämpfe am Balkan
hervorriefen, ist die Idee meines Romans geboren. Ich wußte, wie es
jenseits der russischen Grenzpfähle, in den Kosakenquartieren aussah,
ich wollte warnen und zugleich meine ostpreußischen Landsleute schildern
in ihrer gelassenen Ruhe und ihrer unbeugsamen Kraft. So ist das
Grundgefühl, das meinen Roman durchzieht, die Liebe zur Heimat. Viel
Leid hat sie in den letzten Wochen erfahren, aber nur um so herrlicher
wird sie aus Verwüstung und Not wiedererstehen.
_Richard Skowronnek_
_Berlin_, im September 1914
1.
»Neuer Sieg der Bulgaren ... die Türken in vollem Rückzuge ...
zweitausend Tote, fünftausend Verwundete ... Das neueste, das neueste,
das allerneueste Extrablatt ...«
Gellend schrillte die laute Knabenstimme über den in vornehmer Ruhe
liegenden Königsplatz, der Portier des Großen Generalstabes verließ
seine Loge und trat durch die schwere Flügeltür auf die schon in
abendlichen Dämmer getauchte Straße hinaus.
»Kostenpunkt, Kleener?« und er griff in die Tasche.
»For Sie, Herr Jeneral, jratis! Kinder unter zehn Jahren und Militär
von' Feldwebel abwärts man bloß de Hälfte ...«
Der kecke Junge in der Uniform einer großen Berliner Zeitung zog das
oberste Blatt von dem hohen Stapel, den er im linken Arme trug, und
rannte weiter: »Neuer Sieg der Bulgaren ... die Türken in vollem
Rückzuge ... zweitausend Tote ... fünftausend Verwundete ...«
Der Alte in dem würdigen dunkelblauen Uniformrocke befestigte
umständlich einen schwarzen Hornkneifer vor den weitsichtigen Augen und
entfaltete das noch feuchte Zeitungsblatt.
»_Sofia_, 19. Juni. (_Telegramm unseres nach dem Kriegsschauplatze
entsandten Spezialkorrespondenten_.) Sicheren Berichten zufolge, die aus
dem Hauptquartier hierher gelangt sind, ist gestern den siegreichen
bulgarischen Waffen ein neuer Erfolg beschieden gewesen. Der Division
Radulowitsch ist es gelungen, den Feind aus seiner stark befestigten
Stellung auf den Höhen von Koprülü-Burgas zu vertreiben. Die Türken
verloren zweitausend Tote und fünftausend Verwundete, die Verluste auf
bulgarischer Seite werden als gering bezeichnet. Die geschlagene
türkische Armee befindet sich in vollem Rückzuge auf ...« Der alte Herr
unterbrach sich, rückte das Blatt ein wenig näher an die Augen ... »Wie
heißt das? I der Deuwel soll diese pollakschen Namen aussprechen!«
Eine Sprengmaschine kam die Straße entlang, drei Jungen hinterher in
hohen Stiefeln und grauen Leinenröcken führten mit eingestemmten
Schiebern das rieselnde Wasser über den feuchtglänzenden Asphalt, bis es
leise gurgelnd in den neben dem Trottoir liegenden Eisengittern
verschwand. Der Führer der Kolonne, der mit einem langgestielten Besen
der ausgiebigen Reinigung den letzten Schliff verlieh, faßte militärisch
salutierend an die Schirmmütze und trat näher.
»Jehorsamst juten Abend, Herr Feldwebel! Wat Neues?«
»I wo doch! Ejalwech dieselbe Jeschichte. Heut' haben zur Abwechslung
mal wieder de Bulgaren jesiegt. Morjen kommen de Türken und demangtieren
die Meldung. Die Blase da unten lügt doller wie die Franzosen Anno 70!«
»Sie meinen also, det alles, was in die Zeitungen geschrieben wird, is
nich wahr?«
»Na det jerade nich, 'n bißken wat wird schon dran sind. Nur sie
iebertreiben ... mächtig! Aus jeder kleenen Priegelei machen se gleich 'ne
Schlacht. Jeradeso wie mein Kollege Fielitz aus 'n Kriegsministerium. Der
is Angler. Und jeder fingerlange Plötz, den er in' Liepnitzsee fängt an'
Sonntag, is hinterher 'n Hecht. Auf 'n linken Oberarm hat er schon 'ne
dicke Hornhaut, weil er jedesmal mit de rechte Hand hinschlägt, wie lang
det der Hecht gewesen is.«
»Und meinen Se nu, Herr Feldwebel, det wir in diese balkanischen Wirren
ooch reinverwickelt werden könnten?«
Der alte Herr strich den schneeweißen Kaiser-Wilhelm-Bart auseinander
und versetzte streng: »Det is Amtsgeheimnis, mein Lieber! Darieber muß
man den Mund halten können, vastehn Se?«
Der Beamte der Straßenreinigung nahm unwillkürlich die Hacken zusammen.
»Entschuld'gen Se jietigst, Herr Feldwebel! Nur jedetmal, wenn ick hier
an't Jeneralstabsjebäude vorbeikomm' -- ick hab' nämlich hier den Rejong
um 'n Königsplatz -- ja also, da muß ick immer denken, die da drin, die
wissen't. Und wenn man vier kleene Jören zu Haus hat und 'ne kranke
Frau, da macht man sich doch Jedanken. Wer ernährt denn nu det kleene
Jewürm, wenn ick einrücken muß?«
»Na, da wird doch for jesorgt werden!«
»Kann sein, kann aber ooch nich sein! Und diese Unjewißheit is beinah'
so schlimm, wie wenn's schon wirklich Krieg wär. Sie, Herr Feldwebel,
merken das nich so, weil Se immer pünktlich Ihr Jehalt kriegen, aber
ich! Ich bin nämlich abends Logenschließer ins Joethetheater. In zweiten
Rang. Hundeleer, sag ick Ihnen! Keen Mensch hat Jeld! Wenn se sich
amüsieren wollen -- for zehn Fennje in Kientopp. Vor zwee Jahren ha'ck
noch mindestens 'n Taler einjenommen an Trinkjeld. Heute nich fufzig
Fennje! ... Und det stand neulich sehr richtig in de Zeitung: Wenn de
drückende Furcht vor'n Krieje nich von den Schultern des Volkes jenommen
wird, steuern wir rettungslos den wirtschaftlichen Unterjang entjejen!«
Der alte Herr schob zwei Finger der Rechten zwischen die Knöpfe seiner
Uniform und reckte sich.
»Janz schön, aber wie denken sich das nu die Herrschaften in der
Zeitung? Soll vielleicht Seine Majestät an de Litfaßsäulen kleben
lassen: 'Völker Europas, beruhigt Euch! Unsere heilijsten Jüter sind
nich in Jefahr, wenn diese Mauseratzenfaller da unten sich mit de Türken
'rumprügeln!'?«
Der städtische Reinigungsbeamte schüttelte den Kopf.
»Nee, Litfaßsäule wär' ja nich jerade nötig. Nur, wenn er mal wieder 'ne
Ansprache hält, bei 'n Dineh oder so ... Und wenn er bloß 'ne Ahnung
hätt, _wie_ groß de Uffrejung in' janzen Volke is! ... Man kommt aus
'n Theater nach Hause um halb zwölf ... Um fünf in der Früh muß man schon
wieder dastehen bei Kolonne, ja ... man zieht sich auf de Treppe de
Stiebeln aus, um de Olle nich uffzuwecken, aber se liejt da mit
jlockenklare Oogen! Und se schnüffelt mit de Neese, um de Tränen
runterzuschlucken: 'Jott sei Dank, det Du man wieder da bist,
Heinrich!' 'Na, wieso denn? Meenste, ick wär' unter'n Rollwagen
jeraten?' 'Nee, det nich, aber wejen Mobilmachung! De Schultzen drieben
in Jrienkramkeller hat aus 'n Abendblatt vorjelesen, wir müßten jetzt
ooch das Schwert ziehen, wenn de Russen jejen unsere Bundesbrieder, de
Oesterreicher, losjehn würden.' 'Quatsch,' sag' ick natierlich, aber
innerlich is mir jarnich so. 'Unser Friedenskaiser wird doch nich uff
eenmal Krieg anfangen?' 'Nee,' sagt sie, 'er nich, aber die andern! Und
wat mach' ick krankes Wurm denn nachher mit die vier Jören, wenn se Dir
dotschießen? Ick steck' zehn Jroschen in' Jasautomaten, laß de Kleenen
Schnaps trinken, und denn den Hahn uff.'«
Der alte Feldwebel legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Na, na, na, beruhijen Se man det Frauchen! Und mit det Dotschießen is
es nicht so ängstlich! Sehen Se mich an! Vierundsechzig, Sechsundsechzig
und Siebzig hab' ich mitjemacht, zweiunddreißig Jefechte und Schlachten.
Darunter Düppeler Schanzen und St. Privat! Wat is mir passiert? De
Dejenscheide haben se mir abgeschossen, so daß ick meinen Paddenspicker
barfuß tragen mußt'! Wat aber ihre sonstigen Beklemmungen sind, da sagen
Se ihr, Se hätten mit _mir_ jesprochen! Nach meinen Informationen --
wenn nich janz wat Dolles passiert -- is an Krieg nich zu denken! Wir
halten das scharfgeschliffene Schwert in der Scheide und unser Pulver
trocken!«
»Na denn, Jott jebe, det es nich losjeht ...«
Durch die halbgeöffnete Flügeltür kam raschen Schrittes ein junger
Offizier in Generalstabsuniform. Sein offenes, frisches Gesicht, in dem
ein paar kluge blaue Augen standen, hatte etwas ungemein Liebenswürdiges
und Sympathisches. Er hob höflich die Hand an den Mützenschirm.
»Pardon, meine Herren, wenn ich störe ... Sagen Sie mal, lieber Schmidt,
ist Herr Hauptmann von Sternheimb schon gegangen?«
Der Alte nahm die Hacken zusammen.
»Nein, Herr Hauptmann, ich hätte es sonst sehen müssen.«
»Also ich gehe langsam voran, da drüben an der Litfaßäule werde ich
warten. Guten Abend.«
»Jehorsamst guten Abend, Herr Hauptmann! Werd's ausrichten ...«
Der Beamte der Straßenreinigung sah dem davonschreitenden Offizier
wohlgefällig nach.
»'n nobler Herr! Haben Se jehört, Herr Feldwebel? 'Pardong, meine
Herren,' hat er jesagt! Aber det so wat schon Hauptmann is ... ick hatt'
jedacht, da kommt 'n janz junger Leutnant!«
»Ja,« sagte der alte Herr, und in seinem Ton klang liebevolle
Bewunderung mit, »so wat von Karriere war ooch noch nich da! Een Köppken
-- det wird mal so sicher Kommandierender General, wie zwei mal zwei
vier is! Zum Herbst is er hier fertig, dann kriegt er in der Front 'ne
Schwadron, weil er doch früher Kavallerist war, und dann kommt er nach
zwei Jahren zurück in' Jeneralstab!«
»I der Tausend! Wie heeßt er denn?«
»Jaston Baron Foucar von Kerdesac!«
»Det klingt ja so französ'sch!«
»Is et ooch! Aus 'ne alte französische Refugiehfamilje!«
Der Beamte der Straßenreinigung schüttelte bedenklich den Kopf.
»Und denn in preuß'schen Jeneralstab? Wo er an alle Jeheimnisse 'ran
kann und so?«
Der alte Herr brauste zornig auf.
»Se werden sich Unannehmlichkeiten zuziehn, vastehn Se? Und haben Sie
'ne Ahnung! Mein Hauptmann Anno Siebzig hieß Baron de Saint-Villiers!
Ooch 'n französischer Name, aber er jing druff wie Blücher!«
* * * * *
Hauptmann von Foucar stand wartend an der Litfaßsäule, las mechanisch
die bunten Zettel, die das Vergnügungsprogramm der Reichshauptstadt
enthielten, für Leute, die Zeit hatten. Und unwillkürlich mußte er
denken, fast fünf Jahre lebte er nun schon in Berlin, mit einer einzigen
kurzen Unterbrechung, und von alledem, was sich da anpries, kannte er
herzlich wenig. Früher, auf der Akademie, war er doch noch ab und zu
einmal ins Theater gekommen, jetzt aber, seit er zum Großen Generalstabe
kommandiert war, schluckte einen der Dienst mit Haut und Haaren auf. Ein
bißchen einseitig wurde man dabei und vielleicht auch reichlich
weltfremd, aber das war nicht zu ändern.
Hinter ihm erklang das Rasseln eines Säbels, ein sporenklirrender Tritt.
Er wandte sich um, statt des erwarteten Kameraden kam sein
Abteilungschef gegangen. Ein hochgewachsener, hagerer Herr mit einem
bartlosen Gelehrtengesicht, dem ein paar scharfblickende Augen unter
buschigen Brauen einen Zug stählerner Energie verliehen.
Oberst Wegener hob zwei Finger der Rechten in die Höhe des
Mützenschirmes.
»Na, lieber Hauptmann, studieren Sie, in welches Theater Sie gehen
wollen?« Die breite Aussprache einzelner Vokale verriet den geborenen
Ostpreußen.
Gaston von Foucar erwiderte respektvoll den Gruß seines Vorgesetzten.
»Dazu dürfte es schon zu spät sein, Herr Oberst!«
»Ja, nächstens wird man sich in der alten Bude sein Bett aufschlagen
müssen. Und, passen Sie auf, es kommt noch doller. Von Montag an werden
wir -- wie nennt man es doch in den Fabriken -- ja richtig,
Nachtschichten einlegen müssen! Na, wie ist's nun? Kommen Sie mit? Wenn
ich nicht irre, haben wir denselben Weg nach dem Westen.«
»Sehr wohl, Herr Oberst.« Er nahm die Respektseite seines Chefs: »Und es
ist natürlich keine Neugierde -- meinen Herr Oberst, daß dieses erhöhte
Arbeitspensum unserer Abteilung nicht bloß eine Art von notwendiger
Vorsichtsmaßregel ist? Daß diesmal ein bestimmter Entschluß dahinter
steht?«
Oberst Wegener hob die hageren Schultern.
»Ich habe den Befehl, für drei Armeekorps, die -- entgegen dem
bisherigen Mobilmachungsplan -- nach Osten geschmissen werden sollen,
die nötigen Beförderungsmittel und Fahrpläne auszurechnen. Mehr weiß ich
auch nicht, aber aus allerhand Anzeichen schließe ich, daß es diesmal
endlich Ernst werden könnte. Es riecht _sehr_ sengerig.«
»Na, Gott sei Dank!«
»Nicht wahr? Es wäre Zeit, daß die Herrschaften da draußen einmal sehen
würden, daß unsere Armee nicht bloß 'ne Vogelscheuche ist, der die
Spatzen auf der Nase 'rumhopsen dürfen!«
Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her, der Oberst musterte
den neben ihm schreitenden Untergebenen mit einem gewissen Wohlgefallen.
»Sagen Sie mal, lieber Foucar, Sie waren wohl nicht sehr begeistert, als
man Sie für das letzte halbe Jahr in meine Abteilung verschmetterte?«
»Wenn ich ganz ehrlich sein soll, Herr Oberst, ich war in der Tat ein
bißchen beteppert.«
»Kann ich verstehen. Den ganzen Tag Fahrpläne schmieden, Waggons
'ranschaffen und Anschlußzeiten ausrechnen ...«
»Sehr wohl, Herr Oberst! Die erste Woche war ich auch ganz trostlos.
Wenn ich abends 'rauskam, war mein Gehirn wie Brei von dem unablässigen
Rechnen, und ich schimpfte mächtig. Dann aber ging mir der Seifensieder
auf. Ich sah mit einem Male die großzügigen Linien in unserer Arbeit,
ich empfand -- möchte ich sagen -- mit einer gewissen Ehrfurcht ihre
Wichtigkeit für den Erfolg des Schlages, zu dem der Feldherr ausholt.
Ich will mal aufs Geratewohl sagen, in Modrilewo in Ostpreußen sollen
genau zwei Tage nach der Mobilmachung drei Regimenter Infanterie, ein
Regiment Artillerie und -- meinetwegen -- die Gumbinner Ulanen stehen.
Aber sie sind nicht da. Der Offizier in der Eisenbahnabteilung des
Generalstabes hat ein paar Augenblicke lang gedöst ... in der
Berechnung der Fahrplanzeiten hat sich ihm ein Fehler eingeschlichen,
der auch bei der Revision nicht entdeckt wird. Das Verhängnis ist da!
Also da, meine ich, muß man mit Respekt auch an diese Arbeit herangehen,
in jedem Augenblick an die große Verantwortlichkeit denken, und dann
fängt sie -- merkwürdigerweise -- auf einmal an zu schmecken!«
Um die bartlosen Lippen des Chefs flog ein Lächeln, er deutete auf die
schmale Ledermappe, die sein Begleiter unter dem linken Arm trug.
