Reise nach Jerusalem 1.
Einige geographische Bemerkungen über Syrien 13.
Einige Bemerkungen über die verschiedenen
Religionsbekenntnisse der Bewohner in Syrien 15.
Gaza 28.
Fortsetzung der Reise nach Jerusalem 30.
Ende der Reise dahin 38.
=Jerusalem.=
Oertliche und klimatische Verhältnisse 46.
Gesundheitszustand und Bevölkerung 52.
Bauart der Stadt 53.
Die Kirche des Christusgrabes 56.
Liegt das Grab +Christi+ in oder außer der jetzigen
Stadt Jerusalem? 63.
Die Gräber der Könige 69.
Die Grabhöhle der +Maria+ 71.
Die Grabmale +Absaloms+, +Josaphats+ und
+Zachariassen+ 72.
Der Brunnen Siloah 73.
Die Felsanhöhe Zion 75.
Der Oelberg 79.
Die übrigen Merkwürdigkeiten 81.
Physiologischer Karakter der Einwohner 82.
Sitten und Gebräuche 83.
Die Tracht 84.
Das Kriegsvolk 87.
Die Pilger 94.
Der Geist der Christen 97.
Der Ablaß der römisch-katholischen Kirche 99.
Der alte deutsche Pater und die große Apotheke 102.
Meine Zelle im Kloster des Erlösers 104.
Der Führer um und in Jerusalem 106.
Rückblick auf Jerusalem 108.
Ausflug nach Bethlehem 110.
Die Beschiffung des Lothssees 115.
Nach Jaffa am Mittelmeere 116.
=Jaffa.=
Lage, Gassen, Hafen, Bevölkerung 121.
Jaffa, wie es ehemals war 123.
Die Tageslänge 125.
Witterungsbeschaffenheit 127.
Der Meeressturm und der Schiffbruch 128.
Gesundheitszustand 132.
Auf dem Hospizdache 136.
Das Bauernhäuschen 138.
Das Quarantänegebäude oder Pestlazareth 145.
Die Jaffanerin kommunizirt, besprengt sich 147.
Der Jaffaner 149.
Die Pilger 150.
Die arabische Knabenschule der Lateiner 152.
Der Gruß 156.
Die Brautwerbung und die Hochzeit 159.
Die Wöchnerin und das Kind 167.
Wiegenlied und Kinderjucks 170.
Die Verehrung der Todten 173.
Die Rekruten oder die Konskribirten 176.
Das Weinen oder die Raserei am Neujahrstage 1836 179.
+Ibrahim-Pascha+ 184.
Kleine Petschaften oder Siegel 186.
Der Hakim 187.
Die Fleischbank 189.
Der Zuckerrohrmarkt 191.
Der Tabakschneider 193.
Der Nargilebediente; die Rauchvirtuosität 196.
Der Kaffeeröster und Kaffeezerstößer 197.
Der Baumwollereiniger und Schilfdeckenweber 199.
Der wandernde Schiffer und Kinderspiele 201.
Spiel der älteren Leute 202.
Meine Lebensart 205.
Ich lese die Bibel 209.
Ein Pater sagt, ich werde des Teufels 210.
Wie die Gleißnerei im Namen der heiligen Religion einen
Unschuldigen prügelt; laue Konsulats- und Mönchspolizei 212.
Der Konsul +Damiani+; mein Besuch in seinem Hause 217.
Vorbereitung zur Abreise. 222.
Nach Rhodos 226.
=Rhodos.=
Lage, Himmel, Volkszahl 236.
Die Stadt Rhodos 238.
Das Leichenfeld 241.
Die Bewohner; das lateinische Hospiz;
Knabenspiel; große Hähne 243.
Der Abend im Schiffsraume 247.
Spaziergang gegen Trianda 248.
Nach Konstantinopel, Triest und heim 251.
Anleitung zu der Pilgerfahrt nach Jerusalem 256.
Schlußbetrachtungen 267.
Reise nach Jerusalem.
Gepurzel; Gelage; Kameelschädel als Verzierungen; die angebaute
Gegend entzückt; Grenzscheide zweier Welttheile; Raphia und Jenisus;
Schattenriß des Reisegesellschafters.
Dinstags gegen Abend des 24. Wintermonates, als am zwölften so heiß
ersehnten Kontumaztage, brachen wir fröhlich auf. Die wiedererlangte
Freiheit schmeckte süßer, als Honigseim. Mein hochbuckeliger
Kontumazist schien Eile zu haben. Kaum wollte ich auf ihn steigen, so
stand er auf. Ich konnte mich nicht mehr halten und purzelte, das Rad
schlagend, hinunter. Die Freude meines türkischen Nachbars, welcher
dem Gepurzel zusah, dauerte jedoch nicht lange; gleich saß ich auf
dem Dromedar fest und wir trabten von dannen. Echt morgenländisch
bewirthete uns der Quarantänedirektor, dessen Einladung in seine
Wohnung wir mit Geneigtheit entsprachen. Beim Anblicke der vielen
Trachten, die sich am Abendmahle folgten, hätte man nicht glauben
sollen, daß so viel Ueppigkeit an einem Orte anzutreffen wäre, wo uns
an den ersten Tagen die Lebensmittel zum Theile mangelten. Da weder
Messer, noch Gabel vorgelegt wurden, so mußten wir zum Gerichte die
Finger orientalisiren. Dieser patriarchalische Gebrauch ist wirklich
sehr bequem; nur wollte mir der Sitz auf dem Boden am kleinen,
niedrigen, runden Tische nicht behagen.
Ich könnte die Wonne nicht beschreiben, welche im Hause des
Pharmazisten mich, als Freigelassenen aus dem Zelte, beseelte. Ganz
komfortable fand ich das Gebäude mit einem einzigen Zimmer, mit blinden
Wänden, mit dem Boden von Erde, mit dem Dache von Palmstämmen, von
Reisern und Laub. Wieder einmal ordentlich stehen und herumgehen zu
können, ohne immer mit dem Kopfe karamboliren zu müssen, war ein
unaussprechliches Vergnügen. Nicht mehr plagte die Furcht vor den
Thränen des Himmels.
+El-Arysch+, das Dorf selbst, liegt etwa eine halbe Stunde südöstlich
von der Quarantäne. Von Aloe, Datteln und indischen Feigen umkränzt,
lacht es so traulich aus der Wüste entgegen. Eben blühten die Bohnen
und Alles athmete den Frühling. Der Ort, obwohl nicht groß, hat
einen Bassar. Ueber den Thüren der Häuser stehen als Verzierungen
Kameelschädel. Die Bevölkerung besteht größtentheils aus Weißen, und
gerne begegnet man dieser Menschenfarbe wieder, wenn man eine Zeitlang
fast lauter Halbschwarze gesehen hat.
Am Abende zeigte ich dem Pharmazisten einen Theil meiner wenigen,
aus Kairo mitgebrachten Alterthümer. Eine aus Stein gehauene Figur
faßte eben ein Araber recht ins Auge, als er bemerkte, daß er auch
schon Steine auf dem Wege gesehen, aber keine Lust gehabt hätte,
sie mitzunehmen. Weil ich nicht arabisch konnte, so hielt mich ein
arabischer Jüngling für erzdumm und verglich mich einem Kameele,
welches auch nicht reden könne. Während wir schon in unsern Betten
ruhten, wurden von arabischen Jünglingen einige Tänze aufgeführt.
+Den 25.+
Vor Tagesanbruch rief der Pharmazist seine jungen Burschen herein, um
die Pfeifen anzünden und einen schwarzen Kaffee bereiten zu lassen. Sie
brachten die glühende Kohle in der Zange auf die gestopfte Pfeife, und
wir rauchten; sie trugen den heißen Kaffee herbei, und wir tranken.
Unser Gastwirth hat die morgenländischen Sitten aufs gutherzigste
eingeschlürft, und oft pries er sie als echter Lebemann.
Der Hauptmann und ich ritten mit drei Dromedaren weg. Auch dieser Theil
der Wüste war hie und da mit Gewächsen bedeckt. Auf dem Wege erblickten
wir dann und wann eine Kameel-, Schaf- oder Ziegenherde. Mittags
gelangten wir zu einer Post, um welche ein zahlreiches Volk Hühner
wimmelte. Vor derselben erinnerte eine Strecke Salzboden an die Gegend
von Choanat. Bei der Post, wo wir nur kurz anhielten, begann angebautes
Feld inmitten wüster Ländereien zu meinem Entzücken; es übersiedelte
mich wieder nach Europa. Entbehrungen haben doch das Gute, daß sie
meistens mit erhöhtem Genusse enden.
In Egypten streift keine Ackerfurche durch Hügelabhänge. Neu waren
mir wieder die durchfurchten Abdachungen. Ein Kameel zog an zwei
Stricken mit den Schulterblättern den Pflug, welcher nur kleine,
etwa vier bis fünf Zoll von einander entfernte Gräben aufwühlte. Dem
Ackerfelde folgten Triften, worauf viele Schafe und Ziegen unter der
Hut von Mädchen weideten. Die Erde hatte ein anderes Kleid an. Die
unermüdlichen Vögel sangen ohne Unterlaß.
Der Weg strich gegen Nordost. Als ich einmal das Meer wahrnahm, lag
es gegen Abend. Es stieg in mir der Gedanke auf, daß ich nicht mehr
in Egypten, nicht mehr in Afrika, sondern in +Asien+ sei. Dieser
Gedanke versetzte meine Seele in angenehme Schwingung. Ich durfte
wohl die Grenze des asiatischen Bodens nicht überschreiten, ohne
lebhafte Begeisterung für die folgenreichen Thaten seiner längst
entschwundenen, ehrwürdigen Bewohner, welche jetzt noch bei uns zum
Vorbilde genommen werden. Staunend senkte sich mein Blick auf den alten
Welttheil, das Geburtsland von +Christus+ aus Nazareth, das Stromgebiet
religiöser Grundansichten, welche mir schon in früher Jugend am fernen
Alpengebirge Europens eingeflößt wurden. Ich möchte meine Gedanken
und meine Gefühle beim Betreten Asiens nicht näher bezeichnen, aus
Besorgniß, daß man sie als unzeitige Ergüsse mißdeuten könnte. Statt
alles Mehreren werfe ich bloß die schlichte Frage auf: Kann ein
Unterrichteter ohne eine Regung des Geistes und ohne eine Bewegung
des Gemüthes den Boden dieses Welttheils berühren? Ich erinnere mich
noch der Kinderjahre, in denen ich mir das biblische Asien, die Gegend
meiner Sehnsucht, als die Hälfte des Weges in die Ewigkeit vorstellte.
Die Träumereien der Jugend verdienen keinesweges die Verachtung, die
ihnen gemeiniglich widerfährt; sie haben allerdings nicht selten
Bedeutung und Werth; sie sind ein trüber Waldbach, der nur durch die
Seihe der reiferen Jahre fließen darf, um klar und genießbar zu werden.
+Rafa+, Raphia bei den Alten, ist fast ganz vergangen. Eine halb in
die Erde gestürzte Säule trauert am Wege in Gesellschaft von zwei
aufrecht stehenden. Jene soll die Grenzsäule zwischen Asien und Afrika
sein.
Wir kamen diesen Nachmittag neuerdings in die Wüste und über mehrere
Sandhügel. -- Einmal verlor ich den Hauptmann und unsern neuen Führer,
einen Mohren, völlig aus den Augen. Auf einem Scheidewege fiel die
Wahl mir schwer. Ich schlug den linken Weg ein, ungeachtet ich dazu
den Dromedar, der gerade vorwärts wollte, nur mit Mühe bewegen konnte.
Kaum aber war eine Anhöhe erstiegen, so verschwand der Weg und ringsum
verdüsterte die Wüste den Ausblick. Ich wendete mich wiederum rechts,
der Dromedar fand richtig den Weg und bald verkündigte fleißigerer
Bodenbau die Nähe einer Ortschaft. Wir waren schon im Städtchen
Kan-Yunos.
+Yunos+, Jenisus der Alten, ist in Feigen-, Dattel- und Oelbäume
gebettet. Im lebhaften Bassar lächelten den Wüsteentronnenen die Dinge
an, welche so verschiedene Bedürfnisse beschwichtigen. Erinnerungen an
mein Heimathland wurden beim Anblicke grüner Wiesen, des Viehes und der
weißen Bevölkerung aufgefrischt; sogar die Breter, als eine Seltenheit
in Egypten, erregten meine Aufmerksamkeit. Die große Moschee, von
sarazenischem Geschmacke, erhielt sich in gutem Zustande.
Wir mußten diesmal in einem Kân oder Karawanserai einkehren. Es hatte
ein Obdach, war aber von zwei Seiten offen. Auf der einen lag ein
korinthischer Knauf. Man trifft in Jenisus überhaupt manche Trümmer,
mehr oder minder versehrte Denkmäler des Alterthums. Im Karawanserai
befand sich eben der Stadtgouverneur. Die Herankommenden küßten ihm
den Saum des Kleides. Er ließ in gastfreundlicher Gesinnung durch
seinen Bedienten vorzüglich gute Brote und eine dicke Kräutersuppe uns
zureichen, die, von Farbe grün, Kaldaunenstücke und Fleischbröckchen
enthielt und mir nicht sonderlich schmeckte. Es war indeß mein Appetit
ein wenig verdorben; wir wollten den Rest der Butter in der Quarantäne
noch zu Rathe ziehen und buken in derselben Brotkuchen, welche zwar dem
Gaumen zusagten, allein dem Magen nicht wohl bekamen. Wir belohnten
unsern Gastfreund, nach morgenländischer Sitte, mit Stillschweigen.
Ein Kerl versuchte eine seltsame Betrügerei. Mein Reisegesellschafter
schickt ihn, ein Geldstück zu wechseln. Er bringt die Münze, aber nicht
vollständig. Vor Zorn wie rasend schilt der Hauptmann den Jungen aus,
und schon zuckt er die Peitsche gegen ihn. Er öffnet den Mund und das
Fehlende tritt unter der Zunge zum Vorscheine.
Mit Sonnenuntergang legte ich mich und schlief zwar fest ein, aber
nicht ruhig fort; denn einmal hörte ich undeutlich, daß ein Mann in
einem Streite lärmte, ein anderes Mal beschnüffelte ein Hund mein Bein,
und ein drittes Mal kam die Katze, sich einer Beute zu bemächtigen.
+Den 26.+
Gott sei Dank, die Wüste, die beschwerliche, die armselige, die
langweilige, ist am Rücken. Von jetzt an leitet der Weg durch lauter
besseres Land, bald gepflügtes, bald Weideland. Die Vögel schienen in
ihrem unaufhörlichen Geschwätze über die Gegend so hoch erfreut, als
ich. Selbst mein Reisegefährte sang in das Tutti, und gerne hätte ich
ihn in einen der nächsten Singvögel verwandeln mögen, so lieblich klang
seine Stimme. Das Gepräge des Winters auf ganz dürren, abgestorbenen
Pflanzen konnte hin und wieder nicht verkannt werden; hingegen war
dazwischen der frisch angeschossene, kurze, feine Grasteppich mit um so
größerem Zauber des Lenzes gewoben. Der schönste Frühlingsmorgen bei
uns kann den heutigen Wintermorgen gegen Gaza nicht übertreffen. Ueber
fließendes Wasser setzten wir nie, nur zweimal über tiefere Bachbetten,
wie über dasjenige des Besor, an dessen Mündung ins Mittelmeer das
alte Anthedon sich ausbreitete. Von Bethagla, zwischen Anthedon und
Jenisus, bemerkte ich nicht eine Spur.
Minarets glänzten gegen Norden in einem grünen Haine; es war +Gaza+,
die Hauptstadt der Philister, die Stadt des Starken, des +Samson+,
welcher, nach der Schrift, ein eisernes Thor auf den Berg getragen hat.
Wir durften nicht mehr weit, und dann einzig noch an der Menge von
stämmigen Kaktus vorbei, und wir ritten durch ein enges Thor in die
Stadt. Der Hauptmann begab sich in seine Herberge, und jetzt war der
Augenblick der Trennung da, nachdem wir mit einander drittehalb Wochen
verlebt hatten.
