2) +Ablaß auf sieben Jahre und zweihundertundachtzig Tage:+

a) zu Jerusalem in der Grabeskirche, am Altare der

Kleidervertheilung, an der Kleidersäule, ferner im Gefängnisse auf

dem Bezetha und am Orte, wo +Christus Magdalenen+ erschien;

b) in Bethlehem, am Grabe der Unschuldigen, im Oratorium des

+Hieronymus+, an seinem Grabe, am Grabe der +Paula+, ihrer Tochter

+Eustochia+ und des +Eusebius+, in der Schule des +Hieronymus+;

c) in der Umgegend von Bethlehem, am Grabe der +Rahel+, im

griechischen Eliaskloster, auf dem Felde, wo der Engel den

+Habakuk+ wegtrug, in der Zisterne der heiligen drei Könige, am

Terebinthenbaume, in St. Saba;

d) in +St. Johannes+ auf dem Berge, an der sogenannten

Marienquelle, am Orte, wo die zwei Basen einander begegneten, an

dem Orte, wo +Philip+ den Eunuchen der Königin von Aethiopien

taufte;

e) in Nazareth, im Hause +Josefs+, am Tische des Herrn, an der

Quelle der Jungfrau;

f) in der Umgegend von Nazareth und in Galiläa, bei der +Maria+

der Furcht, auf dem Seligkeitsberge, dem Aehrenfelde, am Orte der

Speisung mit Broten und Fischen, am See Genesareth, in Bethsaida

und Kapernaum.

Ich glaubte irrig die Ablaßstellen, wovon ich mehrere besuchte,

wenigstens durch Kreuze bezeichnet. Ohne einen Führer würde man, im

Geiste des Ablasses, sehr wichtige Stellen unbeachtet überschreiten.

Der alte deutsche Pater und die große Apotheke.

Im Kloster des Erlösers lebt ein grauer Achtziger aus Mähren, Pater

+Vital+. Mich verlangte, den Greis zu sehen. Ein schöner Mann mit

blauen Augen, rosigem Wangenschimmer und gebeugtem Körper begrüßte mich

mit der einnehmendsten Herzlichkeit. Mir wollte Jerusalem und seine

Umgebung nicht gefallen, und ich fragte ihn um seine Meinung über das

Leben in diesem Lande. „Ja, was ist es?“ antwortete er. „Man ist nun

einmal da. Es muß gut sein.“ Der Sinn der Worte war leicht zu deuten.

Ich traf den Pater gerade in der Werkstätte. Er treibt im Kloster das

Geschäft eines Apothekers und Arztes. Dazu ist er also noch Pater. Alle

gute Dinge sind drei. Von der Werkstätte gingen wir in die Apotheke.

Wenn nur das Halbe wahr ist, was an den Büchsen und Gläsern geschrieben

steht, so besitzt sie einen reichen Schatz von Arzneistoffen, daß man

sich in der That verwundern muß, wenn man die Lage Jerusalems in einer

bildungsarmen Gegend berücksichtigt.

Die herrschende widrige Witterung machte mich ein wenig unpäßlich. Ich

ermangelte nicht, dies dem Pater +Vital+ zu eröffnen, zugleich aber die

Bemerkung beifügend, daß ich ein Arzt sei. Ohne irgend zu untersuchen,

trug mir der Mann Gottes einen Schnapps Rosoli aus der Apotheke mit

einer Schnelligkeit und Zuversicht an, daß ich unwillkürlich auf die

Vermuthung geführt wurde, es mögen hin und wieder die Klagen eines

Preßhaften mit diesem leckern Safte beschwichtiget werden. Ich

verbat mir dieses Mittel darum, weil es mein Uebelbefinden nothwendig

verschlimmern würde. So mag denn hier die Arzneigeberei beschaffen

sein. Schnappskuren wären gar zu schmackhaft[3].

Meine Zelle im Kloster des Erlösers.

Ich hatte eben kein fürstliches Aussehen, und ich kann mir es wohl

erklären, wenn man mir nicht aller Orten die beßten Zimmer anwies.

Ich habe früher die freundliche Aufnahme von Seite des

Klosterverwalters erwähnt, und diesmal bloß nachzutragen, daß er dem

Klosterbedienten +Elias+ zu verstehen gab, er solle mir ein kleines,

doch gutes Kämmerlein einräumen, weil man die andern Zimmer für die

hohen Personen, die man eben erwarte, bereit halten müsse.

Mein Zimmer, mit einem Bette, Tisch und Sessel, war durchaus schlecht,

ohne Fenster, nicht einmal mit gut schließenden Läden, und eine

Oeffnung über der Thüre hatte gar keine Vorrichtung zum Sperren. Lustig

pfiff der gefällige Wind, die zum Theil schlaflosen Nächte mir zu

vertreiben. Es scheint allenthalben dafür gesorgt, daß die Welt zum

Himmel hinauf lacht. Wäre es nur nicht ziemlich kalt gewesen, ich würde

die Orgeltöne des Windes noch süßer gefunden haben. Beim Schreiben war

ich in einen Mantel, die Füße in eine wollene Decke gewickelt, und

dennoch konnte ich mich auf diese Art mit genauer Noth wärmen. Die

Ueberzeugung wurzelte in mir fest, daß ich in einem solchen Zimmer von

meiner Unpäßlichkeit nicht genesen könne, und daß ich daher auf die

Abreise dringen müsse, wenn mir anders die Gesundheit am Herzen liege.

Die Schattenseite des Lebens bietet doch ungemein viel Abstufungen dar.

Auf dem Meere dachte ich: Wenn ich nur zu Lande wäre, ich wollte

zufrieden sein.

Bei den Pyramiden von Memphis dachte ich: Wenn ich nur wieder unter

Franken wäre, ich wollte zufrieden sein.

Und in Kairo dachte ich: Wenn ich nur wieder in einem kältern

Himmelsstriche wäre, ich wollte zufrieden sein.

Und in der Wüste dachte ich: Wenn ich nur wieder auf bewohnten Boden

meinen Fuß setzen könnte, ich wollte zufrieden sein.

Und in dem Gefängnisse unter dem Zelte dachte ich: Wenn ich nur wieder

ein vor dem Regen schützendes Zimmer und die Freiheit hätte, ich wollte

zufrieden sein.

Und beim beschwerlichen Ritte von Gaza dachte ich: Wenn ich nur einmal

wieder Ramle erreichte, oder wenn mir nur wieder die Bequemlichkeiten

des Schiffes auf der See vergönnt wären, ich wollte zufrieden sein.

Wie vielmal wollte ich zufrieden sein, und wie vielmal war ich

es nicht? Das kann sich so fügen: Im Augenblicke, da man eine

Widerwärtigkeit fühlt, erscheint sie am größten; die vergangene tritt

in dem Grade kleiner vor die Seele, als ein Gegenstand vor das Auge,

der sich immer weiter entfernt.

Billig stimme ich in das allgemeine Lob auf die gute Bewirthung des

Klosters. Die Speisen waren alle schmackhaft. Mir that es wehe, daß

ich die in einem zinnernen Becher mir zugereichte Porzion weißen Wein

wegen meiner eine strengere Lebensweise gebietenden Unpäßlichkeit nicht

ganz trinken durfte. Ich kostete noch keinen edlern Wein, und ich nahm

davon sogar als Arznei auf die Reise mit. Nach der Versicherung des

Klosterbedienten wächst er in Bethlehem.

Der Führer um und in Jerusalem.

Zu den Sehenswürdigkeiten ist ein Führer vonnöthen. Wendet man sich --

das Vorzüglichste, das man thun kann -- ans lateinische Kloster, so

wird es für einen Dragoman sorgen.

Die Kirche des Christusgrabes ist nicht immer offen. Deswegen muß man

im Kloster darnach fragen, wann sie aufgeschlossen werde, um nicht

vergeblich sich hin- und herzutreiben. +Diese Kirche zu sehen, soll

das erste Augenmerk sein.+ Zu ihrer Aufsuchung wird kein Führer gerade

nothwendig. Es weiß den Tempel Jedermann. Viele auf der Gasse verstehen

italienisch. Doch in der Grabeskirche selbst bedarf man einiger

Anleitung.

Man schlägt mit dem Führer folgende Wege ein:

1) +Um die Stadt.+ Durch das Thor von Damaskus zur Jeremiasgrotte.

Dann zu den Gräbern der Könige. Nun richtet man sich gegen das

Josaphatsthal; man überschreitet die Kidronbrücke. Jetzt nach einander

die Grabhöhle +Mariens+ und der Apostel, sowie der Garten Gethsemane.

Hernach auf den Oelberg. Herab zu den Gräbern +Absaloms+, +Josaphats+

und +Zachariassen+. Zurück über den Kidron. Unter dem Moriah (Moschee

+Omars+) die Brunnen, insbesondere derjenige Siloahs. Auf letzterem

Wege lasse man sich das blinde Thor des, wie man vorgibt, ehemaligen

Salomonstempels zeigen. Jetzt ersteige man den Zion; die Hausstelle

des +Kaiphas+ und die Stelle der Davidsburg. Das Alles wird man ohne

Hinderniß besuchen können; einzig die Mariengruft ist meist gesperrt.

Es genügt, daß der Führer sie einmal weise. Man fragt, wann sie

offen sei, und man macht allein einen Spaziergang dahin, da sie sehr

leicht zu finden ist. In das Dunkel der königlichen Gräber und des

Siloahbrunnens muß man sich leuchten.

2) +In der Stadt.+ Wir waren schon in der Kirche des Christusgrabes.

Unweit von hier glaubt man den Palast des +Pilatus+; man gehe durch die

sogenannte Schmerzensgasse bis zum vorgeblichen Palast des +Herodes+

und zum sogeheißenen Kerker +Christi+. Von da begibt man sich in die

Nähe der Omarskirche, die man doch von außen ein wenig besehen kann.

Der Führer wird nicht umhin können, mannigfaltige Erinnerungen und

Erzählungen, z. B. von heiligen Eindrücken in Steinen, von Häusern

heiliger Weiber und Männer, an die Wege zu knüpfen. Ich geleitete bloß

zum Sehenswürdigsten.

Bei guter Witterung wird man in einem Tage, bei schlechter in zwei

Tagen zuversichtlich allenthalben herumkommen.

Rückblick auf Jerusalem.

So wenig der erste Anblick der Stadt meiner Erwartung entsprach, so

tief, ich muß es laut gestehen, wurde sie beschämt, als ich anfing,

die Denkwürdige mit Aufmerksamkeit zu zergliedern. Wenn auch nicht

der Buchstabengläubige und der ungestüme Zweifler, so kehrt doch der

ruhige Prüfer aus der gefeierten Stadt zurück. Jerusalem verdient mit

vollem Rechte von dem Alterthumsforscher, zumal aber von dem Israeliten

und Christen, besucht zu werden. Es erscheint nicht wenig auffallend,

daß hier die Nachgrabungen, um Alterthümer zu entdecken, nicht nach

einem durchgreifenden Plane, wie an so manchen andern, geschichtlich

vielleicht weniger wichtigen Orten veranstaltet werden. Es liegt über

allen Zweifel hinaus, daß der Nachgrabende in Jerusalem mannigfaltige

Schätze der Vorwelt hervorziehen würde, die zu Erklärung des alten und

neuen Testamentes ungefähr so viel beitragen könnten, als das ganze

Heer von Stuben- und Schriftgelehrten seit Jahrhunderten wirklich

dazu beigetragen haben. Es versteht sich wohl von selbst, daß, um

so zu sagen, keinerlei heilige oder unheilige Besorgnisse von den

Nachgrabungen abhalten dürfen. Die Wahrheit ist in der That heiliger

zu achten, als daß es erlaubt wäre, auf das Erforschen derselben zu

verzichten, weder den Einen, weil sie etwa fürchten, daß der neue Fund

den bisherigen Glauben schwäche, noch den Andern, weil sie besorgen,

daß er ihn stärke.

Ausflug nach Bethlehem.

Holperiger Weg; das unscheinbare +Elias+ mit einer reizenden

Aussicht nach Jerusalem und Bethlehem; +Rahels+ Grab; in Bethlehem

Pfützenreichthum, das Franziskanerkloster, der Stall und die Krippe;

die Bethlehemiten und Bethlehemitinnen; zu Fuß nach Jerusalem zurück.

Durch die Erzählung der Unannehmlichkeiten mit einem Eseltreiber will

ich Niemand belästigen; man hat manchmal mit solchen Leuten so viel

Mißliches, daß man beinahe das alte Gebot zurückwünschen möchte, nach

welchem den Christen untersagt war, in und um Jerusalem zu reiten.

Ich ging durch das Jaffathor, wendete mich links über das Thal Gihon,

und bald war ich auf der Thallehne Hinnon, Jerusalem gegenüber und mit

diesem ungefähr in gleicher Höhe. Der Anblick der Stadt verheißt von

hier aus nicht viel; kaum zeichnet sich der Zion aus.

Der holperige Weg gleicht unsern Bergwegen. Die Leute lassen sich die

Mühe reuen, ein kleines Sträßchen anzulegen, so leicht es wäre. Man hat

nicht ganz Unrecht, vom Zustande der Straßen auf die Bildungsstufe der

umwohnenden Menschen zu schließen.

Jetzt bekam ich über dem Hinnon einen Esel. Ich ritt durch eine

Ebene in der Richtung gegen Mittag. Wo dieselbe zu einem langen,

von Abend gegen Morgen oder gegen das uneigentlich sogenannte todte

Meer streichenden Hügel aufschwillt, liegt in der Mitte und auf dem

Rücken selbst das griechische Kloster des +Elias+: wenig vorstellende

Mauern, welche schwerlich ein Abendländer für ein Gotteshaus ansähe.

Das reizlose Aeußere mag der Lüsternheit des Beduinengesindels am

beßten wehren. An dem +Eliaskloster+ vorüber, und auf dem Scheitel

des Hügels erweitert sich die Aussicht nach Mittag und Mitternacht.

Rückwärts nimmt man Abschied von Jerusalem, und vorwärts gegen Mittag

begrüßt man Bethlehem, welches wie an einen Abhang gekleibt ist. Im

Glanze der Abendsonne fiel dasselbe vortheilhaft ins Auge. Es scheint

hier sehr nahe, und doch haben wir erst die Hälfte des Weges am Rücken.

Vom Lothssee erblickt man nur ein kleines Silberdreieck, welches

von Gebirgen des ostjordanischen Landes majestätisch überragt wird.

Zwischen dem Eliaskloster und Bethlehem steht an dem, von +Elias+ aus,

sehr unebenen Wege rechts, nach der Ueberlieferung, +Rahels+ Grab unter

einer mohammetanischen Kuppel.

Man kommt vor Bethlehem gerne aus der steinichten, mehr oder minder

öden Gegend in eine gewächsreichere, worin wenigstens Rebe und Feige

und Kohl gedeihen. Unter einem Gewölbe hindurch tritt man ins Dorf.

Kaum weiß man vor Wasser und Schlamm, wo man den Fuß hinstellen darf.

Bethlehem, an der nördlichen Abdachung eines Hügels, gewährt keine

erhebende Aussicht. Den zwar gut gemauerten Häusern mangeln Fenster.

