Unter den Kletterrosen

Ich wollte, daß die Blicke der Menschen, unter denen ich meinen Sommer

verlebt habe, auf diese Zeilen fielen. Jetzt, wo Kälte und dunkle Nächte

gekommen sind, möchte ich ihre Gedanken zu der hellen warmen Jahreszeit

zurückführen.

Vor allem möchte ich sie an die Kletterrosen erinnern, die die Veranda

umschlangen, an das feine, ein wenig dünne Laubwerk der +Rosa bengalensis+,

das sich beim Sonnenschein wie beim Mondlicht in dunkelgrauen Schatten auf

dem lichtgrauen Steinboden abzeichnete und einen leichten Spitzenschleier

über alles dort draußen warf, und an ihre großen lichten Riesenblumen mit

den ausgefransten Rändern.

Andre Sommer erinnern mich an Kleewiesen oder an Birkenwälder oder an

Birnbäume und Beerensträucher, aber dieser Sommer hat seinen Charakter von

den Kletterrosen bekommen. Die lichten, zarten Knospen, die weder Wind noch

Regen vertrugen, die leicht wehenden hellgrünen Schößlinge, die sanft

geneigten Stämmchen, der überschwengliche Reichtum an Blumen, die fröhlich

summende Insektenschar, alles das wird mich begleiten und in seiner ganzen

Pracht vor mir auferstehen, wenn ich an den Sommer zurückdenke, den

zarten, feinen Schmelz des Sommers.

Jetzt, wo die Arbeitszeit angebrochen ist, fragt man mich oft, womit ich

meinen Sommer verbracht habe. Dann gleitet alles andre aus meiner

Erinnerung fort, und es will mir scheinen, als hätte ich tagaus tagein auf

der Veranda unter den Kletterrosen gesessen und Duft und Sonnenschein

eingeschlürft. Was tat ich da? Ach, ich sah zu, wie andre arbeiteten.

Da war eine kleine Tapezierbiene, die vom Morgen bis zum Abend, vom Abend

bis zum Morgen arbeitete. Aus den weichen grünen Blättern sägte sie mit

ihren scharfen Kiefern ein zierliches kleines Oval, rollte es so zusammen,

wie man eine richtige Tapete rollt, und die kostbare Bürde an sich

drückend, flatterte sie fort zum Parke und ließ sich auf einem alten

Baumstumpf nieder. Da vertiefte sie sich in dunkle Gänge und geheimnisvolle

Galerien, bis sie endlich den Grund eines lotrechten Schachtes erreichte.

In dessen unbekannten Tiefen, in die sich weder Ameise noch Tausendfüßler

je gewagt hatten, breitete sie die grüne Blattrolle aus und bedeckte den

holprigen Boden mit dem schönsten Teppich. Und als der Boden bedeckt war,

holte die Biene wieder neue Blätter, um die Wände des Schachtes zu

bekleiden, und arbeitete so rasch und eifrig, daß es bald in der ganzen

Rosenhecke kein Blatt gab, das nicht seinen ovalen Ausschnitt hatte, der

bezeugte, daß es zur Ausschmückung des alten Baumstumpfes das Seinige hatte

beitragen müssen.

Eines schönen Tages änderte das Bienchen seine Beschäftigung. Es bohrte

sich tief in die Blätterwirrnis der Riesenrosen und schlürfte und trank aus

ihren schönen Vorratskammern nach Herzenslust, und jedesmal, wenn es einen

Mund voll hatte, schwirrte es gleich hinüber zu dem alten Baumstumpf, um

die frischtapezierte Kammer mit dem klarsten Honig zu füllen.

Aber die kleine Tapezierbiene war nicht die einzige, die draußen in der

Rosenhecke arbeitete. Da gab es auch eine Spinne, eine ganz

unvergleichliche Spinne. Sie war größer als alles, was ich bisher vom

Spinnengeschlechte gesehen habe, sie war klar gelbrot mit einem deutlich

punktierten Kreuz auf dem Rücken, und sie hatte acht lange, weiß und rot

gestreifte Beine, alle gleich schön gezeichnet. Ihr hättet diese Spinne

sehen sollen! Jeder Faden wurde mit der äußersten Genauigkeit gezogen. Von

den ersten an, die nur zur Stütze und zum Halt dienten, bis zu den

innersten feinen Webfäden. Und ihr hättet sehen sollen, wie sie den

schmalen Fäden entlang balancierte, um eine Fliege zu haschen oder ihren

Thron in der Mitte des Netzes einzunehmen, regungslos, geduldig,

stundenlang wartend.

Diese große rotgelbe Spinne gewann mein Herz: sie war so geduldig und so

weise. Jeden Tag hatte sie ihr kleines Scharmützel mit der Tapezierbiene,

und immer zog sie sich mit dem gleichen untrüglichen Takt aus der Affäre.

Die Biene, deren Weg dicht an ihr vorbeiführte, blieb einmal ums andre in

ihrem Netz hängen. Sogleich begann sie zu surren und zu reißen, sie zerrte

an dem feinen Netz und benahm sich ganz toll, was natürlich zur Folge

hatte, daß sie sich immer ärger und ärger verwickelte und Flügel und

Beinchen in das klebrige Gewebe verstrickte.

Sobald die Biene ermattet und erlahmt war, kroch die Spinne zu ihr heran.