»Na, und da haben Sie, genußsüchtiger Mensch, eine Portion davon über
Sonntag nach Hause genommen?«
»Nicht für mich, Herr Oberst. Ich habe zufälligerweise heute abend
Schluß machen können. Aber mein Nachbar, Oberleutnant Wentorp, mußte
morgen zu dem Begräbnis einer alten Tante nach Frankfurt an der Oder.«
Der Oberst brummte etwas vor sich hin, was wie »vielleicht auch
Verlobung mit 'ner jungen Cousine« klang, und laut fügte er hinzu: »Da
haben Sie sich die Arbeit also gutmütigerweise aufhängen lassen!«
»Was sollte ich machen, Herr Oberst? Sie muß doch nun einmal bis Montag
früh fertig sein!«
»Wenn der Herr Wentorp in der Woche sich mehr 'rangehalten hätte ... na
schön!« Und wieder nach einer kurzen Pause fragte er weiter: »Nach dem
Manöver -- wenn mit Gottes Hilfe nichts dazwischen kommt -- werden Sie
nun wieder in die Front kommandiert. Sie möchten natürlich zu ihrem
alten Regiment zurück, zu den Karlsburger Ulanen?«
»Nein, Herr Oberst, ich möchte gerne an die Grenze nach Osten. Speziell
nach Ostpreußen. Ich habe mal in der Eisenbahn einen Roman gelesen, der
dort spielte. Vielleicht mußte man von den begeisterten Schilderungen
ein wenig auf das Konto der Heimatsliebe setzen, die den Verfasser
beseelte ... aber seit der Zeit habe ich eine gewisse Sehnsucht nach
diesem Land der dunklen Wälder und blauen Seen. Nur, wo ich nicht die
geringste Protektion habe, keine Stelle weiß, an der ich eine
bescheidene Bitte vortragen könnte ...«
Der Oberst hob, ein wenig argwöhnisch, den Kopf. Wenn das ein »Schuster«
war, war es jedenfalls ein sehr geschickter ... aber nein, aus
jahrelanger Praxis besaß er ein Ohr, das für diese Sorte von
streberischen Schmeichlern besonders geschärft war.
»So, so, nach Ostpreußen! Ich kann Ihnen sagen, auch die Menschen dort
sind kein übler Schlag. Es lohnt sich, sie näher kennen zu lernen. Und
wenn Sie sich an einen gewissen Oberst Wegener wenden wollten ...«
»Ach Gott, Herr Oberst ...«
Der Chef lachte kurz auf.
»Ne, ne, man nicht so voreilig. Der Oberst Wegener ist bloß ein kleines
Kirchenlicht, aber wenn's nötig ist, kennt er gewisse Schleichwege von
hinten 'rum. Und der Kommandeur von den Ordensburger Dragonern ist ein
guter Freund von ihm, in zirka fünf Wochen will der einen seiner
Schwadronchefs absägen, _spätestens_, hat er mir geschrieben, in fünf
Wochen. Also würden Sie sehr beleidigt sein, wenn Sie ausnahmsweise
schon vor dem Manöver hier aus der Rechnerei 'rauskommen würden?«
»Ach Gott, Herr Oberst ..., und ich weiß wirklich nicht ...«
»Ne, ne, _ich_ weiß ja noch gar nicht, ob's auch einschnappen wird! Und,
was ich fragen wollte, hat der Dichter da, von dem Sie vorhin sprachen,
auch was über die ostpreußischen Mädels geschrieben?«
»Einen Hymnus, Herr Oberst!«
»Da hat er recht! Und Sie sind doch hoffentlich noch frei?«
Der Hauptmann von Foucar lachte.
»Ganz und gar! Der königliche Dienst läßt einem ja keine Zeit ...«
»Na, denn verplempern Sie sich auch nicht etwa noch in den letzten
Wochen! Und lassen Sie sich nicht beirren, wenn nachher in Ordensburg
die kleinen Margellchen 'Kartoffelkeeilchen' sagen und 'Aerbsen mit
Späck' ... Das ist nur ein kleines Sommersproßchen, tut der übrigen
Schönheit keinen Eintrag. Aber jetzt adieu ... ich sehe da ein leeres
Auto kommen, und eben fällt mir ein, meine Frau hat für heute abend ein
paar Gäste geladen.« Er grüßte rasch und ging mit langen Schritten über
den Straßendamm.
»He, Chauffeur, Uhlandstraße 51!« Und im Einsteigen rief er zurück:
»Sehen Sie, lieber Foucar, manchmal geht's auch ohne Protektion! Man muß
nur vor die rechte Schmiede kommen ...«
Gaston von Foucar winkte mit der Hand einen respektvollen Gruß, und es
stieg ihm heiß in den Augenwinkeln empor. Welch ein prächtiger Mensch,
sein sonst so verschlossener und wortkarger Chef! Die angebliche
Gesellschaft zu Hause war doch nichts weiter als ein Vorwand, sich den
Dankesbezeigungen seines Untergebenen zu entziehen! Na, das ließ sich
ja am Montag im Bureau nachholen, oder besser noch, man bewies seinen
Dank mit der Tat. Arbeitete diese letzten Wochen noch schärfer als
bisher, damit der Oberst auch sah, daß er seine Gunst keinem Unwürdigen
zugewandt hatte. Ein unbändiges Glücksgefühl schwellte seine Brust. In
fünf Wochen war er draußen, wieder in der Front! Sauste an der Spitze
einer Schwadron -- _seiner_ Schwadron -- über das Blachfeld, den blanken
Säbel in der Faust ... Wenn das Glück gut war, gleich über die Grenze,
in Feindesland ... Wahrhaftig, Zeit war es, daß das deutsche Vaterland
sich einmal darauf besann, das Schwert aus der Scheide fliegen zu lassen
und mit mächtigen Schlägen um sich zu hauen. Die Herrschaften rechts und
links bildeten sich sonst womöglich ein, es wäre eine eingerostete alte
Plempe, auch kein Stahl mehr, sondern ein mit Stanniol beklebter
Waschlappen ... eia, das sollte eine Enttäuschung geben! ... Und mitten
in aller Freude flog es ihm durch den Sinn, von welchen Zufälligkeiten
doch Menschenschicksale gelenkt wurden. Wenn er sich aus irgendeinem
Grunde ein paar Minuten länger bei der Arbeit aufgehalten hätte, wäre
die so folgenreiche Begegnung mit dem Chef doch niemals zustande
gekommen.
Also hatte er mal wieder Glück gehabt, richtiges Soldatenglück, und
eigentlich hätte es sich gehört, auf dieses fröhliche Ereignis eine gute
Flasche zu setzen. Aber schließlich, wenn er auch in das Restaurant
fuhr, in dem er sich ab und zu mit einigen Herren seiner Abteilung traf,
so nahe stand ihm keiner von ihnen, daß er hätte sagen können: »Kommen
Sie, ich muß Ihnen bei 'nem Glas Sekt erzählen, was ich eben für einen
Riesendusel entwickelt habe ...« So etwas verwahrte man am besten still
im eigenen Busen, wenn es bei dem anderen nicht sehr gut aufgehoben war
... Und dann war da auch die nun mal übernommene Arbeit, und schließlich
konnte man die gute Flasche auch für sich allein zu Hause trinken, der
kleinen alten Dame im Schwabeländle einen Gruß schicken ... Sie war doch
die einzige, die sich ehrlich freute, wenn ihr Junge wieder 'mal Glück
gehabt hatte. Die =S=-Bahn kam gefahren, bremste an der Haltestelle, er
stieg auf ... es ging über den Großen Stern nach Hause.
Auf dem Hinterperron des Anhängewagens stand ein kleiner junger Herr in
modisch geschnittenem Sommerpaletot. Er lüftete grüßend den Hut, an
seinem rechten Handgelenk blitzte ein goldenes Kettenarmband. Hauptmann
von Foucar erwiderte den Gruß, aber konnte sich nicht entsinnen, wo er
den Herrn kennen gelernt haben mochte. Der stellte sich ihm gegenüber:
»Herr Hauptmann besinnen sich wohl nicht mehr auf mich?«
»Ich muß in der Tat sagen, so im Augenblick ...«
Der kleine Herr lüftete wieder seinen Hut.
»Ich hatte vor einiger Zeit einmal im Pschorr die Ehre ... Segebrecht
von den Malchower Dragonern.«
»Ach so, jetzt natürlich ... Sie sind wohl wieder mal zum Rennen hier?«
»Ja, ich reite morgen im Grunewald den Marghilan meines
Regimentskameraden Hollenbeck. Wenn ich Herrn Hauptmann einen Tip geben
darf: da ist auf Sieg und Platz eine ganz anständige Quote zu landen.«
»Danke verbindlichst, aber ich glaube kaum, daß ich morgen Zeit finden
werde ...«
Der Kleine griff eifrig in die Tasche.
»Nun, für alle Fälle -- wenn ich mir gestatten darf -- ein
Tribünenbillett ...«
»Aber, ich bitte sehr, dafür werden Sie doch sicher eine bessere
Verwendung haben.«
»Nein, wahrhaftig nicht ... ich habe es zudem selbst geschenkt
gekriegt.«
»Nun denn, schönsten Dank« -- Gaston von Foucar schob das Billett unter
den Aermelaufschlag seines Ueberrockes -- »und Weidmannsheil für
morgen!«
Der Malchower Dragoner klappte die Hacken zusammen.
»Weidmannsdank, Herr Hauptmann! Und merken Sie sich den Namen Marghilan
im Fortuna-Jagdrennen. Es ist das vorletzte. Herr Hauptmann können
getrost ein Pfund auf meine Chance riskieren. Es gibt todsicher
zwanzigfaches Geld, denn außer mir hat niemand eine Ahnung, daß der Gaul
so grobe Klasse ist! Na und schließlich, der Steuermann, der draufsitzt,
ist doch auch kein Neuling zwischen den bunten Flaggen.«
Gaston mußte unwillkürlich lächeln. Wie siegesgewiß der kleine Dragoner
dastand ...
»Na, wenn die Sache so absolut sicher ist ... Aber wie soll ich mich nun
für den zu erwartenden Riesengewinn revanchieren?«
»Indem Herr Hauptmann mir ebenfalls einen kleinen Tip geben.« Der junge
Offizier trat ein wenig näher und sprach halblaut: »Unsereins da in der
Provinz hat doch keinen Schimmer, was wirklich passiert ... also glauben
Herr Hauptmann, daß es Krieg geben wird?« Es war dieselbe Frage, die in
diesen aufgeregten und schweren Zeiten auf aller Lippen stand.
Gaston zuckte mit den Achseln.
»Da fragen Sie mich zuviel, Herr Segebrecht. Das kann kein Mensch in
diesem Augenblick wissen.«
»Nun, ich meine, die Herren im Generalstabe können doch aus den ihnen
zugewiesenen Arbeiten immerhin einige Schlußfolgerungen ziehen.«
»Ganz recht, aber Sie überschätzen mich. Ich bin in dem Riesenbetrieb
nur ein ganz kleines Rädchen, das an dem ihm zugewiesenen Platze
mechanisch sein Pensum herunterschnurrt.«
Der kleine Dragoner machte ein etwas niedergeschlagenes Gesicht.
»Herr Hauptmann wollen bloß nicht! Und da kommt man nun übermorgen
zurück in das kleine Nest, alles bestürmt einen mit Fragen, der
Kommandeur an der Spitze: 'Na, Segebrecht, haben Sie in Berlin was Neues
gehört? Wann reiten wir nun?' Da steht man denn ganz blöd da ... Und zum
Schwindeln ist die Sache selbst doch viel zu ernst.«
»Ganz gewiß! Vor allem viel zu ernst, um mit einigen leichtfertig
hingesprochenen Redensarten allerhand Befürchtungen oder Hoffnungen zu
wecken. Empfehlen Sie mich Ihrem Herrn Kommandeur, unbekannterweise, und
es lägen durchaus keine Anzeichen vor, aus denen man schließen könnte,
der Krieg wäre näher als sonst in all den letzten Jahren. Es wird scharf
gearbeitet natürlich.«
Der Wagen hielt auf der Corneliusbrücke, der Malchower Dragoner streckte
seinem Gegenüber respektvoll die Hand entgegen.
»Heißen Dank, Herr Hauptmann! Man weiß doch jetzt Bescheid, und es wird
meinem Kommandeur riesig imponieren, wenn ich ihm auf Grund so
autoritativer Auskunft ein Exposé über unsere auswärtige Lage
hinschmettern kann -- aus dem Handgelenk! ... Aber jetzt müssen Herr
Hauptmann mich entschuldigen, ich habe in der Nähe noch einen Besuch in
Familie zu erledigen.«
Er stieg eilig aus, und Gaston sah ihm lächelnd nach. Die »Familie«
schien in einer schlanken jungen Dame zu bestehen, die vom
Brückengeländer her mit ausgestreckter Hand auf ihn zutrat. Ein netter
kleiner Käfer war's, und er hatte recht, der Malchower Dragoner! Ein
paar weiche Mädchenlippen waren kurzweiliger als ein muffig riechendes
Aktenstück, in dem endlose Zahlenreihen umzurechnen waren. Und wer
mochte wissen, wer auf dem besseren Wege war, der ehrgeizige Arbeiter,
der sich kaum eine Pause des Verschnaufens gönnte auf dem steilen Wege
zum Ziel, oder der sorglos dahinlebende Leutnant? Kein Mädel am Wege,
dem er nicht keck den Hof machte, kein Trunk im Glase, den er
verschmähte. Wenn die Stunde schlug, hatte er wenigstens etwas genossen
vom Leben! Und die Kugel, die geflogen kam, machte keinen Unterschied.
Ob der Schädel da sich mit hochfliegenden Plänen trug, oder ob hinter
ihm leichtfertige Gedanken wohnten, Spiel, Weiber, Rennen und Jagen.
Das Blut ging ihm unruhiger als sonst durch die Adern. Als er jedoch zu
Hause war, setzte sich der Hauptmann von Foucar hinter das Aktenstück.
In ein paar Stunden glaubte er fertig zu sein, aber der Oberleutnant
Wentorp, der angeblich in Frankfurt an der Oder eine alte Tante begrub,
hatte von seiner kameradschaftlichen Gefälligkeit einen etwas
ausgiebigen Gebrauch gemacht. Das war die Arbeit von zwei Tagen, die er
ihm da aufgehalst hatte.
Sein Bursche, ein biederer Schwab von den Karlsburger Ulanen, erschien
in der Stubentür.
»Habe der Herr Hauptmann sonscht noch Befehle?«
»Ja, Häberle. Brühen Sie mir einen kräftigen Tee auf, es wird heut wohl
wieder mal eine lange Nacht geben.«
»Befehl, Herr Hauptmann.«
2.
Ueber der weiten Bahn im Grunewald schien die helle Sommersonne,
zauberte schimmernde Reflexe auf den grünen Rasen und die bunten
Toiletten, die den weiten Platz vor den Tribünen füllten. Ab und zu
brachte ein leichter Wind den würzigen Duft der hohen Kiefern herüber,
die die riesige Bahn umsäumten, überall in der Runde mit ihren dunklen,
gezackten Kronen den Ausblick schlossen.
Als Gaston von Foucar sein Billett am Eingange vorzeigte, kam von den
Tribünen her ein wirres Durcheinander von Schreien und lauten Zurufen:
»Mohnblüte macht's ... Mohnblüte ... feste, Bullock ... feste ...,« und
schließlich ein einziges, wüstes Geräusch, in dem nichts mehr zu
unterscheiden war. Jäh danach eine kurze Pause, dann wieder wie ein
übers Feld rollender Donner: »Mohnblüte ... Bullock ... Mohnblüte ...«
Er schlenderte langsam der Tribüne zu. Anscheinend hatte er den Anfang
versäumt, die ersten Rennen waren schon geritten. Im Grunde
interessierte ihn nur das vorletzte. So stumpf wurde man im täglichen
Dienst, daß man kaum noch teilnahm an den Kämpfen auf dem grünen Rasen,
die jedes Reiterherz doch höher schlagen lassen mußten. Aus der
aufgezogenen Nummer an dem hohen, weißen Gestell und aus dem Programm
ersah er, daß die Graditzerin »Mohnblüte« ein Lot von vierzehn, zum Teil
in England gezogenen Pferden geschlagen hatte. Das war ja ganz
erfreulich, gewiß, aber er sah doch mit einem leisen Kopfschütteln zu,
wie das elegante Tribünenpublikum dem in schwarz-weißem Dreß zur Wage
zurückreitenden Jockei eine Huldigung bereitete wie einem aus
siegreicher Schlacht heimkehrenden Feldherrn. Wenn die Damen aus so
unbeträchtlichem Anlaß schon mit begeisterten Schreien Blumen warfen,
Schirme schwenkten und dem blasiert lächelnden Jockei im Sattel die Hand
schüttelten, welche Steigerung gab es da noch, wenn irgend eine große
Tat zu krönen war im Dienste des Vaterlandes? Rissen sie sich da die
Kleider herunter und warfen sie die nackten Leiber vor die Rossehufe?
Ungesund war das alles, hysterische Uebertriebenheit, die sich kein Maß
zu finden wußte.
Er ging durch die Gruppen, die sich um die Erfrischungsstellen drängten,
die Kassen des Totalisators stürmten. Ueberall fieberte es von Erregung.
Die Kapelle der Gardedragoner im Musikpavillon intonierte ein
militärisches Potpourri, das mit dem alten Schlachtgesang anfing: »Ich
bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben ... die Fahne schwebt mir schwarz
und weiß voran.« Ein Teil des Publikums sang mit ... wie eine Entweihung
kam es ihm vor.
Die Hauptrennen waren gelaufen, der Himmel verfinsterte sich plötzlich,
ein leichter Sommerregen strich über die Flur. Da nahm die geputzte
Menge Reißaus. Nur die Wenigen blieben zurück, die an dem Ausgange der
letzten Ereignisse interessiert waren. Er mitten darunter -- er hatte
dem Malchower Dragoner ja versprochen, ein Goldstück auf -- wie hieß der
Gaul doch gleich? -- ja, richtig, auf Marghilan zu setzen.
