Eine besondere Würdigung verdient

Die Tracht.

Ich will die Kleidung des Weibes voranschicken; denn da dieses

überhaupt so viel Werth auf sie setzt, so gebührt ihm doch wohl der

Vorrang.

Das +Weib+ trägt ein blaues Hemde (Leibrock), das bis auf die

Fersen flattert, und dessen Aermel in ein langes, spitzes, frei

herumfliegendes Band enden. Dieser Leibrock, welcher durch einen

Brustschlitz angezogen und mit einer Binde um die Lenden gegürtet wird,

ist die einfachste Kleidung. Zu der zusammengesetztern gehört ein

gestreiftes Ueberhemde (Ueberrock), welches bloß bis an die Knie und

mit den Aermeln bis an die Ellbogen reicht, so daß der Leibrock die

Vorderarme und Unterschenkel allein deckt. Vorne gespalten, kann das

Ueberhemde wie eine Jacke angezogen werden. Die Leibkleidung wird der

Morgenländer nicht als unzüchtig bezeichnen, welcher kaum beachtet,

daß sie einen Theil des Busens den Blicken nicht entzieht. Den Kopf

verhüllt ein weißer Schleier, ein lumpiger bei der armen Klasse, ein

grober und schmutziger bei der mittlern, ein feiner und zierlicher

bei der reichen. Die Schleier bei der letztern sind ungemein groß,

fallen über die Schultern, die Brust und den Rücken, und verlaufen

in Spitzen über den Fersen. Dieser Kopfschleier vertritt die Hauben

und Hüte der Europäerinnen. Die Christinnen tragen im Durchschnitte

keinen Gesichtsschleier. Die Mehrzahl der Weiber geht barfuß. Sogar

an ziemlich kalten Tagen des Christmonats sah ich viele über die

schmutzige Gasse barfuß ziehen. Die Uebrigen gehen in Schuhen von

verschiedener Form, die meisten in rothen mit langem Ueberleder. Dabei

fiel mir das Schuhgestelle außerordentlich auf. Um nämlich die Schuhe,

die im Morgenlande auf die Dauer nicht wasserdicht sind, trocken zu

erhalten, befestiget man auf jede Sohle querüber zwei etwa vier Zoll

hohe Bretchen, und man wandelt mit einer solchen Vorrichtung trocken

des Weges. Allein dieses Gehen kostet Mühe, zumal auf den glatten und

nassen Steinen der unebenen Gasse. Ein Weib ging so langsam auf den

Schuhbretchen einher, daß es mir verleidet und ich beinahe lieber bis

auf die Haut durchnäßt worden wäre.

Ohren- und Fingerringe nahm ich nicht wahr, wohl aber silberne oder

messingene Spangen am Vorderarme. Für jene Ringe tragen indeß die

Frauensleute andere Zierden, die so recht in den wilden Kram noch

taugen. Gleich unter den Nasenöffnungen wird ein Fleck des Gesichtes

auf jeder Seite blau gefärbt, und, die Wahrheit gestanden, es würde

sich dies ohne weitere Zugabe nicht einmal sehr übel ausnehmen. Dann

sitzt ein solcher Fleck auf der Stirne zwischen den Augenbraunen;

oder zur Seite des Kinns die Figur ÷÷ oder mitten im Kinne ⸬; oder

zur Seite der Mundwinkel ⁛ Eines oder Mehreres, wo nicht Alles

zusammen, befremdet den Abendländer bald bei dieser, bald bei jener

Frauensperson. Andere Beobachter könnten, wie ich nicht zweifle, noch

mehr erzählen. Mir schien schon das Gegebene zu viel, selbst wenn die

Punktirung eine sinnige Schrift vorstellen sollte. Es wäre für die

Abendländer ein neuer Quell des Gewerbefleißes geöffnet, geriethen sie

je auf den Einfall, Bücher an sich abzutatowiren oder auf Menschen

Büchersäle zu bauen.

