War da ein Mann, der hieß Reor. Er war aus Fuglekärr im Kirchspiel
Svarteborg und galt für den besten Schützen der Gegend. Er wurde getauft,
als König Olof die alte Lehre in Viken ausrottete, und war fortab ein
eifriger Christ. Er war von freier Geburt, aber arm, schön, aber nicht
hochgewachsen, stark, aber sanft. Er zähmte junge Fohlen mit Blick und Wort
allein, und er konnte mit einem einzigen Zuruf die kleinen Vöglein an sich
locken. Er hielt sich fast immer im Walde auf, und die Natur hatte große
Macht über ihn. Das Wachstum der Pflanzen und das Knospen der Bäume, das
Spiel der Hasen in den Waldlichtungen und der Sprung des Barsches in dem
abendstillen See, der Kampf der Jahreszeiten und der Wechsel der Witterung,
dies waren die Hauptgeschehnisse in seinem Leben. Schmerz und Freude
bereitete ihm derlei, und nicht das, was sich unter den Menschen zutrug.
Eines Tages tat der geschickte Jäger einen guten Fang. Er traf im tiefen
Waldesdickicht einen alten Bären und erlegte ihn mit einem einzigen Schuß.
Die scharfe Spitze des großen Pfeiles drang in das Herz des Gewaltigen, und
er sank dem Jäger tot zu Füßen. Es war Sommer, und der Pelz des Bären war
weder dicht noch glatt, dennoch zog der Schütze ihn ab, rollte ihn zu einem
harten Bündel zusammen und ging mit dem Bärenfell auf dem Rücken weiter.
Er war noch nicht lange gewandert, als er einen überaus starken Honigduft
verspürte. Der kam von den kleinen, blühenden Pflanzen, die den Boden
bedeckten. Sie wuchsen auf dünnen Stielen, hatten lichtgrüne, glatte
Blätter, die sehr schön geädert waren, und auf der Spitze des Stengels ein
kleines Büschelchen, das dicht mit weißen Blüten besetzt war. Die kleinen
Kronen waren nach winzigem Maßstabe geraten, doch aus ihnen ragte eine
kleine Bürste von Stempeln auf, deren blütenstaubgefüllte Knöpfchen auf
weißen Saiten zitterten. Reor dachte, während er so unter ihnen einherging,
daß diese Blumen, die einsam und unbemerkt im Waldesdunkel standen,
Botschaft um Botschaft, Ruf um Ruf aussandten. Der starke honigsüße Duft
war ihr Ruf, der verbreitete die Kunde ihres Daseins weit unter die Bäume
und hoch hinauf in die Wolken. Aber es lag etwas Beängstigendes in dem
schweren Duft. Die Blumen hatten ihre Becher gefüllt und ihre Tischlein
gedeckt, der geflügelten Gäste harrend, aber niemand kam. Sie sehnten sich
zu Tode in ihrer trüben Einsamkeit in dem dunkeln, windstillen
Waldesdickicht. Sie schienen schreien und jammern zu wollen, weil die
schönen Schmetterlinge nicht kamen, um bei ihnen zu Gaste zu sein. Da, wo
die Blumen am dichtesten beisammen standen, deuchte es ihn, als sängen sie
zusammen ein eintöniges Lied: »Kommt, ihr schönen Gäste, kommt heute, denn
morgen sind wir tot. Morgen liegen wir auf dem trocknen Laub.«
Doch es sollte Reor vergönnt sein, das frohe Ende des Blumenmärchens zu
sehen. Er vernahm hinter sich ein Flattern wie das allerleiseste Lüftchen
und sah einen weißen Schmetterling im Dunkel zwischen den dicken Stämmen
umherirren. Unruhig suchend flog er hin und wieder, als wüßte er den Weg
nicht. Er war nicht allein, ein Schmetterling nach dem andern tauchte im
Dunkel auf, bis endlich ein ganzes Heer der weißbeschwingten Honigsucher
versammelt war. Aber der erste war der Anführer, und er fand, vom Dufte
geleitet, die Blumen. Nach ihm kam das ganze Schmetterlingsheer
herangestürmt. Es stürzte sich auf die sehnsüchtigen Blumen, wie der Sieger
sich auf die Beute stürzt. Wie ein Schneefall von weißen Flügeln senkten
sie sich auf sie herab. Und nun gab es ein Fest- und Trinkgelage um jede
Blume. Der Wald war voll von stillem Jubel.