Das Pfund ging verloren, der hochbeinige Schinder zeigte schon am Start
das Gelüst, seitwärts auszubrechen. Vor dem Wassergraben streikte er,
war weder mit Peitsche noch Sporn hinüberzubringen. Da machte sich der
Hauptmann von Foucar auf den Weg. Und er lächelte. Das Selbstvertrauen
des kleinen Dragoners war ein wenig größer als sein reiterisches Können
gewesen. Auf solch einen Riesengaul gehörte einer, der stärker war, der
diesem Verbrecher den Herrn und Meister zeigte, mit Faust und
Schenkeln. An den Tribünen ging er vorbei, über den zweiten und dritten
Platz, wo Gentlemen ohne Hemdkragen, laut streitend, den Gewinn der
Wettgenossenschaft verrechneten. Die Treppe hinauf zu dem Restaurant.
Laute Musik -- in dem weiten, von einen Glasdache überdeckten Raume kein
Platz mehr frei.
An einem langen, dichtbesetzten Tische in der Nähe des Einganges reckte
sich ein blauer Aermel in die Höhe, besetzt von Silberlitzen. Ein
Landsberger Husar, der mit ihm zusammen die Akademie besucht hatte.
Leider mit mangelhaftem Erfolge, nicht mal zur höheren Adjutantur hatte
es gereicht. Er diente in der Front weiter als ein mißvergnügter alter
Oberleutnant.
»Holla, Foucar, suchen Sie jemanden?«
»Nur einen Platz, um ein Kotelett zu essen! Ich komme fast um vor
Hunger.«
»Na, denn hierher, ran! Wenn wir ein bißchen zusammenrücken, geht's
schon!«
Er zwängte sich durch die engen Stuhlreihen. Der Landsberger Husar sagte
laut mit einer vorstellenden Handbewegung: »Herr Hauptmann Baron von
Foucar vom Großen Generalstab ... Frau Rheinthaler -- noch vor kurzem
eine unserer gefeiertsten Bühnenkünstlerinnen -- Herr Rheinthaler. Die
anderen Herrschaften mögen sich gefälligst selbst ...«
Die in der Nähe sitzenden Herren murmelten mit leichter Verneigung einen
Namen, die übrige Gesellschaft nahm kaum Notiz von dem neuen
Tischgenossen. Ein Kellner brachte einen Stuhl herbei, Hauptmann von
Foucar schob sich neben den Landsberger Husar. Ihm gegenüber saß Frau
Rheinthaler, eine junge Dame von etwa sechs- oder siebenundzwanzig
Jahren in einem raffiniert einfachen hellen Kleide, das alle Vorzüge
ihrer ein wenig üppigen Figur zur Geltung brachte. Aus einem schmalen,
mit Venetianerspitzen besetzten Ausschnitte hob sich ein prachtvoller
Hals, darüber ein klassisch schönes Gesicht ... große, dunkle Augen,
deren Iris leicht bläulich schimmerte, eine gerade, feine Nase mit
beweglichen Flügeln und unter einer wahren Flut dunkelblonden Haares ein
paar rosige kleine Ohren. Alles ein wenig zurechtgemacht. Unter den
großen Augen ein leichter Strich, die Lippen und Ohrläppchen ein bißchen
zu rot, aber das Ganze von frappierender Wirkung. Eins jener Gesichter,
nach denen man sich unwillkürlich umsah, wenn man ihnen in der Menge der
gleichgültigen begegnete.
Frau Rheinthaler hob in komischem Zorn die Hummergabel gegen den
Landsberger Husar: »Sie Bösewicht! Müssen Sie denn immer gleich
verraten, daß ich früher einmal beim Theater war?« Der neben ihr
sitzende Gatte, ein hagerer Herr mit starker Hakennase und eingefallener
Brust, führte hüstelnd die knochige Hand zum Munde: »Sei friedlich,
liebe Josepha, in fünf Minuten hättest Du es dem Herrn Hauptmann da
drüben ganz von selbst erzählt.« Und zu Herrn von Foucar gewendet,
fragte er: »Sind Sie Theaterhabitué? Nicht ... na, dann muß ich noch
einmal vorstellen ...« Er wies leicht auf die Gattin: »Pepi Hohenthal,
vor einigen Jahren die entzückendste Dame =de chez Maxim=, die es je
gegeben hat. Als ich ihr mit Selbstmord drohte, wenn sie ihre
himmlischen Fußgelenke noch fernerhin jedem Laffen zur Bewunderung
preisgäbe, der vier Mark fünfzig Entree bezahlte, hatte sie Mitleid und
heiratete mich. Ihr Interesse am Theater beschränkt sich jetzt nur noch
auf einige Gastspiele in der Proszeniumsloge bei den Premieren. Da
wartet sie, bis die frühere Kollegin auftritt, sich nach dem Herzen
greift und vor Aerger gelb und grün wird.« Er hob sein Glas mit
eisgekühlter Erdbeerbowle und trank der Gattin lächelnd zu.
Die Umsitzenden brachen in Lachen aus, Herrn von Foucar wurde es ein
wenig unbehaglich zumute, an eine solche Unterhaltung war er nicht
gewöhnt. Sein Nachbar aber stieß ihn unter dem Tisch mit dem Fuß an und
raunte ihm zu: »Bloß keine verwunderten Augen machen, sind in ihrer Art
ganz famose Leutchen und führen das gastfreieste Haus im ganzen Westen
...« Er nickte dazu. Was ging es ihn an? Heute hatte er diese Menschen
kennen gelernt, morgen sah er sie nicht mehr.
Die Unterhaltung am Tische wurde allgemein, man erörterte die Ereignisse
des Renntages, und Gaston von Foucar erfuhr, daß Herr Rheinthaler dem
Sport nicht nur als Zuschauer huldigte, sondern Besitzer eines namhaften
Stalles war. Zwei seiner Pferde hatten an der Hauptkonkurrenz des Tages
teilgenommen, das eine als Schrittmacher, das andere als erklärter
Sieger, beide aber hätten durch die Schuld der Jockeis unter den
Unplacierten geendet. Der Landsberger Husar erklärte seinem Gegenüber
eifrig, welche Fehler zu dem Verluste des Rennens geführt hätten, Frau
Rheinthaler schob ihren Teller zur Seite und legte die schönen Arme auf
den Tisch.
»Sie sind wohl fremd in Berlin, Herr Hauptmann?«
Gaston verneigte sich leicht. »Wie man's nehmen will, gnädige Frau. Ich
bin schon einige Jahre hier. Zuerst auf Akademie, jetzt im Generalstab.
Aber ich habe mich nicht viel um Anschluß bemüht. Ich hatte nämlich
immer reichlich zu arbeiten.«
»Interessieren Sie sich für den Sport?«
»Natürlich! Jeder Kavallerist muß sich dafür interessieren. Die
Hindernisrennen sind gewissermaßen die letzte hohe Schule für unsere
Reiteroffiziere. Aus den auf dem grünen Rasen gewonnenen
Erfahrungen ...«
Frau Rheinthaler schnitt ihm mit einer geringschätzigen Handbewegung die
Rede ab.
»Ah was! Wegen der Wetten reiten doch bloß die meisten von Ihnen, und
nachher wird gespielt. Manchmal, wenn ich schon wieder aufsteh', sitzen
sie noch mit meinem Mann zusammen im Herrenzimmer. Schrecklich -- er
ruiniert sich dabei. Nicht mit dem Geld. Da kann er verspielen, so viel
er will, aber mit der Gesundheit hält er's nicht aus. Er hat einen
schlimmen Herzfehler, und seine Lungen sind angegriffen. Der Doktor
meint, jeden Tag könnt's eine Katastrophe geben, wenn er's so weiter
treibt, er aber lacht bloß dazu. Er allein müßt doch am besten wissen,
was ihm gut wär ... Und wenn er mal zusammengeklappt ist, eine halbe
Wochen zu Bett liegen muß, geht's hinterher um so ärger los. Auf alle
Rennplätze schleppt er mich, nicht nur in Deutschland, und die Nächte
sitzt er mit den Karten in der Hand. Ich aber ... für mich ist das alles
entsetzlich. Bei den Rennen langweil ich mich zum Sterben, versteh
partout nicht, wie man sich drum aufregen kann, ob eins von die Rösser
schneller lauft als das andere.«
Frau Josepha machte eine kleine Pause, tippte ihren Gatten auf den Arm:
»Du Fritzerl, bitt schön, a Zigaretten.«
Herr Rheinthaler hielt ihr die Dose hin, ohne sich umzusehen oder sein
Gespräch mit dem Landsberger Husaren zu unterbrechen. Gaston von Foucar
aber fragte sich verwundert: Weshalb erzählt mir die Frau bloß das
alles? Vor kaum einer Viertelstunde hab ich sie kennen gelernt, und sie
breitet vor mir Intimitäten aus, die man sonst doch für sich behält.
Frau Josepha hatte sich die Zigarette angesteckt und sprach weiter. Mit
einer leicht verschleierten, aber angenehm klingenden Stimme, der die
leise wienerische Färbung einen eigentümlichen Reiz verlieh. Und sie
nahm das Gespräch genau an dem Punkte wieder auf, an dem sie es
abgebrochen hatte.
»Ja, also ... stumpfsinnig kann man bei diesem Leben werden. Und man
sehnt sich nach den Zeiten zurück, wo man noch Interessen hatte. Nicht
eine blöde Rolle zweihundertmal nacheinander zu spielen, Abend für
Abend, sondern neue Aufgaben zu gestalten. Ich war nämlich nicht nur in
Berlin am Theater, sondern früher in Wien, und da spielten wir mit
wechselndem Repertoire, Ibsen, Strindberg, Shaw, und man fand doch einen
Widerhall, wenn man was geleistet hatte. Die ganze Stadt sprach von so
einer neuen Rolle. Wie ich z. B. die Hedda Gabler kreiert hatte ...«
Herr Rheinthaler wandte sich halb um, das letzte schien er gehört zu
haben.
»Entschuldige, liebe Josepha, ich möchte nur meine Zigaretten wieder
haben.« Und mit einem leicht spöttischen Lächeln fügte er hinzu: »Sie
können nachher zu Hause die Kritiken lesen, Herr Hauptmann. Es war
phänomenal, ganz Wien war begeistert, hingerissen, verrückt. Ein
Jüngling erschoß sich an der Theaterkasse, weil er zu der zweiten
Vorstellung keinen Platz mehr kriegen konnte, und im Gemeinderat stellte
ein Abgeordneter den Antrag, der göttlichen Darstellerin der Hedda
Gabler schon jetzt ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof in sichere
Aussicht zu stellen, natürlich gratis und franko.«
Frau Josepha blies gleichmütig einen kunstvollen Ring aus ihrer
Zigarette, hob ein wenig die vollen Schultern und machte zu ihrem
Gegenüber eine bezeichnende Geste: »Da, sehen Sie? Wenn wir uns nur
gegenseitig frozzeln können! Aber im Ernst: Ich möcht nicht, daß Sie
glauben, ich schwatz Ihnen da was vor! Wollen Sie heute abend unser Gast
sein? Es sind nur ein paar Leute da. Es gibt auch bloß eine Tasse
Kaffee, eine Zigarette und vielleicht, wenn die Stimmung danach ist, ein
bisserl Musik.«
Gaston verneigte sich leicht: »Sehr liebenswürdig, gnädige Frau, aber
ich habe zu Hause eine Arbeit liegen, die ich unbedingt bis morgen
früh ...«
Herr Rheinthaler fiel ihm ins Wort: »Keine Ausflüchte, Herr Baron! Das
Vaterland wird nicht in Gefahr geraten, wenn Sie sich zur Abwechslung
mal keine Schlachtpläne ausdenken! Und jetzt auch nicht mehr lang
gefackelt! Die Autos stehen unten. Kellner, zahlen!«
Es folgte ein allgemeiner Aufbruch. Herr von Foucar gedachte, sich auf
dem Wege zum Ausgange unauffällig zu entfernen. Da traf ihn ein
bittender Blick aus Frau Josephas Augen, und er ging mit.
An der Garderobe fand er Gelegenheit, den Landsberger Husar für ein paar
kurze Minuten beiseite zu nehmen.
»Sie, Wodersen, sagen Sie mal ...«
Der Kleine hob die Hand: »Weiß schon! Sie wollen mich anpöbeln, daß ich
Sie in diese Gesellschaft da verschleppt habe! Glauben Sie mir, es ist
nicht die schlechteste. Der Mann fällt einem mit seinen ein bißchen
saloppen Manieren ja auf die Nerven. Aber er macht von seinem immensen
Reichtum den denkbar vernünftigsten Gebrauch. Zwei Jahre hat er
höchstens noch zu leben -- da lebt er eben, wie's ihm Vergnügen macht.
Rennen, Jagd, Kartenspielen. Namentlich das letzte. Wenn er zehn Stunden
beim Poker gesessen hat, und sein Arzt macht ihm Vorwürfe, zuckt er mit
den Achseln. Er sollte lieber seinen Scharfsinn anstrengen, einen neuen
Spieltisch zu erfinden, für Leute, die nicht mehr viel Zeit haben. Mit
dem Mischen und Kartengeben gingen jedesmal drei kostbare Minuten
verloren.«
»Nun, und die Frau?«
»Ach, weil sie Ihnen gleich in der ersten Viertelstunde anvertraut hat,
was man sich manchmal erst nach längerer Bekanntschaft erzählt? Ich hab
mit halbem Ohr hingehört -- da brauchen Sie sich nichts drauf
einzubilden! Das ist ihr gerade so durch den Kopf geschossen, und da
mußte sie es aussprechen. Wenn sie zum Beispiel gefunden hätte, daß Ihre
Frisur Sie nicht kleidet, hätte sie's vielleicht ebenso gesagt.«
»Aber das ist doch ...«
»Ein bißchen unerzogen, wollen Sie sagen? Ich weiß nicht! Ich werd' aus
der Frau nicht klug. Manchmal glaube ich, es ist bei ihr eine Art von
Koketterie, manchmal, sie ist so unbedingt wahrheitsliebend, daß sie es
verschmäht, anders zu sprechen, als sie im Augenblick gerade denkt. In
einer Art von souveräner Unbekümmertheit wie eine Naturkraft, möchte ich
sagen, die nur ihren eigenen Gesetzen gehorcht. Na, Sie werden sich ja
selbst ein Urteil bilden können, wenn Sie von jetzt an öfter in dem
Rheinthalerschen Hause verkehren.«
»Ich denke nicht daran,« sagte er lachend. Der kleine Husar aber zuckte
mit einem leichten Seufzer die Achseln.
»Ich kenne manche, die so ähnlich gesprochen haben wie Sie ... aber so
ziemlich alle bisher sind wiedergekommen.«
Ein Diener in dunkler Livree hatte Frau Josephas Hütchen in einer
Lederschachtel verwahrt, sie trat in Automantel und Kapuze auf Gaston
zu.
»Sie fahren neben mir, Herr Hauptmann! Ich steuere meinen Wagen selbst,
aber Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich hab' mich selbst viel zu
lieb, als daß ich eine Unvorsichtigkeit begehen könnte.« Und, als sie
nebeneinander die Treppe hinuntergingen, sah sie ihn lächelnd an.
»Na, wie war nun der Steckbrief, den Herr von Wodersen Ihnen über mich
gegeben hat?«
»=Fishing?=« fragte er zurück.
In ihrer weißen Stirn erschienen ein paar senkrechte Fältchen.
»Ich wünsche nie, Komplimente zu hören. Merken Sie sich das, bitte, wenn
wir gute Freunde werden wollen!« Und da trieb ihn eine seltsame Lust,
genau so aufrichtig zu sprechen, wie sie.
»Gnädige Frau, ich bitte gehorsamst um die Erlaubnis, sagen zu dürfen,
daß ich dazu keine Zeit haben werde. Ich habe viel zu viel zu arbeiten,
um daneben irgend welche Freundschaften pflegen zu können. Wenn ich
jetzt mit Ihnen fahre, weil ich zu höflich war, die Einladung Ihres
Herrn Gemahls abzulehnen, so kostet das mich meinen wohlverdienten
Schlaf. Die Arbeit, von der ich vorhin sprach, muß morgen früh fertig
sein.«
Frau Josepha blickte, ein wenig verwundert, auf.
»Und deswegen entschuldigen Sie sich? Herr von Wodersen hat mir schon
erzählt, wie viel Sie zu arbeiten haben, vorhin, wie Sie mir auf dem
Rennplatz auffielen ...«
»Ich? Und wodurch, wenn ich fragen darf?«
Sie errötete ein wenig.
»Das sag' ich Ihnen ein andermal! Na, und nun der Steckbrief.«
»Ja, gnädige Frau, ich weiß nicht ... also gut, ich hatte mich
gewundert, daß Sie so rückhaltlos zu mir sprachen. Ueber Dinge, die man
sonst ... na, und da versuchte Herr von Wodersen, mir das zu erklären.
Ich hätte mir darauf nichts einzubilden, weil Sie immer aussprechen
würden, was Sie gerade denken. Aus unbedingter Wahrheitsliebe oder --
ich weiß nicht recht mehr -- aus Bequemlichkeit ...«
Frau Josepha sah sinnend geradeaus.
»Ich weiß es selbst nicht. Als Kind hab' ich vielleicht zu wenig Schläg'
gekriegt. Ich war ein arg verzogener Fratz ... Aber in einem hat er
unrecht, der Herr von Wodersen nämlich: Sie dürfen sich doch was drauf
einbilden! Ich war furchtbar ärgerlich und verstimmt. Jeder andere hätte
Grobheiten zu hören gekriegt, aber bei Ihnen war mir's halt so, als
müßt' ich Ihnen erklären, weshalb ich so verstimmt war ...«
»Komisch,« mußte er unwillkürlich denken, »das eitle kleine Frauenzimmer
da bildet sich wahrhaftig ein, es wäre so etwas wie der Mittelpunkt der
Welt.«
Frau Josepha setzte sich hinter das Steuer, er nahm zu ihrer Linken
Platz, der Chauffeur drehte die Kurbel an und sprang auf den langen
Seitentritt.