Der +Mann+ trägt ein langes, vorne in der Länge gespaltenes, um

die Lenden zugegürtetes Hemde meist von blauer Farbe. Das kürzere

Ueberhemde steht am Vordertheile der Länge nach offen, und hat, wie

dasjenige der Weiber, ebenfalls breite Streifen, z. B. von rother

Farbe. Ich durfte mich ordentlich zusammenfassen, um die Tracht der

Jerusalemer festzuhalten; denn in einer Stadt, wo so viel Trachten

durch einander wimmeln, wird die Aufmerksamkeit gar leicht zerstreut.

Bald ein polnischer Jude, bald ein russischer Edelmann, bald ein

Grieche, bald ein Franke etc. mischen sich in das dem Landeseingebornen

Eigenthümliche. Die Tracht europäischer Juden hat viel Gemeinsames

mit derjenigen der Eingebornen; sie gewinnt unstreitig geschichtliche

Bedeutsamkeit, und keinen Augenblick schwebe ich im Zweifel, daß die

Israeliten des alten Testamentes sich ähnlich kleideten, wie die

neuen Rabbinisten oder Talmudisten. Der Bauer des Landes trägt seinen

üppigen Bart ungeschoren; hingegen lassen die meisten Städter bloß den

Schnurrbart stehen und scheren den übrigen Bart, alle aber den Kopf.

Der morgenländische Christ bedeckt sein Haupt mit einem Turban gleich

andern Morgenländern. Man sieht rothe, grüne, weiße, blaue, bunte

Turbane. Viele Mohammetaner haben, wie in Egypten, eine rothe Mütze

(Fes) auf ohne Bund.

Das Kriegsvolk.

Seit Syrien unter egyptische Botmäßigkeit gebracht ist, wird es von

Kriegern überschwemmt. Einzig und allein mit einer zahlreichen,

bewaffneten Mannschaft vermag der Statthalter Egyptens die Syrier zu

zügeln, auf daß sie ihm nicht abtrünnig werden. Es ist eine ausgemachte

Sache, daß das Land unter der Last Pflastertreter schwer leidet. Es

drängt sich die beherzigenswerthe Frage auf: Würde der Vizekönig nicht

mehr besitzen, wenn er mit Egypten sich begnügt hätte?

Man kann sich auch in Jerusalem nicht bergen, daß die neue Ordnung der

Dinge +in Bezug auf Polizei+ sich aufs herrlichste bewährt. Ob aber

das Alles sich halten werde, wenn einmal die Menge achtunggebietender

und furchteinflößender, fremder Wehrmänner das unterjochte Land

räume, liegt unenthüllt im Schoße der Zukunft. Freilich verheißt die

Art und Weise, wie die Verbesserungen eingeführt wurden, nicht die

sicherste Gewähr. Denn der neue Verwalter begann sie nicht von Grund

und Wurzel aus; er trachtete nicht, die Hauptsache, in der eigentlichen

Volksschule die Landeskinder in Kenntnissen vom Guten und Nützlichen

mehr unterrichten zu lassen. Nur durch eine Schreckenherrschaft,

vor der jedwedes menschliche Gefühl zurückbebt, verscheuchte er die

Weglagerer, die Räuber, die Mörder. Diese unterlassen Frevel, Raub und

Mord nicht, weil sie von Gott und dem Fürsten verbotene Handlungen

sind, sondern weil sie vor der unausbleiblichen strengen Strafe

zittern. Beseelte die feigen Syrier ein Gran Muthes, so würde die

schöne Polizei des neuen Gebieters wie eine Seifenblase zerplatzen.

+Strabo+ nennt die Bewohner der Gegend, woher ich gebürtig bin, Räuber,

Streifhorden, und schildert in Beziehung auf Geistesbildung die alten

Syrier zu ihrem Vortheile. Ich wandere nun in Palästina, und kann hier

erzählen, daß bei uns die Sicherheit der Person und des Eigenthums auf

einer sittlichen Grundlage, dem gewissen Zeichen der Entwachsenheit aus

dem barbarischen oder rohen Zustande, ruht. Was würde der Kappadozier

heute dazu sagen?