Nun ein Wort über den Reisegefährten. Eine solche persönliche
Seltsamkeit lernte ich noch niemals kennen, und darum lohnt es der
Mühe, von ihm einen Umriß zu liefern. Er ist aus Galizien und von Adel.
Ich weiß seinen Namen recht gut; ich will ihn aber verschweigen und
vergessen. Zuerst Kämpfer als Hauptmann in den Reihen der polnischen
Umwälzer, entfloh er dann nach Frankreich und schloß sich der Schaar
Polen an, welche aus dem „neuen Vaterlande“ in die Schweiz einbrach.
Er wußte sich später Mittel zu verschaffen, um von Marseille auf einem
französischen Kriegsschiffe nach Egypten zu kommen. Hier trat er in
Kriegsdienst unter dem Feldherrn +Abraham+ (+Ibrahim-Pascha+) als
Kavallerieinstruktor.
Ein Selbstling im wahrsten Sinne des Wortes, sucht er immer seine
+eigenen+ Zwecke. Er schmeichelt den Großen und verachtet die Kleinen,
damit die einen ihn befördern, und weil die andern ihm nichts nützen.
Er wählte sich überall das Beßte aus, so immer den beßten Dromedar, den
bequemsten Sattel, die leichteste Ladung, die schmackhafteste Speise
u. s. f., um das Uebrige mir zu überlassen. Wenn ich mich über das
Reiten beklagte, so tadelte er mich, daß ich nicht reiten könne, und
dennoch hielt ich, bei meinem kräftigern Körperbau, das Reiten besser
aus, als dieser Rittmeister.
Dabei hegt der Hauptmann wenig Liebe für Wahrheit. Was er erzählte,
mußte ich auf der Goldwage prüfen. Auf einer Lüge ertappt, hatte +er+
natürlich Recht, und würde gern in Schimpfungen auf mich losgebrochen
sein. Sonst besaß er eine Fülle von Lebensgewandtheit, und im Bezahlen
war er redlich; nie belog er mich in Geldangelegenheiten.
Weil mir die Kenntniß der arabischen Sprache abging, so leistete er mir
unläugbar wesentliche Dienste, und er übernahm in der Kontumazanstalt
fast das ganze Geschäft der Küche, indeß ich ruhig unter Zelt schrieb,
und am Ende lüstern in das gute Gericht biß. Mich tyrannisirte
übrigens noch kein Mensch so eigentlich, wie dieser polnische
Freiheitsmann. Meine Lage fing sich erst zu bessern an, als ich mit
dem Oberaufseher der Quarantäne auf freundlicherem Fuße stand und dem
Hauptmanne erklärte, daß ich nun sorgenlos sei; denn auch im Nothfalle
könnte ich recht gut weiter kommen, weil jener für meine Kameele sorgen
würde. Er sah seine Entbehrlichkeit jetzt selbst ein. Selbstständigkeit
und Unabhängigkeit, dieser Schwerpunkt des geistigen und sittlichen
Menschen, hängt an einem dünnen Faden, dessen Riß uns, wo nicht
augenblicklich, doch in seinen Folgen wehe thut.
Ich kann nicht umhin, noch zwei Dinge zu erwähnen. Zu Choanat wurde der
Reisegefährte von einer Krankheit heftig überfallen. Ich stand ihm mit
Rath und That bei, ich brachte ihm Reis u. dgl. Tags darauf befand er
sich wieder wohl. Der Dank war, daß er für meinen schlechten Dromedar
keine Geduld wußte. Einmal wollte ich absteigen, um ein Stückchen
Natursalz aufzuheben und mitzunehmen. Da regnete es zentnerschwere
Vorwürfe über Tändelwaare u. s. f. Es gibt Menschen, welche die Sterne
am Himmel gleichgültiger beschauen, als messingene Knöpfe an einem
Rocke.
Der Kapitän, mag er auch immer seiner sorgfältigen höhern Bildung
und seinem Adel keinen geringen Werth beilegen, ist ein Auswurf des
Menschengeschlechts. An der Spitze eines Volkes wäre er spröde, ohne
Mitleiden, ein Wütherich. Er hatte indeß, wie andere Tyrannenseelen,
bewegte Zeitpunkte, da das Herz aufthaute; er würde sich dann, der
männlichen Würde uneingedenk, wie ein Kind hingegeben haben. Er wäre
unzweifelhaft Muselmann; allein er muß es fühlen, daß der kindliche
Schmelz seines Gemüthes, in gewissen Augenblicken, nach der Abschwörung
des Glaubens ihm das Herz zum Bruche drängte.
Am Ende der Reise bat der Gefährte mich um Verzeihung, wenn er mich
etwa beleidigt haben sollte. Ich achte einen solchen Zug, und doch
empfand ich ein wahres Vergnügen bei der Scheidung von einem solchen
Menschen, dessen Gesellschaft eine Qual und Pein war, und zwar eine um
so größere in der Wüste und in einer spottschlechten Quarantäne.
Ehe ich Gaza näher beleuchte, schicke ich einige einleitende
Bemerkungen über Syrien nach seinen topographischen
Eigenthümlichkeiten, sowie über die Leute, die es bewohnen, nach den
Verschiedenheiten ihrer religiösen Grundansichten voraus. Zuerst
Einige geographische Bemerkungen über Syrien.
Das eigentliche +Syrien+ gränzt im Norden an Kleinasien, im Westen
ans Mittelmeer, im Süden an Egypten und im Osten an Arabien, also,
daß es mit letzterem umfangsreichen Lande gleichsam eine große Insel
bildet, welche vom mittelländischen und rothen Meere, dem Ozean, dem
persischen Meerbusen und dem Euphrat umspült wird.
Syrien sticht mehr oder minder schroff ab gegen das Egyptenland, nehme
man die Einwohner, den Himmelsstrich oder das Erdreich in Anschlag.
Egypten hat einen flachen Boden, der ein Thal mit einem der größten
Ströme unseres Erdenrundes vorstellt; Syrien dagegen wird von einer
Menge Thäler durchschnitten, woneben Hügel und Berge, am Maßstabe
fünf Sechstheile, sich erheben. Eine Gebirgskette zieht durch ganz
Syrien, Schritt für Schritt mit der Küste des Mittelmeeres, nur einige
Wegstunden davon. Der Libanon (der Weiße) und ihm gegenüber der
Antilibanon, der Thabor und der Karmel, der Oelberg und der Hebron,
wem sind diese Kuppen des Gebirges nicht bekannt? Der Orontes und
der Jordan (el-Arden), die Hauptflüsse Syriens, entspringen auf dem
Antilibanon. Denn +der+ und der Libanon schürzen den Knoten des
ganzen Gebirges. Von da fließt der Orontes gegen Mitternacht; ihm zur
Linken Berg an Berg, zur Rechten theilweise Arabien. So wälzt er seine
Gewässer über siebenzig Wegstunden fort und schüttet es in die See,
nahe an der Bucht von Antiochien. Der Jordan entquillt keine zwanzig
Wegstunden vom Orontes, richtet sich von Mitternacht gegen Mittag und
verliert sich im todten Meere oder asphaltischen See (Birket-Luth),
welcher von den Jordanquellen bei vierzig Wegstunden abliegt.
In manchen Gegenden von Syrien regnet es ungefähr wie in heißern
Gegenden Europas. Das Klima ist im Ganzen sehr gesund. Viele Lagen
des Landes sind reizend. In Menge gibt es Berge und Thäler mit
zahlreichen Weiden, worauf große Viehherden sich nähren. Man sieht
Bäume gar verschiedener Art, vor allem viel Oelbäume. Die christlichen
Dorfbewohner, auch die Drusen bereiten vorzüglichen Wein.
Die ganze Statthalterei zerfällt in vier Paschalik: dasjenige von
Tripolis und Akre, Aleppo und Damaskus. Zu letzterem gehört das alte
heilige Land. Alle Paschalik wurden im Jahre 1833 von +Ibrahim-Pascha+,
dem Stiefsohne des Vizekönigs von Egypten, erobert und demzufolge vom
türkischen Kaiser demselben abgetreten.
Haleb und Damask übertreffen an Größe und Wichtigkeit weit alle
übrigen Städte Syriens. Am Mittelmeere ist Beirut (~Berytus~) noch am
wichtigsten mit seinem ziemlich sichern und geräumigen Hafen, in den
europäische Kauffahrer nicht sehr selten einlaufen.
Beinahe von allen Kriegen des elften, zwölften und dreizehnten
Jahrhunderts, als den blutigen Begleitern der Kreuzzüge, wurde Syrien
heimgesucht; am drückendsten die drei Städte Jaffa und Akre und
Damaskus. Bis auf den heutigen Tag sind die Spuren von den Waffen
und dem Aufenthalte der alten Kreuzfahrer, welcher Jahrhunderte lang
dauerte, nicht verwischt.
Nun einige Bemerkungen über die verschiedenen Religionsbekenntnisse der
Bewohner in Syrien.
I. Der +Mohammetanismus+ heißt auch +Islamismus+, nach dem arabischen
Worte +Islam+, welches +Ergebenheit in Gott+ bedeutet. Vom berühmten
+Mohammet+ gestiftet, begann er in Arabien gegen das Jahr 611 der
christlichen Zeitrechnung. Wie damals das Juden- und Christenthum unter
den Arabern große Fortschritte machte und der Stamm, dem +Mohammet+
angehörte, der Abkunft von +Abraham+ und +Ismael+ sich rühmte, so
glaubte der neue Prediger beiden Religionen einige Grundansichten
abborgen zu dürfen, um sie in diejenige Religion überzutragen, welche
er zu stiften im Begriffe war. Er nahm das alte und neue Testament
großentheils an, indem er +Moses+, +David+ und +Jesus+ als Gesandte
Gottes anerkannte. Er aber ging von der Ansicht aus, daß ihre Lehren
mit der Zeit verderbt worden seien, und behielt sich darum vor, der
wahren Verehrung des höchsten Wesens auf dem ganzen Erdkreise Bahn zu
brechen.
Die +Hauptglaubenslehren+ des Islams sind: Es ist nur +ein+ Gott (Allah
uhu) und außer Gott ist kein Gott, und +Mohammet+ ist sein Prophet
(Nabi). Es gibt böse und gute Engel. Jene verfolgen unablässig den
Menschen, damit er Böses thue; diese sind von Gott beauftragt, ihn auf
dem Wege der Versuchung im Guten zu unterstützen. Das Schicksal eines
Jeglichen, das Gute, wie das Böse, ist vorausbestimmt und erfolgt
unabänderlich, was man +Fatalismus+ heißt. Die Seele ist unsterblich,
und am jüngsten Gerichte wird Jeder den Lohn nach seinen Werken
empfangen. Unter dem heißen Himmel gleichsam glühend, suchen die Moslim
ihr größtes Gut in den sinnlichen Vergnügungen und glauben auch, daß
die Auserwählten des Himmels inmitten frischer Gebüsche, am Gestade
lauterer Bäche, am Rande reicher Brunnquellen ruhen, umgeben von den
verführerischen Huris mit ihren schönen, immerdar jugendlichen Augen,
umkoset von jenen Jungfrauen, welche nichts zu thun haben, als den
Seligen Genuß zu verschaffen.
Die +Hauptsittenlehren+ sind überhaupt Ehrerbietung, Vertrauen
und Gehorsam gegen Gott, Gerechtigkeit, Versöhnlichkeit und
Mildthätigkeit gegen die Menschen und Gehorsam der Kinder gegen
die Aeltern. Insbesondere aber wird den Gläubigen vorgeschrieben:
1) Die Reinlichkeit, zumal durch die Waschungen. 2) Das Gebet. Es
wird im Tage fünfmal verrichtet, allein oder mit Andern und wo? ist
freigestellt; nur am Freitage muß es in der Moschee oder in Versammlung
geschehen. Obgleich dieser Tag der eigentlich Gott geweihete Tag ist,
so können dennoch die Gläubigen an demselben die Zeit vor und nach dem
Gottesdienste mit Arbeiten zubringen, welche jeder Stand und Beruf
erfordert. Lediglich zwei Feste verlangen gänzliche Ruhe der Arbeit,
nämlich das große und kleine Bairam. 3) Das Fasten durch einen Monat
(Ramasan), während dessen man die ganze Tageszeit hindurch weder
Speisen, noch Getränke zu sich nehmen, selbst nicht Tabak rauchen darf.
4) Das Entrichten des Zehnten. 5) Die Wallfahrt nach dem Heiligthume
zu Mekka, welche jeder freie Mohammetaner wenigstens einmal in seinem
Leben unternehmen soll, insofern seine Gesundheit es zuläßt.
Das Beispiel der alten Araber und +Ismaels+, des Sohnes +Abrahams+,
befolgend, verrichten die Mohammetaner die Beschneidung. Sie
unterscheiden nach +Moses+ die unreinen Thiere. Der Islam verbietet
den Genuß des Weins und jedes andern berauschenden Getränkes. Hingegen
gestattet er dem Manne zur nämlichen Zeit vier Weiber und daneben so
viel Beischläferinnen (Sklavinnen), als er halten will oder kann.
Die Lehren und Vorschriften der Moslim stehen geschrieben in einem
Buche, welches man nach dem Arabischen +el-Koran+ nennt. Die Anhänger
geben vor, daß die verschiedenen Abschnitte dieses Buches von Zeit
zu Zeit +Mohammet+, ihrem Propheten, von dem Erzengel +Gabriel+
geoffenbaret worden seien. Ausgenommen die Lehrsätze des Glaubens,
handelt der Koran auch von der Sittenlehre, von der Ehe, von der
Scheidung, der Nachfolge. Mit einem Worte, er vertritt, in dem
religiösen Gewande, mehr oder minder ein Zivil- und Kriminalgesetzbuch.
Da er arabisch abgefaßt ist, so wurde diese Sprache die heilige der
Perser, Türken und anderer mohammetanischer Völker, welche sämmtlich
darin übereinstimmen, daß sie ihre Zeitrechnung mit der im Jahre
+Christi+ 622 erfolgten Flucht +Mohammets+ von Mekka nach Medina
beginnen. Diese Zeitrechnung nennen sie Hedschra, was +Auswanderung+
oder +Flucht+ bedeutet. Das Jahr der Mohammetaner ist übrigens ein
Mondenjahr, das heißt, es zählt elf Tage weniger, als das unsrige.
Unter den Mohammetanern gibt es ebenfalls Leute, welche ein frommes
Leben in der Zurückgezogenheit wählen. Diese Art von Mönchen wird mit
einem Namen belegt, welcher einen Dürftigen bezeichnet; im Arabischen
+Fakir+, im Türkischen und Persischen +Derwisch+. Diejenigen, welche
sich einem beschaulichen Leben überlassen, tragen den Namen +Ssûfi+.
Die mohammetanischen Mönche bilden verschiedene Orden, deren Alter auf
die ersten Khalife zurückreicht. Die meisten +Brüder+, wie sie sich
gegenseitig nennen, haben ein strenges Noviziat und lange Prüfungen
zu bestehen, bevor sie in den Orden aufgenommen werden. Viele leben
gemeinsam in einem Kloster; Andere führen ein Einsiedlerleben; noch
Andere lassen sich in einer Gegend nieder, oder ziehen Land auf Land
ab. Allen steht es frei, ihren Stand zu ändern und das Leben so
einzurichten, wie es ihnen am beßten gefällt. Die meisten Brüder,
welche einem beschaulichen Leben sich ergeben, befleißen sich einer
Weltüberwindung, die man nicht weiter treiben könnte, und beträchtlich
ist die Anzahl Bücher, worin ihre Hirngespinste verzeichnet sind. Die
anderen Brüder dagegen, welche die Welt lieben, leben zügellos, und man
vermag nichts so Ausschweifendes auszusprechen, das von ihnen nicht
begangen würde. Solche heißen +Kalendris+ und +Santone+.