»Wir haben nur ein paar Minuten zu fahren,« sagte sie, lenkte den
schweren Wagen durch eine Lücke der die breite Heerstraße
entlangziehenden Fuhrwerke in freie Bahn. »Und auf das, was Sie eben
gedacht haben, antwort' ich Ihnen zu Hause. Jetzt muß ich aufpassen ...«
Sie brach ab. Eine Droschke kam angejagt, deren Lenker anscheinend die
Gewalt über sein Rößlein verloren hatte. Haarscharf bog das Auto an den
schleudernden Rädern vorbei. Da verfiel sie zornig in ihren heimatlichen
Dialekt: »Kruzitürk'n, hätt grad no g'fehlt! A Schlamperei is das, und,
Karl,« rief sie dem Chauffeur zu, »merken S' sich die Nummer von der
Droschken! So a Kerl, dem a lahme Zieg'n durchgehn tut, muß den
Fahrschein verlieren.«
Die Villa Rheinthaler lag in einer Seitenstraße der Königsallee,
inmitten eines großen Parkes, den dichtes Buschwerk und ein hohes
Eisengitter gegen zudringlichen Einblick der Vorübergehenden
verschlossen. Schlanke Kiefern hoben sich aus weiten Rasenplätzen,
seltene Zierbäume vereinigten sich zu Gruppen, aus einem Teppich bunter
Blumenbeete sprang der mächtige Strahl einer Fontäne. Als die Autos in
die Auffahrtsrampe lenkten, eilte ein halb Dutzend Diener herbei, die
Ankommenden in Empfang zu nehmen.
»So,« sagte Frau Josepha, »jetzt entschuldigen Sie mich ein paar
Minuten. Ich bin gleich wieder da, will mich nur ein bißchen hübsch
machen. Für Sie!«
»Noch hübscher?« fragte er kecker, als es sonst in seiner ein wenig
schwerfälligen Art lag.
»Möglichst hübsch,« erwiderte sie lächelnd, »um einen Spartaner seinen
strengen Grundsätzen abwendig zu machen.«
Da folgte er ihr in das Haus, ganz unsicher, was er von alledem halten
sollte. Glaubte diese, anscheinend über die Maßen verwöhnte junge Frau
vielleicht, er wäre mit ein paar liebenswürdigen Redensarten
einzufangen? Um nachher in ihrem Hofstaat einherzutraben, wie etwa der
kleine Landsberger Husar ...
Die weite Halle füllte sich mit Gästen. In den beiden Automobilen von
dem Grunewaldrestaurant mochte etwa ein Dutzend mitgekommen sein, die
übrigen, mehr als zwanzig, hatten anscheinend schon auf die Heimkehr der
Wirte gewartet. Auf dem in der Mitte stehenden Billard war eine
Boulepartie im Gange. Die vier Spieler protestierten, teils scherzhaft,
teils im Ernst gegen die Störung. In einer Ecke bearbeitete ein Jüngling
in weißem Tennisdreß das Klavier, zwei, drei Paare tanzten Tango. Alles
schwatzte durcheinander, ein dicker Herr fuchtelte mit dem Arm in der
Luft und rief laut: »Heda, Wirtschaft! Whisky und Soda! Ich komm' fast
um vor Durst ...«
»Doller Betrieb, was?«
Gaston blickte auf, der Hausherr stand neben ihm.
Er verneigte sich höflich.
»Wohl dem, der ein so gastfreies Haus zu führen vermag.«
»Haus? Schon mehr ein Restaurant! Sehen Sie den Dicken da, der so nach
Whisky brüllt? Das ist der gewerbsmäßige Spieler Leopold David! Wenn ich
ihn ansehe, fehlen mir ungefähr dreimalhunderttausend Mark. Ich bin
seiner eisernen Ruhe nicht gewachsen, aber gerade das reizt mich ...
und, was wollte ich doch sagen? Ja richtig -- so geht das hier jeden
Sonntag zu. In der Woche weniger. Da ladet meine Frau mir nur meine
ständige Pokerpartie ein, weil ich keinen Klub besuchen kann. Hier drin
nämlich ist alles kaput« -- er schlug sich mit der Faust gegen die
Brust, ein kurzer, trockener Husten folgte danach, er sprach nur mit
Mühe weiter: »Ja, also, was spielen Sie? Gar nichts? Das ist sehr
bedauerlich! Was wollen Sie da mal als pensionierte Exzellenz machen?
Ich lebe nur, wenn ich Karten in der Hand habe. Im Sarge gedenk' ich die
'Teufelspatience' zu legen, die geht erst am Jüngsten Tag auf. Na denn,
auf Wiedersehen. Herr David winkt mir, die Partie kommt in Gang. Sie
entschuldigen mich wohl ... jeder amüsiert sich hier auf seine eigene
Fasson. Wenn Sie flirten wollen, es ist alles da! Nicht wie bei armen
Leuten ... Wenden Sie sich nur an meine Frau, die wird's Ihnen
aussuchen. Erst vorige Woche hat sie eine Verlobung gestiftet, und der
Bräutigam konnte lachen. Die einzige Tochter von Martin Neudecker ...
zwei Millionen bar auf den Tisch des Hauses, nach dem Ableben des
hochverehrten Papas und Erblassers das Vierfache. Und so was Aehnliches
läuft hier noch in mehreren Exemplaren herum, zum Beispiel die reichere,
dafür jedoch häßlichere Cousine der eben genannten, christlichen
Jungfrau und Braut -- aber jetzt entschuldigen Sie mich wohl wirklich.
Wenn Sie Durst oder Hunger haben, brauchen Sie nur zu klingeln.«
Gaston fühlte einen feuchtkalten Händedruck und stand allein. Allein in
einem Haufen von Menschen, die ihn nichts angingen, und deren Gebaren
ihm fremdartig vorkam, wie aus einer anderen Welt. Es war ja ganz
interessant, da mal hineinzublicken, aber damit auch holla ... Und jetzt
hätte er sich still entfernen können, niemand achtete auf ihn. Nur es
reizte ihn, zu erfahren, ob Frau Josepha wirklich erraten haben mochte,
was er vor dem Besteigen des Autos gedacht hatte.
Der Jüngling am Klavier intonierte plötzlich den Einzugsmarsch aus dem
»Tannhäuser«, oben auf der Treppe, die von der Halle zu einer Galerie
führte, erschien Frau Josepha. In einem Kleid aus duftigem, weißem
Stoff, das Hals und Schultern frei ließ, eine große, purpurdunkle Rose
vor der Brust. In dem hoch aufgesteckten Haar blitzte ein Diadem aus
Brillanten und Rubinen ... wie eine Königin stand sie da, ließ ihre
Blicke gleichgültig über die Menge da unten schweifen. Er sah hinauf, da
winkte sie mit dem Fächer, lachte und rief etwas hinab, was er bei der
dröhnenden Musik nicht verstand. Nur ein gewisser Stolz erfüllte ihn,
als die in der Nähe Stehenden ihn verwundert anblickten. Irgendwoher aus
der Menge kam eine fettige Stimme in unverfälschtem Dialekt: »Da schau
her, a neuches Schweinderl in Frau Circes Hofstaat! Noch schaut's aus
wie a Mensch, aber gib Obacht -- in a paar Täg wird's zu grunzen
anfangen ...«
Brüllendes Gelächter ringsum, die Zornröte stieg ihm ins Gesicht. Aber
töricht wäre es gewesen, zu zeigen, daß er sich getroffen fühlte, oder
gar den Rückzug anzutreten. Nur eins war natürlich klar: heute war er
zum ersten- und letztenmal in der Villa Rheinthaler gewesen ...
Frau Josepha kam langsam die Treppe hinab und ging durch die Menge wie
eine Fürstin, die Cercle hielt. Hie und da sprach sie eine Dame oder
einen Herrn an, endlich stand sie vor Gaston.
»Das ist nett von Ihnen, daß Sie geblieben sind. Und bin ich jetzt schön
genug, daß Sie ab und zu mal wiederkommen werden? Wenn Ihr strenger
Dienst es erlaubt?«
Er biß sich auf die Lippen und verneigte sich stumm. Wollte sie ihn
lächerlich machen vor den anderen, oder warf sie sich ihm an den Hals?
Frau Josepha wartete einen Augenblick auf die Antwort, dann sprach sie
lächelnd weiter.
»In einer Stunde wird das Auto vor der Tür stehen -- es ist nicht viel
anders, als hätten Sie ein wenig länger beim Nachtmahl gesessen.
Inzwischen gestatten Sie, daß ich Sie ein bisserl bekannt mache.« Sie
sah sich um, winkte einer jungen Dame, die von einem Kreise von
Courmachern umringt war: »Ach, liebe Magda ...«
Die junge Dame, eine Rotblondine mit mageren Schultern, blickte auf.
»Was denn, liebe Josepha?«
»Gestatte, daß ich Dir Herrn Hauptmann von ... pardon, wie war doch
gleich der Name?«
»Von Foucar ...«
»Herr Hauptmann von Foucar -- Fräulein Magda Neudecker! Sie werden viele
Berührungspunkte haben, meine Herrschaften, in der beiderseitigen
ernsten Lebensauffassung ...«
Frau Josepha neigte lächelnd den Kopf mit den schweren Flechten und dem
funkelnden Diadem und schritt zu der nächsten Gruppe. Die junge Dame
trat einen Schritt näher und kniff die kurzsichtigen Augen zusammen.
»Wie ich sehe, Herr Hauptmann, gehören Sie zum Generalstab, nach Ihrer
Uniform zu schließen. Ja, da wird gearbeitet, das weiß ich von einem
Vetter, einem Grafen Krottenburg -- er hat eine Cousine von mir
geheiratet. Wissen Sie, von der 'anderen' Linie der Neudecker ... wenn
Sie in der Berliner Gesellschaft ein bißchen Bescheid wissen, werden Sie
sich auskennen.«
»Keine Ahnung, mein gnädiges Fräulein ...«
»So, nicht? Na, mir widerstrebt es ... lassen Sie sich das von unserer
Wirtin erklären, gelegentlich ... nur so viel, mein Vetter Krottenburg
hatte eine kleine Enttäuschung zu verzeichnen infolge einer falschen
Auskunft -- es war wieder einmal eine Verwechslung passiert mit der
anderen Neudeckerschen Linie ... aber ja, was die ernsthafte
Lebensauffassung anbetrifft, da finden Sie in mir eine kongeniale
Seele.«
So sprach sie noch eine Weile lang selbstgefällig fort, ihre Zunge lief
wie das Rad eines Scherenschleifers, und Gaston fühlte ordentlich, wie
sie ihn dabei mit prüfenden Blicken betrachtete. Ob es sich wohl lohnte,
vom Standpunkt einer Millionenerbin aus, diesen neuen Bewerber, den man
ihr vorgeführt hatte, ein wenig näher kennen zu lernen.
Als er sich nach schroffer Verneigung umwandte und zum Ausgang schritt,
begegnete ihm Frau Josepha mit einem, wie ihm scheinen wollte,
spitzbübischen Lächeln in den Augenwinkeln.
»Was denn? Doch nicht etwa schon fort? Das Auto, das Sie heimbringen
soll, ist noch nicht vorgefahren. Es fehlt noch eine halbe Stunde --
genau auf neun hab' ich's befohlen. Und ich hab' Sie noch was zu
fragen.«
Sie deutete auf eine offenstehende Tür, die zu einem hell erleuchteten,
saalartigen Zimmer führte. Er neigte den Kopf und folgte. Was lag
schließlich an der halben Stunde?
In einer Ecke stand ein runder Pokertisch, von einer großen Hängelampe
bestrahlt. Die sieben Plätze waren besetzt, hinter den Stühlen standen
ein paar schweigsame Zuschauer. Ein klapperndes Geräusch von Zeit zu
Zeit, wenn die beinernen Chips in die Mittelschale flogen, die
notwendigen Erklärungen im Spiel wurden nur halblaut gegeben. Einer der
Herren wandte den Kopf, eine Hakennase stand über einem Paar flackernder
Augen.
»Na, Baronchen, amüsieren Sie sich?«
»Danke, ausgezeichnet!«
»Um so besser!« ... Ein heiseres Lachen folgte: »=Et quant à moi, ma
chérie= ... unberufen -- ein Festschießen! =Aujourd'hui j'ai une veine
comme un= ...«
Ein einziger an dem runden Tische belachte die zynische Bemerkung: der
dicke Herr David, den der Hausherr vorhin als gewerbsmäßigen Spieler
bezeichnet hatte. Die anderen blickten nicht einmal auf, griffen mit
gespannten Gesichtern nach ihren Karten. Frau Josepha aber zog die
Augenbrauen zusammen. Sie seufzte leicht auf und wies auf einen breiten
Klubsessel.
»Da bitt schön! Und wollen's was zum Trinken haben? Nicht ... na denn
...« Sie setzte sich ebenfalls, kreuzte die kleinen Füße in den
Atlasschuhen und legte die weißschimmernden Arme auf das dunkelrote
Leder der Seitenlehnen. Kein Schmuck störte die prachtvoll verlaufende
Linie bis zu dem feinen Handgelenk, nur an den schlanken Fingern
funkelten ein paar Ringe.
»Alsdann ... ich hatte versprochen, ich würd' Ihnen sagen, was Sie
gedacht haben, eh' daß wir eingestiegen sind. Sie haben gedacht: 'Hat
die Frau einen Größenwahn! Bildet sich ein, alles auf dieser Welt dreht
sich um sie.' Stimmt das?«
»So ähnlich!«
»Na, sehen Sie! Und jetzt will ich Ihnen erklären, wieso ich mir das
einbild'. Nämlich erstens denkt jede Frau so, die ein bisserl hübsch
ist, und zweitens, bei mir ist das immer so gewesen, in der Welt, die um
mich 'rum war. Schon als Kind ... Mein Vater betete mich an, jede
Ungezogenheit von mir war ein geistvolles Aperçu, und ich ... als
siebenjähriges Mädel hab ich schon drauf gespitzt, ob die Leute auf der
Gassen sich nach mir umschauten! Und später beim Theater -- wie ich
dahin gekommen bin, ist eine Geschichte für sich -- ja, Sie dürfen's
wirklich glauben, ganz Wien war in mich närrisch! Jeden Tag Blumen und
Geschenke von ganz unbekannten Menschen, und alle Wochen fast ein
Heiratsantrag. Wissen's, die Leuteln da unten sind leichter beweglich
als hier oben ... also schließlich auch ein -- na, sagen wir mal, ein
sehr ein hochstehender junger Herr. Ein Bürscherl noch, aber ein sehr
hochgeborenes. Ich lacht' ihn aus, aber er kam wieder, wollt' auf all'
seine Titel verzichten, wenn ich nur Ja sagen würd' ... Ein paar Tage
drauf teilt mir mein Direktor mit, er könnt' meinen Kontrakt nicht
verlängern. Aha, sagt' ich, und ich weiß schon, weshalb. Z'wegen höhere
Rücksichten! ... Und da wär' ich beinahe tück'sch geworden, hätt' den
Herrn Verwandten von dem hochgeborenen Bürscherl doch noch den Streich
gespielt! Aber ich besann mich, ich hatt' ein Beispiel vor Augen, auch
von so einer morganatischen Ehe ... also nach Berlin. Geheult hab' ich
... in Wien taten die Herren Rezensenten Feuilletons über mich
schreiben, hier erwischt' ich bei der fünfzigsten Aufführung ein
Notizerl von zwei Zeilen. Da kam mein Mann. Das heißt, er wurd's erst
später ... Herr Fritz Rheinthaler. Zuerst lud er mich mit einem
prachtvollen Ring aus Brillanten und Smaragden ein, ich möchte bei dem
nächsten seiner 'berühmten Herrenabende' mitwirken. Als ich ihm den Ring
zurückschickte, kam er persönlich. Ich ließ ihn nicht vor ... er kam
aber jeden Tag wieder ... drei Wochen danach hatte ich eingewilligt,
seine Frau zu werden. Eigentlich wegen einem guten Witz. Er hatte mir
nämlich geschrieben, er selbst wär' häßlich. Aber er hätte das schönste
Haus in Berlin, die schönsten Autos und Pferde, nur die schönste Frau
tät' ihm noch fehlen ... Da mußt' ich lachen ...«
Frau Josepha machte eine kleine Pause, strich sich über die Stirn und
sah nachdenklich auf ihre Fußspitzen.
»Ja, so hab' ich ihn halt genommen. Auch weil er mir ein bisserl leid
tat ... Na, und jetzt --« Sie blickte wieder auf -- »jetzt ist die Reih'
an Ihnen. Aber hübsch ausführlich, bitt' ich mir aus!«
Er schrak unwillkürlich zusammen. Zuerst hatte er aufmerksam zugehört,
dann war es wie ein sachtes Dämmern gekommen. In einem großen Garten
blühten tausend Rosen, und die allerschönste, eine tief purpurfarbene,
neigte sich ihm zu.
»Ich, gnädige Frau? Von mir ist wenig zu erzählen. Zum mindesten nichts,
was Sie interessieren könnte.«
Sie machte eine kurze Handbewegung.