Im Franziskanerkloster stieg ich ab. Der Pater Guardianus, ein

einsichtiger und kenntnißreicher Mann, empfing mich mit Freundlichkeit,

und es wurde mir ein gutes, großes Zimmer angewiesen. Abends ereilte

mich das Mißgeschick, von der Prozession, mit brennender Kerze in

der Hand, gleichsam fortgerissen zu werden. So gerne würde ich mit

einem Führer allein und in der Stille den Ort, wo, der Ueberlieferung

zufolge, +Christus+ geboren ward, besucht haben. Es ist diese Stelle,

unmittelbar unter der Kirche, von einer köstlich gezierten Kapelle

überwölbt. Als die Patres in diese herabgestiegen waren, sanken sie

in Demuth auf die Kniee, und erhoben die Stimmen des Gebetes. Der

Guardian schenkte mir die Aufmerksamkeit, daß er mir ein gedrucktes

lateinisches Büchlein mit den Gebeten einhändigte, welche vor jedem

Altare verrichtet werden. Wer würde auf dieser Stätte sich nicht in

ernste Betrachtungen vertiefen? Welche große Eröffnungen sind, nach dem

Glauben der Christen, von dem Manne ausgegangen, dessen Geburtsstätte

vor meinen Augen lag („~hic de virgine _Maria Jesus Christus_ natus

est~“). Aber auch welches Unheil erzeugte der Aberwitz, welcher mit

Herrschsucht im Reiche der Meinungen sich in den Sinn der Worte unsers

großen Meisters hinaufwagte? Wie lange noch bleibt es bloß frommer

Wunsch, daß nur +einen+ Hirten +eine+ Heerde umgeben möchte? Man zeigt

auch die Krippe, welche zum Lager des neugebornen Kindes gewählt worden

sein soll. Außer der Geburtskapelle wallt man in mehrere Höhlen,

worin die fromme Erinnerung Altäre und Grabmale gebaut hat, einen

z. B. auf +Hieronymus+, einen hochwürdigen Mann. Es ist von einem

Engländer behauptet worden, daß, im Widerspruche mit den Urkunden, die

Geburtskapelle unterirdisch sei. Ich möchte dieser Behauptung aus guten

Gründen nicht beipflichten. An der Baustelle des Klosters schießt der

Boden der Erde gähe ab, und wenn der Boden der Kirche in ebener Linie

durchgeführt wurde, so konnte der Stall den Raum zwischen dem Erd- und

Kirchenboden einnehmen.

Das Kloster ist ziemlich groß; seine Mauern sind so dick und massiv,

wie die einer Festung. Großen Schaden litt es letztes Jahr durch ein

Erdbeben, und eben war man mit Verbessern des Gebäudes beschäftiget.

Mehrere Mädchen gingen aus und ein, um die Maurer zu bedienen. Diese,

wie andere Bethlehemitinnen gewannen in meinen Augen nicht den Preis

der Schönheit, welchen Reisende ihnen zudachten.

Die Bethlehemiten sind lauter Christen, und zwar beinahe alle

lateinische, nur in geringer Zahl griechische. Aus ihren Gesichtern

sprechen die Züge von Schlaffheit, Schlauheit, von Niederträchtigkeit.

Ich verdanke dem Pfarrer des Klosters, einem Spanier, die Mittheilung,

daß im verwichenen Jahr 122 (lateinische) Kinder geboren wurden.

Die ganze Gemeinde von Bethlehem nähert sich der Zahl von 4000. Im

laufenden Jahre starben binnen fünfzehn Tagen über 40 Kinder an den

wahren Menschenpocken und bloß +eine+ erwachsene Person.

Es werden in Bethlehem sehr viel heilige Dinge, meist aus Perlmutter,

gearbeitet. Kurz nach meiner Ankunft begab sich zu mir ins Zimmer ein

Bethlehemit mit einer Menge Kruzifixe, Marienbilder, Rosenkränze

u. s. f., wovon ich mehreres einkaufte.

Zu spät in Bethlehem, das zwei leichte Wegstunden von Jerusalem

entfernt ist, eingetroffen, blieb ich daselbst über Nacht. Ich rühme

billigermaßen die freundliche Bewirthung und den guten Wein; nur war es

mir unangenehm, daß ich, in Berücksichtigung meiner Gesundheit, nicht

nach allen aufgetragenen Speisen langen durfte.

Am folgenden Morgen wollte ich zu Fuß zurückkehren; allein man -- --

--. Ich wußte zum Glücke noch, daß ich nicht weit von meinem Kopfe Füße

habe, und ohne Worte zu machen, trat ich den Rückweg an. Meine kurze

Fußreise war ein Lustwandel, während dessen ich die Gegend mehr genoß,

als es bei einem Ritte hätte der Fall sein können. Und Gewinn war

schon der lebendigere Gedanke, daß Tausende und Tausende von Menschen

vor längst verflossenen Jahrhunderten von Bethlehem nach Jerusalem

zu Fuße einherwandelten, wie ich nun dahin ziehe. Verläßt man das

Dorf Bethlehem, so schaut linker Hand oben das Kloster Johannes auf

uns herab. Ungefähr auf der Hälfte Weges holte ich Gesellschaft ein,

nämlich einige Marktweiber, welche auf dem Kopfe Holzreiser trugen.

Nicht sehr lange aber hielten sie Schritt mit mir; es war eine Strecke

über +Elias+, als ich sie verließ. In dem ungestörten Besitze meiner

Gedankenwelt, in der frohen Vergegenwärtigung der Vorzeit, welche der

alte Boden unter meinen Füßen heraufbeschwor, ging ich wieder meines

Weges allein, wie vor Bethlehem, und ohne irgend ein unangenehmes

Begebniß erreichte ich Jerusalem.

Die Beschiffung des Lothssees.

Obgleich ich den Lothssee, in den sich der Jordan ergießt, ohne daß er

einen sichtbaren Ausfluß hat, nicht selbst besuchte, so scheint es mir

doch am Platze, mitzutheilen, was ich zu wiederholten Malen erfuhr,

daß dieses gefürchtete Wasser, in dessen Nähe +Tacitus+ ein großes

Naturereigniß (Kräuter der Wiesen und Saaten des Feldes verwandelten

sich gleichsam in Asche) verlegte, im Sommer des Jahres 1834 von einem

Engländer (vielleicht vom Irländer +Carnagan+) beschifft wurde. Er

ließ von Jaffa einen Kahn hinüberschaffen, und mit einem Bedienten

beschiffte er den See. Der Unternehmer starb nach der Seefahrt; der

Bediente aber lebt noch. Die übrigen Mähren zu erzählen, will ich am

liebsten schuldig bleiben.

Nach Jaffa am Mittelmeer.

Abermals allein gereist; der Regen des heiligen Landes behagt mir

nicht; Beschwerden vom Reiten her; ein Araber, der ein Huhn verloren,

redet mich auf italienisch an; Nachts in Ramle; ~Clausura per le donne,

quoique~ und ~parceque~; durch die Ebene Saron mit nassem Sack und

Pack; bald in Jaffa.

Freitags den vierten Christmonat schied ich von Jerusalem. Den Rückweg

bis Ramle kennen wir. Ich bemerke bloß ein paar Dinge:

Ich reiste abermals allein, nach der goldenen Regel: Lieber keine, als

eine schlechte Gesellschaft. Ein Franzose, dem ich mich anheischig

machte, die Reise nach Jaffa zu bezahlen, wenn er die Merkwürdigkeiten

Jerusalems mir zeige[4], sollte zwar mitreisen; weil er aber ein

Trunkenbold und ohnehin ein unzuverlässiger Mann war, so zog ich vor,

ihn vorangehen zu lassen. Daher kam es, daß ich über das Gebirge bloß

einen Araber, den Führer, zum Gefährten hatte.

Erst gegen eilf Uhr Mittags verließ ich das Neuhaus, nachdem ich den

Führer lange umsonst erwartet hatte. Daraus erwuchs mir der Nachtheil,

daß gerade schlimme Witterung sich einstellte, die sich während

des ganzen Zuges über das Judengebirge wirklich sehr unordentlich

aufführte. Der Regen goß in Strömen hernieder, indeß dann und wann der

Nebel in seiner gespenstergrauen Farbe herumschlich. Einmal wollte

ich mich gerade in einer tiefen Gebirgsschlucht trocken decken. Ich

entfaltete den Polster, auf dem ich saß, um mich in denselben, wie in

einen Mantel, zu hüllen. Naß, müde, ja halb krumm unter der Regentraufe

und für den Augenblick der Besinnung gleichsam bar, legte ich den

durchnäßten Deckmantel, den ich bisher trug, auf den Sattel. Nun wurde

ich natürlich auch da, wo ich bis jetzt trocken blieb, benäßt. Um das

Maß der Unannehmlichkeiten zu füllen, trat noch ein anderer übler

Umstand hinzu. Der Sattel des Thieres war ungebührlich breit und

überhaupt schlecht, so daß mein rechtes Bein roth und blau sich rieb[5].

Von der Bergreise will ich noch eine Begebenheit berühren. Es kamen

Araber entgegen, welche mit Hühnern beladene Esel vor sich hin trieben.

Einer derselben fragte mich auf italienisch, wie viel Uhr es sei. Ohne

anzuhalten, antwortete ich: ~Non sò~ (ich weiß es nicht). Ich möchte

mich für den Verdacht nicht bestimmt erklären, daß der Fragesteller

gerne meine Uhr gesehen und als gelegene Beute mitgenommen hätte.

Verdacht wäre sonst um so gegründeter, als die Uhren oder die Werkzeuge

zur Zeitmessung unter den Arabern, insbesondere unter den Beduinen,

als eine große Seltenheit gelten, weil sie das Bedürfniß künstlicher

Zeitmessung in ihrem, dem Naturzustande nahe stehenden Leben bereits

gar nicht fühlen. Schon waren die Araber wenige Schußweiten von uns

entfernt, als ich ein Huhn, unzweifelhaft einen verlorenen Theil der

Ladung, am Wege daliegen sah. Ich war im Begriffe, die Araber, als

die höchst wahrscheinlichen Eigenthümer, zu rufen; allein der Grund

überwog, den verdächtigen Burschen nicht gleichsam die Hand zur

Rückkehr zu bieten, und mein Führer unterließ beides, zu rufen und das

Huhn für sich aufzuheben.

Kaum recht aus dem Gebirge, kaum die Ebene von Ramle vor den Augen,

und die Nacht ließ ihren dunkeln Vorhang vor mir, dem bis auf die Haut

Durchnäßten, fallen. Mich fror es inzwischen nicht eigentlich; denn

die Witterung, auf den Bergen und dem Niederlande so verschieden, wie

dort Tag und hier Nacht, war jetzt lieblich, gleich dem milden Blicke

unschuldiger Kinder. Ein Regenbogen beim Mondesscheine (erstes Viertel)

entzückte mich zum ersten Male.

Ich langte wiederum Nachts in Ramle an. Ich nahm schon deswegen die

Einkehr im lateinischen Hospiz, weil ein Theil meines Gepäckes dort

zurückblieb. Es wäre ungerecht, wenn ich das Nachtessen tadeln wollte;

aber zur Schmeichelei werde ich ebenso wenig hinunterkriechen, daß im

Hospiz Reinlichkeit an der Tagesordnung sei. Bei uns speiset mancher

Bettler mit einem saubern Löffel, mit einem reinern Messer und einer

gefälligern Gabel, als der Reisende in diesem mönchischen Gasthause.

Ueber einem Gange steht, wie im Erlöserkloster zu Jerusalem, in

italienischer Sprache geschrieben (~clausura per le donne~), daß den

Frauen der Eintritt verboten sei. Ganz wohl; denn die unreinlichen

Männer müßten sich vor den Weibern schämen, die in der Küche nach einem

bessern Geschmacke sich einzurichten wissen.

+Den 5.+

Mit nassen Hand- und Druckschriften im Felleisen und selber noch

nicht in trockenen Kleidern, setzte ich, bei guter Witterung und in

Gesellschaft eines Militärinstruktors, eines italienischen politischen

Flüchtlings, den Weg fort nach Jaffa durch eine ausgedehnte Ebene,

die Saron, welche mit dem Brautgewande des Lenzes geschmückt war.

Man erblickt die Küstenstadt schon in einer Stunde Entfernung von

einer sanften Anhöhe aus, wodurch die Saronebene beinahe nichts

Nennenswerthes an ihrer Einförmigkeit verliert. Gleichsam zur

Entschädigung dafür belebt vor den Mauern der Stadt den Ankömmling der

angenehme Geruch üppiger Gärten, worin Goldäpfel die Bäume beschweren.

Vor Mittag schon ritt ich durch das Thor von Jaffa.

Von Gaza bis Ramle sind zwölf Stunden zu Fuß, von Jerusalem bis Ramle

ebenso neun Stunden und von hier bis Jaffa viertehalb Stunden.

Jaffa.

Lage, Gassen, Hafen, Bevölkerung.

Das heutige Jaffa, das Joppe der Bibel, ist größer, als eine

Abbildung es mir vorstellte. Es liegt am Meere auf einem Hügel, den

es vollständig umhüllt. Von Mitternacht aus, auf dem mohammetanischen

Gottesacker, genießt man den günstigsten An- und Ueberblick, und die

vielen Kugeldächer rufen Gaza ins Gedächtniß zurück. An die Stadtmauern

sind inwendig die elendesten Hütten gebaut.

Die Mohammetaner haben zwei Moscheen. Die eine, mit einem niedrigen

Thurme, steht unten am Meere, einige Schritte vom armenischen Kloster;

die andere, größere oben im nördlichen Stadtviertel. Daneben in Mitte

des Doppelthores, welches auf das Land führt, spendet ein prächtiger

Brunnen sein erfrischend Wasser, wovon auch die christlichen Pilger

fleißig holen. Die Gassen sind unregelmäßig, enge, löcherig, in

der Regenzeit schmutzig. Die Hauptgasse streicht einerseits an dem

griechischen, lateinischen und armenischen Hospizium, andererseits an

dem Hafen als Kai vorbei, und gegen Mitternacht eben davon bis zur

kleinen Moschee. Hier biegt sie sich um, und steigt neben Handwerks-

und Kaufbuden ein wenig gähe hinan, um sich in einen kleinen, ziemlich

ebenen Platz zu öffnen. Hier herrscht besonders viel Regsamkeit, schon

der Fleischbänke willen. Von diesem Marktplatze ziehen gegen Morgen

drei Gassen: die eine zu den Getreideläden, einem großen Kaffeehause

und zur großen Moschee; die andere und mittlere zum Thore auf das Land;

die dritte als Nebengäßchen zur Stadtmauer. Neben der Hauptgasse, deren

Richtung dem lateinischen ~S~ am nächsten kommt, öffnet sich eine enge

Gasse in den Marktplatz, welche erst gähe zu dem auf der Höhe der Stadt

oder des Stadthügels liegenden Festungsschlosse hinauf-, von diesem

aber herabsteigt. Die Gassen auf dem Gipfel und im südlichen Theile der

Stadt sind, mit Ausnahme der letztern Gasse, ziemlich menschenleer, und

verdienen auch keine nähere Würdigung.

Der Hafen, wenig Rührigkeit darbietend, ist eher eine Rhede, schlecht

und klein, von Klippen umfangen, für größere Schiffe unzugänglich. In

der Rhede lagen bei meiner Ankunft fünf Schiffe vor Anker; auf offener

See in viertelstündiger Entfernung eine griechische Brigg[6].

Wie soll ich muthmaßen, daß die Stadt von 5000 Menschen bevölkert sei?

Ich bin, wie in Jerusalem, so auch hier mit nackten Muthmaßungen

über die Zahl der Bevölkerung, ohne über sichere Angaben gebieten zu

können, selber vielleicht am meisten unzufrieden, und ich würde diese

mit großem Vergnügen verzeichnen, wären sie nur erhältlich gewesen.

Haben die ungefähren Ansichten von der Volkszahl weiter keinen Werth,

so mögen sie doch als Wink dienen, andern Angaben nicht sicher zu

vertrauen. Die Anzahl der Christen ist nicht geringe; die Lateiner

und Maroniten zählen aber bloß 340 Seelen. Die Christen bewohnen den

untern oder Hafentheil der Stadt, in welchem am Sonntage viele Läden

geschlossen waren.

Jaffa, wie es ehemals war.

Ich will keine Geschichte von Jaffa liefern; nur kann ich mich nicht

enthalten, drei Schriften aus der jüngern Vergangenheit Auszüge zu

entheben.