Reor ging weiter. Doch nun war es, als folgte ihm der honigsüße Duft auf
dem Fuße, wohin er auch ging. Und er empfand, daß sich drinnen im Walde
eine Sehnsucht verbarg, stärker als die der Blumen. Daß da etwas war, was
ihn zu sich zog, so wie die Blumen die Schmetterlinge angelockt hatten. Er
ging mit einer stillen Freude im Herzen einher, so, als harrte er eines
großen unbekannten Glückes. Das einzige, was ihn ängstigte, war, ob er auch
den Weg zu diesem finden konnte, was sich nach ihm sehnte.
Vor ihm auf dem schmalen Pfade kroch eine weiße Schlange. Er bückte sich,
um das glückbringende Tier aufzuheben, aber die Schlange glitt ihm aus den
Händen und eilte rasch den Pfad hinauf. Da rollte sie sich zusammen und lag
still, doch als der Schütze wieder nach ihr griff, glitt sie so glatt wie
Eis zwischen seinen Fingern durch. Nun war Reor ganz und gar darauf
erpicht, das klügste der Tiere zu besitzen. Er lief der Schlange nach,
konnte sie aber nicht erreichen, und sie lockte ihn von dem Pfade fort auf
den ungebahnten Waldboden.
Dieser war mit Föhren bestanden, und in einem Föhrenwalde findet man selten
Rasen. Aber jetzt verschwand plötzlich das trockne Moos und die braunen
Nadeln, Farrenkräuter und Preißelbeerbüsche zogen sich zurück, und Reor
fühlte seidenweiches Gras unter seinen Füßen. Über der grünen Matte
zitterten federleichte Blumenrispen auf sanftgeneigten Stengeln, und
zwischen den langen schmalen Blättern zeigten sich die kleinen,
halberblühten Blumen der Steinnelke. Es war nur eine ganz kleine Stelle,
und darüber breiteten die hochstämmigen Föhren ihre knorrigen, braunen Äste
mit dichten Nadelbüscheln. Doch zwischen diesen konnten die Sonnenstrahlen
viele Wege zur Erde finden, und es war erstickend heiß.
Aber gerade vor dieser kleinen Wiese erhob sich eine Felswand lotrecht aus
dem Boden. Sie lag im hellen Sonnenschein, und man sah deutlich die
moosigen Steinflächen, die frischen Brüche, da wo der Winterfrost zuletzt
gewaltige Blöcke gelöst hatte, die großen Stauden Steinwurz, die die
braunen Wurzeln in erdgefüllte Spalten drängten, und die zollbreiten
Absätze, wo die Säulenflechte ihre rotgestreiften Pokale aufrichtete und
eine grasgrüne Moosart auf nadelfeinen Stiftchen die kleinen grauen Mützen
erhob, die ihre Befruchtungsorgane enthielten.
Diese Felswand schien in allen Stücken jeder andern Felswand zu gleichen,
aber Reor bemerkte sogleich, daß er gerade vor die Giebelwand einer
Riesenbehausung gekommen war, und er entdeckte unter Moos und Flechten die
großen Angeln, auf denen das Steintor des Berges sich drehte.
Er glaubte jetzt, daß die Schlange sich in das Gras verkrochen habe, um
sich da zu verbergen, bis sie unbemerkt in den Felsen schlüpfen konnte,
und er gab die Hoffnung auf, sie zu fangen. Er spürte jetzt wieder den
honigsüßen Duft der sehnsüchtigen Blumen und merkte, daß hier oben unter
der Bergwand eine erstickende Hitze herrschte. Es war auch seltsam still:
kein Vogel rührte sich, keine Nadel spielte im Winde, es war, als hielte
alles den Atem an, um in unbeschreiblicher Spannung zu warten und zu
lauschen. Reor war gleichsam in ein Gemach gekommen, wo er nicht allein
war, obgleich er niemanden sah. Er hatte das Gefühl, als ob jemand ihn
beobachtete, es war ihm, als würde er erwartet. Er empfand keine Angst, nur
ein wohliger Schauer durchrieselte ihn, so, als sollte er bald etwas
überaus Schönes zu sehen bekommen.