»Ah ... gehn's! Wenn man so ausschaut wie Sie ... Aber Sie haben ganz
recht! Sie brauchen nicht mit Erlebnissen zu renommieren, das spürt man
als Frau. Aber nur eins möcht' ich gern wissen: wer ist denn
augenblicklich die Glückliche?«
Er errötete bis unter die Haarwurzeln, und es klang unwilliger, als er
beabsichtigt hatte: »Gnädigste Frau, ich muß gestehen, über solche Dinge
habe ich noch nie zu einer Dame ...«
»Ah was, zu mir können's sprechen wie zu einem Bub'n ...«
»Nun denn, in meiner allerersten Leutnantszeit hatte ich ein paar kurze
wilde Wochen. Die liegen hinter mir. Und ich glaube, ich hatte heute
schon einmal Gelegenheit, auszusprechen, ich hätte nicht einmal für die
Freundschaft Zeit. Geschweige denn für irgend welche leichtfertigen
Abenteuer!«
Frau Josepha lachte leise auf.
»Alsdann, wenn ich noch ein junges Mädel wär', in Sie tät ich mich
unrettbar verlieben! Aber jetzt will ich mal wieder ganz gesetzt sein:
so schrecklich viel müssen Sie arbeiten?«
»Ich muß nicht, es ist mein freier Wille. Tausende machen sich ihre
Karriere leichter.«
An dem Spieltisch wurde es ein wenig lauter, man sprach lebhaft
durcheinander. Herr Rheinthaler wandte sich auf seinem Stuhle um: »Du,
Josepha, das hättest Du eben sehen sollen! So 'was war überhaupt noch
nicht da ... drei Vierer gegeneinander, und ich kaufe zu Coeur Aß,
König, Dame, Bube die Zehn -- =royal flush=! Also, Sie dürfen mir heute
überhaupt nicht fort, Herr Hauptmann, Sie sind meine Maskotte.«
Gaston erhob sich, ein plötzlicher Widerwille war in ihm aufgestiegen.
Gegen die frivole Gesellschaft hier und die Frau, deren ganzes Gehabe
doch darauf ausging, ihn listig zu umgarnen, zu einem Spielzeug zu
machen für ihre Launen einer gewesenen Theaterprinzessin.
»Ich bedaure sehr, Herr Rheinthaler, ich habe zu Hause noch eine
dringliche Arbeit zu erledigen. Gnädige Frau, ich bitte gehorsamst um
die Erlaubnis, mich zurückziehen zu dürfen.«
Er klappte die sporenbewehrten Hacken zusammen, Herr Rheinthaler winkte
mit der Hand: »Auf Wiedersehen denn.« Frau Josepha sah ihn ordentlich
erschreckt an.
»Ja, aber wieso denn? Es ist doch noch nicht neun Uhr, und ich wollt'
Sie noch so vieles fragen.«
»Ich möchte gern ein paar Schritte laufen. Die ganze Woche habe ich kaum
Zeit, am frühen Morgen meine beiden Gäule zu bewegen.«
Sie biß sich auf die Unterlippe.
»Dann will ich Sie nicht länger zurückhalten.«
Auf dem Vorflur gesellte sich der Landsberger Husar zu ihm, schnallte
ebenfalls um und setzte die Mütze auf.
»Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir ein Stück zusammen. Ich habe in
einem spontan entrierten Bac zwei Mille verloren. Das ist für den
einzigen Sohn eines kümmerlich lebenden Agrariers reichlich genug.«
»Sagen Sie mal,« -- Gaston deutete zurück -- »das Haus da ist wohl so
eine Art von Mausefalle? Wie man's in den Romanen liest: die schöne Frau
als Lockmittel, und den Gästen werden die Unkosten abgeknöpft?«
Der Kleine blieb entrüstet stehen.
»Foucar, ich glaube -- entschuldigen Sie den harten Ausdruck -- Sie sind
nicht recht bei Trost! Wissen Sie, was eine Kohlengrube ist?«
»Ich denke ...«
»Na, davon besitzt Herr Rheinthaler ungefähr ein Dutzend. Die nötigen
Hüttenwerke dazu -- sein Großvater schon war einer der reichsten Männer
von ganz Schlesien, sein Vater hat das Vermögen verdreifacht, und nun
kann _er_ sich noch so viel Mühe geben, er kriegt's nicht einmal fertig,
die Hälfte seiner Zinsen auszugeben! Und die Frau? Wissen Sie, was die
für eine Geborene ist? Eine richtige Baronin Nadanyi! Aus der
morganatischen Ehe eines Prinzen von Leuchtenfels, der in
österreichischen Diensten stand, mit einer Dame aus böhmischem Adel. Und
das sind keine Theatermärchen, ich selbst habe die Dokumente gesehen!
Wie so etwas zur Bühne kommen konnte, wollen Sie fragen? Die Mutter war
früh gestorben, sie kam mit sechzehn Jahren ins Kloster. Da brannte sie
durch. Ein schöngeistiger Pater hatte sie verrückt gemacht, weil sie
Corneillesche Verse deklamierte, daß sich's anhörte wie Musik. Ihr Herr
Papa hatte keine Autorität, war auch wohl in den Händen irgend einer
Dame, die ihn ebenfalls morganatisch zu heiraten gedachte ... kurz, sie
setzte es durch. Ein paar Jahre war sie an österreichischen
Provinzbühnen, dann kam sie nach Wien. Feierte beispiellose
Triumphe ...«
»Ich weiß,« sagte er lächelnd. »Sie hat es mir vorhin erzählt.«
»Ah nein, lieber Foucar, nicht so ironisch! Ich habe die Kritiken
gelesen. Es war fabelhaft! Hier in Berlin erlebte sie ja nachher eine
Enttäuschung.«
»Aber sie hat sich mit Herrn Rheinthaler getröstet! Erzählte sie mir
auch vorhin. Na und nun wollen wir von etwas anderem reden. Müssen Sie
noch heute nach Landsberg zurück?«
»Nein, ich hab', Gott sei Dank, drei Tage Urlaub erwischt. Aber jetzt
erlauben Sie mir eine Frage: Sind Sie wirklich so eine kaltschnäuzige
Natur, oder verstellen Sie sich bloß?«
»Wie meinen Sie das?«
»Nun, Sie haben heute eine der schönsten lebenden Frauen kennen gelernt
... Unsinn, _die_ schönste Frau überhaupt! Sie hatten den Dusel, von ihr
ausgezeichnet zu werden, und jetzt sagen Sie gewissermaßen, na wenn
schon?«
»Ah nein, das nicht! Es hat mich sehr lebhaft interessiert, eine Sorte
von Menschen kennen zu lernen, die mir bisher fremd war. Menschen, die
den einzigen Trieb in sich haben, schrankenlos ihren Gelüsten zu folgen,
für die der Begriff Arbeit nicht zu existieren scheint, und die sich
infolgedessen viel zu viel mit dem eigenen Ich beschäftigen. Dafür hab'
ich mal in einer Zeitung ein recht nettes Wort gelesen, das darauf
anzuwenden wäre: 'Die janze Richtung paßt mir nicht!' Es ist etwas in
diesem Betrieb, da sträubt sich mein Empfinden als Offizier und Edelmann
dagegen. Es ist muffig! Treibhausatmosphäre, in die unsereins nicht
hineingehört.«
Der Kleine neben ihm stöhnte auf.
»Herrgott, was sind Sie zu beneiden! Haben Sie vielleicht eine kleine
Eismaschine in der Brust? Ich bin seit einem halben Jahr ein bißchen
verrückt. Ich muß das mal aussprechen, Sie werden es auch natürlich für
sich behalten ...«
»Aber selbstverständlich ...«
»Also die Frau ... ich glaube, ich schieß mich ihretwegen noch einmal
tot. Sie hat etwas, was mich toll macht und meine Sinne reizt, irgend
ein Fluidum, das auch ihre unerhörten Erfolge beim Theater erklärt ...
jeden Abend ausverkauft, aber nur wenige Damen im Publikum, lauter
Herren.«
»Vielleicht müßten Sie bloß ein bißchen forscher 'rangehen, lieber
Wodersen. Nur dem Kühnen blüht das Glück.«
Der Landsberger Husar stieß unwillig mit der Säbelscheide auf die
Steinfliesen des Trottoirs.
»Sprechen Sie nicht so leichtfertig, Herr von Foucar! Das heißt, pardon
... Sie kennen die Dame ja erst seit ein paar Stunden. Ich schwöre
Ihnen, sie ist ihrem Manne unverbrüchlich treu. Das weiß ich genau, denn
ich lasse sie beobachten. Lachen Sie nicht ... ich lasse sie täglich
beobachten und bekomme täglich meinen Bericht. Es würde mich wahnsinnig
machen, wenn ich verdursten sollte, während ein anderer ... na, ist gut!
Und immer laufe ich um ein Rätsel herum, wie um ein Haus, zu dem kein
Eingang zu finden ist ... weshalb hat sie nur diesen Menschen genommen?«
»Um sich glänzend zu versorgen, vielleicht?«
»Unsinn. Sie verfügt nach dem Tode ihres Vaters selbst über ein recht
beträchtliches Vermögen.«
»Nun, vielleicht aus Mitleid?«
»Auch das stimmt nicht. Wenn er seine Anfälle hat, betritt sie nicht mit
einem Fuß das Krankenzimmer.«
»Na, dann weiß ich wahrhaftig nicht. Möchte mir auch nicht den Kopf
darüber zerbrechen.«
Ein paar hundert Schritte gingen sie schweigend nebeneinander her. Dann
fing der Kleine wieder an:
»Bei ihm kann ich's verstehen. Er möchte in seinen paar letzten Jahren
noch alles an Genuß an sich reißen, was auf dieser Welt zu haben ist.
Wenn damals der Riesendiamant in Südafrika verkäuflich gewesen wäre --
er hätte ihn gekauft. So macht er's mit allem, was seiner Gier
erreichbar ist.«
»Kann ich bis zu einem gewissen Grade begreifen. Aber unverständlich ist
es mir, daß er dieses mühsam errungene Juwel so schlecht behandelt. Pfui
Deuwel noch einmal! Zum Ohrfeigen! ...«
Herr von Wodersen ballte die Faust.
»Ich war schon öfter drauf und dran. Aber man darf sich doch an so einem
kläglichen Jammergestell nicht vergreifen. Und wer will sich in die
Empfindungen eines so degenerierten Menschen hineinversetzen? Eines
Menschen, der genau weiß, daß er in kurzer Frist ins Gras beißen muß?
Vielleicht ist das noch der letzte Reiz für ihn, zu besudeln, was andere
auf den Knien anbeten würden ... Na, gute Nacht! Ich sehe dort an der
Ecke ein Auto stehen. Ich fahr' nach meinem Hotel, zieh' mich um und
geh' noch irgend wohin, mich betäuben. Haben Sie Lust, mitzukommen?«
»Danke! Ich, im Gegenteil, brauche heute noch mein bißchen Grips. Aber
eins noch: Weshalb gaben Sie mir heute abend in dem Grunewaldrestaurant
eine so wesentlich andere Auskunft über diese schätzenswerte Familie
Rheinthaler?«
»Weil ... na also schön, auf die Gefahr hin, daß Sie ein bißchen
größenwahnsinnig werden -- Frau Josepha hatte mir schon auf der Rennbahn
befohlen, Sie heranzuschleifen. Sie waren ihr aufgefallen, und zwar
gleich so, daß ich es mit der Eifersucht kriegte. Da hatte ich mich
zuerst natürlich geweigert. Dann aber, als Sie in das Restaurant kamen,
hatte sie mit ihren scharfen Augen Sie sofort entdeckt, ich mußte
gehorchen. Und nachher, als Sie mich beiseite nahmen, konnte ich Ihnen
doch nicht gut raten: 'Drücken Sie sich wieder, so rasch als möglich!
Wenn Sie in kurzen vierzehn Tagen nicht ebenso ein trauriger Bonze
werden wollen wie ich --' Da hätten Sie mich doch für leicht verrückt
halten müssen! Ekelhaft ist das alles, nicht wahr? Na, gute Nacht,
Foucar, und auf Wiedersehen morgen abend oder spätestens nächsten
Sonntag.«
»Gute Nacht, Wodersen! Wenn Sie aber meinen sollten, in der Villa
Rheinthaler, fürchte ich, wird aus dem Wiedersehen nichts werden!«
»Ich lege Ihnen hundert zu eins, bis nächsten Sonntag sind Sie
dagewesen!«
»Und ich bin nicht habsüchtig genug, Sie beim Wort zu nehmen: der
Ausgang der Wette würde nur in meinem Belieben stehen. Aber da wir schon
dabei sind, ein paar von den Klappen hochzuziehen da innen, die man
sonst vor anderen geschlossen hält, ja, da möchte ich bemerken, daß ich
einige altmodische Grundsätze habe. Einer davon lautet, man soll nicht
in eine Ehe einbrechen, auch wenn sie noch so schlecht verwahrt ist!
Oder die Tür sperrangelweit offen steht.«
Der Kleine sah ihn fast feindselig an.
»Sie tun ja ganz so, als brauchten Sie nur den Finger auszustrecken,
und ...«
Er fiel ihm ins Wort: »Das ist ein Mißverständnis. Ich sprach im
Augenblick ganz allgemein ... nichts lag mir ferner, als der von Ihnen
verehrten Dame irgendwie zu nahe zu treten.«
»Dann ist's gut -- danke. Was aber unsere Wette angeht ...«
»Also, wenn Sie Ihr Geld durchaus los werden wollen: ein gutes
Sektfrühstück! Jeder von uns darf ein paar Gäste mitbringen.«
»Abgemacht! Und wir werden ja sehen, wer das Frühstück bezahlt.«
Herr von Wodersen stieg in das Auto, er rief ihm lachend nach: »Immer
derjenichte, welcher verloren hat ...« und ging langsam seiner Wohnung
zu. Sie lag in der Rankestraße, wegen der bequemen Verbindung zu seiner
täglichen Dienststelle. Er hatte reichlich Zeit, die Ereignisse des
Nachmittags noch einmal zu überdenken. Und da überkam ihn fast ein
Gefühl der Mißachtung gegen den kleinen Husaren ... Schlapp war es, sich
so widerstandslos einer -- im letzten Grunde doch verbrecherischen --
Leidenschaft hinzugeben! Da mußte man sich einfach bei den Ohren nehmen,
holla, bis hierher und nicht weiter! Und die Zeiten der Troubadoure
waren doch vorüber ... ein Ziel mußte man sich ausrichten, nach dem man
strebte, da war Minnedienst vom Uebel!
Er stieg die drei Treppen zu seiner Wohnung empor, im Vorzimmer machte
er Licht und trat vor den Spiegel. Kopfschüttelnd betrachtete er sein
Bild. Unsinn, es sah noch genau so aus wie sonst. Keine Spur eines
interessanten »Helden«, ein nüchterner preußischer Offizier, der keinen
anderen Ehrgeiz kannte, als an dem Platze, auf den man ihn gestellt
hatte, vollauf seine Pflicht zu tun ...
Er entsann sich, daß er nicht immer so gefestigt gewesen war wie heute,
ein paar Wochen in seiner frühesten Leutnantszeit gehabt hatte, wo er
beinahe unter die Räder gekommen wäre ... Wegen eines raffinierten
kleinen Frauenzimmers, das er -- im Notfall unter Einsetzung der eigenen
Existenz -- aus dem »Sumpfe« zu erretten gedachte, in den es schuldlos
geraten war. Auf der Bühne eines vorstädtischen Gartenlokals sang sie in
langem Schleppkleide sentimentale Lieder, von der letzten Rose und dem
Vergißmeinnicht am Bachesrand. Heute mußte er darüber lächeln, aber
damals war er so unsinnig verliebt gewesen, daß ihn das Herz an allen
Ecken und Enden drückte. Und als die sentimentale Sängerin, die bei dem
vorstädtischen Publikum vielen Beifall fand, ihm bei einer Flasche
sauren Mosels ihr Vertrauen schenkte, da war sein Entschluß gefaßt.
Heilige Ehrenpflicht war es, die wegen eines einzigen Fehltritts von den
grausamen Eltern Verstoßene vor dem Untergange zu bewahren, und kurz
entschlossen bot er ihr Herz und Hand. Sie begnügte sich vorläufig mit
dem größten Teile seines monatlichen Wechsels, aber Gott allein mochte
wissen, zu welchen törichten Streichen ihn seine Verliebtheit getrieben
hätte, wenn ihn nicht einer der älteren Regimentskameraden in eine Art
von Gewaltkur genommen hätte. Er lud ihn zu einem größeren »Budenfest
mit Damen«, ersuchte ihn aber, erst ein paar Stunden nach dem
offiziellen Anfange zu erscheinen. Unter den »Damen« befand sich auch
seine sentimentale Sängerin, aber sie schien sehr lustig, drehte sich
auf dem Tisch in einem unsäglich frechen Tanz, und als er sie entsetzt
anstarrte, schlug sie ihm mit der Fußspitze die Mütze vom Kopf. Da
schossen ihm die hellen Tränen in die Augen vor grimmem Weh, dann aber
stieg ihm der Ekel empor in den Hals ...
Also diese Art temporären Wahnsinns um ein Weib hatte er auch
durchgemacht am eigenen Leibe. Da war es wohl ein wenig ungerecht, sich
über den Landsberger Husaren wie ein Pharisäer zu erheben. Bei dem einen
entwickelten sich die Hemmungsgefühle, die den Menschen vor Torheiten
bewahren, früher, bei dem andern später. Und schließlich, wer wollte
sagen, was er tun oder lassen würde, wenn ihm eines Tages die
Leidenschaft wie ein Feuerbrand in die Seele schlug? ...
