... Oder hätte dieses Mißverhältnis zwischen Theorie und Praxis, zwischen
Denken und Handeln, das einem die Gegenwart verleidet, vielleicht zu allen
Zeiten bestanden? Und es gäbe Helden und wahre Könige immer nur in der
Vergangenheit? In der retrospektiven Betrachtung, wenn das dichterische
Bedürfnis der menschlichen Phantasie alles Fehlende ersetzen kann, wenn
sich durch die Wirkung der Distanz die eckigen und schlechten Linien des
Alltäglichen verwischen, die störenden Details, die so kleinlich und so
unmalerisch sind?
Also könnten sie noch Helden künftiger Legenden werden, alle diese
Unzulänglichen, die da herumgehen mit großen Gedanken, denen sie nicht
gewachsen sind --? Ueber die sie stolpern wie über ihre Mantelschleppe,
sobald sie einen Schritt zu ihrer Verwirklichung machen --? Elmenreich hat
einmal von dieser Art Menschen gesagt -- -- aber gehört denn Elmenreich
nicht auch zu dieser Art Menschen? Er spielt nur in einer anderen Tonart,
er posiert nur mit einer anderen Geberde, aber er posiert auch!
Du siehst, ich bin gegenwärtig so schlecht zu sprechen auf ihn, daß ich
lieber gar nicht von ihm reden sollte. Du könntest dich sonst genötigt
sehen, ihn zu verteidigen. Wenn du das beiliegende Heftchen durchliest
-- ich habe für dich das »Fest des ersten Versuches« ausführlich
niedergeschrieben -- dann wirst du aber selbst den Punkt bemerken, an dem
es sich entschied, daß ich über Elmenreich umlernen muß. Ich habe ihn für
einen tragischen Menschen gehalten, der durch sein inneres Leben in einen
unlösbaren Konflikt mit dem äußeren Leben gebracht wird. Nun -- jetzt halte
ich ihn nicht mehr dafür. Jetzt glaube ich, daß das Leben nur in seinen
Reden schwer und tragisch für ihn ist.
Darüber sollte ich mich eigentlich freuen. Und doch freue ich mich nicht.
Ich fühle eher etwas wie Enttäuschung.
Deshalb teile ich auch nicht deine Meinung, daß eine Auseinandersetzung
mich ihm wieder näher bringen könnte. Was in aller Welt sollte ich ihm
auseinandersetzen? Kann ich ihm sagen: Lieber Elmenreich, Sie sind ja ein
ganz anderer Mensch, als ich dachte --?
Und dann! Versuch' einmal, ihm mit Vorwürfen zu kommen! Da hast du schon
verspielt. Er übertrumpft dich gleich: »habe ich nicht immer gesagt, daß
ich ein ganz gewöhnliches Subjekt bin, ein unerträglicher Kerl, ein Mensch,
den man sich drei Schritt vom Leib halten muß --« und so fort. Das ist
freilich nur Maske. Im Grunde verletzt es ihn so wie uns Uebrige, wenn man
schlecht von ihm denkt, obwohl er jedermann beständig dazu auffordert -- --
Nein, nein, es giebt keine Reparatur durch Auseinandersetzungen, sobald man
von jemandem enttäuscht ist. Was immer zwei Menschen in einem solchen Fall
einander sagen: Der eine kann es nicht verzeihen, daß er enttäuscht worden
ist, und der andere kann es nicht verzeihen, daß er enttäuscht haben
soll ...
[Illustration]
»Ja, große Dinge sind im Werk«, sagte Pipin und errötete vor Vergnügen.
»Wir haben stundenlange Unterredungen, der Meister, der Graf und ich.
Was sagen Sie zu diesem Trifolium, gnädige Frau? Das hätte ich mir nicht
träumen lassen, daß ich zu solchen geistigen Ehren gelangen werde!«
»Sie sind eben auch ein maßlos eitler Patron!« brummte Elmenreich.
Dagegen verwahrte sich Pipin mit Eifer. Ob er sich denn nicht darüber
freuen dürfe, daß so überlegene Menschen wie der Meister und der Graf ihn
ihres Umgangs würdigten? Und ob es denn nicht ein einwandfreier Ehrgeiz
sei, nach geistiger Erweckung zu trachten? Nach der Erleuchtung, die man
empfange, wenn höhere Geister sich einem offenbaren?