Um zu den Verbesserungen +Mehemet-Ali’s+ zurückzukehren, so will ich

nicht verhehlen, daß er eine neue medizinische Schule in Damaskus

gündete. Man müßte indessen eine Binde vor den Augen haben, wofern

man nicht die blutige Richtung selbst in dieser so menschenfreundlich

scheinenden Maßregel erblickte. Zum Kriegen braucht man Leute, und

sobald man Leute braucht, so muß es Einem daran liegen, daß sie am

Leben erhalten werden.

Die Regierung +Mehemet-Ali’s+ reibt sich an so manchen Gegensätzen:

Ernst neben Spiel, Geschäftigkeit neben Faulenzerei, Geizen neben

Verschwenden. Es verdient Erwähnung, daß selten einer der europäischen

Angestellten die Regierung aufrichtig lobt. Wenn einige unbestritten

vom edeln Triebe zu Vermehrung der Kenntnisse in Künsten und

Wissenschaften geleitet werden, womit sie einmal ihrem Vaterlande zu

nützen hoffen; so verrichten dagegen die meisten ihre Geschäfte nicht

aus Liebe zum Fortschritte auf dem geistigen Gebiete, sondern aus

Liebe zu einer guten Bezahlung, nicht aus Liebe zur Regierung, sondern

aus Liebe zu Ehr und Ansehen, zu einem bequemen und üppigen Leben vor

einer reich besetzten Tafel, bei Weibern und auf der Jagd. Hat einmal

der Mensch seine sittliche Spannkraft verloren, so bleibt er bloß noch

ein sieches Schattengewächs. Ich kann nicht aussprechen, wie sehr mein

Herz beklommen ward, wenn ich dem kalten, lahmen, maschinenmäßigen,

selbstsüchtigen Gange der Regierung zusah.

So viel als allgemeine Bemerkungen über die egyptische Regierung. Sie

sind kurz, wie die Prüfungszeit selbst war.

Begeben wir uns wieder zu den Heerschaaren, so führt der Faden der

Beschreibung zur Bemerkung, daß ebenfalls Jerusalem von der egyptischen

Plage, dem Militär, heimgesucht wird.

Ich hätte schon an andern Orten, voraus in Kairo, Gelegenheit gefunden,

über die egyptischen Truppen ein einläßlicheres Wort fallen zu lassen.

Ich bin dem Militär von jeher fremde geblieben, und was man am

wenigsten versteht, berührt man am ungernsten.

Ich schilderte früherhin, daß, bei meinem wenig feierlichen Einzuge in

Jerusalem auf dem müden, fast kniefälligen Esel, vor den Mauern der

Stadt Truppen meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Die Gewandtheit und

Regelmäßigkeit bei ihren Waffenübungen überstiegen alle Erwartung. Wie

der Künstler seine Bildsäulen in einer geraden Reihe aufstellt, so

stehen die Wehrmänner neben einander, nur darnach schauend, was sie

ablernen sollen, und darnach horchend, was man ihnen befahl.

Die Bewaffnung des Soldaten besteht in einem wohlgeputzten Gewehre,

wozu ein Säbel und eine kleine Patrontasche gehören. Letztere trägt der

Soldat an einem gelbledernen Riemen über dem Rücken, auf welchem er

zugleich in einem Habersacke die nöthigsten Bedürfnisse nachschleppt.

Die Kleidung ist bald von weißem, bald von rothem, bald von

anderfarbigem Zeuge. Pumphosen umgeben enge die Unterschenkel, und

enden innen und außen halbmondförmig, dergestalt, daß die Bogenlinie

nach unten gekehrt ist. Den Oberleib und den Hals umschließt genau

eine vorne zugeknüpfte Weste, und von den Aermeln derselben werden die

Arme klamm umspannt. Eine Bauchbinde hält die Hosen und deckt ihre

Verbindung mit der Weste. Die Kopfbedeckung ist eine rothe (Fẻs) und

darunter eine weiße Mütze (Tarbusch), welche letztere gewaschen wird.