Er holte die Arbeit aus dem sicheren Verschlusse des Schreibtisches,
aber in den ersten Stunden wollte sie nicht recht schmecken. Ein paar
weiße Arme störten ihn ab und zu zwischen den Zahlenreihen und eine
tiefpurpurne Rose. Und manchmal beschäftigte ihn der Gedanke, was er
wohl beginnen würde, wenn das Schicksal ihm so unermeßliche Reichtümer
in den Schoß geworfen hätte wie diesem Manne, der als ein Gezeichneter
des Todes sich von Genuß zu Genuß schleppte. Da mußte er lächeln. Beim
besten Willen gelang es ihm nicht, viel mehr zu verbrauchen, als ihm
jetzt schon im Jahre zur Verfügung stand. Höchstens ein schnittiges
Juckergespann hätte er sich noch angeschafft und einen aus allerbestem
Blute stammenden englischen Hunter, der eine mannshohe Mauer wie ein
leichtes Hindernis sprang. Weiter reichten seine Wünsche nicht, und die
konnte er bei einiger Einschränkung in der kleinen Garnison da fern im
Osten auch aus eigenen Mitteln bestreiten. Vierhundert Mark im Monat
neben seinem Gehalt als Rittmeister. Damit heirateten andere und
unterhielten eine Familie. Seine Gedanken flogen der nahen Zukunft
voraus. Wie hatte der Oberst Wegener gestern gesagt? »Verplempern Sie
sich nicht, ehe Sie die kleinen ostpreußischen Mädels kennen gelernt
haben!« Na, da war nicht viel Gefahr. Das kleine Abenteuer heute war
gewissermaßen eine Probe aufs Exempel gewesen. Ein anderer hätte
vielleicht schon lichterloh gebrannt unter den Augen der schönen Frau
Rheinthaler -- er hatte sich als der standhafte Zinnsoldat erwiesen. Nur
die für den Oberleutnant Wentorp übernommene Arbeit machte bei diesen
irrlichterierenden Gedanken keine sonderlichen Fortschritte.
Der Sommermorgen blaute schon zum Fenster hinein, als er mit einem
Ausatmen die Feder aus der Hand legen durfte. Er öffnete die Flügel und
lehnte sich hinaus. Auf dem obersten Knaufe des turmartigen Aufbaues an
dem Eckhause drüben saß eine Amsel und sang in die heilige Morgenstille
ein sehnsüchtiges Liebeslied. Nur ganz von ferne kam ein leises,
rhythmisch auf- und abschwellendes Geräusch. Der Atem der noch
schlafenden Riesenstadt. Und da überfiel ihn eine seltsam schwermütige
Stimmung. Ganz einsam stand er in der weiten Welt, außer der
gebrechlichen alten Dame daheim kein Mensch, der sich um ihn sorgte.
Keinen wirklichen Freund unter den vielen Kameraden, dem man sich in
vertraulicher Stunde ganz aufschloß, der in der Not für einen eintrat,
wie für sich selbst. Vielleicht lag es daran, daß ihm die Fähigkeit
abging, eine sich entspinnende Bekanntschaft bis zur Freundschaft zu
pflegen. Immer hatte sich ihm im letzten Augenblick da innen eine Wand
emporgeschoben, über die er nicht hinauskonnte. Und wenn er jetzt in
nicht allzu langer Zeit nach dem Osten ging, riß sein Scheiden in den
Kreis, der sich ein paarmal in der Woche zu versammeln pflegte, keine
Lücke. Höchstens, daß der eine oder andere mit einer gewissen Bitterkeit
bemerkte: »Na ja, er hat's wieder einmal geschafft, der kaltnasige
Streber! Kriegt seine Schwadron außer der Tour, überspringt ein Dutzend
Vordermänner, der Schuster!«
Ein Vers flog ihm durch den Sinn, den er mal vor Jahren in einem
Gedichtbuche gelesen hatte:
Auch keinem hat's den Schlaf vertrieben,
Daß ich am Morgen weitergeh --
Sie konnten's halten nach Belieben,
Von einer aber tut's mir weh -- -- --
Das letzte stimmte nicht recht, nicht ein einziges kleines Mädel in dem
ganzen großen Berlin dachte an ihn, wenn er sich anschickte, Abschied zu
nehmen. Von gar manchen seiner unverheirateten Kameraden wußte er, daß
sie in den Vierteln im Norden eine süße kleine Verschwiegenheit hatten,
mit der sie im Räuberzivil am Sonntag irgendwohin über Land fuhren. Er
war immer nur als ein Packesel dahingetrabt, dem die anderen Arbeit
aufhalsten. Wie dieser freche Schlot von Wentorp, dem er in ein paar
Stunden wegen der angeblich verstorbenen Tante einen Sack voll
Grobheiten zu sagen gedachte. Er selbst hatte keine Zeit für törichte
Tändeleien, ging auf dem Heimweg gleichgültig gradeaus den
Kurfürstendamm hinunter, wenn er es auch zuweilen fühlte, daß ihm ein
paar blaue oder braune Mädchenaugen wohlgefällig folgten. Und noch etwas
anderes hielt ihn zurück ... ein gewisses, hochgesinntes Spartanertum.
Schlechtbehütete junge Mädchen aus gutem Hause schienen ihm die meisten,
die da mit blänkernden Augen um sich sahen. Den Frevel mochten andere
begehen ... wenn ihn das Blut trieb, folgte er einigen lustigen
Kameraden. Irgendwohin, wo nichts mehr zu verderben war ... Da war es
ganz natürlich, daß man einsam verblieb, trotzdem die schöne Frau
Rheinthaler noch vor wenigen Stunden gesagt hatte, man sähe wie einer
aus, der seine tausend Abenteuer mit diskretem Lächeln verschwiege.
Wahrscheinlich achtete sie ihn jetzt gering, weil er so ehrlich
widersprochen hatte, und wieder war eine Chance verscherzt, die andere
vielleicht skrupellos wahrgenommen hätten. Es wurde ihm heiß bei dem
Gedanken. Als ihn endlich die Müdigkeit übermannte, lag er noch eine
ganze Weile mit offenen Augen. Die aller Hemmungen bare Phantasie in dem
Dämmerzustand zwischen Wachen und Träumen zauberte ihm allerhand
lockende Bilder vor ...
3.
Es kamen die Wochen, die der Chef vorausgesagt hatte. Wochen, die an die
Arbeitskraft der Herren in seiner Abteilung Anforderungen stellten,
denen man nur mit erhöhter Anspannung des Pflichtbewußtseins gewachsen
war. Zu einer Maschine wurde man, die ihr Letztes herzugeben hatte. Nach
Mitternacht vom Bureau ins Bett, ein paar Stunden Schlaf und wieder ins
Bureau. Minuten für das Frühstück, eine Viertelstunde fürs Mittagessen
... ein rasendes Eilzugstempo in der Arbeit, die trotz aller Hetze bis
aufs letzte Tüpfelchen stimmen mußte, und immer dabei das
niederdrückende Gefühl, das Ganze wäre nicht viel anders als eine
spielerische Schachpartie. Die Diplomaten schoben gut und schlecht
Wetter wie ein Regisseur im Theater die hellen und dunklen Wolken auf
der Leinwand. In der letzten Woche endlich sah es wieder so aus, als
hätte die ganze Arbeit einen wirklichen Zweck gehabt. Der »politische
Horizont« verfinsterte sich, »Krieg, es gibt Krieg,« lief es durch alle
Gassen. Das große Haus am Königsplatze glich jedem Wissenden als eine
rastlos im stillen arbeitende Maschine, deren aufgespeicherte Leistung
sich in einem langhinzündenden Schlage entlud ... Da endlich ein
Aufatmen, die Arbeit war fertig, es konnte losgehen. Wie bei einer
schweren Mensur: »Herr Unparteiischer, wir von unserer Seite sind bereit
...« Der oberste Kriegsherr hatte nur das Wort zu sprechen, das ein
ganzes Volk zu den Waffen rief, und der sorgsam vorbereitete Apparat
funktionierte wie eine seit Jahren eingespielte Maschine ... Nirgends
eine Stockung ... Die Hunderte sammelten sich in den kleinen Städten und
Dörfern. Die Tausende flossen zusammen in größere Rinnsale, und
schließlich schieden sie sich in zwei gewaltige Ströme nach Westen und
Osten ...
Der Abteilungschef rief seine Untergebenen zusammen. Die Augen standen
ihm hohl unter der Stirn, denn er hatte sich mehr zugemutet als all die
übrigen.
»Ich danke Ihnen, meine Herren, ich glaube sagen zu dürfen, wir haben
unsere Schuldigkeit getan. Wir sind fertig. Seine Majestät brauchen nur
auf den Knopf zu drücken, um sich davon zu überzeugen. Na denn: Guten
Abend allerseits ...«
Kein Hurra danach, keine chauvinistische Phrase, nur man trennte sich
mit leuchtenden Augen. Es war mehr wert als ein Orden, daß der im
Dienste sonst so wortkarge Chef sich zu dieser unerhört langen Rede
aufgeschwungen hatte.
Gaston von Foucar hatte sich mit mehreren, gleich ihm unverheirateten
Kameraden zu einem kleinen Zivilbummel verabredet. Erst in ein
Weinrestaurant in der Französischen Straße, um dort einer guten Flasche
den Hals zu brechen, endlich einmal etwas Ordentliches zu essen nach all
den entbehrungsreichen Wochen, und dann wollte man weiter sehen ... Je
nach der Stimmung. Ein bescheidenes Glas Bier oder schäumenden Sekt
irgendwo, wo es Musik gab und fesche Mädel. Aus der einen Flasche wurden
mehrere, man entschied sich für den »unsoliden Lebenswandel«. Wer mochte
wissen, ob er in wenigen Wochen nicht schon ein toter Mann war! Da
schlugen auch ernsthafte Leute mal über die Stränge ...
In dem eleganten Ballokal in der Jägerstraße war »großer Betrieb«. Alle
verfügbaren Plätze besetzt, in dem Mittelraum ein Gewoge tanzender
Paare, helle Toiletten und schwarze Fracks ... über den weißen
Hemdbrüsten gebräunte Gesichter mit deutlich abgesetzter, heller Stirn
... ein reichliches Schock von Provinzleutnants, die das Boxer-,
Schmirgel- oder sonstige Kommando für ein paar kurze Wochen nach Berlin
geführt hatte. Die Musik spielte den neuesten Schlager aus einer Posse,
ein Walzerlied, dessen Refrain unwillkürlich zum Mitsingen
herausforderte. Sektpfropfen knallten dazwischen, sinnlose Schreie,
Schwatzen und Lachen ... eine Welle von Licht, Lärm und überschäumender
Tollheit schlug den Eintretenden entgegen.
Einer der Kameraden verhandelte mit dem »Herrn Direktor« über die Frage,
für fünf Personen Platz zu schaffen. Gaston stand an dem Eingange zum
Tanzsaal, ein schlankes blondes Mädel stieß ihn an.
»Du, dös' nich so! Da oben winkt Dir Eene egalwech zu, schon fast 'ne
halbe Stunde.«
Er hob den Kopf, sein Blick folgte dem ausgestreckten Arm ...
wahrhaftig, da oben aus einer Loge winkte ein Fächer, und ein paar Augen
lachten ihm zu, an die er in diesen Zeiten kaum einmal ganz flüchtig
zurückgedacht hatte ... Und jetzt hatte ihn auch der Gatte der schönen
Frau Rheinthaler erspäht. Er legte die Hände an den Mund und rief etwas
herunter, in dem Lärm jedoch war kein Wort zu verstehen. Da gab es kein
Ausweichen mehr. Gaston entschuldigte sich für ein paar Minuten bei
seinen Kameraden und stieg die breite Treppe empor, die zu den Logen
führte. Mit Verwunderung und einigen Gewissensbissen. Wie, zum Teufel,
kamen diese Leute hierher, wo doch nur die ganz unzweideutige
Gesellschaft verkehrte? Und er entsann sich, eigentlich wäre es doch
seine Pflicht gewesen, nach der ersten Einladung damals seine Karte
abzugeben. Auch sonst hatte er sich an jenem Abend ein wenig rauh
benommen. Aber Frau Josepha ließ es ihn nicht entgelten, streckte ihm
mit aufrichtiger Freude die Hand entgegen.
»Grüß Gott, Herr von Foucar! Und ich glaubt' meinen Augen nicht trauen
zu dürfen ... wie kommen Sie denn hierher? Der Gerechte unter die
Gottlosen?«
Er beugte sich über die schmale Hand mit den funkelnden Ringen: »Ein
Junggeselle hat ab und zu mal das Recht, sich eine Nacht um die Ohren zu
schlagen, aber Sie, gnädige Frau?«
Frau Josepha zuckte mit den Achseln.
»Meinen's, ich tu's zu meinem Vergnügen? Die neueste Marotte meines
Mannes. Aber, Fritz, möchtest Du nicht ...«
Herr Rheinthaler nannte ein paar Namen der Herren und Damen, die in der
Loge saßen, es folgten einige Verbeugungen, dann fragte er laut: »Nicht
wahr, Herr Hauptmann, wenn ich mich recht entsinne, Sie sind doch im
Generalstab?«
»Zu dienen ...«
»Also, gibt's nu endlich Krieg oder Frieden? Man kommt aus den ewigen
Beunruhigungen ja gar nicht mehr raus: soll man fixen oder kaufen?«
»Pardon, diese Ausdrücke sind mir unverständlich.«
Die herumsitzenden Herren lachten kurz auf, Herr Rheinthaler schnitt
eine Grimasse.
»Beneidenswerter Mensch! Ich wollte, mir wären sie auch unverständlich
geblieben, diese Ausdrücke -- da hätte ich viel Geld erspart! Also ich
wollte fragen, ob man jetzt an der Börse auf Hausse oder Baisse
spekulieren soll. Wenn man einen sicheren Tip besitzen würde, könnte man
einen hübschen Posten auf Gewinnkonto verbuchen.«
Gaston parierte die taktlose Anzapfung mit einem Scherz, der die Lacher
auf seine Seite brachte.
»Ich glaube, Sie verwechseln mich mit Sr. Exzellenz dem Herrn
Kriegsminister. Aber ich fürchte, auch der könnte Ihnen keine ganz
sichere Auskunft geben.«
Ein Herr mit glattrasiertem Gesicht, der neben Frau Josepha gesessen
hatte, stand auf.
»I muß eh' schon z' Haus, die verwaisten Kinder schreien nach ihren
Vatter! Also, wenn's meinen Platz hab'n wolln, Herr Hauptmann ...« Er
fühlte einen Widerwillen, klappte die Hacken zusammen.
»Bitte sehr, sich durch mich nicht stören zu lassen! Meine Kameraden,
mit denen ich hierher gekommen bin, erwarten mich.«
Frau Josepha stand auf, drückte den glattrasierten Herrn auf seinen
Platz zurück.
»Sie kommen noch früh genug in den Klub, Ihre paar Kreuzerln los zu
werden ... und erlauben's mal ...« Sie trat aus der Loge, raffte ihr
Kleid mit beiden Händen und machte vor Gaston einen leichten Knix.
»Für mich haben's vielleicht noch ein paar Minuten übrig. 'Damenwahl'
hat der Maître unten ausgerufen ... darf ich bitten, Herr Hauptmann?«
Er trat unwillkürlich einen halben Schritt zurück.
»Um Gottes willen, gnädige Frau, das geht doch nicht ...«
»Ah was ...« Sie warf den Kopf in den Nacken. »Es geht schon in einem
hin, und mir ist halt gerad' so zumut.«
Da verneigte er sich schweigend, bot ihr den Arm und führte sie die
Treppe hinab. Die Musik spielte einen Wiener Walzer mit seltsam
aufreizendem Rhythmus. Er mußte aus einer bekannten Operette stammen,
die meisten der Tänzerinnen in phantastischen Hüten und fliegenden
Seidenfähnchen sangen zu der Melodie den Text: »Wo steht denn das
geschrieben, daß man soll einen lieben? Man liebt oft mehrere, bald
Leichtere, bald Schwerere ...« Einen hellen Juchzer gab es jedesmal, die
Herren schwenkten ihre Damen hoch in die Luft. Frau Josepha legte sich
in seinen Arm, er führte sie die erste Runde, als wenn er auf dem
Hofballe im Weißen Saal von einer Prinzessin befohlen gewesen wäre. Da
spürte er einen leichten Druck, seine Tänzerin schmiegte sich näher an
ihn, und er griff zu. Schließlich war er doch kein Säulenheiliger, und
er hatte zwei Flaschen alten Rauenthaler im Leibe, das Blut ging ihm
rascher als sonst durch die Adern. Da tanzte er wie all die anderen
Paare ringsum ... wenn es ihr recht war, weshalb sollte er nicht? Und
zum ersten Male sah er, wie schön die Frau eigentlich war, die,
anscheinend dem Tanze ganz hingegeben, in seinem Arme dahinflog ... wie
eine Feder so leicht. Den Kopf hatte sie ein wenig zurückgelegt, die
Augen hielt sie halb geschlossen, unter den leicht geöffneten Lippen
blitzten die weißen Zähne, und die feinen Nasenflügel zitterten. Da ging
ihm das erhitzte Blut mit der kühlen Ueberlegung durch, mitten im
dichtesten Gewühl beugte er sich nach vorn, preßte eine Sekunde lang
seine Lippen auf den schneeweißen Hals, da wo er sich aus dem
spitzenbesetzten Kleidersaum hob. Sie schauerte leicht zusammen, ließ
die Arme sinken: »Bitte, führen Sie mich wieder nach oben!«
Auf der Treppe blieb er einen Augenblick lang stehen.
»Sind Sie mir böse, gnädige Frau?«
Sie strich sich mit einer müden Bewegung eine kleine Haarsträhne aus dem
Gesicht.