»Erweckung! Erleuchtung! Schau, schau! So weit sind Sie schon
vorgeschritten? Die =termini technici= wenigstens haben Sie brav auswendig
gelernt! Aber ich werde Ihnen etwas sagen, Pipin: wenn zwei Raubvögel einen
Spatzen in ihre Mitte nehmen, so thun sie es nicht, um ihn zu »erwecken«
oder zu »erleuchten«, sondern um ihn zu rupfen.«
Pipin wurde dunkelrot bis an die Haarwurzeln. Er stand auf, ging aufgeregt
einige Schritte hin und her und schien mit einer heftigen Antwort zu
ringen. Elmenreich aber fuhr fort:
»Nicht als gewöhnliche Gauner natürlich, nicht mit eingestandener
Hinterlist, Gott bewahre! Sondern in aller Unschuld und
Selbstverständlichkeit, als eine Sache, die geborene Raubvögel thun können,
ohne sich etwas zu vergeben. Das gehört zu den Eigenheiten der =species=,
lieber Pipin; und Sie würden gut daran thun, wenn Sie von Ihrem Standpunkt
aus sämtliche »höhere Menschen« ein für allemal als Raubvögel betrachteten
und sich mit ihnen nicht weiter einließen.«
Als er aber sah, daß er damit Pipins Mitteilsamkeit abgeschnitten hatte,
lenkte er wieder ein:
»Uebrigens thun Sie, was Sie wollen; mich geht ja die Sache nichts an. Ich
will nichts gesagt haben -- Gott bewahre mich davor, daß ich mir einfallen
lasse, einen erwachsenen Menschen zu bevormunden --« woran er noch einige
längere Betrachtungen über das Verkehrte und Vergebliche des Besserwissens
fügte.
Pipin fand noch immer nicht den Faden seiner Mitteilung wieder; da fragte
er endlich geradezu: »Also Pipin, legen Sie nur los: was ist denn da oben
im Werk?«
»Sie sind heute nicht in der Stimmung«, versetzte Pipin ausweichend. »Ich
sehe schon, heute hätte ich wieder Pech mit jedem Wort --«
Elmenreich ärgerte sich über diesen ungewohnten Widerstand. Es war
unverkennbar: er wollte nicht ausgeschlossen sein von den Vorgängen, zu
denen man ihn nicht mehr einlud. Sollte die wegwerfende Gleichgültigkeit,
die er sonst diesen Vorgängen gegenüber zur Schau trägt, nicht ganz echt
sein? Nur eine Form, die er sich zurechtgelegt hat, weil er sich in keiner
anderen äußern kann? Aber niemals würde er das zugeben. Er, der nicht
ansteht, sich selbst das Schlechteste nachzusagen, wenn es darauf ankommt,
seine Selbsterkenntnis zu zeigen, er würde sich um keinen Preis diese
kleine Schwäche eingestehen. Denn als ich nun halb im Scherz zu ihm sagte:
»Sie interessieren sich also doch ein wenig für das, was auf dem Berg
Alvernia weiter geschieht --?« stieß er nur einen kleinen verächtlichen
Pfiff aus, stand auf und ging davon.
»Warum haben Sie das gesagt?« fragte Pipin vorwurfsvoll. »Eine solche
Bemerkung ist doch das sicherste Mittel, ihn zu vertreiben. Und was für ein
Glück wäre es, wenn er sich wirklich dafür interessierte!«
Dann erzählte er: Nichts Geringeres habe der Graf im Sinne, als »eine
Verbindung mit der übersinnlichen Welt« zu finden. Und zu diesem Zwecke
veranstalte er täglich mit dem Meister Uebungen. Ueber diese Uebungen
wußte Pipin nichts Näheres; er war noch nicht vorgeschritten genug, um
sie mitzumachen, so wurde ihm gesagt. Ein glücklicher Zufall aber habe
es gefügt, daß in der Person der Bäuerin dem Meister ein Medium von
wunderbaren Fähigkeiten zur Verfügung stehe. Der Graf selbst sage,
verglichen mit dieser Frau sei er nur ein bescheidener Anfänger in der
Wissenschaft des Uebersinnlichen. Und doch sei der Graf von einer so großen
Entschlossenheit und Leidenschaft im Experiment, daß er geäußert habe: »Für
eine neue Sensation setze ich jeden Augenblick Leib und Leben auf's Spiel.«
Dabei trage er sich mit sehr weitschauenden Plänen. Die Resultate dieser
Forschungen sollten nicht das Geheimnis einiger Weniger bleiben: Dem
Meister müsse ein Wirkungskreis geschaffen, es müsse ein Weg gefunden
werden, auf dem er sich der Welt offenbaren und dazu beitragen könne, sie
aus den Wirrnissen der Gegenwart zu erlösen.
Anfänglich dachte der Graf an die Veranstaltung großer Volksversammlungen,
in denen der Meister persönlich zum Volke reden und durch die Kraft des
gesprochenen Wortes Macht über die Gemüter gewinnen sollte. Denn der Graf
-- hier wurde Pipin ein wenig unsicher -- der Graf teile durchaus nicht die
Meinung, daß das Auftreten des Meisters kürzlich kein glückliches gewesen
sei. Obwohl er sich über den erhofften Erfolg nach einer gewissen Richtung
hin keiner Täuschung hingeben könne, erscheine merkwürdigerweise in seiner
Erinnerung das »Fest des ersten Versuches« als eine geradezu epochale
Veranstaltung, als eines der ergreifendsten und bedeutendsten Ereignisse
seines Lebens, das bei allen Teilnehmern einen unauslöschlich tiefen
Eindruck hinterlassen haben müsse.
»Ich bin schon ganz irr an meiner eigenen Erinnerung«, fuhr Pipin fort.