Sie hielt sich immer in gebührlicher Entfernung, aber mit der äußersten

Spitze eines ihrer eleganten rotgestreiften Beine gab sie der Biene einen

kleinen Stoß, so daß sie sich im Netz herumdrehte. Und wenn die Biene

wieder herumgeschnurrt und sich müde gerast hatte, bekam sie abermals einen

ganz sachten Puff, und dann noch einen und noch einen, bis sie sich wie ein

Kreisel drehte und in ihrer Raserei nicht ein noch aus wußte und so

verwirrt war, daß sie sich nicht zur Wehr setzen konnte. Aber bei diesem

Herumschwingen drehten sich die Fäden, die sie hielten, immer mehr

zusammen, und die Spannung wurde so groß, daß sie rissen und die Biene zu

Boden fiel. Ja, das war es natürlich, was die Spinne gewollt hatte.

Und dieses Kunststück konnten die beiden Tag für Tag wiederholen, solange

die Biene in der Rosenhecke Arbeit hatte. Nie konnte der kleine Tapezierer

es lernen, sich vor dem Spinnennetz in acht zu nehmen, und nie zeigte die

Spinne Zorn oder Ungeduld. Ich mochte sie wirklich alle beide gerne leiden,

die kleine eifrige zottige Arbeiterin geradeso wie die große schlaue alte

Jägerin.

Es begaben sich nicht oft große Ereignisse in dem Hause mit den

Kletterrosen. Zwischen den Spalieren konnte man den kleinen See in der

Sonne liegen und blinken sehen. Und das war ein See, der zu klein und zu

umfriedet war, um sich in wirklichen Wellen erheben zu können, aber bei

jedem kleinen Gekräusel des grauen Spiegels flogen tausende kleine Fünkchen

auf, die auf den Wellen glitzerten und tanzten. Es sah aus, als wäre die

ganze Tiefe von Feuer erfüllt, das nicht heraus könnte. Und so war auch das

Sommerleben dort draußen; es war gewöhnlich ganz still, aber kam nur das

allergeringste kleine Gekräusel -- ach, wie konnte es da schimmern und

glitzern.

Und es bedurfte keiner großen Dinge, um uns froh zu machen. Eine Blume oder

ein Vogel konnte uns Heiterkeit für mehrere Stunden bringen, von der

Tapezierbiene gar nicht zu sprechen. Ich werde nie vergessen, wie

seelenvergnügt ich einmal durch sie wurde.

Die Biene war wie gewöhnlich im Spinnennetz gewesen und die Spinne hatte

ihr wie gewöhnlich herausgeholfen, aber sie hatte tüchtig festgesessen, so

daß sie sich ungeheuer lange herumdrehen mußte und ganz zahm und gebändigt

war, als sie davonflog. Ich beugte mich vor, um zu sehen, ob das Netz

großen Schaden genommen habe. Das hatte es glücklicherweise nicht, dagegen

saß eine kleine Raupe im Netze fest, ein kleines fadenschmales Untier, das

nur aus Kiefern und Krallen bestand, und ich war erregt, wirklich erregt,

als ich es erblickte.

Kannte ich sie nicht, diese Larven der Maikäfer, die zu Tausenden die

Blumen hinaufkriechen und sich unter ihren Kronenblättern verstecken?

Kannte ich sie nicht und bewunderte ich sie nicht auch, diese beharrlichen

schlauen Parasiten, die verborgen dasitzen und warten, nur warten, und wenn

es wochenlang dauern sollte, bis eine Biene kommt, in deren schwarzgelbem

Pelz sie sich verbergen können? Und wußte ich nicht von ihrer

hassenswürdigen Geschicklichkeit, gerade wenn die kleine Zellenbauerin

einen Raum mit Honig gefüllt und auf dessen Oberfläche das Ei gelegt hat,

aus dem der richtige Eigentümer der Zelle und des Honigs hervorkommen soll,

gerade da auf das Ei hinabzukriechen und unter eifrigem Balancieren darauf

sitzen zu bleiben wie auf einem Boote, denn fielen sie in den Honig hinab,

so müßten sie ertrinken. Und während die Biene das fingerhutähnliche

Nestchen mit einem grünen Dach bedeckt und behutsam ihr Junges einschließt,

schlitzt die gelbe Raupe mit scharfen Kiefern das Ei auf und verzehrt

dessen Inhalt, während die Eischale noch immer als Nachen auf dem

gefährlichen Honigsee dienen muß.

Aber so nach und nach wird das schmale gelbe Ding platt und groß und kann

selbst auf dem Honig schwimmen und davon trinken, und wenn die Zeit sich

erfüllt hat, kommt ein fetter schwarzer Maikäfer aus der Bienenzelle. Aber

das ist es sicherlich nicht, was das kleine Bienchen mit seiner Arbeit

erreichen wollte, und wie schlau und behend der Maikäfer sich auch betragen

hat, so ist er doch nichts andres als ein fauler Schmarotzer, der keine

Barmherzigkeit verdient.

Und meine Biene, meine kleine, fleißige Herzensbiene, war mit solch einem

gelben Parasiten im Pelze herumgeflogen. Aber während die Spinne sie im

Kreise gedreht hatte, hatte er sich losgelöst und war in das Netz

gefallen, und jetzt kam die große Gelbrote und gab ihm einen Biß mit ihrem

Giftzahn und verwandelte ihn in einem Augenblick in ein Skelett ohne Leben

und Inhalt.

Und als die kleine Biene zurückkam, war ihr Surren wie eine Lobhymne an das

Leben.

»O du schönes Leben!« sagte sie. »Ich danke dir, daß auf mein Los die

fröhliche Arbeit unter Rosen im Sonnenschein gefallen ist. Ich danke dir,

daß ich dich ohne Angst und Furcht genießen kann. Wohl weiß ich, daß

Spinnen lauern und Maikäfer stehlen, aber mein ist die fröhliche Arbeit und

die mutige Sorglosigkeit. O du schönes Leben, du herrliches Dasein!«

Unsichtbare Bande: Erzählungen · 第 31 / 36 题