»Wieso denn? In unseren Kreisen nimmt man das nicht so genau ... Nur
...« Sie brach ab und zog mit einer kurzen Bewegung das feine Batisttuch
durch die geschlossene Hand.
»Na, was denn, wenn ich fragen darf?«
Sie schüttelte den Kopf mit den schweren Zöpfen, auf denen ein
merkwürdiges Geflecht thronte aus gelbem Stroh und schwarzen Spitzen,
mit einem kostbaren Marabou an der Rückseite, der wie ein Helmbusch in
die Höhe ragte.
»Ah na! Nur so viel: das, jetzt eben, stimmt nicht zu dem Bild, das ich
mir von Ihnen in all den Wochen zurechtgemacht hab'.«
Da fühlte er den Drang, sich zu rechtfertigen.
»Gnädige Frau, ich bin wie ein ausgehungerter Wolf. Vier Wochen lag ich
an der Kette ... wie ein Kuli im Dienst. Heute hat man mich zum ersten
Male ein bißchen wieder losgelassen, da heißt es, die Stunde genießen.
Wer weiß, morgen ändern sich vielleicht die Dispositionen, und die
Rechnerei fängt von neuem an. Oder es geht endlich los, die bösen
Bleikugeln pfeifen, und man küßt keinen weißen Frauenhals mehr, sondern
die kalte, schwarze Erde.«
Sie sah ihn aus erschreckten Augen an.
»Um Gottes willen, hören's auf! Aber haben Sie in dieser Zeit wenigstens
ab und zu einmal an mich gedacht?«
Da antwortete er ehrlich: »Wie sollte ich wohl, gnädige Frau? An dem
ersten Abend freilich nach dem Rennen im Grunewald, da habe ich mich
viel mit Ihnen beschäftigt. Nachher hatte ich keine Zeit. Zu viel
Dienst. Mein Abteilungschef hatte den sechzehnstündigen Normalarbeitstag
eingeführt, und -- Sie wissen vielleicht -- bei den Militärsoldaten
ist's noch nicht üblich, in solchen Fällen durch Streiken eine höhere
Gewinnbeteiligung zu erzwingen.«
Sie nickte zufrieden.
»Jetzt sind Sie wieder wie damals ...« Und plötzlich lachte sie auf:
»Gott, war das komisch an dem Abend! Wie schlecht Sie die verwöhnte
Magda Neudecker behandelt haben!«
»Gnädige Frau, ich war an dem Abend in einer seltsamen Mißstimmung. Das
Ungehörige meiner Antwort wurde mir erst später klar ...«
»Ungehörig? ...« Frau Josepha schüttelte den Kopf.
»Entweder sind Sie wirklich was Besonderes, oder ein ganz ein
Raffinierter: Fräulein Neudecker brennt lichterloh. Endlich mal hat sie
einen Mann entdeckt! Einen Mann, der nicht mit verdrehten Augen und
Liebesgegirr an die Millionenerbin herantritt! Wenn Sie morgen in der
Tiergartenstraße Besuch machen, können Sie in acht Tagen die hold
errötende Magda um das Jawort befragen ... Und nehmen's das nicht auf
die leichte Achsel! Vier Millionen sofort! Haben Sie eine Ahnung, was
schon eine Million bedeutet?«
Er verneigte sich lächelnd.
»Vielleicht, gnädige Frau! Ich habe vierhundert Mark monatlichen
Zuschuß! Den brauche ich bloß mit zehn zu multiplizieren -- Sie werden
mir zugeben, ein lächerlich kleiner Koeffizient -- ja, und ich kriege
einen Begriff von den mir winkenden Freuden. Auch ohne die reizvolle
Zugabe von Fräulein Magda. Aber ich hege nicht die geringste Absicht,
mein Leben als so eine Art von Prinzgemahl zu beschließen.«
Da lachte sie ihm zu, sie schüttelten sich die Hände wie ein paar gute
Kameraden.
Der Platz von Frau Josepha in der Loge war besetzt. Neben dem Herrn mit
dem glattrasierten Gesicht saß ein junges Mädchen in einer Balltoilette
aus grellfarbener Seide. Brust und Nacken tief entblößt, auf dem
gefärbten Haar ein großer Hut mit wallenden Federn. Sie wußte, daß man
sie in eine sogenannte anständige Gesellschaft geladen hatte ... Das war
neuerdings ja Mode geworden, daß die Damen aus dem Westen in Begleitung
ihrer Herren die öffentlichen Ballsäle besuchten. Und damit nicht genug,
bis in die schmutzigsten Nachtlokale kletterten sie hinab. Da brauchte
man also kein Blatt vor den Mund zu nehmen; wer sich unter die Treber
mengte, den fraßen die Schweine. Und sie sprach unflätige Gemeinheiten,
Gemeinheiten, die man in ihrem gewohnten Kreise nicht geduldet hätte,
weil man dort einen gewissen äußeren Anstand bewahrte ... hier aber die
Damen wollten sich ausschütten vor Lachen! Nur die Herren sahen ein
wenig verlegen drein bei den ungenierten Kraftausdrücken, die sie
gebrauchte.
Frau Josepha hatte ein paar Augenblicke mit gerunzelter Stirn zugehört,
jetzt zog sie ihren Begleiter in die hinter der Loge liegende
Fensternische. Ein Kellner in weißer Jacke kaum herzugelaufen, säuberte
eifrig mit der Serviette das Tuch auf dem kleinen Tisch.
»Bitt' schön, hier die Weinkarte.«
»Sekt,« entschied Frau Josepha, und, als der Kellner eingeschenkt hatte,
hob sie ihr Glas. Sah ihr Gegenüber aus glitzernden Augen an.
»Prost, Herr Hauptmann, und machen's nicht so ein verteufelt ernstes
Gesicht! Nehmen Sie sich ein Beispiel an meinem Herrn Ehegemahl, der
legt sich nicht den geringsten Zwang auf.« Sie deutete auf den in der
Loge sitzenden Gatten, und der Zufall fügte es, daß er sich gerade über
den Nacken seiner Nachbarin beugte, sie mit einem himmelnden Ausdruck
in den Augen zwischen die gebrannten Halslöckchen küßte. Ein paar feine
Puderstäubchen waren ihm in den Hals gefahren, er bekam einen
Hustenanfall, an dem er fast erstickte. Einer der Herren in der Loge
sprang auf, flößte ihm ein paar Tropfen ein, Frau Josepha rührte sich
nicht. Und feindselig sagte sie: »Recht geschieht ihm! Wenn er nur
endlich a mal dabei bleiben tät ...«
Gaston sah sie erschreckt an, sie zuckte mit den Achseln.
»Was wollen Sie, vielleicht Mitleid mit ihm haben? Seit wir uns nicht
mehr gesehen haben, hat sich vieles hier geändert. Das traurige Gestell
da neben ihm soll meine Nachfolgerin werden. Ich bin ja nichts mehr,
eine Größe von vorgestern, um mich wird er nicht mehr beneidet. Aber die
da, die Lisa Sandori, ist die neueste Sensation. Wann sie abends im
Theater die Röckeln hebt über die klapperdürren Knie und zu tanzen
anfangt vor dem Einbrecher, der zum Fenster eingestiegen ist, lauft all
die Trotteln im Parkett das Wasser im Mund zusammen. Jeden Abend seit
zwei Wochen sitzt er mitten drunter, seine Pokerpartie ist deswegen
auseinandergegangen. Und hinterher ladet er die Person zum Nachtmahl.
Ich immer dabei, denn das wär ja kein Vergnügen für ihn, wann ich nicht
dabei wär', die Demütigung nicht schlucken tät ...«
»Ah pfui Teufel!« Er stürzte ein Glas Sekt hinab und setzte es so heftig
auf den Tisch, daß ihm der Stiel in der Hand zerbrach. »Und das lassen
Sie sich gefallen?«
Sie nickte, ihre Augen wurden plötzlich ganz dunkel.
»Ich werd's ihm schon heimzahlen. Ich hab' mir was ausgedacht, und das
wird für ihn schlimmer sein, als tät' ihn einer mit glühenden Zangen
kneifen. Nur noch zwei kurze Wochen Geduld, dann geht's an. Lustig
wird's werden ...«
Sie leerte durstig ihr Glas.
»So, und jetzt wollen wir von was anderem reden. Machen's mir ein
bisserl den Hof, wenn Sie's auch eine Ueberwindung kostet. Bloß daß ich
vor der Person da nicht so steh, als wär' ich auf einmal eine Bettlerin
... Kein Mensch tät mehr den Kopf nach mir wenden.«
Er zog die schmale Hand, die sie ihm über den Tisch entgegenstreckte, an
die Lippen.
»Ueberwindung, gnädige Frau? Vielleicht wäre Furcht das Richtigere ...
Furcht, daß aus dem Spiel Ernst werden könnte! Ich bin schließlich nicht
bloß ein auf zwei Füßen gehendes Bündel von Grundsätzen, sondern daneben
auch ein ganzes Ende lang ein junger Kerl mit Blut in den Adern. Damals,
nach dem Rennen, gelang es mir, mich noch leidlich heil in Sicherheit zu
bringen, ich möchte die Gefahr nicht zum zweiten Male herausfordern ...«
Halb aus Mitleid sprach er so, halb unter dem Einflusse der
Weingeisterchen, die ihm im Blute spukten. Und Frau Josepha beugte sich
zu ihm über den schmalen Tisch, so daß er ihren Atem spürte.
»Ist ja alles nicht wahr, aber schön Dank! Wenn man die Gulden nicht
kriegen kann, muß man mit die Kreuzeln vorlieb nehmen ... Und jetzt will
_ich_ Ihnen ein Geständnis machen, aber das dürfen Sie Wort für Wort
glauben. Wie ich Sie damals auf der Rennbahn sah, spürte ich ein ganz
seltsames Gefühl ... wie eine plötzliche Erkenntnis: den da hätt'st ein
paar Jahre früher kennen lernen müssen, dann hätt' vielleicht aus dir
was werden können! So aber, das Leben, das ich jetzt führ' ...« Sie
brach ab und sah starr geradeaus, in ihren Augenwinkeln schimmerte es
feucht.
Da stieg es ihm heiß im Herzen empor, und nicht nur seine Sinne
entzündeten sich.
»Wenn ich mich nun wirklich in Sie verlieben würde, Frau Josepha?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Es wär' nicht gut! Nicht gut für uns beide.«
»Und wenn ich's nun schon wäre?«
»Dann ...« Sie atmete tief aus ... »Dann wär's halt unser Schicksal! Und
vielleicht wär's auch noch Zeit, sich zu dem zurückzufinden, was man
früher war.«
Sie legte ihm die Hand über den Arm, er erschauerte leicht unter der
Berührung, sie blickten sich in die Augen.
»Frau Josepha, ich bin ein schwerfälliger Gesell. Ich kann keine schönen
Worte machen ... ich gehör' Ihnen von dieser Stunde an.«
»Du lieber Bub' ...«
Er fuhr zusammen, einer jener klappernden bunten Bälle, mit denen man
sich von Tisch zu Tisch bewarf, hatte seinen Kopf getroffen. Eine
Frauenstimme, die seltsam blechern klang, wie eine geborstene Glocke,
rief aus der Loge herüber: »Da sehen Sie nur, Rheinthalerchen! Und so
was lassen Sie sich gefallen?«
Herr Rheinthaler wandte sich lässig um, seine Augen blickten schon ein
wenig verglast vom reichlichen Trunk.
»Ist ja so egal! ... Die Hauptsache, hier ist's gleich Schluß -- also
gehen wir weiter!«
Frau Josepha erhob sich.
»Wenn's Dir recht ist, werden wir jetzt nach Hause fahren. Ich bin nicht
in der Stimmung.«
»Das kommt schon noch! Kellner, zahlen! ... Nämlich, paß auf, die junge
Dame, die da vorhin auf Deinem Platz saß, erzählte von einem Café in der
Ackerstraße. Das soll zum Kugeln sein. Die Herren ohne Kragen und in
gestickten Morgenschuhen, die Damen im Umschlagtuch. Für einen Taler
tanzen sie 'ne neue Art von Apachentanz mit allen Schikanen -- Fräulein
Sandori will für ihren nächsten Sketch Studien machen. Sie kommen doch
selbstverständlich mit, Herr Hauptmann?«
»Ich bedauere lebhaft!«
»Sind Sie vielleicht auch nicht in der Stimmung? Oder müssen Sie sich
heute wieder Schlachtpläne ausdenken?«
»Keins von beiden. Mir ist es nur, selbst in Zivil, nicht möglich, ein
derartiges Lokal zu besuchen.«
»Na, dann können wir ja auch wo anders hingehen?«
Frau Josepha schüttelte den Kopf.
»Ich fahre nach Hause!«
Herr Rheinthaler verbarg mühsam den aufsteigenden Aerger.
»Das ist doch nur 'ne Laune, liebes Kind! Und wir können unsere Gäste
doch nicht einfach so stehen lassen.«
Fräulein Sandori zeigte hinter den tiefrot geschminkten Lippen zwei
Reihen blendend weißer Perlenzähne, zu klein und zu regelmäßig, um echt
zu sein.
»Aber, bitte, das macht doch nichts! Fahren Sie mit Ihrer Frau Gemahlin
nur ruhig nach Hause, Rheinthaler. Ich bummel' inzwischen mit dem Herrn
Rechtsanwalt weiter! Und wir beide werden schließlich auch nach der
Ackerstraße hinfinden, nicht wahr, Doktorchen?« Sie hakte sich in den
Arm eines schwarzbärtigen Herrn, der ebenfalls in der Loge gesessen
hatte, und sah ihn mit kokettem Augenaufschlag an.
Herrn Rheinthaler stieg das Blut zu Kopfe.
»Also, Josepha, jetzt sei vernünftig! Ich kann Dich doch nicht allein
fahren lassen, und was liegt schon an der einen Stunde?«
»Gar nichts liegt daran, da hast Du recht. Aber laß Dich durch mich
nicht stören! Mein Auto steht unten, ich fahre nach Hause!«
Fräulein Sandori lachte kurz auf mit ihrer blechernen Stimme.
»Stellen Sie Ihre Frau Gemahlin doch unter den Schutz der bewaffneten
Macht, Herr Rheinthaler! Und haben Sie 'ne lange Leitung! Darauf geht
doch die ganze Reise, daß die beiden da uns versetzen wollen!«
Frau Josepha hob den Saum ihres Kleides und trat mit zornsprühenden
Augen einen Schritt auf die andere zu.
»Sie! Daß i mi net vergeß'! Aber die Ehr' tu ich Ihnen nicht an, daß ich
Ihnen darauf was antwort'. Ich tät' mich ja erniedrigen, wenn ich mich
mit Ihnen auf eine Stuf' stellen wollt'!«
In den Nachbarlogen war man aufmerksam geworden, reckte die Köpfe. Das
Mädel, das vorhin in der Loge auf Josephas Stuhl gesessen hatte, kam
vorbei und blieb lachend stehen.
»Immer feste, meine Damen! Nur nich lang gefackelt -- mit 'ne Sektpulle
über'n Kopp, det schafft am besten.«
Gaston von Foucar biß die Zähne aufeinander. Ekelhaft war das ... Er bot
Josepha den Arm.
»Darf ich Sie zu Ihrem Wagen führen, gnädige Frau?«
Sie gingen an den Logen vorüber, die breite Treppe hinunter, an der
Garderobe holte sie Herr Rheinthaler, ein wenig außer Atem, ein.
»Also, Josepha, wie Du Dich wieder einmal benommen hast ... Fräulein
Sandori ist außer sich! Und wenn Du sie nicht sofort um Entschuldigung
bittest ...«
Gaston fühlte ein seltsames Zucken im Arm, aber die lange geübte
Selbsterziehung erstickte die zornige Aufwallung im Keime.
»Verzeihen Sie, Herr Rheinthaler, wenn ich mich einmische, aber bis zu
einem gewissen Grade bin ich an dem ärgerlichen Auftritt beteiligt. Ich
habe keine Ahnung von dem sonstigen Umgangston bei diesen abendlichen
Vergnügungen, aber die Bemerkung dieses Fräuleins Sandori war eine
freche Verdächtigung. Die Dame müßte also wohl zuerst um Entschuldigung
bitten, wenn Sie überhaupt eine solche Staatsaktion für notwendig halten
sollten.«
In dem hageren Gesicht leuchtete es auf. Herr Rheinthaler sah eine
Möglichkeit, mit leidlichem Anstande zu Fräulein Sandori zurückkehren zu
können.
»Da haben Sie recht! So etwas muß man am besten mit Stillschweigen
übergehen. Morgen sind die beiden Damen wieder die besten Freundinnen --
verlassen Sie sich d'rauf! Ich werde jetzt der Gegenpartei gut zureden!
Wenn Sie die Liebenswürdigkeit haben wollten, bei meiner Frau das
gleiche zu versuchen, wenn Sie sie jetzt nach Hause bringen ...«
Mitten in aller Erregung mußte Gaston auflachen.
»Ich soll Ihre Frau Gemahlin nach Hause bringen?«
Herr Rheinthaler schien den geheimen Unterton der Frage nicht verstanden
zu haben.
»Selbstverständlich, sie kann doch nicht allein fahren. Und ich muß die
Sache mit der Sandori noch heute aus der Welt schaffen, sonst schwatzt
morgen ganz Berlin davon. Sie versäumen nicht viel ... das Auto fährt
rasch, in dreiviertel Stunden können Sie wieder zurück in der Stadt
sein.«
Frau Josepha hatte sich von der Garderobenfrau in den Mantel helfen
lassen.