Strümpfe fehlen. Der Schuh hat ein sehr langes Ueberleder. Der Soldat

bewegt sich in der ganzen Kleidung mit Leichtigkeit, nur in den Schuhen

nicht. Niemand wird abredig sein, daß man in der Montur die fränkische

und morgenländische Tracht mit Klugheit zu vereinigen wußte. Die

egyptische Soldatenkleidung von grünem oder blauem Tuche nimmt, etwas

Plumpes abgerechnet, sich recht gut aus. Indeß vermochten die Europäer

ihren Einfluß noch keinesweges in dem Grade geltend zu machen, daß das

Pfeifen und Trommeln nicht etwas Wildes, Türkisches verriethe. Noch

mehr aber fällt auf, wenn der wachhaltende Soldat mit dem Gewehre im

Arme niederhockt u. dgl.

Zur Nahrung erhält der Soldat für zehn Tage das Quantum Reis, Bohnen,

Linsen und Butter. Fleisch bekommt er zweimal in der Woche, im

Fastenmonat aber alle Tage nach Untergang der Sonne. Die Speisen kocht

der Soldat sich selbst, und das Getränke mag er holen, wo er will.

Was die Ausrüstung anbelangt, so gibt die Regierung dem Gemeinen alle

sechs Monate ein Paar Schuhe und Hosen, eine Weste (Jacke) und ein

Hemde, alle Jahre dagegen die rothe Mütze, einen Kaputrock und einen

Teppich zum Lager oder als Bettung. Die weiße Mütze, die Bauchbinde und

etwa Strümpfe schafft er sich selbst an. Beim Eintritte in den Dienst

wird er sogleich vollständig bewaffnet; er ist jedoch gehalten, die

Waffen auf eigene Kosten auszubessern.

Der monatliche Sold des Gemeinen beträgt 14½ Piaster; es fallen somit

auf einen Tag nicht einmal 4 Kreuzer R. W. Ueberdies wird der Sold auch

in Syrien sehr nachlässig ausbezahlt. Zur Zeit war er schon vierzehn

Monate im Rückstande. Und wenn noch die Bezahlung erfolgt, so macht sie

nicht reinen Tisch, sondern sie tilgt bloß einen Theil der Schulden.

Ueber nachlässige Zahlung wird allgemein Klage geführt, und mit ihr

vorzüglich ist der Leichtsinn oder vielleicht gar die Nothwendigkeit

des Schuldenmachens eingerissen. Einmal über das andere langweilt

man sich mit der Frage: Wann wird der rückständige Sold ausbezahlt?

+Ich hörte übrigens nie, daß die Zahlung, mag sie auch noch so spät

geleistet werden, je ausblieb.+

Je geringer der Lohn ist, welchen der gemeine Söldner empfängt, desto

glänzender werden die Offiziere besoldet. Ohne den +Taib+ (gut,

Vergütung, Entschädigung) zu rechnen, steigt die monatliche Besoldung

eines Obersten auf 16 Beutel (Seckel); den Beutel zu 500 Piaster.

Er kann somit täglich etwa 34 Gulden R. W. verzehren. Der General

erhält monatlich 24 Beutel. Die Verleihung des Generalstitels hatte

für +Clot+ auch besonders in Beziehung auf das Einkommen eine

vortheilhafte Seite. Dem Bataillonsarzte (~medico maggiore~) sind

für den Monat 750 Piaster Sold, 140 Piaster Taib und überdies jährlich

1000 Piaster für die Ausrüstung ausgesetzt. Die Anstellung gewährt

wenigstens das Bequeme, daß sie nicht bindet, weil zu jeder beliebigen

Zeit die Entlassung angenommen werden muß, sobald man sie einreicht.

Die Pilger.