„Jetziger Zeit“ (1581), sagt +Salomo Schweigger+, „ist keine Behausung

mehr vorhanden, denn auf einem nicht gar hohen Berge zwei Gebäu, groß

und weit, ziemlich stark. Darinnen eine türkische Besatzung etlicher

Araber von wegen der Anlände aus Egypten. Sonst sieht man am Berge

etliche alte Gewölbe. Die meiste Waare, so dahin gebracht wird aus

Egypten, ist Salz und Reis. Dagegen ladet man Oel. Haben derhalb keine

Herberg funden, sondern mußten unterm freien Himmel für gut nehmen im

Sande zunächst am Meere.“

Vernehmen wir +de la Mottraye+: „Nach einer Fahrt von sechszehn Tagen

und nach verschiedenem Ungemach kamen wir den 19. Merz 1697 auf der

Rhede vor Jaffa an. Dieser Ort ist von so vielen Reisenden beschrieben,

daß ich mich der Mühe überheben kann, eine neue Beschreibung davon

zu geben, zumal da derselbe jetzt kaum mehr den Namen eines Dorfes

verdient. Von dieser uralten Stadt ist nichts mehr übrig, als ein

großer, halb eingefallener Thurm, und zwei kleinere, die noch ganz

sind, auf dem Gipfel eines benachbarten Berges, und einige in den Berg

gegrabene Höhlen; denn Häuser sind es wahrlich nicht. Nur eine Herberge

für den Fremden, welche den Namen eines Hauses verdient, steht am Ufer

des Meeres. Der Hafen ist nicht sonderlich, und wird, aus Mangel der

Unterhaltung, von Tage zu Tage schlechter. Einige Spuren von dicken,

wohl zämentirten Mauern, die nicht weit vom Ufer aus dem Wasser

hervorragen, scheinen die Ueberbleibsel eines Dammes oder Molo zu

sein, der noch heutzutage sehr nützlich sein würde, um den Nordostwind

abzuhalten, welcher die Gebäude hier ziemlich in Gefahr setzt, wenn er

heftig weht.“

+Jonas Korte+ fand vor bald einem Jahrhunderte (1738) in Jaffa

ein Haus, Hospiz genannt, worin beständig ein Pater und Frater vom

Franziskanerorden sei, und sagt dann weiter: „Das Hospizium, darin

ich war, gehört auch den ~Patribus de Terra Sancta~. Es liegt just am

Meere, und man steigt nur etliche Stufen dazu hinauf, und ist an einen

Berg, worauf die Stadt meist liegt, angebauet. Die Kapelle und ein

paar Kammern waren auch in den Felsen oder Berg hineingemacht und also

schön kühl. Die Herren Patres behaupten, dieses Haus stehe an derselben

Stätte, wo +Simon+, der Gerber, gewohnt, und wo +Petrus+ das Gesicht

oder Offenbarung gehabt, wiewohl man mit Augen sehen kann, daß die See

viel von dem Berge abgerissen, und Stücke von den alten Stadtmauern und

Thürmen über zwei Steinwurf in der See liegen.“

Die Tageslänge.

Wenn man einmal Reisender ist, so richtet man die Aufmerksamkeit

auf alle Verschiedenheiten, notabene auf alle, die Einem nicht

entschlüpfen. Außer den Temperatur- und Witterungsverschiedenheiten

wird man in Syrien unter dem 32. Grade nördlicher Erdbreite einen

bedeutenden Abstand in Bezug auf die Tageslänge wahrnehmen. Ich hielt

mich während des kürzesten Tages in Jaffa auf, und sieben Uhr Morgens

schon und noch fünf Uhr Abends konnte man an einem hellern Orte leicht

lesen.

Für die Klöster im jüdischen Lande (~Tabula secunda pro Conventibus

Judaeæ sub elevato Polo per gradus 32~) liegt eine gedruckte Tabelle

vor mir, worauf in der Regel von sechs zu sechs Tagen die Zeit des

Sonnenauf- und Untergangs durch das ganze Jahr angegeben ist. Ich

will am liebsten die Tabelle selbst redend einführen, da sie, längst

ansäßig in Syrien, mir aus einer Verlegenheit helfen und auch Auskunft

ertheilen kann, wie weit der längste Tag seine Flügel von einander

ausspanne. Am kürzesten Tage schläft die Sonne allerdings nicht so

lange, wie bei uns; denn sie steht um sieben Uhr und drei Minuten auf,

und sie legt sich um vier Uhr und siebenundfünfzig Minuten nieder.

Dafür läßt sich die Sonne am längsten Tage zum Aufstehen mehr Zeit,

indem sie um vier Uhr und siebenundfünfzig Minuten aufgeht; und als

wenn sie durch ihren heißen Schein leichter sich erschöpfte, sie nimmt

schon um sieben Uhr und drei Minuten Reiß -- unter.

Und nun denn den ersten beßten Kalender zur Hand, ist eine Vergleichung

der Tageslänge in dem jüdischen und dem Abendlande nicht ebenso

belehrend, als die Betrachtung des Aderlaßmännchens, dem man wohl

Blut, aber den Geist nicht, der auf dem Blute schwimmt, nämlich die

Vorurtheile, opfert?

Witterungsbeschaffenheit.

Während meines Aufenthaltes in Jaffa ließ sich die Witterung im Ganzen

milde an. Viele Leute gingen barfuß; andere badeten sich im Meere. Das

Bedürfniß des Heizens machte sich nicht fühlbar. Die Regentage waren,

nach dem Gefühle zu urtheilen, nicht kälter, als bei uns manche des

Sommers, und zudem nicht so eigentliche, wie die unserigen zu sein

pflegen. Nach kurzem Regen oder Schauer blickte die Sonne zwischen den

Wolkenklößen freundlich hervor. Bei dieser veränderlichen Witterung

wechselte fast jeden Tag das Schauspiel des Sonnenscheins und Regens;

bloß an einem einzigen Tage war die Sonne vom Gewölke allenthalben

verhüllt. Zur Seltenheit sollen Schneeflocken fallen. Ich sah reichlich

schloßen.

Die Regenzeit dieses Landes ist unsere Schneezeit, die Zeit der

Regenlosigkeit unsere Regenzeit. Gott gab uns also zwei Dinge mehr, im

Sommer den Regen und im Winter den Schnee.

Zur Zeit der Regenlosigkeit wird das Erdreich ungemein trocken, und

klafft an vielen Stellen breit und tief von einander. Die Pflanzenwelt

verliert dann das fröhliche Aussehen, welches ihr die Regenzeit, der

eigentliche Frühling, verleiht. Diese Zeit beginnt Ende Wintermonats,

dauert über den Christmonat und Jenner, und der Hornung mag etwa vier

bis fünf Regentage zählen.

Der Meeressturm und der Schiffbruch.

Nun aber hatte Joppe von Natur aus keinen Hafen und keine Anfurt;

denn das Ufer war hoch und gähe, auch beiderseits mit krummen und

rauhen Felsen, daran das Meer heftig schlägt und brauset, wohl

verwahret.

+Flavius Josephus.+

Zu beiden Seiten der Stadt Joppe liegen große Steine und Felsen,

die aus dem Meere hervorgucken. Die Lage des Ortes und die Gestalt

der Sachen zeigen an, daß +Andromeda+ hier gewesen und dem

Wallfische sei vorgeworfen worden, wie die alten Fabeln glaubwürdig

sagen. Wenn der Nordwind gegen das Ufer geht, so treibt er das

Wasser über sich, und schlägt es an die Felsen, daß es ein groß

Getöse gibt, und daß das Meer davon gar ungestüm wird, wenn die

Wasserwellen zurückfallen. Daher ist es viel gefährlicher am

selbigen Orte als in den Wüsten.

+Egesippus.+

Vor meinem Fenster tauchen Klippen aus dem Meere. Schäumend brechen

sich die Wellen an den Felsen, selbst bei anscheinender Meeresstille.

In der Nacht des 28. Christmondes weckte mich so lauter Donner, daß der

Blitz in der Nähe niedergezuckt sein muß. Den Donner begleitete ein

Chor von Geheul der erzürnten See. Wenn die Wogen über die Wehrmauer

platschten, bebte unser Gotteshaus. Ich konnte den Schlaf nicht leicht

wieder finden.

Endlich leuchtete mir der Tag auf das furchtbar schöne Schauspiel.

Der Nordwind wühlte in den Wassern. Wäre von dem Meere, wie von einem

Kochkessel, Dampf emporgestiegen, so hätte man sich nicht täuschen

können, daß es in Sud gerathen sei. Die Wogen spritzten ihren

schaumigen Bogen über Mauer und Gasse, über Schiffe und Häuser. Ich

wohnte im Hospiz durch Mauer und Gasse vom Ufer getrennt und über dem

Erdgeschoße im zweiten Stockwerke, und selbst am Fenster ereilte mich

der Sprengwisch des Meeres.

Auf der Gasse schaukelten die Fässer im Meerwasser. Die griechischen

Pilger, sonst jederzeit ziemlich langfingerige Holzaufleser,

rafften abgesprungene Reife im Vorbeigehen zusammen. Mußte doch

den Christusdurstigen selbst der Sturm behilflich sein. Pflaster-

und Mauersteine löseten sich vor der Gewalt. Die Gasse bildete ein

Wassergerinne im Augenblicke, da die Woge überschlug. Wer vorüberging,

war unsicherer, als unter dem Platzregen. Ehe er sich versah, stand er

unter der Meerestraufe. Weiße Flocken flogen zierlich umher -- etwa

Schneeflocken? Es waren vom Winde zerzettelte Bäuschchen schneeichter

Baumwolle. Von einem Hause am Hafen, über dessen Zinne die Wellen

gleichsam scherzend hüpften, flüchtete man Waaren. Schon schwamm Wrack.

Es war der Fingerzeig, daß es Ernst gelte. Richtig wälzten die Fluthen

ein unbemanntes Schiff mit zerknicktem Fockmaste daher. Das Fahrzeug,

gleichsam unwillig über die treulose Rhede, riß sich von den Tauen los.

Dem Beherrscher der Meere, dem Sturme, zu wohlfeilem Preise überlassen,

wippte es sich zuerst unsicher umher, bis es, gegen Mitternacht gleich

an der Stadt, am halbmondigen Strande scheiterte. Im Ausfahren aus der

Rhede riß indeß dieses Schiff das Tau eines andern ab, welches ohnehin

mit genauer Noth sich hielt. Und so kam es, daß bald auch dieses

Schiff flott war, nackt, gleich einem entblätterten Baume, doch noch

mit einiger Bemannung. Grausig, wie der Anblick einer menschenleeren

Brandstätte, war derjenige des erstern entvölkerten Schiffes;

beängstigend ist der Anblick eines der Menschengewalt entzogenen und

der Willkühr des Windes und Wassers dienstbar gewordenen, unstät

umherwiegenden Fahrzeuges, wie der Anblick eines kleinen Kindes, das

mit einem scharfen Messer spielt. Die Mannschaft, welche dem zweiten

Schiffe vertraute, schien ihre Hoffnung auf den Nordwind zu bauen,

welcher nur gegen das Land treiben werde. Wirklich rannte es sich bei

der Stadtmauer fest, ohne den größten Schaden zu erleiden, und gerettet

waren die Schiffleute.

Auf der Stelle bewegte sich eine Last Leute nach den losgerissenen

Schiffen. Eilends mischte ich mich unter die Menge. Ich sah viel Augen

und lauter trockene; die meisten drückten weit mehr Neugierde, als

Theilnahme an dem Unglücke aus.

Abends und in der darauf folgenden Nacht wichen der Macht des Sturmes

noch drei andere Schiffe. Eines ward mit Wuth ans Land geworfen, und

in viele Stücke zerschmettert. Nur +ein+ Schiff trotzte standhaft im

sogenannten Hafen. Der Meeressturm soll seit einem Jahrzehn nie mehr so

heftig geworden sein.

Vor einem Jahre ereigneten sich hier ähnliche Unfälle. Ich sprach in

Jerusalem eine Deutsche, die, wie sie sagte, einzig durch Zufall ihr

Leben davon brachte; manche Habseligkeiten gingen über dem Schiffbruche

zu Grunde.

Es wäre vielleicht unschwer, in Jaffa einen Hafen anzulegen. Die Araber

kennen freilich den Gemeinsinn, der solche nützliche Einrichtungen ins

Dasein rufen würde, nicht mehr, und laufen lieber alle Jahre Gefahr,

Schiffe und Leute zu verlieren. Die Reisenden erzählen einstimmig,

daß die Menge gescheiterter Fahrzeuge an der phönizischen Küste in

Erstaunen und Grausen setze. Wer aber gleichgültig genug ist, für die

Gesundheit seines Beines keine Sorge zu tragen, klage denn auch nicht,

wenn dasselbe, wegen der Unheilbarkeit, abgeschnitten und mit einem

hölzernen vertauscht wird.

Gesundheitszustand.

Die Witterung übt im Ganzen keinen ungünstigen Einfluß auf die

Bewohner. Man sieht viele Graubärte und alte Weiber. Spaß bei Seite, je

mehr es alte Weiber in einem Lande gibt, desto gesunder ist es.

Um in den Gesundheitszustand der Jaffaner einzutreten, so sah ich im

Todtenbuche der Lateiner und Maroniten nach. Die Kopfzahl der Gemeinde

beträgt, wie ich oben anführte, in runder Summe 340. Die Pfarrkinder,

unter der Seelsorge des Hospiz, sind beinahe lauter Eingeborne mit all’

der morgenländischen Tracht, Sitten, Gebräuchen, Gewohnheiten, der

geistigen und sittlichen Erschlaffung. Obschon das Todtenbuch Manches

zu wünschen übrig ließ, indem, statt genauer Verzeichnung des Alters,

meist nur eine runde Zahl mit den Worten „~plus minusve, circiter~“

(mehr oder minder, ungefähr) oder „~plus~“ (darüber) genannt war, so

verdiente es in der Hauptsache doch Vertrauen. Aus der Gesammtzahl

der Verstorbenen ließ ich, bei der Berechnung der wahrscheinlichen

und durchschnittlichen Lebensdauer, zwei „~peregrini~“, Fremde oder

Pilger, und ebenso einen Erwachsenen weg, dessen Alter nicht angemerkt

war. In den 9 Jahren 1824 bis und mit 1827[7] und 1829 bis und mit

1833 starben 123 Personen, im jährlichen Durchschnitte 13, und im

gleichen neunjährigen Zeitraum wurden 155, im jährlichen Durchschnitte

16 geboren. Das wahrscheinliche Leben fällt zwischen 5 und 6 Jahre,

und wenn einige, vermuthlich übergangene, Todtgeburten hinzugerechnet

werden, so müßte es noch niedriger stehen.

Unter 5 Jahren starben 56

Zwischen 5 und 10 Jahren starben 9

„ 10 „ 20 „ „ 5

„ 20 „ 30 „ „ 7

„ 30 „ 40 „ „ 3

„ 40 „ 50 „ „ 14

„ 50 „ 60 „ „ 14

„ 60 „ 70 „ „ 9

„ 70 „ 80 „ „ 3

„ 80 „ 90 „ „ 3

---------------

123

Das höchste Alter (einer Frau) ging auf 84 Jahre. Der lateinische

Schullehrer, ein geborner Palästiner, der mich durch verschiedene

Mittheilungen über die Sitten und Gebräuche des Landes zu steter

Erkenntlichkeit verpflichtete, ist mein Gewährsmann für die Angabe,

daß unlängst ein mehr denn hundertjähriger Grieche gestorben sei, und

es sollen auch Mohammetaner 120 Jahre alt geworden sein. In diesem

Punkte aber darf man nicht schlechthin glauben; denn Verzeichnisse der

Todtenbücher gehen ab, und man knüpft die Geburtszeit etwa an eine

merkwürdige Begebenheit. Ließ ich in Egypten nach dem Alter eines

Kranken fragen, so erhielt ich meist zur Antwort, daß man es nicht

wisse.