Die mohammetanische Kirche war zu allen Zeiten in viele Sekten
gespalten, welche, nicht besser, als die Christen gegen einander, sich
grausam bekriegten. Der Krieg hob gleich nach dem Ableben +Mohammets+
das Haupt empor. Der Prophet vergaß, seinen Neffen und den Gemahl
seiner eigenen Tochter +Fatima+, mit Namen +Ali+, zu seinem Nachfolger
zu erklären. Als daher die Anhänger +Mohammets+ das Khalifat nach
einander +Abubeker+, +Omar+ und +Othman+ übertrugen, gab es damals
Rechtgläubige, welche wider die Ungerechtigkeit Lärm schlugen und sich
weigerten, einen andern für einen gesetzlichen Fürsten anzuerkennen,
als +Ali+. Wie dann später dieser zum Khalifen erhoben ward, warfen
sich viele von den Widersachern gegen ihn auf, und der Bürgerkrieg
tränkte mit Blut alle Gegenden, in welchen das neue Gesetz Eingang
fand. Dies ist der Ursprung der beiden Hauptsekten, in welche heute
noch die Anhänger +Mohammets+ zerfallen, und welche von diesen durch
die Namen +Sunniten+ und +Schiiten+ unterschieden werden.
II. Das +Judenthum+ zählt eine große Anzahl von Gläubigen fast im
ganzen Morgenlande, vorzüglich aber in Syrien, wo viele von ihnen
heilig gehaltene Denkmäler angetroffen werden. Diese Religion nimmt
keine andere Offenbarung an, als die Jehovas durch +Moses+ und die
Propheten für das auserwählte Volk. Die Juden, oder, wie man sie auch
heißt, die Hebräer oder Israeliten betrachten in Gott nur eine Person.
Ihre heiligen Bücher sind das +alte Testament+, zum größten Theile
in hebräischer Sprache geschrieben. Sie erwarten die Ankunft eines
Messias, welcher für die Gläubigen ein großes Reich gründen soll. Sie
nehmen die Beschneidung vor, haben viel Zeremonien und heiligen den
Sabbath. Als sie Judäa im Besitze hatten, standen ihnen Opferpriester
vor, genannt +Leviten+ nach dem Stamme +Levi+. Statt derselben lehren
nun Meister in der Schrift, unter dem Namen +Rabbiner+, in den
Synagogen oder in den jüdischen Tempeln das Gesetz. Auch diese Religion
zählt ihre Spaltungsgläubigen. Am meisten geltend machten sich die
+Talmudisten+ und +Rabbinisten+, letztere so geheißen wegen ihrer
Achtung für die Lehren der Rabbiner, erstere wegen ihrer Verehrung des
+Talmud+, eines Buches, das viel gute, mitunter aber auch wenig gesunde
Dinge enthält.
III. Mitten unter Mohammetanern und Maroniten leben die +Drusen+
auf den Bergen Libanon und Antilibanon. Sie machen aus ihrem
Glaubensbekenntnisse, einem bunten Gemische christlicher und
mohammetanischer Religionsvorschriften, ein großes Geheimniß. Sie
hassen die Mohammetaner, bekennen sich aber äußerlich doch zum Islam.
Sie wollen die Nachkommen jener Christen sein, welche in den ersten
Zeiten des Nazarenismus über den Jordan sich zurückgezogen hatten. Die
Akal sind eine Art Priester; selbst Weiber werden in den Orden der
Akal aufgenommen. Dieselben stehen dem Gottesdienste in den Kapellen
oder Khalue vor. Die Kinder werden bei den Drusen nicht beschnitten.
Gastfreundlichkeit wird an dieser Völkerschaft vor Allem gepriesen.
IV. Unter den eigentlichen +Christen+ versteht man solche, welche, ohne
an die Lehren +Moses+ und der Propheten sich ausschließlich und streng
zu binden, an die Offenbarung im neuen Testamente, an +Christus+,
an die Vergebung der Sünden und an die Auferstehung des Fleisches
glauben. Sie nehmen die Taufe vor und feiern den Sonntag. Von so vielen
Glaubensbekenntnissen, in die sich die Christen theilen, nimmt man in
Syrien neun wahr, welche sämmtlich einige Priester in Jerusalem und zum
Theil im großen Tempel des +Christus+-Grabes unterhalten.
1. Die +griechische+ oder morgenländische +Kirche+. Die
Hauptunterschiede derselben von der römisch-katholischen Kirche
betreffen die hierarchische Selbstständigkeit außer der Linie der
päpstlichen Oberherrschaft, die Lehre, wonach der heilige Geist nur vom
Vater ausgeht, das Abendmahl unter zwei Gestalten und die Priesterehe.
Die Griechen haben sieben Sakramente, welche sie +Geheimnisse+ nennen;
allein sie verknüpfen damit nicht den gleichen Begriff, wie die
Lateiner. Sie betrachten nur zwei als von Gott eingesetzt, nämlich die
Taufe und das Abendmahl. Die übrigen fünf Sakramente halten sie für
Anordnungen der Kirche. Sie verrichten die Firmelung zugleich mit der
Taufe, welche letztere in einer dreimaligen Eintauchung des ganzen
Körpers in Wasser besteht. Sie verwerfen die Unauflöslichkeit der Ehe,
z. B. bei Ehebruch, und sie verbieten das Heirathen zum vierten Male.
Sie unterwerfen sich den strengsten und den härtesten Bußübungen. Sie
halten an den Beschlüssen der ersten und zweiten nizänischen, der
ersten, zweiten und dritten konstantinopolitanischen, der ephesischen
und chalcedonischen ökumenischen (allgemeinen) Kirchenversammlung. Der
ökumenische Patriarch in Konstantinopel gilt als das Oberhaupt der
nicht-russischen Kirche.
2. Die +armenische Kirche+, welcher beinahe alle Armenier angehören.
Diese Christen begehen wenig Feste, und verwerfen die Verehrung der
Heiligen. Sie haben etliche Patriarchen. Der erste unter ihnen führt
den Titel: +Katholikos+, und hat seinen Sitz in Etschmiazim bei
Eriwan. Ihre Abweichungen von der lateinischen Kirche stimmen mit denen
der griechischen ungefähr überein. Viele Armenier traten in den Schooß
der römischen Kirche.
3. Die +Kopten+, die auch unter dem Namen der Christen von Egypten,
Nubien und Habesch bekannt sind. Diese Monophysiten haben die Verehrung
der Bilder angenommen, und zwei Sonderbarkeiten zeichnete sie aus: Sie
behielten, obschon sie die Taufe einführten, die Beschneidung bei,
welche indeß mehr als angeerbte alte Volkssitte, denn als religiöse
Zeremonie angesehen werden darf; sie heiligen den Sonntag und einen
Theil des Sabbaths. Ihr Patriarch, ziemlich arm, hat seinen Sitz in
Kairo, den Titel: +Patriarch von Alexandrien und Jerusalem+, und er
bestellt für Habesch einen Generalverweser, welcher +Abunak+ heißt.
4. Die +Kirche der Maroniten+, genannt nach +Maron+, ihrem Stifter,
der im fünften Jahrhunderte lebte, und welcher der Kirche eine eigene
Verfassung gab. Die meisten Maroniten halten sich am Berge Libanon
und in Zypern auf. Sie unterwerfen sich den Beschlüssen der vier
ersten ökumenischen Kirchenversammlungen, und erkennen in +Christus+
eine Person und zwei Naturen. Allein als +Monotheleten+ lassen sie
diesen zwei Naturen nur einen Willen zu. Ein großer Theil dieser
Glaubensbekenner schloß sich den Lateinern an, hielt jedoch beinahe an
allen Gebräuchen der morgenländischen Kirche fest. Diesen Maroniten
wird das Oberhaupt von Rom gegeben. Es führt den Titel: +Patriarch von
Antiochien+, und wohnt im Kloster auf dem Libanon.
5. Die +chaldäische+ (syrische) oder +Nestorianische Kirche+. Ihre
Anhänger verwerfen die Beschlüsse der dritten, zu Ephesus gehaltenen
ökumenischen Kirchenversammlung, wo ihre Lehre verdammt wurde. Sie
nehmen in +Christus+ zwei +Personen+ an, und weigern sich, +Marien+,
der Gattin +Josefs+, den Namen Gottesgebärerin zu verleihen. Sie
verabscheuen die Verehrung der Bilder. Seit dem Jahr 1599 vereinigten
sich viele +Nestorianer+ mit den römischen Katholiken, unter Vorbehalt
der Priesterehe und des Abendmahls in zwei Gestalten.
6. Die Kirche der +Eutychianer+ oder +Monophysiten+ heißt nur die drei
ersten ökumenischen Kirchenversammlungen gut, und nimmt in +Christus+
einzig die Mensch gewordene göttliche Natur an. Deswegen wird das
Zeichen mit einem Finger gemacht.
7. Die +Jakobiten+. Sie nennen sich also nach +Jakob Baradai+, einem
syrischen Mönche des sechsten Jahrhunderts, welcher in der Absicht
Syrien und Mesopotamien durchzog, um die Monophysiten in eine Kirche
zu vereinigen. Er brachte sie in der That unter eine kirchliche
Oberherrschaft. Sie stehen unter zwei Patriarchen, unter dem syrischen
zu Diarbeker oder Aleppo und unter dem mesopotamischen im Kloster
Saphran bei Medin. Die Jakobiten haben mit den koptischen Christen
die Gewohnheit der Beschneidung gemein, verehren die Bilder, und die
meisten traten zur lateinischen Kirche über, indem sie jedoch einigen
eigenthümlichen kirchlichen Gebräuchen forthuldigten.
8. Die alte abendländische, die lateinische oder +römisch-katholische
Kirche+. Alle Welt weiß, daß sie den römischen Papst als Statthalter
+Jesu Christi+ und ihr Oberhaupt anerkennt, welchem die meisten
Lateiner die Eigenschaft der Unfehlbarkeit in Glaubenssachen
ausschließlich zutrauen. Die Römischen haben sieben von Gott
eingesetzte Sakramente; sie verrichten die Taufe durch Begießung
mit Wasser; sie nehmen beim Abendmahle die Verwandlung an; sie
halten Ohrenbeichte, verehren Heilige, glauben an ein Fegfeuer, thun
Werke der Buße, empfangen Ablaß der Sünden, die Mönche werden durch
Gelübde gebunden, die Priester müssen im ledigen Stande leben. Die
Kirchenversammlungen sind unfehlbar, nicht bloß die allgemeinen,
welche vor der Trennung der morgenländischen und abendländischen
Kirche gehalten wurden, mit Ausnahme des ~Concilium Trullanum~ oder
~Quinisextum~, sondern auch viele andere. Die letzte Kirchenversammlung
war in Trient vom Jahre 1545 bis 1563.
9. Man darf sich nicht wundern, daß die abendländischen Christen ohne
ein sichtbares Oberhaupt der Kirche, nämlich die +Protestanten+, welche
für die Bekehrung der Heiden eine rastlose Thätigkeit entwickeln, auch
Geistliche aufweisen können, die, aus Religionsabsichten, in Jerusalem
festen Sitz genommen haben.
Die Mannigfaltigkeit der Religionsbekenntnisse fordert zur ernstesten
Betrachtung auf. Es ehren bis auf diesen Tag die Menschen Gott auf ihre
verschiedenen Weisen, trotz des Glaubenszwanges, trotz der Bannflüche,
trotz der Blutströme. Dem überstrengen Vater entläuft der Sohn im
Augenblicke seiner Ermannung. Die Sadduzäer, die abendländischen
Christen, die Protestanten waren nicht aus sich selbst erzeugt, sondern
sie hatten ihre rechtmäßigen Erzeuger in dem Pharisäismus, in der
morgenländischen Kirche, in dem römischen Papstthume. Wir feiern die
Männer, welche Duldsamkeit predigen. Wie todt muß die Wahrheit der
Geschichte sein. Die Duldsamkeit sollte sich wohl von selbst verstehen.
So viel als einleitende Bemerkungen.
Gaza.
+Gaza+, sprich Gâsa, liegt reizend auf einer kleinen Anhöhe, drei
Viertelstunden vom Meere (vom alten Hafen Majumas). Gegen Aufgang
stellt sich der Hebron. Bäume, Fruchtfelder und Wiesen wechseln in
der Umgegend, um das Auge zu ergötzen. Eben sah ich die Kühe im
Grünen friedlich weiden. Die Stadt ist nicht groß, und enthält, nach
den Versicherungen des Militärarztes daselbst, ~Dr.~ +Tarabra+,
eines durchaus kenntnißreichen und einsichtsvollen Mannes, sechs-
bis siebentausend Einwohner. Die Gassen sind schmal, krumm, uneben,
ungepflastert; die einen Häuser haben platte, andere dagegen
kuppelförmige Dächer. Die Moschee, einst eine griechische Kirche, ist
groß und schön. Man findet viele alte Ruinen, z. B. Säulen mit Knäufen,
und Nachgrabungen müßten Schätze aufdecken.
Die Bevölkerung ist weiß; viele Männer zeichnen sich durch Schönheit
aus; das verschleierte Antlitz der Frauenspersonen entzieht sich
der Beurtheilung; die Kinder sind blaß oder gelblich. Die Bassar
durchrauschet viel Leben. Unweit von denselben erblickte ich wieder die
Zelte unsers Kontumaznachbars +Mustafa-Bei+ und in ihren Sternen viel
Freundlichkeit.
Ich hatte eine Empfehlung an den ~Dr.~ +Tarabra+, welcher mich sehr
gastfreundlich aufnahm und behandelte. Ich verdanke ihm, außer den
Mittheilungen über die Größe der Bevölkerung, noch andere, welchen
ich hier zum Theile einen Platz anweisen werde. Die arabischen Weiber
empfangen in Gaza sehr leicht; sie gebären ohne Hebammen, selten
aber fünf bis sechs Male. Als die Pest ihre Verheerungen anrichtete,
mußte +Tarabra+, in der Eigenschaft eines Physikus der Provinz, alle
Todesfälle bewahrheiten, und da fand er das Verhältniß der gestorbenen
Kinder zu den gestorbenen Erwachsenen wie 5 zu 1. Dieses Verhältniß
beweiset eine schreckliche Sterblichkeit der Kinder, selbst wenn sich
dasselbe wie 3 zu 1 umwendet. Am meisten klagte +Tarabra+ über die
griechischen Weiber. Durch ihr unsinnig strenges Fasten, welches sich
beinahe einzig auf schlecht gekochte Linsen und Oliven beschränke,
bedingen sie die Absonderung einer schlechten Milch, welche den
Säugling bisweilen nicht zu ernähren vermöge. Er sah sich bewogen,
den griechischen Bischof deshalb um Dispensen anzugehen. Die Bewohner
von Gaza leiden vorzugsweise an Rheumatismen und Katarrh (nicht aber
an Lungenkatarrh). Oft verschlimmern sie letztere Krankheit durch die
landesüblichen Bäder. Auch kommt der Scharbock nicht selten vor. Die
Araber werfen sich am liebsten in die Arme unwissender Menschen. Eine
große Plage anderer Länder, nämlich die Lungenschwindsucht, geißelt
die Einwohner von Gaza sehr selten, und hier dürfte vielleicht der
Schwindsüchtige mehr Linderung hoffen, als in dem gepriesenen Nizza.
Fortsetzung der Reise nach Jerusalem.
Allee; Um- und Unfall; Ebene Sephela; Aushaltigkeit der Thiere;
verführerischer Weg; Nutzen des Hundegebells; Länge des
Philisterlandes; Freude über eine fränkische Herberge in Ramle.
+Den 27. Wintermonat.+
Ich faßte ungerne den Entschluß, das anmuthige Gaza so bald zu
verlassen.
In Egypten zauderte ich immer noch mit der Ausführung der Reise
nach Asien. Wäre sie unterblieben, ich würde einen unverzeihlichen
Unterlassungsfehler begangen haben.
~Dr.~ +Tarabra+ hatte die Güte, Alles für die Abreise zu veranstalten.