Die griechische Kirche liefert am meisten Pilger, nicht nur viel

Griechen, sondern auch viel Russen, und die verschiedenen Trachten

vergönnen einen ergötzlichen Anblick. Wenn der russische Krieger sein

Blut in den Schlachten nicht gespart hat, wenn er schon nicht mehr

fähig ist, die Waffe zu tragen; er kehrt doch nicht zur Ruhe zurück,

es erwacht in ihm, statt des weltlichen, der religiöse Kampf, und er

wallfahrtet nach Jerusalem, um mit seinen Heiligthümern einen Frieden,

nicht für das Hienieden, aber für die Ewigkeit abzuschließen. Die

Griechen, sogar arme, verlassen ihren heimathlichen Herd, um Gott

ihre Dienste anzubieten. Würden sie sonst das Leben mit Kargheit

dahinbringen, so scheuen sie die Auslagen für die Wallfahrt und den

Aufenthalt nicht. Ich sage ausdrücklich: den +Aufenthalt+; denn die

griechischen Priester reichen ihren Pilgern die Nahrung nicht auf

Kosten des Klosters. Die Pilgrime müssen, wie verlautet, vielmehr froh

sein, wenn ihre Seelsorger sich nicht von ihnen bereichern.

Lateinische Christen unternehmen die Pilgerfahrt ungemein selten.

Zu ihrer Beherbergung ist das Kloster des Erlösers bestimmt. +Freie

Bewirthung, selbst auch für Protestanten, ward großmüthig vom Papste

geboten.+ Unter den abendländischen Pilgern gibt es nicht lauter

fromme, sondern auch solche, die von Kloster zu Kloster herumstreifen,

und darin gut essen und trinken, damit die auf solche Weise

zurückgelegte Prachtreise ihnen am Ende daheim zur Fundgrube eines

müßigen Glückes werde. Ich kannte einen solchen Pilger, der durch ganz

Palästina ohne einen Reisegefährten zu Fuß herumwandelte. Einen Andern

traf ich in Ramle, später auch in Jerusalem. Ein Schlesier, sprach er

deutsch. Ich erinnere mich kaum einer schmutzigern Kleidung, als dieser

deutsche Gärtner trug. Man muß die Beweggründe zu seiner Reise hören,

um den Gehalt des Mannes zu prüfen. Zweimal sei er auf den Tod krank

gewesen, und habe zuletzt das Gelübde gethan, das heilige Land einmal

zu besuchen. Mit nichts, als mit dem schmutzigen Hemde am Leibe, mit

Hosen, einem Rocke, Hute, Halstuch und mit schlechten Schuhen, mit

wenigen in Tücher verpackten Habseligkeiten, die er an einem Stocke

auf der Schulter trug, durchstrich er das jüdische Land bis auf den

Libanon, und zwar ohne Kenntniß des Arabischen oder Türkischen, des

Griechischen oder Lateinischen, des Französischen oder Italienischen.

Drei Tage hielt er sich in Damaskus auf, ohne den Namen der Stadt zu

wissen. Heuchlerisch suchte er mich zu überreden, daß er auf einer

abenteuerlichen Nachtreise das Zeugniß vom Kloster des Erlösers

verloren habe. Weil ihm die Sprache abging, um sich den Mönchen

verständlich zu machen, konnte er mich bewegen, daß ich mich für ihn

als Dolmetscher verwendete, und die Patres waren gutmüthig genug, ein

zweites Zeugniß auszufertigen. Mich erfüllte ein seltsam Erstaunen,

als er mir später erzählte, daß er Alles erlogen habe. Es ist der

Nämliche, welcher, nach eigenem Geständnisse, einen österreichischen

Reisepaß sich zu erschleichen wußte. Ein Franzose ohne Habe, aber mit

einer reichen Lügenzunge, ebenfalls ein Pilger, verwendete all’ seinen

Witz, um mich zu betrügen. Der Umstand, daß ich immer schußfertig auf

dem Anstande war, machte ihn gegen mich unmuthig und bitter. Solches

Gesindel betet unter Kniebeugungen und Bekreuzungen an den heiligen

Stellen, wo, nach den biblischen Urkunden, +Christus+ für die Menschen

sein Blut vergoß, und wo sein Leichnam ins Grab gelegt wurde.

Es ist zudem merkwürdig, daß derlei geldentblößte Leute, die sich gegen

den Gastfreund mit einem Geschenke nicht erkenntlich zeigen können, am

lautesten aufbegehren und die Unverschämtheit am weitesten treiben.