Die 123 Verstorbenen besaßen zusammen ein Alter von 2873 Jahren, 3

Monaten und 5 Tagen, was einen Durchschnitt von 23 Jahren gibt.

Folgendes ist das Verhältniß der Verstorbenen nach den Monaten:

a) in den 16 Jahren 1808 bis 1823:

Jenner 3; Hornung 14; Merz 2; April 8; Mai 9; Juni 8; Juli 7; August

5; September 11; Oktober 15; November 11; Dezember 7. Summa 100.

Jährlicher Durchschnitt 6.

b) in den 10 Jahren 1824 bis 1833 (nebst den zwei Pilgern und dem

Erwachsenen ohne Altersangabe):

----------+----------+-----+------+----+-----+

Jahre. |Jan.|Febr.|Merz.|April.|Mai.|Juni.|

----------+----------+-----+------+----+-----+

1824 | 0 | 0 | 1 | 1 | 0 | 2 |

1825 | 0 | 0 | 1 | 0 | 1 | 2 |

1826 | 1 | 0 | 4 | 0 | 1 | 0 |

1827 | 3 | 0 | 1 | 1 | 4 | 3 |

1828 | 1 | 0 | 2 | 12 | 6 | 0 |

1829 | 1 | 0 | 1 | 1 | 0 | 0 |

1830 | 0 | 1 | 6 | 0 | 2 | 0 |

1831 | 2 | 0 | 0 | 0 | 1 | 3 |

1832 | 0 | 2 | 0 | 0 | 2 | 2 |

1833 | 3 | 0 | 1 | 1 | 2 | 1 |

----------+----+-----+-----+------+----+-----+

Mit 1828 | 11 | 3 | 17 | 16 | 19 | 13 |

----------+----+-----+-----+------+----+-----+

Ohne 1828 | 10 | 3 | 15 | 4 | 13 | 13 |

Und obige | 3 | 14 | 2 | 8 | 9 | 8 |

----------+----+-----+-----+------+----+-----+

Zusammen | 13 | 17 | 17 | 12 | 22 | 21 |

----------+----+-----+-----+------+----+-----+

----------+-----+------+-----+----+----+----+------+

Jahre. |Juli.|Augst.|Sept.|Okt.|Nov.|Dez.|Summa.|

----------+-----+------+-----+----+----+----+------+

1824 | 1 | 2 | 0 | 1 | 2 | 1 | 11 |

1825 | 0 | 0 | 2 | 0 | 1 | 0 | 7 |

1826 | 1 | 3 | 0 | 0 | 3 | 2 | 15 |

1827 | 1 | 1 | 0 | 0 | 2 | 0 | 16 |

1828 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 1 | 22 |

1829 | 0 | 0 | 1 | 1 | 3 | 2 | 10 |

1830 | 0 | 1 | 2 | 1 | 3 | 8 | 24 |

1831 | 1 | 3 | 5 | 3 | 0 | 0 | 18 |

1832 | 1 | 1 | 0 | 0 | 0 | 1 | 9 |

1833 | 1 | 2 | 0 | 0 | 1 | 4 | 16 |

----------+-----+------+-----+----+----+----+------+

Mit 1828 | 6 | 13 | 10 | 6 | 15 | 19 | 148 |

----------+-----+------+-----+----+----+----+------+

Ohne 1828 | 6 | 13 | 10 | 6 | 15 | 18 | 126 |

Und obige | 7 | 5 | 11 | 15 | 11 | 7 | 100 |

----------+-----+------+-----+----+----+----+------+

Zusammen | 13 | 18 | 21 | 21 | 26 | 25 | 226 |

----------+-----+------+-----+----+----+----+------+

Die heißesten Monate zeichnen sich in Jaffa durch die Menge der

Todesfälle keineswegs aus. Der Jenner erscheint am unschuldigsten;

nach ihm der April. Dagegen sind die vier letzten Monate des Jahres

die reichsten an Todten; vor allen der Wintermonat, in welchem der

Uebergang zu einer kältern Jahreszeit sich besonders merklich macht,

und welcher der erste ganze Regenmonat ist.

Im verwichenen Weinmonate herrschte, wie in Gaza, auch hier die

indische Cholera, doch richtete sie keine große Verheerungen an,

indem ihr bloß 40 bis 50 Opfer fielen. Indeß aber die Pest Jerusalem

heimsuchte, litt Joppe nichts von dieser Seuche.

Auf dem Hospizdache.

In mehreren Stufen erheben sich die Plattdächer des lateinischen

Hospiz. Sie sind mit einer Brustwehr versehen, und weißer, beinahe

glänzender, sehr fester Mörtel überkleidet dieselben, auf daß der Regen

nicht durchdringe. Die Fußböden der Häuser haben im Morgenlande nicht

selten einen Ueberzug von Pflaster (~pavimentum~), welches mit kleinen

Steinchen von verschiedener Farbe durchsprengt ist. Wenn es hart

geworden, so werden diese Steinchen abgeschliffen und der Boden bekommt

dann ein schön glattes, lebhaft marmorartiges Aussehen.

Die Plattdächer sind zugleich ein angenehmer Spazierplatz. Mit

Entzücken betrachtete ich auf dem Hospizsöller in Ramle den Gebirgszug

von Juda bis zum Ephraim, die fruchtbare Ebene im Umkreise und

die Tempel und Wohnungen der Stadt. Oft weilte ich in Jaffa auf

dem Söller des Hospiz, einmal in singender Gesellschaft, manchmal

neben einem Ordensmanne in seiner röthlichen, groben Kutte und mit

dem herunterbammelnden Kreuze, andere Male allein, bis ich den Ruf

zum ~mangiare~ (Essen) vernahm; oft rollte ich mein Auge auf das

Gebirge, insbesondere gegen Mitternacht auf den Ausläufer ins Meer,

den man mir als den Karmel bezeichnete; oft sah ich dem Getriebe der

griechischen Pilger und dem Spiele der Meereswellen zu; oft suchte ich

mit vergebener Sehnsucht das Fahrzeug meines Hauptmannes, mit dem ich,

man verzeihe mir die Wortwendung, das heilige Land verlassen könne.

Ich möchte Niemand glauben machen, daß die Sonne schöner unterging,

als in unserer Gegend während der Sommermonde; jedenfalls schloß ich

mit herzlicher Freude den Tag vor den letzten Blicken der himmlischen

Tochter. Wenn diese in die hohe See sank, so sank auch ich ins Meer --

meiner Gedanken, Gefühle und Entschließungen. Vergäße ich Alles von

Palästina, so bliebe mir der Lieblingsort auf dem Hospiz zu Jaffa in

süßer Erinnerung.

Es wäre Undank, wenn ich die Wohlthätigkeit der Klöster und Hospizien

in Judäa nicht anerkennen würde. Sie sind die willkommtnen Herbergen

und Zufluchtsorte der Reisenden und Pilger, ohne behaupten zu wollen,

daß das Leben in den arabischen Khan nicht leicht erträglich wäre. Die

Hospizien aber und die Klöster sorgen für eine Menge Bequemlichkeiten,

welche sonst der Europäer entbehren müßte. Ueberdies bringe ich noch

die Sprache in Anschlag, die Gelegenheit, die Gedanken auszutauschen,

weil den wenigsten fränkischen Reisenden das Arabische geläufig ist.

Das Bauernhäuschen.

Nachdem ich meinen Mittagstisch zu mir genommen hatte, ergriff ich

meine Peitsche, die gewöhnliche Waffe des fränkischen Fußgängers, um zu

lustwandeln.

Wenn ich durch das lange Thor der Stadt ziehe, so sehe ich fast jedes

Mal etwas Neues. Diesmal ergötzte mich die über meinem Wege grün

emporrankende Rebe. Noch einen Tag, und es beginnt das Weihnachtsfest

und für den Mann des Nordens war dieses grüne Ding etwas Einziges.

Die Blumen schillerten im Grün der Au; die Schwalben und andere

Vögel des Himmels lobten in angenehmen Weisen den Herrn; ein weißer

Schmetterling schwenkte im bebernden Fluge ab. Ach, dachte ich bei

mir selber, so viel Herrlichkeiten der Natur, womit sie den Lenz

ausschmückt, umgaukeln deine Sinne. Wie magst du in der Klosterzelle

dich länger abhärmen? Gehe öfter hinaus in das Freie, und verschließe

dich nicht vor dem köstlichen Genusse, welchen die gütige Natur so

gerne einem Jeglichen darbietet.

Indem ich den Weg nach Gaza einschlug, erblickte ich links mehrere

Schilfhütten. Ihre Gestalt glich einer Halbkugel, und sie waren

nicht höher, als anderthalb Mann. Ich guckte nur ein wenig in eine

der Hütten. Da hockte ein Weib inmitten der Hausgeräthe auf dem

Boden in einem so engen Loche, daß für Jemand anders wenig Raum mehr

gewesen wäre. Ich warf zuletzt der von Stroh geflochtenen Thüre einen

flüchtigen Blick zu, und setzte meinen Spaziergang fort.

Am Wege nach Gaza, ungefähr eine kleine Viertelstunde von Jaffa, kommt

man zu einem Weiler von gemauerten Bauernhütten. Das freundliche

Dörfchen umringten Mandelbäume, die eben in Blüthe gingen. Zwischen den

Häuschen arbeitete ein Bauer auf dem Felde. Er behieb mit einer Axt die

blätterlosen Feigenbäume. Die Axt war wie die unsrige, nur schlanker

gegen das Oehr. Diese Beilart fiel mir hier auf, weil ich eine solche

auf meinen Wanderungen im Morgenlande nie wahrgenommen hatte. Das

Schlichtbeil des Zimmermannes z. B. sieht aus wie unser Hammer, mit

dem Unterschiede, daß der abgeplattete breite Theil scharf, und das

ganze Werkzeug größer ist. Muß denn ein Baum geschlichtet werden, so

darf man, wegen der vor dem Stiele queren Richtung der Schärfe, den

Baum nicht aufheben, und ihn somit in einiger Höhe bearbeiten, sondern

er kann mit diesem Werkzeuge aus dem Boden bequem behauen werden.

Desgleichen braucht der Holzhacker kein anderes Werkzeug, als diesen

Hauhammer, richtet aber viel minder aus, als ein abendländischer. Dabei

ist freilich nicht zu vergessen, daß stämmiges Holz hier zwar weniger,

wie in Egypten, doch immerhin zur Seltenheit gehört.

Ich wußte nicht recht, wie ich es anfangen solle, damit ich in eine

Hütte gelassen werde. Die Frage nach Milch führte mich nicht zum

Zwecke, weil keine zu erhalten war. Oft bringt das stumme Geld Rath,

wenn man sich keinen mehr weiß. Ich zeigte dem Bauer, welcher die Bäume

behieb, eine kleine Münze, und fügte in meiner Geberdensprache bei,

daß ich in seine Wohnung eingehen möchte. Eine grüne Hecke verbot mir

den geraden Weg dahin; derselbe aber deutete mir den Umweg, den ich

unschwer fand.

Das Häuschen bildete ein Viereck. Die Mauern, theils von Stein und

Mörtel, theils bloß von einer Art Mörtel und viel besser, als in San

Pietro di Nembo, halten Wind und Regen ab, und ihre Höhe mochte etwa

zehn Fuß messen. Der Eingang, oben abgerundet, öffnete sich gegen

Südost und so hoch, daß er dem Eintretenden die Bücklinge ersparte.

Das etwa einen Fuß dicke Dach gestaltete sich nur insofern zu einer

Wölbung, als die obern Kanten der Dachdicke fehlten. Um zur Bauart des

Daches überzugehen, so liefen Stützbalken und Sparren wagerecht von

einer Mauer zur andern. Die Zwischenräume, welche das Balkengerippe

übrig ließ, waren von kleinern Baumästen und von Heckengesträuche

ausgekleidet. Darüber lag eine Schichte von Erde. Daher kommt es, daß

die Dächer, wie die Wiesen, grünen, und so eben keimte das zarte Gras

auf dem Hausdache. Ich nahm es sinnbildlich und las: „Mögen immer

Friede und Freude in dem Hause grünen“, und mir schien es ungefähr so

sinnig, als wenn darauf der alte Satz der aufrichtigen, guten Schwaben

und Schweizer geschrieben gewesen wäre: „Dieses Haus steht in Gottes

Hand.“ Eigentliche Dachrinnen sind an dem palästinischen Häuschen

nicht angebracht, wohl aber gegen Morgen und Mittag etwa drei kurze,

röhrenförmige Ziegel, welche dem Regen leichtern Abfluß verschaffen

sollten. Die Wandung neben der Thüre war recht einladend. Auf rothem

Grunde figurirten weißfarbige Händeabdrücke: eine Malerei, die an einem

arabischen Bauernhäuschen etwas heißen will.

Ich betrat dann das Innere der Wohnung durch eine von Holz nicht übel

gezimmerte Thüre, die mit einem hölzernen Riegel gesperrt wird, und

nach innen sich aufschließt. Jene bestand aus einem einzigen Raume oder

Gemache. Ungefähr drei Fuß von der Thüre erhob sich der Boden in einem

Absatze etwa um einen halben Fuß. Der Boden war durchaus von Erde, aber

fest gestampft. Weder Mauer, noch Dach hatten eine Oeffnung für Licht

oder Rauch. Dazu hilft die Thüröffnung aus. Die Wand der Mauer war

mit einer rothen Farbe überzogen, in der ebenfalls die weißen Flecken

vom Andrücken der Handflächen, eines neumodischen Pinsels, spielten.

Den Raum wollen wir, der Bequemlichkeit willen für abendländische

Anschauung, in Stube, Kammer, Küche, Holzschuppen, Getreidehalle

und Mühle eintheilen. Jeder übrige Platz wird benützt, um sich da

aufzuhalten, da zu essen, da zu arbeiten.

An der einen Mauerwand ragte ein kleines, aufgemauertes, hohles

Gestelle hervor. Darin saß als Lampe ein schalenförmiges Gefäß mit

einer Schnauze für den Docht. Daneben stand, ebenfalls auf einem

Mauergestelle, ein Oelkrug. An einer andern Wand war ein Gestelle

gemauert, worin Nähzeug stak. Weder ein Tisch, noch Stühle oder Bänke,

nichts dergleichen, versteht sich, fand sich vor.

Ich schaute nach der Stelle, wo die Leute sich schlafen legen. Sie

war durch nichts angedeutet. Alte Kleider und diejenigen, welche die

Leute tragen, dienen zur Bettung; der Boden in der Nähe einer Wand,

wo am meisten Platz ist, ersetzt die Bettstelle. Jammern ja nicht

die Verweichlichten über eine solche Armseligkeit. Von Kindheit an

auf keinem andern Lager, würden diese Leute auf dem erhitzenden und

kitzelnden Polster der Federn mit Schwierigkeit zum Schlafe gelangen.

Fast mitten in der Wohnung ist ein kleiner Raum auf drei Seiten, vom

Boden an, nicht hoch ummauert, selbst etwas zierartig, indem die Ränder

in Zähne sich endeten, -- das war der Kochofen, rings die Küche.

In einem Winkel neben der Thüre lag dürres Buschwerk. Vor diesem

bläheten sich ungeheure, faßartige Töpfe auf, zwei an der Zahl.

Meine Neugierde wollte wissen, was der Inhalt derselben sein möchte.

Der Hauswirth, ohne Mißtrauen gegen mich, nahm daraus gereinigtes,

geschältes Getreide. Wenn die Bauern hier solche Vorräthe besitzen, so

stehen sie nicht hinter manchen schweizerischen Webern zurück, welche

vom Arbeitsherrn zum Voraus einen Theil des Lohnes beziehen, damit sie

die Kosten für ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Dieser Bauer,

welcher das schönste Häuschen im Dörfchen bewohnte, schien indessen

einer der wohlhabendern. Meine Beschreibung darf daher nicht strenge

als Maßstab zu Beurtheilung der Bauernhäuschen gelten.