Die Regierung raffte für den Bedarf der nach Arabien beorderten Truppen
alle Kameele zusammen, und ohne die menschenfreundlichen Bemühungen
meines Kunstgenossen für die Auswirkung eines Regierungsbefehles
würde ich zuversichtlich keines sogleich bekommen haben. Ich nahm in
dankbaren Ausdrücken Abschied von meinem Gastfreunde, und schwang mich
auf das Kameel; mein ganzes Gepäcke lag neben und unter mir. Einen
Schritt vor Gaza wurde ich angehalten. Die Sonne ging immer höher, ohne
daß ich um die Ursache des Stillstandes wußte. Es sammelten sich immer
mehr Zuschauer um mich herum. Endlich verlor ich -- die Geduld. Ich
krächzte in der Sprache der Kameeltreiber ch ch, das Kameel fiel auf
die Kniee, und ich stieg ab, im Vorhaben, bei +Tarabra+ meine Klage
vorzubringen. Im Nu kam mein Treiber auf einem Esel dahergeritten.
Wahrscheinlich wollte man durch die Verzögerung ein Geschenk erzwingen,
oder der Treiber harrte auf der Lauer, um Zeit zu gewinnen, damit ich
heute nicht mehr in Ramle anlange. Kurz, jetzt ging es.
Der Weg zog durch einen Wald alter, in Menge zerklüfteter, in
regelmäßigen Reihen stehender Oelbäume. Gaza muß nach dem Zeugnisse
unserer Tage ehedem von großer Bedeutung gewesen sein.
Wenn man die ausgetretenen Wege besieht, so träumt man sich hinter
Jahrtausende zurück, da auf ihnen der Fuß der Menschen, um nur der
alten Kananäer, Philister und Juden zu gedenken, schon wandeln
mochte; überschaut man den Boden des Feldes, so wird man seine Güte
lobpreisen, daß er ohne Speisung fort und fort mit Ueppigkeit die
Früchte hervorbringt.
Beinahe mitten auf dem Wege nach Ramle hatte mein Thier einen
kerngesunden Einfall. Um den Reiter los zu werden, fiel es auf die
Kniee und legte sich auf die Seite. Ich kroch vom Sattel hinweg. Mit
bestaubten Kleidern setzte ich mich sogleich wieder auf das Kameel,
welches dann ohne weitere Umfälle den Weg fortsetzte.
Der Kalkstein senkt sich von Südwest nach Nordost, und guckt mit seinen
Höckern hie und da hervor. Die Erde ist fahl bis gegen Ramle, wo sie
röthlich zu werden beginnt.
Etwa an acht Dörfern auf der Ebene Sephelah kam ich vorüber. Wie nahe
ich an den alten Ortschaften Askolon, Astod, Gath, Jabueh und Ekron
vorüberritt, vermag ich freilich nicht zu bestimmen. So viel ist gewiß,
daß kein +fließender+ Bach, weder der Eschkol (Traubenbach), noch
der Jarkon, überschritten wurde, und die gerühmten Weinpflanzungen
entgingen meinem Auge. Die Häuser Sephelahs stehen alle städteartig
beisammen. Weil sie niedrig und die Dächer bauchig oder gewölbt sind,
so erkennt man von der Ferne ein Dorf mit einiger Schwierigkeit; anders
verhält es sich, wenn der Giebel hoch aufragt. Das palästinische
Dorf sieht häßlich aus. Die Häuser sind von unbearbeiteten Steinen
aufgeführt, die Dächer derselben sehr dick, mit einer feuerfesten
Rinde von Erde, so daß sich darauf hie und da ein geschlossenes Grün
ansetzt. Dieser Umstand vermehrt noch die Schwierigkeit, mit der man
ein Dorf aus der Ferne erkennt.
Die Weiber auf dem Felde, deren Gesichter ich mit meinem Auge gleichsam
erhaschen konnte, waren hübsch. Andern sah ich nur einen Streifen
vom Antlitze, welches der Schleier in ein noch größeres Geheimniß
verhüllte, als bei den Egypzierinnen.
Bis Ramle sind zwölf Kameelstunden. Das Thier mußte diesen Weg
unaufhörlich gehen, ohne daß es Nahrung bekam. Selbst dem kleinen Esel
ward kein besseres Loos zu Theil, und durch den größten Theil des Weges
trug er den Führer. Die Thiere halten im Morgenlande mehr aus, als in
Europa. Sind sie etwa in diesem Welttheile verwöhnt oder verzärtelt?
Ich sah, erzählt +Wesling+, unter der heißen Sonne ziemlich locker
angebundene Pferde der Beduinen mit zwei oder vier Loth Wasser für
einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hinlänglich gelabt werden.
Zwei Männer zu Esel schloßen sich nicht weit von Gaza als
Reisegefährten an. Bei einem Dorfe wollte einer von ihnen links auf
einen kleinen Weg mich leiten, der mir ein verführerischer Feldweg
zu sein schien. Ich sagte: +Nein+, ritt rechts davon, und man folgte
mir auf dem wirklich richtigen Wege. Etwa drei Stunden von Ramle
verließen mich diese Leute, und lenkten in ein Dorf, wohin sie auch
mich locken wollten. Uebrigens darf ich nicht verschweigen, daß dieser
Reisegefährten einer mir eine Mütze einhändigte, die ich verloren
hatte. Es scheint der gute Eindruck noch nachgewirkt zu haben, den er
dadurch bekommen mochte, daß ihm ein wenig Speisen aus meinem Vorrathe
dargereicht wurden. Ich gab sie zwar nicht ihm selbst, sondern dem
Treiber; allein die Araber haben es im Brauche, die Speisen Andern
mitzutheilen, und dem Geber in aufrichtiger Gefälligkeit erkenntlich zu
sein.
Ich hätte wohl ein ganzes Register von Klagen über meinen Treiber. Er
war ein junger, unbärtiger Kerl, und wußte nicht einmal den Weg nach
Ramle. Darum fragte er oft darnach; darum wollte er das Uebernachten
in einem Dorfe erpochen. Die Sonne war untergegangen, und ich ritt
mit diesem unwissenden Jungen. Gegen acht Uhr hörte ich das Gebell
eines Hundes. Dasselbe gab mir die Gewißheit, daß ich von Hunden und
-- folglich auch von Leuten nicht mehr ferne sei. So unwillkommen das
Hundegebell sonst, so willkommen war es mir dieses Mal.
Schon zeugte der Boden von fleißigerem Anbaue; die indischen Feigen
begleiteten wie ein Geländer die breiter werdende Straße; nun
schon entdeckte ich Licht; das Minaret glänzte in der frei- und
festtäglichen Beleuchtung; es erscholl ein Chor von Hundegebell.
Völlig verschwanden meine Zweifel über die Nähe der Stadt. Unser Weg
aber kreuzte sich, und der unwissende Bursche fragte deutend mich um
Weisung. Ich war entschlossen, nach der Gegend, wo die Hunde bellten,
zu reiten, und winkte sogleich mit der Hand.
Noch sollte mir ein kleiner Unfall begegnen. Nahe schon am Orte meiner
Bestimmung trank ich gerade in vollen Zügen das süße Glück, als ein
niedriger Baumzweig mir ins Auge fuhr, daß ich im Augenblicke nichts,
als einige Funken sah, und daß ich wund und blau wurde. Endlich bin ich
in der Stadt Ramle.
Um den Umfang des Philisterlandes zu würdigen, darf ich nur daran
erinnern, daß ich es an einem Tage in seiner Länge durchritt; die
Breite desselben ist nur unbedeutend. Die Erzählung von den Kriegen,
welche die Juden mit den Philistern führten, ist geeignet, die
Vorstellung von der Größe des Philisterlandes irre zu leiten.
Müde, aber sehr müde, gleichsam wie zerschlagen stieg ich am Stadtthore
ab. Man versicherte mich, daß man beim Reiten auf einem Kameele oder
Dromedare ähnlichen Beschwerden ausgesetzt sei, wie auf dem Schiffe.
Dies war bei mir wenigstens nicht der Fall, ohne daß ich die Aussage
eines Deutschen bezweifeln möchte, welcher dieses Reiten glatterdings
nicht ertragen konnte, und daher mit dem Reitthiere zu Fuß ging. Als
ein gutes Vorbauungsmittel gegen die Beschwerden, welche das Reiten
etwa verursachen könnte, empfiehlt man allgemein das feste Gürten des
Unterleibes. Auch ich bediente mich dieses Mittels, das mir in der That
sehr behagte.
Ich hatte Empfehlungen an zwei im Dienste des Vizekönigs stehende
Franken. Wie sollte ich sie bei Nacht in den menschenleeren Gassen
aufsuchen? Ich ließ an einem Hause derb anklopfen. Die Stille in
demselben verkündigte die Ruhe aller Hausgenossen. Doch man ließ vom
Klopfen nicht ab. Zum Glücke endlich öffnete ein halb gekleideter Mann
die Thüre. Er wußte die Wohnungen der bezeichneten Franken. Der Antheil
nehmende, gute Mann war bald beredet, mir jene zu zeigen. Leider
verfehlte ich die Franken, die sich in Akre befanden. Mir blieb nichts
übrig, als in dem lateinischen Hospizium der Spanier, die man mir eben
nicht zu ihrem Vortheile schilderte, Herberge zu nehmen.
Dieser Tag war ein unsriger Sommertag. Die Wolken, durch welche die
Strahlen der Sonne in Strähnen brachen, arbeiteten an einem Schauer,
und der Regen drohte bei der schwülen Witterung. Tags lärmten in großer
Menge die Thiere der Luft, die Vögel, und Nachts die Thiere der Erde,
die Insekten. Alles, was da lebt auf und über der Erde, singt Tag und
Nacht das Hochzeitlied, zur Freude der Menschen.
Ach, wie war ich bei meiner Müdigkeit froh, in einer fränkischen
Herberge ausruhen zu können. Von den Patres freundlich begrüßt, ward
ich ins Refektorium eingeladen. Sie setzten mir Eier, Fische, Käse,
Brot und Wein vor, und ich sättigte mich mit Wohlgefallen.
+Den 28.+
Ueber Nacht rollte Sommerdonner.
Ich wollte nach Jerusalem abreisen; allein da der Eseltreiber noch
durch das Beladen der Esel mit Fischen (vom Hospizium, welches mir
es verheimlichte) mich zum Warten nöthigte, und da ich unter solchen
Umständen nicht glauben durfte, daß ich noch bei Tageszeit in Jerusalem
anlangen würde, so blieb ich, obwohl sehr ungerne, zurück. Bereits
nämlich verließ ich das Hospizium. Ich stand schon am Orte, wo die
Esel beladen wurden; das Felleisen war schon aufgepackt. Ich drängte
auf schnelle Abreise. Es half nichts, indem der Muchero (Eseltreiber)
wähnen mochte, daß ich weder selbst das Felleisen forttragen, noch bei
der schwachen Morgendämmerung das Hospiz finden werde. Der Mann aber
thäte sich verrechnen. Ich hob das Felleisen auf die Schulter und trug
es ins Hospiz.
+Rama+, +Ramla+ oder +Ramle+, ungewiß das Arimathia der Bibel, ist
weder hübsch, noch groß, aber in einer sehr fruchtbaren Gegend
und unter einem milden Himmel. Auch hier liegen Ueberbleibsel von
Alterthümern, z. B. Säulen, herum. Von der Stadt aus eröffnet sich eine
köstliche Aussicht ins Gebirge Juda bis zum Ephraim.
Der Bassar ist unansehnlich. Ich konnte der Anlockung nicht
widerstehen, Brot und einige Früchte zu kaufen, die ich mit Lust
verzehrte.
Zum Zeitvertreibe besuchte ich das griechische Kloster, welches
ebenfalls Pilger beherbergt. Der Erzpriester empfing mich mit vieler
Freundlichkeit, verstand aber keine der fränkischen Sprachen, und so
mußten wir uns begnügen, einander anzuschauen, was doch unstreitig viel
bequemer ist, als eine auf Nadeln setzende Anrede von Komplimenten zu
halten.
Ende der Reise nach Jerusalem.
Uebereinkunft unter den Augen der ~reverendissimi patres~; Abreise um
vier Uhr Morgens; Trümmerchroniken; St. Jeremias und sein Brunnen;
Terebinthenthal; Einförmigkeit des Judagebirges; ~si mira Gerusalemme~;
im Neuhause abgestiegen; vortrefflicher Wein; vor Freude fast Leid am
Moriah.
+Sonntags den 29. Wintermonat.+
Ich habe mich einen Abend vorher mit dem asiatischen Eseltreiber des
Hospiziums unter den Augen der Mönche abgefunden. Heute griff man der
gestrigen Vergeßlichkeit damit unter die Arme, daß man mein Gepäcke
ohne größere Bezahlung nicht mitnehmen wollte. Mit dem Hospizium
war kein Streit anzufangen. Froh, von nicht sehr würdigen Vätern
mich einmal entfernen zu können, gab ich nach, obgleich ich über das
Vorgefallene ein wenig schmollte. Weit mehr ärgerte mich, daß der roth-
und triefäugige Knecht des Hospiz mir die Flasche voll Rhum zerschlug
oder zerbrechen ließ.
Etwa um vier Uhr in der Frühe reiste ich einzig in Begleit eines jungen
Menschen ab. Ich durchritt eine Ebene, welche die Nacht mir verbarg.
Beim Grauen des Tages erreichte ich den Anfang des Gebirges von Juda.
Auf einem Hügel hart am Wege stand ein Dörfchen. Nun schlängelte sich
der Weg gegen Morgen durch ein Thal, dessen Hügel allmälig zu Bergen
sich aufthürmten. Der Paß ist nur eine kurze Strecke enge. Hie und
da unterbrechen den Boden Bäume und der Pflug. Ueberdies wird die
Gegend durch die lärmenden Hirten belebt. Bevor man den Scheitel
des nächsten Berges gewinnt, wo eine schöne Fernsicht bis auf das
Mittelmeer sich aufschließt, erblickt man rechter Hand, auf einem
Hügel, vom Wege unfern ein Dorf inmitten von Oelbäumen. Dort mag die
Hälfte des Weges von Ramle bis Jerusalem sein. Von dem Scheitel jenes
Berges läuft der Weg zuerst ziemlich eben, dann hinunter und hinauf.
Jetzt hinuntersteigend, kommt man an dem Dorfe St. Jeremias vorüber,
welches an die nördliche Abdachung eines Berges gebaut ist. Den heitern
Blick desselben erwiedern mit einem ernsten und finstern einige Ruinen
daneben, welche wohl aus den Zeiten der Kreuzzüge stammen. Diese, wie
andere Trümmer an verschiedenen Stellen im Gesichtskreise auf der
Bergreise sprechen wie Chroniken. In Jeremias ist das jüdische Gebirge
milde; der Feigenbaum trug noch die Blätter, während die Kälte sie in
höhern Gegenden gepflückt hat.
Gelangt man von St. Jeremias ins Thal, so zieht rechterseits ein
Brunnen die Aufmerksamkeit auf sich. Es liegen jetzt noch Stücke einer
Marmorsäule herum. Sie war vielleicht ein Bestandtheil der Verzierung
eines Brunnentempels. Weiter beginnt das Weinland. Die Rebe steht da
stämmig wie ein Baum, ohne Stütze, ohne Band. Der Blätter gelbe Farbe
feierte den Herbst. Auch anderwärts am Wege nach Jerusalem trifft man
Weinfeld.
Ich bestieg dann eine Bergspitze mit malerischer Aussicht -- auf den
wenigstens anderthalb Stunden offen liegenden Weg. Darauf kam ich
in eine tiefe Thalschlucht, ins Terebinthenthal, ehe ich aber sie
erreichte, an einem Brunnen vorüber, auf dem eine arabische Inschrift
steht. Die Sitte der alten Morgenländer befolgend, errichten die
Mohammetaner über den Quellen kleine Tempel. In der Thalschlucht
selbst, welche von dem Laub der Feigen- und Zitronenbäume beschattet
wird, weilt das Auge des Wanderers auf einem ziemlich freundlichen
kleinen Dorfe. Von dem Bollwerk einer Ruine herunter redete mich ein
Mann an, der vielleicht mich gastlich einladen wollte.