Die Speisen und Getränke sollen in den Klöstern des jüdischen Landes

durchgängig sehr gut sein. Vorzüglich rühmt man die Freundlichkeit der

Klosterleute auf dem Libanon und ihren köstlichen Wein.

Der Geist der Christen.

Die heilige Stadt -- welcher Wortmißbrauch. Man tadelt allgemein

den Geist der Christen zu Jerusalem. Hier, wo man zum reinsten

Christussinne aufgefordert werden sollte, wächst so viel Unkraut unter

so wenig Waizen. Schlaffheit vertritt lebendiges Streben nach Wahrheit,

Formenwesen geläuterte Begriffe, Pharisäismus religiöse Wärme. Man

räumt dem Mohammetaner den Vorzug ein, ich glaube, mit Recht. Viele der

verschiedenen christlichen Glaubensbekenner benehmen sich so unwürdig,

daß man sich beinahe schämen möchte, ein Christ zu heißen. Eine weite

Kluft unauslöschlichen Hasses gähnt zwischen den vielfarbigen Bekennern

des Christenthums.

Die Griechen verdienen zuerst den Tadel. Um zu einem Zwecke zu

gelangen, lassen sie keine Mittel unversucht. Man weiß kaum, wie

man von Leuten denken soll, welche, wie die griechischen Priester,

ausdrücklich berufen sind, Heiligthümer zu verehren, und an

ihrem eigenen Heile zu arbeiten, und welche gleichwohl so viele

Heillosigkeiten begehen. Daß sie vom Glauben an einen vergeltenden

Gott durchdrungen sind, hält zu begreifen schwer, und wenn sie diesen

Glauben noch hegen, so ist er ein schlechter, weil er mit der Annahme

gepaart sein muß, daß +der Glaube ohne Tugend selig mache+. Ich

will zwar nicht behaupten, daß es unter den griechischen Priestern

nicht auch wackere Männer gebe; nur sind diese, nach übereinstimmenden

Aeußerungen, nicht häufig.

Die lateinischen Priester sehen im Allgemeinen ziemlich alltäglich

aus. Wenige liebten das lateinische Gespräche, und doch lesen alle

die +Messe in lateinischer Zunge+. Freilich begnügen sich manche

Menschen dieses Schlages, ~in majorem Dei gloriam~ auf der Oberfläche

herumzuschwimmen, ohne daß ihnen der Gedanke beifällt, in der

Taucherglocke vom Grunde die Schätze heraufzuholen. Ich darf kaum

bemerken, daß die lateinischen Mönche gemeiniglich alle Andersgläubige

bemitleiden, weswegen man mir wohlmeinend rieth, ja nirgends den

Protestantismus durchblicken zu lassen. Der rothbäckige Verwalter

rühmte eines Abends die Gastfreundschaft des Klosters mit den Worten,

daß es alle Franken beherberge, klopfe ein Katholik oder ein -- -- --

an. Ich verzeihe dem guten Pater eine solche wenig würdige Sprache,

für die ich Gedankenstriche, als die geeignetesten Schriftzeichen

in unserer Zeit, wählte. Vom Pater Superior, unter dem Titel

+Reverendissimus+, spricht Jedermann mit Achtung.

Es befinden sich jetzt, wie man mich versicherte, zwei protestantische

Missionarien, ein englischer und amerikanischer, in Jerusalem. Man lobt

sie, und die protestantischen Fremden, wenigstens die Engländer, ziehen

größtentheils ins Missionariat. Ich besuchte weder den einen, noch den

andern. Hätte ich mich aber in der Stadt länger aufgehalten, so würde

ich ihre Bekanntschaft gerne gemacht haben. Sie stehen, meines Wissens,

mit den übrigen Christen in kaltem, jedoch in keinem feindlichen

Verhältnisse.

Der Ablaß der römisch-katholischen Kirche.

Lustreise ins Morgenland, Zweiter Theil (von 2) · 第 5 / 11 题