Wir lassen ja nicht unberücksichtiget den letzten Bestandtheil der

Wohnung, einen Theil, der auch in andern Häusern selten fehlen wird:

die Mühle. Gleich wenn man zur Thüre eintritt, liegen die Mühlsteine,

ähnlich jenen in Lossin piccolo, vor den Füßen und nur ein paar Ellen

weit von dem Kochofen.

Ich traf in dem Häuschen bloß den Bauer, ein Weib und ein Kind. Der

Gebieter machte eine etwas saure Miene, schien jedoch guten Gemüthes

zu sein. Das Weib trug einen Schleier. Nach dem, was ich vom Gesichte

erblicken konnte, und dafür zeugten auch die Hände und Arme, hielt

ich die Frau für jung und für nicht häßlich. Ein Knabe, von etwa

zehn Jahren, mit Schmutz bedeckt, der ihm vielleicht von Geburt an

anhänglich blieb, überdies aufgedunsen wie ein geschlachtetes --

Zicklein, stand neben der Mutter. Die Kinder fürchten in der Regel

die Franken ärger, als Vögel die Scheuchen. Ging ich auf der Straße,

so wichen sie oft auf die Seite, etwa hinter einen Baum, wie der

Furchtsame, welcher unter das Laubwerk flieht, um nicht vom Blitze

berührt zu werden. Sind denn aber unsere Kinder, obwohl unter dem

steten Einflusse der Gesittung und Weltaufklärung, in diesem Stücke

besser? Es sollte ein Türke in einem Bergdorfe sich herumtreiben, wie

sehr würden sie von Furcht ergriffen. Mich wunderte, daß der Knabe im

Bauernhäuschen seinen Mund noch nicht verzerrte. Ich liebkosete ihn an

den Wangen, und der Himmel war immer noch heiter. Da zogen sich auf

einmal Regenwolken über dem Antlitze zusammen, und ich merkte bald auch

am Knaben, daß die Regenzeit herrscht. Die lang dauernde gute Witterung

durfte ich wohl dem Schutzgeiste der daneben hockenden Mutter, welche

Kräuter zur Nahrung zerschnitt, beimessen. Daß ich nirgends ein

Kochfeuer, nirgends einen Geruch von Speisen wahrnahm, leitete mich

auf die Vermuthung, daß die Leute das Fastengesetz +Mohammets+ strenge

beobachten; denn schon vor etlichen Tagen verkündigte der Donner der

Kanonen den Anfang des Fastenmonates.

Der palästinische Bauer scheint mir wohler zu stehen, als der

egyptische. In der Saronebene trägt der Boden unermüdlich Früchte, ohne

gedüngt zu werden. Diese sind Eigenthum des Anbauers, welcher selbst

sie an den Mann bringt.

Das Quarantänegebäude oder Pestlazareth.

So eben baut man über den Ruinen an der Küste und bei den Mauern

von Jaffa, gegen Mittag, eine Kontumazanstalt. Sie zerfällt in zwei

Abtheilungen. Die obere enthält vierzehn Zimmer oder Häuschen.

Jedes Zimmer, geräumig und hoch, hat Läden für das Licht und zwei

Thüren, die eine gegen den Hof (Mitternacht) und die andere gegen

die Einfangsmauern (Mittag). Es wäre nicht am Platze, die Anstalt

weitläufig zu beschreiben. Ich bin überzeugt, daß sie, unter übrigens

günstigen Umständen, ihren Zweck nicht verfehlen wird, obschon an ihr

Mehreres ausgestellt werden dürfte. So wurde ein Theil des griechischen

Leichenackers in den Umfang des Gebäudes gezogen, in welchem

wirklich einige Leichensteine hervorragen. Für die Unreinigkeiten

sind einige, aber ungenügende Einrichtungen getroffen. Unten besitzt

die sonst ziemlich hohe Einfangsmauer Stufen, daß man sie leicht

überklimmen kann, wenn man von innen aus Hilfe bekommt. Will man das

Quarantänegebäude gleichsam vollpfropfen, so wird es 500 bis 600

Bewohner zählen.

Dir Anstalt soll vorzüglich für die christlichen Pilger bestimmt sein.

Ich hörte aus mehr, als einem Munde, daß in Beirut, wohin dieselben

sich begeben mußten, die Kontumazirenden sehr schlecht gehalten und

himmelschreiend geprellt wurden, und man betheuerte sogar, daß mehrere

Pilger in der dasigen Quarantäneanstalt wegen schlechter Verpflegung

eine Beute des Todes wurden.

Gott behüte Jeden davor, daß er einen Lebensabschnitt in einem

Pestlazareth vergähnen muß. Wirft aber Jemand das unerbittliche

Schicksal in +dieses+ Gefängniß, so genießt er doch die Aussicht auf

die Stadt und das Meer, und er wird von frischer Luft angeweht. In

El-Arysch wäre ich über eine Unterbringung, wie man sie hier erwarten

darf, überaus froh gewesen. Das Lazareth wird vorzugsweise demjenigen

willkommen sein, der von Egypten aus nach Jaffa zu reisen gedenkt; denn

seit der Errichtung einer Quarantäne in Beirut mußte er sich den Umweg

über diese Stadt gefallen lassen.

Die pfiffigen Egypzier wußten die noch nicht völlig ausgebaute

Quarantäne schon zu einem Nebenzwecke zu benützen. Es rückte ein

Bataillon Fußsoldaten, auf ihrem Zuge nach Egypten, in Jaffa ein, und

man war nicht verlegen, so viel Mannschaft, als nur thunlich, in der

Quarantäne Obdach anzuweisen.

Die Jaffanerin kommunizirt, besprengt sich...; der Jaffaner.

Die Kirche des Hospizium steht im zweiten Stockwerke, und von Morgen

dem Zimmer des Pater Superior gegenüber. Obwohl klein, ist sie doch ein

artiger Bau mit einigen schönen Gemälden. Ich wohnte in derselben dem

Gottesdienste mehrere Male bei, und ich mußte mich über die geringe

Anzahl der Anwesenden, im Verhältnisse zur Bevölkerung der Gemeinde,

verwundern. Wenig feierlich schien mir die gottesdienstliche Handlung

wegen des Marktgeschreies einer Handorgel, wenn man mir diesen Ausdruck

erlaubt. Der Araber, welcher zwischen den Tönen verschiedener Orgeln

kaum unterscheidet, und die Gassenorgeln unserer Straßensänger nicht

kennt, wird mit mir den übeln Eindruck schwerlich theilen. Lieber hörte

ich das Klosterglöckchen, welches mit bescheiden hellem Klange die

Gläubigen zur Andacht aufforderte.

Als ich einmal die Kirche besuchte, sah ich zwei Levantinerinnen

kommuniziren. Sie waren in einen großen, weißen Schleier gehüllt. Der

Priester reichte in seiner feierlichen Amtskleidung ihnen die Hostie.

Wie sehr befremdete mich, unter dem großen Kopfschleier einen schwarzen

Schleier vor dem Gesichte der Morgenländerinnen gewahr zu werden,

den sie doch beim Kommuniziren lüften mußten. Mühsam langten andere

in die Kirche tretende Frauen unter dem Schleier hervor, um sich mit

Weihwasser zu besprengen.

Auf der Gasse begegnete ich ebenfalls weißen Damen, die in einen

Schleier völlig verhüllt waren. An diese Maskerade war ich freilich

gewöhnt, aber nicht daran, daß es an derselben rasselte. Ich spähte

zuerst immer umher, und nichts gab Stoff, das Gerassel zu erklären.

Endlich glückte mir der Aufschluß: Es rasselten die unsichtbaren

Goldstücke, welche um das Haupt angelegt waren. Wird unsern

Jaffanerinnen, unsern Araberinnen die belebende Hoffnung, mit den

unverhüllten Gesichtchen die Männer zu bezaubern, so grausam geraubt,

-- billig läßt man ihnen doch den Geschmeidekram und +den+ Ersatz, daß

sie +frei+ durch den Schleier sehen und schmarotzen, während umgekehrt

die züchtige und ziererische Abendländerin mit dem +offenen+ Auge

im Freien nur spärliche Blickchen sich erlaubt. Hinwieder erdenken

die Schönen Europas, wer möchte es leugnen? auch Manches, um sich

bei den Männern einzuschmeicheln, und es erschließt sich ihnen ein

um so weiteres Feld, als sie mit letztern die unschätzbare Freiheit

und Gleichheit der Gesichts -- öffentlichkeit genießen. Und nicht

zufrieden, nur das Auge zu entzücken, sie suchen auch das Ohr zu

fesseln, und geben sich gar viel Mühe, mit Wohlgerüchen zu berauschen.

Die morgenländischen Christenmänner, welche der Bauernklasse nicht

angehören, sind durch Schönheit ausgezeichnet. Ruhig brennet das

schwarze Auge; auf dem ganzen Antlitze liegt der Ausdruck der Ruhe,

der Bedächtlichkeit, der Unterwürfigkeit, der Schlenderei. Groß von

Leibe, haben sie etwas Stattliches in ihren faltigen Gewändern, und

mir schien, als wären sie auf ihren hochwulstigen, schief um das Haupt

gewundenen Turban stolz. Sogar während des Gottesdienstes tragen sie

auf dem Boden hockend den Turban, und bloß bei der Wandelung heben die

Wenigsten ihn ab, wodann man ihre häßlichen Schurköpfe erblickt. Dafür

werfen sie sich gottesfürchtig nieder, indem sie selbst mit der Stirne

den Boden berühren.

Auch in Jaffa hält man den morgenländischen Christen für schlimmer,

wenigstens für unredlicher, als den Türken. Bei einem Schneider, einem

morgenländischen Christen, ließ ich an einem Kleide umändern. Er

entwendete von meinem Tuche so viel, als er nur konnte, was schwerlich

ein Kleidermacher im Lande des Niederganges gethan haben würde. Dabei

stellte jener für die äußerst schlechte Arbeit eine unverschämte

Forderung, und ich darf versichern, daß ich selten einen verstocktern

Schuft antraf. Andere Züge will ich auf einen andern Ort versparen.

Die Pilger.

Die Bombarda (eine Art Fahrzeug), worauf ich mich begeben sollte,

brachte christliche Pilgrime. Auch auf andern Schiffen langten solche

in Jaffa an, und eines Tages zählte ich zwölf Schiffe, theils in,

theils außer dem sogenannten Hafen. Die Menge christlicher Pilger

belebte den Kai. Man ergötzt sich an ihren verschiedenen Trachten,

welche der französischen schon ein wenig ähneln. So nenne ich die

häufigen Schürzen oder Halbröcke, welche diesen Gegenden fremde sind.

Einige tragen Regenschirme, die ich in Egypten nie und zum ersten Male

wieder in Jerusalem zu Gesichte bekam. Die Pilger schleppen ungemein

viel Gepäcke, auch einen beträchtlichen Mundvorrath mit sich. Es

wird dasselbe in dieser Hafenstadt, manchmal nicht ohne Zänkereien

der Pilger sowohl unter sich, als mit dem Kameel- oder Eseltreiber,

auf Kameele, Esel oder Maulthiere geladen, um es nach Jerusalem,

dem Wallfahrtsorte, zu befördern. Die Pilger, der größten Zahl nach

Christen aus der europäischen Türkei, werden bis auf 10,000 geschätzt,

die alljährlich durch Jaffa ziehen, und hier im griechischen oder

armenischen Kloster mehr oder minder lange beherbergt werden[8]. Das

Wallfahrten der griechischen Christen dauert bis Ostern, nicht ohne

Meeresgefahren[9]. Ein Mönch aus Krakau, welcher nach mir in Jaffa

eintraf, erzählte mit Schrecken von seinen Erlebnissen, und freute sich

mit kindlichem Herzen, daß er nun auf festem Boden fußen könne.

Die arabische Knabenschule der Lateiner.

Oefter besuchte ich die Schule am Hospizium. Das Zimmer ist ziemlich

dunkel und eher enge, aber ein hohes Gewölbe. Vorne, der Thüre

gegenüber, hing an der Wand ein Frauenbild. Zur einen Seite desselben

las man das mit großen lateinischen Buchstaben geschriebene ~ROMA~ und

zur andern ~Carta GO~ (wahrscheinlich Landkarte). Den Raum schmälerte

kein Tisch, außer dem für den Schulmeister; zu beiden Seiten des

Zimmers war eine niedrige Wandbank angebracht, auf welcher die Schüler,

beiläufig zwanzig, lauter Knaben, unordentlich saßen oder hockten.

Sie hatten an der Hand oder auf den Knieen Blätter oder Bücher vor

sich, aus denen sie mit schaukelndem Leibe nach einer eigenthümlichen

morgenländischen Weise (Melodie) laut schreiend oder leiernd im Takte

lasen. Das Geschrei oder Geleier war so wild, daß man weiter nichts

hörte, als bisweilen das Klopfen mit einem Stocke. Die Unterrichtsart

wurde mir nicht ganz klar. Ich glaube, sie beschränke sich lediglich

auf das Lesen und Auswendiglernen. Einmal las ein Schüler in Gegenwart

des Lehrers und Meisters, welcher verbessernd nachhalf.

Bei meinem ersten Besuche war der Schulmeister nicht gegenwärtig. Ein

älterer Knabe mit übergroßen Stiefeln leitete das Unterrichtsgeschäft.

Eine kleine Ruthe schwang er so häufig über die Kinder, als wären sie

Reitthiere. Am Schlusse des Unterrichtes stellten sich alle Schüler vor

das Frauenbild und hoben einen wilden Gesang an. Ich ging und sagte

den neben der Schulstubenthüre gelagerten Weibern einen Gruß, den sie

wahrscheinlich nicht verstanden.

Die Schulzucht ist ziemlich roh. Wenn ein Knabe durch seine

Fortschritte sich auszeichnet, so wird ihm eine steife Mütze

aufgesetzt. Führt er sich schlimm auf, so wird er auf drei Hauptarten

gezüchtiget. Man legt ihm das Zerrbild eines Esels um den Hals und

nennt ihn +Eselführer+ (~muchero~). Oder man ertheilt ihm Klappse auf

die flache Hand mit einer hölzernen, gestielten, fein durchlöcherten,

kleinen, doch derben Scheibe. Ein Knabe schien mir nicht übel und

unfleißig in Gegenwart des Schulmeisters zu lesen. Nach hergelesener

Aufgabe bekam der Schüler von dem Lehrer ohne weitere Umständlichkeit

eine Anzahl Schläge, indem letzterer die Worte hinzusetzte: ~Così si

impara~ (So lernt man). Oder auch man mißt Fußsohlenstreiche auf. Das

Bändigungsmittel dazu war an einem Nagel des Schulzimmers aufgehängt.

Es besteht aus einem Knüttel, durch dessen Mitte zwei Oeffnungen in

gegenseitiger Entfernung von etwa zwei Handbreiten gebohrt sind. Die

Bohrlöcher nehmen einen Strick auf, den aber Knoten hindern, damit er

nicht durch dieselben ausschlüpfe. Dieses Mittel wendet man so an: Die

Füße der Knaben werden zwischen den Knüttel und den Strick geschoben.

Jenen ergreifen zwei Gehilfen, jeder ihn an einem Ende. Jetzt drehen

sie den Knüttel um seine Achse, und wickeln den übrigen Theil des

Strickes um ihn herum, so lange, bis der Knebel die Knöchel oder Beine

zusammenklemmt. Nachdem die Knaben solchergestalt die Beine nicht mehr

rühren können, erhalten sie die Tracht Schläge auf die Fußsohlen.

Das Essen wird in der Schule nicht geahndet. Ein Knabe brachte kleine

Rettiche, wovon er auch verschenkte. Einem andern trug man etwas

Gekochtes zu. Er aß es im Vorzimmer des Schulgewölbes, in welchem eben

Schule gehalten wurde.