Jetzt ging es auf die letzte Bergkuppe, fast oben neben einer langen
Reihe von Kameelen langsamen Schrittes gegen Sonnenuntergang.
Der Weg auf dem Juda ist zwar ein wenig schmal, doch schwierig
nirgends, vielmehr überall deutlich, fest ausgetreten, in Summa
fürtrefflich für den, welcher die schweizerischen Berge bereiset hat.
Neben diesem Wege erhebt sich das Land hier und da stufenförmig, gleich
Weingärten, was unzweifelhaft läßt, daß der Anbau des Bodens einst weit
mehr geblühet hatte. Gleich am Eingange ins Gebirge erkennt man ohne
Mühe die Vierecke der Felder, nunmehr voll kleineren Steingerölles.
Auf Geschiebe stößt man im Gebirge ungemein häufig, und der Hauptzug
desselben ist Kahlheit. Zwischen den Steinen und Felsen gedeihen
wohl gewürzhafte Kräuter, grüne Gebüsche, lachende Bäume; allein
diese sind unvermögend, die Gegend im Ganzen lieblich und freundlich
zu kleiden. Im Uebrigen verdient der Juda wirklich den Namen eines
Gebirges, selbst nach dem Wörterbuche des Hochländers; nur mangeln
höhere Berge, die einen majestätischen Eindruck machen. Meist sind die
jüdischen abgerundet, und böschen sich gleichmäßig. Kein Bach wälzte
sich rauschend bergab durch die Schluchten und Thäler; nirgends tosete
der Berggeist in wildem Schaum über einen Felsabsturz; ich konnte im
Terebinthenthale höchstens über eine Brücke setzen, welche über einen
trockenen Bach sich wölbte.
Auf dem Wege über das Gebirge begegneten mir nicht selten Leute,
darunter unverschleierte, aber eben nicht schöne Frauen und
Mädchen, auch ein Weib auf einem Kameele. Mein Hut vor Allem schien
sie zu befremden. Einigen las man auf ihren Gesichtern: Ach wäre
nur die Polizei nicht so strenge, wie gerne wollte ich diesen
Menschen ausplündern. Möchten die leidenschaftlichsten Gegner
einen +Mehemet-Ali+ und +Ibrahim-Pascha+ nur als Urheber zahlloser
Ungerechtigkeiten und Verbrechen auslästern, so viel Unparteilichkeit
werden auch sie besitzen, um diesen Männern nachzurühmen, daß unter
ihrem mächtigen Arme die Abendländer eines unschätzbaren Gutes, nämlich
öffentlicher Sicherheit, sich erfreuen.
Wie ich auf dem letzten Bergscheitel stand, entschwebte mir der
Gedanke, daß ich von der Tochter Zions nicht mehr ferne sein
könne. Ich durfte eine kurze, nicht sehr merklich abschüssige
Strecke fortrücken, bis ich weißgraue Thürme und Streifen von Mauern
erblickte. Ich hielt sie für +Jerusalem+. Ich wurde in dieser Meinung
bestärkt, weil Weiber, nach Art der Marktleute, mit beladenen Köpfen
uns begegneten. Als ich zudem das Schmettern der Trompeten vernahm,
gerieth meine Seele in den Zustand der größten Spannung. Noch ein wenig
weiter, und der Führer, ein arabischer Jüngling, schlug auf einmal
meine Ungewißheit aus dem Felde, mit den fränkischen Worten: ~Si mira
Gerusalemme~ (Man sieht Jerusalem). Da ist denn die Schaubühne so
verschiedenartiger Auftritte, so schroffer Zerwürfnisse, so blutiger
Kriege, so mächtiger Umwälzungen, so harter Drangsale, so freudiger
Begeisterungen. Das ist die vielgenannte Stadt, wie keine auf dem
ganzen Erdballe so reich an Erinnerungen für den gläubigen Christen und
den Staub von Israel.
Glaubst du Jerusalem in einem Thale, wo es von oben her einen
köstlichen Anblick darbiete? Du lebst in der Täuschung. Es liegt
nur wenig tiefer, als der letzte Bergscheitel und von diesem in der
Entfernung etwa einer kleinen Stunde. Glaubst du Jerusalem in der
Mitte anmuthiger Fluren? Du wirst dir der lieblichen Trugbilder
aufs schmerzlichste bewußt. Der Weg leitete bloß durch steinigen
Boden, wie ihn +Strabo+ schon nannte, selbst bis zu den Mauern; das
seltene Grün zwischen den Felsen und Geschieben leistet wenig oder
keine Entschädigung. Als die Stadt ganz nahe vor mir lag, so erschien
sie ohne eigentliche Bedeutung und ohne Pracht. Eben übte sich das
egyptische Militär in den Waffen vor den Mauern am Berge Gihon, und
die Einsilbigkeit der Stadt ließ mir Muße übrig, das Kriegsvolk zu
durchmustern.
Ich kam etwa um zwei Uhr Nachmittags im Zickzack durch das Jaffathor,
und wenn auf dem ganzen Wege mein Auge in keinem einzigen murmelnden
Bächlein sich badete, so fiel mir gleich eine Pfütze auf, mitten
in der äußerst schlecht gepflasterten Gasse. Diese Pfütze, dieses
Straßenpflaster und elende Häuser, -- das ist, was in Jerusalem zuerst
meinen Blick fesselte. In die zweite Gasse links bogen wir ab. Bald
erreichten wir das Neuhaus (~casa nuova~), ein Gebäude, welches
dem Kloster der Franziskaner oder des Erlösers (S. Salvatore) angehört,
wiewohl ein Gäßchen jenes von letzterem trennt.
Mein Gepäcke wurde in den Hof des Neuhauses gelegt und, nachdem mir von
dem freundlichen Klosterverwalter der Aufenthalt bewilliget worden,
in ein Zimmer geschafft. Ich schnitt ein saures Gesicht, als ich
vergebens Fenster suchte. Auf meiner Wanderung über das Judengebirge
war es kühl, jetzt fing es mich an den Füßen ordentlich zu frieren an,
und später fror es mich so stark, daß ich Mühe hatte, mich zu erwärmen.
Da das Mittagessen schon vorüber war, so mußte ich mit übrig
gebliebenen Speisen mich begnügen. Der reichlich vorgesetzte Wein
schmeckte mir vortrefflich, und je mehr ich nippte, desto herrlicher
mundete mir der edle Saft der Rebe. Auch genoß ich seit meiner Abreise
von Kairo kein schöneres und besseres Brot.
Ich verspürte einige Müdigkeit, zwar nicht vom Gehen, obschon ich den
weitaus größten Theil des Gebirgsweges zu Fuß zurücklegte, sondern vom
Reiten wegen des unförmlich breiten Sattels. Darum unternahm ich diesen
Tag nur noch einen kleinen Spaziergang durch etliche Gassen der Stadt.
In meiner frohmüthigen Stimmung zu Jerusalem zwischen dem Gehinnon und
Josaphat, dem Zion und Oelberg und Golgatha sang ich mitten durch den
Bassar unter der Menge von Menschen. Mein Gesang aber hörte plötzlich
auf. Warum? Das will ich erzählen. Bei meinem Mangel der nähern
Kenntnisse von der Stadt schritt ich arglos durch das Thor an der
Vormauer der Omarsmoschee, welche auf der Stelle des Salomonstempels
erbaut sein soll. Die Mohammetaner liefen gegen mich drohend heran,
ich merkte, den Tempel im Angesichte, daß ich mich verging, und
unverzüglich kehrte ich um. Mein unsaumseliges Benehmen hatte jedoch
keine andere Folge, als die, daß der Gesang sich in Pausen auflöste.
Jerusalem.
Oertliche und klimatische Verhältnisse.
Jerusalem oder Soliman, bei den Arabern El-Kots (die Heilige),
liegt an einem ziemlich steilen Bergabhange. Der Berg beginnt eben
sich schroffer zu senken, und es erheben sich die Mauern der Stadt,
auf drei Seiten von einem tiefen und schmalen Thale, wie von einem
Festungsgraben, umgeben. Die Natur war so zuvorkommend, um die Stadt zu
befestigen, daß die Kunst aus Dankbarkeit ihren Theil beitragen sollte.
Beinahe in der Mitte der Abendseite der Stadtmauern steht das Jaffathor
(Bab-el-Kalil). Hier beginnt das Thal Gihon, streicht, den Berg Gihon
zur Rechten, eine kurze Strecke gegen Mittag, und läßt kaum einen zum
Theil verschütteten, zur Zeit wasserleeren Teich, den Teich Berseba
(nach +Jonas Korte+) oder Bethsabe (nach einem andern Schriftsteller),
zurück, als es sich gegen Morgen wendet, unter dem Namen Gehinnon etwa
eine halbe Viertelstunde weit, um links mit dem Thale Kidron oder
Josaphat zusammenzustoßen. Das letztere Thal, von der Brücke an keine
Viertelstunde lang, geht von Mitternacht gegen Mittag. In dem Thale
Gihon fließt der Bach Gihon, und in dem Thale Kidron der Bach Kidron.
Der Wasserüberfluß ergießt sich in den Lothssee (todte Meer). Also
auf drei Seiten ist Jerusalem von einer Thalschlucht umfangen: auf
der Bethlehem nähern Abendseite vom Gihon, auf der Mittagsseite vom
Gehinnon und auf der Morgenseite vom Kidron. Indeß ist vom Jaffathor an
gegen Mitternacht, wo die Stadtmauer gegen Sonnenaufgang umlenkt, gegen
Emaus und vor dem Damaskusthore kein Thal, sondern ziemlich ebenes,
aber rauhes Land.
Der Boden der Stadt ist uneben; im Allgemeinen neigt er sich nach der
aufgehenden Sonne. Eine Felsanhöhe und zwei Hügel sind deutlich zu
unterscheiden. Der Zion steigt von Mitternacht sehr sanft an. Desto
schroffer stürzt er gegen die Bergthäler Gihon und Gehinnon. Zion
nennen die heutigen Schriftsteller die Felsanhöhe im Winkel dieser
Thäler. Das Thor, welches auf den Zion sich öffnet, heißt Zions- oder
Davidsthor (Bab-el-Nabi-Daud), und man gelangt nicht geradenweges
über die Schlucht Gehinnon zu der gegenüberstehenden Schluchtlehne
Hinnon, über welche der Weg nach Bethlehem weiset, sondern man geht
durch das Zionsthor und das Jaffathor, bis man auf langem Umwege
dem Zion gegenüber sich befindet. -- Das Franziskanerkloster liegt
im Nordwest der Stadt. Beim Neuhause geht es steil hügelan. Wenn man
durch die Thüre von Mitternacht her zu ebener Erde eingeht, so muß
man mehrere Treppenstufen hinuntersteigen, bis man auf der Südseite
zu ebener Erde herauskommt. Selbst die Gasse südlich am Kloster fällt
gähe gegen Morgen. Ich will den Liebhabern alter Namen die Freude nicht
mißgönnen, diesen Hügel im Nordwest der Stadt +Akra+ zu benennen, ob
er gleich, darf ich meinen Augen trauen, an Höhe den Zion übertrifft,
welcher, wenn ich recht deute, einst die Oberstadt hieß. -- Unter dem
Akra, dem Josaphatsthale näher, im Nordwest der Stadt erhebt sich
ein anderer Hügel. Der Bequemlichkeit willen in der Beschreibung und
des geschichtlichen Anklanges wegen belege ich ihn mit dem Namen
+Bezetha+. Der Anfang der sogenannten Schmerzensgasse (~via dolorosa~)
richtet sich in ziemlicher Neigung von Morgen gegen Abend, und von
dort zieht eine andere Gasse auf der entgegengesetzten Seite und in
entgegengesetzter Neigung von Abend gegen Morgen, nämlich gegen das
Josaphatsthal. Unter den Stadtmauern durchgängig hat dieses Thal
besonders gähe Wände. -- Die Moschee +Omars+ soll auf der Felsnadel
+Moriah+ stehen, wo der weise König +Salomo+ die Baustelle für den
Tempel kaum groß genug fand, weil sie, „überall gähe, gegen das Thal
hing (+Flavius Josephus+)“. Die Felsnadel war längst abgetragen. Moriah
steht von Mittag dem Bezetha gegenüber, wie der Zion dem Akra. Und die
vier Anhöhen oder Hügel in Jerusalem heißen, nach den alten Urkunden,
Moriah und Bezetha, Zion und Akra. Ich aber unterschied mehr nicht, als
zwei Hügel; denn Zion ist eine Felsanhöhe, und der Name Berg verwirrt
in der Sprache der Deutschen den Sinn.
Ich ermangelte nicht, +Flavius Josephus+, welcher nicht lange nach
+Christus+ lebte, so genau, als möglich zu vergleichen. Aufrichtiges
Geständniß der Unzulänglichkeit im Verstehen fördert das Gedeihen
der Wahrheit mehr, als unklare, anmaßende Vielwisserei. Wie man mich
auch immer beurtheilen mag, ich gestehe frischweg, daß ich nicht im
Stande war, das Dunkel völlig zu verdrängen, welches einige Stellen
in der Lagebeschreibung des Jerusalemers +Josephus+ umschwebt. Mich
spornt keine Lust an, gesehen zu haben, was ich nicht gesehen hatte.
Denjenigen, welche sich mit der Erklärung behelfen, daß durch gewaltige
Naturereignisse der Boden Jerusalems eine andere Gestalt angenommen
habe, erwiedere ich mit den Worten: Warum ragen noch so merkwürdige
Ueberbleibsel des hohen Alterthums in unser Zeitalter herein, hier
der Brunnen in der Tiefe zwischen Moriah und Zion, jenseits am Kidron
die Grabmale, dort außer der Stadt gegen Mitternacht die Grabhöhlen?
Ich will allerdings die außerordentliche Zerstörung und Umwandlung
Jerusalems gerne zugeben, und in Kraft dessen selbst bemerken, daß
ich keinen einzigen von jenen +ganzen+ Steinen antraf, welche, nach
der Geschichte, zwanzig Ellen lang und zehn breit waren. Man fragt
mit Erstaunen: Wohin sind sie denn verschwunden? Wer hat sogar diese
schweren Massen entführt oder zerstört? So wenig oder schwer ich
+Flavius Josephus+ verstehe, so treu und faßlich finde ich dagegen die
Ortszeichnung des Pilgers +Hans Jakob Ammann+, welcher ihr mit den
Schweizer-Wörtern „Halden“ und, dem „Tobel“ Josaphat gleichsam eine
vaterländische Farbe auftrug.
Zur Zeit meines Aufenthaltes flossen in Jerusalem keine Bäche, weder
der Kidron, noch der Gihon. Jener ist ein wildes Wasser bei stärkerem
und anhaltenderem Regen.
Die Grundlage ist etwas röthlicher und so harter Kalkfelsen, daß er
die Politur nicht versagt. An vielen Orten tritt er nackt hervor, und
an andern überkleidet ihn eine dünne Schichte von Erde und vielen
kleinen Geröllen. Der Boden ist demnach weder gut zur Weide, noch
zum Anbaue. Mit Mühe sucht das Auge die Palmen, gleich wären sie aus
Egypten hieher verbannt. Oel- und Feigenbäume, fast die einzigen
Stammgewächse, verdichten sich nicht zu Wäldern wie bei Gaza und Ramle,
sondern stehen ziemlich einzeln. Von unausdauernden, wildwachsenden
Pflanzen verbreiten mehrere einen gar angenehmen Geruch. An wenigen
Stellen wird das Grün der Wiesen von den Steinen nicht unterbrochen.