In diesem Augenblick gewahrte er wieder die Schlange. Sie hatte sich nicht
versteckt, sie war vielmehr auf einen der Blöcke gekrochen, die der Frost
von der Felswand abgesprengt hatte. Und dicht unter der weißen Schlange sah
er den lichten Leib eines Mädchens, das im weichen Grase lag und schlief.
Sie lag ohne andre Decke, als ein paar spinnwebdünne Schleier, gerade als
hätte sie sich dort hingeworfen, nachdem sie die Nacht hindurch im
Elfenreigen getanzt, aber die langen Grashalme und die zitternden,
federleichten Blumenrispen erhoben sich hoch über der Schlafenden, so daß
Reor nur undeutlich die weichen Linien ihres Körpers gewahren konnte. Er
trat auch nicht näher, um besser zu sehen, aber sein gutes Messer zog er
aus der Scheide und warf es zwischen das Mädchen und die Felswand, damit
die den Stahl fürchtende Tochter des Riesen nicht in den Berg fliehen
konnte, wenn sie erwachte.
Dann blieb er in tiefe Gedanken versunken stehen. Eines wußte er sogleich,
das Mägdlein, das hier schlief, wollte er besitzen; aber noch war er nicht
recht einig mit sich selbst, wie er gegen sie handeln sollte.
Doch da lauschte er, der die Sprache der Natur besser kannte als die der
Menschen, dem großen ernsten Walde und dem strengen Berge. »Sieh,« sagten
sie, »dir, der du die Wildnis liebst, geben wir unsre schöne Tochter.
Besser ziemt sie dir als die Töchter der Ebene. Reor, bist du der edelsten
Gabe würdig?«
Da dankte er in seinem Herzen der großen wohltätigen Natur und beschloß,
das Mädchen zu seiner Frau zu machen und nicht nur zu seiner Magd. Und da
er dachte, daß sie, wenn sie das Christentum und Menschensitte angenommen
hatte, sich bei dem Gedanken, daß sie so unverhüllt dagelegen habe, schämen
würde, löste er die Bärenhaut von seinem Rücken, entrollte das steife Fell
und warf den grauen zottigen Pelz des alten Bären über sie.
Doch als er dies tat, erdröhnte hinter der Felswand ein Lachen, von dem die
Erde erzitterte. Es klang nicht wie Hohn, nur so, als hätte jemand in
großer Angst gewartet, der lachen mußte, als er ganz plötzlich davon
befreit wurde. Die furchtbare Stille und die drückende Hitze hatten nun
auch ein Ende. Über das Gras schwebte ein erquickender Wind, und die Nadeln
begannen ihren rauschenden Gesang. Der glückliche Jäger fühlte, daß der
ganze Wald den Atem angehalten hatte, in Unruhe, wie die Tochter der
Wildnis von dem Menschensohn behandelt werden würde.
Die Schlange schlüpfte jetzt in das hohe Gras; aber die Schlummernde lag in
Zauberschlaf versunken und regte sich nicht. Da rollte Reor sie in die
grobe Bärenhaut, so daß nur ihr Kopf aus dem zottigen Fell hervorguckte.
Obgleich sie sicherlich eine Tochter des alten Riesen im Berge war, war sie
doch zart und fein gebaut, und der starke Schütze hob sie in seine Arme und
trug sie fort durch den Wald.
Nach einem Weilchen fühlte er, wie jemand seinen breitrandigen Hut abhob.
Da sah er auf und merkte, daß des Riesen Tochter erwacht war. Sie saß ganz
ruhig in seinem Arm, aber nun wollte sie sehen, wie der Mann aussah, der
sie trug. Er ließ sie gewähren, er machte größre Schritte, aber sagte
nichts.
Da mußte sie wohl gemerkt haben, wie heiß ihm die Sonne auf den Kopf
brannte, nachdem sie ihm den Hut abgenommen hatte. Sie hielt ihn darum über
seinen Kopf wie einen Sonnenschirm, aber sie setzte ihn ihm nicht auf,
sondern hielt ihn so, daß sie immerzu in sein Gesicht sehen konnte. Da
deuchte es ihn, daß er nichts zu fragen, nichts zu sagen brauchte. Stumm
trug er sie hinab zu seiner Mutter Hütte. Doch sein ganzes Wesen durchbebte
Glückseligkeit, und als er auf der Schwelle seines Heims stand, da sah er,
wie die weiße Schlange, die Glück ins Haus bringt, unter die Grundmauer
schlüpfte.