Die Vergleichung mit dem, was +Salomo Schweigger+ von den Kinderschulen

Konstantinopels aus dem sechszehnten Jahrhunderte überliefert, hat

zu viel Prickelndes, als daß ich es nicht hier beifügen sollte: Die

Kinder, sagt +Schweigger+, werden nicht in solcher harten Zucht und

großen Furcht gehalten, wie die Deutschen, die mit Pochen, Poltern,

Schlagen und Stoßen den Kindern alle Lust zum Lernen nehmen. Die

Schulmeister strafen zwar die Kinder auch, aber mit Bescheidenheit, und

können mit ihnen Geduld haben, welches denn die fürnehmste Tugend an

einem Schulmeister ist. Wenn sie die Kinder schlagen, so schmeißen sie

dieselben auf die bloßen Schuhsohlen mit einem Stäblein und brauchen

die Ruthen nicht, wie bei den Christen bräuchig. Die Knaben haben

eine feindselige Gewohnheit, daß sie durch einander das Lesen laut

verrichten, davon sie sollten toll werden und einander irre machen.

Dabei sitzen sie nicht still, sondern wanken von einer Seite stets auf

die andere wie ein Schlafender oder Trunkener.

Damit stimmt aber nicht völlig überein, was die „Hoffhaltung Des

Türckhischen Keysers“ (1596) von den Knaben des Serai erzählt: Die

Meister und Lehrer haben einen Befelch von dem Türken, daß sie keinen

Knaben mehr, als des Tages einmal schlagen und strafen dörfen, und

mögen keinem mehr, als zehen Streich mit einer kleinen subtilen Ruthen

geben, und wann sie die Jugend mit Ruthen stäupen, geht es also zu:

Sie legen den Knaben nach der Länge auf die Erden nieder, stoßen ihm

die Füß durch einen Stock oder Bret, welches durchgebohrt, und dazu

gemacht, daß sie fest und still liegen müssen. Alsdann geben sie ihm

mit der Ruthen unten auf der Sohlen des Fußes zehen Schläge über die

+Borzachinlein+, das ist, kleine Stiefeln, die sie tragen. Nach dem

lassen sie ihn wieder aus. Und wo der Meister oder Präzeptor einem

mehr, dann zehen Streich gäbe, oder sie ohne des Kaisers Willen und

Befelch stäupte oder schlüge, wird ihm alsbald die Hand abgelöst.

Der Gruß.

Im aufgeklärteren Theile der Welt waltet die Mode, daß man beim

Gruße als Zeichen der Aufmerksamkeit oder Achtung den Hut oder die

Mütze rückt oder, mit einem Worte, das Haupt entblößt. Im Lande der

Turbane wäre diese Mode glücklicherweise eine wahre Pein. Es gäbe

den Morgenländern, wenn sie ihren Turban oder den zusammengedrehten,

in vielen Gängen quer um den Kopf gewundenen Schleier auflösen und

wieder umbinden oder auch nur mit den unsteifen Mützen, die er unten

umfängt, ab- und aufheben müßten, ebensoviel zu schaffen, als den

abendländischen Frauenzimmern, bis ihre zarte Haube über Flechte

und Kamm sich gehörig fügt. Es ist übrigens erstaunlich, daß die

Frauenzimmer, die doch mit keiner Mütze und mit keinem Hute sich und

Andere bekomplimentiren, noch existiren und bei den Männern Gnade

finden.

Wenn hier zwei Männer im Freien zusammenkommen, so legen sie sich

die rechte Hand auf Mund und Stirne. Sind sie einander nahe, so sagt

der Eine, wenn er ein Christ ist: „Gott mit euch“, und der Andere

erwiedert: „Gott erhalte euch.“ Des Mohammetaners Gruß aber lautet:

„Friede sei mit euch,“ und der Gegengruß: „Mit euch sei Friede.“ So

zu grüßen, war früher den Christen verboten. Der Mohammetaner nährte

den Wahn, daß die Nazarener nicht würdig wären, über die Lippen die

erhabenen Worte fallen zu lassen, welche vom Propheten +Mohammet+

verkündiget worden seien. Wiewohl dieser Gruß unter +Mehemet-Ali+ und

+Ibrahim+ geduldet ist, so hören ihn doch die Mohammetaner aus dem

Munde der Christen noch jetzt mit Murren.

Stattet ein Christ dem innigen Freunde einen Besuch ab, so umarmen sich

beide, und küssen einander einmal die Schultern. Ebenso umarmen sich

die Mohammetaner, versetzen aber den Kuß auf die Wangen. Ist man nicht

in vorzüglichem Grade befreundet, so bietet man einander schlichtweg

die Hände, wobei man eine besondere Rücksicht beobachtet. Es behält

nämlich die Person höhern Ranges die Hand oberhalb, so daß der Rücken

derselben aufwärts schaut. Stehen beide auf der gleichen Stufe des

Ranges, so nehmen die Hände eine senkrechte Stellung neben einander

an, daß also weder die eine, noch die andere Hand nach oben kommt.

Wenn anders der Gruß die verschiedene Stellung in der bürgerlichen

Gesellschaft ausdrücken soll, so gewinnt in der That die verschiedene

Richtung der Hände, zumal die Oberhand und die Unterhand, ungleich mehr

Sinnigkeit, als alle Abstufungen beim Entblößen des Kopfes unter den

Abendländern.

Die bisher berührten Grußweisen der Palästiner umfassen bloß das

alltägliche Leben.

Auf Sitzen zur Rechten oder Linken wird nicht geachtet.

Nach Empfang dargereichter Speisen und Getränke bezeugt man in der

Regel keinen Dank. Nur nach dem Kaffee hallen die Worte des Dankes:

„Möget ihr euch immer erhalten.“ Trinkt der Gast Wasser aus dem Kruge

(Bardaka), was allezeit ohne Absetzen geschieht, so rufen sämmtliche

Anwesende: „Wohl bekomme es“, und jener erwiedert: „Ich sage Dank.“

Also bei Mohammetanern und Christen. Beim Lebenswasser (Aquavit)

verhält man sich stumm.

Begegnen sich die Frauen außer den Häusern, so sind sie still und

rühren sich nicht. Macht eine Frau einen Besuch, so entschleiert sie

sich beim Eintritte in das Zimmer, und eröffnet das Gespräche mit

den Worten: „Ich komme, euch zu sehen.“ Die Frau, welche den Besuch

annimmt, lüftet auch ihrerseits den weißen Gesichtsschleier und

antwortet: „Willkommen.“ Da wird denn nach dem Befinden, nach den

Kindern und nach Andrem gefragt, obendrein viel eitel Zeug geplaudert,

etwas Süßes, etwa Konfekt, genascht oder auch eine Pfeife geraucht.

Kürzer, als drei oder vier Stunden dauern die Frauenbesuche nicht. Die

Mohammetanerinnen besuchen einander seltener, als die Christinnen.

Die Brautwerbung und die Hochzeit.

Will der Jüngling oder Mann heirathen, so geht sein Vater, seine

Mutter, sein Bruder, seine Schwester oder ein anderer Verwandter oder

ein Freund zum Pfarrer, diesem das Vorhaben zu offenbaren, unter

Bezeichnung des Mädchens, welches zu heirathen gewünscht wird.

Darauf begibt sich der Pfarrer zu den Aeltern des Mädchens, den

Heirathsantrag zu hinterbringen, und Auskunft zu verlangen, ob man ihn

annehmen wolle oder nicht, und sucht dann den Brautwerber in seinem

Hause auf, um demselben die Antwort zu vermelden. Im bejahenden Falle

schickt die Familie desjenigen, welcher den Heirathsantrag stellte,

sich jetzt an, einen Gesichtsschleier (zu 30 bis 35 Piaster) oder

auch zwei Schleier nebst einem goldenen Fingerringe zu kaufen. Die

weiblichen Mitglieder der Familie des Brautwerbers gehen, in Begleitung

vieler Frauen, mit den eingekauften Kostbarkeiten zu der Familie des

Mädchens, um sie diesem als Geschenk einzuhändigen. Bei dem Besuche

benimmt sich die Holdselige ungemein schüchtern, sanftmüthig wie ein

Lamm; keinen Laut läßt sie hören; sie ist rein wie ein Engel. Um so

munterer sind die Frauen, welche auf Besuch kommen; sie lachen und

scherzen und singen wohl auch.

Danach veranstalten die Aeltern des Mädchens einen Gegenbesuch in das

Haus des Brautwerbers. Der Vater ladet Männer und die Mutter Frauen,

nie aber unverheirathete Frauenzimmer ein. Im Hause des Brautwerbers

treten die Männer in ein besonderes Gemach, und so die Frauen. Grüßend

sagt man zu ihm: „Gesegnet,“ und diejenigen Frauen, welche sich nicht

enthüllen, sagen es auch seiner Mutter. Das Mädchen bleibt eingezogen

zu Hause. Die Gäste, wenigstens die Männer, vertreiben die Zeit mit

Rauchen und Kaffeetrinken, mit Konfektnaschen und Plaudern.

Nach dem Gegenbesuche geschehen zwei Monate hindurch keine weitere

Schritte, und zudem wartet man auf ein großes Fest, um der Braut ein

Geschenk zu überbringen. Dieser Besuch, der dritte und letzte vor der

Hochzeit, heißt auf arabisch +schỏfe+ (die Sicht), und ist der Vorbote

baldiger Vermählung. Das Geschenk hält an Werth von einigen hundert

bis auf einige tausend Piaster. Es besteht aus ungeschnittenem und

ungenähtem Kleidungsstoffe, so wie aus einem Kleinode zur Zierung der

Stirne oder anderer Gebilde des Körpers. Die Reichsten ergreifen diesen

Anlaß, um den Glanz ihrer Diamanten zu verbreiten. Es ist die Mutter

des Bräutigams, welche, am erwarteten großen Feste selbst, das Geschenk

der Braut überreicht und zwar so, daß sie unter spaßhaften Bemerkungen

das Kleinod der Braut auf der gehörigen Stelle anlegt. Das +schỏfe+

dauert etwa zwei Stunden.

Nun bereitet man sich zur Hochzeit vor. Die Aeltern des Bräutigams und

der Braut besprechen den festlichen Tag. Vom Heirathsantrage bis zum

Hochzeitstage verfließt gemeinhin ein Jahr, selten nur ein Vierteljahr.

Dreimal kündigt der Pfarrer die Hochzeit ab. Am Sonnabende vor dem

Vermählungstage wird die Reinigung durch die Bäder vorgenommen. Die

Braut sendet, zum Zeichen der Einladung, an jede Frau ein Stück

Seife. Bei Männern ist dieses Zeichen eine Kerze, umhüllt von einem

Zettelchen, worauf der Karakter des Gastes (z. B. französischer Konsul,

Schulmeister) geschrieben steht. Die Braut besucht mit den Frauen, der

Bräutigam mit den Männern, die einen und die andern in gesönderten

Schaaren, ein öffentliches Bad. An diesem glücklichen Orte bekommt die

Mutter oder die Schwester des Bräutigams die +Entschleierte+ zu sehen,

und sie mögen dann zu Hause dem Sehnsuchtsvollen die Entdeckung der

Schönheit oder Häßlichkeit mittheilen. Darauf am Sonntagsabende gehen

die einen Männer in das Haus des Bräutigams, die andern und die Frauen

in dasjenige der Braut, wo sie sich in das +Frauenzimmer+ scheiden. Die

Nacht wird in gespannter Erwartung hingebracht.

Um vier Uhr in der Frühe des Montag eröffnen Bräutigam und Braut, jener

ein wenig voran, den großen hochzeitlichen Zug nach der Kirche unter

dem Jubel von Schalmeien und Tambur und Pauken, selten von Geigen.

Der Bräutigam sieht sich in dem Tempel zum ersten Male neben der

künftigen Lebensgefährtin; noch aber ist ihr Antlitz dem forschenden

Blicke ebenso unzugänglich, als von Anfang der Bekanntschaft oder,

besser gesagt, der Unbekanntschaft an. Das ganze Gepränge der

römisch-morgenländischen Kirche mag das Seinige beitragen, das Gefühl

des Geheimnißvollen und des Ehrwürdigen zu steigern. Fragt der

Priester am Altare die Braut um ihren Willen, so verbietet ihr die

Schamhaftigkeit, ihn zu benicken. Wie gut ist, daß es in Fällen der

Verzweiflung eine Erbarmung auf Erden gibt. Die Gevatterin, deren

Wohlthätigkeit erst jetzt sich auf das glänzendste bewährt, leiht den

unentbehrlichen Arm der Hilfe; sie steht hinter der Braut und stößt

das bräutlich geschmückte Haupt nach vorne, -- -- nur ja, weil einmal

genickt werden muß, sei es aus freien Stücken oder aus Zwang. Williger

entschließt sich der Bräutigam zum Jaworte, aber für kein ordentliches

Weib, sondern für eine vermummte Gestalt, für ein Larvengesicht. Er

erschaut vor sich einen mit einem rothen Schleier bedeckten Kopf und

einen in ein weißes Gewand gehüllten Leib; der Reichthum an Gold

mag etwa sein Auge blenden: aber kein Auge der Liebe strahlt ihm

entgegen, kein Mund der Freude lächelt ihm zu. Ich möchte indessen den

bescheidenen Zweifel äußern, daß eine solche beharrliche Strenge der

Vermummung +oft+ beobachtet werde. Ich weiß selbst zu erzählen, daß

ich, als ich ohne Anmeldung in das Haus des Konsuls +Damiani+ trat,

seine Tochter unverschleiert antraf, die sich dann freilich schnell

entfernte. Wie ich einmal durch ein Gäßchen spazierte, begegnete ich

einem verschleierten Frauenzimmer, welches im Augenblicke, da sie sich

von Niemanden bemerkt glaubte, den Schleier auf die Seite schwenkte, um

ihr schönes Gesichtchen zu zeigen.

Nach empfangenem Priestersegen ziehen die Neuverlobten ins Haus des

Bräutigams, dieser zuerst. Sie und das Gefolge von Gästen genießen

dort das Frühstück; reich wird das Hochzeitpaar von den Zeugen der

Hochzeitlichkeit mit Worten gesegnet. Schon aber verläßt ein Theil der

Gäste die Gesellschaft, es bleiben bloß noch die Verwandten, endlich

nur die Frauen. Nun sitzt die Braut auf einem thronartigen Polster

in einem besondern Zimmer, in welches die neugierigen Frauen treten.

Derlei Dinge schmecken für sie viel zu süß, als daß sie nicht davon

kosten sollten. Bis zum Throne der Unsichtbaren machen die Frauen eine

Gasse. Schwere Augenblicke harren des Bräutigams. Man muß sich an ihm

abmühen, daß er allen Muth zusammenfasse[10]. Da schreitet er mit

kochendem Herzen durch die Gasse, und gleichsam in der Wuth streift er

den Schleier von einer unschuldigen Jungfrau hinweg. Zum ersten Male

erblickt der +Ehemann+ das Antlitz eines jungfräulichen Weibes, dem er

für die guten und bösen Tage des Lebens Treue geschworen hat. Mag ihn

jetzt die Erwartung betrogen haben, es ist zu spät, er bekümmert sich

nur umsonst; wurde seine Hoffnung erfüllt, desto glücklicher für ihn

der Wurf des Spiels.

Wie der Schleier der Braut sich lüftet, fliegen alle Schleier der

Zuschauerinnen auf die Seite. Es erhebt sich die enthüllte Braut, sie

küßt eine Hand des Gemahls, beide lassen sich neben einander auf den

Polster nieder und beobachten einige Minuten ein tiefes Stillschweigen,

indeß der Bräutigam die Verheißene gleichsam ins Auge verschlingt.