Wo man es erblickt, wirkt seine Lebhaftigkeit wohlthuend, und wenn man
die Kühe darauf grasen sieht, möchte man in patriarchalischem Entzücken
die Steine und Gerölle der Wüste vergessen. Langsam gleitet der Pflug
an den Abhängen des Kidrons und Gehinnons. Derselbe ist einfach genug,
daß er die Steingeschiebe oder die Schuttsteine nicht scheuen darf. Ein
Eisen, das in die Erde wühlt, ein dünner Baum, welcher dieses Eisen
hält und den Zugstrick aufnimmt, noch eine Handhabe hinten für den
Ackermann, -- das ist der Pflug unter dem Moriah, auf welchem ehemals
der reiche Tempel des israelitischen Volkes stolz emporstrebte. In
den Thälern, worin einst so heilige Stimmen hinauf zum Throne Jehovas
erhallten, zittert jetzt die Luft von dem rohen Geschrei des Pflügers.
Nicht allein der Strich gegen Ramle, wohl aber die ganze Umgegend trägt
überhaupt das Gepräge der Unebenheit, der Zerrissenheit, der Kahlheit,
der Unergibigkeit. Was ist nachsichtiger, als die Vaterlandsliebem
welche die Häßlichkeit einer Gegend läugnen kann?
Der Himmel ist weit minder heiß, als in Kairo. Der Ostwind wehte
kalt. Während des Sommers regnet es äußerst selten, und die strengern
Wintermonate sind die eigentliche Regenzeit. In der regenreichern Zeit
herrscht nasse Kälte und fällt manchmal Schnee[1]. Mir dünkt, daß
die Einwohner, vorzüglich die Weiber, zu wenig gegen die Kälte sich
schützen. Auch sind die Fensterscheiben eine Seltenheit, während sie
doch zu Kairo in Menge vorgefunden werden.
Gesundheitszustand und Bevölkerung.
Jerusalems Lage und Himmelsstrich hält man für ungesund. Wechselfieber,
Durchfälle und Ruhren kommen häufig vor. Der in dieser Stadt
stazionirte egyptische Militärarzt, ein Italiener, machte mir die
Mittheilung, daß es gegenwärtig mehrere Ruhrfälle unter den Truppen
gebe. Selbst die Pest verschont die Stadt +Davids+ keinesweges und
im laufenden Jahre sah man sie übel haushalten. Die Egypzier sollen
in der Regel im ersten Monate ihres Aufenthaltes zu Jerusalem von
einer Unpäßlichkeit befallen werden, nach und nach aber sich gut
an die Gegend gewöhnen. Es gebrach mir an Zeit zur Einsicht in die
Todtenbücher, um über die Sterblichkeit ein haltbareres Urtheil zu
fällen. Ebenso wenig darf ich rühmen, etwas Zuverlässiges über die
Bevölkerung vorführen zu können. Den bisherigen Angaben mangelt es an
Gründlichkeit, und neue Vermuthungen, die meinige von 12,000 Seelen,
würden sich gerade mit dem gleichen Vorwurfe strafen.
Bauart der Stadt.
Die Stadt ist von zickzackigen, hohen, hin und wieder zu Thürmen
emporragenden, massiven, festen Mauern umringt. Außerhalb läuft neben
diesen ein Fußweg im ganzen Umfange. Die Stadt, immerhin nicht groß,
ist von Südwest nach Nordost am längsten. Wäre eine gerade und gute
Straße angelegt, so würde man sie in einer starken halben Viertelstunde
gehen.
Die Gassen sind krumm, dabei zwar gepflastert, aber ungemein schlecht.
Ein oder mehrere Pflastersteine fehlen häufig. Die Gasse hat zur Seite
einen unebenen, erhabenen Weg für die Fußgänger und eine tiefere,
hier und da sehr schmale Mitte für eine andere Art Fußgänger, -- für
die Thiere. Oft stockt hier übelriechendes Wasser, zum mindesten
in der Regenzeit, und der große Schmutz macht das Gehen zu einem
überaus lästigen Geschäfte. Die erhabenen Fußwege sind so schmal,
daß zwei Personen, die einander begegnen, sich, oft nicht ohne Mühe,
umdrehen müssen, um vorüberzuschreiten. Wie treffend wären +Ammanns+
Worte: +Jerusalem hat viele wüste, unsaubere Gassen+, für das heutige
Soliman. Man kann sich nicht verhehlen, Jerusalem eignet sich nicht am
schlechtesten zum Sitze einer gewissen weltweisen Schule.
Die Bassar sehen aus, wie in andern Städten, sind aber an
Unansehnlichkeit und Schmutzigkeit vielen überlegen. Einer ist gewölbt,
und das Gewölbe von einer Entfernung zur andern mit einer viereckigen
Oeffnung durchbrochen, wodurch das Licht der Sonne auf Gasse und Buden
strömt.
Die Stadt besitzt viele unterirdische Gänge zur Ableitung der
Unreinigkeiten und des Wassers. Eben grub man auf dem Hügel Bezetha, wo
jetzt eine Kaserne steht, und wo einst der Palast des Herodes gestanden
haben soll. Man stieß etwa zehn Fuß in der Tiefe der Gasse auf einen
alten Gang, dessen Mauerwerk man von einander riß, um daraus einen
neuen zu bauen.
Die Häuser haben entweder platte, oder kuppelförmige Dächer ohne
Ziegel, sind nicht hoch und durchwegs von Stein; viele altern und
weichen aus dem Senkel. Thüren und Läden scheinen zufällig durch den
Wind hingeweht. Im Abendlande würde man über die meisten Häuser als
Armseligkeiten die Achsel zucken und diejenigen bedauern, welche
darin wohnen müßten. Eine große Zahl europäischer Beuchhütten
verdiente im Vergleiche mit einer Menge Jerusalemer-Häuser den Namen
schöner Gebäude. Neben und mit so manchen bewohnten Häusern im
beßten Einvernehmen erhalten sich nicht selten Ruinen, wie: Gewölbe,
umgestürzte Marmorsäulen oder aufrecht stehende Säulenstümpfe. Von
Wehmuth ergriffen, wandelte ich unter diesen Siechen und Leichen,
welche in unsern Tagen den Dienst erfüllen, daß sie das Andenken an
die Größe und den Reichthum der Vorwelt auffrischen, während jetzt
Kleinliches und Armseliges den Blick ermüden und verdüstern. Aus
Jerusalem insbesondere ergeht der ernste Ruf, über den Wechsel der
Dinge Betrachtungen anzustellen. Vor zwei Jahrtausenden würden es gewiß
Wenige vom Volke Israel geglaubt haben, wenn man prophezeit hätte,
daß die aramäische Sprache im Fortschritte der Zeit innerhalb der
Markung Judäas die Herrschaft verlöre. Dafür wimmelt heute in der Stadt
ein Babylon von Sprachen: das Arabische, Griechische, Lateinische,
Italienische u. s. f., das Arabische selbst im Munde der Hebräer.
Eroberungen von Ländern und Völkern folgt immer zuletzt und am
zähesten die Eroberung des geistigen Volksschatzes, der Sprache.
Und da ich gerade von den Sprachen rede, so bemerke ich im Vorbeigehen,
daß in dem Theile des Morgenlandes, welchen ich bereisete, unter den
abendländischen Sprachen die italienische oder die sogenannte ~lingua
franca~ überwiegt. Man würde zwar mit der französischen Sprache in
Kairo recht gut, nicht aber an allen übrigen Frankenorten ausreichen.
Die Kirche des Christusgrabes.
Der Geist, in dem man die gefeierten Stellen besucht, darf weder zu
zweiflerisch, noch allzu gläubig sein. Es unterliegt keiner Frage,
daß mehrere große Ereignisse, deren die Schrift erwähnt, in Jerusalem
und seinem Weichbilde sich aufgerollt haben; aber: Wo? -- ob nun denn
beim Fuß und Zoll hier und nicht dort, hüben und nicht drüben, oben
und nicht unten, -- das stelle man doch, bei der Fülle allwissender
Ueberlieferungen und bei der Dürftigkeit an rein geschichtlichen
Haltpunkten, in den heiligen Zufluchtsort der Menschenseele, ohne zu
verunglimpfen oder -- zu verketzern. Zur Annahme der Wunder selbst sich
zu bekennen, gehört nicht einmal zur Recht- und Strenggläubigkeit im
engern Verstande, damit auch nicht zur Ketzerei, so man anders dieses
Wort hier gebrauchen darf.
Wenn der Anblick der Häuser für die Anstrengungen der Reise wenig
Entschädigung verspricht, so überrascht hingegen aufs angenehmste die
Kirche des Christusgrabes durch ihre Größe und den Adel ihres Baustyls.
Der majestätische Dom rührt den Christen, zieht ihn an, ladet ihn
ein. Die Kirche liegt unter dem Kloster des Erlösers und über der
Omarsmoschee, ungefähr in der Mitte des Dreiecks, wenn man eine Linie
vom Zion zum Bezetha, vom Bezetha zum Akra und vom Akra zum Zion zieht.
Es war an einem Montage, als ich den Tempel besuchen wollte. Ich
ging mehr, denn einmal vergeblich zur Thüre. Indeß öffneten die
Griechen dieselbe ebenso wenig ihren glaubensverwandten Pilgern,
welche sich vor der Kirche in ziemlicher Anzahl versammelten. Tages
darauf hatte ich die Freude, die Grabeskirche offen zu sehen. Ich
trat hinein, und siehe, da hockten zur Linken zwei Türken in aller
Bequemlichkeit auf dem Diwane, indem sie eine Pfeife rauchten und
ihre lebhaften, schwarzen Augen sehr weltlich herumdrehten. Ehemals
galt es als eine Art Begünstigung, wenn man gegen Erlegung eines
Kopfgeldes das Christusgrab besuchen durfte. Ohne Anstand wird jetzt
der Zutritt zu den Heiligthümern gestattet. Die Christen verdanken
die Abschaffung der mannigfachen Scherereien dem Bezwinger Syriens,
+Ibrahim-Pascha+.
Hier bin ich nun im Tempel, der, nach der Behauptung der Gläubigen,
sich über Golgatha und das Grab +Christi+ wölbt. Wer zählt die
Andächtigen, welche in dem Gotteshause schon Labsal tranken? Wer möchte
aber auch die abscheulichen Auftritte des Parteihasses unter den
verschiedenen Bekennern der christlichen Religion schildern? Gleich
beim Eintritt in die Kirche fallen marmorne Steinplatten, nahe in
der Mitte zwischen Golgatha und dem Grabe, auf. Dort soll +Christus+
gesalbet worden sein. Wendet man sich links, d. h., gegen Abend, so
sieht man eine über den Boden der Kirche und des Kirchenplatzes sich
erhebende kleine Kapelle, welcher die Merkzeichen des Felsens oder
der Felsenhöhle abgehen. Sie heißt Grabeskapelle. Wenn sie äußerlich
nicht dem Künstler genügt, so mag sie doch den Freund irdischen Glanzes
befriedigen. Der Eingang in das Innere ist so enge, daß nicht zwei
Menschen neben einander durchkommen könnten. Darin wird +das heilige
Grab+ oder das Grab +Jesu Christi+ verehrt. Dem Eintretenden steht zur
Rechten, als das Grabmal, ein platt gedeckter, etwa einen halben Fuß
hoher, von Morgen gegen Abend gerichteter Sarg, aus weißem Marmor,
worüber eine schwere Menge blendend funkelnder Goldleuchter hängt. Auf
der andern Seite der Kirche, gegen Morgen, führt, wie es heißt, +unter
dem Kalvarienfelsen+ eine Treppe in einen Keller, die Kapelle +Adams+.
Was ich aber von Golgatha und dem Grabe im wahren Grunde halte, werde
ich später mit Umständlichkeit erörtern.
An der Wandung der Kirche wechseln viele Altäre. Die Lateiner besitzen
eine besondere Kapelle. Lateinische Pilger weilen wohl auch drei Tage
und drei Nächte in dem Tempel. Man bringt dannzumal die Speisen aus
dem Kloster in die Küche der Kirche, um sie hier aufzuwärmen und zu
vertheilen.
Die Griechen können unmöglich verbergen, daß sie über das Christusgrab
den Meister spielen. Sie betragen sich sehr hochmüthig, und schauen
mit Verachtung auf die andersdenkenden Christen herab. Es ist in der
That eine wohlthätige Maßregel, daß die +Mohammetaner in der ersten
Kirche der Christenheit Polizei halten+. Unzweifelhaft wären sonst
die Zänkereien und Balgereien unter den Nazarenern des verschiedenen
Kirchengebrauches weit häufiger und ernster. -- Einige Gläubige konnten
sich nicht oft genug niederwerfen und bekreuzen.
Vor und in der Kirche schwärmen zudringliche Bettler herum, die
wahrhaft Aergerniß erregen. Neben denselben werden von Andern an der
Kirchenpforte Kreuze und andere ~sante cose~ (Heiligthümer), z. B.
der ausgeschnitzte +Christus+ am Kreuze, feil geboten. Die Christen
in Jerusalem sorgen gar wohl dafür, daß der Pilger, ehe er die
Schwelle der Grabeskirche überschreitet, das Einmaleins wiederhole,
und sich der vergänglichen Güter, des Geldes, erinnere. Es verdient
doch wohl die Beherzigung eines Jeglichen, daß um den Baum eines zwar
unerschütterlichen, aber nicht verdauten Glaubens an die Lehren aus
dem Munde der Priester und Gesetzkenner -- die Wucherpflanzen der
Weltbegierde gerne ihre Netze stricken, wenn diese Priester und diese
Gesetzkenner in ihrem Eifer vergessen, auf den Stamm des Glaubens die
Zweige der Tugend zu pfropfen.
Ich kann mich vom Grabe +Christi+ nicht entfernen, ohne einer
schaudervollen Begebenheit zu gedenken. Als um das Neujahr 1834 der
Feldherr +Ibrahim+ dasselbe besuchte, entstand ein solches Gedränge,
daß in der Kirche zweihundert Menschen vom Leben abgerufen wurden,
ohne diejenigen in Rechnung zu bringen, welche an der Pforte im
Gedränge sogleich oder später in Folge desselben starben. Ein Pater
erzählte mir, wie er über die Todten wandeln mußte, und einen andern
erschütterte das gräuelvolle Schauspiel so tief, daß er seither an
Schwermuth leidet.
Und nun halte ich stille, um auf die Schädel- und Grabstätte
zurückzublicken. Habe ich denn viel Lohnendes wahrgenommen? Wurden
meine Erwartungen erfüllt? Ich will meiner Antwort einige Worte
vorausschicken, in Erinnerung der Menge, von welcher die Jetztzeit
unbedenklich des Unglaubens beschuldiget wird. Ich will zuerst Männer
reden lassen, welche, nach der Volksmeinung, in der guten Vorzeit
des Glaubens lebten. Nachdem +Salomo Schweigger+, der Pilger des
sechszehnten Jahrhunderts, die Heiligthümer Jerusalems angeführt,
bricht er in das unumwundene Geständniß aus: Ich für meine Person
habe all’ dergleichen Heiligthümer anders nicht gesehen, sind mir
auch weniger zu Herzen gegangen, als das geringste Ding. Ich kann
auch +weniger davon sagen, als wenn ich nie wäre daselbst gewesen,
ausgenommen das heilig Grab+. So weit +Schweigger+, dem ich die
Unparteilichkeit schuldig bin, seine Worte über dieses Heiligthum
anzuführen. Das heilig Grab, spricht er, bedünkt mich aber kein
erdichtet Heilthum, sondern in Wahrheit das Grab +Christi+ zu sein,
in Ansehung, daß dasselbige ohne Schrecken und +ohn’ Entsetzen von
Niemand+, es seien Christen oder Türken, +mag gesehen werden+. Denn als
ich’s gesehen, ging ich nicht dergestalt hinein, als hielt’ ich’s für
das Grab +Christi+, sondern, wie alle anderen Heilthümer mir verdächtig
waren, als wenn es nur erdichtete Heilthümer wären oder Geldnetze, also
auch dies. Als ich aber hineinkam in das Gewölb, kam mich und auch die
Herren aus der Gesellschaft solche Furcht und Schrecken an, daß uns
alle Härlein gen Berg standen, und uns bedünkte, wir schwebten zwischen
Himmel und Erden, ja als wären wir von der Erden verzuckt. Es erweckt
auch eine solche herzliche Andacht und Eifer in uns gegen +Christo+
zum Gebet und christlicher Danksagung, daß’s über alle Maßen ist. Wie
man eben von +Schweigger+ vernimmt, unterlag er am Christusgrabe einem
so außerordentlichen Eindrucke, daß man seine Worte zwar nicht in
Abrede stellt, aber doch kaum begreift, weil so Manche heutzutage dahin
wallen, ohne über die Maßen ergriffen zu werden. +Hans Jakob Ammann+,
der im Jahre 1613 das Christusgrab besuchte, drückt sich so aus: Auf
jetzt beschriebene Weise wird das +heilig Grab+ gezeigt, und +siehet,
der dahin reiset, von dem Orte des Felses, da Christus begraben, ebenso
viel, als der, so gar nicht dahin kommt+........ Ob man schon die Leute
also bereden will, es sei das rechte in Felsen gehauene Grab, so hab
ich doch das Widerspiel augenscheinlich gefunden, da ich mit einem
Messer den Kalk zwischen den Fugen, da die marmelsteinernen Tafeln
zusammengestoßen, herausgestochen, und keinen Felsen, sondern nur
Mauern gefunden habe.