»Kommen Sie, Herr Hauptmann!« Ihren Gatten sah sie mit einem
merkwürdigen Blick an: »Na, alsdann adieu, Fritz.«
»Du bist mir doch nicht bös, Peperl?«
»I bewahre, komm nur nicht zu spät nach Haus.«
Herr Rheinthaler wandte sich, sichtlich erleichtert, der anderen Gruppe
zu, die in erregter Unterhaltung von der Treppe her in den
Garderobenraum trat: »Es ist alles in schönster Ordnung, meine
Herrschaften! Wir fahren in die Ackerstraße, teuerste Freundin ...«
Das Auto bog durch das Brandenburger Tor in den Tiergarten, Frau Josepha
saß mit zusammengezogenen Augenbrauen, plötzlich schluchzte sie auf,
preßte das feine Batisttuch, das sie in der Hand knüllte, gegen den
Mund.
»O, wie schimpflich ist das alles! Und wie müssen Sie mich verachten,
daß ich mir das alles hab' gefallen lassen die ganze Zeit über ...«
Er ergriff ihre Linke, nahm sie in beide Hände.
»Das ist ein bißchen töricht, was Sie da sagen, Frau Josepha. Woher
sollten Sie den Mut zum Widerstand nehmen? Aber jetzt ist das ja etwas
anderes ... Ich stehe neben Ihnen.«
Sie rückte näher an ihn, sah ihm in die Augen.
»Das ist nicht bloß so im Augenblick und morgen ist alles wieder
verflogen?«
»Im allgemeinen pflege ich zu halten, was ich verspreche.«
Sie brachte ihr Gesicht ganz nahe an das seinige.
»Du, überleg's Dir wohl! Noch kannst Du zurück. Auf der Antwort jetzt
baut sich meine ganze Zukunft auf!«
Ein feiner Duft drang aus ihren Haaren, aufreizend leuchteten ihre
Augen. Er schlang den Arm um ihren leicht erschauernden Rücken.
»_Unsere_ Zukunft, wolltest Du wohl sagen, Liebstes! Ich bin doch kein
Knabe, der morgen vergißt, was er heute geschworen hat?«
Da bot sie ihm durstig die Lippen ...
Das Auto passierte eine hell erleuchtete Straßenkreuzung, sie löste sich
hastig aus der Umarmung.
»Sei nicht bös, aber ich muß vorsichtig sein. Er läßt mich beobachten,
an jeder Ecke können seine Spione stehen. Die beiden Lackeln da vorn,
der Chauffeur und der Diener, sind auch in seinem Sold.«
Ein häßlicher Gedanke sprang ihn unversehens an ... Daher also
vielleicht die »unverbrüchliche Treue«, von der damals der Herr von
Wodersen gesprochen hatte, als sie von der Grunewaldvilla heimgingen?
Frau Josepha hatte sich rückwärts gegen die Polster gelehnt, schlang
ihren weichen Arm in den seinigen.
»Da komm her, Bubi, bring Dein liebes kleines Ohrwaschel näher 'ran, daß
ich nicht so laut zu sprechen brauch' ... so ... und jetzt hör' fein zu
... Ich schwör' Dir bei der heiligen Mutter Gottes, ich hab' außer Dir
noch nie einen lieb gehabt, Du bist der erste. Und ich kann ja nichts
dafür, daß ich Dich so spät kennen gelernt hab' ... Als Du damals im
Unwillen fortgingst, hab' ich hinterher geweint die ganze Nacht, aber
meine alte Kinderfrau hat mich getröstet. In den Karten hat gestanden,
ich würd' Dich wiederfinden ... Und jetzt, b'hüt Di Gott ... träum' von
mir und schlaf' gut heute nacht, ich hab' noch viel zu tun ...«
So sprach sie halblaut, von Zeit zu Zeit berührten ihre weichen Lippen
sein Ohr.
Das Auto hielt, der Diener öffnete den Schlag. Sie stieg aus.
»Schön Dank, Herr Hauptmann, für die liebenswürdige Begleitung. Karl,
Sie fahren den Herrn Hauptmann jetzt nach seiner Wohnung und kommen
zurück. Ich brauche Sie noch heute.«
»Zu Befehl, gnädige Frau.«
Gaston von Foucar wollte noch etwas sagen, aber Frau Josepha trat unter
dem Geleit eines Dieners in die geöffnete Haustür, der Wagenschlag flog
zu, und das Auto fuhr von der breiten Rampe wieder auf die Straße
hinaus.
»Rankestraße hundertsechzehn!« rief er zum offenen Fenster hinaus und
lehnte sich in die Polster zurück. Der Kopf war ihm benommen, er konnte
keinen klaren Gedanken fassen, nur ein sehnsüchtiges Gefühl war in
seiner Brust. Noch hundert Meilen hätte er so dahinfahren mögen wie
vorhin, und durstig sog er den zarten Duft ein, der noch das Innere des
Wagens füllte. Erst ganz allmählich wurde er nüchterner ...
Das also eben war die Entscheidung über sein Schicksal gewesen.
Unauslöslich war er jetzt an die Frau gebunden, die er zweimal bisher
gesehen hatte ... von der er nichts weiter wußte als das wenige, was sie
selbst und der Landsberger Husar damals erzählt hatten. Wie ein
Sturmwind war das gekommen, keinen Augenblick zu ruhiger Ueberlegung. Es
reute ihn nicht, wahrhaftig nicht, aber schier unbegreiflich erschien es
ihm jetzt, wie er bei seiner sonst so kühl abwägenden Art so rasche
Entschlüsse hatte fassen können. Wenn er einmal in müßiger Stunde davon
geträumt hatte, wie es sich wohl abspielen würde, wenn er sich den guten
Kameraden fürs ganze Leben gewann, hatte ihm immer etwas Zartes, Feines
vorgeschwebt, ein langsames scheues Annähern ... Irgendwo auf einem Fest
im Grünen sollte es anfangen, und monatelang stimmte man sich hinterher
aneinander ab, ehe man das entscheidende Wort sprach. Das war nun alles
anders gekommen. Im heißen Atem einer jäh emporlodernden Leidenschaft
... Und recht so! Ein Narr nur schneiderte sich sein Leben nach
Prinzipien zurecht, man mußte das Glück nehmen, wie man es fand. Und nun
galt es, einige klare Entschlüsse zu fassen. Morgen vormittag
depeschierte man an die kleine, alte Dame im Schwabenland: »Liebes
Mutterle, in ein paar Tagen bring' ich Dir Deine zukünftige Tochter. Ich
weiß, Du wirst ihr gut sein und sie freundlich bei Dir aufnehmen, bis
...« Ja, wie zum Teufel, wie faßte man das am besten in Worte? ... »Bis
die unwürdige Fessel, die sie noch an einen anderen bindet, gelöst ist!«
Und er stand in Gedanken dabei, wie das liebe Mütterchen die Depesche
las. »So, so, mei Büble! Wo hast Du sie denn kennen gelernt?«
»Ganz zufällig in dem Restaurant einer Rennbahn.«
»Und wo habt Ihr Euch verlobt?«
Da stockte ihm zunächst die Zunge: »In einem öffentlichen Ballokal. Auch
ganz zufällig ... noch eine Viertelstunde vorher hatte ich im Traum
nicht daran gedacht. Das kam wie ein Gewittersturz.«
Das alte Frauchen nahm die Brille ab.
»So, so, mei Büble! Und darauf willst Du Dein Lebensglück aufbaue? Das
ischt ungesund, aber i will Dir da nit dreinrede ... Du bischt ein
ausgewachsener Mann, mußt selbscht am beschte wisse, was Dir frommt ...
Und wenn Du ihr Dein Wort gegeben hast ...«
»Muß ich es selbstverständlich halten, da hast Du recht, Mutterle. Und,
sieh mal, man muß an Außergewöhnliches nicht den Alltagsmaßstab legen.
Es gibt Situationen, wo langes Ueberlegen vom Uebel ist. Mit beiden
Füßen zugleich muß man hineinspringen wie in ein Abenteuer, nur daß
hier eben alle Garantien vorhanden sind, daß es gut ausgeht. Sie ist von
ganz besonderem Schlag, ich kann Dir das nicht so mit Worten
ausschildern -- Du mußt sie eben selbst kennen lernen! Und wenn wir erst
die paar unumgänglichen Widerwärtigkeiten der Scheidung überwunden
haben ...«
Das Auto hielt, er gab dem Diener, der ihm den Schlag öffnete, ein
reichliches Trinkgeld und stieg langsam die drei Treppen zu seiner
Wohnung empor. Er machte Licht, vor dem Lampenfuß lag eine Depesche. Er
riß sie mit ungeduldiger Hand auf und las bei dem Scheine des
verglimmenden Zündhölzchens: »Gratuliere zur fünften Schwadron
Ordensburger Dragoner! Wegener.«
Eine ganze Weile saß er mit dem Blatte im Dunkeln. Mit einer gewissen,
stumpfen Verwunderung, daß der Chef sein vor Wochen gegebenes
Versprechen gehalten hatte. In der ganzen letzten Zeit war nicht mit
einem Worte mehr davon die Rede gewesen. Und morgen mußte er sich dafür
bedanken. Wie sehr er gejubelt hätte, daß sich ihm sein sehnlichster
Wunsch so rasch erfüllte, und daß er bei dieser außerordentlichen
Auszeichnung sich eines Gefühls der Beschämung nicht erwehren könnte,
weil er nämlich einen Teil der Voraussetzungen, die damals vielleicht
mit bestimmend gewesen, nicht mehr erfüllte. Er wäre heute nicht mehr
frei, hätte sein Schicksal an das einer anderen gebunden, der er von
jetzt an zur Seite stehen müßte. Da erwiderte der gütige Chef wohl mit
einem Lachen: »Na, lieber Foucar, deswegen brauchen Sie sich keine
grauen Haare wachsen zu lassen! Das war damals nur ein kleines
Scherzchen von mir. Und ich schätze, Sie haben in Ihrer klugen Art mit
Liebe, aber auch mit Vorsicht gewählt. Eine junge Dame, die Sie im
Kreise des vornehmen alten Regiments mit Stolz präsentieren können ...«
Und er mußte darauf sagen: »Verzeihung, Herr Oberst, das weiß ich noch
nicht! Ich kenne von der Herkunft und Vergangenheit meiner Verlobten
blutwenig, eigentlich so gut wie gar nichts. Ich weiß heute noch nicht
einmal, ob ich nicht genötigt sein werde, meinen Abschied zu nehmen,
wenn ich das ihr gegebene Versprechen einlösen soll.«
Da schrie es plötzlich in ihm auf, verrückt war das, was er in dieser
letzten Stunde getan hatte! Ein sinnloser Karnevalsstreich war das
gewesen, den ihm ein anderer gespielt hatte, der für eine kurze Weile in
seine Haut geschlüpft war. Ein leichtfertiger Bursch, der halb im
Trunke, halb unter dem Einflusse seiner aufgepeitschten Sinne mit
Menschenschicksalen spielte ... dem ein bißchen Mitleid, ein plötzliches
Begehren genug waren, die Worte zu sprechen, mit denen er sich für das
ganze Leben verpflichtete. So sinnlos war das alles, daß er keinen
Augenblick zögern durfte, sich aus dieser Verstrickung wieder zu lösen.
Er steckte die Lampe an und setzte sich, wie er ging und stand, in Hut
und Ueberzieher, an den Schreibtisch. Aber schon nach den ersten Zeilen
zerriß er den Bogen in tausend kleine Fetzen, warf sie in den
Papierkorb. Wie und womit sollte er seine plötzliche Sinnesänderung
erklären? Noch vor kaum einer Stunde hatte er gesagt: »Ich bin doch kein
Knabe mehr, der morgen vergißt, was er heute geschworen hat.« Sollte er
schreiben: »Gnädige Frau, als ich das sprach, war ich verrückt oder
betrunken, und jetzt, nachdem ich wieder zur Besinnung gekommen bin, muß
ich Sie bitten, mir mein Wort zurückzugeben?« Zorn und Scham trieben ihm
das Blut ins Gesicht, allerhand wirre Gedanken und Bilder schossen ihm
durchs Hirn. Wort war Wort, und wenn man es nicht einlösen konnte, hatte
man es eben auf andere Weise zu zahlen. Solch ein haltloser Tropf, der
für die Folgen seiner Handlungen nicht eintrat, hatte auf der Welt
nichts mehr zu suchen! Und ein längst vergessenes Bild trat plötzlich
vor seine Augen. Ein armes junges Kerlchen aus seinem alten Regiment lag
da mit durchschossener Schläfe, weil es sein verpfändetes Wort nicht
hatte halten können. Eine in der Trunkenheit eingegangene Spielschuld
war es gewesen, und er selbst hatte damals unter den strengen Richtern
gesessen.
Da stöhnte er auf wie ein weidwundes Tier und barg sein Gesicht in den
Händen. Heute hätte er wohl nicht so unbarmherzig geurteilt wie damals
vor acht oder neun Jahren. Und nur eine letzte leise Hoffnung hielt ihn
vor dem jähen Schritte ins Dunkle zurück, daß die Frau, der er sein Wort
gegeben, morgen vielleicht auch schon anders dachte ... Vielleicht als
ein tändelndes Spiel ansah, was ihm in dem einen Augenblicke, da er die
Zucht über sich verloren hatte, heiliger Ernst gewesen war. Als er sie
während den Tanzes aus den Hals küßte, hatte sie ja selbst gesagt, in
ihren Kreisen nähme man es nicht so genau, wenn ein Herr einer
verheirateten Dame mit einer Huldigung nahte, die, bei Licht besehen,
eine bodenlose Unverschämtheit war ...
* * * * *
Gegen Morgen mußte ihn wohl die Müdigkeit übermannt haben. Als Gaston
von Foucar aus einem von wirren Träumen erfüllten Schlafe erwachte,
schien die helle Sonne zum Fenster herein. Sein Bursche stand vor dem
Bett, mit einem Briefe in der Hand.
»Herr Hauptmann werde gütigscht verzeihe, aber es ischt Zeit zum
Dienscht, und zudem, das alt Weible, was den Brief da bracht hat, will
sofort Antwort habe.«
Gaston richtete sich im Bett auf.
»Was für ein altes Weib?«
»Die wo ebe gekomme ischt, Herr Hauptmann. Sie hockt im Vorzimmer,
schaut aus wie eine von dene Schpreewäldlerinne, und der Herr Hauptmann
tät scho wisse, von wem daß das Briefle wär'.«
»Sagen Sie ihr, sie soll noch ein paar Minuten warten! Und legen Sie mir
die erste Garnitur Ueberrock zurecht!«
»B'fehl, Herr Hauptmann!«
Als der Bursche das Schlafzimmer verlassen hatte, hielt Gaston eine
ganze Weile lang den Brief unschlüssig in der Hand. Mit einem Schlage
war ihm die Erinnerung zurückgekehrt, und ein Gefühl des Ekels vor sich
selbst schnürte ihm die Kehle zusammen. Körperliches Unbehagen nach dem
ungewohnten schweren Trunke und dazu ein ganzes Heer bohrender und
nagender Vorwürfe. Wie ein Verbrecher erschien er sich, der nach einer
im Rausche begangenen Freveltat erwachte. Der bleierne Schlaf hinterher
hatte sie nicht ungeschehen gemacht, nur um so schreckhafter stand sie
im klaren Tageslichte da! Und der Brief hier brachte ihm sein Urteil.
Mit zitternder Hand riß er ihn auf, das Herz schlug ihm bis in den Hals
hinauf.
»Mein Liebstes!
In aller Eile ein paar Zeilen, weil ich Dich beim Erwachen nicht
ohne Gruß lassen wollte. Ich habe die Nacht nicht geschlafen. Ich
lag mit offenen Augen und konnte nicht fassen, was geschehen war.
Immer hatte ich Angst, wenn es wieder Morgen würde, wäre es nicht
wahr. Dann aber wiederholte ich mir alles, was Du gesprochen
hattest, und die selige Gewißheit zog in mein Herz, daß Du mir
gehörst und ich Dir, für immer! An Deiner Hand, Du Lieber, in ein
neues Leben gehen zu dürfen, die Seligkeit ist so groß, daß ich sie
kaum ertragen kann. In einem einzigen Lachen und Weinen gehe ich
umher!
Mit dem Widerwärtigen, was heute nacht noch geschah, will ich Dich
verschonen, auch all das Ueble und Häßliche soll Dir fernbleiben,
was in dem Kampf um meine Freiheit nun mal nicht zu vermeiden ist.
Er wird kurz sein, denn ich habe gute Waffen in der Hand.
Heute nachmittag um fünf erwarte ich Dich. Da will ich noch einmal
von Dir hören, daß Du mich lieb hast. Dann aber müssen wir für eine
ganze Zeit Abschied voneinander nehmen. Sieh, mein liebster Bub, die
Tränen fallen mir aus den Augen auf dieses Blatt, weil ich daran
denke, daß wir uns vielleicht auf Monate nicht wiedersehen sollen,
aber auf unseren zukünftigen Bund soll kein häßlicher Schatten
fallen. Kein Gezischel und kein hämisches Gerede soll sich erheben
dürfen. Daß wir uns heimlich versprochen haben, geht keinen Menschen
was an!
Meine alte Ursel, die um mich ist, seit ich auf der Welt bin,
überbringt Dir diesen Brief. Gib ihr mündlich Bescheid, ob ich Dich
um fünf erwarten darf. Den Brief aber verbrenne, denn die Leute, mit
denen ich's jetzt zu tun bekomme, schrecken auch vor einem
verschlossenen Schreibtisch nicht zurück.
Ich umarme Dich und küsse Deine lieben, blauen Augen, die es mir
zuerst angetan hatten bei Dir. Ich zähle die Minuten, bis Du bei mir
bist.