»Der Graf ist so durchdrungen von seiner Auffassung, daß er keinen
Einwand gelten läßt. Zum Glück will der Meister selbst nicht aus seiner
Verborgenheit hervortreten und zeigt sich nur ungern einer größeren
Volksmenge.«
Und so hatte Pipin, der durch den Einfluß des Grafen trotzalledem
einigermaßen »irr an seiner Erinnerung« geworden zu sein schien, die
Gründung einer Zeitung vorgeschlagen, deren =spiritus rector= Meister Wendl
sein solle -- eine Idee, die der Graf mit Begeisterung aufgriff. Diese
Zeitung sollte das Organ der Vermittlung zwischen dem Meister und der
Welt bilden; der Graf wolle auch dafür sorgen, daß sich ein Kreis von
schreibekundigen Jüngern um den Meister versammle, damit »alle seine
dunklen Worte in eine gemeinverständliche Fassung gebracht und den
niedrigeren Intelligenzen verdolmetscht« würden. Ein solches Unternehmen
müsse ohne Zweifel das ganze geistige Leben der Gegenwart reformieren; erst
jetzt werde die alte Erfindung der Buchdruckerkunst ihre wahre segensreiche
Kraft entfalten können, denn das gedruckte Wort reiche ja unendlich weiter
als das gesprochene und geschriebene; ein neuer Menschheitsbund, ein
Bund der erlesensten Geister werde auf diese Weise ins Leben treten; neue
Geisteskräfte, die bisher in der Menschheit geschlummert hätten, würden
Gestalt annehmen und zu wirken beginnen ...
Die gräflich Hermosasche Phantasie hatte ein bereitwilliges Gefäß gefunden,
aus dem sie nun, erwärmt durch die Flamme dieses naiven Herzens, wieder
überfloß. Pipin glaubt, was er sagt, er ist innig überzeugt davon --
und doch ist er ein schlechter Apostel. Man hört ihm zu und lächelt. Man
lächelt -- selbst wenn man ihm so gutgesinnt ist wie ich.
Er bemerkte es und stutzte. »Sie sind also nicht der Meinung, daß eine
solche Zeitschrift Erfolg haben müßte, gnädige Frau? Aber wenn zwei
Menschen wie Meister Wendl und der Graf die Welt nicht in Bewegung setzen
können, wer sollte es dann? Da muß doch was ganz Großartiges zu Stande
kommen, nicht? Meinen Sie nicht?«
Ich fand es in diesem Augenblick unmöglich, seinen guten Glauben zu stören.
»Warten wir erst, bis die Zeitung herauskommt«, sagte ich ausweichend. »Bis
dahin ist ja noch lange Zeit --.«
»Oh nein! Die Vorarbeiten sind weiter fortgeschritten, als Sie denken --«
»Aber einen Verleger oder Herausgeber, kurz einen Menschen, der das Geld
dazu hergiebt, werden Sie nicht so leicht finden, fürcht' ich --«
Pipin errötete wieder heftig. »Der ist schon gefunden«, versetzte er mit
niedergeschlagenen Augen. »Der Graf wird Herausgeber und -- ich Eigentümer
sein.«
»Das heißt, Sie werden derjenige sein, der die Geschichte bezahlt? Denn Sie
wissen doch, der Graf hat kein Vermögen?«
»Ganz richtig! Der Graf wird seinen Teil im Geistigen beitragen und ich
im Materiellen, so haben wir es vereinbart, und so ist es auch in Ordnung.
Umgekehrt ginge es freilich nicht!«
Dabei lachte er von Herzen. Und mit seiner wichtigsten Miene erzählte er,
alles sei schon bis ins kleinste Detail ausgedacht und durchgesprochen --
sogar einen Namen habe der Graf schon gefunden. »Leiweriam«, so werde das
Blatt heißen.
»Leiweriam? aus welcher Sprache ist das?«
»Aus gar keiner. Es ist kein Sinnwort, sondern ein Klangwort, wie der Graf
sagt, nämlich ein Wort, das nicht einen Begriff auslöst, sondern durch
den bloßen Klang ein Gefühl. Auf das Gefühl muß man wirken, nicht auf den
Verstand, das ist die Ansicht des Meisters; und darin liegt nach seiner
Meinung der große Fehler der europäischen Kultur, daß sie den Verstand
der Menschen hypertrophiert hat, daß sie sozusagen eine Ueberproduktion an
Bewußtsein erzeugt hat --«
»Ich weiß, ich weiß«, sagte ich eilig. Wenn nun auch Pipin anfängt, zu
predigen und Weltanschauung zu propagieren --!
* * *
Abends bei Tisch, bevor der Graf da ist.
Dr. Kranich zu Pipin: »Wir müssen wieder einfältig werden, Pipin, schlicht
und einfältig wie unsere Großväter. Unser Brot selbst backen, unseren Kohl
selbst bauen, eine Familie gründen, an unserem Charakter arbeiten. Keinen
Alkohol mehr, kein Nachtkaffeehaus! Auch keine französischen Romane mehr:
Die Bibel als einzige Lektüre, dieses Buch voll strenger Seelengröße und
Sittenreinheit --«