So sprachen vor Jahrhunderten +Schweigger+ und +Ammann+, der eine gegen
die Echtheit von Golgatha, der andere gegen die des Christusgrabes.
Jetzt werde ich mich selbst bestreben, eine der wichtigsten Fragen aus
der Ortsbeschreibung Jerusalems zu lösen.
Liegt das Grab Christi in oder außer der jetzigen Stadt Jerusalem?
Es schiene im hohen Grade befremdend, wenn eine so wichtige Stätte,
wie das Christusgrab, von den Urchristen nicht genau ins Auge gefaßt,
und diese Ortskunde nicht von Geschlecht auf Geschlecht mündlich
überliefert worden wäre. Schenkt man, wird man entgegenhalten, so
vielen weltlichen Stellen Aufmerksamkeit und Glauben, so fordert die
Gerechtigkeit, daß man auch heiligen Stätten die Aufmerksamkeit nicht
entreiße, und den Glauben an sie nicht tödte. Dazu kommt noch, was die
Weltgeschichte erzählt. +Hadrianus+ ließ nämlich, zum Aergernisse der
Christen, am Orte, wo +Christus+ hingerichtet und begraben worden,
einen Götzentempel erbauen; allein schon im vierten Jahrhundert unserer
Zeitrechnung erhob sich unter +Helena+, der Mutter +Konstantins+ des
Großen, an der Stelle des im heiligen Eifer geschleiften Götzentempels
die Grabeskirche.
Offen lege ich das Geständnis ab, daß die mündlichen und diese
schriftlichen Ueberlieferungen für mich völlig genügend wären, um
die Echtheit der Schädel- und Grabstätte anzunehmen. Man darf indeß
nicht einseitig und nicht zu rasch vorgehen; es müssen nothwendig
und vor Allem die biblischen Urkunden geprüft und verglichen werden.
Schweigen sie über die Oertlichkeit, so ergänze ich die Lücke mit der
Weltgeschichte und den mündlichen Ueberlieferungen; reden sie, so
stelle ich auf ihren Entscheid ab.
Die vier Evangelisten +Matthäus+ und +Markus+, +Lukas+ und +Johannes+
erzählen, daß +Christus+ auf der Schädelstätte (~mons calvariæ~,
hebräisch Golgatha) gekreuziget, und dann daneben in dem Felsengrabe
eines Gartens beigesetzt worden sei.
Wo liegt Golgatha mit dem Grabe daneben? Nahe der Stadt Jerusalem
war der Ort, wo +Jesus+ gekreuziget worden, überliefert der Jünger
+Johannes+ (19, 20). Ist es von allem Zweifel ferne, daß Golgatha
außer, doch nahe bei der Stadt lag, so bleibt man gleichwohl bei
Ausmittelung der Stelle nahe um Jerusalem, d. h., in seinem ganzen
Umkreise, im Ungewissen, und diejenigen, welche die fragliche Nähe bei
der Stadt auf dem Gihon erblicken, haben, wenigstens meines Wissens,
nichts für sich, als Schlußfolgerungen.
Wo Gihon und die Grabeskirche liegen, darüber wurde früher Aufschluß
ertheilt, und +es leuchtet aus Allem aufs gewisseste hervor, daß die
jetzige Grabeskirche dem Gihon nicht angehört+. Ich urtheile nicht
bloß nach dem Augenmaße, sondern auch nach einem Grundrisse der
Stadt, welchen ein Ingenieur, +Failoni+, gezeichnet hat, und welcher
ganz besonders deutlich darlegt, daß das alte Jerusalem eine aller
Wahrscheinlichkeit widersprechende, beinahe krüpplichte, gleichsam
kerbthierförmige Lage oder Gestalt haben mußte, wenn man das heutige
Christusgrab außer die alte Stadt versetzte. Man wird genöthiget,
zwischen dem Zion und Akra von West einen tiefen Ausschnitt zu machen,
von welchem auch bei +Flavius Josephus+ überall nicht die Rede ist.
Wer auch nie das Glück hatte, in Jerusalems Mauern zu leben, wem bloß
vergönnt ist, eine treuere Abbildung von der Stadt zu sehen, der wird
beim ersten Anblicke der Grabeskirche gleich über der Omarsmoschee,
gleich über dem Moriah, die Bedenklichkeiten nicht unterdrücken können.
So lange mir nicht mehr Belege zu Gebote stehen, dürfte ich freilich
nicht geradezu mit unbiegsamer Hartnäckigkeit behaupten, daß das
von den christlichen Priestern gezeigte Golgatha und Christusgrab
eine geschichtliche Täuschung seien; ich habe aber hinlänglichen
Grund, zu neuem Denken und Forschen in dieser Sache aufzumuntern.
Wollte man sich denn in Erläuterungen einlassen, so mochte eine
solche Täuschung um so leichter Wurzel schlagen, je sehnlicher man
die Baustelle für den Grabestempel dort wünschen mußte, wo man vor
feindlichen oder räuberischen Ueberfällen sicherer sein konnte. Es
kann Niemanden entgehen, daß eben die Mauern der Stadt diese größere
Sicherheit gewähren. Schon die einzige Thatsache -- um auf andere
nicht zurückzukommen -- daß ein christliches Kloster auf dem Zion,
will heißen, außer den Stadtmauern, den Türken abgetreten werden
mußte, nimmt entschieden Partei für solche, die eine Täuschung für
wahrscheinlich halten, und hätte dieser Fall niemals sich ereignet, so
würde man vernünftigerweise zwischen einem armseligen Kloster und einer
Kirche mit ansehnlichen Schätzen eine Unterscheidungslinie durchführen.
Das +Grab selbst+ oder die +Kapelle+ desselben, +welche die Grabeshöhle
vorstellen soll+, ist überdies, sie kann nicht besser, zu Erregung von
Zweifeln geeignet. Nach der Erzählung der Evangelisten wickelte +Josef+
von Arimathia den Leichnam +Christi+ in Leinwand, legte ihn ins Grab
(κατέθηκεν), welches in Felsen gehauen war, und wälzte einen Stein
über die Grabesöffnung (ἐπὶ τὴν θύραν)[2]. Das ist ebenso einfach,
als gegründet in den morgenländischen Sitten. Man wickelt in unsern
Tagen den Leichnam in weiße Leinwand, und versenkt ihn uneingesargt
ins Grab. Im Evangelium geschieht des Umstandes keine Erwähnung, daß
+Christus+ in einen Sarg gebracht wurde. Es meldet vielmehr, ohne ein
Weiteres, daß derselbe eingewickelt ins Grab gelegt wurde, welches
dann ein Stein deckte. Wenn man in der Grabeskirche, an der Stätte,
da +Christus+ gekreuziget ward, einen Garten, und im Garten ein neues
Grab (+Johannes+ 19, 41) sucht, so lacht heute kein Garten, und es thut
sich kein Grab auf; aber das Auge überrascht ein Sarg, unzweifelhaft
die fromme Zugabe von Priestern. Allerdings wüßten Zweifler, wenn man
selbst die Todesgruft, selbst den Stein, selbst die Spezereien heute
noch auf das klarste sähe, einen Ausweg dahin, daß Alles nachgekünstelt
sei; allein die Einfalt hat vor ältern Zeiten viel zu wenig erwogen,
daß der treueste Befund nach dem Wortlaute der biblischen Urkunden vor
den Angriffen der Zweifelsucht weitaus am sichersten schützen würde.
Es war zwar die Grabeskapelle früherhin nicht ganz so, wie jetzt,
aber doch im Wesentlichen gleich: stets enge, wenig zugänglich, mit
brennenden Leuchtern. Vormals mußte man sogar, um zum Grabmale zu
gelangen, durch eine kleine viereckige Oeffnung, als eine seltsame
Grabesöffnung, schlüpfen, wovon +Salomo Schweigger+ in seiner alten
Treuherzigkeit eine Abbildung lieferte. Ich werde mich jedoch wohl
hüten, die Abbildung von diesem Schlüpfen in Worten ausführlich
auszudrücken, weil ich besorgen müßte, den Besuch des Grabes ins
Lächerliche herabzuziehen. Man war, wie es scheint, schon beim Bau
der Kapelle beflissen, die Wirkung hervorzubringen, daß das Gefühl
vorherrsche, und der überall beengte Geist vor demselben erstumme.
Dem übertriebenen Eiferer widerfährt oft das Loos des Lügners,
welchem man zuletzt die Wahrheit nicht mehr glaubt. Es bedarf keines
Beweises, daß, zumal im Streite für die Religion, der überspannte
Eiferer in seinen Seitensprüngen gerne die einfachsten Dinge mit
Wundern vergoldet, und so kann er auch in der Regel auf den Beifall
der Männer mit nüchterner Urtheilskraft wenig rechnen, +wie willig
und gerne sie immer die Wahrheit vernehmen und glauben+. Die Menschen,
in deren Brust die Flamme maßloser Leidenschaft auflodert, haben die
Schuld offenbar sich selbst zuzumessen, wenn ihnen der unwissende oder
wenig unterrichtete Haufe mehr glaubt und vertraut, als Leute, die mit
einem größeren Vorrathe an Kenntnissen ausgerüstet sind. Es ist sehr
wahrscheinlich, daß überhaupt der religiöse Glaube besser und fester
stände, wenn nur nicht die Verkündiger und Verbreiter desselben über
die Schale (die Form) den Kern (das Wesen) zu oft übersehen hätten.
Die Gräber der Könige.
Außerhalb des Thores von Damaskus (Bab-el-Scham) liegt gleich zur
rechten Hand die gegen die Stadt schauende Felsenhöhle, in welcher
+Jeremias+ seine Klagelieder gesungen haben soll, und ungefähr in einer
halben Viertelstunde davon erreicht man die sogenannten Gräber der
Könige. Der Boden zwischen der Stadt und den Gräbern ist mit vielen
Steinen übersäet. Darunter zeichnen sich hin und wieder Mosaiksteine
aus, an welchen ich den festen Mörtel deutlich unterscheiden konnte.
Will man die Gräber besehen, so tritt man durch ein mit Schutt mehr,
als bis zur Hälfte gefülltes Thor in einen großen, unbedeckten Raum,
welcher, wie dieses, aus dem Kalkfelsen gehauen ist. Der Grund war
grün, und diente den Kühen zur Weidung. An der Abendseite dieses Raumes
öffnet sich der Eingang zu den Grabhöhlen. Ihn zieren halb erhabene
Arbeiten, welche von einem so einfachen, als edeln Geschmacke zeugen.
Man kommt, nicht ohne Komplimente zu schneiden, durch den theilweise
verwitterten Eingang in einen Vorsaal. Dieser führt in vier Kammern,
die sich hinwieder in Nebenkammern verzweigen. Alle sind Hauwerke im
Felsen ohne Schmuck und Inschrift. Dagegen tragen die Grabdeckel, hohle
Halbwalzen von Stein, auf der einen Seite Verblümungen als Zierath. Die
dicken Thüren der Todtenkammern von gleichem Felsen haben auf der einen
Fläche einfache Zeichnungen von Vierecken, wie Täfelthüren. Man findet
sowohl ganze Thüren, als auch Bruchstücke, keine aber eingehängt. Vor
zwei Jahrhunderten liefen dieselben noch in ihren Angeln.
Die Aushöhlung des harten Felsens muß ein mühsames, kostspieliges Werk
gewesen und jedenfalls von Vielvermögenden des Landes angeordnet worden
sein. Man schreibt jetzt die Todtenkammern den Römern zu. In frühern
Zeiten hielt man sie für die Gräber der Könige von Juda.
Die Grabhöhle der Maria.
Hinweg durch das Stephansthor, vorbei am Stephansplatze, vorwärts über
die kleine, steinerne Brücke des Kidrons, -- und man sieht gleich
linker Hand den Eingang in eine Höhle. Siebenundvierzig Stufen von
glattem Marmor leiten in ihre Tiefe. Es ist die Grabhöhle unserer
lieben Frau, ihres Gemahls und ihrer Mutter. Eine Menge Blendwerk,
Goldleuchter, geschliffene Steine der Kapelle verkümmern den Gedanken
an eine natürliche Höhle. Eben lasen die griechischen Priester ihre
Messe. Das Näselnde der Stimme widerte mich in hohem Grade an. Noch
am widerlichsten näselte ein Knabe das +Kyrie+ (Herr). Ich habe am
Gottesdienste wenig Ernst, wenig Würdigkeit zu rühmen.
Hart an +Mariens+ Grabhöhle stößt eine Höhle der Lateiner, worin die
Apostel geschlafen haben sollen. Sie bildet den schroffesten Gegensatz
der erstern: +einfach+ und +glanzlos+.
Ueber der Marienhöhle stand in ältern Zeiten eine Kirche, bekannt unter
dem Namen Marienkirche.
Die Grabmale Absaloms, Josaphats und Zachariassen.
Ueberschreitet man die Kidronbrücke, und hält man am Fuße des Oelberges
stille, so wird man staunend den Blick gegen Morgen auf Denkmale
heften, die sich aus der grauen Vorzeit so gut erhalten haben, als die
Pyramiden und Obelisken Egyptens. Es sind die Grabmale +Absaloms+,
+Josaphats+ und +Zachariassen+.
Das Grabmal +Absaloms+ ist zum Theil aus dem Felsen gehauen; der
thurmähnliche Aufsatz dagegen besteht aus Mauerwerk. Im Widerspruche
mit der Ueberlieferung aber wurde, nach +Flavius Josephus+, zwei
Stadien von Jerusalem dem +Absalom+ eine marmorene Säule errichtet.
Das Grabmal +Josaphats+, ein einziger, aus dem Felsen gehauener Stein,
stellt ein kleines Häuschen vor. Schutt füllt fast das ganze Innere,
welcher mit einem so geringen Aufwande wegzuschaffen wäre, und der
mehr ein Denkmal auf die Trägheit der Zeitgenossen, als das Denkmal
eines Verstorbenen zu sein scheint. Unverantwortlicherweise hält man
es nicht einmal der Mühe werth, dasjenige recht zu betrachten, was die
Urväter mit Anstrengung und Sorgfalt ausgearbeitet hatten. Nahe dem
Grabmale +Josaphats+ liegt jenes des +Zacharias+ und an der westlichen
Abdachung des Oelberges überhaupt eine Menge gehauener Grabhöhlen und
jüdischer Grabsteine. Diese sind unförmliche Grabdeckel, höchstens an
ihrer Oberseite glatt gemeißelt und mit einer hebräischen Grabschrift
versehen.
Kenner stimmen mit einander nicht überein, ob die Grabmale +Absaloms+,
+Josaphats+ und +Zachariassen+ wirklich jüdische seien. So lange dieser
Hauptstreit nicht geschlichtet ist, bleibt es unerheblich, das erste,
zweite oder dritte Denkmal nach +Absalom+, +Josaphat+ oder +Zacharias+
zu nennen. Niemand aber bezweifelt ihr hohes Alterthum.