Damit endet das Fest für die neugierigen Frauen, welche sofort das

Zimmer räumen. Die Verwandten dagegen bleiben bis Mittag, und erst nach

dem Mittagsmahle kehren sie in ihre Wohnungen zurück. Jedermann gönnt

dem Bräutigam und der Braut, daß sie sich von der schlaflosen Nacht

erholen.

Nachdem der Mann seine Frau erkennt hat, thut er sich mit einem weißen

und sie mit einem rosenrothen Gewande an.

Auf den siebenten Tag nach der Hochzeit wird der Schlußbesuch in das

Haus des Ehegemahls veranstaltet. Die Frauen werden vom älterlichen

Hause des neuverlobten Weibes eingeladen; die Männer gehen diesmal

uneingeladen. Der Besuch ist den Geschenken für das neue Ehepaar

gewidmet. Wenn z. B. die Frau A der Frau B das Geschenk P verehrt

hat, und heirathet dann C, die Tochter der A, so gibt B das P zurück.

Und kann man nicht mehr das Gleiche zurückerstatten, so zielt man auf

ein solches Geschenk ab, welches dem Werthe eines der Familie früher

verliehenen möglichst nahe kommt.

Die Schilderung trifft eigentlich die hiesigen eingebornen Christen,

in den meisten Theilen aber überhaupt die christlichen Palästiner, in

manchen sogar die Mohammetaner.

Das geheimnißreiche Vorgehen in der Heirath kann schwerlich auf den

Beifall des Abendländers hoffen. Die Sitte der Verhüllung reihe ich

unter die sonderbarsten Dinge, so fest sie eingewurzelt und so alt sie

sein mag. +Rebekka+ verhüllte sich zwar vor +Isaak+ (1. Buch +Moses+

24, 65), doch nicht vor dem Liebhaber. Wenn der strengen Verhüllung,

welcher das Mädchen vom reifern Alter bis zur Verheirathung wie einem

Gesetze sich unterwirft, ein Lobesspruch gespendet werden soll, so kann

man ihr oder doch der Vereinzelung der genau beaufsichtigten Jungfrau

nachrühmen, daß Fehltritte beinahe bis zur Unmöglichkeit erschwert

werden.

Noch besitzen die Aeltern in Palästina die erzväterliche Gewalt über

ihre Kinder bei der Verlobung, wobei letztern der Athem des freien

Willens fast gänzlich gehemmt ist. Doch mangelt es aus den Zeiten der

Erzväter nicht an Beispielen, welche für eine gelindere Gesinnung

sprechen. So fragten die Aeltern der +Rebekka+ in milder Weise, ob sie

mit dem Knechte +Abrahams+ ziehen wolle (1. Buch +Moses+ 24, 57 und

58). Zur Schließung des Ehevertrages gehört vor Allen dem Bräutigam und

der Braut entscheidende Stimme.

Die Wöchnerin und das Kind.

Im zwölften Jahre verheirathen sich die Mädchen sehr selten, selten

noch im dreizehnten, nicht mehr selten aber im vierzehnten Jahre. Es

ist daher keine Seltenheit, daß das Weib im fünfzehnten Lebensjahre

gebiert.

Nachdem die Frau geboren, ißt sie die ersten drei Tage nichts, als

Hühnerbrühe ohne Salz und Schmalz. Zum Getränke erhält sie mit

Zimmet versetztes Wasser oder auch ein wenig Wein, welchen jedoch

die Mohammetanerinnen, in Gemäßheit ihrer Religionsbegriffe, nicht

bekommen. Nach Verfluß der drei ersten Wochentage geht die Kindbetterin

zu einer kräftigern Nahrung über. Sie genießt dann nicht bloß die

Brühe, sondern auch das Fleisch vom Huhn; Andere essen wohl abwechselnd

das Halsfleisch des Lammes.

In den ersten sieben Tagen wäscht die Wöchnerin ihre Hände nach dem

Essen nie mit Wasser, aber mit Wein. Gehört sie der Mittelklasse, so

steht sie am siebenten Tage vom Bette auf, die reiche nach vierzehn

Tagen. Der Reichthum ist da nicht zu beneiden, wo er den Menschen

länger in Fesseln schlägt. Allgemein herrscht die Sitte, daß die

Wöchnerin nach dem Aufstehen das öffentliche Bad, und unter den

Christen zugleich, daß sie die Kirche besucht. In jenem reibt man, zu

Stärkung, in den Körper ein scharfes Mittel. Im vierzigsten Tage wird

das Bad wiederholt.

Sobald das Kind ans Licht der Welt gelangt, wird seine Nabelschnur

mit einem Faden unterbunden, abgeschnitten und die Schnittfläche auf

der Kindesseite mit einer Wachskerze gebrennt. Darauf badet man es

im lauen Wasser, um es zu reinigen. Hat das Kind drei Tage seines

Lebens zurückgelegt, so wäscht man das Zahnfleisch und die allgemeinen

Hautbedeckungen mit Salzwasser oder mit Wein, der mit Wasser verdünnt

wurde, um einen guten Geruch mitzutheilen. Sonst wird bloß alle Wochen

einmal das Gesicht und der Körper vom Nabel bis zu den Füßen gewaschen.

Ja es gibt Mütter, welche ihr Kind ein halbes Jahr ungewaschen lassen.

Zur Bekleidung dient eine Binde, in welche der Körper so gewickelt

wird, daß die Arme an der Seite des Körpers in ausgestreckter

Richtung bleiben. Ein Schleier deckt das Gesicht. Die Einwickelung

(Einfatschung) dauert vier Monate. Sodann flattern die Röckchen um

das Kind, und manchen Knaben schmückt bei Zeiten über der kleinen,

anschließenden Mütze der Turban. Als eine ausgezeichnete Zierde sah ich

um den Fußknöcheln eines Kleinen rothe Bändchen mit mehreren Schellen.

Zur Nahrung erhalten die Kinder die Milch ihrer Mutter, manche zwei

bis drei Jahre hindurch. Es ist bemerkenswerth, daß die Jaffanerin das

Schnüren des Oberleibes nicht kennt. Solches mögen die gepriesenen,

geschnürten Zierfräulein Europens beherzigen, welche ihr besseres

Gefühl nicht befragen, ob sie Hoffahrt mit demjenigen treiben dürfen,

was Gott zu einem ganz andern Zwecke erschuf. Wenn die Jaffanerin außer

Stande ist, Milch von der Mutterbrust darzureichen, so behilft man sich

wohl auch mit einer Amme, oder man streicht das Honig- und Granatsüß in

den Mund des Kindes. Sogenannte künstliche Nährung aber, wie mit Kuh-

oder Ziegenmilch, findet nicht statt. Daraus allein schon ließe sich

die große Sterblichkeit der Kinder erklären.

Zum Sauglappen, als Beschwichtigungsmittel, nimmt keine Mutter die

Zuflucht; im beßten Falle flößt sie ein wenig Honig in den weinenden

Mund. Hingegen scheint die Wiege im Ansehen von etwas Unentbehrlichem

zu stehen. Die Reichen haben eine eigentliche +Wiege+, wie bei

uns. Die Mittelklasse spannt zwei Schnüre unter der Zimmerdecke aus,

welche ein Leintuch aufnehmen. Auf dieses wird das Kind, wie auf eine

Hängmatte, gelegt, und will man es schaukeln, so setzt man die eine

Schnur, die durch ein Zwischenstäbchen von der andern ferne gehalten

wird, in Bewegung. Die arme Klasse bedient sich einer Vorrichtung, die

einer großen, ebenen Wagschale gleicht. Sie wird, wie ein Käfich, an

der Decke des Zimmers oder sonst in der Höhe aufgehängt.

Mit Säftchen führt man das Kind nicht ab, noch schneidet man dessen

Zungenbändchen ein. Der Schulmeister am Hospiz stutzte gewaltig, als er

inne wurde, daß wir gelöste Zungen hätten. Das Zahngeschäft geht nicht

sehr leicht von statten. Zur Erleichterung desselben wird gar nichts

vorgekehrt, und viele Kinder sterben während dieser Lebenszeit. Die

fratt gewordenen Stellen wäscht man nicht ab, sondern man behandelt

sie mit einem Stoffe, welcher im Arabischen serakûn heißt, mir

aber nicht genauer bezeichnet wurde. Bei der hinkenden Reinlichkeit

darf man sich wundern, daß diese Krankheit nicht viel hartnäckiger

und qualvoller auftritt. Gegen die Mundschwämmchen gebraucht man die

Asche von einem Knochen so, daß der mit Speichel benetzte Finger sie

auffängt, und damit die kranken Stellen im Munde reibt.

Wiegenlied und Kinderjucks.

Das Wiegenlied singt die Mutter nach einer ganz eigenthümlichen Weise,

und ich bedaure nur, daß ich kein Tonsetzer bin, um sie beifügen zu

können. Die Worte zum Einlullen lauten so: „O mein Kind, schlafe; mein

Auge, ich hoffe, daß ich dich nie aus dem Auge verlieren werde.“ Zum

schon schlafenden Kinde singt die Mutter: „Meine Taube, dein Auge ist

verschlossen; aber das Auge Gottes ist aufgeschlossen, und daß kein

Leid dir wiederfahren kann, hat Gott den Menschen nicht auf immer

verhärtet.“ Die Worte sind gemüthlich und erhaben zugleich.

Bei aller meiner Unbekanntschaft mit der Sprache und dem Bücherthume

der Araber genieße ich vielleicht das Vergnügen, den Abendländern einen

ihnen unbekannten Lappen arabischer Dichtungen überbringen zu können.

Es fiel mir in Jaffa nicht wenig auf, als ich beim Einbruche der Nacht

eben heimgekehrte Kinder anredend und antwortend in geregelten Weisen

lärmen hörte. Auf meine Nachfrage darüber wurde sogleich von der

Gasse ein Kind geholt; es sagte in Anwesenheit mehrerer Eingebornen

das Gespräche her; einer davon übersetzte es ins Italienische, und

ich schrieb dieses deutsch nieder. So viel zur Rechtfertigung meines

Botengeschäftes.

Das Zweigespräch, wovon die Rede ist, halten übrigens nicht bloß

fünfjährige und ältere Kinder als Nachtgruß, wenn sie sich trennen,

sondern auch türkische Knaben, indem sie von Hause zu Hause ziehen, um

etwas zu verdienen.

A. O Gott.

B. O Gott.

A. Möge es uns hier wohl ergehen.

B. O Gott.

A. Was haben wir?

B. Maria (denn es muß immer Jemand genannt werden) --, eine Braut

wie der Mond.

A. Gott gebe es.

B. Unter der Veste sahe ich sie in zierlichem Gewande.

A. Gott gebe es.

B. Ich erblickte sie abwärts vom Diwane, die in Seide Gehüllte.

A. Gott gebe es.

B. Ich sah sie abwärts vom Gemache ein Papier mit Zügen füllen,

welche rühren das Herz.

A. Gott gebe es.

B. -- -- -- abwärts von einer Urne.

A. Ach, wie schön.

Das Zweigespräch, wahrscheinlich nur ein Bruchstück, behandelt die

Liebe auf eine nicht sehr schickliche Weise für Kinder. Bei diesen

scheint jedoch Alles bloßes Lippenwerk geworden zu sein.

Die Verehrung der Todten.

Stirbt eine Person, so hüllt man sie in ein gewöhnliches Gewand;

nur muß es ein besseres und weißes sein. Bei Nacht stellt man zwei

brennende Kerzen neben die Leiche. Reichere legen ihre Verstorbenen

in einen viereckigen Sarg; die Armen oder die weniger Vermöglichen

deckt die Erde unmittelbar. Der Sarg oder die Leiche wird auf einer

Bahre in den Gottesacker getragen. Ihr folgen im Zuge Männer und

Weiber, jene aber voran, diese ihr Klagegeschrei erhebend und ein Tuch

drehend. Alle nahe Anverwandte sind mit einem schwarzen Trauerkleide

angethan. Wenn ein Ehemann stirbt, so geht die Wittwe, welche sich in

der Hoffnung glaubt, am Grabe einmal unter der Bahre des Todten durch,

jetzt ausnahmsweise ohne Schleier. Sie will damit alle Anwesende zu

Zeugen der Reinigkeit ihres Wandels auffordern. Ehe die Leiche noch

im Grabe liegt, wird sie, zumal an der Hand, geküßt; der Ehemann küßt

auch das Gesicht und das Kleid der verblichenen Geliebten; -- sogar des

Pestopfers?

Von der Todesstunde an bis zum Begräbnisse dauern meist nur zwei oder

drei Stunden. Erfolgt indeß der Tod spät Abends oder vor Mitternacht,

so wird mit der Beerdigung bis morgen in der Frühe zugewartet.

Ich sah die Beerdigung einer mohammetanischen Leiche bei Jaffa. Das

Grab war etwa vier Fuß tief bis zur Stelle, wo es sich in zwei Absätzen

verengerte, und von hier noch einen starken Fuß tief, aber gemauert.

Nachdem auf den Grund des gemauerten Grabes ein Pulver gestreut war,

wurden die in ein schönes und weißes Tuch gehüllten sterblichen

Ueberreste seitlings, das Gesicht gegen Mekka gewendet, mit Schonung

in die Tiefe versenkt, und dann darüber Steinplatten, die zur Seite

auf den Maueransätzen ruhten, gelegt, so daß die Erde den Todten nicht

drückte. Während des Beerdigens heulten die Weiber, das eine stehend,

das andere hockend. Den Männern schien meine Gegenwart ein Dorn zu

sein; indeß fügten sie mir nicht das mindeste Leid zu. Die ganze

Beerdigungsweise verrieth nichts Rohes.

Zum Andenken des Gestorbenen werden in dessen Hause die ersten drei

Abende nach einander gemeinschaftliche Gebete verrichtet. Am Ende

dieser religiösen Handlung wird allen Beiwesenden, manchmal bis hundert

an der Zahl, ein Todtenmahl gegeben. Die Reichsten sprechen dabei

ungerne oder gar nicht zu, um so lieber aber die Armen. Desgleichen

besuchen die Weiber drei Tage hinter einander in der Morgenstunde das

Grab, und sie vergessen nicht, sich mit einem Mundbedarf zu versehen,

auf daß sie im Felde der Leichen mit Kaffee sich laben können.

Dem Vater oder der Mutter, dem Bruder oder der Schwester, dem Manne

oder der Männin wird ein Jahr hindurch Trauer getragen. Während dieser

Zeit hüten sich die Trauernden vor Leckerbissen und dem Spiele, sie

besuchen weder die öffentlichen Bäder, noch heirathen Wittwer und

Wittwe.

Von den eben geschilderten Sitten der römisch-maronitischen Christen

zu Jaffa weichen diejenigen der Nazarener und Bethlehemiten mehr oder

minder ab. Im Hause des Leichnams und später in der Nähe des Grabes

stellen sich zwei Weiber, wie Fechtkämpferinnen, und schlagen die

klirrenden Degen an einander. Dann antwortet ein Chor Weiber singend

und heulend, händeklatschend und tanzend. Darauf neues Degengeklirre

der zwei Weiber; ihm nach der entsetzliche Lärm. Das ist die wilde,

verwegene Todesjagd -- in Nazareth und Bethlehem.

Zwei Dinge verdienen vor allen eine nähere Betrachtung: Das Durchgehen

unter der Bahre und die frühe Beerdigung des Todten. Dem Falle

vorzubeugen, daß für einen lebenden Lüstling der hingeschiedene Ehemann

als Vater unterschoben werde, strengte sich in Europa die ganze

Weisheit der Gesetzgeber, wie der Gerichtsärzte an, ohne daß es ihnen

gelang, dem Betruge einen festen Riegel zu stoßen. Vielleicht versteige

ich mich nicht, wenn ich behaupte, daß die Sitte der Jaffaner einem in

diesen Punkt einschlagenden europäischen Gesetze den Vorrang ablaufe.

Drücken wir die Sitte in Form eines Gesetzes aus: „Jede Wittwe ist

gehalten, innerhalb drei Stunden vom Ableben ihres Ehemannes an (beim

gehörigen Orte) anzuzeigen, ob sie sich von ihm schwanger glaube oder

nicht.“ Einem so klar ausgesprochenen Gesetze müßte jede Erläuterung

beschwerlich fallen. Doch Eines will ich berühren. Man kann dasselbe

der Grausamkeit zeihen. Wie dem auch immer sei, nur beherzige man bei

dieser Gelegenheit, daß die Sitten, die freiwilligen Gesetze (ohne

förmlichen Vertrag), worüber die Wenigsten klagen, oft minder milde

sind, als die Zwangsgesetze (laut förmlichen Vertrages), welche beinahe

aus Aller Munde mit Klagen überschüttet werden.

Die frühen Leichenbestattungen verlieren sich unzweifelhaft in das

graueste Alterthum. Sie gründen sich wohl auf die Ansicht, daß sie ein

nothwendiges Gebot des heißen Himmelsstriches seien.

Die Rekruten oder die Konskribirten.

Eines Abends überraschte mich nicht wenig ein Schauspiel. Einem

Vortrabe zu Pferde folgte eine geschlossene Menge Männer. Es waren für

den Kriegsdienst eingeschriebene Leute, schwarze, halbschwarze und

weiße, paarweise so an einander gebunden, daß allemal die Rechte des

Einen und die Linke des Andern in einer Art Hamen staken. Eine hölzerne

Spange nahm in Kerben die Handwurzeln auf und, so viel ich erblicken

konnte, war jene seitlich mit eisernen Schrauben versehen, wodurch zwei

Spangen, als Handklemmen, festgeschlossen wurden. Ueberdies war mit

einem Stricke ein Mann hinter den andern, wie ein Kameel hinter das

andere, gebunden. Einmal führte ein Soldat einen Bauer am Gürtel des

Bauches in die Stadt. Hinter ihm ging ein wehklagend Weib. In einem

Hause von Jaffa war ein anderes Mal eine bedeutende Anzahl Ausgehobener

einquartirt, und etwa fünfzig Weiber heulten und schluchzten vor

demselben, die einen mit dem Säugling an der Brust. Noch nie drangen so

viel und so trübe Wehklagen in mein Ohr.

Die Regierung machte mir einen langen Strich durch die Rechnung. Um

größere Schiffe hier zu laden, muß man, wegen des unsichern Hafens,

Meeresstille oder leisen Wind abwarten, wodann sie auf offener See

von Kähnen aus befrachtet werden. Eben trat günstige Witterung zum

Laden ein. Da hieß es, daß die Regierung zwei Schiffe befrachte,

und alle Kähne in Anspruch nehme. Mein Schiffshauptmann mochte sich

verwenden, wie er wollte, er durfte am Ende nur müßig zuschauen,

wie nach Alexandrette Rekruten eingeschifft wurden. Unvergeßlich

bleibt mir dabei ein rührender Auftritt. Ein Weib, in einem blauen

Hemde voll Löcher und Lappen, kauerte am Hafen in einem Winkel; es

weinte bitterlich und schluchzte bitterlich; es deutete, daß ein ihr

Theurer, vielleicht ihr Sohn, zu Wasser weggeschleppt werde. Und andere

Weiber standen da und weinten bitterlich über das Schicksal einiger

Eingeschifften, bis die Polizei sie unschonlich verjagte. Ich konnte

bei diesem Auftritte den Gedanken nicht daniederhalten: Es muß unter

den häßlichen Lumpen auch noch zartes Gefühl sich regen; ein Mutterherz

bleibt Mutterherz -- bei einer Christin oder Mohammetanerin; unter

den unscheinbarsten Lumpen pocht manchmal ein wärmeres Mutterherz,

als unter Atlas und Sammet. Diese Wahrnehmung freute mich um so mehr,

da ich bei den arabischen Mannsleuten eine ungemeine Gefühllosigkeit,

zumal gegen die Thiere, zu bemerken glaubte.

Ich möchte das Gesagte durch Thatsachen erhärten. Als ich auf meinem

Ausfluge nach den Pyramiden am Wasser lange warten mußte, hatte der

Esel mit angelegtem Zaume unter den Hufen gutes Gras, das, wie mir

däuchte, keinem Einzelnen, sondern aller Welt gehörte. Dem Treiber

fiel es nicht ein, das Gebiß abzunehmen, bis ich ihn dazu ermunterte.

Als ich ein Kameel ritt, welches von einem Insekte am Bauche gequält

wurde, wollte ich dem Führer zu verstehen geben, daß er jenes von der

Plage befreie; allein ich konnte ihn glatterdings nicht dahin bewegen.

Wie ich von Ramle nach Jerusalem wanderte, überließ ich am Fuße des

Juda dem Treiber das Maulthier sammt dem belästigenden Felleisen, und

ich ritt den Esel, welcher keine Ladung weiter trug. Theils um dem

Thiere Erleichterung zu verschaffen, ging ich sehr oft zu Fuß, und

kam schneller davon. Ich dachte immer, der Führer werde mein Beispiel

nachahmen. Es mochte der Weg noch so steil sein, der Stumpfsinnige

saß auf dem langsamen Läufer, und ließ mich eher aus den Augen. So

gefühllos können Araber sein, während die gemüthreichen Türken mit der

herzlichsten Freude einen Vogel in seinem Käfich kaufen, um ihn von der

Gefangenschaft zu erlösen.

Fortsetzung: Das Weinen oder die Raserei am Neujahrstag 1836.

Das Weinen ist der Ausbruch der Freude oder Traurigkeit bei Gescheiden

und -- Narren.

Bei uns will die Züchtigkeit der Sitte oder der Anstand, daß man im

Weinen sich mäßige, daß die Gefühle nicht ohne Rückhalt entströmen.

Das eigentliche Choralweinen nach dem Laufe der Natur scheint man bei

uns kaum zu kennen. Bei uns weint man ~piano~ oder ~pianissimo~, in

Jaffa ~forte~ oder ~fortissimo~. In den Landen der Gesittung hält man

es für besonders schön und rührend, wenn etwa eine Thränenperle aus dem

unumwölkten Himmel herabfällt.

Als ich nach Tische die andere Hälfte des Neujahrstages von 1836

verlustwandeln wollte, da hörte ich von einer Gasse her ein

wildes, klägliches Geschrei. Ich rückte näher. Vor der Thüre einer

Truppenherberge harrte eine Menge Weiber, diesmal nur die wenigsten mit

einem Schleier, und die entschleierten Gesichter verbreiteten einen

solchen Zauber, daß Jedem die ungelegenen Heirathsgedanken verschwunden

wären. Ich sah und hörte kaum jemals etwas Wilderes. Die Einen standen,

die Andern kauerten. Die Einen konnten nicht genug ihre Hände um

einander kreisen lassen, ohne daß diese sich berührten. Andere schlugen

die Hand auf die Stirne oder auf die Brust, oder sie klatschten mit den

Händen, indem abwechselnd bald die Rechte, bald die Linke die Oberhand

war, und während der Oberleib vor- und rückwärts geschaukelt wurde. Die

Meisten drehten unaufhörlich einen Zipfel des Kopftuches. Wieder Andere

nahmen das kleine Kopftuch herunter, welches sonst den Kopf kronförmig

umgibt, und das große Kopftuch befestiget; mit jeder Hand faßten sie

ein Ende des heruntergenommenen Tuches, drehten es, und hielten es

bisweilen in die Höhe. Auch eine alte Frau mit zahnlosem Kiefer und

vorspringendem Kinne und gebeugtem Leibe und wogenden Schultern hob

ein solches Tuch empor, lärmend und herumtrippelnd; es mangelte der

Rolle einer europäischen Tänzerin nichts, als die fröhliche Miene. Das

schlug unverkennbar auf die erzkomische Seite. Ein Theil wimpelte mit

den Händen, wie unsere Prediger auf den Kanzeln. Die meisten Augen

schwammen in Thränen. Dabei war der Mund angelweit aufgesperrt. Die

Einen begnügten sich fast einzig mit lautem Rufen. Andere gefielen

sich darin, Empfindungslaute, manchmal quieksende, auszustoßen. Es gab

auch solche Doppelsingspiele, indem unter schaukelnden Bewegungen die

Eine der Andern auf die Schulter klopfte, oder ein Stück des Kleides

packte. Nur die Kinder, von ihren Müttern getragen, waren alle --

ohne Sauglappen ruhig und still. Sie schienen vielmehr an dem wilden

Leben sich zu belustigen, und sie hätten, wie ich glaube, unfehlbar

geweint, wenn die erwachsenen Leute in den Zustand der Beschwichtigung

zurückgekehrt wären. Das ganze Schauspiel bot dem Europäer das Bild

einer Raserei. Es war das Weinen in seiner Zügellosigkeit und unter

allen Eingebungen der Traurigkeit.

Es ist nicht in Ferne meine Absicht, das Gefühl der Theilnahme mit

meiner Schilderung zu beleidigen. In dem Rührenden fand ich, vom

Hause aus mit andern Sitten, so viel Possirliches, daß ich mich hin

und wieder des Lachens nicht erwehren konnte. Es verfehlt auch nicht

die Feuersbrunst, ungeachtet ihrer betrübendsten Folgen, auf das

Gemüth einige angenehme Eindrücke +im Augenblicke+ hervorzubringen,

da das Element in aller Pracht seiner Farbe und in seiner siegreichen

Ungebundenheit gegen den Himmel emporlechzet.

Weiber, seid ihr nun die Erbinnen der uralten Sitten? fragte ich sie im

Gedanken. Das Schauspiel dürfte vielleicht alterthümlicher sein, als

der Sphinx, jener Riese bei Memphis. Die Verfasser der alten heiligen

Urkunden mochten so oft Zeugen ähnlicher Auftritte gewesen sein.

Zuerst wußte ich das Klageschrei nicht zu deuten; später aber erfuhr

ich, daß Mütter ihre Söhne, Weiber ihre Männer, Schwestern ihre Brüder

beklagten, weil die dem Familienschooße Entrissenen sich auf die

Laufbahn des Kriegers werfen mußten. Ich besorge inzwischen, langweilig

zu werden, weil ich das alte Trauerlied auf die Kriegsknechte wieder

anstimmte. Ich verspreche mir jedoch durch das Langeweilen den

Nutzen, daß die wiederholten bösen Einschreibungen neuen Kriegsvolkes

sich um so lebhafter vor die Seele stellen, und daß die nunmehrige

peinliche Lage der Syrier um so ernster sich vergegenwärtige. Die

Mannschaftsaushebungen befleckt eine Grausamkeit, die Ihresgleichen

sucht. Manchmal werden alle Mehrjährigen männlichen Geschlechtes aus

einem Hause weggeräumt. Wer wird hinter dem Pfluge gehen? Wer wird die

Stütze einer alten Mutter sein? Was für eine Zukunft thut sich vor

der militärischen Gewaltherrschaft auf? Die Mütter und Schwestern,

denen die Anhänglichkeit an die Ihrigen zur Ehre gereicht, klagen

nicht umsonst so laut, so rasend; denn ist der Ausgehobene einmal

Soldat, so bleibt er es sein Lebenlang, wofern ihn nicht eine Laune

des Gewalthabers entläßt. Auch die Weiber werden mit Recht klagen,

wenn ihnen die Hoffnung abgeschnitten wird, den Mann begleiten zu

können, mit welchem nicht mehr, als +ein+ Weib ziehen darf. Das ist

freilich nach christlichen Begriffen genug, und hierin erscheint die

Unbarmherzigkeit wirklich in einer viel mildern Gestalt. Uebrigens

gestattet der Herrscher offenbar nicht aus edeln Beweggründen dem

Krieger sein Weib, sondern aus dem frostigen Grunde, damit aus altem

Militär junges werde. Bereits schon bei einem andern Anlasse wurde

darauf aufmerksam gemacht.

Ibrahim-Pascha.

Er ist unstreitig der größte jetztlebende Feldherr unter den Osmanen.

Das Schicksal verlieh mir die Gunst nicht, ihn zu sehen, obschon er

sich in Syrien aufhielt. Ich beschränke mich darauf, Einiges aus

ziemlich glaubwürdiger Quelle nachzuerzählen.

+Ibrahim+ besitzt ein sehr fröhliches Gemüth. Er lacht beinahe

an Einem fort. Die Franken hat er lieb; wenigstens überhäuft er

sie mit Beweisen von Freundlichkeit. Gründliche Kenntnisse im

Militärfache gehen ihm gänzlich ab, und Unterrichtetere schreiben

das Kriegsglück hauptsächlich dem französischen Abtrünnigen +Seve+

oder +Soliman-Pascha+ zu, welcher selbst von +Mehemet-Ali+ vorgezogen

werden soll. Immerhin zeichnen +Ibrahim+ Geistesgegenwart, kluge

Benützung der Umstände und persönlicher Muth aus. Voran in Anführung

der Schlachten, befeuert er durch seine Erscheinung den Soldaten,

an den ihn das Band gegenseitiger Liebe knüpft. Indessen wußte der

Feldherr dieses Band bisher nicht so fest zu schürzen, daß er dem

Araber höhere Offiziersstellen anvertrauen dürfte, die hinfort von

Türken oder Ausländern besetzt werden. Als auf einem Feldzuge eine

ziemliche Anzahl Soldaten vor Durst starb, und als ihm dann der Fund

jenes unentbehrlichen Lebensmittels glückte, das man beim Mangel nicht

minder hochschätzt, als beim Ueberflusse geringschätzt oder verwünscht,

so reichte er persönlich den Uebriggebliebenen den Labungstrank.

Diesem milden Zuge reihe ich zwei grausame gegenüber. In Alexandrien

erhob sich ein Sturm mit seltener Macht. Eine dort vor Anker liegende

Fregatte litt Noth. Der Hauptmann, in der Voraussicht, daß sie auf der

Rhede zu Grunde gehen würde, steuerte in den Hafen. +Ibrahim+ beschied

den Fregattenhauptmann vor sich. Erst wälzte er den Vorwurf auf ihn,

daß er ohne Befehl von der angewiesenen Stelle sich entfernte, dann

fügte er hinzu, daß er sich dem Schiffbruche und der Lebensgefahr hätte

preisgeben sollen, und auf das hin schlug er sogleich dem Offiziere mit

höchsteigener Hand den Kopf ab. Im Abendlande würde freilich Jemand

wenig Herzen erobern, wenn man ihm nachsagen müßte, daß er oberster

Feldherr und Henker zugleich sei.

Eine andere Handlung legt kein geringeres Gewicht auf den grausamen

Karakter +Ibrahims+. Ein Engländer zeigte ihm in Syrien eine

ausgezeichnet schöne Flinte. +Ibrahim+ wollte ihre Güte erproben. Er

ließ sie laden, und da eben ein Araber am Hause vorüberging, so trug

er kein Bedenken, auf ihn zu zielen. Puff! der Unglückliche fiel todt

nieder, und der Pascha ermangelte nicht, die Flinte zu preisen.

Kleine Petschaften oder Siegel.

Kleine Männer haben gerne große Schriftzüge und große Petschaften

oder Siegel. Sie wollen ihre Neigung, größer zu werden, auch darin

nicht verleugnen, daß sie ein hohes I-Tüpfel auf den Kopf und eine

lange Semikolonkurve unter die Füße hinmalen. Die Beobachtung ist mit

nichten gesucht. Sie wird sogar ohne den Scharfsinn möglich, welchen

ein Ornithologe, wie ich neulich las, im Ernste an diesem und jenem

Vogel hervorhob. Und ich? -- wußte noch niemals, daß ich Scharfsinn

besitze. Jetzt freue ich mich natürlich der glücklichen Entdeckung,

den Fall vorausgesetzt, daß die Herren Ornithologen einen Menschen den

gefiederten Thieren nicht unterordnen.

Lustreise ins Morgenland, Zweiter Theil (von 2) · 第 7 / 11 题