Der Brunnen Siloah.
Geht man vom Zionsthore links hinunter, steigt man an der Südostseite
Jerusalems, gegenüber dem Dorfe Siloah, nicht hoch über dem Kidron
einige Stufen in die Tiefe, schreitet man vorüber an dem baufälligen,
kleinen, steinernen, einst von Säulen überragten Wasserbehälter, die
vielleicht den Siloahthurm getragen haben; so bemüht man sich dann
noch eine Treppe hinunter, und wen gelüstet oder dürstet, der darf nur
sich neigen, um aus dem unverschlossenen, gänzlich in den Kalkfelsen
greifenden Brunnen Siloah zu schöpfen und zu trinken. Ein Gang von
zwei Fuß Breite, durchläuft er eine Ebene von dreihundertundsiebenzehn
Schritten. Anfangs ist er zwei Mann hoch; nach zweihundert Schritten
aber nimmt die Höhe ab, bis man zuletzt nicht anders, als auf
beschwerliche Weise, mit geducktem Leibe, sich vorwärts bewegen
kann. Schutt verhindert das weitere Vordringen gegen den Moriah. Das
Wasser hat überall die gleiche Höhe von etwas mehr als einem Fuß. Die
auftretende Sohle fühlt Sand und unter diesem den Stein. Der Gang
wendet sich rechts. So erzählte mir der sonst nicht sehr verläßliche
Führer, welchen ich zu diesem unterirdischen Spaziergange bewog.
Der über fünfhundert Fuß in den Kalkfelsen eingehauene Brunnen ist
unstreitig ein ungeheures Werk. Der Tiefe und Breite nach verdient
er kaum Erwähnung; allein wegen seiner beträchtlichen Länge enthält
er einen Reichthum an süßem Wasser, das wohl auch vor Alters zu
Bewässerung naher Gartenanlagen benützt worden sein mag. Wäre von den
Alten ein solcher Gang unter dem Felsenbette eines Stromes getrieben
worden, so würde er ein denkwürdiger Vorgänger des Londoner-Tunnel sein.
+Ammann+ gedachte des Siloah-Brunnens mit mehr Bestimmtheit, als
andere, die nach ihm denselben beschrieben haben: Unten an dem Berg
Zion fleußt ein ziemlicher Bach aus dem Felsen heraus. Der Wege oder
Gang dieses Wassers ist in den Felsen künstlich gehauen, daß man weit
dem Wasser nach in den Felsen schliefen kann. Und fleußt dieses Wasser
in den Felsen vom Tempel und der Stadt Jerusalem hinab. Auf der Höhe
dieses Felsens soll auch der Thurm Siloah gestanden sein. Und gleich
vor diesem Felsen gibt es ein klein Teichlein. Darinnen soll sich der
Blinde im Evangelio gewaschen haben, da +Christus+ zu ihm gesagt: Gehe
hin, und wasche dich im Teich Siloah. So weit +Ammann+.
Zwischen dem Stephansplatze und dem Siloahbrunnen zeigte man mir
noch eine Quelle unter dem Namen +Marienquelle+, vielleicht den
Drachenbrunnen +Nehemias+.
Die Felsanhöhe Zion.
Am Jaffathore gegen Mittag erhebt sich ein großer, alter Thurm, ehemals
das Pisaner-Schloß, jetzt aber von den Wegweisern +Davidsthurm+
genannt. Man verdeutete mir sogar das Fenster, durch welches der König
+David+ seine Augenweide an der sich badenden +Bath Seba+ fand, obschon
der Verfasser der Bücher +Samuels+ (2, 11, 2) erzählt: +Von dem Dache+
des königlichen Palastes sah +David+ ein schönes Weib sich baden.
Nähert man sich von da dem Zion, so liegt links an der Gasse +das
Kloster der Armenier+. Es gibt beinahe nichts Glänzenderes, als die
Kirche desselben. Niemand unterbrach darin die feierliche Stille, kein
Sterblicher war da, meine Aufmerksamkeit abzulenken, und so konnte man
um so ungestörter sich ergehen an dem morgenländischen Prunke, an den
edeln Steinen und Metallen, die überall zur Schau gelegt sind, und das
Auge schier blenden. Es mag für die Morgenländer tief berechnet sein,
daß die Priester ihre heiligen Stellen mit Dingen ausschmücken, welche
einen mächtigen Eindruck auf die Sinne erregen. Dem kalt forschenden
Verstande des Abendländers ist damit freilich wenig gedient, welcher
auf höherem Standpunkte die Beschaulichkeit gerade von der Sinnlichkeit
unabhängig machen möchte. Die Kirche soll über dem Orte aufgeführt
sein, wo der Apostel +Jakob+ enthauptet worden war. Man öffnete sie mir
ohne alle Schwierigkeit.
Außer dem Zionsthore, gegen den Brunnen Siloah, sieht man einen
Theil der alten Wasserleitung von Bethlehem, welche die Stadtmauer
durchdringt. Von dem Thore kommt man +beinahe eben+ bis zur Moschee
und zum Spitale auf dem Zion. Man wird vielleicht diesen Worten mit
Mühe Glauben schenken, und ich möchte nicht zürnen. Der Wegweiser mußte
mir selbst an Ort und Stelle mehrmal betheuern, daß Zion der Zion sei,
weil meine Einbildungskraft so ungerne von einem Berge lassen wollte.
Auch der ehrliche +Ammann+, welcher aufs allernaiveste die Risse des
Kalvarienfelsens beschreibt, ging „fast eben hinaus auf den Berg Zion.“
Man will auf der Felsanhöhe die Hausstelle des jüdischen Hohenpriesters
+Kaiphas+ gleich vor dem Zionsthore noch wissen. Beinahe blindes
Mauerwerk, ein armenisches Bruderhaus, sichert ihr bei den Gläubigen
ein bleibendes Andenken. Einige Schritte weiter vorne und links
gegen den Blutacker, näher der Gehinnonschlucht, steht eine Moschee
und ein Spital, nach der dragomanischen Sage, am Platze, welchen
die Burg +Davids+ eingenommen und auf welchem +Jesus+ das Abendmahl
eingesetzt habe. Andere verlegen die alte Burg in die Mitte oben auf
der Felsanhöhe, wo der Finger einiger Mauertrümmer in die inhaltschwere
Vergangenheit hinaufzeigt. Gewiß ist, daß die Moschee und das Spital
ein Kloster der Barfüßermönche war, woraus sie vor zwei Jahrhunderten
von den Türken verjagt wurden. Wenig erquicken Grabsteine den ziemlich
kleinen und eher öden Scheitel des Zions.
Mit gerührter Seele begrüßte ich den Ort, wo, nach den
Ueberlieferungen, jene Psalmen gesungen wurden, die, voll religiöser
Wärme, durch Jahrtausende tönten bis auf heute, und fortwährend noch
so viele Gemüther mit Begeisterung für die Gottheit erfüllen. Wie
denn, dürfte man fragen, konnte man in einer Gegend, welche im ganzen
Umkreise das felsichte Trauerkleid trägt, zum Dichten der erhabenen
Psalmen bewegt, wie angefeuert werden? Das Geräusch und der Glanz der
großen Stadt in der Nähe mochten das Herz des königlichen Sängers, in
welchem die Eindrücke des frühern Hirtenlebens noch nicht erloschen
waren, zur kindlichen Einfalt und Frömmigkeit stimmen. Gihon und
Gehinnon und Josaphat ziehen das Auge in die Tiefe; auf den Oelberg
und den Berg des bösen Rathes muß es aufwärts im Fluge; es schwebt
in der Furche von Mitternacht gegen Mittag, um darin vergebens nach
dem Jordan zu spähen; es ruht auf dem fernen, bläulichen Gebirge des
ostjordanischen Landes; jetzt steigt es in den azurblauen Himmel,
ins Unendliche empor. Empfängt das Auge denn in der That nicht ein
großes und großartiges Bild, dessen ganze Farbenfrische in ein
reicheres Gemüth zurückgeworfen werden muß? Wenn in der Nähe die
vielen Steine dem düstern Gefühle rufen, so leiht ihnen die Ferne eine
gefällige Gestalt und Farbe, und in der weitesten Ferne, welche an
den Himmel streift, träumt man sich gar schon die Herrlichkeiten des
Ueberirdischen.
Der Oelberg.
In der Stadt, links am Wege zur Stephanspforte und in der Nähe der
letztern bemerkte ich einen ausgemauerten Wasserbehälter. Man nennt
ihn den Teich +Bethesda+. Er stand einsam, und es sind um ihn die
Kranken verschwunden, welche in demselben einst ihr Heil suchten.
Kein Engel durchfächelt mehr den Spiegel des Wassers. Es scheinen die
Bethesdaengel ins Abendland, zu den Priestern +Aeskulaps+ entflohen zu
sein. Durch die Stephanspforte und über den Stephansplatz erreichte
ich bald +Mariens+ Grabhöhle. Von da an aber ging es ziemlich gähe
hinan, auf einem breiten Fußwege, kaum eine Viertelstunde lang bis zum
Gipfel des Oelberges, welcher über ganz Jerusalem emporragt. Nicht die
günstigste Stimmung bewirkt auf der Höhe ein arabisches Dorf elender
Häuser mit Kothdächern. Ich sah am Wege ein Weib, wie es Mist in die
Hand nahm, um damit eine Einfriedigung von Steinen zu beklecksen oder,
wie es meinte, zu bemörteln.
Auf dem Oelberge verwahrt der Moslim den Schlüssel zu der Stelle,
welche der Christ verehrt, nämlich zu der kleinen Moschee, welche über
jene sich wölbt. Man erblickt in der Mitte derselben das Stück eines
nackten Felsens, von dem aus +Jesus+ in den Himmel gefahren sein soll.
Vertiefungen des Steines gibt man für Eindrücke der Fußtritte aus.
Ich bestieg den Thurm der Moschee, um die Aussicht freier zu genießen.
Ich brannte vor Begierde, Jerusalem, in der Tiefe gegenüber, zu
überschauen. Von hier aus gewährt die Stadt einen angenehmen,
merkwürdigen Anblick. Der Prachttempel +Omars+, groß und buntfarbig,
unten grün, daneben gegen Mittag der Tempel der Präsentazion, nunmehr
eine Moschee, und die Dome des Grabes +Christi+ zeichnen sich
vortheilhaft aus. Nördlich thürmt sich das Gebirge Ephraim auf, so die
Berge Garizim und Ebal in Samaria; östlich zunächst liegt Bethanien
weiter weg die Ebene von Jericho, dann die Senkung, welche das Thal
des Jordans andeutet, und selbst ein kurzer, glänzender Streif
dieses Flusses, so wie auch das obere Ende des Lothssees, im fernen
Hintergrunde Peräa, ein Theil des Gebirges Gilead; südlich erheben
sich die Anhöhen von Bethlehem, südlich und westlich das Hochland
Juda. Wären auch die Gegenstände, über die man in wenig Augenblicken
dahineilt, nicht voll hehrer Erinnerungen, so würde man die Aussicht
köstlich heißen, und man scheidet ungerne von dem wahrhaft fesselnden
Standpunkte. Der Oelberg, wiewohl er nicht eigentlich hoch ist,
übertraf weitaus meine Erwartungen.
Unten am Wege auf den Oelhügel stehen acht +ungemein alt aussehende
Oelbäume+, wie man versichert, im Garten Gethsemane. Es wachsen
übrigens am Oelberge auch andere Oelbäume und auch Feigenbäume, aber in
dünner Zerstreutheit, und die Steine maßen sich daneben so viel an, daß
der Hügel eher über Unfruchtbarkeit klagt.
Die übrigen Merkwürdigkeiten,
welche in Jerusalem und seiner Nähe gezeigt werden, will ich hier, nach
den Mittheilungen der Führer, bloß in Kürze berühren. Der eine Dragoman
weiß wohl auch etwas mehr, als der andere, und der dritte und vierte zu
viel oder zu wenig.
Das zugemauerte goldene Thor unter der Omarsmoschee in der Stadtmauer;
der Palast des +Pilatus+; die Häuser der heiligen Frauen, des +Markus+,
+Thomas+, +Jakob+; der Bogen des Ecce Homo, der verfluchte Feigenbaum,
die Schweißhöhle, der Jeremiasbrunnen; die Stellen, wo +Jesus+ das
Unser Vater lehrte, sein Todesurtheil voraussagte, wo er gefangen
genommen wurde, wo er seiner Mutter, wo er den heiligen Frauen
begegnete, wo er das Schicksal Jerusalems beweinte, wo er fiel oder
sich auflehnte, und dadurch Gepräge auf dem Steine zurückließ, wo
+Petrus+ seine Sünden beweinte, dem +Malchus+ ein Ohr abschnitt, und
wo er gegeißelt ward, wo +Simon+ genöthiget, das Kreuz aufzunehmen, wo
Judas sich erhängte, wo +Stephan+ gesteiniget wurde (der Stephansplatz
zwischen dem Damaskusthor und der Kidronbrücke); das Lager der
römischen Armee, als +Titus+ Jerusalem belagerte, das Lager des Grafen
der Normandie, das Quartier des Grafen von +Flandern+, +di Paolo+,
+Eustach Tankred+, des +Gottfried von Bouillon+ und des Grafen von
+Toulouse+, u. dgl.
Physiologischer Karakter der Einwohner.
Wenn ich mich befleißigen werde, den Jerusalemer nach seinen
körperlichen Eigenschaften hervorzuheben, so verstehe ich unter
demselben hauptsächlich die Bauersleute der Umgebung, weil sie wohl
das Bild der Vorältern treuer bewahrt haben werden, als der städtische
Mischmasch.
Die Haarfarbe ist schwarz, die Hautfarbe weiß oder bräunlich;
insbesondere macht sich ein schöner Anflug eines zarten Wangenroths
bemerkbar. Rothe, blauäugige und blonde Leute gibt es selten. Der
Körper eher groß, dabei gut und fest gebaut; das Zellgewebe mit
ziemlich viel Fett. Die Stirne nicht sehr hoch und mäßig breit. Die
Nase lang, gebogen, mit herabstehender Spitze und dünnen Flügeln, im
Ganzen ziemlich groß. Die Lippen eher dünn und der Mund groß. Die Zähne
schön. Das Gesicht spitzt sich, nach dem Umrisse eines Eies, von der
Stirne nach dem Kinne zu. Das Ohr von mittelmäßiger Größe schließt sich
dem Haupte an. Der Gang und überhaupt die Bewegung ist lebhaft, die
Haltung des Leibes gerade. Die Weiber stehen den Männern an Schönheit
nach. Vielleicht waren aber die schönen weiblichen Schätzbarkeiten
verschleiert oder zu Hause. Aus den Augen der Männer, worunter
bildschöne, strahlt eine ruhige Gluth. Ich sah nicht leicht etwas
Ausdruckloseres, als den Blick und namentlich den halboffenen Mund der
Frauen und Mädchen, welche sich vor dem Denken ordentlich zu fürchten
scheinen.
Sitten und Gebräuche.
Sie herrschen im Allgemeinen ungefähr so, wie in Alexandrien, wo sie
bei meiner Ankunft aus Europa mich beinahe betäubten. Wenn ich in
+Alexanders+ Pflanzstadt über die Gasse ging, so überraschte mein Ohr
eine Art Gerassel. Ich trat näher; es war eine Mühle; ein Thier mit
verbundenen Augen trieb im Zuge das Mühlerad. Also traf ich es auch
in Jerusalem. Ein Mann, in den Gassen Großkairos herumziehend, bemüht
sich, mit einem Kruge unter dem Arme, die Aufmerksamkeit der Menschen
dadurch zu wecken, daß er, zwei Schüsselchen auf einander schlagend,
ein hohes Geklingel verursacht. Es ist ein Meth- oder Sorbetverkäufer.
Also sah ich es auch in Jerusalem. Auch hier hockt man bei Arbeiten.
Lange Reihen von Kameelen, eines oder zwei mit einer Klingel, schreiten
gleichsam als lebendige Alterthümer durch die Stadt.